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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Für Ronan, mein wundervolles O’.
Carol Tavris
 
 
Für Vera, natürlich.
Elliot Aronson

Wir alle sind fähig, Dinge zu glauben, von denen
wir wissen, dass sie nicht wahr sind. Wenn wir
dann widerlegt werden, verdrehen wir schamlos
die Fakten, damit sie unsere Auffassung stützen.
Intellektuell gesehen können wir dieses Spiel endlos
weiterführen: Geprüft wird dieses Modell erst, wenn
- früher oder später – eine unserer falschen Ideen
mit der Wirklichkeit kollidiert. Gemeinhin passiert
das auf einem Schlachtfeld.
George Orwell (1946)

Ein großer Staat gleicht einem großen Menschen:
Wenn er einen Fehler begeht, erkennt er ihn.
Nachdem er ihn erkannt hat, gibt er ihn zu.
Nachdem er ihn zugegeben hat, berichtigt er ihn.
Er betrachtet diejenigen, die seine Fehler aufzeigen,
als seine wohlwollendsten Lehrer.
Laotse1

Einführung 2
Gauner, Dummköpfe, Schurken und Heuchler: Wie man es schafft, Tag für Tag in den Spiegel zu schauen
Möglicherweise kam es unter den Regierungen, denen ich gedient habe, zu Fehlleistungen.
Henry Kissingers Antwort auf die Beschuldigung, er sei als damaliger Sicherheitsberater und Außenminister der Vereinigten Staaten für die US-Kriegsverbrechen in Vietnam, Kambodscha und Südamerika während der siebziger Jahre verantwortlich
 
Und wenn wir, in der Rückschau, entdecken sollten, dass unter Umständen Fehler begangen wurden … dann tut mir das aufrichtig leid. Edward Egan, Erzbischof von New York, über die Bischöfe, die nichts gegen den Kindesmissbrauch durch katholische Priester unternahmen
 
Bei der Deklarierung der Zutaten unserer Pommes frites und Rösti sind Fehler gemacht worden.
Pressemitteilung von McDonald’s, in der das Unternehmen sich bei Hindus und anderen Vegetariern entschuldigt, dass die »natürlichen Aromen« in den Kartoffelrezepturen Bestandteile enthielten, die aus Rindfleisch gewonnen wurden
 
Die Frage der Woche: Woran erkennt man, ob der US-Präsident in einen ernsthaften Skandal verwickelt ist?
a. Die Umfragewerte des Präsidenten gehen in den Keller.
b. Die Presse ruft zum Halali auf.
c. Die Opposition verlangt, dass er abgesetzt wird.
d. Seine eigenen Parteimitglieder wenden sich gegen ihn.
e. Der Pressesprecher des Weißen Hauses gibt eine Erklärung ab, dass »Fehler gemacht wurden«.
Bill Schneider in der Politsendung »Inside Politics« auf CNN
Als fehlbare menschliche Wesen teilen wir alle den Impuls, uns zu rechtfertigen und die Verantwortung für nachteilige, unmoralische oder dumme Handlungen von uns zu schieben. Die wenigsten werden je in die Verlegenheit kommen, dass ihr Tun oder Lassen Folgen für Millionen von Menschen hat. Doch ob die Konsequenzen unseres Handelns nun trivial oder tragisch sind, ob sie nur minimale oder globale Auswirkungen haben, den meisten Menschen geht ein Satz nur schwer oder gar nicht über die Lippen: »Ich habe mich getäuscht. Ich habe einen schwerwiegenden Fehler gemacht.« Und je mehr auf dem Spiel steht – ob emotional, finanziell oder moralisch -, desto schwieriger wird es, einen Fehler einzugestehen.
Doch die Geschichte ist damit noch lange nicht zu Ende, denn wenn der Fehler nachgewiesen und belegt ist, ändern die meisten Menschen nicht etwa ihr Verhalten oder ihren Standpunkt, sondern suchen nur umso intensiver nach Rechtfertigungen für ihr Verhalten. Politiker sind das beste, häufig auch das tragischste Exempel für diese Taktik. George W. Bush erwies sich während seiner Amtszeit als Paradebeispiel eines Menschen, an dessen zementierter Selbstgerechtigkeit auch die härtesten Beweise zerschellten. Bush verfehlte die Fakten mit seiner Behauptung, Saddam Hussein verfüge über Massenvernichtungswaffen oder stehe in Verbindung mit Al Qaida, er ging fehl in der Annahme, die Menschen im Irak würden auf den Straßen tanzen, um die amerikanischen Soldaten zu begrüßen, und er schätzte die finanziellen und menschlichen Verluste durch den Krieg höchst fehlerhaft ein. Eine seiner wohl berühmtesten Fehlleistungen beging er, als er sechs Wochen nach Beginn der amerikanischen Invasion (unter einer Fahne mit der Aufschrift: »Mission erfüllt«) verkündete, »die Kampfhandlungen im Irak seien beendet«.
Als ihm von rechten und linken Kritikern gleichermaßen vorgehalten wurde, dass er die Lage falsch eingeschätzt habe, flüchtete Bush sich nur in immer neue Rechtfertigungen für diesen Krieg: Man habe sich eines »ausgesprochen gefährlichen Mannes« entledigen, Terroristen bekämpfen, den Frieden im Nahen Osten sichern, dem Irak die Demokratie bringen und so die Bedingungen für die Sicherheit der Vereinigten Staaten schaffen müssen. Ja, man habe »die Aufgabe, für die unsere Männer ihr Leben ließen«, zu Ende führen müssen. Bei den Wahlen 2006, die viele als Referendum über den Krieg betrachteten, verlor Bushs Partei die Mehrheit sowohl im Senat als auch im Repräsentantenhaus. Kurz darauf wurde ein Bericht von sechzehn verschiedenen nachrichtendienstlichen Organisationen in den USA veröffentlicht, aus dem klar hervorging, dass der Irakkrieg eine Zunahme des islamistischen Fundamentalismus bewirkt und damit ein erhöhtes Terrorrisiko geschaffen habe. Und doch erklärte Bush vor einer Delegation konservativer Kolumnisten: »Ich war nie stärker davon überzeugt, dass meine Entscheidungen richtig waren.«3
Natürlich war George W. Bush nicht der erste Politiker, der Entscheidungen rechtfertigte, die von falschen Annahmen ausgingen und katastrophale Konsequenzen nach sich zogen – und vermutlich wird er nicht der letzte sein. Lyndon B. Johnson beispielsweise schenkte seinen Beratern kein Gehör, die ihm mehr als einmal sagten, dass der Krieg in Vietnam nicht zu gewinnen sei. Er verlor sein Amt als Präsident, weil er nicht von der Überzeugung abzubringen war, dass ganz Asien »kommunistisch würde«, wenn Amerika seine Truppen abzöge. Erst wenn ein Politiker mit dem Rücken zur Wand steht, benutzt er widerstrebend das Wort »Fehler«, ohne jedoch eine Urheberschaft zu beanspruchen. In solch unerfreulichen Momenten nutzt er lieber seine ganze Meisterschaft in der Benutzung des Passivs und schöpft alle ihm zu Gebote stehenden grammatikalischen Möglichkeiten aus, Sätze ohne handelndes Subjekt zu bilden: »Natürlich, es sind Fehler gemacht worden. Aber ich war das nicht. Es war jemand anders.« Der natürlich namenlos bleibt.4 Als Henry Kissinger einräumte, es sei unter der »Regierung« zu Fehlern gekommen, lenkte er geschickt von der Tatsache ab, dass er als Sicherheitsberater und Außenminister Teil dieser Regierung war. Diese Selbstrechtfertigung erlaubte ihm später, ohne schlechtes Gewissen und ohne rot zu werden den Friedensnobelpreis anzunehmen.
Dieses Kopf-aus-der-Schlinge-Ziehen seitens unserer Politiker amüsiert – oder alarmiert – uns natürlich. Psychologisch gesehen aber tun sie nichts anderes als wir, die wir in unserem Privatleben mit demselben Trick operieren, prinzipiell zumindest, selbst wenn es gewisse Unterschiede in den Konsequenzen gibt. Wir harren neben einem Partner aus, dem wir nichts mehr zu sagen haben, nur weil wir so viel Zeit in diese Beziehung investiert haben. Wir bleiben viel zu lange in stumpfsinnigen Jobs, weil wir tausend Gründe dafür finden, nicht zu kündigen, die zahlreichen guten Gründe aber, die für eine Veränderung sprechen, gar nicht erst zur Kenntnis nehmen. Wir kaufen einen schlechten Gebrauchtwagen, nur weil er so gut aussieht, und geben dann Tausende aus, um das Ding zu reparieren, ganz zu schweigen von der Zeit, die es uns kostet, uns einzureden, dass wir doch einen guten Kauf getätigt haben. Selbstgerecht sehen wir zu, wie sich wegen einer angeblichen oder tatsächlichen Kränkung zwischen uns und einem Freund oder Familienmitglied eine Kluft auftut, und halten uns doch für den reinsten Friedensengel – und können gar nicht verstehen, dass der andere sich nicht entschuldigt oder Reue zeigt.
Diese Art der Selbstrechtfertigung ist nicht im eigentlichen Sinn eine Lüge oder Ausflucht. Natürlich lügen Menschen. Sie erfinden die verrücktesten Geschichten, um den Zorn eines Partners, Arbeitgebers oder Elternteils zu beschwichtigen, um sich polizeilichen Ermittlungen oder Gerichtsverfahren zu entziehen, um das Gesicht zu wahren, um den Job nicht zu verlieren oder um an der Macht zu bleiben. Doch zwischen einem schuldigen Menschen, der jemand anderen von seiner Unschuld überzeugen will (»Ich habe nicht mit ihr geschlafen«, »Ich bin kein Gauner«), und einem, der sich einredet, etwas Gutes getan zu haben, besteht ein Unterschied. Im ersten Fall lügt er und weiß, dass er lügt, um seine Haut zu retten. Im zweiten belügt er sich selbst. Daher ist die Selbstrechtfertigung wirksamer und gefährlicher als die explizite Lüge. Am Ende sind wir überzeugt, dass das, was wir getan haben, das Beste war, was wir in dieser Situation tun konnten. Denn wenn wir so darüber nachdenken, dann war es doch das Richtige, oder? »Ich hätte gar nicht anders handeln können«, »Eigentlich war das doch eine glänzende Lösung«, »Ich habe getan, was das Beste für unser Land war« oder »Diese Schweine haben es wirklich verdient« und »Es ist mein gutes Recht«.
Durch den Prozess der Selbstrechtfertigung relativieren wir nicht nur die Bedeutung unserer Fehler und Fehlentscheidungen. Sie ist auch der eigentliche Grund, weshalb Heuchler sich nicht als solche sehen. Selbstrechtfertigung erlaubt uns, zwischen eigenem und fremdem moralischen Fehlverhalten eine Grenze zu ziehen und die Diskrepanz zwischen unserem Tun und unseren moralischen Überzeugungen geschickt zu kaschieren. Aldous Huxley hatte vollkommen recht, als er meinte, es gebe keine bewussten Heuchler. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass der republikanische Kongressabgeordnete Newt Gingrich, der bei dem Amtsenthebungsverfahren gegen Bill Clinton wegen der Lewinsky-Affäre eine tragende Rolle spielte, sich je sagte: »Gott, was bin ich nur für ein Heuchler. Da spucke ich Gift und Galle, weil Bill Clinton eine Affäre mit einer Praktikantin hatte, und dabei habe ich selbst eine außereheliche Beziehung.« Auch der bekannte Erweckungsprediger Ted Haggard schien sich der Tatsache nicht bewusst zu sein, dass man es als Heuchelei auffassen könnte, wenn er öffentlich gegen jede Form der Homosexualität wetterte, heimlich aber eine sexuelle Beziehung mit einem Strichjungen hatte.
Auf dieselbe Weise ziehen auch wir unsere moralischen Grenzen und rechtfertigen sie. Haben Sie in der Einkommensteuererklärung Ihre Ausgaben nicht höher angegeben, als diese tatsächlich waren? Aber das war doch sicher nur ein Ausgleich für all die Ausgaben, die Sie anzugeben vergessen haben? Und wäre es nicht blöd, wenn Sie als Einziger korrekt sind, während alle anderen schwindeln? Oder vergessen Sie vielleicht gelegentlich, Ihre Bareinkünfte anzugeben? Aber das ist doch wohl Ihr gutes Recht angesichts all der Wahlgeschenke, die die Politiker ihrer Klientel machen, nicht wahr? Haben Sie schon mal persönliche E-Mails geschrieben oder privat im Netz gesurft, wenn Sie eigentlich Ihre Arbeit hätten erledigen sollen? Nun, das sind doch wohl die kleinen »Zuckerstückchen«, die der Job so mit sich bringt. Außerdem ist dies Ihre Form des Protests gegen die unsinnigen Regeln, die Ihr Unternehmen aufgestellt hat. Und überhaupt: Ihr Chef weiß Ihre Überstunden sowieso nicht zu schätzen.
Gordon Marino, Professor für Philosophie und Ethik, übernachtete in einem Hotel. Dort fiel ihm der Füller aus der Anzugjacke und hinterließ einen Fleck auf der seidenen Bettwäsche. Er beschloss, dem Geschäftsführer Bescheid zu sagen. Andererseits war er müde und wollte eigentlich nicht für den Schaden aufkommen. An jenem Abend war er mit Freunden zum Essen verabredet und fragte sie um ihren Rat. »Einer meinte, ich solle doch meinen Moralfanatismus aufgeben«, erzählte Marino später. »Seine Argumentation sah so aus: Die Hoteldirektion rechne ohnehin mit Schäden und habe daher bereits die Kosten, die sie verursachen, in die Zimmerpreise einkalkuliert. Bald war ich überzeugt, dass ich den Geschäftsführer wegen so einer Lappalie nicht stören müsse. Ich redete mir ein, dass ich, wenn ich in einer kleinen Familienpension übernachtete, der Hausherrin natürlich sofort Bescheid sagen würde, doch dies sei schließlich eine Hotelkette und so weiter, und so fort. Auf diese Weise überlistete ich mich selbst. Doch am nächsten Morgen, als ich die Rechnung bezahlte, hinterließ ich an der Rezeption eine Nachricht, dass der Fleck auf der Bettwäsche von mir verursacht wurde.«5
Aber, werden Sie jetzt sagen, es trifft doch zu, was wir zu unserer Rechtfertigung da anführen! Mögliche Schäden durch unvorsichtige Gäste sind tatsächlich in die Zimmerpreise einkalkuliert! Und die Regierung verschwendet Steuergelder! Meinen Arbeitgeber stört es wohl kaum, wenn ich ein wenig Zeit für private E-Mails verwende, solange ich meine Arbeit erledige! Doch ob diese Einwände richtig oder falsch sind, ist letztlich nicht von Belang. Wenn wir diese Grenzen überschreiten, rechtfertigen wir ein Verhalten, von dem wir wissen, dass es falsch ist. Ziel und Zweck dieses Manövers ist es, dass wir uns weiterhin als ehrliche Menschen betrachten können und uns nicht als Diebe oder Gauner fühlen müssen. Ob es bei dem fraglichen Verhalten nun um einen winzigen Fleck auf der Hotelbettwäsche geht oder um eine massive Unterschlagung: Der Mechanismus der Selbstrechtfertigung bleibt derselbe.
Doch zwischen der bewussten Lüge, die erzählt wird, um andere zu täuschen, und der unbewussten Selbstrechtfertigung erstreckt sich eine faszinierende Grauzone, die von einem absolut unzuverlässigen, nur sich selbst verpflichteten Historiker kontrolliert wird – dem Gedächtnis. Das Gedächtnis wird in Form geschnitten, und zwar von der Schere unserer egoistischen Bedürfnisse, die vergangene Ereignisse so zurechtstutzt, dass wir keine Schuldgefühle empfinden müssen. Die tatsächlichen Ereignisse werden subjektiv verzerrt. Wenn Wissenschaftler Ehemänner und -frauen über ihren Anteil an der Hausarbeit befragen, dann antworten die Frauen gewöhnlich: »Soll das ein Witz sein? Ich mache fast alles, also mindestens 90 Prozent.« Der Ehemann aber meint: »Ich mache viel, mindestens 40 Prozent.« Die Zahlen variieren von Paar zu Paar, doch stets liegt die Summe weit über 100 Prozent.6 Natürlich könnte man daraus schließen, dass mindestens einer der beiden lügt, wahrscheinlicher aber ist, dass beider Gedächtnis ihren Anteil an der Hausarbeit einfach übertreibt.
Mit der Zeit, wenn die den Bedürfnissen unseres Ichs verpflichtete Interpretation unserer Erinnerungen die Ereignisse der Vergangenheit immer mehr zu unseren Gunsten umwandelt, beginnen wir, unsere eigenen Lügen allmählich zu glauben. Wir wissen, dass wir etwas falsch gemacht haben. Aber war das denn wirklich allein unser Fehler? Schließlich war alles ziemlich kompliziert. In der Folge lässt unser Verantwortungsgefühl nach und verwittert immer mehr, bis es nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Nur zu bald haben wir uns selbst überzeugt und glauben auch im geheimen Kämmerlein unserer Seele, was wir von den Dächern verkünden.
John Dean, Richard Nixons Rechtsberater im Weißen Haus und Strippenzieher bei der Vertuschung der Watergate-Affäre, erklärt, wie dieser Prozess funktioniert:
Interviewer: »Sie meinen, die Leute, die sich diese Geschichten ausdachten, hätten ihre eigenen Lügen geglaubt?«
Dean: »Das ist richtig. Es wurde irgendwie wahr, wenn sie es nur oft genug wiederholten. Als die Presse erfuhr, dass Journalisten und Mitarbeiter im Weißen Haus abgehört wurden, und die Tatsache selbst nicht mehr zu leugnen war, hieß es, dies sei zum Zwecke der nationalen Sicherheit geschehen. Ich bin sicher, viele Menschen glaubten tatsächlich, dass jene Bänder der Sicherheit des Landes dienten. Doch das war nicht der Fall. Diese Rechtfertigung wurde erst nachgeschoben, nachdem die Sache schon längst gelaufen war. Aber als die entsprechenden Leute mit dieser Rechtfertigung herauskamen, waren sie selbst davon überzeugt.«7
Nicht nur Präsident Nixon, sondern auch Lyndon B. Johnson war ein Meister der Selbstrechtfertigung. Sein Biograf Robert Caro schreibt, dass Johnson, wenn er erst einmal etwas glaubte, dann »vollkommen davon überzeugt war, ganz gleichgültig, was er vorher über das Thema gedacht hatte und wie die Fakten tatsächlich lagen«. George Reedy, einer von Johnsons Beratern, meinte, dass er »eine bemerkenswerte Fähigkeit besaß, sich selbst davon zu überzeugen, dass er jederzeit den Prinzipien treu war, denen er zu dienen geschworen hatte. Der Ausdruck verletzter Unschuld, den er an den Tag legte, wenn jemand ihm nachwies, dass er in der Vergangenheit anders gedacht hatte, hatte etwas Rührendes. Das war nicht gespielt […] Er hatte die unglaubliche Gabe, die Wahrheit, die ihm im Augenblick nützte, als die Wahrheit schlechthin zu betrachten, und alles, was diese Überzeugung etwa widerlegt hätte, als Machination seiner Feinde zu sehen. Auf diese Weise ließ er durch schiere Willenskraft seine Gedanken Wirklichkeit werden.«8 Johnsons Freunde empfanden diese Fähigkeit natürlich als positiven Aspekt seines Charakters, doch gerade diese »Gabe« mag dafür verantwortlich sein, dass er so lange nicht in der Lage war, das Land aus der Katastrophe in Vietnam herauszuführen. Ein Präsident, der sein Tun und Lassen vor der Öffentlichkeit rechtfertigt, empfindet früher oder später vielleicht einmal die Notwendigkeit, seine Haltung zu ändern. Ein Präsident aber, der sein Handeln vor sich selbst gerechtfertigt hat und glaubt, er sei im Besitz der allein selig machenden Wahrheit, ist für keinerlei Selbstkritik anfällig.
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Die Dinka und Nuer, Volksstämme im Sudan, haben eine eigenartige Tradition. Sie ziehen ihren Kindern die Vorderzähne, sobald diese ihre Milchzähne verloren haben, und zwar mindestens sechs Zähne im Unter- und zwei im Oberkiefer. Das lässt Kinn und Unterlippe eingefallen aussehen, Sprechen ist nur noch eingeschränkt möglich. Dieser Brauch bildete sich aus, als sich der Wundstarrkrampf (der eine Kiefersperre verursacht) in dieser Region stark ausgebreitet hatte. In jener Zeit begannen die Dorfbewohner damit, sich und ihren Kindern die Vorderzähne zu ziehen, damit sie durch die Lücke wenigstens trinken konnten. Die Epidemie ist längst Geschichte, doch die Dinka und Nuer ziehen ihren Kindern immer noch die Vorderzähne.9 Warum wohl?
Im Jahr 1847 sprach der Wiener Arzt Ignaz Semmelweis die denkwürdige Empfehlung an seine Ärztekollegen aus, sich doch die Hände zu waschen, bevor sie werdenden Müttern Geburtshilfe leisteten. Er war dahintergekommen, dass die Ärzte und Studenten im Kreißsaal häufig »Leichengift« von zuvor durchgeführten Autopsien an den Händen trugen. (Er kannte zwar die genauen Zusammenhänge nicht, lag aber mit seiner Vermutung absolut richtig.) Semmelweis wies seine Studenten an, ihre Hände mit Chlorkalk zu desinfizieren, und die Müttersterblichkeit in der von ihm geleiteten Krankenhausabteilung sank drastisch. Seine Kollegen allerdings weigerten sich, Semmelweis’ durch Zahlen belegte Behauptung zu akzeptieren.10 Warum aber fiel es den anderen Ärzten so schwer, Semmelweis’ Entdeckung anzuerkennen und ihm dafür zu danken?
Nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlichten Ferdinand Lundberg und Marynia Farnham den Bestseller Modern Woman: The Lost Sex, in dem sie die These aufstellten, eine Frau, die in »männlichen Einflusssphären« Erfolg habe, zahle dafür einen hohen Preis: »Sie opfert ihre grundlegenden Instinkte. Denn die Realität zeigt, dass ihre Gemütslage auf die raue Welt des Wettbewerbs nicht eingestellt ist. Die Frau erleidet Schaden an ihrer Gefühlswelt.« Der Erfolg mache sie zudem frigide. »Indem sie den Mann auf jedem Gebiet herausfordern und sich weigern, auch nur eine vergleichsweise unterlegene Rolle zu spielen, büßen viele Frauen die Fähigkeit zur sexuellen Befriedigung ein.«11 In den folgenden zehn Jahren machte Dr. Farnham, die ihr Medizinstudium an der University of Minnesota absolviert hatte und dann an der Harvard Medical School arbeitete, Karriere, indem sie Frauen riet, angesichts der fatalen Folgen auf eine eigene Karriere zu verzichten. Ob sie sich wohl um ihre eigene sexuelle Erlebnisfähigkeit und ihre weiblichen Instinkte keine Sorgen machte?
Das Sheriffbüro von Kern County im amerikanischen Bundesstaat Kalifornien nahm Patrick Dunn fest, einen Highschool-Direktor im Ruhestand, weil er im Verdacht stand, seine Frau ermordet zu haben. Man vernahm zwei Zeugen, deren Aussagen sich widersprachen. Der eine Zeuge war eine Frau ohne Vorstrafen, die keinerlei Grund hatte, den Beschuldigten in irgendeiner Weise zu schützen. Ihre Aussagen wurde gestützt von ihren Notizen im Terminkalender und von ihrem Chef. Der andere Zeuge war ein bekannter Krimineller, der mit dem Staatsanwalt einen Deal ausgehandelt hatte. Er würde Straferleichterung erhalten, wenn er Dunn belastete. Seine Geschichte ließ sich durch nichts belegen. Die ermittelnden Beamten hatten also die Wahl: Sie konnten der Frau glauben (und damit an Dunns Unschuld) oder dem Kriminellen (und an Dunns Schuld). Sie entschlossen sich, dem Verbrecher Glauben zu schenken.12 Warum wohl?
Wenn wir begreifen, wie der Mechanismus der Selbstrechtfertigung funktioniert, lassen sich obige Fragen leicht beantworten. Plötzlich bekommen Dinge einen Sinn, die sonst unfassbar oder verrückt wirken. Wir können die Frage beantworten, was im Kopf gnadenloser Diktatoren, gieriger Manager, religiöser Eiferer oder der Kinderschänder im Priestergewand vorgeht. Plötzlich wird klar, wie es sein kann, dass Menschen ihre Geschwister um deren Erbe betrügen. Wie in aller Welt können diese Leute noch in den Spiegel sehen? Die Antwort ist einfach: »Genauso wie wir.«
Der Prozess der Selbstrechtfertigung hat seine Vor- und Nachteile. Er ist ja nicht an sich als negativ zu werten. Immerhin lässt er uns nachts ruhig schlafen, ohne dass wir vor Scham vergehen müssen. Wir würden uns endlos das Gehirn zermartern mit der Frage, warum wir so und nicht anders gehandelt haben. Wir wären nach jeder Entscheidung von Zweifeln gelähmt: Haben wir das Richtige getan, den richtigen Partner geheiratet, das richtige Haus gekauft, das beste Auto ausgesucht, den richtigen Berufsweg eingeschlagen? Andererseits ist der Mechanismus der Selbstrechtfertigung, wenn er unbewusst bleibt, wie Treibsand, in dem wir tiefer und tiefer sinken. Er blockiert unsere Fähigkeit, die eigenen Irrtümer zu erkennen oder gar zu korrigieren. Er verzerrt unser Bild von der Wirklichkeit und hindert uns daran, alle Informationen auszuwerten, die wir brauchen, um so zu einem klaren Urteil zu kommen. Er vertieft und verbreitert die Gräben zwischen Liebenden, Freunden und Staaten. Er lässt uns an schädlichen Gewohnheiten festhalten. Er erlaubt denen, die Schuld auf sich geladen haben, der Verantwortung aus dem Weg zu gehen. Und er hindert Menschen in allen möglichen Berufssparten daran, ihren Standpunkt zu überdenken und so den Schaden für die Allgemeinheit gering zu halten.
Irren ist menschlich. Aber ebenso menschlich ist die Fähigkeit, zu sagen: »Das funktioniert nicht. Das ergibt keinen Sinn.« Wir haben die Wahl, unsere Fehler unter den Teppich zu kehren oder einzugestehen. Diese Wahl ist für unser weiteres Handeln von entscheidender Bedeutung. Von Kindesbeinen an hören wir, dass wir aus unseren Fehlern lernen sollen, doch wie können wir das, wenn wir diese Fehler nicht einmal zugeben?
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Im nächsten Kapitel beschäftigen wir uns mit dem Phänomen der kognitiven Dissonanz. Dies ist der psychologische Mechanismus, der hinter jeder Selbstrechtfertigung steht und unsere Überzeugungen, unsere Selbstachtung und unsere Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen davor schützt, infrage gestellt zu werden. In den darauffolgenden Kapiteln werden wir uns mit den negativen Konsequenzen der Selbstrechtfertigung auseinandersetzen: Wir werden sehen, wie sie Vorurteile bestätigt, Korruption und Erinnerungslücken verstärkt, berufliches Selbstvertrauen in Arroganz verwandelt, Ungerechtigkeit fördert, Liebe vergiftet und Streitigkeiten auslöst.
Doch es gibt auch einen positiven Aspekt: Wenn wir erkennen, wie dieser Mechanismus arbeitet, sind wir nicht länger seine Opfer. Daher werden wir uns im letzten Kapitel damit beschäftigen, welche Lösungen es für uns als Individuen gibt und wie wir diese auf unsere Beziehungen und die Gesellschaft anwenden können. Denn Erkenntnis ist der erste Schritt zur Lösung eines Problems. Aus genau dem Grund haben wir dieses Buch geschrieben.

Kapitel 1
Kognitive Dissonanz: Die Triebfeder der Selbstrechtfertigung
Dass wir in früheren Pressemitteilungen geschrieben haben, New York würde am 4. September und 14. Oktober 1993 zerstört, war keineswegs ein Fehler unsererseits. Wir haben keinen Fehler gemacht, nicht einmal den allerkleinsten.
Pressemitteilung vom 1. November 1993
 
Alle Daten, die in vorangegangenen Pressemitteilungen genannt wurden, sind korrekt. Sie sind uns von Gott in den heiligen Schriften übermittelt worden. Nicht eine dieser Angaben war falsch […] Die Belagerung der Stadt dauert nach Hesekiel 430 Tage […] also bis zum 2. Mai 1994. Nun sind alle Menschen gewarnt. Wir haben unsere Aufgabe erfüllt […] Wir sind die Einzigen auf der ganzen Welt, welche die Menschen zu Sicherheit und Rettung führen! Unsere Trefferquote liegt bei 100 Prozent!13
Pressemitteilung vom 4. April 1994
 
 
 
Die üblichen Warnungen vor dem Anbruch des Jüngsten Tages sind spannend, häufig auch lustig zu lesen. Doch es ist noch weit spannender zu beobachten, wie die wahren Gläubigen reagieren, wenn die Prophezeiung sich als falsch erweist und die Welt sich einfach weiterdreht. Haben Sie in solch einem Fall schon einmal jemanden sagen hören: »Da habe ich ganz schön danebengegriffen! Ich kann nicht fassen, dass ich so dumm war, diesen Unsinn zu glauben!«? Stattdessen scheinen Fehlprognosen den Glauben der Jünger von Endzeitvisionen noch zu verstärken. Menschen, die überzeugt sind, die Offenbarung des Johannes oder die Schriften des selbsternannten Renaissancepropheten Nostradamus sagten jede Katastrophe von der Beulenpest bis zu den Anschlägen des 11. September vorher, sind in ihrem Glauben nicht zu erschüttern. Dass der vage und wolkige Wortlaut dieser Prophezeiungen sich gewöhnlich erst im Nachhinein als »Offenbarung« erweist, ficht sie nicht an.
Vor einem halben Jahrhundert beschlossen ein junger Sozialpsychologe namens Leon Festinger und zwei Assistenten, eine Gruppe von »Gläubigen« zu unterwandern, deren unumstößliche Überzeugung es war, dass die Welt am 21. Dezember 1954 untergehen würde.14 Die Forscher wollten untersuchen, was innerhalb der Gruppe geschähe, wenn sich (wie sie hofften!) die Prophezeiung als falsch herausstellte. Die Führerin der Gruppe, welche die Forscher Marian Keech nannten, sagte vorher, dass die Gläubigen um Mitternacht des 20. Dezember von einer fliegenden Untertasse aufgenommen und in Sicherheit gebracht würden. Viele von Mrs Keechs Anhängern gaben ihre Arbeit auf, verschenkten ihre Ersparnisse, kündigten ihre Wohnung und warteten auf das Ende. Denn wer braucht im Weltraum schon Geld? Andere warteten voller Furcht zu Hause auf das nahende Ende. (Mrs Keechs Ehemann, der nicht zu den Gläubigen gehörte, ging am Abend des 20. Dezember früh zu Bett und schlief ohne Unterbrechung bis zum Morgengrauen, während seine Frau und ihre Getreuen im Wohnzimmer beteten.) Festinger wagte auch seinerseits eine Prophezeiung: Gläubige, die sich nicht vollständig dem Weltuntergangsszenario verschrieben hatten (die also das Ende der Welt einfach zu Hause erwarteten und hofften, diesen Tag zu überleben), würden ohne viel Federlesens ihren Glauben an Mrs Keech aufgeben. Die anderen aber, die mit ihr im Wohnzimmer auf das Raumschiff warteten und all ihr Hab und Gut verschenkt hatten, würden einen noch stärkeren Glauben an Mrs Keechs übernatürliche Fähigkeiten entwickeln. Und sie würden alles in ihrer Macht Stehende tun, um andere zu bewegen, dass sie sich ihnen anschließen.
Um Mitternacht, als kein Raumschiff sich im Vorgarten zeigte, wurde die Gruppe ein klein wenig nervös. Um 2.00 Uhr machten sich die meisten Gruppenmitglieder ernsthafte Sorgen. Um 4.45 Uhr hatte Mrs Keech eine neue Vision: Die Welt sei errettet worden, meinte sie, weil ihre kleine Gruppe solch starken Glauben gezeigt habe. »Mächtig ist das Wort Gottes«, verkündete sie ihren Anhängern. »Und durch sein Wort seid ihr errettet worden. Aus dem Maul des Todes seid ihr genommen. Noch nie ward eine solche Macht auf Erden gesehen. Nicht seit Anbeginn der Welt ward dieser Erde je solche Kraft, solches Licht zuteil, wie es nun in diesem Raum erstrahlt.«
Die Verzweiflung der Gruppenmitglieder schlug flugs in Jubel um. Wer sich vor dem 21. Dezember 1954 nicht die Mühe gemacht hatte, neue Anhänger zu werben, sprach nun von einem Wunder, das geschehen sei. Und alsbald zogen sie hinaus und verkündeten den Passanten die frohe Botschaft, um auch sie zu bekehren. Mrs Keechs Prophezeiung hatte sich als falsch erwiesen, Leon Festingers Prognosen hingegen hielten jeder Nachprüfung stand.
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Die Triebfeder hinter dem Mechanismus der Selbstrechtfertigung, der Impuls, der uns dazu treibt, unsere Handlungen und Entscheidungen zu rechtfertigen – vor allem, wenn sie sich als falsch erwiesen -, ist ein unangenehmes Gefühl, das Festinger »kognitive Dissonanz« nannte. Kognitive Dissonanz ist ein Zustand der Anspannung, der sich immer dann einstellt, wenn sich im Kopf eines Menschen zwei Kognitionen (Ideen, Einstellungen, Wahrnehmungen, Meinungen) widersprechen, zum Beispiel »Es ist dumm, zu rauchen, weil Rauchen mir schadet« und »Ich rauche zwei Schachteln Zigaretten am Tag«. Diese Dissonanz ruft negative Gefühlszustände hervor, die vom leisen Zwicken des Gewissens bis hin zu tiefen Angstzuständen gehen. Daher findet der Betroffene keine Ruhe mehr, bevor er diese innere Spannung reduziert hat. Im Beispiel wäre der direkte Weg zur Spannungsreduktion, das Rauchen aufzugeben. Hat der Raucher dies aber bereits ohne Erfolg versucht, dann muss er sich im nächsten Schritt davon überzeugen, dass Rauchen ja gar nicht so schädlich ist. Oder dass er das Risiko eingeht, weil er sich dadurch besser entspannen kann beziehungsweise sein Gewicht hält (schließlich stellt auch Übergewicht ein gesundheitliches Risiko dar). Und so weiter. Die meisten Raucher finden einen mehr oder weniger genialen Weg der Selbsttäuschung, um die Dissonanz zu vermindern, die ihre Angewohnheit hervorruft.
Kognitive Dissonanz ist beunruhigend, weil es ein Flirt mit dem Absurden ist, zwei einander widersprechende Argumente zu glauben. Schon Albert Camus meinte, die Menschheit bringe ihr Leben damit zu, der Absurdität des eigenen Daseins möglichst aus dem Weg zu gehen. Letztlich geht es bei Festingers Theorie darum, wie Menschen versuchen, widersprechenden Glaubenssätzen Sinn zu verleihen und somit dem eigenen Dasein ein bruchloses Fundament zu geben.
Festingers Arbeit inspirierte andere Forscher zu mehr als dreitausend Folgeexperimenten, die unsere Vorstellung von der Funktionsweise des menschlichen Geistes ein für alle Mal veränderten. Der Begriff der kognitiven Dissonanz verließ die akademischen Gefilde und hielt Einzug in die Populärwissenschaft. Heute kann er Ihnen allenthalben begegnen. Wir haben ihn in den Nachrichten gehört, in Zeitungen gelesen und auf Stickern entdeckt. Er fällt in Spielshows ebenso wie in Fernsehserien. Obwohl der Begriff häufig genannt wird, wissen die meisten Menschen nicht genau, was damit gemeint ist, oder können auch nur annähernd seine Bedeutung als Antriebskraft unserer Handlungen einschätzen.
Im Jahr 1956 kam Elliot Aronson als Student in einem Graduiertenprogramm an die Stanford University. Im selben Jahr hatte Festinger dort als junger Professor einen Lehrstuhl bekommen. Die beiden begannen, miteinander zu arbeiten und Experimente zu ersinnen, welche die Überprüfung und Erweiterung der Theorie der kognitiven Dissonanz erlauben sollten. 15 Ihr Ansatz stellte so manche heilige Kuh der Psychologie und des gesunden Menschenverstands auf den Prüfstand: die Ansicht der Verhaltensforscher, dass Menschen Dinge primär um der darauffolgenden Belohnung willen tun; die Vorstellung der Ökonomen, dass der Mensch gewöhnlich rationale Entscheidungen treffe; und die Meinung der Psychoanalytiker, dass aggressives Verhalten den Menschen vom Aggressionstrieb befreie.
Sehen wir uns einmal an, wie die Dissonanztheorie liebgewordene Grundsätze der Verhaltensforschung infrage stellte. Zu jener Zeit gingen die meisten in der Forschung tätigen Psychologen davon aus, dass Belohnung und Strafe die Triebfedern menschlichen Handelns seien. Natürlich ist es richtig, dass eine Ratte, wenn sie beim Verlassen eines Labyrinths Futter erhält, den Weg durch den Irrgarten schneller findet, als wenn sie keine Belohnung bekäme. Wenn Sie Ihrem Hund ein Leckerli geben, sobald er Pfötchen gibt, wird er das Kunststück wesentlich schneller lernen als ohne diese Verstärkung. Bestrafen Sie hingegen einen Welpen, wenn er auf den Teppich pinkelt, dann wird er bald aufhören, Ihren Berber zu bewässern. Verhaltensforscher propagierten die These, dass alles, was mit einer Belohnung in Verbindung gebracht wird, an Attraktivität gewinnt – Ihr Hündchen wird Sie lieben, weil Sie ihm Hundekuchen geben – und alles, was mit Schmerz verbunden wird, als unerwünscht und schädlich empfunden wird.
Natürlich lassen sich die Erkenntnisse der Verhaltenstheorie auch auf den Menschen anwenden. Niemand würde je ohne Bezahlung an einem langweiligen Arbeitsplatz ausharren. Und wenn Sie Ihrer zweijährigen Tochter einen Keks geben, damit sie ihren Wutanfall vergisst, dann haben Sie ihr soeben beigebracht, dass Wutanfälle Kekse generieren. Doch ist – im Guten wie im Schlechten – der menschliche Geist komplexer als das Gehirn einer Ratte oder eines Welpen. Ein Hund mag schuldbewusst dreinschauen, wenn er dabei erwischt wurde, wie er auf den Teppich pinkelt, doch er wird sich keine Rechtfertigungen für sein Verhalten überlegen. Der Mensch aber denkt. Und eben weil er denkt, konnte die Dissonanztheorie zeigen, dass die Triebfedern unseres Verhaltens weit über Zuckerbrot und Peitsche hinausreichen, ja, häufig dazu im Widerspruch stehen.
So stellte Elliot Aronson die These auf, dass ein Mensch, der allerlei Schmerz, Ärger, Leid und Strapazen auf sich nehmen musste, um ein Ziel zu erreichen, dieses Ziel mehr zu schätzen wisse als einer, der es ohne jede Mühe erlangt habe. Vom Standpunkt der Verhaltensforschung ist diese Annahme absurd. Warum sollte jemand etwas, was mit Schmerz verbunden war, mehr zu schätzen wissen? Für Aronson gab es darauf eine ganz einfache Antwort: Selbstrechtfertigung. Die Vorstellung, ein kluger und kompetenter Mensch zu sein, ist unvereinbar mit der Feststellung, etwas nur mit Anstrengung erreicht zu haben. Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie hätten viel Mühe darauf verwandt, in eine Gruppe aufgenommen zu werden, die Ihnen am Ende nichts bringt und auch noch ausnehmend langweilig ist. Dann würden Sie versuchen, an dieser Gruppe positive Seiten zu finden, Sie würden die für Sie wertvollen Aspekte herausstreichen und die negativen ignorieren.
Ein guter Weg, diese These zu überprüfen, wäre es wohl, einige Studentenverbindungen auszuwählen, ihre Aufnahmerituale zu untersuchen und dann die Mitglieder zu befragen, wie sehr sie ihre Verbindung schätzten. Wenn die Mitglieder von Verbindungen mit strenger Aufnahmeprozedur ihre Gruppe höher schätzen als die, die sich für die Aufnahme in ihre Gruppe weniger mühen mussten, ist dies dann ein Beleg dafür, dass die Schwierigkeit der Aufnahmeprozedur für die positive Einschätzung verantwortlich ist? Nein. Eher das Gegenteil. Sehen die Mitglieder einer Studentenverbindung sich selbst als Elitetruppe, dann regeln sie die Aufnahme vermutlich mit einer strengen Prozedur, damit nicht Hinz und Kunz Mitglied werden kann. Diesem Ritual unterzieht sich aber nur, wer sich von genau dieser Gruppe von Anfang an stark angezogen fühlt. Wer nur zu einer beliebigen Verbindung gehören will, wird sich eine Gruppe aussuchen, die weniger hohe Anforderungen stellt.
Daher ist es so wichtig, ein kontrolliertes Experiment durchzuführen. Das Schöne an solch einem Experiment ist, dass die Teilnehmer den unterschiedlichen Gruppen nach dem Zufallsprinzip zugeordnet werden. Ganz egal, wie hoch das Interesse einer Person an der Verbindung ist, sie wird nach den Gesetzen des Zufalls entweder der Gruppe mit den strengen oder der mit den leichten Aufnahmeprozeduren zugeteilt. Wenn also eine Versuchsperson einiges in Kauf nehmen musste, um Zugang zu einer Verbindung zu bekommen, und diese Verbindung dann höher schätzt als jemand, der ohne Anstrengung in seine Verbindung aufgenommen wurde, dann wissen wir, dass die Anstrengung es ist, die ihr die Zugehörigkeit zur Verbindung versüßt, und nicht das ursprüngliche Interesse.
Elliot Aronson und sein Kollege Judson Mills führten also solch ein Experiment durch.16 Die Studenten der Universität waren eingeladen, ein Seminar zu belegen, in dem es um die Psychologie der Sexualität gehen sollte. Doch bevor sie sich einschreiben konnten, mussten sie einen Aufnahmetest bestehen. Die Studenten wurden nach dem Zufallsprinzip zwei verschiedenen Gruppen zugeteilt, die jeweils unterschiedliche Aufnahmeprozeduren über sich ergehen lassen mussten. Die eine Gruppe musste vor dem Seminarleiter laut schlüpfrige Passagen aus Lady Chatterley und anderen »gewagten« Romanen vorlesen (was für die noch recht konventionell erzogenen Studenten der fünfziger Jahre eine äußerst peinliche Situation war). Die andere hatte es weniger schwer: Dort musste man sexuell gefärbte Worte aus einem Lexikon vorlesen.
Nach der Aufnahmeprozedur hörten die Mitglieder beider Gruppen Tonbandaufzeichnungen einer Diskussion, die von den Teilnehmern der angeblich bereits bestehenden Gruppe geführt worden war. Diese Aufzeichnung war von den Forschern so gestaltet worden, dass die Diskussion einen maximalen Grad an Langeweile erreichte. Die Gesprächsteilnehmer sprachen zögernd und unsicher mit endlos langen Pausen über die sekundären Geschlechtsmerkmale von Vögeln, den Wechsel des Federkleids während der Balz und Ähnliches. Die Gesprächsteilnehmer drucksten herum und unterbrachen einander häufig, wobei sie ihre Sätze vielfach gar nicht beendeten.
Am Schluss mussten die Studenten, die das Band hörten, die Diskussion auf einer Zahlenskala benoten. Diejenigen, die nur aus dem Lexikon hatten vorlesen müssen, sahen die Diskussion als das, was sie war: langweilig und sinnlos. Sie bewerteten die Gesprächsteilnehmer als uninteressant. Einer von ihnen ließ sich beispielsweise stotternd und stammelnd darüber aus, weshalb er das Lesepensum über die Paarungsgewohnheiten eines seltenen Südseevogels nicht geschafft hatte. Die Studenten, die nur eine vergleichsweise schmerzlose Aufnahmeprozedur hinter sich hatten bringen müssen, stuften ihn durchweg als nervtötend ein. Was für ein Esel! Nicht einmal den Grundlagenstoff gelesen zu haben! Er hatte der Gruppe damit keinen guten Dienst erwiesen. Wer um Himmels willen würde schon mit dem in einer Arbeitsgruppe sein wollen? Diejenigen Studenten aber, die das peinliche Aufnahmeritual geschafft hatten, stuften die Diskussion als interessant und aufregend ein. Für sie waren die Gesprächsteilnehmer auf dem Band hochintelligent, die Gruppenteilnahme würde spannend sein. Sie vergaben sogar dem Studenten, der sein Lesepensum nicht geschafft hatte. Seine Offenheit sprach für ihn! Wer würde mit solch einem ehrlichen Jungen nicht in einer Arbeitsgruppe sein wollen? Es war kaum zu glauben, dass beide Gruppen dasselbe Band gehört hatten. Das ist die Macht der kognitiven Dissonanz.
Dieses Experiment wurde so oder ähnlich von anderen Wissenschaftlern wiederholt, wobei die Aufnahmeprozedur variierte. Das ging vom Elektroschock bis zu extremer körperlicher Anstrengung.17 Die Ergebnisse fielen stets gleich aus: Aufnahmeprozeduren, die von den Probanden viel verlangten, steigerten das Interesse der Studenten an der Arbeitsgruppe. Das heißt nicht, dass der Mensch im Allgemeinen eine Vorliebe für unangenehme Erfahrungen wie das Ausfüllen einer Steuererklärung hat oder dass er den Schmerz liebt. Es zeigt nur, dass ein Mensch, wenn er freiwillig eine unangenehme oder schmerzhafte Erfahrung auf sich nimmt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, dieses Ziel in der Folge als attraktiver bewertet. Wenn Sie auf dem Weg zu einer Arbeitsgruppe unter einem Fenster vorbeikommen, aus dem gerade ein Blumentopf fällt, der Sie am Kopf trifft, dann schätzen Sie diese Arbeitsgruppe deshalb noch nicht höher ein. Lassen Sie sich hingegen freiwillig am Kopf treffen, um zu der Gruppe zu gehören, wird diese Gruppe Ihnen danach noch attraktiver erscheinen.

Glauben heißt Sehen

Ich werde nach allen nur erdenklichen Be-
weisen Ausschau halten, die mir meine
Meinung bestätigen können.
Lord Molson, englischer Politiker (1903-1991)
 
 
Die Theorie von der kognitiven Dissonanz stellte auch die ungeheuer schmeichelhafte Vorstellung infrage, der Mensch, der sich als Homo sapiens ja über seinen Umgang mit Wissen definiert, verarbeite Information stets nach den Gesetzen der Logik. Ganz im Gegenteil: Passen neue Informationen in das Raster unserer Glaubenssätze, dann halten wir sie für nützlich und fundiert: »Das habe ich doch schon immer gesagt!« Sind die neuen Informationen jedoch dissonant, dann halten wir sie für sinnlos oder unausgewogen: »Was für ein unsinniges Argument!« Dabei ist das Bedürfnis nach »passender« Information so groß, dass wir, wenn wir auf etwas stoßen, was unsere Überzeugungen widerlegt, alles tun werden, um diese Information ihres Wertes zu berauben, sodass wir an unseren Überzeugungen weiter festhalten können. Man bezeichnet diese Neigung als confirmation bias, also die tendenzielle Suche nach bestätigender Information.18
Der legendäre amerikanische Komiker Lenny Bruce beschrieb diese Verzerrungstendenz sehr deutlich, als er 1960 die erste Fernsehdebatte zwischen zwei amerikanischen Präsidentschaftskandidaten aufs Korn nahm:
Ich sah mir die Debatte mit ein paar Kennedy-Fans an, und da hieß es: »Er schlachtet Nixon förmlich ab.« Dann zogen wir weiter. Auf der nächsten Fete überwogen die Nixon-Fans, und so begrüßte man uns mit: »Na, wie hat euch die Abreibung gefallen, die er Kennedy verpasst hat?« Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, dass jede Gruppe nur ihren Kandidaten gut finden würde.
Der Typ im Fernsehen müsste sich schon vor die Kamera stellen und sagen: »Ich bin ein Dieb und ein Gauner. Habt ihr das gehört? Ich bin ganz sicher der bei weitem schlechteste Kandidat für das Amt des Präsidenten!« Und selbst dann würden seine Anhänger sagen: »Der ist ja wirklich ehrlich. Es zeugt von Größe, so etwas zuzugeben. Genau so jemanden brauchen wir, um Amerika zu führen.«19
Im Jahr 2003, als allmählich klar wurde, dass der Irak keinerlei Massenvernichtungswaffen besaß, schlossen jene Amerikaner, die den Krieg und Präsident Bushs Gründe gutgeheißen hatten, ihn vom Zaun zu brechen, Bekanntschaft mit dem Phänomen der Dissonanz: Wir glaubten dem Präsidenten, und wir (er) hatte(n) unrecht. Wie würde man nun mit diesem Problem umgehen? Für die Anhänger der Demokratischen Partei, die geglaubt hatten, Saddam Hussein besäße Massenvernichtungswaffen, gab es eine einfache Lösung: »Die Republikaner hatten alles falsch gemacht, der Präsident hatte gelogen oder sich zu bereitwillig auf Fehlinformationen gestützt. Wie dumm von mir, ihm zu glauben!« Die Republikaner hingegen hatten größere Schwierigkeiten, die Dissonanz aufzulösen. Mehr als die Hälfte von ihnen weigerte sich einfach, der klaren Beweislage Glauben zu schenken. Bei einer Meinungsumfrage vonseiten des Knowledge Networks gaben mehr als 50 Prozent an, davon überzeugt zu sein, die Massenvernichtungswaffen seien gefunden worden. Der Direktor von Knowledge Networks meinte dazu: »Für einige Amerikaner ist der Wunsch, diesen Krieg zu unterstützen, offenkundig so stark, dass sie einfach Informationen ausblenden, denen zufolge keine Massenvernichtungswaffen gefunden wurden. Da gerade dieses Thema aber in den Medien ausführlich behandelt wurde und die Öffentlichkeit ihm viel Aufmerksamkeit schenkte, liegt der Verdacht nahe, dass viele Amerikaner mit Hilfe der Ausblendung eine Erfahrung der kognitiven Dissonanz vermeiden.« Darauf können Sie wetten.20
Neurowissenschaftlern gelang es vor kurzem zu zeigen, dass solche Verzerrungen auf die Funktionsweise unseres Gehirns zurückgehen – völlig unabhängig von den politischen Neigungen seines Besitzers. Drew Westen und seine Kollegen führten ein Experiment durch, bei dem die Teilnehmer im Magnetresonanztomografen untersucht wurden. Gleichzeitig erhielten sie Informationen über die Kandidaten der Präsidentschaftswahl von 2004 – George W. Bush und John Kerry. Waren die Informationen dissonant (passten sie also nicht zu den Überzeugungen des Untersuchten), ließ die Aktivität in den Teilen des Gehirns, die mit logischem Denken zu tun haben, deutlich nach. War die Information jedoch konsistent, dann zeigten jene Teile des Gehirns, die emotionale Befriedigung signalisieren, erhöhte Aktivität.21 Diese Mechanismen bilden die neurologische Basis für die Feststellung, dass wir von einer einmal gefassten Meinung nicht so leicht abzubringen sind.
Sogar wenn Sie etwas lesen, was Ihrem Standpunkt widerspricht, führt dies letztlich dazu, dass Sie von Ihrer Meinung nur umso mehr überzeugt sind. In einem Experiment arbeiteten die Forscher mit Teilnehmern, die entweder für oder gegen die Todesstrafe waren. Sie gaben den Probanden je einen Artikel zu lesen, in dem wohlfundierte Argumente für oder gegen die abschreckende Wirkung der Todesstrafe auf Gewaltverbrecher zusammengetragen wurden. Der eine Journalist gelangte zu dem Schluss, dass die Todesstrafe diese Wirkung habe, der andere kam zu der gegenteiligen Auffassung. Verarbeitete der Leser die in den Artikeln enthaltenen Informationen rational, würde er zumindest merken, dass das Thema weit komplexer ist als bislang angenommen. Dies sollte zu einer vorsichtigen Annäherung der Standpunkte führen. Folgt man jedoch der Dissonanztheorie, dann würden die Leser kreativ nach Möglichkeiten suchen, die Argumentationskette der Artikel zu durchlöchern, um bei der eigenen Meinung bleiben zu können. Sie fänden jeweils den Artikel gut, der der eigenen Einstellung am ehesten entspräche, und betrachteten ihn als exzellentes Stück Journalismus. Der Artikel aber, der ihrer Auffassung widerspräche, würde mit mehr als kritischem Blick betrachtet werden, sodass auch kleinste argumentative Unschärfen ein Gewicht erhielten, das dem Leser erlaubte, den Artikel abzulehnen. Und genau so kam es dann auch. Die Leser wiesen nicht nur die Argumente zurück, die ihrer Einstellung widersprachen, sie waren danach von ihrer ursprünglichen Haltung sogar noch überzeugter als zuvor.22
Der confirmation bias lässt uns fehlende Beweise so deuten, als wäre dies ein Beleg für unsere Meinung. Als das FBI und andere Behörden keinerlei Anhaltspunkte dafür finden konnten, dass Satanisten die USA unterwandert hätten und rituell Babys schlachteten, untergrub dies keineswegs den Glauben vieler Amerikaner an solche Sekten. Dass es keinen Beweis gebe, zeige nur, wie clever die Teufelsanbeter vorgingen: Sie würden die Babys ganz aufessen, mit Haut und Haar sozusagen, um keinerlei Beweis zurückzulassen. Doch solche Argumentationsmuster grassieren nicht nur bei Hobbypsychologen und Sektengegnern. Als Franklin D. Roosevelt den unmenschlichen Entschluss fasste, Tausende von Amerikanern japanischer Abstammung aus ihren Lebenszusammenhängen herauszureißen und sie für die Dauer des Zweiten Weltkriegs in Lager zu sperren, tat er dies ausschließlich auf ein Gerücht hin, wonach diese Menschen die Kriegsanstrengungen der USA sabotierten. Dafür gab es weder damals noch später je einen Beweis. General John DeWitt, Kommandeur der US-Streitkräfte an der Westküste und für die Internierung verantwortlich, gab unmissverständlich zu, dass es nicht einen Fall von Sabotage oder Verrat vonseiten eines japanischstämmigen US-Amerikaners gegeben habe. »Die Tatsache, dass es bislang noch nicht zu Sabotageakten kam«, meinte er jedoch, »ist nur ein beunruhigendes Anzeichen dafür, dass solche Aktionen in der Zukunft noch stattfinden werden23

Ingrids Entscheidung, Nicks Mercedes und Elliots Kanu