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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Dieses Buch gibt, eingebettet in Tagebuchaufzeichnungen, Fragmente von Dialogen wieder – Dialoge mit einem Menschen, der ein höchst ungewöhnliches Leben führt. Das System schamanischer Praktiken ist weit komplexer und komplizierter, als der Autor es mithilfe von Zeichen und der Sprache darstellen könnte.
Neben der »herkömmlichen« Kommunikation mit anderen Menschen und Lebewesen beherrscht der Schamane zahlreiche weitere, darunter auch äußerst ungewöhnliche Praktiken. Sie versetzen ihn in die Lage, Einfluss auf die Außenwelt zu nehmen, und eröffnen ihm darüber hinaus die Möglichkeit der Teilhabe an anderen, nicht menschlichen Gesellschaften.

Vorwort
Liebe Leserin, lieber Leser!
Der vorliegende Band trägt den verheißungsvollen Titel Das Lachen des Schamanen, und sofort drängen sich Ihnen Fragen auf: Wer ist der Autor? An wen richtet er sich? Und welchem Genre ist das Buch zuzuordnen?
Ich möchte Ihre Fragen folgendermaßen beantworten: Wir haben ein Buch vor uns, dessen Autor Psychologe ist und der sich auf den Weg zum Menschen begab – auf den direkten Weg. Denn ihm war es allenthalben zu eng geworden, nicht nur innerhalb der Grenzen der professionell-akademischen Psychologie, sondern innerhalb des gesamten Spektrums – dazu zählen auch psychologische Methoden wie die Psychoanalyse und neuere esoterische Praktiken wie die Transpersonale Psychologie, Transaktionsanalyse und die Neurolinguistische Programmierung (NLP).
Wer hat sich vor Vladimir P. Serkin mit diesem oder einem verwandten Thema befasst? Dazu kann ich Ihnen nur einen einzigen Artikel nennen, er ist Der Zauberer und seine Magie überschrieben und entstammt der Feder des weltberühmten Anthropologen und Ethnologen Claude Lévi-Strauss. Dieser zeigt uns darin auf, wie und wodurch sich die Vorgehensweisen des Psychoanalytikers und Psychotherapeuten vom Alltag eines Schamanen unterscheiden.
Der Autor dieses Buchs hingegen unternimmt den Schritt in die entgegengesetzte Richtung. Die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen hängt von vielen Faktoren ab, sagt der Autor. Da steigen Zweifel in mir hoch – wovon? Von wem? Vom Guru? Vom Rabbiner? Vom Sensei? Von einem Lehrer oder von einem Meister? Einem Meister, wie ihn der russische Schriftseller Michail Bulgakow in seinem Werk Der Meister und Margarita dargestellt hat? Dass ich Schwierigkeiten habe, mich mit der sozialen Rolle unseres Hauptdarstellers zu identifizieren, hat seinen Grund. Die Weltsicht des Autors erscheint meinem Verstand sehr besonders. Meine eigene Überzeugung habe ich Lew Wygotski, dem Gründer der kulturhistorischen Schule der russischen Psychologie, zu verdanken.
Besinnen wir uns doch einmal darauf, in welchem Jahrhundert wir heute leben: in einer Zeit, wo jeder auf der Suche ist. Auf der Suche nach Selbst-Entwicklung, deren Richtung sich auch jeder selbst aussuchen darf. Und wenn Sie sich, liebe Leserin und lieber Leser, auf diese Suche begeben oder gar Ihnen bislang noch Unbekanntes und Ungewöhnliches erleben möchten, sollen Sie »Das Lachen des Schamanen« vernehmen und seine Wirkung spüren.
 
Professor Aleksandr Asmolow
Leiter des Forschungsbereichs Persönlichkeitspsychologie an der MGU, der Staatlichen Moskauer Universität
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Über den Schamanen selbst und das Buch Das Lachen des Schamanen
Beim Betrachten der Karte Russlands wird augenfällig, dass die Verwaltungsregionen Magadan (461 400 qkm) und Tschukotka (721 481 qkm) zusammen eine Fläche einschließen, die mehr als die Hälfte des europäischen Teils von Russland ausmacht. Nach Angaben des Föderalen Dienstes für Staatliche Statistik Russlands lag die Einwohnerzahl im Gebiet Magadan am 1. Januar 2006 bei 171 569. Allein 100 000 Einwohner sind direkt in der Gebietshauptstadt Magadan ansässig, ungefähr weitere 40 000 in Ortschaften im Umkreis von 200 km um Magadan, das entspricht einer Bevölkerungsdichte von 0,37 Einwohnern pro qkm. Die übrigen wohnen in Ortschaften, die sich überwiegend an der einzigen großen Autoverbindungsstraße entlangreihen. Und in Tschukotka leben gemäß den Zahlen von 2009 noch deutlich weniger Menschen: 49 520, eine Bevölkerungsdichte von 0,1 Einwohner pro qkm. Die Siedlungen selbst verdanken ihre Existenz allein den Goldlagerstätten – ihr Bestand steht und fällt mit deren Ausbeutung. Und so warten Hunderttausende von Quadratkilometern Taiga, Tundra, Küsten und Flussufer, Hochebenen und Bergketten noch auf ihre Erforschung.
Hier gab und gibt es weder Sozialismus noch Kapitalismus. Aus hiesiger Sicht erscheint Politik als eine absolut sinnlose Betätigung, ohne jeden Bezug zum realen Leben. In dieser Wahrnehmung stellen die europäischen Staaten ein paar Stückchen ausgezehrten, umweltverschmutzten und dicht besiedelten Landes dar. Weshalb man sich dort so großtut, obwohl man völlig überflüssig ist und nichts im Leben bewirkt, will hier keinem einleuchten.Wenn einer der Ortsansässigen gelegentlich mal den Fernseher einschaltet, dann wundert er sich ein wenig über den Tunnelblick der Politiker oder anderer Akteure, doch nachdem diese hier ohnehin auf nichts Einfluss haben, ist auch das schnell wieder vergessen. 1997 antwortete ein aus der Siedlung zurückkehrender Ewelne auf die Frage, was es denn an Neuigkeiten gebe, die UNO rücke nach Osten vor. »Nicht die UNO, sondern die NATO«, verbesserte ich ihn. Als mir alle erstaunte Blicke zuwarfen, begriff ich, dass für die Menschen hier UNO, NATO, RAO EES (Russische Energieverbund-AG) und sonstiges abstrakt-abstruses Blabla ohnehin alles dasselbe war. Und wegen solcher Nebensächlichkeiten trat ich ins Fettnäpfchen …
Im Übrigen ist das eine Weltsicht, die nicht nur unter den zivilisationsfernen Ewelnen immer mehr Anhänger findet. Im Herbst 2003 war ich als zugezogener Berater bei einer Kommission des regionalen Bildungsreferats tätig und hatte Gelegenheit, eine Geografiestunde an einer nationalen tschukotischen Schule zu besuchen. Ein im wahrsten Sinn des Wortes kleiner Knirps, dessen Eltern mit ihren Rentierherden in einer Saison für gewöhnlich über 1000 km zurücklegen, versuchte unter großen Mühen, auf einer Landkarte die Hauptstädte von ein paar europäischen Nationen zu entdecken, deren Staatsgebiet kleiner war als das Land, das Rentiere beweiden und durchwandern. Nachdem er die Ländernamen heillos durcheinandergeworfen hatte, ließ er schließlich entnervt eine Bemerkung fallen, die mir im Gedächtnis haften blieb: »Die sind so klein. Wie soll ich den Kram denn bloß finden?« Die junge Grundschullehrerin, eine Absolventin des Zentrums der Völker des Nordens, machte ein betretenes Gesicht, doch die erfahrenen Kommissionsmitglieder schlossen lediglich eine Sekunde lang verständnisvoll die Augen und nickten dazu.
Vor 300 Jahren waren irgendwo in dieser Gegend Kosaken als die ersten Pioniere auf einer von vielen möglichen Routen durchs Land gezogen. Vor Jahrhunderten waren Konflikte zwischen den eingeborenen Völkern um manche der zahllosen Rentierweidegründe oder Walrosslagerplätze aufgeflammt und wieder erloschen. Die Segelschiffe der geografischen Expeditionen des Zaren waren weit ins Meer vorgestoßen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatten einige Gruppen entflohener Sträflinge denselben Weg genommen wie die Kosaken, allerdings in umgedrehter Richtung, nach Westen – einige herausragende Einzelpersönlichkeiten haben ihn sogar im Alleingang bewältigt. Später, in den 1950er bis 70er Jahren, erforschten Goldsucher und Geologen das Land – in sehr bescheidenem Umfang und unsystematisch, sozusagen auf Zickzackwegen. Seit jener Zeit sind die Ewelnen unbehelligt geblieben. Sie entscheiden selbst, inwieweit sie Kontakt zur modernen Zivilisation aufnehmen und wie sie diesen handhaben. Ihnen selbst steht die Möglichkeit offen, in die Siedlungen zu gehen, doch umgekehrt würde niemand von dort zu ihnen hinausfinden. Es wäre zu schwierig und zu zeitaufwendig.
Manchmal lebt der Schamane hier – etwa auf halber Strecke zwischen den Wanderrouten der Ewelnen und den wegen der Erschöpfung der Goldvorkommen langsam dahinsterbenden Siedlungen an der Küste. Niemand kennt seine Nationalität und sein Alter. Außer ihm taucht Käpt’n Kuzma mit seiner neunköpfigen Wildfischerbrigade regelmäßig im Sommer hier auf, um Lachse zu fangen; harte Burschen, die resolut und praktisch vorgehen. Sie fischen viel ab, doch gleichzeitig mit Umsicht, damit der Lachsschwarm sich übers Jahr erholen kann. Ich weiß, dass sie näher bei Magadan ebenso viel verdienen könnten, sich ihr jährliches Erscheinen also rational nicht erklären lässt. Doch das ist ein Tabuthema und wird deshalb in der Brigade nicht diskutiert. Wie einige der Schiffskapitäne erzählen, bittet alle paar Jahre einmal ein unterkühlt und zugeknöpft wirkender Fahrgast darum, ihn an der Küste abzusetzen, beispielsweise 50 Kilometer von Sewero-Ewensk entfernt. Die Ewelnen berichten gelegentlich von Begegnungen mit einsamen Abenteurern, die hier irgendwelchen Angelegenheiten nachgehen, doch ich selbst habe noch nie einen getroffen. Sonst gibt es hier keine Menschen.
 
Anfang Sommer 1997 machte ich mich an den Bau eines eigenen kleinen Hauses – nicht allzu weit von der Überlandstraße entfernt, da man hier jeden Nagel, jede Bauklammer und jeden Beschlag auf dem eigenen Buckel heranzuschaffen hat. Vom Schnee niedergedrückte Sträucher legen sich über die Pfade, und man muss sie im Mai oder Juni zurückstutzen. Jedem, der seine festen Wege hat, fällt auf, wenn noch ein anderer beginnt, Zweige zur Seite zu biegen oder abzubrechen. Damals kannte ich alle Menschen in dieser Gegend, ob sie hier lebten oder sich nur vorübergehend hier aufhielten; sie berichteten mir von dem Schamanen. Ab dem Herbst 1997 bewohnte er eine seiner Erdhütten, sie lag einige Stunden Fußweg von meinem Haus entfernt, und wir besuchten einander von Zeit zu Zeit.
Der Schamane wirkt befremdlich, weil er so weitab vom üblichen sozialen Kontext angesiedelt ist. Eines Abends, wir standen gerade auf einem Gipfel der Kolymaberge und blickten auf Magadan, das fernab im orangefarbenen Schein der untergehenden Sonne lag, sah ich ihn von der Seite an und begriff plötzlich, dass es ihm ganz egal war, was mit der Stadt und den Menschen dort geschehen würde. Seine Einstellung ist nicht feindselig, aber auch nicht wohlwollend. Manchmal verhält der Schamane sich wie ein gutmütiger Großvater oder Lehrer, dann wieder erscheint es mir, als verberge sich hinter seinem menschlichen Äußeren ein Geschöpf der ganz anderen Art. Möglich, dass die vielen Jahre eines Lebens mit uns fremden Wesenheiten dem Schamanen diese seltsame Eigenart aufgeprägt haben.
Ich notierte mir unsere Gespräche immer sofort und möglichst genau, dennoch können meine Mitschriften nicht als wortwörtlich gelten. Die Unterhaltungen gestalteten sich schwierig, eine Aufzeichnung mit dem Diktiergerät war nicht möglich. Der Schamane lebt nicht auf derselben Zeitschiene wie wir, er lebt in seiner Ewigkeit, und so kommt es vor, dass er nach einer Frage erst einmal anderthalb oder zwei Stunden lang schweigt, einen seiner Kräutersude zubereitet und trinkt, sich mit dem Sortieren von Kräutern oder Amuletten und Talismanen beschäftigt – um dann unerwartet zu antworten. Wenn ich beabsichtigte, zu einem bestimmten Zeitpunkt in die Stadt zurückzukehren, konnte es passieren, dass ich die Antwort bis dahin nicht erhalten hatte. Doch der Schamane erinnerte sich an meine Fragen und beantwortete sie nach und nach.
Meine eigenen Überlegungen und Kenntnisse sind die eines Stadtmenschen und daher wohl kaum von großer Originalität, deshalb habe ich bei den in das Buch aufgenommenen Mitschriften unserer Gespräche von meiner Seite lediglich die Fragen in leicht gekürzter Form beibehalten. Das Wesentliche sind die Antworten des Schamanen: meistens überraschend, originell und tiefsinnig, manche allerdings scheinen banal. Zunächst wollte ich die »banalen« Antworten herausnehmen, doch entschied ich mich später dafür, sie im Buch zu belassen, um am Bild des Schamanen nicht eigenmächtig herumzuretuschieren. Ganz ohne »Eingriffe« ging es dann allerdings doch nicht ab: Bei der Vorbereitung zur Publikation wurden seine Kraftausdrücke durch gleichbedeutende Begriffe ersetzt – dadurch wurde zwar die Expressivität der Aussage gemildert, ihr Sinn blieb jedoch erhalten. Solche Stellen sind jeweils mit dem kursiven Schriftschnitt gekennzeichnet.
 
Bisher habe ich ausschließlich wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht. Doch dieses Buch ist meiner Auffassung nach kein wissenschaftliches Werk – wenigstens nicht auf dem derzeitigen Stand. Wissenschaftliche Arbeiten sind Beschreibungen von Forschung, Studien und deren Ergebnissen, von Theorien und Modellen, welche die vorhandenen Fakten erklären und die Feststellung neuer Fakten erlauben. Wissenschaft ist der Erwerb neuer, früher unbekannter Wissensinhalte. Im Augenblick jedoch gilt es, vor der Erstellung eines Erklärungsmodells einen Schritt zurück zu unternehmen, zurück zu einfachen Gesprächsnotizen und der Beschreibung der Interaktion mit einem außergewöhnlichen Menschen.
Zunächst fiel mir auf, wie richtig, aber für unser »gewöhnliches«, »normales« Bewusstsein oft paradox die Ansichten waren, die der Schamane im Alltag vertrat. So wäscht sich unsereins beispielsweise die Hände, wenn er aus dem Wald nach Hause kommt, der Schamane hingegen bei der Rückkehr aus einem Nomadenlager oder einer Siedlung. Seiner Meinung nach ist es am Ufer sauber, während Infektionen dort auftreten, wo es Menschenansammlungen gibt. Der Logik nach ist das vollkommen richtig – nur ungewohnt. Bei der Gelegenheit fällt mir wieder ein, dass auch die Einwohner Magadans immer die Sorge haben, sich in Moskau »irgendetwas zu holen«, während die Befürchtungen der Moskauer genau in die Gegenrichtung zielen. Ziemlich bald konnte ich mich davon überzeugen, dass sich hinter solchen »alltäglichen« Kleinigkeiten ein ureigenes Weltbild verbarg, und zwar ein sehr ganzheitliches und komplexes. Damals versetzten mich weniger die ungewohnten Begriffe und Praktiken des Schamanen in Erstaunen, als vielmehr seine Vorstellungswelt – meiner Ansicht nach beinhaltet sie Ideen, die nicht »von dieser Welt« sind … Von manchem fühle ich mich sehr angezogen, zum Beispiel von dem Gedanken, dass die von den verschiedenen Staaten der Erde entwickelten Verfassungen nicht nur die Menschenrechte, sondern auch die Rechte der Tiere, Pflanzen, Mineralien und etwaiger weiterer, der Wissenschaft bisher unbekannter Wesen schützen sollten. Andere Vorstellungen des Schamanen wiederum mögen zunächst allzu ungewöhnlich oder erschreckend erscheinen. Und ich bin mir bis jetzt nicht wirklich schlüssig darüber, wie ich solche Phänomene darstellen soll.
All das brachte es mehr oder weniger zwangsläufig mit sich, dass ich mich buchstäblich an den Dialog mit dem Schamanen »klammerte«. Zur Aufrechterhaltung unserer Kommunikation hatte ich mich mit der Gewohnheit endlos langer, einsamer Winterwanderungen anzufreunden, ich finde, das sagt schon genug. Wer weiß, was ein Winter in der Berg- und Flusslandschaft Kolyma bedeutet, kann daran den hohen Grad meiner Motivation ablesen.
Das Wissenssystem des Schamanen ist offen, das heißt, er eignet sich aktiv neues Wissen und neue Erfahrungen an.
1999 wurde mir klar, dass der Komplexitätsgrad seines Begriffssystems wie auch seine Praktiken meine gegenwärtige weltanschauliche Kapazität überstieg. Mein methodologisches Dilemma ließ sich sogar in eine einfache Frage fassen: »Wie kann ein Forscher etwas untersuchen, das komplizierter ist als er selbst?« Die simple Formulierung machte die Suche nach der geeigneten Methode indes nicht leichter, und ich schwankte, ob ich eher dem Ansatz der verstehenden Psychologie oder einem aktionsmethodologischen Ansatz zur Überwindung der Begrenzungen der Naturphilosophie folgen sollte. Erst einige Monate später »erinnerte« ich mich auf einmal daran, dass sich ein Lösungsweg über eine andere »Schiene« auftun könnte, nämlich im Rahmen des Ansatzes der Methodologie der systemischen Denktätigkeit. Der hochtalentierte Psychologe, Methodologe und Abenteurer Wjatscheslaw Sirotski hatte ihn mir sozusagen bereits souffliert, als wir vor vielen Jahren gemeinsam an einem wissenschaftlichen Artikel arbeiteten. Dieser Ausweg lautete, »… die Beschreibung des Objekts der Modellbildung durch die Beschreibung des Prozesses der Modellbildung als Organisation der Denktätigkeit zu ersetzen – eine Vorgehensweise, die für jene Situationen geeignet ist, wenn die Komplexität des Objekts die intellektuellen Fähigkeiten des Forschers übersteigt, dieser aber eine sinnvolle Abfolge von Handlungen zur Entwicklung einer Modellbeschreibung einhält.« In diesem Kontext kann man die vorgestellten Aufzeichnungen als zweierlei ansehen: erstens als Versuch der Entwicklung eines Modells im Verlauf ihrer Beschreibung, zweitens als reflexive Vorbereitung der Beschreibung des Modellbildungsprozesses.
Die Psychologie kennt den Begriff der »Zone der nächsten Entwicklung«, der das Niveau jener Aufgaben bezeichnet, »die das Kind zwar nicht selbstständig lösen kann, unter Anleitung von Erwachsenen aber zu lösen imstande ist«. Im Zuge meiner Auseinandersetzung mit dem Problem der Darlegung ungewöhnlicher Ideen begriff ich, dass für völlig neue Ideen ein verbaler und bildhafter Kontext erst geschaffen werden muss. Im Kapitel »Der Schneemensch« und anderen Kapiteln meines Buches ist zum Beispiel die Rede von Wesen, die in anderen Sphären und Zeitrhythmen und mit einer anderen Zahl von Sinnen operieren, oder von vielen Tieren, die »Finger des Geistes des Ortes« sind. Im Moment überlege ich noch, wie sich ein Kontext erschaffen ließe für jene Begriffe, die von unserem Lebensalltag relativ weit entfernt sind, da sie außerhalb dieses Kontexts schlichtweg wie Fantastereien wirken und die Glaubwürdigkeit des Textes für den Leser stark beeinträchtigen könnten. Ein Beispiel sind die Tiun, atmosphärische Wesen, die über einen Sinn mehr verfügen als wir. Sie leben (gewöhnlich) miteinander, manchmal aber auch gemeinsam mit Gruppen von Steinen, analog unserer polygamen Ehe (der Schamane nennt diesen Prozess dwojna: Paar). Man könnte hier an eine Form sexueller Verirrung denken, doch der Schamane zeigte mir, wie einige Steine in einer solchen Gruppe durch diese Partnerschaft »wachsen« (auch im direkten Wortsinn von ihrer Größe her) und neue Steine »gebären«. Außerhalb einer solchen »Ehe« zeigen die Steine keine Anzeichen von Leben, sind jedoch wohl dazu bereit. Es gibt sehr viele Tiun auf der Welt, doch für uns »sind sie nicht da, so wie wir in der Welt des Tiefseefisches nicht existieren«.
Solches Wissen hat vorläufig keine besonderen praktischen Auswirkungen auf mein Leben, doch immerhin bemühe ich mich jetzt, keine Steine mehr zu zerschlagen.
Jeder Dialog kann zum einen als Aufzeichnung zur Fixierung ungewöhnlichen oder gewöhnlichen Wissens betrachtet werden, zum anderen als Element der Modellbeschreibung. Außerdem versucht dieses Werk einen Kontext zu erschaffen, worin dann diejenigen ungewöhnlichen Ideen des Schamanen dargelegt werden, die außerhalb eines solchen Kontexts vollkommen unmöglich erscheinen, resp. eine ängstliche oder aggressive Abwehr hervorrufen könnten.
Heute weiß ich mit Sicherheit, dass ein tatsächliches Verständnis der Weltsicht des Schamanen die Vertrautheit mit dessen Praktiken voraussetzt. Dank des Umgangs mit dem Schamanen begannen mir gewisse »Unrichtigkeiten« in der Lebensführung der Menschen um mich herum aufzufallen. Sofern ich darum gebeten wurde, wies ich diese Personen darauf hin und erklärte ihnen, was sie korrigieren könnten. Manchmal war das eine sehr effiziente Hilfe, um sich von körperlichen Beschwerden zu kurieren, die durch eine falsche Lebensweise oder -haltung entstanden waren. So sagte ich beispielsweise einmal ganz spontan zu einer Studentin, die an mir und ihren Kommilitonen einen verführerisch gemeinten Augenaufschlag ausprobierte, sie würde Kopfschmerzen davon bekommen. Nach der Stunde klagte die junge Frau über Nackenschmerzen und bat um Hilfe. »Achte darauf, geradeaus zu blicken«, empfahl ich ihr entschieden. Zu Hause wurde mir bewusst, dass ich im Unterricht den von unten her aufwärts gerichteten Blick der Studentin irgendwann unbewusst nachgeahmt hatte, und ich empfand ein Spannungsgefühl in Hals und Nacken. Nachdem Informationen in einer kleinen Stadt schnell die Runde machen, habe ich inzwischen auf Bitten von Bekannten schon oft (nun bewusst und absichtsvoll) Blicke und Haltungen korrigiert oder Empfehlungen für Wohn- und Arbeitsräume, für die Tages- und Wochengestaltung, die Ernährung, die Beziehungen u.v.m. ausgesprochen.
Manche Menschen in meiner Umgebung begannen zu glauben, ich hätte bei dem Schamanen Heilpraktiken gelernt, obwohl es hier absolut nicht um Heilen als solches geht, sondern vielmehr um eine Praxis der Achtsamkeit, der Präsenz im Augenblick, der Beobachtung und des Verständnisses, die positive prophylaktische »Nebenwirkungen« besitzt. Zum Heilen ist darüber hinaus jedoch eine Praxis des willentlichen Handelns notwendig, deren Kern ich ansatzweise im Kapitel »Aerodrom podskoka« erklären werde (aerodrom podskoka: Militärflughafen. Wird später erläutert). Die kritische Gesamtheit neuer Vorgehensweisen erlaubt eine Umstrukturierung der eigenen Lebensrealität. Hierdurch nehmen sowohl das frühere Vorgehen als auch das frühere Sinnverständnis eine ganz andere »Färbung« an oder »werden anders realisiert«. (Ich gerate hier bereits an eine Grenze – meine vorhandenen sprachlichen Ausdrucksmittel reichen nicht mehr aus, und ich sehe mich vor die Aufgabe gestellt, erst noch entsprechende Mittel zu entwickeln.)
Nach dem Prinzip: »Ein schlecht ausgearbeiteter Plan ist besser als gar keiner«, charakterisiere ich das Leben des Schamanen vorerst als »Seinsweise des Zeugen«. Der Schamane erscheint mir – ein zunächst vereinfachendes Modell – als der ideale handelnde Betrachter, an dem eine Reihe von Gestalten vorbeizieht (zum Beispiel: ich, die Ewelnen, die Sowjetmacht, die Mammuts, zerfallende und aus der Erde aufsteigende Berge …). Ich will damit nicht behaupten, er besäße eine derart lange Lebensspanne, er verweilt nur einfach in diesem Zustand. Außerdem darf man nicht übersehen, dass der Schamane hier konkret mit mir zu tun hatte und meine Aufzeichnungen nicht wortgetreu sind. Dadurch ist der Text eindeutig subjektiv geprägt. Doch im Moment kann ich nur diesen Text bieten.
Nachdem Das Lachen des Schamanen 2001 und 2003 beim Verlag Kordis in Magadan sowie 2004 bei Zebra E und 2006 und 2007 bei Sofia in Moskau erschienen war, äußerten viele Leser die Ansicht, meine Aufzeichnungen hätten Ähnlichkeiten mit den Texten von Carlos Castaneda. Ich sehe insofern Anlass, auf einen Umstand hinzuweisen, den die »Castaneda-Jünger« hartnäckig übersehen: Castanedas Texte haben ihrerseits große Ähnlichkeit mit den Dialogen des Sokrates bei Platon. Doch sind Castanedas Texte keineswegs Plagiate – er beschrieb vielmehr einfach die Interaktion und die Gespräche mit einem für ihn bedeutenden Menschen, wie auch Platon es getan hatte. Das bewirkt eine gewisse stilistische Nähe. Man könnte auch noch andere »Wurzeln« nennen, wie die aus der Kultur des alten Orients stammende Lehre vom »schweigsamen Dialog« und die dialogische Tradition des »Gesprächs mit der eigenen Seele« in der Antike.
Stilistischen Einfluss hatte außerdem meine vieljährige Praxis der Verwendung von Techniken des »sokratischen Dialogs« in Beratungssituationen und im Unterrichten der Grundlagen der kognitiven und rationalen Psychotherapie.
Bei einem Vergleich der Grundkonzeption des Schamanen mit der Sichtweise von (Castanedas) Don Juan (Matus) möchte ich nur auf einen fundamentalen Unterschied in ihrem jeweiligen Verständnis des menschlichen Wesens hinweisen, woraus sich der Unterschied in ihren Handlungen ergibt: Nach Don Juans Ansicht ist der Mensch ein Wesen, das die Welt wahrnimmt; er setzt »Beschreibungen« ein. Der Schamane hingegen denkt, dass der Mensch und andere Lebende die Welt erschaffen; er setzt »Praktiken« (Aktivität) ein.
Der Unterschied zwischen Carlos Castanedas Ansatz und dem Ansatz des Schamanen ist nicht nur rein theoretischer Natur, vielmehr hat er eine sehr anschauliche praktische Bedeutung: Laut Castaneda ist der Mensch, während er sich in einem der möglichen Bewusstseinszustände befindet, nicht in der Lage, sich an die Erfahrungen, die er in einem anderen Zustand erworben hat, zu erinnern.
Dem Ansatz des Schamanen zufolge ist jedoch die Möglichkeit einer mittelbaren »Rekonstruktion« eines gewissen Teils dieser Erfahrung durchaus gegeben, da die »durch die Handlung geschaffene Realität« erhalten bleibt und in einem anderen Bewusstseinszustand ebenfalls wahrgenommen wird.
Letzteres ist auch in meiner wissenschaftlichen Arbeit grundlegend, da es »erlaubt, das Bewusstsein nicht als eine Gesamtheit isolierter Bewusstseinszustände zu untersuchen und zu beschreiben, sondern als eine Struktur von Bewusstseinszuständen, welche durch die Tätigkeit (die Aktivität, die Praktiken) des Menschen zu einem einheitlichen Ganzen verbunden werden.« Mehr noch, die Wahrnehmung selbst entwickelt sich eben bei bzw. durch die Realisierung des praktischen Handelns. Vorläufig eindeutig bewiesen ist die Veränderung der Realität durch das Handeln, wohingegen in vielen mystischen Lehren und Zeugnissen von einer Veränderung (Erschaffung) durch das Bewusstsein gesprochen wird. Anders ausge-drückt: Nach der landläufigen Meinung wirken unsere Handlungen auf die Umwelt, während unsere Gedanken und Worte (angeblich) keinen Einfluss haben. Wenn aber ›Verwandlung‹ eine der Hauptfunktionen des Bewusstseins ist, muss man einräumen, dass unsere Worte und Gedanken auf die das Bewusstsein umgebende Welt einwirken. Diese Tatsache zwingt uns, die Bedeutung von Gebeten, Mantren, Beschwörungsformeln, Zaubersprüchen und anderen Praktiken, die vorläufig als »nicht wissenschaftlich« gelten, neu zu gewichten.
Viele seiner Auffassungen, die mir der Schamane darlegte, habe ich selbst erst nach vielmaligem Durchlesen meiner Notizen verstanden. Deshalb muss ein Teil der in den ersten Buchausgaben aufgeführten Dialoge in einer anderen Anordnung als früher »gesammelt« und gelesen werden, wenn man neue Konzeptionen verstehen will. So wurde zum Beispiel ein Teil der bereits veröffentlichten Dialoge in die Kapitel »Die Tunnels …« und »Das Tamburin« eingebaut. Ergänzt und anders angeordnet, ermöglichen sie nun auch ein neues, tieferes Verständnis der Grundidee. In manche andere Abschnitte sind ein bis drei früher noch nicht ausgewertete Dialoge eingesetzt worden.
Feldnotizen habe ich mir meistens auf die Schnelle mit dem Bleistift gemacht, wobei mir als Unterlage oft nur ein Stein, der Rucksack oder mein eigenes Bein zur Verfügung stand. Um die eigenen Aufzeichnungen fehlerfrei zu rekonstruieren und meine – auch sonst nicht sehr leserliche – Schrift wieder richtig zu entziffern, muss ich sie oft mehrmals lesen, mit Unterbrechungen von einer Woche oder einem Monat – so funktioniert das Gedächtnis. Hiermit richte ich meinen aufrichtigen Dank an die Mitglieder unserer damaligen »Intellektuellenszene« (Clique), von denen einige nun bereits in anderen Teilen Russlands leben. Mit ihnen konnte ich seinerzeit meine Feldnotizen diskutieren und gemeinsam Fragenlisten für den Schamanen erstellen: Vladimir Gogolew, Direktor des Magadaner Radiosenders GTRK; Andrei Gubarew, Leiter des Lehrstuhls für Sozialwissenschaften der Magadaner Filiale der Russischen Staatlichen Humanistischen Universität (RGGU); Oleg Saderenko, Unternehmer; Witali Kalita, Leiter des Lehrstuhls für Psychologie und Psychophysiologie des Arbeitens unter besonderen Bedingungen an der Staatlichen Maritimen Newelski-Universität in Wladiwostok; Roman Korsun, Dekan der sozialhumanistischen Fakultät der Nordöstlichen Staatlichen Universität (SWGU) in Magadan; Aleksandr Lesnow, Leiter des Lehrstuhls für Philosophie; Swetlana Silantjewa, Psychologin bei der Verkehrspolizei (ORDPS) des Magadaner Gebiets; Juri Strelkow, Leiter des Lehrstuhls für Arbeitspsychologie und Ingenieurspsychologie an der Staatlichen Moskauer Lomonosow-Universität; sowie der praktizierende Heiler Alen Tolstow.
 
Und noch etwas Wichtiges: Ich habe keinerlei Möglichkeit, den wiederholten eindringlichen Bitten von Kranken und deren Angehörigen nachzukommen, für sie Termine mit dem Schamanen zu organisieren. Das hängt mit den Praktiken des Schamanen zusammen, sich gleichzeitig durch Zeit und Raum zu bewegen, die ich nicht nur nicht beherrsche, sondern vorläufig noch nicht einmal annähernd adäquat zu beschreiben vermag. Einfacher, aber auch profaner gesagt: Ich weiß heute nicht, wann sich der Schamane wo befinden wird; ob wir zusammenkommen, hängt keineswegs nur von mir ab.
Die eigentlichen Dialoge mit dem Schamanen beginnen im zweiten Kapitel mit dem Titel »Das Gelächter des Raben«. Im ersten Kapitel (»Die Dankbarkeit des Wolfs«) habe ich zunächst einmal die Situation beschrieben, die mich zu einer bestimmten Lebensweise geführt hat – das erschien mir nötig und sinnvoll. Ein anderes Leben hätte sich auf einem anderen Weg abgespielt, auf dem die Begegnung mit dem Schamanen nie stattgefunden hätte.
Für die Neuausgabe dieses Buchs habe ich die Dialoge umfassend ergänzt, in eine Reihe von Kapiteln auch ganz neue Gespräche aufgenommen. Außerdem habe ich einige der breiten Leserschaft bisher nicht zugängliche Dialoge (»Der Schamane in der Stadt«, »Der unerforschte Ozean«) aus dem Buch Der Wald des Schamanen eingefügt, das in einer kleinen Auflage im Verlag der Nordöstlichen Staatlichen Universität (Magadan) erschienen ist.
 
Vladimir P. Serkin
003

Die Dankbarkeit des Wolfs
Bald endet die Dankbarkeit des Wolfs.
Ich hätte auch ein Bär werden können.
Als ich bereits ein erfahrener Wolf war, habe ich begriffen, dass ich zu Anfang auch die Möglichkeit gehabt hätte, ein Bär zu werden. Mir fehlte nur die Bereitschaft.
Meine Chance kam, als ich sechzehn war. In meiner Clique war ich zwar der jüngste, aber altersuntypisch sehr groß, kräftig und verdrossen. Und nur ich selbst habe den Altersunterschied zwischen uns empfunden. Im Sommer waren wir auf dem Fluss Arman Fische wildern gewesen: Wir haben die Fische gefangen, ausgenommen, den Kaviar gesalzen und dann sofort an Händler weiterverkauft. Für Wodka, Essen (»Futter« nannten wir es damals) und ein bisschen Bargeld.
Ich machte mich gut in meiner Clique, obwohl ich innerlich bei weitem nicht so cool, lustig und stark war wie meine Freunde. Es ihnen gleichzutun, hat mich jedes Mal so viel Kraft gekostet, dass ich abends immer mein Schlauchboot nahm und wegfuhr – ich saß dann eine Stunde, manchmal auch zwei, am Ufer und bemühte mich, wieder zu mir zu finden. Meine Freunde rissen zwei Abende lang Witze über diese Alleingänge, nahmen sie dann aber irgendwann als selbstverständlich hin.
An dem bewussten Abend habe ich wie immer versucht, mein Schlauchboot tief ins Ufergebüsch zu stoßen. Da es in der Dämmerung auf dem Wasser immer heller ist, bemerkte ich nicht gleich, wie sich der Schatten um das Gebüsch verdichtete. Ich habe es eher intuitiv begriffen als wirklich erkannt, dass nur ein paar Meter von mir entfernt ein riesiger Bär stand. Für jemanden aus Magadan ist ein solches Zusammentreffen nichts ganz Außergewöhnliches – schon als Junge bekommt man von den Erwachsenen unzählige Geschichten über Begegnungen mit Bären zu hören, deshalb ist man selbst auch irgendwie innerlich darauf vorbereitet. Ich hob mein Gewehr, spürte die Härte des Kolbens an der Schulter und fühlte mich dabei erstaunlich ruhig und sicher. Der Bär hat das ebenfalls gefühlt. Etwa ein Jahr später, als ich meinem Alter entsprechende, schlichte und ein wenig plumpe Gedichte verfasste, habe ich diese Momente folgendermaßen beschrieben:
Der Bär hat die sichere Haltung seines Feindes gespürt,
Die Haltung war schicksalhaft, beängstigend.
Hinter ihm das Gebüsch, der Fluss, die Taiga,
Und vor ihm – die Gefahr.
Die Gefahr, der man nicht entgehen kann.
Dann vorwärts – auf dem Pfad des Schicksals.
Die Hand zuckte nicht,
Der Neuntklässler hat ihn erlegt, den Bären.
Ich erinnere mich nicht mehr an das ganze Gedicht, doch sein Schluss lautete ungefähr so:
Oft sah ich den Jungen mit dem Gewehr,
den Bären jedoch niemals wieder.
Ich habe doch aus Angst geschossen. Nicht aus Angst vor dem Bären, sondern davor, dass die günstige Ausgangssituation rasch vorüber sein und ich in einer anderen nicht Herr der Lage sein würde. Viele Jahre danach, als ich erwachsen war, bezeichnete ich diesen Zustand als »feige Sicherheit«. Die Mehrheit meiner Bekannten hat das sehr gut verstanden. Hätte ich nicht geschossen, wäre mir die Dankbarkeit des Bären zuteilgeworden, so, wie ich später die Dankbarkeit des Wolfs bekam. Wenn man die Tiere besser verstehen lernt, verwundert einen ihre feine Empathie nicht mehr. Der Wolf hatte das etwas früher begriffen als ich und versuchte zu kämpfen. Erst achtzehn Jahre später erzählte ich einer guten Bekannten davon.
In der zehnten Klasse habe ich ernsthaft Leichtathletik betrieben. Damals lag das Jahres-Trainingsvolumen eines Mittelgewichtlers um die 3500- 4000 km, wobei man in der Winterzeit, während der »langsamen« Monate, 600- 800 km Crosslauf-Training oder Ski-Langlauf ableisten musste. Natürlich waren sämtliche Hügel am Ort längst in allen Himmelsrichtungen abgelaufen.
Im Dezember, ich machte gerade Jagd auf einen Schwarm von Schneemoorhühnern, scheuchte ich einen riesigen weißen Wolf auf. Im einen Gewehrlauf hatte ich immer einen »Zakan« – eine Patrone, mit einer Kugel aus gehärtetem Stahl und Stabilisatoren versehen, was damals verboten war und die man zum Demolieren von Hindernissen verwendete. Auf ihrer Flugbahn macht die Patrone eine Art »Jaulgeräusch«, daher habe ich sie Zakan (»Jaulen«) genannt. Nachdem ich mein Gewehr mit einer zweiten solchen Patrone bestückt hatte, folgte ich den Spuren des Wolfs, dessen Größe mich sehr beeindruckte. Ich erklomm den Hügel und erblickte den Wolf unerwartet weit weg schon am Hang des nächsten Hügels. Das Tier rannte aus Leibeskräften, wobei es immer wieder ins Stolpern geriet und in den frischen Pulverschnee fiel.
In diesem Moment konnte ich auch den inneren Zustand des Wolfs verstehen, wie er um sein Leben kämpfte und die schreckliche Empfindung, die er dabei hatte – ich verglich sie mit meinem Gefühl, dem Gefühl eines jungen Idioten, der in dem Tier eine lohnende, prestigeträchtige Zielscheibe sah. Im selben Augenblick verstand auch der Wolf. Er verharrte und wandte sich nach mir um. Die Distanz zwischen uns war zu groß, als dass wir einander hätten in die Augen sehen können, doch der Wolf gab mir etwas, und ich nahm es an. Ich kehrte um und rutschte langsam den Hügel herunter, die Dankbarkeit des Wolfs in mir.
Sogar jetzt ist es noch schwer, sie zu beschreiben. Anfangs konnte ich sie überhaupt nicht in Worte fassen. Mit den Jahren sammelten sich dann Teile von Beschreibungen an. Ich stieß immer ganz überraschend darauf – in Gesprächen, in Filmen und in Büchern. Zum Beispiel bei Wassilij Schukschin, der den inneren Zustand des Wolfs beschreibt, auf den ein Mensch, der den Zustand des Wolfs begriffen hat, Jagd macht: »… er hat mir keine Angst eingejagt, und drohte mir auch nicht, er wollte einfach nur seine Beute einholen.« Mit der Zeit lernte ich, mich auf der Jagd so zu verhalten, und danach in der Armee und in anderen sozialen Bezügen. Dieses mein Wissen nutze ich aber nur in Ausnahmesituationen; die Menschen verspüren sofort etwas Fremdes, Unerklärliches. Um es hier noch einmal zu betonen: Ich kann die Dankbarkeit des Wolfs nur dann beschreiben, wenn ich zufällig ein Bruchstück einer solchen Schilderung in einem fremden Text »erkenne«. Mittlerweile haben sich viele solcher Fragmente angesammelt. Meine derzeit jüngste »Trouvaille« stammt von einem alten Eskimo namens Eiwyjak, der sagt, der Wolf, der im Sommer vom Felsen ins Wasser stürzte, könne sich in einen Orca-Wal verwandelt haben.
Selbstverständlich habe ich die Dankbarkeit des Wolfs schnell vergessen und erinnerte mich erst nach vielen Jahren wieder daran, und das nur sporadisch. Auch trifft es die Bezeichnung »Dankbarkeit« nicht ganz genau, doch kenne ich keine bessere Alternative. Dankbarkeit kommt diesem Gefühl am nächsten. Der Wolf teilte sich mit mir das Beste, was er hatte, ich nahm es an und muss damit leben. Ich kann nicht sagen, ob das gut oder schlecht ist. Manchmal hilft es mir sehr, und etwaige negative Aspekte bemerke ich wahrscheinlich gar nicht. Begriffe wie »Lebensmüdigkeit«, »Langeweile«, »Schwermut« und so kenne ich überhaupt nur daher, als Wissender.
Im folgenden Sommer war ich wieder einmal bei meiner Freundesclique – inzwischen sind sie Profi-Wilderer geworden. Nicht alle wissen, dass frischer Lachskaviar im Dunkeln leuchtet. Das Fass selbst leuchtet nicht, aber die Stellen an den Wänden, wo etwas Kaviar drangekommen ist. Nachdem mir das aufgefallen war, habe ich mir nachts einen schlechten Scherz erlaubt – schaut man auf die Werte dieser Clique, dann allerdings sehr erfolgreich – mit meinem Kumpel, meinem Towarisch, wie man im Kommunismus Kollegen und Freunde nannte. Es waren noch nicht alle schlafen gegangen, und in der Hütte lief ein langweiliges Gespräch ab, als der Chan (so sein Spitzname) in den Hof hinausgelaufen kam. Ich hatte mir nur die Arme bis zu den Ellenbogen und das ganze Gesicht mit dem »Leuchtmaterial« eingeschmiert und sah dementsprechend furchteinflößend aus. Als der Chan in die Hütte zurückwollte, packte ich ihn, fasste ihm an den Hals und stieß einen Schrei aus. Überrascht ging er zu Boden und brüllte: »Mama!« Unsere Towarischi lachten Tränen, der Chan selbst auch. Ich lachte mit, aber das war bloß Schau. Ich sah die Towarischi in der Dunkelheit an und begriff plötzlich, dass ich sie mit dem prüfenden Blick des Wolfs musterte, der sich auf der Kuppe des anderen Hügels befindet. Ich war ihnen für ihre »Ausbildung« in Kühnheit, Zynismus und Härte dankbar, spürte aber zugleich, dass sich unsere Wege von diesem Moment an für viele, viele Jahre trennen würden.
Nachdem wir alle unseren Wehrdienst abgeleistet hatten, sind unsere Wege getrennt verlaufen. Die bunte, abenteuerreiche Lebensspur meiner Freunde verlief über Berge, durch Meere und weite Länder, brachte sie zum Krebsfang, zum Kaviar oder an Gold, in die Gefängnisse der Kolyma und auf die äquatorialen Inseln; meine eigene wahrscheinlich mehr von geistigen Abenteuern und Konflikten erfüllte Lebensbahn führte mich durch Großstädte, zur Beschäftigung mit der Physik, Psychologie und auf die Wissenssuche, in Universitäten und Klöster. Rund dreißig Jahre später, als die Dankbarkeit des Wolfs ein Ende nimmt, kreuzen sich unsere Flugbahnen plötzlich in seltsamer Weise, verbinden sich gar wieder: bei Anadyr, Wladiwostok, Magadan, Chabarowsk und Južno-Sachalinsk.
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1997 Das Gelächter des Raben

6.11.

Der Schamane sagt, ich solle darauf achten, keine Spuren im Schnee zu hinterlassen. Und außerdem solle ich immer verschiedene Wege nehmen, um zu seiner Hütte zu gelangen. Auch er selbst befolgt diese Regeln, wenn er fortgeht oder jemanden besucht. Dabei setzt mich vor allem seine Fähigkeit, im unberührten Winterschnee keine Spuren zu verursachen, jedes Mal wieder in Erstaunen. Wenn ich selbst mit dem Schamanen unterwegs bin oder ihn näher kommen sehe, sehe ich auch die Spuren seiner Ski. Will der Schamane jedoch beim Kommen und Gehen unbemerkt bleiben, findet man auch keine Spuren im Schnee. Anfangs amüsierten ihn meine Fragen nach diesem Phänomen, dann wurden sie ihm lästig, und er sagte, er fliege alleine oder »nehme einen noch kürzeren Weg«. Jetzt, da ich weiß, ich würde keine weiteren Antworten mehr erhalten, habe ich zu fragen aufgehört.
Im Winter ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand durch den Schnee hierherlaufen würde, sehr gering. Die Jäger entfernen sich nicht so weit von den Dörfern, Touristen gab es in dieser Gegend noch nie, die Ortsbewohner würden es zur Not auch schaffen, hierherzukommen, ohne Spuren zu hinterlassen. Nach Meinung des Schamanen gibt es aber viele Wesen, die diese Spuren als albern betrachten oder sich darüber aufregen. »Eines Tages werden sie dich belehren oder dich veräppeln«, verkündete er.
In der Morgendämmerung verließ ich die Hütte des Schamanen mit dem Schlitten, um Feuerholz zu holen, und folgte dabei meiner Skispur vom Vortag. Nach etwa einer Stunde, es wurde gerade hell, kehrte ich um, und wie ich erschrocken feststellte, verliefen parallel zu meiner Spur die Spuren eines Wesens, das vier riesige Krallen besitzen und sehr groß sein musste: Sein Schritt umspannte zwei bis drei Meter, und die Krallen konnten nicht kürzer sein als vier bis fünf Zentimeter. Als ich die Spuren betrachtete, wurde mir klar, dass das Wesen mich am Abend verfolgt hatte, wobei es sich ab und zu mit einem großen Sprung von meiner Spur entfernt hatte und nach etwa fünfzig bis hundert Metern zurückgekommen war. An einer Stelle war das Wesen in den Schnee gestürzt und hatte dabei eine etliche Meter lange, aber flache Spur hinterlassen. Das Muster verriet mir, dass das unbekannte Wesen einen irgendwie runden Körper haben musste und nicht weniger als acht kurze, krallenbewehrte Klauen. Mir war wirklich unerklärlich, wie ein derart riesenhaftes Geschöpf es schaffte, keinerlei tiefe Spuren zu verursachen – denn wären die furchterregenden Spuren seiner Klauen nicht gewesen, hätte man die anderen, schwachen Abdrücke kaum wahrgenommen. Ich hatte früher einmal von einem solchen Wesen gelesen, das solche Spuren verursachte. Es hieß Jack the Ripper und war Anfang des 20. Jahrhunderts in England aufgetaucht. Sein Erscheinen kostete damals viele Menschen das Leben. Dennoch habe ich das gesammelte Holz nicht fortgeworfen, aber den Rest des Weges bis zur Hütte schneller als gewöhnlich hinter mich gebracht. Ich ließ meinen Schlitten draußen stehen und stürzte in die Hütte, die Äste noch in den Händen, und überhäufte den Schamanen sofort mit Fragen:
Gibt es hier Jumping Jack? Jack the Ripper?
Wer soll das sein?
Ich hab da mal was gelesen über ein geheimnisvolles Wesen in England, das lange, krallenartige Spuren im Schnee hinterlassen soll. Die Form dieser Spuren ähnelt der meiner gestrigen Skispur.
Hast du Angst bekommen? (Der Schamane lacht.)
Gib doch zu, dass die Krallen furchteinflößend sind, und die Spur ist durchgezogen – ohne Vertiefung. Sehr seltsam!
Ich war in England. Während meiner Zeit bei der Marine im Norden Russlands hat mir keiner was über einen Jack the Ripper erzählt. Und diese Spuren hat der Rabe gemacht. (Lacht.)
Wie das?
Der Rabe fliegt neben der Skispur her und berührt dabei mit den Flügeln die Schneeoberfläche. Harte Federn hinterlassen solche Spuren.
Hat er das mit Absicht getan?
Ich denke, er wollte dir Angst einjagen. (Lacht.) Die lückenlose Skispur sieht in seinen Augen ulkig aus.
Woher weißt du das?
Ich bin selbst ein Rabe.
Heißt das, du bist wie ein Rabe?
Nein. Ganz einfach – ich bin der Rabe.
Das heißt, du bist dem Raben ähnlich?
Ich wiederhole es für die besonders Gescheiten: Ich selbst bin der Rabe. Und hör auf, mir dämliche Fragen zu stellen. Du würdest die Antworten ohnedies nicht verstehen.
Gut. Kann mich der Rabe noch irgendwo erschrecken?
Das Muster, das du da gerade fotografierst, um es dann später mit dem aztekischen vergleichen zu können, stammt übrigens auch von dem Raben.
Woher weißt du das?
Vor vielen Jahren habe auch ich solche Muster studiert. – Und mit demselben Ziel.
Wie kriegen die Raben solche Muster hin?
Sie spielen und albern herum. Zum Beispiel rutschen sie die steilen Felsen auf dem Bauch hinunter. Oder sie fliegen auf und lassen sich wieder zu Boden fallen, wohin immer sie wollen. Damit imitieren sie das Gekrieche und Gekrabbel anderer Wesen. Dann schwingen sie sich in die Lüfte und genießen den Anblick von oben. Natürlich ist so eine Skispur für sie viel interessanter und komischer. Dieses Muster würden sie selbst nie zustandebringen.
Aber wozu das Ganze?
Raben haben eine ziemlich lange Lebensspanne und müssen sich Unterhaltung verschaffen, damit sie nicht lebens-müde werden.
Was machen sie noch?
An jenem Ort, von dem du dachtest, Jack the Ripper hätte sich dort gewälzt (lacht), hat der Rabe einfach ein Schneebad genommen.
Und was weiter?
Der Rabe, der dir Angst eingejagt hat, ist älter als ich. Bei Gelegenheit erzähle ich dir mehr über ihn, ich weiß aber nicht alles von ihm.

7.11.

Der Schamane verbringt viele Stunden im Sitzen auf seiner selbstgefertigten, sogenannten Sessel-Bank und blickt dabei auf das zugefrorene Meer. Diese Bank ist einer der wenigen Plätze außerhalb seiner Hütte, wo er auch schläft. Dieser Vorgang vollzieht sich in ungewöhnlicher Weise: Der Schamane legt sich schlagartig hin und schläft ebenso abrupt ein. Nach etwa fünfzehn bis zwanzig Minuten erwacht er, ist sofort vollkommen munter und sitzt mit einem Ruck wieder aufrecht. Ich habe dieses interessante Schauspiel selbst drei Mal innerhalb von fünf Stunden beobachten können.
Wenn der Schamane auf seiner Bank sitzt, kann ich mich zu ihm gesellen und ein Gespräch beginnen, doch gerade während dieser Stunden sind die Pausen zwischen meinen Fragen und den Antworten des Schamanen besonders lang. Der Schamane sagt, er beobachte »die Wellen des Eises«, während es für mich immer nur eine scheinbar endlose, völlig ebene weiße Fläche bildet. Der Schamane meint, das ganze Leben der Bäume, des Eises, der Menschen, der Wolken bestehe aus Wellen, und manchmal reden wir darüber.
Das Leben ist also eine Welle?
Siehst du, wie sich die Wellen auf dem Meer auftürmen und dann wieder in sich zusammenfallen?
Ja.
Die Berge – das sind auch Wellen, nur eben sehr, sehr langsame. Kannst du das verstehen?
Vielleicht kann ich das.
Derjenige, der sieht, dass die Berge Wellen sind, sieht auch, dass die Völker ebenfalls Wellen sind. Im Augenblick ist die Welle des einen Volkes am Aufsteigen, eines anderen am Abfallen.
Wovon hängt der Aufstieg ab?
Von der Stärke mancher Menschen.
Woran erkennt man starke Menschen?
Der starke Mensch überwindet neue Hindernisse mit ruhiger Gelassenheit, unabhängig davon, ob sie vorhersehbar waren oder nicht. Anders ausgedrückt: Die Umstände zerstören seine Welle nicht.

8.11.

Der Schamane führt sehr selten Gespräche mit Geistern, da er sehr selten darauf vorbereitet ist.
Ohne Vorbereitung darf man die Geister aber nicht ansprechen; ein unvorbereiteter Mensch verärgert sie. Vorbereitung heißt für den Schamanen: absolute Klarheit des Bewusstseins und völlige Freiheit von Hektik . Um das zu erreichen, räuchert er seine Hütte mit einem Gemisch aus Wacholder und anderen Kräutern, die zu dem jeweiligen Geist passen, tanzt sehr rhythmisch und singt mit tiefer Stimme ein Lied, das genau zu dem Zeitpunkt und der jeweiligen Situation des Geistes passt. Wobei er sich das nicht aussuchen kann, er hat keine Wahl. Wie sich das Gespräch mit dem Geist abspielt und worauf es abzielt, hat mir der Schamane nie geschildert oder erklärt. Als ich ihn danach fragte, begründete er seine Ablehnung mit dem Fehlen der dafür notwendigen Fachausdrücke in meiner Sprache. Nach Überzeugung des Schamanen kann sich dieses Vokabular nur parallel zu den Praktiken herausbilden. Manchmal befrage ich ihn jedoch in seiner Eigenschaft als »Geister-Experte«:
Warum helfen die Geister mal und mal nicht?
Die Geister können nur unter bestimmten Bedingungen helfen.
Was sind das für Bedingungen?
Die Geister würden dir in keiner Sache helfen, die du selbst erledigen könntest. Wenn du aber dem Ende deiner Möglichkeiten nahegekommen bist und an den Grenzen deiner Möglichkeiten handelst – dann werden dir die Geister helfen.

8.11.

Als ich mit dem Schamanen über das Wirken der Geister und die Kommunikation mit ihnen sprach und ihm Fragen dazu stellte, antwortete er, meine Sprache hindere mich daran zu verstehen, was ein »Geist« eigentlich ist. Als ich dem Schamanen von der Hypothese der linguistischen Relativität und dem Determinismus erzählte, meinte er, meine Sprache selbst stelle die Grenzen der Hypothese auf. Seiner Meinung nach sollte man sie anders formulieren und sie »Hypothese der Relativitätspraktiken« nennen. Weil der Mensch überhaupt nicht über das sprechen kann, was er selbst praktiziert.