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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Buch
Eigentlich wollte Genny ein ruhiges Leben ohne Vampire und sonstige übernatürliche Wesen führen, aber das will nicht so recht klappen. Ihre Agentur »« hat ständig Aufträge für sie, bei denen sie mutwillig ausgesprochene Zauber bekämpfen muss. Außerdem wird sie von nervenden Geistern heimgesucht, die ihre Hilfe brauchen. Ihre Nachbarn, allesamt Hexen, würden sie liebend gern vor die Tür setzen, und mit ihrem Liebesleben steht es auch nicht zum Besten. Ihr Ex, wenn man ihn denn so nennen kann, und jetziger Chef schafft es nicht, sich zu entscheiden, ob er ihre Beziehung rein geschäftlich belassen will oder ob ihm eine Affäre auch recht wäre. Und dann sind da auch noch diese Vampire, die ständig vor ihrer Tür stehen. Aber als wäre das alles noch nicht genug, passiert plötzlich etwas, das Genny völlig aus der Bahn wirft. Einer ihrer Freunde wird tot aufgefunden, angeblich soll er durch Sidhe-Magie umgebracht worden sein. Da Genny selbst aus dem Volk der Sidhe ist, kann sie das nicht glauben. Sie macht sich selbst daran, den wahren Mörder zu finden. Doch um die Wahrheit herauszubekommen, muss sie die gefährlichsten Wesen der Stadt aufsuchen. Und plötzlich dreht sich alles gegen sie. Schließlich ist sie die einzige bekannte Sidhe in London. Und nicht nur die Polizei ist hinter ihr her, sondern auch die einflussreichsten magischen Wesen Londons …

Autorin
Suzanne McLeod hatte schon viele Jobs in ihrem Leben, bevor sie mit dem Schreiben begann. Unter anderem verdingte sie sich als Barkeeperin, Managerin einer Tanzgruppe und als Cocktail-Kellnerin. »Der Kuss des Todes« ist bereits ihr zweiter Roman mit der Vampirjägerin Genevieve Taylor. Die Autorin lebt an der Südküste Englands mit ihrem Mann und zwei Hunden und schreibt bereits an ihrem nächsten Roman.
 
Von Suzanne McLeod außerdem bei Goldmann lieferbar:
Süßer als Blut. Roman (47103).

In Liebe,
für Josh, Harry und Lillie.

1. Kapitel
Das Kind stand barfuß im prasselnden Regen; eisige Windböen peitschten ihr das lange, dunkle Haar ins Gesicht. Ihr schäbiges Nachthemd schlotterte um ihren mageren Körper. Sie konnte nicht älter als acht oder neun Jahre sein. Zornig starrte sie mich an.
Das Herz klopfte mir bis zum Hals, als ich sie erblickte, und ein Schauder lief mir über den Rücken, als würde mir jemand mit den Fingernägeln über die Wirbelsäule streichen. Die Leute liefen achtlos an ihr vorbei über den weiten, gepflasterten Vorplatz und auf die warmen Lichter von Covent Garden zu, den überdachten Markt mit seinen malerischen kleinen Geschäften und Cafés, seinen Straßen-Entertainern und Verkaufsbuden.
Es war Ende Oktober, und der Herbststurm, der durch London toste, sorgte dafür, dass bestimmte magische Artikel reißenden Absatz fanden: Ganzkörper-Regenschirme, Trockenfuß-Pfützen, regenabweisende Haarspangen und derlei mehr. Niemand blieb stehen an diesem Spätnachmittag, um der Kleinen zu helfen, keiner bemerkte sie außer mir.
Aber sie war schließlich ein Geist.
Und nicht viele Menschen haben die Fähigkeit, Geister zu sehen.
Ich bin eine Sidhe Fae. Ich kann Geister sehen. Aber das Sehen ist nicht das Problem – schwierig wird es erst, wenn so ein Geist beschließt, mir nachzugeistern so wie Cosette, die mir vor zwei Wochen zum ersten Mal erschienen war und mich seitdem verfolgte. Auch schien es nichts zu nützen, dass ich mir sagte, Geister können den Lebenden nichts anhaben, denn jedes Mal, wenn ich sie sah, empfand ich den überwältigenden Drang, kehrtzumachen und davonzulaufen.
Ich holte tief Luft und joggte auf sie zu. Sie streckte mir flehend die Arme entgegen, den Mund zu einem stummen Schrei aufgerissen, doch ich hörte nur das Tosen des Windes.
Ich blieb vor ihr stehen, musste ein Schaudern unterdrücken.
»Cosette, so geht das nicht weiter. Wir müssen unbedingt einen Weg finden, miteinander zu kommunizieren.« Ich seufzte frustriert, sodass ich meine Angst beinahe vergaß. »Ich will dir ja helfen, aber das kann ich nicht, wenn ich nicht weiß, was du von mir willst.«
Sie packte ihr langes Hemd und riss es auf. Auf ihrer mageren Brust prangten drei blutige, sich überlappende Halbmonde. Ich sah sie nicht zum ersten Mal – sie hatte sie mir schon mindestens ein Dutzend Mal gezeigt -, aber mein Magen krampfte sich dennoch vor Zorn und Abscheu zusammen. Wer brachte es fertig, einem Kind so etwas anzutun? Ich wusste, die Zeichen hatten etwas mit der Mondgöttin zu tun. Sie waren weder tödlich, noch waren sie frisch, denn Cosette war, nach dem Stil ihres Nachthemds zu urteilen, schon seit etwa hundertfünfzig Jahren tot. Ich wusste nicht, warum man sie derart gebrandmarkt hatte, ob dies etwas mit ihrem Tod zu tun hatte und warum sie mich verfolgte.
Ich hatte mich natürlich umgehört, Erkundigungen eingezogen, das Internet durchforstet, ja sogar einen fruchtlosen Nachmittag in der Hexenabteilung der British Library verbracht – ohne Ergebnis. Ich hatte ein Medium aufgesucht, und auch das hatte sich als reine Geld- und Zeitverschwendung erwiesen. Nicht mal ihren Namen kannte ich – Cosette war meine Erfindung, nicht ihr richtiger Name. Jetzt blieb mir nur noch, einen Nekromanten zu fragen. Aber Nekros sind nicht leicht zu finden. Es ist zwar legal, die Toten zu befragen, aber sie sich untertan zu machen, das ist verboten.
Trotzdem – Cosette und ich brauchten Hilfe.
»Ja, ich sehe es.« Schaudernd starrte ich die hervortretenden, blutigen Symbole an. Das Wasser tropfte mir von den Haarspitzen und lief mir eiskalt in den Nacken. »Aber ich weiß immer noch nicht, was du von mir willst.«
Sie ließ die Arme sinken und stampfte frustriert mit dem Fuß auf. Dann reckte sie wie üblich den Hals und spähte um mich herum, als würde sie jemanden sehen. Ihre Äthergestalt begann zu flackern, und sie verschwand, als würde man eine Kerze ausblasen.
Nervös fuhr ich herum. Ich hatte das Gefühl, dass sich diesmal tatsächlich jemand oder etwas an mich herangeschlichen hatte. Suchend schaute ich mich um. Vor mir ragte die Fassade der St. Paul’s Kathedrale ehrfurchtgebietend in die Höhe. Ein warmes Licht, wie von Kerzen, schien durch die hohen Buntglasfenster nach draußen. Unter dem Vordach der Kathedrale drückten sich drei Souler zusammen, sogenannte Seelenschützer.
Ich bekam eine Gänsehaut, was nicht nur an meinen nassen Joggingschuhen und der durchweichten Steppweste lag. Ihre langen grauen Wappenröcke mit dem roten Kreuz der Kreuzritter waren im Schein der Dachlaterne gut zu erkennen. Flüchtig fragte ich mich, was sie noch hier suchten und warum sie sich nicht längst in die U-Bahn zurückgezogen hatten, ihren bevorzugten Aufenthaltsort bei schlechtem Wetter; schließlich hatte es keinen Zweck, die Menschheit vor Vampiren, Hexen und allem Magischen – was mich und den Rest von Londons Fae mit einschloss – zu bewahren, wenn niemand da war, dem man die Heilsbotschaft verkünden konnte.
Ich beachtete sie nicht länger und suchte stattdessen die Kirche nach etwas ab, das Cosette erschreckt haben könnte. Die Seitentore standen weit offen und gaben den Blick auf den kleinen, zugewachsenen Friedhof frei, der hinter der Kathedrale lag. Da war ein Fleck, ein Schatten, der sich fast unmerklich von seiner Umgebung abhob. Ich konzentrierte mich darauf …
»Ja wen haben wir denn da? Wenn das nicht die Vampir-Schlampe ist!«, höhnte eine gehässige, nur allzu vertraute Stimme. »Wartest wohl auf deinen Blutsauger-Zuhälter, wie?«
Ich wandte mich langsam zu der Stimme um und musterte mein Gegenüber kühl. Sie stand feixend unter einem riesigen schwarzen Regenschirm. Ihre lockigen braunen Haare ähnelten in der feuchten Luft mehr denn je einem Wischmopp. Die dunkelblaue Security-Uniform, die sie trug, spannte sich über ihr pralles Fleisch. Sie sah darin aus wie das Michelin-Männchen.
Ex-Police-Constable Janet Sims.
Das »Ex« war ihre Schuld: Sie hatte sich in einen Berufskollegen, einen guten Freund von mir, verguckt und aus Eifersucht einen Notruf von mir nicht weitergeleitet. Das war ihre Entscheidung gewesen, aber natürlich gab sie mir die Schuld daran, dass man sie rausgeworfen hatte. Pech für mich war nur, dass sie diesen Job bei Covent Garden Security gefunden hatte und mir nun »zufällig« jeden Tag auf die Zehen stieg.
»Nö, sie wartet auf die Paparazzi, stimmt’s?«
Janet Sidekick, eine üppige Wasserstoffblondine, formte mit den Händen einen imaginären Fotoapparat und tat, als ob sie mich knipste. »Hiiier ist das Vögelchen, Ms Taylor!«, kreischte sie, dann zog sie eine Schnute. »Aber die Paps haben das Interesse an dir verloren, Genevieve. Keiner schert sich mehr einen Dreck um dich. Und keiner will eine Sidhe-Schlampe hier haben, also warum verziehst du dich mit deinen orangen Katzenaugen nicht zu deinen Blutsaugern, nach Sucker Town, wo du hingehörst?«
Ich seufzte. Seit mein Bild zusammen mit dem – jetzt Gott sei Dank glücklich gestorbenen – Oberguru-Vamp in den Zeitungen erschienen war, hatte ich mehr Ärger, als ich mir je hätte vorstellen können. Trotzdem, Dick und Dick hier waren ein kleines – wenn auch aufgrund des riesigen Schirms ärgerlicherweise trockenes – Problem, obwohl sie mit fast mehr Eifer nach meinem metaphorischen Blut lechzten als die Vamps. Ich war bis jetzt ruhig geblieben, hatte mich nicht von ihnen provozieren lassen, aber …
»Tut mir leid, aber ich kann nicht ewig hier herumstehen und mit euch plaudern«, erklärte ich zuckersüß, »ich hab ein heißes Date mit einem sexy Satyr.«
Leider war der Satyr bloß mein Boss, und das heiße Date war Arbeit, aber was macht man nicht alles, wenn man’s mit zwei Harpyien zu tun hat, die mehr Ähnlichkeit mit zwei gemästeten Thanksgiving-Truthähnen haben. Das monstergrüne Aufglühen ihrer Augen nahm ich mit einem zufriedenen Schmunzeln wahr und wandte mich ab, um weiterzujoggen. Auf ihr gehässiges Gemurmel achtete ich nicht.
Als ich den Platz überquert hatte und um die Ecke biegen wollte, warf ich einen letzten Blick zu den beiden zurück. Ich konzentrierte jenen Teil von mir, der Magie sehen kann, auf ihren Schirm. Und richtig: Ein Sturmauge-Zauber hing wie ein Strudel über dem schwarzen Monsterschirm und hüllte die beiden Gestalten in einen fettigen Schimmer.
Ich zögerte. Alles, was ich tun musste, war, die Hand auszustrecken und den Zauber herbeizurufen. Der Wind würde Wischmopp den riesigen Schirm aus der Hand reißen, und die beiden würden im prasselnden Regen stehen wie die sprichwörtlichen nassen Ratten. Um der Versuchung zu widerstehen, machte ich eine Faust. Nein, sagte ich mir, du lässt dich nicht auf ihr Niveau herab. Das war ihr Gestichel nicht wert. Natürlich waren Worte nur so lange harmlos, als sie nicht mit einem Zauberspruch behaftet waren – aber Janet und ihr Sidekick waren keine Hexen, sie waren lediglich Töchter von Hexen. Ihre Väter waren Menschen, keine Sidhe. Die beiden mochten vielleicht in einer Welt der Magie leben, ja manchmal sogar einen Blick darauf erhaschen, aber sie konnten nicht selbst zaubern wie ihre Mütter. Sie mussten sich jeden Zauber kaufen, wie alle anderen auch, und Zaubersprüche, die ihr Geld wert waren, waren nicht billig, wie ich nur zu gut wusste.
Ich lachte ein kurzes, freudloses Lachen. Ich mochte ja eine Sidhe sein, ein magisches Wesen, aber ich konnte genauso wenig zaubern wie die beiden fetten Truthennen. Ich konnte Magie zwar sehen, sie zu mir rufen, knacken oder gar absorbieren, aber das war auch schon alles. Selbst zaubern konnte ich nicht – einer dieser Streiche, die einem die kapriziöse Magie spielt. Immerhin war dieses Problem eins meiner ältesten – im Gegensatz zu anderen, die im Moment viel weiter oben auf meiner Liste standen. Zum Beispiel, was die geisterhafte kleine Cosette von mir wollte.
Nachdenklich joggte ich zu meiner Wohnung zurück. Wo, zum Teufel, sollte ich einen Nekro aufstöbern? Außer vielleicht buchstäblich in der Hölle?
 
Fünf Minuten später war ich zu Hause und im Trockenen. Oder besser gesagt, in der trockenen Eingangshalle meines Wohnhauses. Ich musste noch fünf Stockwerke erklimmen, bevor ich zu meiner Mansardenwohnung gelangte. Ich legte meine Handfläche auf die Haustür, und der Schutzzauber glühte kobaltblau auf, bevor er, sich aktivierend, mit der Tür verschmolz. Ich nahm meine Hand weg und atmete den vertrauten Geruch nach Bohnerwachs ein, leider vermischt mit neueren und unangenehmeren Gerüchen nach Knoblauch und modriger, feuchter Erde.
»Blöde Hexen«, brummte ich naserümpfend.
Ich knipste das Licht an, aber wie üblich ohne Erfolg: Mr. Travers, der Hausmeister, hatte sämtliche Glühbirnen aus dem prächtigen Lüster, der in der hohen Eingangshalle des edwardianischen Hauses hing, herausgeschraubt. Er machte gerade eine scheue Phase durch.
Meine Hexen-Nachbarinnen störte das nicht, die konnten sich jederzeit Licht zaubern. Aber obwohl ich orangefarbene Katzenaugen habe – ich bevorzuge es, sie bernsteinfarben zu nennen -, ist meine Nachtsicht nicht stärker als meine Zauberkraft, weshalb ich mich auf das trübe Licht verlassen musste, das durch das bogenförmige Sprossenfenster über der Haustür hereinfiel und die Schatten, die sich im Treppenhaus zusammenballten, nicht vertreiben konnte. Ich warf einen furchtsamen Blick nach oben und zuckte zusammen: Im ersten Stock stand eine schlanke schwarze Gestalt.
Mit klopfendem Herzen spähte ich in die Düsternis, dann seufzte ich zitternd vor Erleichterung auf. Es war nur ein Reisigbesen, den eine der Hexen zur Abwehr aufgestellt hatte. Verdammte Hexen! Allmählich gingen sie mir wirklich auf die Nerven. Nicht nur, dass sie das Treppenhaus mit Knoblauch verpesteten, jetzt machten sie einem auch noch das Vorbeikommen schwer. Na wenigstens war’s kein Geist. Schaudernd holte ich das Handtuch hervor, das ich in einer Sporttasche unter der Treppe deponiert hatte, und rieb mir Gesicht und Haare trocken. Dann schlüpfte ich aus den nassen Joggingschuhen – Eligius, der Putzkobold, schätzte Wasserflecken auf seinen makellos blitzenden, schwarz-weißen Fliesen nicht – und streifte ein trockenes Sweatshirt über. Endlich wurde mir wärmer.
»Genny«, brummte eine tiefe Bassstimme, die mich erschreckt zusammenfahren ließ. »Auf ein Wort?«
Mit sinkendem Mut drehte ich mich zu unserem Hausmeister um, ein höfliches Lächeln auf mein Gesicht gepflastert. »Aber gerne, Mr Travers.« Solange dieses Wort nicht Rausschmiss lautet, fügte ich im Stillen hinzu und blickte zu dem fast zweieinhalb Meter großen Bergtroll auf.
Er wirkte auf mich noch immer wie der unglaubliche Hulk, bloß dass der Film-Hulk grün war, wohingegen Mr. Travers’ Haut unterschiedliche Brauntöne aufwies. Er steckte in einem voluminösen karamellbraunen Sackkleid aus Samt, das ihm vom Hals bis zu den Fußknöcheln reichte. Seine klumpigen braunen Arme waren unbekleidet. Die hellbeigen Flecken waren seine natürliche Hautfarbe, die dunkelbraunen Stellen dagegen waren Erdklumpen. Mr. Travers liebte es, sich ein wenig beim Buddeln unter der Erde zu entspannen, und mochte es gar nicht, wenn man ihn störte, aber meine lieben Nachbarinnen schienen wenig Rücksicht darauf genommen zu haben.
»Hexe Wilcox hat sich leider schon wieder beschwert«, brummte er. Auf seiner Stirn tauchten tiefe Risse auf.
Hexe Wilcox wohnte im dritten Stock und war die Stimme, die am lautesten nach meinem Rausschmiss verlangte. Und nicht nur das, sie war bis zu ihrer Pensionierung ein einflussreiches Mitglied des Hexenrats gewesen, also nicht jemand, den man einfach ignorieren konnte.
»Ich wüsste nicht, was ich angestellt hätte«, sagte ich diplomatisch.
»Es geht nicht darum, was du angestellt hast oder nicht, Genny«, brummte er mürrisch. »Sie erwartet ihre Enkelin zu Besuch. Das Mädchen hat offenbar kürzlich ihren Job verloren und jetzt auch noch ihren Freund. Ist ein bisschen geknickt. Hexe Wilcox möchte nicht, dass ihre Enkelin in ihrem derzeitigen verletzlichen Zustand ausgerechnet einer Sidhe über den Weg läuft« – er tippte auf meinen Briefkasten -, »vor allem nicht einer Sidhe, die von Vampir-Fanpost überschwemmt wird.«
Zur Hölle mit der Diplomatie!
»Was glaubt sie denn, was ich tun würde? Ihre Enkelin in einen Vamp-Nachtclub verschleppen und sie zwingen, sich beißen zu lassen, bloß weil mir die Vamps ein paar Liebesbriefe schicken?« Ich schnaubte. »Ich meine, selbst wenn ich so abgrundtief blöd wäre, ihre Enkelin ist eine Hexe, und kein Vampirclub, der nicht seine Lizenz verlieren will, würde sie über die Türschwelle lassen.«
»Das weiß ich, Genny, und sie sollte das auch wissen.« Er kratzte sich heftig am Arm. Dicke Erdklumpen lösten sich und fielen klatschend auf die Marmorfliesen. »Ich hab versucht, sie an den alten Pakt zu erinnern und ihr begreiflich zu machen, dass kein Vampir in ganz England es wagen würde, ihr oder ihrer Enkelin etwas anzutun, aber das wollte sie nicht hören.«
Dieser Pakt war nicht nur alt, sondern uralt. Er ging zurück ins vierzehnte Jahrhundert, als es zu einem Aufeinandertreffen von Hexen und Vampiren mit einer von der Kirche sanktionierten Hexenjäger-Miliz kam. Die Null-Toleranz-Politik der Jäger gegenüber allem, was zaubern oder irgendwie hexen konnte, kannte keine Unterschiede zwischen Hexen und Vampiren. Im Angesicht dieses gemeinsamen, übermächtigen Feindes hatten die Hexen und Vampire einen Pakt geschlossen: Leben und leben lassen. Und dieser Pakt gilt bis heute.
Natürlich neigen die Hexen heutzutage dazu, zu vergessen, wer sie davor bewahrt hat, gemartert und auf dem Scheiterhaufen zu Chips geröstet zu werden. Die Vampire dagegen haben ein längeres Gedächtnis und eine längere Lebensspanne – dank der Gabe der Transformation, womit die Verwandlung eines Menschen in einen Vampir gemeint ist, gibt es heute noch einige, die damals dabei gewesen waren. Auch haben die Vamps einen ausgeprägten Ehrbegriff – sie stehen gewöhnlich zu ihrem Wort. Daher sind Hexen oder jene, die unter ihrem Schutz stehen – wozu ich bis vor einem Monat selbst noch gehört hatte -, die Letzten, die auf dem Tisch eines Vampir-Dinners landen würden, anstatt am Tisch zu sitzen.
Was die Hexen zu meinem Pech jedoch nicht davon abhält, paranoid zu sein.
»Das wollte ich dir bloß sagen, Genny.« Von Mr. Travers’ Schädel stieg eine besorgte beigebraune Staubwolke auf. »Tut mir echt leid, du bist eine gute Mieterin.« Seine Brauen senkten sich mitfühlend. »Aber wenn sie ihre Beschwerde weiter nach oben trägt, kann ich nichts mehr machen.«
»Ich weiß, dann liegt sie in den Händen des Hexenrats.« Ich tätschelte ihm tröstend den Arm, was ich allerdings bereute, denn dabei löste sich ein dicker Lehmklumpen, und seine Haut schaute wund und nass darunter hervor. Der feuchte, erdige Geruch intensivierte sich, und ich musste an mich halten, um nicht zu husten.
»Hoffen wir, dass der Rat sie nicht zu ernst nimmt«, sagte ich, sobald ich wieder reden konnte.
»Ich werde trotzdem ein gutes Wort für dich einlegen, Genny.« Er steckte die Hand in die Tasche seines beigen Samtkittels und holte eine Spitztüte hervor, die er mir, gleichsam als Entschuldigung, anbot. »Butterkiesel?«
Ich nahm mir einen, weil ich nicht unhöflich sein wollte. »Danke«, sagte ich lächelnd, »den hebe ich mir für später auf.« Viel später. Oder besser gesagt, nie, denn ich halte nicht viel davon, mir die Zähne zu brechen. »Und danke, dass Sie mir Bescheid gesagt haben. Ich versuche, das mit den Vampirbriefen irgendwie zu lösen.«
Sein Mund teilte sich zu einem Lächeln, und ich konnte seine abgewetzten beigen Zähne sehen.
»Äh, ich dachte … hm, ja, ich wollte dich was fragen, Genny.« Er blickte verlegen zu Boden und scharrte mit seinen schiefertafelgroßen Zehen einen Haufen Erde zusammen. »Wenn du nichts dagegen hast?«
»Natürlich nicht.«
Den Erdhaufen verlegen hin und her schiebend, brummte er: »Ich überlege, mich polieren zu lassen.« Er schaute mich kurz an, blickte aber sofort wieder zu Boden. »Hab’ne Menge davon gehört, aber ich weiß nicht, ob … ich nicht vielleicht schon zu alt dafür bin. Aber an Halloween findet eine Party statt, und« – er streckte seine fleckigen Arme aus – »so kann ich da nicht hingehen.«
»Äh, ich glaube nicht, dass -«
»Die jüngeren Trolle lassen sich’s fast alle machen und auch ein paar von den Betontrollen«, fuhr er nervös fort. Ein besorgter Ausdruck breitete sich auf seinem zerklüfteten Gesicht aus. »Aber ich möchte nicht blöd oder so aussehen. Was denkst du? Ist das eine gute Idee oder nicht? Aber ich bin mir nicht sicher, ob es wehtut. Ein paar von diesen neuen Methoden … Was denkst du?«
Ich blinzelte wie ein Mondkalb. Ausgerechnet mich fragte er? Ich war wohl kaum die Richtige, um einem Troll Schönheitstipps zu geben. Außerdem mochte ich Mr. Travers; ich wollte ihn keinesfalls falsch beraten. Aber der einzige Troll, den ich kannte, war mein guter Freund Hugh – Detective Sergeant Hugh Munro -, und der erholte sich derzeit bei seinem Stamm in seinen heimatlichen schottischen Bergen von einer Dienstverletzung. Hugh war eher ein Traditionalist, aber apropos Hugh …
»Tja«, sagte ich stirnrunzelnd, »ich kenne einen Troll, der sich kürzlich hat polieren lassen. Er ist bei der Polizei, Constable Taegrin ist sein Name.« Und Constable Taegrin wusste vielleicht auch, wo ich einen Nekro auftreiben konnte, also … »Ich könnte ihn anrufen und fragen, ob er Sie in Sachen Polieren berät, was meinen Sie?«
»Das wäre toll, Genny, vielen Dank!« Mr. Travers’ Gesicht drohte in zwei Teile zu zerbrechen, so breit war sein Grinsen. »Wusste ich doch, dass es eine gute Idee ist, dich zu fragen.« Er hielt mir abermals seine Spitztüte hin. »Noch ein Butterkiesel?«
Ich nahm mir noch einen und blickte ihm dann nach, wie er, etwas über Schaufel und Besen vor sich hinmurmelnd, in Richtung Keller verschwand. Noch ein wenig verwirrt von diesem bizarren Gespräch, steckte ich die Butterkiesel in meine Sporttasche zu meinen nassen Joggingschuhen. Dann wandte ich mich zum Stein des Anstoßes um, meinem überquellenden Briefkasten.
Kein Wunder, dass Hexe Wilcox Zustände bekam.
Plötzlich ertönte die unheimliche Titelmusik des Films Halloween, und ich zuckte zusammen. Ich brauchte einen Moment, bis mir klar wurde, dass es mein Handy war. Der Klingelton war nicht auf meinem Mist gewachsen, den hatte ich mir sozusagen im Dienst für »verdient«. Ich hatte vor einiger Zeit eine Gruppe Gemlins davon abgehalten, die Tower Bridge zu demontieren. Aus Rache hatten sie mein Handy verflucht. Seit einer Woche versuchte ich nun schon, den Fluch zu knacken – vergebens. Obwohl Halloween vor der Tür stand und es daher gar nicht so unpassend war, wenn das Handy verschiedene Titelmelodien bekannter Horrorfilme zum Besten gab, verschreckte es die Kunden. Irritiert holte ich das Handy aus der Gesäßtasche meiner Joggingshorts, doch als ich die Caller-ID sah, freute ich mich.
»Grace«, sagte ich, doch dann fiel mir ein, warum sie anrief: Sie machte sich Sorgen wegen meines Vamp-Mail-Problems. Und obwohl ich sie dafür liebte, dass sie sich Sorgen um mich machte, konnten wir beide gut und gerne auf den zusätzlichen Stress verzichten. Ich versuchte es mit einem Ablenkungsmanöver. »Ich nehme an, du kennst nicht irgendwelche Nekros?«
»Ich bin Ärztin, Genny, kein Informationsdienst«, sagte sie mit der für sie typischen No-Nonsense-Stimme. »Außerdem glaube ich nicht, dass ein Nekromant dir helfen kann, wenn’s kein Medium kann. Wie gesagt, warte bis Halloween, dann kannst du sowieso mit deinem kleinen Gespenst reden.«
Ich schlang mir schaudernd mein Handtuch um die Schultern. »Vergiss es. Ich werde nicht ausgerechnet die Nacht von Halloween auf einem Friedhof verbringen. Das wäre ja, als würde man dich zwingen, in einem Raum voller Spinnen zu hocken.«
»Ha! Du bist diejenige, die mir andauernd versichert, dass Spinnen harmlos sind und einem nichts tun können. Dasselbe gilt für Gespenster. Außerdem wär’s billiger als ein Nekro.« Sie hielt inne. »Andererseits wird’s in der Klinik gerade in dieser Nacht hoch hergehen. Du wirst wahrscheinlich gar keine Zeit haben, auf einem Friedhof herumzulungern.«
Die HOPE-Klinik – HOPE steht für Human, Other and Preternatural Ethical Society – ist ein Krankenhaus, in dem magische Unfälle behandelt werden, und Opfer von Vampir-Attacken sowie jene, die unter 3V – Vampir-Venom-Virus -, einer Vampirgift-Infektion, leiden. Grace war eine der dortigen Fachärztinnen. Wir hatten uns in der Klinik kennengelernt und waren Freundinnen geworden. Und sie hatte recht: Die Nacht von Halloween war schlimmer als drei Vollmondnächte zusammengenommen. Sämtliche Irren der Stadt – Vampire und andere – waren dann auf den Straßen unterwegs, und die HOPE-Klinik war jedes Mal überfüllt mit jenen, die sich plötzlich fragten, ob Getting Fanged – von einem Vampir gebissen zu werden – wirklich so cool war, wie sie gedacht hatten.
»Sag nichts«, warf ich ein, während ich erst auf dem einen, dann auf dem anderen Bein herumhopste, um meine nassen Socken auszuziehen. »Man will mich bitten, reinzukommen und auszuhelfen.«
»Bitten? Wohl kaum.« Sie lachte. »Der neue Krankenhausverwalter hat dich und alle anderen Freiwilligen bereits auf den Dienstplan gesetzt.«
»Bestimmt hat ihm jemand das Tape vom letzten Jahr gezeigt.« Ich warf die Socken zu den Schuhen in die Sporttasche. »Das mit dem Chelsea-Coven, den Hexen aus Chelsea, die die Panik gekriegt haben, weil ihre Töchter beschlossen hatten, einen in Sucker Town draufzumachen.«
In einem Promi-Vampir-Club gebissen zu werden ist relativ ungefährlich – dort sehen die Vamps nur dann rot, wenn sie rote Zahlen schreiben, was nie vorkommt, da das Geschäft blüht. Niemand gerät dort in die Gefahr, sich 3V einzufangen, höchstens einen Brummschädel aufgrund von überenthusiastischem Blutspenden. Und davon erholt man sich wieder. Aber Sucker Town, die Stadt der Vampire, ist gerade an Halloween ein populäres Ausflugsziel. Und dort ist es nicht ganz so ungefährlich. Vampire verstehen unter Trick or Treat mitunter etwas ganz anderes als Menschen.
»Sie hatten Glück, dass die Vamps einen großen Bogen um sie machten und keine gebissen, geschweige denn infiziert wurde«, schnaubte Grace. »Leichtsinnige, törichte Gänse. Wollen hoffen, dass der Vortrag über die Gefahren von 3V und die Nebenwirkungen von G-Zav« – dem Methadon für Vampirgift-Junkies – »sie davon abhalten wird, dieses Jahr etwas ähnlich Dummes zu versuchen.«
»Hoffe ich auch«, sagte ich inbrünstig. Ich kannte mich aus mit den Nebenwirkungen von G-Zav, da ich seit meinem vierzehnten Geburtstag, vor zehn Jahren, an 3V litt. Von G-Zav abhängig zu sein, das macht wirklich keinen Spaß, aber es ist immer noch besser, als zum Vampir-Schoßhündchen zu verkommen, wie man jene nennt, die nicht von G-Zav, sondern einem Blutsauger abhängig sind.
Zumindest hatte ich das bis vor kurzem immer gedacht.
Aber in letzter Zeit hatte ich so meine Zweifel.
»Mal abgesehen von deinem kleinen Gespenstproblem«, sagte Grace fröhlich und riss mich aus meinen meandernden Gedanken, »wie geht’s meiner Lieblings-Sidhe heute?«
Ich schnaubte. »Ich bin die einzige Sidhe in London und die Einzige, die du kennst, also herzlichen Dank für das Kompliment, Grace.«
»Sind irgendwelche Vampire aufgetaucht?«, erkundigte sie sich besorgt.
Ich verdrehte die Augen, was sie natürlich nicht sehen konnte. »Nein, kein Vampir ist hinter dem Briefkasten hervorgesprungen und hat sich auf meinen Hals gestürzt. Ich bin immer noch hier, schlucke immer noch Tabletten und hab – bis jetzt – keinen Blutverlust erlitten.«
»Das kann ich schon aus der Tatsache ersehen, dass du überhaupt am Telefon bist«, bemerkte sie trocken.
Ich grinste. »Deine Schlussfolgerungen sind wie immer messerscharf, my dear Watson.«
»Lassen wir die Schmeicheleien mal beiseite«, sagte sie in einem etwas schärferem Ton, »wie viele sind’s diesmal?«
Sie meinte die Liebesbriefe. Ich zupfte an den Einladungen, die aus meinem Briefkastenschlitz ragten. »Wie üblich«, versuchte ich sie abzuwimmeln. Seit meine 3V-Erkrankung öffentlich bekannt geworden war, konnte ich mich vor Einladungen der Blutsauger kaum retten. Ich war dadurch noch begehrenswerter für sie geworden. Immerhin gaben sie sich bis jetzt noch mit ausgesucht höflich formulierten Einladungen zufrieden. In identischen, dicken, cremefarbenen Briefumschlägen bat man mich, an diesem oder jenem Promi-gespickten Event teilzunehmen. Aber das flaue Gefühl in meinem Magen war ein Hinweis darauf, dass es nicht lange dauern würde, bis sie den Postweg satt haben und in persona vor meiner Türschwelle erscheinen würden. Eine reizende Aussicht.
»Wie viele?«, wiederholte Grace streng.
Wenn Grace etwas wollte, war sie ebenso schwer davon abzubringen wie ein Hund von seinem Knochen, also gab ich mich geschlagen. »Warte kurz.« Ich legte das Handy auf den Briefkasten und holte die Post aus meinem Fach. Verärgert schaute ich die Umschläge durch. Auf dem Ersten stand Genevieve Taylor, Bean Sidhe, in schwungvoller, rostroter Schrift. Ich hielt den Umschlag an meine Nase. Er roch ganz schwach nach Lakritz und Kupfer. Mir lief das Wasser im Mund zusammen – der Absender hatte die Tinte mit seinem eigenen Blut vermischt. Aber Vampire lassen keinen Trick aus, wenn es gilt, sich selbst zu promoten. Ohne auf das lästige Pochen meiner Halsschlagader zu achten, zählte ich die Umschläge. Dann griff ich zum Handy.
»Heute sind’s neun«, gestand ich.
»Zwei mehr als gestern!«, rief sie erschrocken. Ich hörte ein Klappern im Hintergrund: Sie klopfte mit ihrem Stift auf ihren Schreibtisch. »Das ist nicht gut.«
»Was du nicht sagst«, brummte ich. »Ich komme mir vor, als hätte ich ein riesiges Schild um den Hals: Sexy Sidhe – das Must-Have-Accessoire dieses Herbstes! Jeder Vampir sollte eine am Arm haben! Es wird nicht lange dauern, und sie stehen vorm Haus Schlange. Und dann werden die Hexen erst richtig ausflippen.«
Grace seufzte. »Apropos Hexen, hast du schon was vom Hexenrat gehört? Wird man dir wieder Schutz gewähren?«
»Glaube nicht, dass ich ganz oben auf ihrer Prioritätenliste stehe.« Ich legte die Einladungen auf den Briefkasten und kreuzte die Finger, was Grace zum Glück nicht sehen konnte.
»Warum dauert das so lange? Die hätten doch schon längst -«
Ich zuckte zusammen. Jetzt kam’s.
»Du hast gar keinen Antrag gestellt, stimmt’s?«, schimpfte sie. »Warum nicht, Genny? Und sag jetzt bloß nicht, dass es was mit Sidhe-Stolz oder etwas ähnlich Blödsinnigem zu tun hat.«
»Mit Stolz hat das nichts zu tun, Grace.« Ich zupfte an einem losen Faden meines Handtuchs und zog ihn heraus. »Es würde nichts bringen, das ist alles. Du weißt selbst, dass ich meinen Job bei Spellcrackers nur wegen des Mr.-Oktober-Fiaskos behalten durfte. Und es ist nicht nur der Job, es ist auch meine Wohnung.«
Ich brauchte die Erlaubnis oder wenigstens Duldung der Hexen, um weiter in Covent Garden leben zu können. Und ich lebte gerne dort.
»Ich kann schon von Glück reden, dass sie mich weiter hier wohnen lassen. Wer weiß, was passiert, wenn ich noch mehr verlange …« Außerdem würde mir, wenn es so weiterging, wahrscheinlich ohnehin bald gekündigt werden, aber das behielt ich für mich.
»Ich finde trotzdem, dass du zumindest fragen solltest, Genny«, sagte sie. »Dann könntest du dir wenigstens diese verrückte Idee aus dem Kopf schlagen, ein Arrangement mit diesem Vampir zu treffen …« Ihr Bürotelefon klingelte, und sie sagte: »Ich muss Schluss machen, Küsschen, Genny.«
Voll schuldbewusster Erleichterung darüber, dass ich diesem speziellen Thema noch einmal entkommen war, schob ich das Handy wieder in meine Hosentasche. Mein Blick fiel missbilligend auf die Einladungen der Vamps. Ich nahm die erste nochmals zur Hand, drehte sie um und schaute mir die Rückseite an.
Der Umriss eines Kleeblatts war in das rote Wachssiegel gedrückt worden. Ich wusste daher, dass der Brief von Declan, dem Oberhaupt des Red Shamrock Clans, stammte, einem von vier Londoner Vampirsippen. Der hinterhältige irische Bastard wusste nie, wann man aufhören sollte. Rasch schaute ich mir auch die Siegel an den übrigen Umschlägen an.
Der, den ich fast ängstlich ersehnte, war nicht dabei.
Malik al Khan.
Der Vampir, mit dem ich ein »Arrangement« treffen wollte.
Seit fast einem Monat hatte ich nichts mehr von ihm gehört.
Und ich fragte mich allmählich, ob ich je wieder etwas von ihm hören würde.
Falls nicht, waren all die Diskussionen mit Grace über den Sinn eines solchen Arrangements überflüssig. Malik war der Einzige, der für mich in Betracht kam, um mein 3V-Problem auf die alte Art – ohne G-Zav – zu lösen. Ich traute keinem der anderen Vamps. Ihm zwar auch nicht, aber …
Ich zerriss die Umschläge und warf sie in den Behälter für Junkmail.
Ich wünschte nur, ich könnte die Vamps auch so leicht loswerden …
Ich machte die Augen zu und massierte meine Schläfen. Ich hatte Kopfschmerzen, eine Nebenwirkung der G-Zav-Tabletten. Die Dinger zu schlucken, als wären es Bonbons, war zwar die einzige Möglichkeit, meine Vampir-Venom-Sucht unter Kontrolle zu halten, aber es war ungefähr so angenehm, als würde man sich bei lebendigem Leib in einer Zwergenesse rösten lassen.
Seufzend steckte ich das Handtuch zu den anderen Sachen in die Sporttasche und machte mich daran, das nach Knoblauch stinkende Treppenhaus zu erklimmen.
Was mich wirklich wunderte, war, warum noch kein Vampir einen auf Höhlenmensch gemacht und hier aufgetaucht war, mich über seine Schulter geworfen und in seinen Bau verschleppt hatte. Was natürlich illegal gewesen wäre, aber trotzdem. Vampiren ist es verboten, in irgendeiner Weise Zwang auszuüben, sowohl physisch als auch psychisch – außer natürlich mit Zustimmung des Opfers (nur dass es jetzt nicht mehr Opfer heißt, sondern Kunde oder, salopper, Fang-Fan). Und die Vampire sind gut darin, den gesetzestreuen Bürger zu spielen. Es ist schon fast dreißig Jahre her, seit jemand für übereifriges Saugen unter der Guillotine landete, Anfang der Achtziger nämlich.
Aber die Menschen halten uns Fae nicht für ebenso beschützenswert wie ihre eigene Rasse, was teilweise daran liegt, dass wir immun gegen die Hypnosekünste der Vamps sind – außer natürlich, wir leiden unter 3V. Auch hält man uns oft für gefährlicher als die Blutsauger, die immerhin früher mal Menschen waren. Wir sind also eine Minderheit, die weder über eine politische Lobby verfügt noch – in vielen Fällen – so attraktiv ist wie die Vamps. Kein Wunder also, dass wir sozusagen das Stiefkind unter den intelligenten Rassen sind.
Was wiederum dazu führt, dass die Vamps uns als Freiwild betrachten.
Was wir bräuchten, überlegte ich, wäre eine wirklich gute PR-Kampagne, ähnlich wie die Vampire, die vor dreißig Jahren aus ihren verstaubten Särgen stiegen und ihr Image ordentlich aufpolierten. Ob der damalige PR-Manager noch zu haben wäre? Nicht, dass ich eine solche Kampagne hätte bezahlen können. Ich konnte mir ja gerade mal meine Miete leisten – und das auch nur wegen des Wohngeldzuschusses, den ich dank meines Jobs bei einer Hexenfirma erhielt.
Ich hatte inzwischen den dritten Stock erreicht. Hier war der Knoblauchgestank geradezu betäubend. Hustend blieb ich stehen, den Blick böse auf Hexe Wilcox’ Tür gerichtet. Wenn sie es schaffte, mich rauswerfen zu lassen, würde ich keinen Wohngeldzuschuss mehr brauchen.
»Aua!« Etwas hatte mich an der nackten Wade gestochen. Schmerzerfüllt hüpfte ich auf einem Bein herum. Dann schaute ich mir die Tür genauer an.
Kacke. Sie hatte nicht nur den Knoblauch ein bisschen zu dick aufgetragen. Offenbar hatte sie außerdem ihren Tür-Schutzzauber ein wenig verstärkt. Vor der Türe waberte eine Art lila Seeanemone und streckte ihre veilchenblauen Tentakel ins Treppenhaus. In der Mitte der Anemone klaffte ein dunkles Loch wie ein aufgesperrtes Maul.
»Na so was«, murmelte ich verblüfft. Das Ding sah mehr aus wie eine Art Venus-Fliegenfalle für Vamps und nicht wie ein eher defensiver Abwehrzauber. Meine Wade pochte, als hätte mir jemand ein Brandeisen aufgedrückt.
Was immer das für ein Zauber war, ich wollte lieber nicht mehr mit ihm in Berührung kommen.
Vorsichtig drückte ich mich an der Wand entlang weiter Richtung Treppe. Die Tentakel begannen aufgeregt herumzutasten. Einer zischte dicht an meiner Brust vorbei, und ich hielt unwillkürlich die Luft an. Dann duckte ich mich, um einem anderen, der mir eine Ohrfeige verpassen wollte, zu entgehen. Es roch so stark nach Knoblauch und Bleiche, dass meine Augen zu tränen begannen. Als drei weitere Tentakel bedrohlich auf mich zukamen, machte ich einen Tigersprung auf die rettende Treppe zu. Ein Tentakel erwischte mich im Nacken. Ich jaulte auf, geriet ins Stolpern und konnte mich gerade noch am Treppengeländer festklammern.
Erschöpft ließ ich mich auf eine Stufe sinken und tastete zittrig nach meiner Wade. Die Haut war zwar nicht aufgeplatzt, aber sie war rot und geschwollen, als hätte ich einen Peitschenhieb bekommen. Ich betastete behutsam meinen Nacken. Er fühlte sich genauso an. Was, zum Teufel, dachte sich die alte Hexe eigentlich? Ein solches Ding zu beschwören. Aber was war es eigentlich? Mir kam es total übertrieben vor, selbst in Anbetracht ihrer exzessiven Sorge um ihre Enkelin.
Die Alte war doppelt und dreifach abgesichert: Da war zunächst mal der Abwehrzauber unten an der großen Haustür, den kein Vampir überwinden konnte, und dann noch ihr eigener Schwellenzauber, der im Grunde genommen unnötig war, denn kein Vampir kann die Wohnung eines Menschen ohne dessen ausdrückliche Erlaubnis betreten.
Außer natürlich, die Alte war dumm genug gewesen, einem Vampir diese Erlaubnis zu erteilen.
Ich funkelte den Zauber böse an. Die Tentakel wogten nun wieder täuschend friedlich hin und her, aber, so kam es mir vor, wachsam, abwartend.
»Ich sollte dieses Dings in die Luft sprengen«, brummte ich böse, »das würde der Alten nur recht geschehen.« Ich rieb meine Wade. Das Problem war nur, wenn man einen Zauber knackt, dann explodiert die Magie zwar und kehrt in den Äther zurück, aber auch alles, was damit verbunden ist. Und ich konnte mir kaum vorstellen, dass ich den Hexen sympathischer werden würde, indem ich ihre Haustüren in Kleinholz verwandelte.
Natürlich könnte ich den Zauber vorsichtig aufdröseln, das war zwar mühsamer, aber sicherer. Doch so viel Zeit wollte ich dafür nicht investieren. Außerdem würde sie ihn dann ohnehin ersetzen.
Verdammt. Ich überlegte, ob ich mich bei Mr. Travers beschweren sollte, aber der Knoblauchgestank bedeutete, dass der Zauber auf Vampire abzielte – nicht, dass Knoblauch einen Vampir davon abhalten kann, zuzubeißen; manche schätzen sogar die zusätzliche Würze im Blut. Immerhin, wenn man sich die Pulspunkte mit ein, zwei frischen Zehen einriebe, würde das einen Vampir schon abschrecken, ebenso wie Chili – rote, geschwollene Lippen sind schlecht fürs Image, ganz abgesehen von dem höllischen Brennen. Natürlich funktioniert das mit den Knoblauchzehen nur dann, wenn der Vamp noch bei Verstand und nicht in einen Blutrausch verfallen ist. Dann hält ihn so gut wie gar nichts mehr auf.
Warum es außerdem nach Bleiche stank, wusste ich nicht. Vielleicht eine ebenso handliche wie ätzende Grundierung? Aber was immer der Grund sein mochte, dieser AnemonenZauber war kein Witz.
Wenn ich es recht überlegte, konnte ich mich nicht beschweren. Der Grund hierfür lag in meinem anderen kleinen Geheimnis – das noch nicht herausgekommen war. Wie sollte ich beispielsweise erklären, dass ein Zauber, der auf Vampire abzielt, sich an mir austobt? Ich bezweifelte, dass ich mich mit 3V rausreden konnte – das ließe sich zu leicht widerlegen -, und zuzugeben, dass mein Vater ein dreihundert Jahre alter Vampir ist, kam nicht infrage. Dann würde ich nicht nur meine Wohnung, sondern auch meinen Job verlieren. Nein, ich konnte und durfte kein Aufhebens machen.
Plötzlich dudelte der Titelsong von Nightmare on Elm Street durchs Treppenhaus und riss mich aus meinen Gedanken. Verfluchte Gremlins! Ich angelte mein Handy aus meiner Hosentasche. Es war eine SMS von Grace. Sie kündigte an, nach ihrem Dienst zu mir kommen zu wollen. Ich textete zurück und schrieb, ich müsse arbeiten und sie solle sich einfach selbst reinlassen, ich würde dann später kommen. In diesem Moment fiel mein Blick auf die Zeitanzeige, und ich vergaß alles, Gremlins, Geister, Hexen und blutsaugende Vampire. Ich musste zur Arbeit – mein »heißes« Date mit einem Satyr oder besser gesagt, mit Finn, meinem Boss. Wenn ich mich nicht sehr beeilte, würde ich zu spät kommen.
Und dann würde es tatsächlich ein ziemlich heißes Date werden, aber leider aus den falschen Gründen.

2. Kapitel
Mein Date war heiß, was allerdings nichts mit Finn, meinem Boss, zu tun hatte, sondern mit den riesigen Heizaggregaten, die heiße Luft durch die unterirdischen Tunnel bliesen und ein Klima erzeugten, in dem sich höchstens feuerspeiende Drachen wohlfühlten, aber keine armen, halbgaren Elfen.
Nun, mit der Hitze kam ich noch einigermaßen zurecht. Was mir mehr Probleme bei diesem Job bereitete, das waren die Geister.
Und da kam schon wieder einer um die Ecke geschlurft. Mit gesträubten Nackenhaaren nahm ich’s zur Kenntnis. Kleine Staubwölkchen stiegen von den aufgedunsenen, schwarzen, halb verwesten Füßen dieses ganz besonders originellen Exemplars auf. Ein tiefer Schnitt verunzierte seine linke Wange, und der Knochen blitzte weiß und schleimig hervor. Seine Augen stierten ausdruckslos aus tiefen Höhlen, und seine Nase war schwarz und halb abgefault. Er kam direkt auf uns zu – ich zählte die Sekunden rückwärts, drei, zwei, eins -, dann stieß er an die magische Kuppel, in der Finn und ich saßen. Der aufgerissene, lippenlose Mund presste sich an die unsichtbare Wand, mit seinen knochigen Fingern tastete er die Oberfläche nach einem Schwachpunkt ab – direkt vor mir, nur etwa anderthalb Meter entfernt. Ich unterdrückte ein Schaudern und rutschte unruhig auf meinem Liegestuhl hin und her. Als er merkte, dass kein Durchkommen war, schob er sich an der Kuppel entlang an uns vorbei, bis er zu seiner üblichen Route zurückkehrte. Dann schlurfte er davon.
Mit einem Seufzer der Erleichterung gab ich die Zeit seines Erscheinens neben seinem Namen – Scarface – in meinen Laptop ein. Um ganz sicherzugehen, kopierte ich die Daten auf meinen Pad. Der Laptop war zwar mit einem extrastarken Schutzkristall ausgestattet, aber es musste bloß was schiefgehen – eine magische Irritation -, und ich säße mit einem geknackten Laptop, einer toten Festplatte und einer unwiederbringlich verlorenen Geisterzählung da.
Mit dem Stift auf mein Pad klopfend, fragte ich mich wohl zum hundertsten Mal, wie es kam, dass ich meine Nächte unter der London Bridge beim Geisterzählen verbringen musste. Vor allem angesichts meiner unheimlichen Begegnungen mit Cosette. Und das hier waren nicht irgendwelche Geister – es waren die Geister von Pestkranken aus dem vierzehnten Jahrhundert. Meine Phobie ist schwer genug zu ertragen, wenn die Toten normal aussehen, auf das ganze Zeug, das einem den Magen umdreht, kann ich gut und gerne verzichten. Ganz zu schweigen davon, dass wir hier tief unter den Brückenfundamenten saßen, in den sogenannten Katakomben.
Unsere Liegestühle standen direkt auf den Massengräbern der Pestopfer.
Konnte meine Nacht noch schlimmer werden?
»Das ist jetzt das fünfte Mal, dass er das gemacht hat«, sagte ich und zeichnete ein kleines Edvard-Munch-Gesicht mit weit aufgerissenem Mund an den Rand meines Blocks. »Ich hatte gehofft, dass er mittlerweile kapiert hat, dass hier ein Hindernis ist.«
Finn blickte abwesend von seinem Buch auf – einer Historie der London Bridge -, und mein Herz machte den üblichen närrischen Hopser. Ich hielt ihm die übliche Standpauke: Klar, Finn war ein attraktiver Mann – besser gesagt, Satyr -, und viele Frauen – und nicht wenige Männer – wurden beim Anblick seiner starken, männlichen Gesichtszüge schwach. Und nicht nur bei seinem Gesicht: seine breiten Schultern, die muskulösen Oberarme, die sein dunkelblaues T-Shirt zu sprengen drohten. Selbst seine Hörner, die etwa drei Zentimeter aus seinen lockigen, dunkelblonden Haaren ragten, wirkten attraktiv und verstärkten seine Männlichkeit.
Aber diese sexy Schale war bloß Schein. Es war sein üblicher Glamour, seine magische Maske, mit der er menschlicher zu erscheinen versuchte. Seine engsitzenden, ausgewaschenen Jeans gaben keinen Hinweis darauf, dass seine Beine normalerweise mit einem glänzenden braunen Fell bedeckt waren und er einen Schwanz hatte (noch einen, meine ich).
Das ist bloß Schein, ermahnte ich mich, nichts, was dir Herzklopfen machen sollte. Ja klar, als ob ich mir das abnahm. Und das Schlimmste war, dass seine wahre Gestalt nicht weniger attraktiv war – nur wilder, unzivilisierter eben. Aber sein Glamour machte es ihm leichter, sich in der Menschenwelt zu bewegen. Ein bisschen Andersartigkeit war okay – ja, es erhöhte sogar den Appeal -, aber zu viel, und die Monster namens Voreingenommenheit und Vorurteil hoben ihre hässlichen Häupter, und die Menschen griffen nach ihren nicht sehr metaphorischen Heugabeln.
Kacke. Wenn das so weiterging, wurde ich noch zum Pessimisten. Kein Wunder, wenn mir gehässige Truthennen und paranoide Nachbarn das Leben schwer machen.
»Wer hat was gemacht?« Zwischen Finns Brauen erschien eine feine Linie.
Ich seufzte. Vielleicht lag’s ja auch daran, dass ich hier mit einem heißen Satyr zusammensaß, der das Interesse an mir verloren zu haben schien. Früher hatte er sich ständig an mich rangemacht, es war mir mitunter fast zu viel geworden. Nicht, dass ich nicht hätte nachgeben wollen – ich hatte mir nicht etwas Langfristiges erhofft, natürlich, aber zumindest ein hübsches Hier und Jetzt. Doch aufgrund meines kleinen Geheimnisses hatte ich immer nein sagen müssen.
Dann war diese Sache mit Mister Oktober passiert. Finn hatte wie üblich den Ritter in schimmernder Rüstung spielen und mich retten wollen. In einem letzten verzweifelten Versuch, ihn abzuschrecken, hatte ich ihm verraten, dass es sinnlos war, mich vor den Vampiren retten zu wollen, da mein Paps einer von ihnen war und ich früher oder später auf die eine oder andere Weise wieder im Schoß der Blutsauger landen würde.
Er war sehr still geworden, eine nicht unerwartete, aber nichtsdestotrotz verletzende Reaktion. Am Ende hatten wir dann irgendwie einander und uns selbst gerettet. Ich hatte natürlich erwartet, meinen Job zu verlieren, da er nun ja über mich Bescheid wusste.
Aber nichts dergleichen war geschehen. Im Gegenteil, er hatte sogar im Hexenrat ein gutes Wort für mich eingelegt.
Und mein Geheimnis für sich behalten.
Doch hatte die Tatsache, dass mein Vater ein Vampir ist, einer möglichen Beziehung zwischen uns – abgesehen von der rein beruflichen – offenbar den Todeskuss verpasst.
Nicht, dass ich das nicht verstehen konnte.
Trotzdem, es tat weh.
»Gen, wer hat was getan?«, wiederholte er, und der zerstreute Ausdruck in seinen herrlichen moosgrünen Augen verschwand.
»Scarface ist gerade vorbeigeschlurft«, erklärte ich und zeigte mit meinem Stift auf die in einen Seitentunnel entschwindende Gestalt, einer von vielen Nebentunneln, die von dem Haupttunnel, in dessen Mitte wir saßen, abgingen. Diese Tunnel waren früher als Lagerräume benutzt worden – bevor alles ausgebuddelt und in eine Touristenattraktion verwandelt worden war. Wir saßen an einer großen T-Kreuzung und zählten die vorbeischlurfenden Geister.
»Er ist schon wieder an den Bannkreis gestoßen«, fügte ich hinzu und war froh, dass meine Stimme nicht zitterte.
Finn musterte prüfend den etwa drei Quadratmeter großen Bannkreis, in dem wir saßen. Er hatte ihn selbst an dieser großen Kreuzung gezogen, unter Verwendung von Salz als Bindemittel, Eibenholzschnitzeln, um die Toten fernzuhalten, und Salbei für Schutz und Klarheit. Wenn ich genau hinsah, erkannte ich, dass uns der Kreis wie eine große Luftblase überspannte – kein sehr beruhigender Gedanke, wenn knochige Finger versuchten, sich hineinzubohren.
»Beim Zeus, Gen, der Kreis ist völlig in Ordnung«, sagte Finn und kratzte sich gereizt hinter dem linken Horn. »Da muss schon mehr kommen als ein paar Geister, die anklopfen.«
»Ich weiß.« Ich seufzte und hob meinen Laptop vom Schoß, um meinen Oberschenkeln ein wenig Kühlung zu gönnen. Ich setzte ihn auf der rechten Lehne ab. Aber es war nicht bloß der Zirkel; ich hatte das Gefühl, Scarface warnen zu müssen, ihm sagen zu müssen, dass er einen Bogen um uns machen sollte.
Finn zeigte mir lächelnd seine prächtigen weißen Zähne, die sich vorteilhaft von seinem gebräunten Gesicht abhoben. »Ich weiß, du machst dir Sorgen, Gen, aber entspann dich einfach, ja? Es ist alles in Ordnung.«
»Klar«, antwortete ich halbherzig, und er widmete sich wieder seiner Lektüre.
Aber entspannen ist schwierig, wenn einem der Schweiß über den Rücken läuft und man eine Gänsehaut hat. Besorgt richtete ich den Blick wieder nach vorn in die hell erleuchteten Tunnel und wartete auf die nächste geisterhafte Erscheinung. Vergebens redete ich mir ein, dass es keinen Grund gab, Angst zu haben. Scarface und die anderen waren lediglich Abdrücke von Seelen, Schatten, die aufgrund eines gewaltsamen Todes zurückgeblieben waren und nun auf Replay festhingen wie eine defekte DVD. Falls er je Angst oder Entsetzen empfunden, falls er je etwas von den Lebenden gewollt hatte, war das längst vorbei.