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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 

DER AUTOR
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Nicola Bardola wurde 1959 in Zürich geboren. Er studierte Germanistik und verfolgt seit 1985 die Entwicklung des Kinder- und Jugendbuchmarktes.
Nicola Bardola begründete die Reihe »Wegweiser durch die internationale Kinder- und Jugendliteratur« (Internationale Jugendbibliothek), betreute Buch- und Illustratoren-Ausstellungen und war u.a. Juror beim Premio Sestri Levante H. C. Andersen und beim Preis Junge Kritiker. Zuletzt erschien sein Buch zum Twilight-Phänomen Bestseller mit Biss – Alles über die Autorin Stephenie Meyer (2009, Heyne). Bardola bloggt für »« und dreht Videocasts mit »FOCUS SCHULE«. Gemeinsam mit Susanna Wengeler, Stefan Hauck und Mladen Jandrlic gründete er den »Senter Kreis« zur Leseförderung »mit-bilderbuechern-waechst-man-besser. de«.

Von Nicola Bardola sind bei cbj und cbt bereits erschienen:
 
Lies doch mal!
Ganz aktuell – Die 50 besten
Kinder- und Jugendbücher
(27039)
 
Lies doch mal! 2
50 wichtige Jugendbücher
(30342)
 
Lies doch mal! 3
Die besten Kinder- und
Jugendbücher 2008 (21843)
Lies doch mal! 4
Die besten Kinder- und
Jugendbücher 2009 (22002)

Ich sah auf die Fensterscheibe, in der sich das Zimmer spiegelte. Ich folgte mit dem Blick dem Muster des Teppichs. Ich wollte Bob überhaupt nicht ansehen. Was, wenn er das nicht getan hätte, wenn er seinen Mund gehalten hätte? Wäre mein Vater noch da?
 
Jenny Valentine, Wer ist Violet Park?
 
 
 
VSB

Lauter Lieblingsbücher
Seit fünf Jahren erscheint der Almanach Lies doch mal!, ein Bücherverführer für alle. Hier finden Kinder- und Jugendliteraturexperten Rosinen – und Lesemuffel werden für gute Geschichten begeistert.
Die Auswahl fällt schwer, denn es werden zum Glück mehr als 50 empfehlenswerte Kinder- und Jugendbücher bzw. -hörbücher im Jahr veröffentlicht. Deshalb die Regel, dass hier möglichst nur druckfrische Titel vorgestellt werden. Und ich hole mir Verstärkung, wähle also nicht alleine aus. Es gibt auch viele Buchhändler, Journalisten, Künstler, Literaturkritiker und Autoren, die für Lies doch mal schreiben und mich manchmal auf Versäumnisse im jeweils vorangegangenen Band aufmerksam machen.
In diesem Jahr stellt Einar Turkowski mit großer Begeisterung und kollegialer Kenntnis Shaun Tan vor, Ulrike Schultheis erzählt von einem fabelhaften Ereignis in ihrem Laden anlässlich des Buches Der Panther im Paradies, und Gabriele Hoffmann schrieb mir begleitend zu ihrer Rezension des Hörbuches Schmetterlingsküsschen: »Das kleine Mädchen im Rollstuhl ist die Patentochter von Frau Kleeberger, der Autorin. Sie ist ein sehr krankes Kind (ich glaube, sie hat die Glasknochenkrankheit – die Schübe kommen immer wieder, es wird immer schlimmer) und dieses Mädchen hat diese Geschichte selbst erlebt. Sie ist auch sehr stolz, dass die Tante daraus eine so schöne CD gemacht hat... Übrigens hat Frau Kleeberger gerade einen großen Erfolg zu verbuchen: Die Staatsoper unter den Linden in Berlin hat sie engagiert. Kennen Sie ihre Märcheneinspielungen? Jede Aufnahme ist ein Leckerbissen.«
Ob Hörbuch-Verlag oder traditioneller Verlag: Es wird dort großartige Arbeit geleistet. Die Klagen über Mainstream und Massenware haben in Lies doch mal! keinen Platz. Denn ich konzentriere mich hier auf vorbehaltlos empfehlenswerte Lektüre für Kinder- und Jugendliche. Herausragende Titel, die 2008 und davor erschienen sind, dürfen nicht verschwinden.
Ich bedanke mich bei allen Mitarbeitern für die gute Zusammenarbeit und freue mich auf die nächsten fünf Jahre, in denen Leseförderung verstärkt auch im Internet als Videocast stattfinden wird. Auf stelle ich jede Woche im Rahmen der Lies doch mal!-lnitiative ein neues Buch vor. Drehort: die Buchhandlung »Hugendubel« in München am Marienplatz. Auch hier kommen viele engagierte Leser zu Wort.
Für die ersten fünf Ausgaben dieses Almanachs haben ihre Lieblingsbücher empfohlen:
Friedrich Ani, Brigitte Briese, Roswitha Budeus-Budde, Klaus Eck, Wieland Freund, Amelie Fried, Susanne Gaschke, Stefan Hauck, Alexa Hennig von Lange, Rudolf Herfurtner, Gabriele Hoffmann (Buchhandlung »Leanders Leseladen«), Christine Knödler, Sabine Körner (Buchhandlung »Spielewurm«), Michael Krüger, Florian Langenscheidt, Katrin Maschke (Buchhandlung »Waldmann«), Gundel Mattenklott, Cornelia Maul (Buchhandlung »Pusteblume«), Isabella Merk (Buchhandlung »Hugendubel«), Gaby Miketta, Nicoletta Miller (Buchhandlung »Wortwahl«), Doris Müller-Höreth (Buchhandlung »Pelzner«), Nikolaus Nützel, Inga Nobel, Monika Osberghaus, Stefanie Perstat, Mirjam Pressler, Christiane Raabe, Monika Raabe (Buchhandlung »Ravensbuch«), Brigitte Riebe, Peter Seiler und Andrea Scheidemann (Buchhandlung »Schatzinsel«), Bernhard Schmidtmann (Buchhandlung »Tintenherz«), Eva Schöffmann-Davidov, Ulrike Schultheis (Buchhandlung »Bücherjolle«), Einar Turkowski, Renate Schmidt, Tilman Spreckelsen, Hermann Vinke, Claudia Vogel-Bichmann (Buchhandlung »Tatzelwurm«) und Susanna Wengeler. Die Umschlaggestaltung und Innenillustrationen von »Lies doch mal!« haben Rotraut Susanne Berner, Sybille Hein, Klaus Renner, Anabel von Sperber und Sabine Wilharm übernommen. Für das Lektorat der fünf Bände zeichnet Frank Griesheimer.
Nicola Bardola
München, im Juli 2009

Bilderbuch
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Schwebende Leichter und Schiffe, die fliegen
Buch- Tipp von Einer Turkowski (Autor und Illustrator)
Shaun Tan
Ein neues Land
Interessiert man sich für Bilderbücher (bei Illustratoren kommt das vor), wird man bald erkennen, dass man um eine grobe Kategorisierung nicht herumkommt, wenn es darum geht, die ständig anwachsende Zahl der Sammelstücke in das eigene Bücherregal zu sortieren. Wählt man zu diesem Zweck ein handelsübliches Ikea-Regal (Illustratorengehälter sind eher knapp bemessen), so hat man hierfür genau acht gleichgroße Fächer zur Verfügung.
Geht man weiter davon aus, dass die schlechten Bücher zunächst unter der Couch, dem Bett oder dem Kühlschrank verstaut werden (weil man nicht nur Illustrator, sondern auch Idealist ist), wird man wahrscheinlich damit beginnen, die normal guten Bücher zuunterst einzuordnen, vielleicht so, dass sich ihre Buchrücken in ihren Farben nebeneinander nicht unbedingt beißen. Dies sind jene Bücher, die man zwar aus irgendeinem Grunde in seiner Sammlung nicht missen möchte, bei denen man jedoch bereits im Vorfeld schon ahnt, dass man sie eher selten hervorholen wird, um darin zu blättern.
In die Fächer darüber, sagen wir von Kniehöhe bis Kopfhöhe und somit deutlich besser greifbar, werden alle weiteren Schmuckstücke aufgereiht, hübsch ordentlich nach Farben und Größen, Autoren und Verlagen. Wenn das Verhältnis zwischen schlechten und all den anderen Büchern stimmt, so bleibt eigentlich nicht mehr viel Regalfläche übrig, wären da nicht noch diese ganz speziellen Titel, für die man stets das oberste linke Regalfach freigehalten hat. Es sind solche, bei denen man sogar darauf achten würde, dass das Regal so ausgerichtet ist, dass ihre Buchrücken keiner direkten Sonneneinstrahlung ausgesetzt sind, damit sie nicht vergilben, und bei denen ebenso darauf geachtet wird, dass sie immer von zwei ähnlich großen Büchern eingefasst werden, damit sie nicht unnötigen Biegekräften ausgesetzt werden. Eigentlich sind es genau diejenigen Bücher, bei denen man sich fragt, weshalb man sie überhaupt ins erste Fach ordnet, wähnt man diese Schätze doch besser in einem Tresor aufbewahrt. Solch ein Buch ist jenes von Shaun Tan, mit dem Titel Ein neues Land.
Und weil ein Tresor (sei er auch noch so klein) kein ordinäres Möbelstück eines idealistischen Illustrators ist und gute Bücher gelesen und betrachtet werden wollen, ziehe ich es gleich wieder heraus, um es noch ein wenig mehr ins gute Licht zu rücken, in der Hoffnung, es auch anderswo einmal an oberster Stelle eines Bücherregals entdecken zu können.
Die Geschichte ist schnell zusammengefasst. Es geht um einen Familienvater, der auswandert in ein fernes Land, um einen Neuanfang zu wagen und um Schlimmerem zu entgehen, denn zu Hause liegt etwas Bedrohliches in der Luft. Es geht um all die Schwierigkeiten und Hindernisse, die damit verbunden sind, nun ein völlig neues und vollkommen fremdartiges Land zu betreten, dort Arbeit zu finden und Fuß zu fassen. Es geht um Bangen und Hoffnung, um Liebe, Freundschaft und Freude. Und es geht um eine großartige Entdeckungsreise. Denn weil diese Geschichte völlig ohne Worte auskommt, wird der Leser sofort in sie einbezogen. Er ist gezwungen, sich die Geschichte selbst zu erarbeiten, und nimmt so gleichsam ohne Zeitverzögerung an ihr teil.
Der Leser ist ebenso dem Neuen ausgeliefert wie der Protagonist. Dies geschieht in einer überaus unaufdringlichen, in einer neutralen und betrachtenden Art und Weise, eine Methode, die zudem auf ausführlicher Recherche zu beruhen scheint, und zwar bis ins kleinste Detail. Ein interessanter Effekt tritt auch dadurch auf, dass der Text fehlt; so wird man aufgefordert, jedem Bild das nächste folgen zu lassen, will man die Geschichte verstehen. Man benötigt ein wenig Zeit für diese Art der Betrachtung, die irgendwo zwischen Kino, Comic und Bilderbuch liegt, aber viel interaktiver ist, stets mit der Möglichkeit verbunden, lange in den Bildern zu verweilen, denn es gibt viel zu entdecken. Die allein in warmen Grauwertstufen gehaltene grafische Gestaltung ist so gekonnt, dass sich der Mund weit öffnet vor Staunen und Ehrfurcht. Shaun Tan weiß, wie er mit grafischen Mitteln umzugehen hat, um sie gezielt für seine Zwecke einzusetzen. In Verbindung mit seiner ihm eigenen Fantasie und seinem famosen Strich erschafft er Welten, Situationen, Details, die sofort zu verzaubern wissen.
Ein überragendes Werk also, das trotz oder vielleicht sogar gerade wegen des fehlenden Wortes direkt das Gefühl anspricht und durch seine einzigartige Formensprache eine Wirkung entfaltet, der man sich nicht entziehen kann. Dabei ist Shaun Tan ein Allroundtalent, das sich nicht nur in der Schwarz-Weiß-Grafik zu Hause fühlt, schaut man beispielsweise auf sein Buch Geschichten aus der Vorstadt des Universums, welches neben dem hier vorgestellten Buch ebenfalls in diesem Jahr für den Jugendliteraturpreis in der Sparte »Bilderbuch« nominiert wurde, was ich mit großer Freude wahrnahm.
Die großformatigen und doppelseitigen Bilder von Ein neues Land bringen einen zwischendurch immer wieder dazu, in einer längeren Betrachtung zu versinken. Die machtvolle Stimmung, die Detailfülle und die Wärme der dunstigen Horizonte, in denen manchmal ganze Stadtlandschaften verborgen liegen, laden dazu ein. Hin und wieder gibt es auch Gegenstände oder Gebäude, die man wiederzuerkennen glaubt. Manche erinnern an Szenerien aus dem alten Europa, andere an die damaligen Pforten der neuen Welt. Da liegen schon einmal gesehene Fischerboote an einem überaus atmosphärischen Strand und anderswo erscheinen riesenhafte Industriehallen oder gigantische Figuren, die aussehen wie Freiheitsstatuen. Überall trifft man auf merkwürdige Wesen, kleine drollige Geschöpfe, die man irgendwann als eine Art Haustier klassifiziert. In der Einfachheit ihrer Formensprache bilden sie einen reizvollen Kontrast zu den sonst naturalistischen und sehr lebendigen menschlichen Figuren.
Und immer mal wieder erscheinen sonnenartige Gebilde, die diese Welt im Kleinen und im Großen erhellen. Die warmen Grautöne tun ihr Übriges, um alles in eine freundliche und wohlige Grundstimmung zu tauchen. Lediglich zwei Rückblenden, die als kurze Zwischensequenzen abwechslungsreich in die Handlung integriert wurden, sind vom Hintergrund her etwas abgesetzt und deutlich finsterer. So freundlich die meisten Bilder sind, so unheimlich sind jene, die von Vertreibung und Krieg erzählen. Will man eine strahlende Helligkeit erzeugen, wird man nicht drum herumkommen, sie neben eine tiefe Schwärze zu setzen, inhaltlich wie gestalterisch. Ein uraltes Prinzip, nicht nur in der Grafik.
Bestaunenswert sind auch die unzähligen kleinen Alltagsgegenstände, die zwar in ihrer Funktion bekannt sind, die Shaun Tan aber stets in irgendeiner Form abwandelt. Da gibt es Tassen mit Stiel, seltsame Küchengeräte, Zeitungen mit fremdartigen Schriftformen, Gabeln, die so völlig anders aussehen als die, die wir kennen. Nahezu jedes Bild hält eine Überraschung bereit, vielleicht auch deshalb, weil man stets aufgefordert wird, in Bildern zu denken. Nichts wird in Begrifflichkeiten erklärt, aber fast alles ist inhaltlich klar und erschließt sich einem bei genauerem Hinsehen. Einiges bleibt jedoch auch rätselhaft, was aber nun mal nicht ausbleibt, wenn man sich in einem völlig fremden Land bewegt.
Zudem ist die unglaubliche Vielfalt von menschlichen Charakteren allein schon aus zeichnerischer Sicht überwältigend. Jede Bewegung sitzt, jeder Ausdruck ist auf den Punkt und auf das Blatt gebracht. Wie macht dieser Mann das bloß, frage ich mich und überlege, ob ich darüber verzweifeln oder vor Neid erblassen soll. Ich entscheide mich dafür, diese Kunst achtungsvoll anzuerkennen und einfach nur glücklich zu sein, dass es dieses Buch gibt. Dank der umfangreichen Ausstattung hält dies lange an.
Wie schön ist zum Beispiel, dass der Verlag ein Lesezeichenband eingearbeitet hat, falls man tatsächlich zwischendurch eine Pause einlegt oder einfach, um sich sein Lieblingsbild schnell zugänglich machen zu können. – Aufgrund des erfreulich großen Buchumfangs prophezeie ich jedoch, dass allein für letzteren Zweck ein einziges Band kaum ausreichen wird. Ich zähle unglaubliche 128 Seiten!
Da wundert es einen nicht im Geringsten, dass der Autor vier Jahre für die Fertigstellung des Werkes benötigte. Gute Sachen brauchen eben Zeit. Und ich hoffe, dass dies auch bei den Verlagen entsprechend honoriert wird, damit solch meisterliche Werke nicht gänzlich aussterben. Da dies aber eher Hoffnung als Realität ist, wünsche ich mir, dass Shaun Tan mit diesem Buch den diesjährigen Jugendliteraturpreis erhält.
Ein neues Land ist eines der besten Bilderbücher, das mir je begegnet ist. Es ist ein fulminantes Werk, das nicht nur etwas zu erzählen hat, sondern auch ein hohes Maß an Menschlichkeit hervorbringt durch eine ihm innewohnende positive Energie. Besonders das Schlussbild könnte dies nicht schöner und bewegender vermitteln.
Danke, Shaun Tan, für dieses bereichernde Buch, das ich nun erst einmal wieder zurück ins Regal stelle, vorsichtig und behutsam.
 
Einar Turkowski wurde 1972 in Kiel geboren. Für sein erstes Bilderbuch Es war finster und merkwürdig still erhielt er mehrere Auszeichnungen.
 
Shaun Tan wurde 1974 in Perth in Australien geboren. Er ist in seiner Heimat bereits hoch berühmt und vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem New South Wales Premier’s Literary Award für die hier vorgestellte Graphic Novel Ein neues Land.
 
Shaun Tan: Ein neues Land. Carlsen 2008. 128 S.

Das erste Buch-Rad der (reschtchte
Martin Bertelsen (Text),
Kitty Kahane (Illustrationen)
Mit ihrem Einrad kommt Carlotta richtig gut rum
 
Erste Sätze
Carlotta lernt Einrad fahren.
Hinfallen kann sie schon.
Und aufstehen erst recht.
Und auf einmal kann sie nicht mehr bremsen.
Sie fährt und fährt und fährt immer weiter.
Denn wer will schon absteigen,
wenn man so schön in Fahrt ist.
 
Letzte Sätze
Doch langsam hat sie schon ein wenig Heimweh, und als ein Turm in Sicht kommt, will Carlotta dort lieber nach ihrem Zuhause Ausschau halten.
Tatsächlich entdeckt sie vom Turm aus das Storchennest auf dem Haus ihrer Familie und strampelt in Richtung Heimat weiter.
Es sind sehr glückliche und seltene Zufälle, wenn Form und Inhalt so gut zueinanderpassen wie hier und dabei wie nebenbei noch eine neue Buchgattung entsteht, nämlich das Buch-Rad. Der Einband vermittelt erst mal den Eindruck, hier handle es sich um ein normales Bilderbuch. Schlägt man ihn aber auf, kann man ihm einen leporelloartigen Stapel Papier entnehmen, in dem man fast so blättern kann wie in einem normalen Buch, nur dass es keine richtigen Seiten sind, sondern mal Klappen, mal gefalzte Pappen, was der Lektüre etwas Spielerisches verleiht.
Die in sehr kräftigen Farben gemalten Bilder machen deutlich, dass Carlotta sich mit ihrem Einrad auf einer rasanten Weltreise befindet. Nach den Alpen erreicht sie den schiefen Turm von Pisa und rollt vergnügt an Pinocchio und der David-Statue vorbei. Flugs erreicht sie den Nil und radelt eine riesige Steinspitze neben der Sphynx hoch, wobei der Wüstensand nahtlos in einen Elefantenrücken übergeht und von dort zur Chinesischen Mauer, weiter zur Arktis, zum Yellowstone-Park, über die Golden-Gate-Bridge zum Mount Rushmore, nach New York und Paris und schließlich wieder nach Hause.
Die richtigen Bezeichnungen all der Sehenswürdigkeiten stehen nur selten auf diesen Bildern geschrieben. Doch beim Blättern sieht man, dass dieses dicke Papier beidseitig bedruckt ist. Eine Art Gebrauchsanweisung auf der Rückseite hilft weiter: Eine Menge Gesprächsstoff findet ihr auf der Innenseite der Geschichte: Weil Carlotta einmal im Kreis fährt, könnt ihr die Bilder von ihr kreisförmig auf dem Fußboden aufstellen und dahinter auf Entdeckungsreise gehen. Als richtige Weltreisende ist Carlotta auch im World Wide Web zu Hause – und du kannst sie dort treffen: carlotta
Auf jeder Innenseite stehen viele Informationen zu jeder Etappe Carlottas. Die USA sind etwas übervertreten. Da überrascht es nicht, dass der Autor 1991 eine wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel: Roadmovies und Western: Ein Vergleich zur Genre-Bestimmung des Roadmovies veröffentlicht hat, worin er schreibt: »Roadmovies sind nur unter Bezugnahme auf amerikanische Geschichte und Kultur, insbesondere auf die Autokultur, zu verstehen.« Gut, dass Martin Bertelsen heute die Auto- durch die Einradkultur ersetzt hat. In einer Endlosschleife kann man sich mit diesem Buch-Rad viele Male wie in einem nicht endenden Roadmovie im Kreise drehen und jede Menge lernen. Nie hat Erdkunde mehr Spaß gemacht!
 
Martin Bertelsen hat sich die Abenteuer von Carlotta ausgedacht. Sonst denkt er sich meistens Werbung aus. Oder kümmert sich zu Hause in Schleswig-Holstein um das Einrad seiner Tochter Joey Carlotta oder das Fahrrad seines Sohnes Jasper. Es gibt übrigens noch andere Geschichten, die er sich ausgedacht hat: Jasper schafft Platz wurde für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert; und Jasper räumt auf sowie Jasper lädt ein hätten es genauso verdient.
 
Kitty Kahane hat die Bilder von Carlottas Erlebnissen gemalt. Sie malt fast ständig irgendwas in ihrem Berliner Atelier, denn zusammen mit ihrem Mann André lebt sie davon. Die beiden freuen sich immer, wenn ihr Sohn Leon sie zwischen seinen Abenteuern in der Welt besucht.
 
Martin Bertelsen (Text), Kitty Kahane (Illustrationen): Mit ihrem Einrad kommt Carlotta richtiggut rum. Ein Weltreisetagebuch. Lappan 2009. 32 + 8 S.

Angst-Lust zur Beruhigung
Wilfried von Bredow (Text),
Anke Kuhl (Illustrationen)
Lola rast und andere schreckliche Geschichten
 
Erste Sätze
Die Mutter sagt: »Ras’ nicht so doll!
Lola, fahr doch rücksichtsvoll!
An der Kreuzung und bei Rot
halte an, sonst bist du tot.«
Letzte Sätze
Am Ende prallt der kleine Held
an den Zaun am Rand der Welt.
Da fällt ihm plötzlich etwas ein:
»Wo mag nur meine Mama sein?«
Er dreht sich um. Sie ist nicht da.
Er ruft so laut er kann: »Mamaaaaall«
 
Hat er sie dann noch getroffen?
Na, das wollen wir mal hoffen.
Beim Titel Lola rast denken die Erwachsenen zunächst an den Kinofilm Lola rennt mit Franka Potente. Wenn die Erwachsenen dann schmunzelnd das Bilderbuch betrachten, wünschen sich manche, der Autor Wilfried von Bredow hätte sich an die filmische Erzählweise des Regisseurs Tom Tykwer erinnert, der dieselbe kurze Zeitspanne (circa 20 Minuten) im Leben der Protagonistin mit Varianten dreimal zeigt. So hätte Bredow der schaurigen Geschichte von der ungehorsamen Lola noch zwei alternative Geschichten beifügen können, die nicht so schlimm enden. Aber andererseits ist das schlimmstmögliche Ende aller sieben hier erzählten Warn-Geschichten ja ausdrücklich Programm. Die Verlegerin Monika Osberghaus schreibt dazu, es gebe zwischen den vielen Unterhaltungsbüchern und den anspruchsvollen Bildungstiteln »zu wenig Kinderbücher, die schwungvoll, eingängig, wahrhaftig und gern auch ein bisschen respektlos sind – und dabei weder doof noch langweilig«. Mit Lola rast ist der Verlegerin in der Tat ein kurzweilig-kluges Buch geglückt, in dem sie die frechen Verse Wilfried von Bredows mit den witzigen Bildern Anke Kuhls in einem dramaturgisch mitreißenden Layout kombiniert.
Die Grundidee besteht darin, Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter in die Gegenwart zu übertragen. Die sieben von Bredow erzählten Alltagsgeschichten sind aktuell und begeistern die heutigen Kinder. Ob Probleme im Straßenverkehr, mit der Ordnung im Kinderzimmer, mit den eigenen Emotionen, mit dem Freiheitsdrang und mit dem Zähneputzen, ob übermäßiger Medienkonsum oder schönheitssüchtige Bewegungsarmut: Hier lassen die schnelle Lola, der chaotische Malte, der aggressive Heinrich, der neugierige Konstantin, die faule Lisa, der fernsehsüchtige Lukas und die selbstverliebte Anna-Lena ihren Charaktereigenschaften freien Lauf.
Der Hessische Rundfunk hat Kinder zu diesem Buch befragt und u. a. folgende Kommentare erhalten: »Die Geschichten sind grausam, aber sie haben auch Witz!«, sagt der neunjährige Yannik. »Es sind Kinder, die irgendwelchen Blödsinn machen und aber manchmal auch daraus lernen. Die Bilder sind total witzig gezeichnet. Deshalb muss man lachen, obwohl es ja brutal ist. Es ist auch witzig, weil es übertrieben ist!«, findet die zehnjährige Mia. Und die neunjährige Elea pickt sich ein Schicksal heraus, von dem sie offenbar selbst eine bedrohliche Ahnung hat: »Die schöne Anna-Lena ist der Horror, weil die möchte so schön sein und irgendwann ist sie dann eine Puppe geworden. Das ist halt auch traurig, wenn sie dasitzt wie eine Puppe.«
Jede der sieben Geschichten schildert eine in das Extreme gesteigerte Freude. Kinder und Erwachsene wissen, wie viel Spaß die dargestellten Verhaltensweisen zunächst machen können. Aber wer bestimmt das Maß? Wer setzt Grenzen? In den Geschichten wird aus der Lust eine Sucht. Jenseits jeglicher Kontrolle führt eine grundsätzlich positive oder zumindest normale Neigung in die Katastrophe. Hier geht es darum, die Gefahr zu erspüren, den Übergang vom Schönen zum Schlimmen in Gedanken zu erahnen. Das macht den Lesekitzel aus und ist alles andere als triebfeindlich, zumal die Moral der Geschichten auf manchmal fatalistische, manchmal trotzige Art den kleinen oder großen Tragödien einen erstaunlichen Sinn abtrotzt; so beispielsweise die am Ende zahnlose Lisa mit ihrem Fazit: Die Chache hat auch einen Nupfen: lepf muff ich nie mehr Pfähne pupfen.
Autoren und Verlag haben im Rückblick auf die Entwicklung der Pädagogik die 68er-Phase und die Anti-Struwwelpeter-Tendenzen übersprungen und das Reizvolle von Hoffmanns die Zeit überdauernden Dichtungen auf fesselnde Weise für das dritte Jahrtausend adaptiert. Nie mehr sollte ein Orignal-Struwwelpeter ohne die Begleitung der rasenden Lola über die Ladentheke gehen. Denn hier wie dort sehen Klein und Groß, wie schlimm es den wilden Kindern ergeht. Das hat letztlich ja sowohl bei Hoffmann als auch bei Bredow eine beruhigende Wirkung, die auf der Überlegung beruht: Man selber ist ja nicht sooo schlimm wie Lola & Co. Oder?
 
Wilfried von Bredow lehrt Politikwissenschaft an der Universität Marburg. Er hat zahlreiche Artikel in der FAZ, der NZZ und der »Welt« geschrieben, darunter seit vielen Jahren auch Rezensionen von Kinder- und Jugendbüchern.
 
Anke Kuhl wurde 1979 geboren und studierte an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Seit 1998 ist sie als freie Illustratorin in der Ateliergemeinschaft »labor« in Frankfurt am Main tätig.
 
Wilfried von Bredow (Text), Anke Kühl (Illustrationen): Lola rast und andere schreckliche Geschichtet. Klett Kinderbuch 2009. 32 S.

Einblicke in das Unbekannte
Menena Cottin / Rosana Faria
Das schwarze Buch der Farben
Erste Sätze
Für Thomas schmeckt die Farbe Gelb nach Senf und sie ist so weich wie der Flaum von Küken.
Letzte Sätze
Thomas mag alle Farben, weil er sie hören, riechen, fühlen und schmecken kann.
Schon der Titel fordert dazu heraus, dieses Buch in die Hand zu nehmen, um mehr über die in sich widersprüchliche Ankündigung von Farben in einem schwarzen Buch zu erfahren. Der erste Satz steht am linken unteren Seitenrand in Silbergrau auf schwarz. Oben links steht er fast unsichtbar, aber tastbar in schwarzer Brailleschrift. Federn – schwarz auf schwarz, aber gut sicht- und fühlbar – sind auf der rechten Seite abgebildet. Ich sehe sie und fühle sie, und nach einer Weile schließe ich die Augen und stelle mir vor, wie ein blinder Leser diese Kükenfedern sieht und fühlt. Dabei lasse ich die Erinnerung an den Geschmack von Senf in meinem Mund entstehen und möchte von vorn beginnen, möchte die Farbe Gelb aus meinem Vorwissen eliminieren, um zu erfahren, welche Vorstellung ohne dieses Vorwissen entstehen könnte.
Ähnliches wiederholt sich auf den folgenden Doppelseiten mit Rot, Erdbeeren, Wassermelonen, Schmerz und Blut, mit Braun und dem Rascheln trockener Blätter im Wald. Es fehlt nicht an Witz, wenn die Autorinnen daran erinnern, dass Braun manchmal nach Schokolade duftet und manchmal sehr schlecht riecht. Mit viel Fantasie und Humor entsteht hier auf einmalige Weise in einem monochromen Bilderbuch eine enorme Farbenpracht.
Seit meiner Kindheit, als ich mich der Welt der visuellen Reize verweigerte und mich mithilfe der Musik Stevie Wonders in die fremde Welt der nicht Sehenden hineinzuversetzen versuchte, als ich im Dunkeln mal stärker, mal schwächer auf meine geschlossenen Augen drückte, um mit Restlicht und Restfarben hinter meinen Lidern zu experimentieren, fühlte ich mich nie wieder den Blinden näher. Dieses außergewöhnliche Buch, das alle Sinne sensibilisiert, ist für Menschen jeden Alters. Es bietet einen wunderbaren, liebevollen und manchmal erschreckenden Einblick in eine dunkle Welt.
Die Übersetzerin und Lektorin Helga Preugschat erzählte mir, Das schwarze Buch der Farben Ende November 2006 auf der Buchmesse in Guadalajara, in Mexiko, bei dem kleinen, aber ambitionierten Verlag Ediciones Tecolote entdeckt zu haben: »Ich hatte so ein Buch noch nie zuvor gesehen und war sehr beeindruckt und fasziniert: ein – mit Ausnahme der normalen Schrift – vollkommen schwarzes Buch, das Sehenden eine Ahnung vermitteln soll, was es heißt, blind zu sein.«
Helga Preugschat wollte sich das Buch vor Ort kaufen, da sie dachte, diesen kleinen Verlag nicht um ein Prüfexemplar bitten zu dürfen, konnte sie sich doch zu jenem Zeitpunkt gar nicht vorstellen, dass beim Verlag Fischer Schatzinsel, wo sie arbeitet, dieses ungewöhnliche Buch veröffentlicht werden könnte. Die mexikanische Verlegerin schenkte ihr das Buch, und bald stellte Helga Preugschat fest, wie sehr sie sich geirrt hatte: »Alle von unserem Schatzinsel-Team waren genauso fasziniert und begeistert wie ich und ich musste gar keine Überzeugungsarbeit leisten«, erinnert sie sich an die Lektoratsbesprechung. »Ich hab mich natürlich riesig gefreut. Und noch mehr hab mich gefreut, als das Buch im Frühjahr 2007 den Bologna Ragazzi Award erhielt. Aber da hatten wir ja schon entschieden, dass wir das Buch machen werden.«
In der mexikanischen Originalausgabe des Bilderbuches Das schwarze Buch der Farben ist die Blindenschrift mit UV-Lack nachgebildet. Sie lässt sich ertasten, aber nur für Sehende. Der deutsche Verlag ist der Ansicht, dass gerade so ein Buch auch für blinde Kinder lesbar sein müsste. Bücher für Blinde sehen ja anders aus, haben kein Cover, werden nicht gebunden. Ein industriell gefertigtes Buch, das gleichzeitig den Ansprüchen von Sehenden und Blinden gerecht werden sollte, ist fast so etwas wie die Quadratur des Kreises.