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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Einleitung
Dieses Buch erzählt von Winrich Woelm, einem geistigen Heiler, den ich in einer besonderen Phase meines Lebens kennenlernen durfte. Er hatte mich in den letzten Jahren seines Lebens ermuntert, dass ich über ihn schreibe. Auf der einen Seite freute es mich, dass er mich sozusagen zum Schreiben »autorisierte«. Auf der anderen Seite wusste ich, dass es nicht einfach sein wird.
Liebe Leserin, lieber Leser, Sie werden bei der Lektüre des Buches bemerken, was ich damit meine. Vor allem wenn Sie, wie ich damals, mit Heilern und Hokuspokus nichts anfangen können – oder wollen. Für mich waren diese Menschen allesamt Scharlatane und Geldschneider. Die Begegnung mit Winrich allerdings berührte mich auf wundersame Weise. Im Grunde erreichte er mich, indem er nichts tat, nichts verlangte, sondern einfach nur mit mir und – wie ich heute weiß – mit meiner Seele kommunizierte. Winrich war nicht nur ein wundervoller Mensch und Heiler, er hatte auch seine ganz eigene Sprache. Im Laufe der Zeit lehrte er mich die »Geheimnisse« dieser Sprache, und ich bemerkte, wie intensiv sich, durch diese ungewöhnliche Ausdrucksweise noch verstärkt, mein Leben änderte.
Winrich brachte mich zum Lachen und zum Weinen, ins Hinterfragen, in die Opposition, in die Wut. Bezeichnete mich als »Fliegenschiss«, quälte mich mit langen Monologen über Backrezepte, wenn ich einmal wieder etwas ganz anderes erwartete. Manchmal erschien er mir wie ein kleinkarierter »Erbsenzähler«. Er passte niemals in eines der Bilder, die ich immer wieder neu von ihm komponierte, war einfach nicht wirklich greifbar. Mitunter dachte ich, dass er sich über mich lustig machte.
In einer sehr intensiven Lebenssituation mit einem Mann gab er mir beispielsweise den schlichten Rat: »Dann geh doch hin und heirate ihn …« Ich fühlte mich absolut missverstanden, ging es doch in dieser Beziehung um etwas ganz anderes. Ich fragte mich, ob er noch alle Tassen im Schrank habe. Ich wollte eigentlich etwas ganz anderes klären. Doch genau diese wenigen Worte führten bei mir zu einem emotionalen Erdrutsch.
Auf diese Manier »fesselte« er den »kleinen Menschen« in mir und erreichte – am Verstand vorbei – meine Seele. Dieses Buch erzählt, wie ein kleiner, schalkhafter Mensch mit seiner großen Fähigkeit des »Seelenflüsterns« mein Leben grundlegend änderte. Er ließ meine innere Stimme wieder laut werden, sodass meine Seele gesundete.
 
Es kann sein, liebe Leserin, lieber Leser, dass Sie mitunter über Formulierungen »stolpern«, dass Ihnen diese ungewohnt erscheinen. Dann willkommen im Club! Ich bin sicher, dass Sie sich selbst und Ihr Umfeld ganz neu wahrnehmen, wenn Sie sich von diesem Buch – von Winrich – berühren lassen.
Für mich war es eine Begegnung, die mein ganzes Leben auf den Kopf stellen sollte. Mit Spiritualität hatte ich mich bis dahin eher wenig beschäftigt, wenn man einmal vom gelegentlichen Tarot-Karten-Legen mit meiner Freundin Brigitte absieht. Alles, was sich um den Begriff Esoterik rankte, war mir eher suspekt. Auch lehnte ich (und tue es heute noch) alles ab, was mit sogenannten spirituellen Gemeinschaften (gemeinhin auch »Sekte« genannt) zu tun hat. Ich kann nur schwer begreifen, dass Menschen einem anderen Menschen oder einer Gruppe die Macht über die Führung des eigenen Lebens anvertrauen, sich von deren Meinung abhängig machen und somit ihr höchstes Gut, die persönliche Freiheit, abgeben wie einen Mantel an der Garderobe.
Obwohl ich zu Beginn meiner Arbeit mit Winrich auch einmal kurz davor war. Daher kann ich es zumindest nachvollziehen. Manchmal mag es leichter erscheinen, die Verantwortung für das eigene Leben an andere abzugeben. Doch dann wird man niemals das eigene Leben leben. Winrich nahm meinen Mantel nicht an und schenkte mir dafür mehr, als ich damals ahnen konnte: Freiheit.
 
Bevor ich nun die Geschichte erzähle, wie Winrich mir begegnet ist und wie diese Begegnung vieles in meinem Leben, Denken und Fühlen änderte, will ich vorab ein paar Worte zu ihm und seiner Lebensweise sagen.
Winrich Woelm war, als ich ihn kennenlernte, in zweiter Ehe verheiratet. Aus seiner ersten Ehe hatte er zwei erwachsene Töchter. Mit seiner damaligen Frau Ute erwartete er das erste gemeinsame Kind. Das Paar lebte in Tegelen, in den Niederlanden. Sie bewohnten in einem Mehrfamilienhaus die oberen zwei Appartements. Eines dieser Appartements diente Winrich als Arbeitsraum, im anderen lebte die Familie.
Er verließ fast nie seine Wohnung. Die ganz normalen Tätigkeiten des Alltags, wie einkaufen, spazieren gehen oder einfach einmal auswärts essen, spielten in seinem Leben eine untergeordnete Rolle. Er lebte rund um die Uhr in diesem Appartement und empfing dort die Menschen, die bei ihm Rat und Hilfe suchten. Sein Preis für jede Konsultation betrug 30 DM, gleichgültig, was er für den jeweiligen Menschen tat, oder wie lange auch immer ein Termin dauerte.
Viel Persönliches gab er nicht von sich preis. Er hatte in jungen Jahren Graphik und Design studiert und war nach dem Studium nach Indonesien gegangen. Dort hatte er mit Holz gehandelt, viel Geld verdient und dieses später wieder verloren. Seit seiner Kindheit hatte er gespürt, dass er in manchen Dingen einfach anders war als die Kinder in seiner Umgebung.
Er ist am 11. Juli 1941 geboren worden und war somit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges vier Jahre alt. Er erzählte mir, dass er bereits in diesem Alter Ereignisse voraussehen und Menschen durch einfache Gesten bei ihren Schmerzen Linderung geben konnte. Dass er mir das überhaupt erzählte, war ungewöhnlich, denn er sprach so gut wie nie über seine Vergangenheit, ja er blockte sogar alle Fragen danach ab.
Winrich war ein relativ kleiner Mann, und das Auffälligste an ihm waren seine Augen. Sie konnten in allen Variationen lachen, ohne dass die Gesichtsphysiognomie sich änderte. Seine Augen waren unendlich tief – anders kann ich es nicht beschreiben. Er war ein Schelm, manchmal ein kleiner »Teufel«, ein Provokateur und ein wundervoller Mensch. Doch eben als dieser Mensch konnte er sein Umfeld mitunter an den Rand des »Wahnsinns« treiben. Er war sehr eigenwillig und dabei sehr kommunikativ.
Auf jeden Fall war Winrich niemals wirklich »fassbar«. Immer wenn ich glaubte, dass ich ihn nun kennen oder gar durchschauen würde, war im nächsten Moment alles wieder ganz anders. Seine langen Haare trug er zum Zopf gebunden – manchmal geflochten -, und als ich ihn das erste Mal traf, ging er bereits etwas gebeugt. Ich spreche in der Vergangenheitsform, denn Winrich Woelm starb am 27. September 2005.
Stellen Sie sich ihn einfach als einen Menschen vor, von dem Sie sich vom ersten Moment an angenommen und geliebt fühlen. Als einen Menschen, der Sie, selbst wenn er Sie in Opposition zu sich selbst und der Welt bringt, die Unendlichkeit dieser Liebe spüren lässt. Eine Liebe, die nichts verlangt – einfach nur ist.
Bereits zu seinen Lebzeiten hat er mich ermuntert, dass ich ein Buch über meine Erfahrungen mit ihm schreibe. Ich habe es hunderte Male probiert und bin doch immer wieder gescheitert. Wie konnte ich diesen außergewöhnlichen Mann schildern? Es ging nicht.
Dann begegnete ich nach mehrjährigem Singleleben einem Mann, der mein Leben auf eine sehr intensive Weise berührte. Vom ersten Moment an war unsere Beziehung nah und voller Trauen; manchmal erinnerten mich unsere Gespräche ein wenig an die Begegnungen mit Winrich. Diesem Mann, Jochen, erzählte ich frei und unbefangen von meinen Erfahrungen und Erlebnissen, und dabei bemerkte ich, wie oft ein Satz, eine Geschichte oder eine Metapher in unsere Gespräche floss, die Winrich einst an mich weitergegeben hatte. Jochens Interesse war geweckt. Er wollte mehr von diesem Mann erfahren.
So begann die Arbeit an diesem Buch. Es erzählt, wie ich Winrich kennenlernte, was ich mit ihm erlebte und was er mir übermittelt hat. Wenn sich der Text an manchen Stellen etwas ungewöhnlich liest, dann hat das mit Winrichs – und inzwischen auch meinem – besonderen Sprachgebrauch zu tun, dem ich ein ganzes Kapitel in diesem Buch gewidmet habe.
Auch mir erschien die Sprache zu Beginn sehr ungewöhnlich. Doch je häufiger ich mich selbst korrigierte und sie anwandte, machte ich eine erstaunliche Entdeckung: Die Menschen, mit denen ich sprach, waren mehr und mehr mit ihrer Aufmerksamkeit bei mir und wurden selbst auch offener. Dadurch entstand eine klarere und vor allem wahrhaftigere Kommunikation. Das ganz Besondere daran ist jedoch, dass durch diese Bewusstheit etwas viel Wesentlicheres geschah: Ich wurde mir meiner selbst sehr bewusst.
Darüber hinaus erlebte ich ein weiteres Phänomen: Mitunter bemerkte ich erst, was ich sagte, wenn es ausgesprochen war. Immer öfter kamen die Worte, so wie Winrich es nannte, direkt aus dem Herzen und machten nicht den Umweg über den Verstand. Auf diese Manier hat Winrich meine Seele geweckt. Ich kann die innere Stimme wieder hören.
Auch heute, fünf Jahre nach seinem Tod, ruft das, was er sagte, und das, was er war, Fragen und Kontroversen hervor. Er hat immer polarisiert, wird es weiterhin tun und dadurch vielleicht auch »von der anderen Seite« weiterflüstern …
Hallo Winrich, wo auch immer deine Seele sein mag, ich hoffe, dass du das schelmische Grinsen auf deinem Gesicht hast …

Kapitel 1
Wenn du nichts erwartest – geschieht am meisten
Es war Ende des Jahres 1990. Mich plagte, wie so oft in den letzten Jahren, eine Atemnot. Ich war damals beruflich stark eingespannt, arbeitete als eine von zwei Assistentinnen des Pressechefs bei RTL in Köln. Mein Sohn besuchte unweit des Senders eine private Kindertagesstätte. Er war fünf Jahre alt, und so war mein Leben als alleinerziehende Mutter sehr ausgefüllt. Oft war Sebastian nach dem Kindergarten noch mit im Sender, da unser Arbeitstag von aktuellen Geschehnissen abhing und das pünktliche »Den-Griffel-fallen-Lassen« eher selten war. Sebastian war der kleine Liebling meiner Kollegen. Er konnte sich im Sender frei bewegen und wurde von allen Seiten mit Aufmerksamkeit beschenkt.
Die immer wiederkehrende Atemnot brachte ich mit besonderen Stresssituationen in Zusammenhang. Diese Erklärung half mir, dass ich innerlich wieder in meine Ruhe kam. Dennoch merkte ich, dass da noch etwas anderes war, was ich nicht einordnen konnte.
Da diese Atemlähmungen nicht nur lästig, sondern auch schmerzhaft waren, hatte ich bereits viele Ärzte und Heilpraktiker aufgesucht, doch ohne nennenswerte, bleibende Erfolge. Selbst einen Psychologen hatte ich konsultiert, da ja eventuell ein Erlebnis in meiner Vergangenheit schlummern könnte, das ich erfolgreich verdrängt hatte und das für diese Atemnot verantwortlich war. Zwar haben wir in vielen Sitzungen mein Inneres nach außen gekehrt, doch die Atemnot blieb.
Anfang Januar 1991 waren die Anfälle besonders heftig. Die damalige politische Krise zwischen den USA und dem Irak beherrschte das Tagesgeschehen. Ein Krieg wurde immer wahrscheinlicher. Im Sender herrschte eine große Hektik. Bei uns in der Presseabteilung häuften sich die Anfragen, und wir kamen kaum nach, unsere Kollegen auf den neuesten Stand zu bringen.
An einem dieser Nachmittage raste ich wieder einmal in einem Affenzahn zur Kindertagesstätte, um meinen Sohn rechtzeitig abzuholen. Ich war vollkommen außer Atem, und so packte mich vor Ort prompt eine heftige Attacke von Atemnot. Es folgte die übliche Hyperventilation, und ich brach fast zusammen. Conny, der Mutter von Sebastians Kindergartenfreund, war das nicht entgangen. Sie und der Leiter der Kita organisierten eine Plastiktüte und hielten mir diese vors Gesicht, sodass ich den ausgeatmeten Stickstoff wieder einatmete – ein probates Erste-Hilfe-Mittel, das in diesen Fällen angewandt wird. Ein Segen, dass sie darum wussten. Als ich in eine ruhige Atmung zurückgefunden hatte, fragte Conny mich, seit wann ich unter dieser Atemstörung leide. Ihr sei des Öfteren aufgefallen, dass ich wie eine »Schnappschildkröte« schnaufe. Ich sagte ihr, dass ich seit etwa zehn Jahren unter diesen Anfällen litt, mir jedoch bisher niemand habe wirklich helfen können. Sie schüttelte energisch den Kopf und sagte, dass es höchste Zeit für Winrich sei. Ich schaute sie verständnislos an. Wer um Himmels willen war Winrich? Conny sagte, dass es sich bei diesem Mann um einen außergewöhnlichen Heiler handele, der geradezu Wunder vollbringen würde.
Beim Wort »Wunder« fiel mir mein Sohn ein. Ich schaute mich um und sah ihn mit David, Connys Sohn, in der Bauklotz-Ecke spielen. Conny hockte neben mir auf der Erde und reichte mir ein Glas Wasser. »Wirklich«, meinte sie, »fahr mal zu ihm. Er hat bereits so vielen Menschen geholfen, er ist ein wahrer Heiliger.« Na danke, das fehlte mir gerade noch – ein Heiliger!
Mir kam unweigerlich der Gedanke: Schon wieder einer, der abzockt, Menschen an sich bindet und letztendlich nichts erreicht, außer dass er die Geldbörsen der Leute erleichtert. Dennoch wollte ich mehr wissen und fragte Conny, was er denn bereits für »Wunder« vollbracht habe. Doch aus ihr war nichts weiter herauszubekommen. Sie sagte nur erneut, dass er eben heilen könne – auf die wundersamste Weise. Diese Information empfand ich als sehr dürftig, und deshalb bohrte ich weiter nach. Doch Conny meinte, dass sie mir wirklich nicht mehr sagen könne, da er und seine Arbeit nicht zu beschreiben seien.
Inzwischen ging es mir besser, und ich spürte, dass ich heute von Conny nichts weiter erfahren würde. Sie bot mir an, dass sie mir gerne die Telefonnummer gebe, wenn ich sie denn haben wolle.
Zu diesem Zeitpunkt wollte ich jedoch nur noch zusammen mit meinem Sohn zurück in den Sender. Mein Kopf war voll von anderen Dingen, und es wartete noch jede Menge Arbeit auf mich. Für abstruse Heiler war da wirklich kein Platz. Sebastian freute sich auf meine Kollegen, und wir beide rauschten ab.
Ein paar Tage lang bewegte ich die – wenn auch spärliche – Information in meinem Kopf hin und her. Einerseits spürte ich, wie sich eine klitzekleine Neugier auf diesen geheimnisumwitterten Heiler in mir ausbreitete, andererseits nahm mich die Arbeit im Sender voll in Beschlag, da die Krise zwischen den USA und dem Irak bedrohliche Ausmaße annahm.
Schließlich siegte die Neugier. In der Woche nach der Atemnot-Attacke in der Kindertagesstätte fragte ich Conny, wie ich denn einen Termin bei diesem »Wundermenschen« ausmachen könne. Sie gab mir eine Telefonnummer und meinte, dass ich es wirklich wollen müsse. Klar wollte ich, weswegen sollte ich sonst einen geheimnisvollen Wundermann um einen Termin bitten? Bestimmt nicht, weil ich mit ihm Tee trinken wollte …
Am Abend griff ich zum Telefonhörer. Sebastian schlief friedlich in seinem Bettchen, und ich wollte Ruhe für dieses Telefonat haben. Es meldete sich eine Frau. Sie sagte, dass sie Ute heiße und Winrichs Ehefrau sei. Ich stellte mich kurz vor und fragte, ob es einen recht zeitnahen Termin für mich gebe. Doch sie meinte, dass ich mit Wartezeit rechnen müsse. Ich wollte ihr gerade schildern, aus welchem Grund ich einen Termin wollte, da blockte sie mich schon ab. Es sei nicht wichtig, aus welchem Grund ich kommen wolle, es zähle nur mein Empfinden, dass ich ihrem Mann begegnen wolle. Allmählich hatte ich das Gefühl, dass ich es hier mit einem sehr seltsamen Menschen zu tun bekommen würde, doch die Hoffnung, dass er – wie immer er gestrickt sei – mir helfen könnte, siegte.
Es wurde der 16.1.1991 ausgemacht. Winrichs Frau gab mir noch eine Wegbeschreibung, und das Gespräch war beendet.
 
Als der Tag dann gekommen war, befand ich mich auf der ganzen Fahrt nach Tegelen in Holland in einer sehr intensiven und gefühlsbetonten Stimmung. Ich lachte und weinte im Auto ohne Anlass und spürte etwas in mir, was ich nicht einordnen konnte. Ich kam mir vor wie ein Astronaut, der durch das Universum schwebt – was auf der Autobahn manchmal ungesund enden kann, also konzentrierte ich mich auf den Verkehr. Doch das Gefühl der inneren Unruhe blieb.
In Tegelen fand ich das Haus im Heideweg recht schnell. Es handelte sich um ein Mehrfamilienhaus. Dem Klingelschild konnte ich entnehmen, dass die Wohnung oder Praxis dieses Heilers, was immer es sei, in den oberen Etagen lag. Ich klingelte, und eine Stimme fragte mich nach meinem Namen. Ich meldete mich, und es wurde der Türöffner betätigt. Ich ging also bis ganz nach oben, wo sich im obersten Außenflur nur zwei Haustüren befanden. In der ersten stand eine dunkelhaarige, sehr attraktive Frau und sagte, dass Winrich in der Nebenwohnung sei. Sie stellte sich als Ute vor. Sie war hochschwanger. Ich lächelte freundlich und ging eine Tür weiter.
Winrich, ein sehr kleiner Mann mit einem Zopf, öffnete mir die Tür, und es war, als würde ich ihn bereits ewig kennen. In seinen Augen blitzte der Schalk. Das Erste, was er mir verbal regelrecht um die Ohren schlug, war, dass ich ein Mensch sei, der nur an Beweise glaube, doch die kämen nur, wenn ich sie absolut nicht erwartete. Das war die seltsamste Begrüßung, die ich je erlebt hatte. Es fühlte sich allerdings fröhlich und gut an, ich spürte ein Wohlgefühl, das ich nicht beschreiben kann.
Winrich bat mich hinein, wies auf einen Schaukelstuhl und bot mir Platz an. An den Wänden hingen die Fotos von zwei sehr hübschen jungen Frauen (seine Töchter, wie er mir später erklärte), ein Bild von der Burg Elz sowie einige Mandalas. Gleich neben der Tür stand eine große alte Couch, die wohl aus den 1920er Jahren stammte, davor ein alter runder Eichentisch, ein Sessel und der Schaukelstuhl, auf dem ich Platz genommen hatte. Im hinteren Teil des Raumes erblickte ich einen riesigen Schreibtisch, der angefüllt war mit Papieren, Tarot-Karten, einigen Skulpturen und Büchern. Auch das Regal an der Wand neben dem Schreibtisch war vollgestopft mit Büchern.
Winrich nahm auf dem Sessel mir gegenüber Platz und bot mir einen – Tee! – an. Ich nickte, und er goss mir aus einer großen Kanne einen rötlichen Tee ein. Den Geschmack konnte ich nicht unmittelbar einordnen, doch mit Zucker würde er ganz gut schmecken. Also rührte ich zunächst mit aller Aufmerksamkeit Zucker in meinen Tee. Ich hatte Scheu, Winrich anzuschauen, wusste jedoch, dass sein Blick amüsiert auf mir ruhte. Er war förmlich brennend spürbar.
Er sagte dann einfach, dass ich doch normal atme, und das bliebe auch so.
Mein Erstaunen stand mir wohl sehr ins Gesicht geschrieben, hatte ich doch noch nicht mit einem einzigen Wort den Grund meines Besuches erwähnt. Hatte Conny bei ihrem letzten Treffen mit ihm etwas verlauten lassen? Doch auch diese Gedanken schien er zu wissen, denn er sagte, dass er es einfach fühle und Conny bereits seit längerem nicht bei ihm gewesen sei. Hatte ich es hier mit einem Gedankenleser oder Hellseher zu tun? Auch jetzt überraschte er mich wieder mit seiner Reaktion – auf meine Gedanken wohlgemerkt! Denn er lachte herzlich und meinte, dass ich leicht zu deuten sei. Seine nächste Frage warf mich dann fast um: »Willst du wirklich ganz gesund werden?«
Mein Gesichtsausdruck war in diesem Moment wohl alles andere als intelligent. Er lachte wieder und sagte, dass damit nicht ausschließlich die körperliche Gesundheit gemeint sei, sondern vielmehr das, was wir wirklich sind: die Seele … Er hatte mich gefragt, ob ich in der Seele gesund werden wolle.
Ich trank von meinem Tee und wusste nicht, was ich sagen sollte. Winrich meinte dann, dass ich mir seine letzte Frage und meine Antwort darauf reiflich und sehr sorgfältig überlegen solle, denn sie könne mein Leben von Grund auf ändern. Es könne bedeuten, dass nichts mehr für mich gültig sein werde, was es zurzeit war.
Ich spürte, wie Trotz in mir erwachte. Was wollte dieser Mensch von mir? Gab er mir zu verstehen, dass ich nicht alle Tassen im Schrank habe? Mein Leben war doch bisher recht normal verlaufen. Gut, vielleicht nicht so normal, wie es sein sollte. Ich verhedderte mich in meinen Gedanken und fragte mich automatisch, was denn normal sei. Diese Frage war bisher nie aufgetaucht, da ich davon ausgegangen war, dass die Fürsorge und Erziehung meines Kindes, mein Beruf, die Sicherung des Lebensunterhalts, die Pflege von Freundschaften, eben all das, was meinen Tag und Rhythmus bestimmte – normal war!
In mir regte sich ein Fluchtimpuls. Was wollte ich hier? Gekommen war ich, da ich mit Winrich über meine Atemprobleme sprechen wollte, und er forderte als Allererstes, dass ich mein Leben umkrempeln sollte. »Du kannst gerne gehen, wenn du willst«, sagte er mit einem schalkhaften Lächeln in den Augen. Ja, es waren die Augen, die lächelten. Komische Gesichtsphysiognomie …
Wieder hatte er genau das ausgesprochen, womit ich mich gedanklich beschäftigte. »Was willst du von mir?«, fragte ich ihn aggressiv. »Ich bin hierhergekommen, da Conny mir gesagt hat, dass du mir eventuell bei meinem Atemproblem helfen kannst, und nicht, damit ich hier einen Seelenstriptease vollführe.«
In aller Ruhe goss er mir einen weiteren Tee ein und reichte mir den Zucker. Automatisch löffelte ich Zucker in die Tasse und rührte, als wäre mein Leben davon abhängig.
Ich fühlte, dass er mich anschaute, und spürte Unsicherheit in mir aufkommen. Er fragte, ob er mich behandeln solle. Sein Ton war ernst und sachlich. Ich schaukelte mit der Tasse in der Hand auf dem Schaukelstuhl hin und her. Ohne dass ich es bemerkte, schaukelte ich immer heftiger und verschüttete dabei den Tee auf meinen Rock. Was geschah? Er saß mir still gegenüber und suchte meinen Blick. Es gelang mir nicht, in seine Augen zu schauen. So saßen wir uns eine ganze Weile schweigend gegenüber.
»Wie sieht denn die Behandlung aus?«, brach ich schließlich das Schweigen. Er meinte, dass ich mich auf die Couch legen und meine Augen schließen solle. »Nein, ich berühre dich nicht dabei«, beantwortete er wieder meinen Gedankengang. Langsam wurde er mir unheimlich. Wie konnte ein Mensch meine Gedanken lesen?
»Denk nicht darüber nach«, meinte er dann. »Wenn du wirklich gesund werden willst, dann wirst du einfach trauen, du wirst das Dir-selbst-Trauen lernen.« Da war es wieder. Was bildete dieser Mensch sich ein? Ich spürte, dass mich die ganze Situation ziemlich stresste.
Seine nächste Frage riss mich aus meinen Gedanken: »Was macht deine Atmung?« Zuerst wusste ich nicht, was er meinte, doch dann wurde mir bewusst, dass meine Atmung gleichmäßig und absolut leicht ging. »Siehst du«, meinte er, »so wird es nun bleiben.« Das ist 19 Jahre her, und Winrich sollte Recht behalten.
 
Ich entschied mich für die Behandlung. Meine Atmung war zwar im Moment gut, und so richtig wusste ich nicht, was genau ich eigentlich behandelt bekommen sollte, doch es siegte die Neugier, was dieser kleine, sehr merkwürdige Mann mit mir anstellen würde.