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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Dieses Buch widme ich der Liebe und der
musikalischen Landschaft meines Lebens, meiner
Frau Rickie Byars Beckwith, meinen Eltern Alice und Francis
Beckwith für ihr Beispiel von Herzensgüte und meinen
Kindern Kiilu und Micaela, die ich über alles liebe.

Vorwort
Ich kenne Michael Bernard Beckwith nun schon seit vielen Jahren, habe zahlreiche seiner Vorträge gehört und selbst oft vor seiner spirituellen Gemeinschaft, dem Agape International Spiritual Center, Reden gehalten. Ich habe seinen Gottesdiensten beigewohnt, dieselben internationalen Reisen gemacht und die gleichen nationalen Konferenzen besucht. Wir haben privat über Gott, Liebe und Politik diskutiert und das eine oder andere Mal zusammen gegessen.
Bei all diesen Begegnungen ist er immer derselbe geblieben: Er hat etwas Unerschütterliches, Starkes und Beständiges. Er nimmt das Leben sehr ernst, aber sich selbst überhaupt nicht. Und ich habe ihn nie etwas sagen hören, was auch nur den leisesten Verdacht erweckte, dass seine spirituellen Überzeugungen nicht echt sein könnten.
Nun bin ich ihm wiederbegegnet – auf den Seiten dieses Buches. Als Mensch, Geistlicher, Weiser und Philosoph lässt er hier vieles von dem einfließen, was er in den Jahren des Suchens und Findens erfahren hat. Es ist ein von Herzen kommendes Bekenntnis und ein authentischer Bericht darüber, was es bedeutet, ein mit unseren spirituellen Wurzeln zutiefst verbundener Mensch zu sein, von weltlichen Illusionen frei zu werden und sich zu unserem göttlichen Potenzial emporzuschwingen. Ich glaube ihm beim Lesen dieses Buches, wie ich ihm persönlich glaube, denn hier, im gedruckten Wort, kommt derselbe Mensch zum Vorschein wie in seinen Predigten und im täglichen Umgang mit ihm.
Wenn Sie diese Zeilen lesen, werden Sie aber mehr gewinnen als spirituelle Informationen. Sie werden einem seelenvollen Menschen mit einem wachen Geist begegnen, der sowohl seinen Intellekt geschärft als auch sein Herz geöffnet, der Theologie studiert und die Leidenden unter uns in seine Arme genommen hat. In den Jahren, die ich ihn kenne, hat sich Michael zu einem führenden Denker und spirituellen Lehrer entwickelt. Dieses Buch ist die Quintessenz dessen, was er gelernt und gelehrt hat – und was er geworden ist.
Michael hat einen sehr menschlichen Lebensweg hinter sich, und das, was seine Menschlichkeit bereichert hat, trägt auch zum Reichtum seiner Lehren bei. Er hat durch sein immer tieferes Verständnis von Gott und unserer Existenz schon viele Menschen erreicht. Durch dieses Buch werden die Lektionen, die er gelernt hat, die Informationen, die er angesammelt hat, und die Einsichten, die seinen Geist erhellt haben, nun auch für Sie nachvollziehbar. Die Reichtümer, die dieses Buch Ihnen darbietet, geben Zeugnis von den Reichtümern dieses Menschen. Sie werden von beiden gesegnet sein.
 
Marianne Williamson

Einführung
Dieses Buch will Sie aufrütteln, in Ihnen den Wunsch entfachen, eine transformierende spirituelle Praxis zu leben, und zeigen, wie man diese kultivieren und aufrechterhalten kann. Es will Ihnen nicht erzählen, wie Sie mehr von all dem bekommen, was Sie haben zu müssen glauben, um zufrieden und ohne Langeweile bis ans Ende Ihrer Tage zu leben. Die hier beschriebenen »Strategien« werden Ihre Abhängigkeit von den äußeren Dingen des Lebens aufheben, die Sie glücklich zu machen versprechen, und Ihnen zu einem Vertrauen auf Ihre eigene innere Autorität als ein ganz und gar eigenverantwortlicher Mensch verhelfen.
Unser Geist ist der höchste dynamische, wirkliche und ekstatische Aspekt unseres Daseins. Es ist schon seltsam, dass man uns beibringen muss, wie wir spirituell erwachen, wie wir unser seelisches Potenzial aktivieren können, wo doch die Erleuchtung schon von Geburt an in uns angelegt ist. Aber es ist keine Angelegenheit der Philosophie, denn die Wurzeln unseres Intellekts reichen nicht tief genug hinab in unser spirituelles Mark, um den Ursprung und den Zweck unserer Existenz zu berühren. Spirituelles Erwachen ist eine Reise des Herzens. Jedes Menschen Herz brennt darauf, seine wahre Natur zu erkennen, sich mit seinem Ursprung zu verbinden.
Laotse hat es wunderbar formuliert, als er seine Schüler anspornte: »Benutzt das Licht, das in euch lebt, um die natürliche Klarheit eures Sehvermögens wiederzuerlangen. « Und doch wissen nur wenige, dass dieses innere Licht existiert, ganz zu schweigen davon, dass wir es in Anspruch nehmen und einsetzen können für unsere spirituellen, mentalen, emotionalen, kreativen oder physischen Lebensstrukturen. Doch für diejenigen, die sich aufrichtig danach sehnen, sind spirituelle Übungen verfügbar, mit denen wir Laotses »natürliche Klarheit unseres Sehvermögens« erreichen können.
Dieses Buch spricht einige der wesentlichsten Fragen über den Prozess des Erwachens an. Worin besteht die Natur des großen Etwas, das wir »Gott« nennen, und in welcher Beziehung stehen wir dazu? Welche Gesetze lenken das Universum, und wie können wir sie in den mystischen und irdischen Angelegenheiten unseres Lebens anwenden? Was bedeutet es, erleuchtet zu werden? Was sind die Merkmale eines spirituell entwickelten Menschen? Wie können wir unsere Talente und Fertigkeiten kultivieren und sie kreativ und sinnvoll zum Ausdruck bringen? Können wir den Planeten und die Menschen, die auf ihm leben, tatsächlich beeinflussen?
Die aktuelle Bewusstseinsforschung und die Quantenphysik enthüllen, dass alles, was existiert, von Bewusstsein durchdrungen ist, und bestätigen, dass unsere Existenz nicht zufällig ist, sondern absichtlich und von universellen Gesetzen gelenkt. Ich möchte dem noch die Liebe hinzufügen: Wir werden gelenkt von Gesetzen und Liebe. Es gibt keine absolute Definition von Gott oder Liebe, sie sind gleichermaßen undefinierbar. Trotzdem spüren wir es ganz genau, wenn wir einen Ausbruch von Erkenntnis oder eine Präsenz erfahren, die man nur als »Gott« oder »Liebe« bezeichnen kann. Beide sind weder sichtbar, noch können sie vom denkenden Verstand oder Intellekt analysiert werden. Man kann sie nur erkennen und verwirklichen. Auch wenn ich solche Wörter wie »Quelle«, »Love-Beauty« (»Liebe-Schönheit«), »Gegenwart«, »Unbeschreibliches« und »Geist« verwende, um das Göttliche zu beschreiben, so ist doch keines davon eine angemessene Beschreibung des großen Etwas, das wir »Gott« nennen und das allumfassend und allgegenwärtig ist.
Mein Buch Entscheide dich für die Freiheit ist nicht das Ergebnis von unübertrefflichen spirituellen Schlussfolgerungen, die ich nun als »die Wahrheit schlechthin« präsentiere. Es ist eher eine Zusammenfassung meiner eigenen, etwa dreißig Jahre langen Reise, auf der ich in das große Geheimnis eingedrungen bin und die Grenzen des Bewusstseins erforscht habe. Dies bleibt ein sich ständig weiterentwickelnder Prozess. Es ist das Ergebnis meiner Abwendung vom materialistischen Weltbild und der Erkenntnis, dass eine engagierte spirituelle Praxis unsere Aufgabe in diesem Leben erleuchtet und klärt. Wir werden nicht nur befreit durch das, was geschieht, wenn wir auf unserem Meditationskissen sitzen, sondern auch durch die Art und Weise, wie wir die Ergebnisse unserer spirituellen Übungen anwenden – ob wir nun auf der Autobahn fahren oder uns mit anderen Menschen, mit der Natur und der globalen Umweltsituation beschäftigen -, wie wir unsere Erdenbürgerschaft kultivieren in Beziehung zu unseren Mitmenschen, wie wir uns liebevoll in selbstlose Dienstleistungen einbringen und unsere Ressourcen mit anderen teilen.
Im ersten Kapitel dieses Buches lege ich die Betonung auf den Beginn meiner spirituellen Öffnung, womit ich Ihnen ein Verständnis dafür zu liefern hoffe, »woher ich komme«. Die folgenden sechs Kapitel beschreiben den Kern meiner Lehren. Mit dem siebten Kapitel beginnend und bis zum Ende des Buches biete ich vermehrt praktische Werkzeuge an, die für alle Übenden, egal auf welcher Stufe sie sich befinden, anwendbar sind.
Am Ende jedes Kapitels habe ich eine Affirmation eingefügt, in der die Prinzipien noch einmal konzentriert werden, außerdem eine »Verinnerlichung«, die Sie vielleicht in Ihre Meditation, Ihr Gebet oder Ihre Kontemplation einschließen möchten.
Ich definiere bestimmte Begriffe, um sicherzustellen, dass wir unter dem jeweiligen Wort dasselbe verstehen. Der »Himmel« zum Beispiel ist kein Ort, wie ihn sich viele vorstellen. Wir sind vielmehr im Himmel, wenn wir in einer inneren Erkenntnis des ewig wachsenden Guten leben, das den gesamten Kosmos durchdringt.
»Die grundsätzliche Güte des Universums« ist ein Ausdruck für die Tatsache, dass wir in einem freundlichen Kosmos leben, der mit »Absicht« gestaltet wurde, um unser Erwachen zu fördern. Das Universum ist nicht gegen uns, es ist für uns. Es stellt uns nicht auf die Probe, es spornt uns an. Unser »authentisches Selbst« ist der innere erleuchtete Zustand, den die Buddhisten unser »ursprüngliches Gesicht« nennen und die Christen als »Seele« bezeichnen.
»Transformation« ist ein Wort, das im heutigen spirituellen Sprachgebrauch inflationär vorkommt. Es ist auch schon fast zu einer Art Reklamemantra geworden, mit dem man potenzielle Seminarteilnehmer, Leser oder Magazinabonnenten an den Haken zu bekommen versucht. In diesem Buch meint »Transformation« das, was geschieht, wenn das egoistische Selbst durch eine bewusste Erkenntnis des authentischen Selbst ersetzt wird. Es gibt zwei Arten von Kriegern in der Welt: den traditionellen Krieger, der Grenzen und Lebensweisen verteidigt, und den spirituellen Krieger. Letzterer durchbricht innere Grenzen und erforscht neue Dimensionen einer erweiterten Seinsweise. Er ist ein Mensch, der sich ganz seinem spirituellen Erwachen verpflichtet hat und mutig genug ist, seine Entscheidungen auf der Grundlage dieser Verpflichtung zu treffen. Wenn ich das Wort »hingeben« verwende, meine ich damit die innere Bereitschaft, sich auf den nächsten Schritt in unserer Evolution einzulassen. Vor kurzem habe ich den Ausdruck »Playvolving« geprägt (aus engl. play = spielen und evolve = sich entwickeln), was bedeutet, innerlich in einem spielerischen Zustand zu bleiben, während man sich gleichzeitig darüber im Klaren ist, dass wir hier sind, um uns im Bewusstsein weiterzuentwickeln.
Die Sinnsprüche, die am Anfang jedes Kapitels zur Einstimmung auf das jeweilige Thema stehen, sind Verse, die aus Liedern stammen. Meine Frau Rickie Byars Beckwith und ich haben sie in den vergangenen zwanzig Jahren geschrieben.
Dieses Buch will Ihnen nicht nur eine Botschaft übermitteln, sondern auch Einsichten in Ihre eigene wahre Natur und den Sinn Ihres Lebens erwecken. Das Wissen um Ihre Existenz als ein einmaliges und wertvolles Wesen ist in Ihrem inneren Selbst tief und fest verankert. Meiner Überzeugung nach haben wir nicht nur die Fähigkeit, sondern auch die Verpflichtung, bewusst an einem Entwicklungsprozess teilzunehmen, der uns mit dem authentischen Selbst in Verbindung bringt. Meine Aufgabe sah ich darin, einen Leitfaden zu entwickeln, der Sie dabei unterstützen soll, in diese tieferen Dimensionen des Seins einzudringen.
Eine erleuchtete Gesellschaft kann nur von erwachten Wesen geschaffen werden. Es ist mein inbrünstiges Gebet, dass Sie dazu inspiriert werden, die in Ihnen verborgene Fähigkeit zu entfalten. Es geht darum, ein wohltätiger und nützlicher Mensch zu werden, darum, aktiv mitzuhelfen und Frieden, Mitgefühl, liebevolle Güte und selbstlosen Dienst an der Menschheit in diese Welt zu bringen.

Kapitel 1
Wer wir sind
Eine Woge von Leben schwemmte mich von den Toten fort.
Ich hörte auf, mich geistig zu vergiften,
und begann, ein spirituelles Fundament zu errichten.
Die Welt um mich herum stürzte zusammen.
Und als sie zerbrach, sah ich den höheren Grund.
Etwas in meinem Innern geschah.
Ich schritt in meine wahre Identität hinein.
Meine zentrale Botschaft hat nichts mit Frömmelei oder institutionellem Glauben zu tun. Sie handelt von dem Streben nach spiritueller Befreiung, die ich als ein Abstreifen der engen Fesseln der Furcht definiere, des Zweifels, der Sorge und des Mangeldenkens, um stattdessen aus einem bewussten Gewahrsein seines authentischen Selbst, seiner wahren ganzheitlichen Natur heraus zu leben.
Spirituelle Befreiung ergibt sich aus der Entdeckung und dem Ausdruck der inneren Eigenschaften eines erleuchteten Bewusstseins, die zu uns gehören seit dem Augenblick, als wir ins Leben traten. Alles, was erforderlich ist, um unser höchstes Potenzial auszuleben, liegt also bereits in uns und wartet nur darauf, bewusst von uns aktiviert zu werden. Unser Potenzial auszuleben bedeutet, mehr wir selbst zu werden, mehr von dem zum Ausdruck zu bringen, wer und was wir als erwachte Wesen sind. Dies ist ein zentrales Thema, dem Sie in diesem Buch immer wieder begegnen werden.
Spirituell erwachsen zu werden hat etwas mit der Erkenntnis zu tun, dass wir hier sind, um uns auf den evolutionären Impuls einzustimmen, der das Universum beherrscht. Das Universum ist unendlich, es hat Bewusstsein, und es strebt danach, sich durch uns zum Ausdruck zu bringen. Wir leben in einem Universum, in dem alles in Bewegung ist. Alles, was existiert, hat den erkennbaren Antrieb, immer mehr von sich selbst zu verwirklichen. Wenn eine Eichel in fruchtbaren Boden gepflanzt und mit der richtigen Nahrung versorgt wird, dann wird sie sich am Ende zu ihrem vollsten Potenzial als Baum entfalten. In gleicher Weise muss der Geistessame im Herzen unseres Wesens kultiviert werden, wenn er sich völlig entfalten soll. Auch wir müssen den Acker unseres Bewusstseins mit spirituellen Werkzeugen und innerer Nahrung bestellen, die uns in den Stand versetzen, unsere Gaben, Talente und Fertigkeiten zum Nutzen aller einzubringen. Durch diese innere Arbeit wird unser Bewusstsein zu einer fruchtbaren Grundlage für unsere bewusste Teilnahme an unserer Evolution und nicht zu einem Prozess der natürlichen Selektion, der von äußeren Bedingungen angetrieben wird.
Jesus Christus, Gautama Buddha, Bhagavan Krishna und viele andere sind Beispiele für spirituell befreite Wesen. Sie zeigen uns den Weg. Jeder von ihnen liefert uns eine einmalige »Landkarte«, die immer zum gleichen Ziel führt, sei es nun definiert als Selbstverwirklichung, Erleuchtung, Satori, Nirvana, vollkommene Gesundheit, Samadhi oder Ekstase. Wir sind ebenso, wie sie es waren, sozusagen Anwärter auf das Erwachen. Mehr noch, wir haben eigentlich die Verpflichtung, zu unserer wahren Natur und zur wahren Natur der Wirklichkeit zu erwachen.

Die Ausrichtung an universellen Gesetzen

Wenn wir spirituell reifer werden, entdecken wir universelle Gesetze, die wir zur Beschleunigung unserer Evolution zum Einsatz bringen können. Im Anfangsstadium wenden wir sie an, um unsere legitimen Bedürfnisse zu befriedigen. So konzentrieren wir uns zum Beispiel auf die Schaffung von Wohlstand, um unseren Lebensunterhalt zu sichern, auf das Heilen, um unsere Gesundheit zu gewährleisten, und auf die Beziehung, um unsere Liebe aufrechtzuerhalten.
Wenn wir uns an den Gesetzen ausrichten, die diese Aspekte unserer Menschlichkeit bestimmen, dann festigen sich unsere Lebensstrukturen, und wir werden frei, um in die tieferen Dimensionen unseres Wesens einzudringen. Sobald unsere Energien nicht mehr ganz auf die Sicherung von Nahrung, Kleidung und Wohnung konzentriert sind, haben wir die Freiheit, um mit unserer eigentlichen Arbeit zu beginnen. Diese besteht darin, das zu entdecken und freizulegen, was der Dichter Robert Browning unseren »inneren Glanz« genannt hat.

Wie alles begann

Soziale Aktivitäten und eine konstruktive Veränderung der Welt waren die wichtigsten Anliegen in meinem Elternhaus in Los Angeles. Die herzliche Großzügigkeit meiner Eltern und ihr Gemeinschaftssinn hatten einen großen Einfluss auf mich und meine beiden Brüder. Ihr Vorbild trug dazu bei, dass ich mich während meiner High-School-Zeit an Protesten gegen den Vietnamkrieg beteiligte, Geschäfte boykottierte, die farbigen Menschen unfaire Löhne zahlten, Mitglied im Black Workers Congress wurde und auf dem College das Harriet Tubman1 Prison Committee einrichtete. An diesen und anderen sozial orientierten Aktivitäten nahm ich in den sechziger und siebziger Jahren mit Begeisterung teil. Ich war als Agnostiker bekannt, und so kam meine unorthodoxe spirituelle Öffnung für meine Familie und meine Freunde ebenso überraschend wie für mich selbst.
In den frühen siebziger Jahren studierte ich an der University of Southern California im Hauptfach Psychobiologie – zu einer Zeit, als das Rauchen von Marihuana etwas ganz Normales war. Was ich im Unterricht über psychische Krankheiten lernte, veranlasste mich zu der Überlegung, ob die Wiederkehr einiger Erfahrungen aus meiner Kindheit, in denen ich Visionen erlebte, vielleicht etwas Krankhaftes hätte. Ich schränkte meinen Marihuanakonsum ein in der Hoffnung, dass die Visionen und Stimmen dann verschwinden würden. Aber das Gegenteil war der Fall, sie nahmen erst recht zu.
Um die Kosten für meinen Freizeitkonsum zu decken, begann ich, Marihuana zu verkaufen. Es fing als bescheidene »Heimarbeit« an und endete mit Verteilung in Washington D.C., Atlanta, Nashville, New York und Los Angeles.
Dann geschah etwas, was es mir unmöglich machte, meinen inneren Erfahrungen weiter den Rücken zuzukehren oder sie einfach nur auf das Rauchen von »Gras« zurückzuführen. Etwa ein Jahr lang hatte ich immer wieder einen Traum, in dem mich drei Männer verfolgten. Ich wachte immer auf, bevor sie mich erreichten, aber jedes Mal wenn ich diesen Traum hatte, rückten sie ein Stückchen näher. Dann, eines Nachts, bekamen sie mich zu fassen. Ich zappelte und wehrte mich. Aus dem Augenwinkel sah ich ein kleines Zelt, vor dem Hunderte von Leuten Schlange standen. Ich rief sie zur Hilfe, und sie schauten in meine Richtung. Aber einer nach dem anderen drehte mir den Rücken zu. Plötzlich warfen zwei der Männer mich auf den Boden und hielten mich fest, während mir der Dritte ein Messer ins Herz stieß. Der Schmerz war fürchterlich. Ich schrie laut auf, und dann starb ich.
Als ich aus diesem Traumtod erwachte, fühlte ich mich selbst ganz durchdrungen und umgeben von einer herrlichen »Gegenwart«. Wegen meiner agnostischen Tendenzen nannte ich sie »Love-Beauty«: Sie erfüllte meinen Geist mit bedingungsloser Liebe, und diese gleiche Liebe belebte jedes Objekt in meiner unmittelbaren Umgebung. Die Person, die so viele Jahre damit verbracht hatte, ihre Verbindung zu dem universellen Einen zu leugnen, war gestorben. Ich würde nie wieder in diese Schublade passen.
Ich begann, mich sowohl mit östlicher als auch mit westlicher Spiritualität und Mystik zu befassen. Dabei fand ich sehr bald heraus, dass die Lehrer dieser Religionen – wenn man die Details der jeweiligen Kultur, Geschichte und der Dogmen beiseitelässt – alle sehr ähnliche Prinzipien und Praktiken lehrten. Diese Erkenntnis führte mich zu einem Gefühl des Einsseins. Zuvor hatte ich stets die Empfindung des Getrenntseins vom Ganzen.
Von dieser Entdeckung beflügelt, erstarb schließlich auch mein Bedürfnis, »Gras« zu rauchen und zu verkaufen. Ich beschloss, damit aufzuhören und aus dem Geschäft auszusteigen – aber vorher wollte ich noch die Lieferung verkaufen, die ich gerade bekommen hatte. Niemals zuvor hatte ich Marihuana in meiner Wohnung aufbewahrt. Aber für diesen letzten »Job« machte ich eine Ausnahme. Bevor ich den Stoff ausliefern konnte, wurde ich jedoch festgenommen – jemand hatte die Polizei über meine Aktivitäten als Dealer informiert.
Das Ausmaß meiner Tätigkeit führte zu einer ernstzunehmenden Anklage. Ich sah einer erheblichen Gefängnisstrafe ins Auge. Die Ratschläge meiner wohlmeinenden Freunde reichten von »Bekenn dich schuldig und mach einen Deal« bis zu »Nimm dein Geld und verschwinde aus dem Land«. Aber meiner Ansicht nach war das alles nicht mehr relevant, denn die Person, die mit Drogen gehandelt hatte, war tot: Meine spirituelle Transformation hatte aus mir einen neuen Menschen gemacht. Und ich wusste intuitiv, jenseits allen Zweifels, dass dieses neue Ich nicht auf dem Weg ins Gefängnis war.
Tag für Tag saß ich im Gerichtssaal und las Bücher über spirituelle Themen – bis zu dem Augenblick, als mein Anwalt plötzlich und unvermittelt aufsprang und überzeugend einen strittigen Punkt vorbrachte, der ein formales Detail des Verfahrens betraf. Der Richter rief daraufhin die Anwälte zu einer Beratung in sein Zimmer, die zu einer dreitägigen Unterbrechung führte. Als ich am vierten Tag in den Gerichtssaal zurückkam, wurde mein Fall zu den Akten gelegt.
Allerdings hatte der Richter noch ein paar weise Worte für mich. Nachdem er die Anklage fallen gelassen hatte, rief er mich zu sich und ermahnte mich mit strenger Miene: »Das war eine glückliche Wendung, junger Mann. Ich hoffe, dass ich Sie in meinem Gerichtssaal niemals wiedersehe.«
Ich sah ihm gerade in die Augen und erwiderte: »Und das werden Sie auch nie.« Dort, in diesem Gerichtssaal, schwor ich mir: Von diesem Augenblick an weihe ich mein Leben dem Dienst an Love-Beauty in der Welt.
Erleichtert, der Enge des Tribunals entronnen zu sein, holte ich tief Atem; und während ich nach Hause fuhr, floss mein Herz über vor Dankbarkeit. Als ich aus meinem Wagen stieg und gerade auf meine Haustür zugehen wollte, wurde mein Blick magnetisch von einer Wetterfahne angezogen, die im Vorgarten meines Nachbarn stand. Die Brise an diesem Nachmittag war gerade stark genug, um die Spitze der Wetterfahne von mir wegzudrehen. Den Blick fest auf die Wetterfahne gerichtet, sagte ich in Gedanken: »Wenn meine innere Erfahrung wirklich das ist, was ich von ihr glaube, dann lass die Wetterfahne sich in meine Richtung drehen …« Bevor ich den Satz noch ganz vollendet hatte, drehte sich die Wetterfahne und blieb mit der Spitze genau auf mich gerichtet stehen. Love-Beauty traf mich mitten ins Herz. Ich lieferte mein Leben ganz und gar ihrer leuchtenden, transformierenden Berührung aus. Ich erkannte, dass mein äußeres Leben sich nun nach der inneren Transformation ausrichtete, die mit dem immer wiederkehrenden Traum ein Jahr zuvor begonnen hatte. Ich brauchte keine weiteren Hinweise mehr!
Ich vertiefte meine spirituellen Nachforschungen weiter durch das Studium von östlicher und westlicher Mystik, Metaphysik und Wissenschaft, übte mich in Meditation, Kontemplation, Gebeten, Klausuren und unternahm Pilgerfahrten. Ich erfuhr die große Freude, in bewusster Verbindung mit der Liebe und der Schönheit zu stehen, die das Universum belebt, und in dieser Verbindung empfand ich ein tiefes Gefühl für meine eigene Lebendigkeit. Ich weihte mein Leben dieser Love-Beauty im Vertrauen darauf, dass ihre Güte den Lauf meines Lebens leiten würde. Ich begriff aber auch, dass ich durch meine Erfahrungen nichts Besonderes war, weil wir letzten Endes alle zu der Erkenntnis erwachen, viel mehr zu sein als Fleisch, Knochen und Verstand …

Legen Sie Ihre spirituelle Schüchternheit ab

Viele Menschen haben die Andeutung eines inneren Erwachens erfahren, und manche fanden in der Tat zu einer völligen Selbsterkenntnis. Vielleicht haben Sie aber nicht gewagt, Ihre eigenen Erlebnisse mitzuteilen, weil Sie dachten, sie grenzten ans Krankhafte, oder man würde Ihnen nicht glauben. So ging es mir auch. Ich hoffe, Sie werden durch die Beschreibung meiner Reise ermutigt, die Offenbarungen und Einsichten, die an die Tür Ihres Bewusstseins geklopft haben, nicht abzulehnen oder zu verdrängen.
Wenn Sie sie im Geiste beiseitegeschoben haben, bringen Sie sie ans Licht zurück, und schauen Sie sich das Ganze noch einmal an. Vertrauen Sie ihnen. Machen Sie sie wieder lebendig und erlauben Sie sich selbst, sich für weitere Tiefen des Bewusstseins zu öffnen. Und falls es Ihnen angemessen erscheint, das zu tun, teilen Sie es mit -ohne freilich missionieren zu wollen. Sie können nicht wissen, ob Ihr Weg für andere Menschen nicht einen Anstoß liefert, ihre eigene und einzigartige Verbindung mit dem Unbeschreiblichen zu suchen. Ich plädiere dafür, aus Liebe zum Geistigen das Selbstbewusstsein in den Hintergrund zu stellen und sich verletzbar zu machen, selbst auf die Gefahr hin, dass andere uns als etwas verrückt bezeichnen werden.

Das Geschenk der Mystiker

Welch ein Segen ist es für mich, etwa dreißig Jahre lang mit Menschen studiert zu haben, die ein erleuchtetes Bewusstsein besaßen – solchen, die noch leben, und anderen, die nicht mehr unter uns weilen. Bloße Vermutungen oder blinder Glaube waren ihre Sache nicht. Sie hatten ein bewusstes, ekstatisches Gewahrsein von einer greifbaren »Gegenwart«. Sie waren echte Medien, die zum Erwachen ihrer Jünger, Anhänger, Schüler und sogar von Menschen, die sich ihrem Einfluss widersetzten, beigetragen haben. Wir haben das große Glück, dass ihre spirituellen Erkenntnisse und Einsichten gut dokumentiert sind, durch ihre Biografien und andere Schriften sowie Bücher, die von ihren Schülern und Anhängern verfasst wurden.
Ich trage in meinem Herzen eine tiefe Dankbarkeit für meine Lehrer aus dem Osten, darunter Sri Aurobindo, Paramahansa Yogananda, Gautama Buddha, Krishnamurti und Osho. Der Sufi-Mystiker Hazrat Inayat Khan und seine Lehren erreichten mich genau zur richtigen Zeit. Das Leben und die Lehren Jesu Christi übten immer einen besonders großen Einfluss auf mich aus. Zu den westlichen Denkern, die mich beeinflusst haben, gehören Dr. Ernest Holmes, George Washington Carver, Dr. Thomas Horn, Emanuel Swedenborg, Pierre Teilhard de Chardin, Walter Russell, Joel Goldsmith, Dr. Howard Thurman und Thomas R. Kelly. Auch andere haben mein spirituelles Wachstum beeinflusst, aber ich bleibe in demütiger Dankbarkeit gegenüber diesen früheren spirituellen Führern, durch deren Vermächtnisse ich so viel Gnade und Inspiration erfahren haben.
Bei meinem Studium der heiligen Texte und mystischen Schriften aus Ost und West wurde mir klar, dass sie keineswegs in Widerspruch zueinander stehen. Ihre Verfasser betonten verschiedene Aspekte des Erwachensprozesses vor dem Hintergrund ihrer Epoche und ihrer jeweiligen Zuhörer. Je dichter man an den Kern ihrer Botschaften herankommt, desto weniger Widerspruch ist zu erkennen. Die spirituellen Traditionen der Welt haben viele Mystiker hervorgebracht. Ihre Poesie und Prosa lässt alle Dogmen vergessen, und konfessionelle Unterschiede lösen sich auf. Nur der Geschmack der Unendlichkeit bleibt auf ihren Lippen und spricht durch ihre Schriften. Sie sind sich darin einig, dass es eine dynamische Existenz gibt, die eine Lebenskraft darstellt, welche alles Existierende belebt, die das Verlangen hat, sich in allen Wesen zum Ausdruck zu bringen, und die uns aus diesem Grund mit der Fähigkeit ausgestattet hat, unser Leben in Harmonie mit den kosmischen Gesetzen mitschöpferisch zu gestalten. Dieser natürliche Ausdruck unserer inneren Ganzheit bedeutet Erleuchtung.
Glücklicherweise haben großzügige Menschen, denen es gelungen ist, die Begrenzungen der Sprache zu überwinden, uns an dem Prozess ihrer Selbstverwirklichung teilhaben lassen. Wenn wir erst einmal verstanden haben, wie dringend es ist, dass wir keine weitere Zeit verschwenden, und uns mit dem beschäftigen, was sie uns hinterlassen haben, dann werden wir auch die Freude und den Frieden im Herzen und im Geist erleben, die eine Folge des Erwachens sind. Dann werden wir die ganze Fülle unseres Erbteils empfangen, das uns als von Geburt an erleuchteten Wesen zusteht. Indem wir studieren, was und wie die Großen gelebt und gelehrt haben, und indem wir ihre Lehren in die Tat umsetzen, werden auch wir zu der Erkenntnis erwachen, dass wir spirituelle Wesen waren und sind, die sich als Menschen inkarniert haben. Von dieser Basis aus üben wir einen wohltuenden Einfluss aus und werden zu einem individuellen Ausdruck für die nächste Stufe der menschlichen Evolution.
Affirmation
Hier und jetzt erwecke und aktiviere ich den evolutionären Impuls meines inneren Wesens. Mit absolutem Vertrauen überlasse ich es dem Geist, wohin er mich führt, und erlebe einen Frieden, der über alles Verstehen hinausgeht.
Nehmen Sie einen tiefen, entspannenden Atemzug und kontemplieren Sie die folgende Verinnerlichung.
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Verinnerlichung

Ich wende mich in diesem Augenblick nach innen und spüre die Freude, einfach lebendig zu sein – die Freude, dass ich für etwas dankbar sein kann, ganz gleich, was es ist. Ich danke dir, göttliche Gegenwart. Ich danke dir, reiner Geist. Ich wende mich in diesem Augenblick nach innen und spüre deine Präsenz. Ich erkenne sie überall. Wo immer ich auch bin, bist du. Ich werde so sehr eins mit deiner Gegenwart, dass ich dich zu mir sagen höre: »Ich bin dir näher als dein Atem, näher als deine Hände und Füße. Der Boden, auf dem du stehst, ist heilig.«
Ich fühle es jetzt, und in diesen Bereich des Fühlens trete ich ein, in der Gewissheit, dass schon jetzt ein spirituelles Wachstum in mir stattfindet.
Als Jesus definierte, was ein Gebet ist, da sagte er, ich solle beten in dem Glauben, dass ich schon empfangen habe, damit ich es bekomme. Also ein bejahendes, affirmatives Gebet sprechen. Er sagte nicht, ich solle beten in dem Glauben, dass ich es möglicherweise bekomme oder dass es zu irgendeinem späteren Zeitpunkt eintreffen wird. Nein! So bete ich nun in dem Glauben, dass der Himmel bereits da ist, wo ich mich befinde. Das immerfort wachsende Gute ist schon mein. Ich beanspruche es als mein spirituelles Erbteil. Und so trete ich nun in einen Bereich ein, in dem ich erkenne, dass alle meine Bedürfnisse erfüllt sind. Ich spüre das, in diesem Augenblick, ungeachtet all meiner äußeren Umstände. Niemand kann mir dieses Gefühl nehmen, dass alle meine Bedürfnisse schon jetzt erfüllt sind. Es gibt keine äußere Autorität, die mir sagt: »Du weißt doch, dass du dich noch nicht so fühlen kannst, weil du noch nicht so viel Geld hast, wie du dir wünschst, und weil du noch nicht in dem Haus wohnst, das du gern haben möchtest.« Ich fühle und glaube, dass ich alles habe, was ich brauche, hier und jetzt. Überfluss ist die Losung dieses Tages. Ich mache mir keine Sorgen mehr darüber, wie meine Bedürfnisse erfüllt werden.
Ich spreche dieses Wort für mich selbst in dem Wissen, dass in dem Gefühlston dieser Schwingung mein Leben alle Schönheit, alle Liebe, alle Weisheit, allen Frieden, alle Mittel zum Lebensunterhalt, alle Freude enthält. Das Leben fließt so ohne Hemmung durch mein ganzes Wesen, und das magnetische Feld in mir verstärkt den lebendigen Geist in solch einer Weise, dass ich auf der Flutwelle seiner Schönheit reiten kann. Das ist es, was ich verkünde. Das ist es, was ich sehe. Das ist es, was ich annehme. Das ist es, was ich weiß. Es geschieht jetzt.
Ich spreche in dieses heilige »Jetzt« hinein. Ich rufe die Ganzheit und das Wohlergehen in mein Leben. Der Tempel meines Körpers spiegelt die fundamentale Harmonie des Universums wider – die Ordnung, die Stärke, die Schönheit, die belebende Kraft. Wie großartig bin ich erschaffen! Die göttliche Intelligenz im Tempel meines Körpers kann alles heilen, wenn ich den Voraussetzungen für Heilung erlaube, sich zu manifestieren. So sage ich ja zu allen Organen, Aktionen und Funktionen meines Körpers. Ich bin ganz gemacht geworden. Jede Zelle vibriert nun mit einer Leuchtkraft, die aus der intimen Übereinstimmung mit dem reinen Geist gespeist wird. Gesundheit ist die Losung meines Tages. Ganzheit herrscht über alles.
Meine geistigen Gewohnheiten und Muster sind nun geläutert, sind in ihrer ursprünglichen Klarheit wiederhergestellt, und ich zähle nicht länger meine Misserfolge und Hindernisse. Ich zähle meine Segnungen. Während ich meinen Tag durchlebe, bin ich dankbar. Ich beginne meine Aufzählung mit der Freude darüber, dass ich einen Tisch und einen Teppich habe. Ich zähle einfach meine Segnungen. Es spielt keine Rolle, wie groß oder klein sie sind. Ich bin über alle Maßen dankbar.
Der Tempel meines Körpers, mein Emotionalkörper, mein Mentalkörper, der Körper meiner Angelegenheiten, Beziehungen, meiner Kreativität, sie alle sind nun in Übereinstimmung mit der fundamentalen Güte und Harmonie des Universums. Ich sehe das und bedanke mich dafür. Wie unendlich und göttlich und vollkommen ist der Geist, der in mir lebt. Ich bin überaus dankbar für die Wahrheit, die mich in diesem Augenblick durchströmt und mir gestattet, in direkten Kontakt mit der Fülle meines Wesens zu treten.
Ich weiß, dass dieses Wort, das ich spreche, einem Gesetz der Ausschaltung gleichkommt, das alles auflöst, was bisher die Fülle des Lebens gehindert, blockiert, verzögert, gehemmt oder davon abgehalten hat, sich in mir und durch mich zum Ausdruck zu bringen. Dieses Wort ist ein Gesetz für das, wofür es gesprochen wurde. Es herrscht jetzt genau die Bedingung, die es der göttlichen und vollkommenen spirituellen Idee in mir erlaubt, sich zu ihrer vollen Blüte zu entfalten. Ich sehe es ebenso, wie ich es verkünde. Ich weiß es. Ich bewege mich in einer Atmosphäre des Vertrauens auf dieses Gesetz. Es lenkt meine Schritte. Es erhebt mich. Es verwandelt alles in mir, was mich behindern oder blockieren könnte. Ich öffne mich und bin empfänglich für das Einströmen von Inspiration, für die Erweiterung des Bewusstseins und für die Offenbarung meiner wahren Natur als ein erwachtes Wesen in genau diesem Augenblick. Es ist getan, und so lasse ich es sein.
003

Kapitel 2
Spirituell entwickelte Menschen
Mach mich geduldig, wenn ich mich sorge.
Mach mich gelassen, wenn Unfrieden herrscht.
Mach mich liebevoll, wenn mein Herz sich verhärtet.
Lass mich verzeihen, wenn ich im Recht bin.
Im Verlauf unseres Lebens entwickeln sich Muster von Gedanken und Handlungen. Einige dieser Muster unterstützen uns, während andere uns behindern oder gar zu Fall bringen. Sie beeinflussen die Qualität unseres Lebens und unseres Umgangs mit der Umwelt. Wenn wir einmal ehrlich und unvoreingenommen unsere alltäglichen Verhaltensmuster überprüfen, dann werden wir feststellen, dass wir – angefangen bei unserer Morgenroutine bis hin zu unserer Schlafenszeit – unbeirrbar immer wieder den einen »Muskel« benutzen: Wiederholung. Wenn ich lange genug auf der einen Seite des Bettes schlafe, dann wird das »meine Seite«. Auch wenn niemand anderes in dem Bett schläft außer mir selbst, ist es dennoch »meine Seite«.
Sobald wir uns einmal der Muster bewusst werden, die wir auf solche oder ähnliche Weise geformt haben, können wir sie überprüfen und neue Entscheidungen treffen, wenn wir das für notwendig halten. Oder wir üben das, um flexibel zu bleiben – einfach als eine bewusste Anwendung unserer Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen.
Genauso wie wir Muster des Denkens und Handelns zu erschaffen vermögen, können wir sie auch verändern. Die Entscheidung, welche wir beibehalten und welche wir verändern oder ablegen wollen, ist eine Übung in Freiheit. Es läuft darauf hinaus, zu verstehen, dass uns die Herrschaft über unser Leben gegeben ist, wie es schon in der Bibel heißt: »Er gab ihm Gewalt, Ehre und Reich … seine Gewalt ist ewig, die nicht vergeht, und sein Königreich hat kein Ende« (Daniel 7, 14). Wir alle sind ohne Ausnahme Königinnen und Könige auf dem Thron des Bewusstseins und herrschen über unser Leben. Wenn wir die Herrschaft über unsere Gedanken und Handlungen haben, dann erfahren wir die Freiheit von den Zwängen eines mechanistischen Lebens. Die Beherrschung führt uns in einen Bereich des Seins, der die Denk- und Handlungsweisen entwickelter Menschen charakterisiert.
Die Wirklichkeit hat die Herrschaft über die Illusion. Wir sind erschaffen worden, um die Herrschaft über unsere illusorischen, unbeständigen Gedankenformen auszuüben. In dem Maße, wie Ihnen diese Herrschaft gelingt, werden Sie das erfahren, was Jesus meinte, als er uns ermutigte: »Schauet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen; sie arbeiten nicht, noch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in all seiner Herrlichkeit nicht bekleidet gewesen ist, wie derselben eins. So doch Gott das Gras auf dem Feld also kleidet … sollte er das nicht viel mehr euch tun, o ihr Kleingläubigen?« (Matthäus 6, 28 ff.). Wenn Sie sich also dazu entschließen, die Herrschaft zu verkörpern, dann werden Sie darauf vertrauen, dass der Überfluss, die Gesundheit, die Liebe und die Kreativität, die Ihre spirituellen Geburtsrechte sind, in Ihrem Leben erblühen und Sie schmücken werden, so wie die Lilien auf dem Felde es erleben dürfen, dass all ihre Bedürfnisse erfüllt wurden.

Involution und Evolution

Die Involution ist das Vorhandensein eines »Prototyps« im Inneren der belebten und der scheinbar unbelebten Natur. Die Evolution ist sozusagen ein »Nebenprodukt« der Involution. Ein Ahornsame (involut) zum Beispiel enthält bereits den »Prototyp« des Baums. Im Samen selbst braucht nichts hinzugefügt, weggenommen oder verändert zu werden, um ihn auf die Keimung vorzubereiten. Seine Evolution besteht darin, dass er im Lauf der Zeit immer mehr zu dem wird, was er ist. In ähnlicher Weise existieren die menschlichen Wesen als ein perfektes Urbild im universellen Geist. Da fehlt absolut nichts in uns; wir sind mit allem ausgestattet, was wir brauchen, um uns zu entfalten und zu blühen. Und ebenso wie ein Same die richtige Erde, Wasser und Nahrung benötigt, um zu seiner vollkommenen Form heranzuwachsen, so müssen auch wir den Boden unseres Bewusstseins mit Nahrung versorgen, damit wir uns zu dem ständig wachsenden Potenzial unserer Seele entfalten können. Wenn wir die Prinzipien von Involution und Evolution in uns aufgenommen haben, dann sind wir imstande, machtvoll durch die Welt zu schreiten, indem wir den inneren »Muskel« der Entscheidung anspannen – und nicht den der Wiederholung -, sobald es um unsere Gedanken und Handlungen geht.
Die folgenden Übungen sollen Sie deshalb darin unterstützen, solche Gedankenformen und Verhaltensmuster zu tilgen, die Ihren spirituellen Fortschritt bisher möglicherweise sabotiert haben.

Danken für das Selbstverständliche

Entwickelte Menschen danken für das Leben, für die Intelligenz im Tempel ihres Körpers und in der Natur, für das, was die meisten Menschen nicht einmal bemerken, wenn sie sich durch ihren Alltag steuern. Dankbarkeit ist ein Ausdruck der Demut, die Anerkenntnis, dass Gott es uns schon gegeben hat, bevor wir um etwas bitten.
Dankbarkeit schließt auch den Respekt für das ein, was das Ego als »schlechte Nachrichten« bezeichnen würde – die herausfordernden Umstände, die in unseren Alltag treten, um uns aufzuwecken. Viele unserer Zeitgenossen, die nicht die Heiligkeit aller Äußerungen des Lebens begreifen, fristen ihr Dasein vor einer Kulisse von Klagen, Selbstmitleid und Entschuldigungen. Sie bemühen sich, ihre Energie vor allem für die Veränderung der Umstände und Menschen in ihrer Umgebung einzusetzen, anstatt sich zunächst einmal selbst zu verändern.
Vor ein paar Jahren habe ich die Studenten in einem Kurs am Agape Center aufgefordert, Vorschläge für ein Gebet zu machen, das ihnen am Herzen lag. Donna, die an einer Nierenkrankheit litt, kam nach vorn und bat darum, ein Gebet dafür zu sprechen, dass sie auf die Warteliste für eine Nierentransplantation gesetzt wird. Die Kursteilnehmer stimmten begeistert zu, aber alle waren verblüfft, als ich den Vorschlag machte, etwas anders vorzugehen. »Warum wollen wir nicht daran arbeiten, die Nieren zu heilen, die du bereits hast?«, fragte ich. Sie antwortete, dass ich die spezielle Art ihrer Nierenerkrankung nicht kenne, und erklärte uns, es handele sich um eine sehr seltene Form, die fast nie geheilt werde. Sie bat also darum, dass wir an ihrem ursprünglichen Ersuchen festhalten sollten, auf die Transplantationsliste gesetzt zu werden.
In diesem kritischen Augenblick kam mir eine Geschichte in den Sinn, in der Alan Watts erzählt, wie er gelernt hat, zu »warten« und die Zeit zwischen zwei Terminen für seine Meditation zu nutzen. Also schlug ich vor, in unserem »Gebetslabor« etwas zu experimentieren und zu schauen, ob wir nicht etwas für Donnas vorhandene Nieren tun könnten, während wir darauf »warteten«, dass sie auf die Transplantationsliste kommt. Donna seufzte erleichtert und sagte: »Okay.«
Ich fragte dann die Kursteilnehmer: »Wie viele von euch haben sich heute Morgen beim Aufwachen bei ihren Nieren dafür bedankt, dass sie so perfekt funktionieren?« Ich gab den Studenten den Auftrag, sich jedes Mal, wenn sie ins Badezimmer gingen, bei ihren Nieren zu bedanken und gleichzeitig ein Gebet für Donnas Nieren anzuschließen. Wir nannten es das »BP-Gebet« – »Beten beim Pinkeln«. Beten muss nicht auf einen bestimmten Raum im Haus, eine Kirche, einen Tempel, eine Moschee oder Synagoge beschränkt werden. Badezimmer sind ein großartiger Platz zum Beten. Ich schlug Donna vor, dass sie sich für ihr Leben bedanken sollte und für all das, was ihr Körpertempel für sie tut. Außerdem gab ich ihr den Auftrag, täglich eine Passage, die sich speziell auf die Heilung von Nierenkrankheiten bezieht, aus der Vollkommenheitslehre2 von Ernest Holmes zu lesen.
Ich weiß nicht, ob und inwieweit Donna das Prinzip der Dankbarkeit anwendete oder wie der Lesestoff sie ansprach, aber einige Monate später berichtete sie mir unter Tränen, dass ihre Nieren spontan begonnen hätten, wieder normal zu funktionieren. Ihre Heilung verwirrte die Doktoren, die ihr vorher eine Transplantation angeraten hatten, weil das ihre einzige Überlebenschance wäre. Heute, mehrere Jahre danach, funktionieren Donnas Nieren immer noch normal, und sie fährt fort, sich für Dinge zu bedanken, die die meisten Menschen für selbstverständlich halten. Wie es der Dominikanermönch und Mystiker Meister Eckehart3 beobachtete: Ein Mensch könne meist durch seine Haltung gegenüber der Dankbarkeit charakterisiert werden. Dankbarkeit ist etwas Kraftvolles, und sie brachte Eckehart auch dazu, zu sagen: Wenn das einzige Gebet, das man in seinem Leben gesprochen habe, ein »Danke« war, so sei das schon genug. Entwickelte Menschen sind dankbar.

Geben ohne bestimmten Anlass

Entwickelte Menschen geben, um zu leben, bis sie leben, um zu geben. Wenn wir unser Verständnis von den universellen Gesetzen erweitern, dann lernen wir, zu geben, um ein Leben von innerem Wert zu führen. Wir begreifen, dass wir in einem reichen Universum leben, das nach Werkzeugen sucht, durch die es seine bedingungslose Liebe, Begeisterung, Herzensgüte und seine Mittel austeilen kann. Dies ist ein Prozess, bei dem man aus der geistigen Einstellung herauswächst, etwas von der Welt haben zu wollen, und dazu kommt, etwas aus sich selbst heraus, freiwillig zu geben. Großzügigkeit führt dazu, dass Sie nicht mehr auf der Ebene des »Ichs« oder etwa des »Wir vier und sonst keiner mehr« leben, sondern sich auf eine generöse Haltung des Gebens verlegen. Ihre Großzügigkeit wird ein mikrokosmisches Spiegelbild der makrokosmischen Freigebigkeit des Geistes. Nebenbei gesagt, kommt das Wort »generös« vom Lateinischen generosus, was so viel bedeutet wie »von guter Art, aus edlem Geschlecht« oder »adelig«.
Als ich ein Kind war, aber auch noch später, während meiner Teenagerjahre, haben meine Großeltern unsere Familie regelmäßig besucht. Wir freuten uns immer auf diese Besuche, denn wir wussten, dass unser geliebter Großvater uns dann heimlich einen Silberdollar zustecken würde, der zu der damaligen Zeit bereits ein Sammlerstück war. Sein Geschenk wurde stets von einer kleinen Predigt begleitet: »Michael, wenn die Welt in zwei Gruppen von Menschen geteilt ist – solche, die geben, und solche, die nehmen -, dann beeil dich, auf die Seite der Gebenden zu kommen, und du wirst sehen, dass der große Mann da oben immer für dich sorgen wird.« Ich spreche aus Erfahrung, wenn ich sage, dass er recht hatte, denn der Geist wirkt durch die Gebenden in einer Weise, die über unsere Vorstellungskraft hinausgeht.
Wenn ich Ihnen rate, dass Sie mehr geben sollen, dann meine ich damit nicht, dass Sie nun Ihre Häuser verkaufen und Ihr ganzes Vermögen verschenken sollen. Nein, das nicht. Ich beschreibe vielmehr einen Weg, der vom Egoismus zur Selbstlosigkeit führt. Bevor Sie Ihren Tag beginnen, machen Sie es zu einem Teil Ihrer spirituellen Strategie, sich zu fragen: »Wie kann ich heute etwas von mir geben?« Wenn Sie das ein paar Tage üben, werden Sie sich ins Geben geradezu verlieben, und das universelle Gesetz wird entsprechend darauf antworten, indem es Ihnen immer mehr gibt, was Sie mit der Welt teilen können. Kontemplieren Sie über die verschiedenen Möglichkeiten, wie Sie andere an Ihrer Zeit, Ihrer Energie, Ihren Talenten, Fähigkeiten und finanziellen Mitteln teilhaben lassen können. Und dann schauen Sie, wie Ihr Herz so weit wird wie die Welt, wenn Sie Ihre Mitmenschen in Ihr Gutes mit einschließen. Mit anderen Worten: Sie leben nun, um zu geben.

Wer vergibt als Erster?

Ein Wettkampf, der die Teilnahme wert ist, wäre der mit dem Ziel, als Erster vergeben zu können. Denn entwickelte Menschen bemühen sich, sofort da zu sein, wenn es ums Verzeihen geht. Sofern uns das vergebende Bewusstsein fehlt, werden wir taub für das leise Flüstern in unserem Herzen, das uns sagt: »Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun« (Lukas 23, 34). Ein Mangel an Vergebungsbereitschaft sendet ein Signal ans Universum, dass es da etwas gibt, was Ihnen jemand angetan hat, um ein Gefühl des Mangels in Ihnen zu erzeugen. Nehmen wir zum Beispiel einmal an, man hat Sie wegen irgendeiner Angelegenheit nicht um Entschuldigung gebeten, und Sie glauben, dass man Ihnen dies schulde. Ihr Emotionalkörper wird dann die Energie des Mangels verkörpern. Und weil alles Energie ist, wird diese energetische Gedankenform des Mangels sich in Ihrem Erfahrungsbereich in irgendeiner Weise äußern – zum Beispiel in Form von Schulden.
Die Weigerung, zu vergeben, kommt aus der Verhaftung an das Bedürfnis, recht zu haben. Wenn wir nicht imstande sind, anderen zu vergeben, ist das ein Zeichen dafür, dass es uns auch schwerfällt, uns selbst zu verzeihen. Die Kraft der Vergebung ist befreiend, weil sie Hindernisse für das Einströmen des Guten in unser Leben beiseiteräumt. Vergebung gehört zu den stärksten Maßnahmen, die dazu beitragen, unser eigenes Leben wie auch das von anderen zu transformieren.
Als Jesus Christus uns ermutigte, sieben mal siebzig Mal zu vergeben, da hat er damit zu erkennen gegeben, dass die Praxis des Vergebens zu einer Lebensweise werden muss. Für unser spirituelles Erwachen ist es lebensnotwendig, dass wir unsere Herzen und Gehirne vom Müll der Abneigung und Feindseligkeit freihalten. Eine Passage aus dem Mahabharata ermahnt uns: »Vergebung ist Heiligkeit; durch Vergebung wird das Universum zusammengehalten. Vergebung ist die Stärke der Mächtigen; Vergebung ist die Ruhe des Geistes. Vergebung und Freundlichkeit sind die Eigenschaften des Selbstbeherrschten. Sie repräsentieren ewige Tugend.«4

Visualisierung und Vergebung

Es gibt wohl vor allem drei Gründe, die Visualisierung zu üben. Der erste und vermutlich häufigste ist der, dass die Menschen sich gern ein Bild von dem Leben vorstellen, das sie führen möchten, einschließlich des Lebensstandards, den sie erreichen wollen, um glücklich zu sein. Der zweite ist der, dass wir das praktizieren, was unsere indianischen Brüder über das »Gehe eine Meile in den Mokassins eines anderen« lehren, wodurch unser Mitgefühl zum Leben erweckt wird. Der dritte ist der, Vergebung zu üben.
Eine Visualisierungstechnik, die ich gelehrt habe und von der die Menschen sagen, dass sie ihnen bei der Vergebung geholfen hat, funktioniert so: Finden Sie einen ruhigen Platz in Ihrem Heim, wo Sie für einige Minuten sitzen können, ohne gestört zu werden. Setzen Sie sich, und nehmen Sie eine kraftvolle Haltung ein, mit geradem Rücken und nach hinten gezogenen Schultern. Entspannen Sie dann, ohne die Schultern sinken zu lassen, die Vorderseite Ihres Körpers und lassen Sie bewusst Ihren Herzbereich offen und sanft werden. Bringen Sie behutsam das Bild eines Menschen vor Ihr inneres Auge, dem Sie gern verzeihen möchten. Senden Sie ihm in Gedanken eine Botschaft der Vergebung, zum Beispiel: »Ich vergebe dir und lasse dich frei. Deine Handlungen haben keine Macht mehr über mich. Ich erkenne an, dass du dein Bestes tust, und respektiere dich in deinem Entfaltungsprozess. Du bist frei, und ich bin frei. Zwischen uns ist alles gut. Friede ist die Losung des Tages.«
Sie können den Wortlaut dieser Übung auch für die umgekehrte Situation abwandeln, wenn Sie etwa glauben, dass ein Mensch Ihnen eine Verletzung verzeihen müsste, die Sie ihm zugefügt haben. Vielleicht so: »Ich weiß, dass du eine Energie der Vergebung hast, die mir vergibt und mich freilässt. Meine Worte und Handlungen haben keine Macht über dich. Du bist frei, und ich bin frei. Im Geiste ist alles gut zwischen uns. Friede ist die Losung des Tages.«