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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 

Teil 1
002
Warum fange ich mit meiner Geschichte nicht da an, wo sie eigentlich beginnt, sondern in der jüngeren Vergangenheit, und warum auch noch ausgerechnet mit einem unscheinbaren Zettel? Weil ich nicht nur schildern will, was ich erlebt habe, sondern auch, warum ich bin, wie ich bin. Es ist eine dieser Geschichten, bei denen man am besten mittendrin anfängt. Und zwischendurch auch einmal vor, zurück und zur Seite springt. Mein Leben kennt keine geraden Linien. Es gab tiefe Brüche, es verlief in schwindelerregenden Kurven, und es überraschte mich mit plötzlichen Wendungen. Und doch … Es ist auch eine dieser Geschichten, die einer inneren Logik folgen, sogar wenn es rein äußerlich immer wieder drunter und drüber geht. Das glaube ich wenigstens. Oder ich rede es mir seit einiger Zeit ein. Vielleicht ist es aber auch einfach so, dass ich dabei bin, ein echtes Geheimnis zu entdecken. Und damit beginnt nun die Geschichte. Mit der Entdeckung eines Geheimnisses.

Endlich frei
München, Mitte 2008
 
 
 
 
Die Tür fliegt auf, und Anette stürmt herein. Na, die hat’s aber eilig, zur Arbeit zu kommen. Doch warum gestikuliert sie jetzt zu mir herüber? Ich entschuldige mich bei der Kundin, die ich gerade frisiere, und eile zu meiner Mitarbeiterin. Triumphierend hält Anette mir ein zusammengefaltetes Papierchen unter die Nase.
»Überraschung! Schau mal, was ich gefunden habe! Es ist von dir!«
Ja, ich erkenne den Schnipsel wieder. Und zwar auf Anhieb. Aber wie konnte er in fremde Hände geraten?
»Ich habe ihn in der Chloé-Handtasche gefunden, die du mir vererbt hast.«
Aha, als ich sie ausräumte, muss er sich wohl im Futter verborgen haben. Leicht verlegen beäuge ich Anette. Sie scheint die Situation richtig zu genießen.
»Nun lies doch mal!«
Keck stemmt sie die Hände in die Hüften.
»Weißt du eigentlich, worum es hier geht?«
Natürlich weiß ich das. Aber um sie nicht noch weiter anzustacheln, entfalte ich das Papierchen mit demonstrativer Gelassenheit, streiche es umständlich glatt und lese es ihr vor. Aber gerade nur so laut, dass es sonst niemand hören kann. Kulak misafiri olmakOhrengäste, nein danke! Nicht hier, in meinem Salon, in aller Öffentlichkeit. Denn da steht:
An das Universum, 29. 10. 05
 
Ich wünsche mir in München ein Frisörgeschäft. Es soll die beste
Lage haben, um die 150 Quadratmeter groß, sichtbar für jeden.
Ich wünsche mir da viel Erfolg und gelingendes Geldverdienen.
Ich wünsche mir, dass es immer in den Zeitungen erscheint.
Bitte bis Anfang nächsten Jahres. Danke.
Anette schaut mir mit dem Ausdruck des Erstaunens, ja der Bewunderung ist Gesicht.
»Also, ich find’s unglaublich! Das hier …«
Sie zeigt auf den Zettel in meiner Hand.
»… ist genau das hier
Sie macht eine ausladende Geste, die den ganzen Raum umschließt.
»Also Anette, ich muss dir das erklären, ja? Du, lass uns heute zusammen mittagessen gehen. Da kann ich dir in Ruhe erzählen, was es mit diesem Fetzen hier auf sich hat.«
Mit gespielter Gleichgültigkeit stecke ich den Zettel ein. Er gehört schließlich mir. Jetzt bin ich Anette zwar erst recht eine Erklärung schuldig, doch immerhin habe ich mir eine Denkpause verschafft. Sie freut sich über die Einladung. Vermutlich auch darüber, ein Geheimnis ihrer Chefin gelüftet zu haben.
Die Geschichte dieses Zettels begann Monate vor seiner Beschriftung, in einer Unterhaltung, die ich mit einer Kundin führte. Das war noch im Salon in der Frankfurter Freßgass, den ich zusammen mit meiner Zwillingsschwester Hatice führte. Mit dieser Kundin kam ich auf eine ausgesprochen angenehme Weise ins Gespräch. Selbst nach fast 30 Jahren »hinter dem Stuhl«, wie wir Friseure es nennen, versetzt es mich doch immer noch in Erstaunen, welche Vertrautheit zwischen zwei Menschen bei einem scheinbar so simplen Vorgang wie dem Haareschneiden entstehen kann.
Wenn Menschen hübsch gemacht werden wollen, beginnen sie sich zu öffnen. Anders gesagt: Sie melden ihr Bedürfnis nach Kommunikation an. Das kann bei einer unverbindlichen Plauderei bleiben, aber auch in sehr private Themen gehen. Für mich heißt es, beidem gerecht zu werden. Der eine ist zufrieden, wenn ihm nur zugehört wird, eine andere erwartet, dass ich zu sehr persönlichen Fragen Stellung nehme. Und das, während ich selbst voll in Betrieb bin – Shampoonieren, Schneiden, Färben, Wickeln und so weiter. Nur gut, dass mir »nichts Menschliches fremd« ist, wie man in Deutschland sagt. Wobei ich, ehrlich gesagt, erst begreifen musste, was mit dieser Redensart gemeint ist. Was wäre das wohl für eine Welt, in der uns Menschen das Menschliche fremd ist?
Vielleicht eine Welt, in der niemand mehr zuhört. Selbst wenn man (so wie ich) nicht besonders gut darin ist, Ratschläge zu erteilen, kann man durch Zuhören und Anteilnehmen doch immerhin eines erreichen: etwas mehr positive Energie in die Welt zu bringen!
Zurück zu meiner Kundin. Sie kam mir irgendwie bekannt vor. Doch konnte ich sie nicht recht einordnen. Beim Shampoonieren fragte ich sie einfach ganz direkt:
»Woher kenne ich Ihr Gesicht?«
Es stellte sich heraus, dass sie Schauspielerin war. Eigentlich nichts Ungewöhnliches für mich, und es war mir alles andere als fremd, während meiner Arbeit ein Schwätzchen über gesellschaftliche Themen zu halten. Bei dieser Dame jedoch lief es anders. Schnell stellte sich heraus, dass wir einen guten Draht zueinander hatten. Schon unser erstes Gespräch entwickelte sich zu einem tieferen Gedankenaustausch.
»Man muss seine Träume leben«, sagte ich.
Das ist meine erste Lebensregel. Und damit hatte ich bei meiner Gesprächspartnerin einen Nerv getroffen. Ich erfuhr, dass sie nicht nur Schauspielerin war, sondern auch Autorin und – gemeinsam mit ihrem Mann – Bücher genau zu diesem Thema schrieb: wie Menschen es lernen können, ihre Lebensträume zu verwirklichen.
»Das nächste Mal bringe ich Ihnen eines unserer Bücher mit«, versprach sie.
Sie hielt Wort. Und so war ich denn an ein Buch gekommen, das ich mir selbst kaum gekauft hätte, das ich nun wohl aber lesen musste. Was macht man da? Man nimmt es mit in den Urlaub.
 
 
Reethi Rah, die traumhafte Malediven-Insel. Und was für ein traumhafter Urlaub! Ich war einfach nur glücklich, an diesem herrlichen Ort sein zu dürfen. Zusammen mit Christoph. Diese zwei Wochen waren wie ein Vorgeschmack auf das Paradies. Die südliche Sonne, die tropischen Blüten, das türkisblaue Wasser, der weiße Sand unter strahlend blauem Himmel. Und der lässige Luxus in unserem Resort. Ja, ich habe eine Vorliebe für das gute Leben. Ich bin eine Genießerin! Und ich schäme mich nicht dafür, zumal ich lange Zeit, was die angenehmen Seiten des Lebens betrifft, ordentlich etwas nachzuholen hatte.
Bir eli yaǧda, bir eli balda olmakdie eine Hand im Speck, die andere im Honig zu haben heißt aber noch lange nicht, wirklich glücklich zu sein.
Von den zahllosen Lebensweisheiten meiner Oma ist diese mir besonders im Gedächtnis geblieben. Nicht ohne Grund, denn ihre Wahrheit habe ich gleich auf doppelte Weise erfahren. Zum einen weiß ich, was es heißt, äußerlich in Hülle und Fülle zu leben, sich aber innerlich leer und unglücklich zu fühlen. Zum anderen aber auch, wie es ist, glücklich zu sein, ohne viel zu besitzen. Ich glaube, dass es unsere eigentliche Bestimmung ist, beides zu erleben: äußeren und inneren Reichtum.
Heute noch betrachte ich immer wieder gern die Urlaubsfotos, die Christoph zu einem Buch der Erinnerungen binden ließ. Wir beide Arm in Arm am Strand, am Pool, lachend an der Bar. Ein Private Dinner vor atemberaubender Meereskulisse – ich ganz die Ayşe, die Christoph so liebte: ausgelassen, mit Blumen im Haar und Champagner im Glas. Ja, das war unsere beste Zeit. Und doch gab ich gerade jetzt, in jenen Wochen unbeschwerten Glücks, meinem Leben wieder einmal eine neue Richtung. Da war nämlich dieses Buch im Gepäck …
Ich mache es kurz: Das Buch handelte vom »erfolgreichen Wünschen«. Das probierst du mal aus, dachte ich. Schließlich versuche ich ein aufgeschlossener Mensch zu sein, der sich bemüht, allem Neuen ohne Vorurteile gegenüberzutreten.
Irgendwann also sitze ich allein am Strand, unter einem kupferfarbenen Abendhimmel, die Beine gekreuzt, in der Hand Stift und Papier – bereit, das Ritual zu vollziehen. So kam es zum Beschriften des Papierchens, das dann später von Anette gefunden wurde. Dies nur deshalb, weil es im Buch hieß, man solle den Wunschzettel anschließend gut verstecken. Ja, verstecken! Am besten so gründlich, dass man ihn selbst nicht mehr wiederfindet. (Hat bei mir ja gut geklappt!) Warum man das macht? Ich verstand es so: Weil man über einen Wunsch, den man manifestiert hat, nicht nur in Worten, sondern auch in Gedanken schweigen soll. Anders gesagt: Man soll ihm weder Zweifel noch freudige Erwartung hinterherschicken. Nur so kann sich, wie es heißt, die »Energie« ungehindert entfalten.
So neuartig die geschilderte Technik für mich auch war, das Prinzip dahinter kam mir doch sehr bekannt vor. Bis hin zum »Loslassen« des Wunsches. Meine Großmutter, von der noch einiges zu erzählen sein wird, drückte es altmodischer aus, aber irgendwie auch poetischer:
 
 
Rüzgara güvenip önemli bir sırını acarsan onun bu sirri allha ulastirmasi icin de sabirli olmalisin mürrekepten daha degerli – wenn du dem Wind etwas Wichtiges anvertraust, musst du ihm auch Gelegenheit geben, es zu Gott zu tragen.
Bei meiner Oma, ich nehme das vorweg, schien es ganz hervorragend zu funktionieren. Ganz ohne Zettel und Bücher. Ging ja nicht anders, denn sie konnte weder lesen noch schreiben. Alles nur Einbildung? Vielleicht können wir uns auf eine ganz einfache Definition einigen: Wirklichkeit ist für uns, was zu wirken scheint!
Zugegeben: Beweisen kann ich nicht, dass meine Zeremonie am Strand der Malediven tatsächlich dafür verantwortlich ist – aber bitteschön: Hier stehe ich heute, im Friseursalon HaarWerk. Toplage in der historischen Innenstadt Münchens, Eckgeschäft mit repräsentativer Schaufensterfront. Ausgerechnet ich habe den Zuschlag bekommen – von über 200 Bewerbern! Sogar die dem Universum gesetzte Frist schien gewahrt. Na ja, jedenfalls einigermaßen. Im März 2006 unterschrieb ich den Mietvertrag.
Aber nur nicht übermütig werden! Wer auf die Ansprechbarkeit höherer Mächte setzt, muss womöglich damit rechnen, dass seine Wünsche ganz, ganz wörtlich genommen werden. Also Vorsicht! Sonst könnte es einem so ergehen wie Freund Aladin. Dem hat der Geist aus der Flasche alles von den Lippen abgelesen. Buchstäblich. Und ganz egal, wie unüberlegt Aladins Anliegen auch sein mochten – sie wurden stets erfüllt. Womit zumindest eines bewiesen wäre: Die Hotline zum Universum war angeblich immer schon freigeschaltet …
 
 
Während der ersten Monate in München zog es mich übers Wochenende oft wieder nach Frankfurt zurück. Ich habe den größten Teil meines Lebens in der dortigen Region verbracht und fühle mich durchaus als ein »Frankfurter Mädel«, meine familiäre Herkunft einmal ausgenommen. Mit der Mentalität meiner neuen Wahlheimat München hatte ich, offen gestanden, anfangs einige Probleme. Doch das ist mittlerweile anders geworden. Auch diese Hürde habe ich genommen – darauf bin ich gewissermaßen spezialisiert. Herausforderungen zu meistern hat mich das Leben gelehrt. Und so weiß ich auch, dass man eine neue Umgebung voll und ganz annehmen muss, um dort Wurzeln schlagen zu können. Für mich bedeutete das zwar nicht, alle Brücken nach Frankfurt abzubrechen. Aber doch, sie nicht mehr so oft und sehnsüchtig zu überschreiten. Es tat sehr weh, gerade auch wegen Christoph. Aber es war richtig.
Mein stärkster Motor ist immer das Bedürfnis gewesen, weiterzukommen: im äußeren Leben, vor allem in meinem Beruf, und im inneren Leben, ganz mit mir selbst. Wenn ich etwas nicht ertragen kann, dann ist es Stillstand. Und wenn ich das Gefühl habe, dass ich meine Zelte abbrechen muss, dann kann mich keiner aufhalten. Auch nicht der Mensch, der vielleicht der wichtigste in meinem Leben ist: meine Zwillingsschwester Hatice.
Endlich und endgültig auf den eigenen Beinen stehen. Mein eigenes Leben führen. Genau diese Erfahrung hatte ich noch gebraucht.
Und so lautet heute meine vorläufige Bilanz: Ich bin Single und trage die alleinige Verantwortung für ein Unternehmen, das auch meiner Schwester gehört. Und ich lebe zum ersten Mal allein, ganz allein! Jetzt, da ich ins fünfte Lebensjahrzehnt eingetreten bin. Wer nicht aus einer Kultur stammt, in der die Gemeinschaft über allem steht, wird das mit Erstaunen zur Kenntnis nehmen. Wir Türken aber sind ausgesprochene Gemeinschaftsmenschen. Kein Wunder, werden wir doch gleich in drei Gemeinschaften hineingeboren: in die der Familie, die des Islams und die des Vaterlandes. Und alle drei haben eines gemeinsam: Sie versuchen stets, über dich zu bestimmen. Vor allem, wenn du eine Frau bist.
Bis ich mit 40 Jahren nach München ging, hatte ich stets mit anderen Menschen zusammengelebt. Erst mit einer Familie, die über mich bestimmte. Später mit Männern, die es mehr oder minder erfolgreich versuchten. Doch jetzt ist das vorbei: Keiner, der mir sagt, was ich zu tun oder zu lassen habe. Keiner, der mir in meine Entscheidungen hineinredet oder mir etwas aufdrängt. Aber auch keiner, der mir immer hilft und stets eine Schulter zum Ausweinen bietet. Eine sehr neue, sehr ungewohnte Erfahrung – so neu und ungewohnt, dass ich manchmal gar nicht weiß, wie ich mich eigentlich fühle. Aber eines kann ich heute sagen:
Ich, Ayşe, bin endlich frei.

Mich hatte keiner auf der Rechnung
Darmstadt-Jugenheim, 12. März 1967, 6 Uhr 36
 
 
 
 
Ich erblickte das Licht der Welt in einem Jahr, das keine monumentalen Ereignisse kannte. Wenn man jedoch genauer hinschaut, fällt ins Auge, dass es ein Jahr war, in dem sich sowohl für Menschen als auch für Ereignisse die großartige Möglichkeit bot, schon mit einer Nebenrolle einen Platz in der Geschichte zu erringen. So wurde im bolivianischen Dschungel ein gescheiterter kubanischer Revolutionär namens Che Guevara unsterblich, als er von seinen Häschern brutal zu Tode gehetzt worden war. Auch die Wissenschaft überwand in jenem Jahr ihre Grenzen, und zwar indem sie uns so massenhaft nützliche Dinge schenkte wie die erste Beobachtung eines Doppelsterns in einer fremden Galaxie und die Transplantation eines menschlichen Herzens. Nach schier endlosen Vorbereitungen führten 1967 auch die Schweden den Rechtsverkehr und die Deutschen das Farbfernsehen ein. In England setzte man schon voll und ganz auf die Finanzwirtschaft: Dort bezog jemand erstmals Bargeld aus einem Automaten! Und last, but not least, wurde in Bellinzona mein Landsmann Kubilay Türkyılmaz geboren. Wie, den kennen sie nicht? Aber das war doch der erste Türke, der für ein anderes Land Fußball-Nationalspieler wurde! »Kubi« riefen ihn zärtlich seine zahlreichen Schweizer Fans, was ja wohl bezeugt, dass dort schon im Jahr 1967 eifrig an den Grundlagen für die Integration von Ausländern gearbeitet wurde.
Genau sechs Minuten, nachdem im Krankenhaus von Darmstadt-Jugenheim meine Zwillingsschwester Hatice aus meiner Mutter Muazzez geschlüpft war, rief die Hebamme:
»Moment mal, da kommt ja noch jemand!«
Gut, dass es wenigstens ihr noch aufgefallen ist. Ja, das war dann ich. Mich hatte keiner auf der Rechnung. Am allerwenigsten meine Mutter.
Hati und ich sind eineiige Zwillinge. Naturgemäß sind wir uns äußerlich sehr ähnlich, aber wir haben doch ganz unterschiedliche Persönlichkeiten. Astrologisch gesehen müssten wir beide Paradebeispiele für den Fische-Charakter sein, denn dies ist nicht nur unser gemeinsames Sternzeichen, sondern auch unser beider Aszendent. Ich allerdings, nur für mein Teil, mag mich damit nicht voll und ganz einverstanden erklären. Etwa weil ich dem Sternzeichen Widder ganze fünf Minuten näher bin als Hati? Jedenfalls fühle ich mich eher als feuriger Geweihträger denn als stilles Flossenwesen.
Als unsere Mutter in die Geburtsklinik fuhr, stellte sie sich innerlich auf ihr fünftes Kind ein. Dass ich als sechstes bei dieser Gelegenheit gleich noch mitgeliefert würde, darauf war keiner gefasst. Nicht mal unser Vater, Turhan, obwohl der eigentlich hätte wissen müssen, dass es irgendwann doppelten Nachwuchs geben musste, bei dieser Produktivität. Schließlich waren in seiner Familienlinie Zwillingsgeburten keine Seltenheit. Leider hatte, solange man zurückdenken konnte, stets nur eines von zwei Kindern überlebt. Bei Hati und mir war das zum ersten Mal anders! Ein gutes Omen, möchte man meinen – und wenn man an so etwas glaubt, darf man sich jetzt durchaus bestätigt fühlen, obwohl es noch eine ganze Weile dauern sollte, bis das Glück uns beiden lachte. Dass sich jedoch ausgerechnet in meiner eigenen Zwillingsmutterschaft das schwere Familienschicksal fortsetzen sollte, das war damals am allerwenigsten zu erahnen.
 
 
Eine ganz normale türkische Gastarbeiterfamilie im Ausländerviertel von Darmstadt, nach unserer Ankunft zu acht in einer Zweizimmerwohnung. Der Vater schuftete auf dem Bau, hatte sich zum Kolonnenführer hochgearbeitet. Die Mutter stand in einer Wandfarben-Fabrik am Fließband. Unter solchen Umständen wird das Leben nicht eben einfacher, wenn plötzlich gleich zwei kleine Schreihälse neu hinzukommen.
Olmucak diye bir şay yok – geht nicht gibt’s nicht! Das war das Überlebensrezept für ungezählte Familien, wie wir es waren. Nie ist der Lebenstüchtigkeit dieser Menschen das Lied gesungen worden. Waren sie nicht die stillen Helden des deutschen Wirtschaftswunders? Was meine Eltern betraf, so mussten sie nach unserer Geburt ihr Leben nochmals rigoros umstellen. Es hieß für sie, ihre Arbeitsschichten so abzustimmen, dass sie sich abwechselnd um uns kümmern konnten. Unter der Woche dürften sie sich also praktisch kaum noch gesehen haben.
Auch unsere älteste Schwester, Aynur, musste mit ihren zwölf Jahren nach Kräften mithelfen, vor allem, indem sie auf die elfjährige Naime und meine Brüder Ahmet (5) und Mehmet (4) aufpasste. So ist es eben in einer türkischen Familie: Die älteren Geschwister kümmern sich um die Jüngeren. Sie erziehen sie gewissermaßen mit, im Auftrag der Eltern. Ein weiteres ungeschriebenes Gebot: Der Fruchtbarkeit sind keine Grenzen zu setzen. Weiterer Kindersegen wurde vom Himmel erteilt durch unsere jüngere Schwester Cavidan sowie Nesthäkchen Ali, die ein beziehungsweise zwei Jahre nach uns zur Welt kamen. Aber da hatten wir Zwillinge bereits ein anderes Leben bekommen …
Es war eine Frau, die dafür gesorgt hat – und auch noch im Alleingang. Sehr ungewöhnlich in einer türkischen Familie. Aber bei dieser Frau war fast alles ungewöhnlich. Arife, die man auch Arife Büyük Ana, Arife die Große, nannte, lebte in der Türkei. Sie war unsere Großmutter väterlicherseits – und das unangefochtene Alphatier der ganzen Sippe. Nach altem Brauch wurde sie meist Babanne gerufen: Vatermutter.
Ich habe oft und eingehend darüber nachgedacht, was ich heute wohl sein und tun würde, wenn diese starke Frau damals nicht so massiv in unser Leben eingegriffen hätte. Aber das ist eine Frage, auf die es keine Antwort gibt, ist doch das Leben so viel stärker als die menschliche Vorstellungskraft. Und wie sagt man seit alters im Orient: Es kommt doch immer so, wie es kommen soll – früher habe ich dagegen rebelliert, doch heute bin ich darob nicht mehr unglücklich.
003
Meine Eltern müssen sehr erstaunt gewesen sein, als sie den Umschlag mit den knallbunten türkischen Briefmarken erhielten. Absender: Arife. Es musste etwas sehr Wichtiges, etwas geradezu Lebensentscheidendes sein, wenn die Vatermutter einen Brief schreiben ließ.
»Mein geliebter Sohn«, stand da in gestochener, etwas altmodischer Handschrift. Babanne hatte den Brief offensichtlich von einer Person anfertigen lassen, die derselben Generation angehörte wie sie. Anscheinend von jemandem, der darin geübt war, offiziell wirkende Schreiben zu verfassen. Die Form entsprach dem Inhalt, wie sich sogleich zeigen sollte. Und wie es die Art unserer Großmutter war, kam sie gleich zur Sache:
»Nach reiflicher Überlegung habe ich eine Entscheidung getroffen. Ich werde eine deiner Zwillingstöchter zu mir nehmen. Dann habt ihr ein bisschen mehr Luft in der Wohnung, und mir tut es auch gut.«
Dann gerade noch ein kurzer Gruß an den geliebten Sohn, und fertig. Hier teilte sich ein Mensch mit, der wusste, was er wollte. Und auch, wie er andere dazu bringen würde, dabei mitzutun. Ja, das konnte Arife die Große sehr gut, sowohl bei ihrem Mann als auch bei ihren Söhnen.
Unsere Familienchefin war damals 66 Jahre alt. Sie und Opa Ali waren bereits auf dem Altenteil. Wie allgemein üblich in ihrer Generation, waren sie in sehr jungen Jahren vermählt worden. Arife selbst hatte den Ausschlag für die Verbindung gegeben. Aber wohl mehr aus praktischen Erwägungen denn aus Liebe. Arifes Eltern besaßen ausgedehnte Ländereien, und der junge Ali war Verwalter ihrer gesamten Anwesen. Da es keinen männlichen Erben gab und Arife möglicherweise einer arrangierten Ehe zuvorkommen wollte, griff sie sich ihren Ali, bevor es zu spät war.
Die Jahre flossen dahin, und insgesamt vier Kinder wuchsen heran. Aber kaum näherte sich der Erstgeborene dem Mannesalter, wurde Ali von Arife mehr oder minder entmachtet. Nach und nach übertrug sie die Verantwortung für Haus und Hof Turhan, unserem Vater.
»Ich war zu Hause schon als Sohn der Mann im Haus«, pflegte dieser amüsiert zu sagen. Was die Chefstelle unter seiner Mutter betraf, sprach er damit sicherlich die Wahrheit.
Unser Baba war Babannes »Ein und Alles«, wie man so sagt. Die Position als Lieblingssohn dürfte seinen ausgeprägten Stolz noch gefördert haben. Aber wie das Leben so spielt: Sämtliche Annehmlichkeiten, die für Turhan mit seinem Platz an der Sonne im Hause Arifes verbunden waren, wurden irgendwann von etwas noch Besserem überstrahlt. Die Kunde von einer glänzenden Zukunft in Deutschland eilte damals durch die türkischen Dörfer. Ihrem Zauber vermochte auch mein Vater nicht zu widerstehen.
Für Babanne war es ein schwerer Schlag, dass Turhan nach Deutschland ging. Später zogen auch ihre drei anderen Kinder fort und gründeten ihre eigenen Familien. Ja, es war wohl schlicht und ergreifend die Einsamkeit, die sie den Brief schreiben ließ, der für uns Zwillinge von so schicksalhafter Bedeutung war. Nicht zuletzt wird sie sich ausgerechnet haben, wieder mehr Zugang zu ihrem Liebling zu bekommen, wenn eines seiner Kinder bei ihr aufwüchse.
Für meinen Vater jedenfalls war der Wunsch seiner Mutter Befehl. Er fügte sich ohne sichtbaren Widerstand. Allerdings unterwarf er sich auf eine Art und Weise, die mir im Nachhinein als höchst interessant erscheint. Und zwar, weil es exemplarisch zum Ausdruck bringt, wie man in unserer Familie mit Schwierigkeiten umging.
Baba nahm sich nicht etwa Urlaub, um in die Türkei zu fahren und unter vier Augen mit seiner Mutter über ihr erstaunliches Anliegen zu sprechen. Er rief nicht einmal bei ihren Nachbarn an, die doch über ein Telefon verfügten, um wenigstens fernmündlich ein persönliches Gespräch mit ihr zu führen. Beides hätte seine Verhandlungsposition gestärkt, wenn er vorgehabt hätte, sich zu widersetzen. Aber das hatte er nicht vor.
Baba gab seine Antwort in schriftlicher Form. Das war alles andere als notwendig. Aber mit der gleichen Förmlichkeit zu antworten bezeugte auf eine etwas steife, konservative Weise Achtung vor einer höhergestellten Person. Gleichzeitig war jedoch auch klar, dass seine Mutter jemanden bitten musste, ihr seinen Antwortbrief vorzulesen. Das muss wie eine subtile Demütigung für sie gewesen sein. Ihr Analphabetismus beruhte übrigens einzig und allein darauf, dass sie es als Kind nicht nötig hatte, eine Schule zu besuchen.
Diese ziemlich umständliche Form der Kommunikation mag westlichen Menschen befremdlich erscheinen. Hier sagt man sich ja doch ganz gern gegenseitig die Meinung und hält sich viel zugute auf die Fähigkeit zur »offenen Aussprache«. Wo aber die Notwendigkeit, unbedingt die Form zu wahren, so stark verinnerlicht ist wie bei uns zu Hause, läuft es halt ganz anders. Es bleibt oft gar nichts anderes übrig, als einen förmlichen Akt der Unterwerfung zu wählen, um wenigstens inneren Widerstand zum Ausdruck zu bringen. Vor allem aber auch, um klarzumachen, dass für die eigene Zustimmung ein Preis zu entrichten ist. Viele Menschen im östlichen Kulturkreis, vor allem die Frauen, haben es in dieser indirekten und stillen Form, Druck auszuüben, zu wahrer Meisterschaft gebracht. Ich gehöre allerdings nicht dazu.
Auch Baba wollte seiner Mama klarmachen, dass für sein Einverständnis ein Preis zu entrichten oder besser: eine Bedingung zu erfüllen war. Und die hatte es in sich. Er schrieb ihr nämlich zurück:
»Wenn schon, dann musst du beide nehmen, Zwillinge trennt man nicht.«
Unsere Mutter wurde, wie ich stark vermute, nicht in den Entscheidungsprozess einbezogen. Sie dürfte es auch nicht anders erwartet haben. Aus langer, leidvoller Erfahrung wusste Muazzez, dass sie gegen den geballten Willen ihres Mannes und seiner Mutter nie ankommen würde. Die Haltung des Erduldens und Ertragens war ihr so sehr zur zweiten Natur geworden, dass sie gar nicht anders konnte, als sich zu fügen. Ein Aufbäumen gegen die Familie ihres Mannes? Undenkbar! Also ergab sie sich schweigend in ihr Schicksal und versank in stummem Schmerz. Es muss für sie gewesen sein, als wenn sie gezwungen würde, zwei ihrer Kinder zur Adoption freizugeben. Verkraften konnte sie es nur, indem sie innerlich mit uns abschloss. So jedenfalls lernte ich es irgendwann zu sehen, und das war der Beginn des Prozesses gegenseitigen Verzeihens zwischen meiner Mutter und mir. Selbst dann dauerte es noch eine ganze Weile, bis sie es gegenüber meiner Schwester und mir offen zugeben konnte.
Man stelle sich das jetzt bitte bildlich vor: Hatice und ich waren gerade sechs Monate alt, hilflose Säuglinge noch, die erst sehr viel später verstehen würden, was ihre Eltern da gemacht hatten – uns wegzugeben in ein fernes Land, in die Obhut einer alten Frau, die ihrem Leben wieder Saft und Farbe verleihen wollte.
004
Die ersten 16 Jahre eines Lebens können einem sehr lang erscheinen, wenn man sehnsüchtig darauf wartet, endlich wieder bei den Eltern sein zu dürfen. Sie werden zum Gefängnis, wenn man sich immer nur geduldet, aber nie wirklich geliebt fühlt.
Arife hatte bei ihrem Sohn nur eines der Zwillingsmädchen angefordert, nun aber musste sie beide nehmen. Es entsprach ihrem Charakter, dass sie dennoch ihre eigene Agenda nicht änderte. Sie wollte ein Kind, und sie verhielt sich weitgehend so, als ob es auch nur eines in ihrem Gesichtskreis gäbe. Warum, verstand ich nicht, aber es war Hati, die zu ihrem Augenstern avancierte. Zwar nicht für uns als kleine Kinder, aber für alle Erwachsenen, die nicht völlig blind waren, muss es offensichtlich gewesen sein: Meine Schwester wurde zum Dreh- und Angelpunkt im Gefühlsleben unserer Großmutter. Von ihr bezog die alte Frau eine emotionale Energie, die sie schon lange Zeit nicht mehr hatte bekommen können – oder wollen. Nicht von ihrem Mann (den hielt sie auf Distanz) und nicht von ihren eigenen Kindern (die hatten sich selbst distanziert). Meine Schwester bekam somit eine heikle Rolle zugeteilt. Einerseits konzentrierte unsere Großmutter ihre Zuwendung und Fürsorge fast ausschließlich auf sie. Andererseits wurde sie emotional viel stärker in die Pflicht genommen als ich. Uns beiden hatte man verwehrt, bei Vater und Mutter aufzuwachsen. Aber einer von uns wurde jetzt noch die Aufgabe übertragen, zum Exklusivlieferanten von Zuwendung für die Oma zu werden.
Wenn ich unsere Geschichte heute so erzähle, klingt sie natürlich ganz anders, als ich sie damals erlebte. Ich habe ziemlich lange gebraucht, um Hatis wahre Rolle und die für sie damit verbundenen Belastungen zu erkennen. Damals schien mir, sie genösse alle Vorteile, während ich alle Nachteile erwischt hatte. Wie habe ich darunter gelitten, dass meine Schwester der große Liebling unserer Erziehungsberechtigten war! Sie durfte (heute würde ich sagen: musste) sogar mit ihr in einem Bett schlafen. In jenem prächtigen, mit gusseisernen Girlanden verzierten Doppelbett, aus dem Opa Ali verbannt wurde, sobald wir da waren. Während er nachts in die Küche abwandern musste, wurde selbst mir noch ein Schlafplatz im Zimmer mit Oma und Schwester zugebilligt: eine Matratze auf einem hölzernen Untergestell mit drei großen Schubladen. Darin lagen eine Decke und mein Kissen, die ich jeden Abend herausholte. Da es in unserem kleinen Häuschen kein Wohnzimmer gab, diente meine Liegestatt als Sitzgelegenheit für Besucher. Und davon hatte Arife nicht wenige.

Nomen est Omen?
Frankfurt, irgendwann im Jahr 2003
 
 
 
 
Wenn ich mit meinen Kundinnen ins Gespräch komme, werde ich manchmal nach der Bedeutung meines Namens gefragt. Dann erkläre ich, dass »Ayşe« zwei Bedeutungen hat. Es heißt sowohl »Freiheit« als auch »die Lebendige«. Das eine hat viel mit dem anderen zu tun, und falls der Name eines Menschen etwas über ihn aussagt, dann verrät meiner auch einiges über mich.
»Ich liebe meine Freiheit und Unabhängigkeit über alles, und ein quirliger, lebenslustiger Mensch bin ich auch.«
Soweit mein übliches Statement zu diesem Thema.
Einmal jedoch, bei einer mir völlig unbekannten Dame, reagierte ich ganz anders. Ich weiß nicht, warum, aber auf ihre Frage antwortete ich mit einer Gegenfrage:
»Möchten Sie erfahren, wie ich zu meinem Namen gekommen bin? Dann müsste ich aber ein bisschen ausholen …«
Etwas an dieser Unbekannten muss mich dazu ermutigt haben. Und sie zeigt Interesse an meinem Angebot.
»Eigentlich heiße ich gar nicht Ayşe«, eröffne ich ihr also, während ich ihr das frisch gewaschene Haar durchkämme, »das ist nur der Name, den meine Oma mir gegeben hat. Mein eigentlicher Name wurde auf ihren Wunsch hin geändert.«
»Aber das ist doch gar nicht so einfach!«
»Das stimmt. Aber meine Großmutter hat immer durchgesetzt, was sie wollte.«
Es war Großmutters zweite Tat uns gegenüber.
»Ich erziehe die beiden, und sie haben die Namen zu tragen, die ich ihnen gebe.«
Damit war es entschieden, und alle hatten sich zu fügen.
Später erzählte uns Vater, welchen Heidenaufwand es bedeutete, unsere Vornamen beim Darmstädter Standesamt geändert zu bekommen. Was für ein Papierkrieg! Und dann noch wegen eines so seltsamen Anliegens: neue Vornamen für die Zwillingstöchter! Ich stelle mir das gesammelte Kopfschütteln der verdutzten Beamten vor:
»Ja, warum haben Sie ihnen denn überhaupt erst andere Namen gegeben?«
Wie ich unseren Vater kenne, dürfte er die Angelegenheit mit der ihm eigenen Listigkeit betrieben haben. Womöglich, indem er Sprachprobleme vorschützte, um peinlichen Fragen auszuweichen. Dabei sprach er schon damals ein ganz passables Deutsch. Jedenfalls muss es für ihn eine wahre Ochsentour durch die deutschen Amtsstuben gewesen sein. All die verständnislosen Blicke genervter Sachbearbeiter, die jede Menge Stempel auf verschiedenste Dokumente zu knallen hatten! Nicht zu fassen, dass dieser Mann sich derartig ins Zeug legte – nur um neue Vornamen für seine nicht mal ein Jahr alten Kinder zu bekommen! Aber unter dem moralischen Druck seiner Mutter lief Baba zur Hochform auf. Er schaffte es wirklich, die Sache ganz korrekt und offiziell durchzuziehen.
»Und wie sah er selbst das, Ihr Vater?«
Die Stimme der Kundin holt mich aus meinen Erinnerungen heraus. Erst jetzt bemerke ich: Ich habe gar nicht bewusst und mit Bedacht erzählt, ich habe einfach nur laut gedacht.
»Nun …«
Ich will wieder ausholen, muss aber plötzlich lachen. »Sicher können Sie sich das nicht so richtig vorstellen, aber für meinen Vater war die ganze Aktion tatsächlich völlig normal und natürlich.«
Türkisches Familienleben ist berühmt für beispielhafte Elternliebe, ja geradezu die Verherrlichung der Kinder durch die Eltern.
»Wir tun alles für unsere Kinder!«
Diesen Satz hört man oft aus dem Munde türkischer Eltern. In der Tat: Das Verwöhnprogramm für den Nachwuchs ist beeindruckend. Weder Kosten noch Mühen werden dabei gescheut. Unausgesprochene, aber felsenfeste Tatsache ist jedoch auch: Der elterliche Einsatz gilt vornehmlich dem männlichen Nachwuchs, zuallererst dem ältesten Sohn. Mädchen werden zwar gefordert, selten aber gefördert. Ebenso selbstverständlich ist, dass die Kinder für die Opfer, welche die Eltern für sie bringen, zu nicht unbeträchtlichen Gegenleistungen herangezogen werden. Es gibt offizielle und inoffizielle Erwartungen dieser Art. Eine offizielle ist, dass die jüngere Generation die ältere nicht abschiebt, wenn diese alt und gebrechlich wird. Inoffiziell jedoch bezahlt der Nachwuchs oft schon im Kindesalter, indem er quasi zum gegenständlichen Besitz der Familie wird. Karrieren als Sündenböcke für familiäre Frustrationen, als schwarzes Schaf oder als Blitzableiter für elterliche Konflikte sind damit vorgezeichnet. Nicht selten werden Verpflichtungen innerhalb der Familie auch von einer Generation auf die nächste delegiert. Im Grunde musste auch unser Baba die Erfüllung seiner Pflichten gegenüber seiner Mutter an uns wehrlose Kinder delegieren.
»Es war mir eine Ehre, wenigstens zwei meiner Kinder in meiner Heimat aufwachsen zu lassen.«
Dies betonte er gegenüber jedem, der es hören wollte. Ja, Baba hat unsere Verpflanzung in heimatliche Erde wohl tatsächlich als Beweis seiner eigenen Vaterlandsliebe gesehen. Und für einen richtigen Türken ist sein Elternhaus der heiligste Teil Heimaterde! Wobei der Patriotismus unter den Weggezogenen oft noch höher im Kurs steht als bei den Daheimgebliebenen. Und als Vater sich dem Willen seiner Mutter unterwarf, war »Vaterlandsliebe« wohl auch ein schönes Wort, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen.
Jedenfalls war es in unserer Familie ein absolutes Tabu, über die für uns so folgenreiche Entscheidung auch nur ein einziges kritisches Wort zu verlieren. Wie alle türkischen Männer, hatte auch unser Vater seine Mutter zu ehren! Und ich habe wirklich das Gefühl, dass es eine echte, starke Liebe zwischen den beiden war. Baba hat Babanne geradezu abgöttisch verehrt. Selbst als sie ihm auftrug, uns umtaufen zu lassen, war es für ihn keine Frage, alles dafür zu tun, ihrem Wunsch zu entsprechen. Sein Leben lang stand mein Vater voll und ganz hinter seiner Mutter.
»Ja, wie hießen Sie denn ursprünglich?«
Die Fremde – ich kenne nicht einmal ihren Namen – hört mir gespannt zu, aber langsam sollte ich die Katze aus dem Sack lassen. Schließlich gilt es für mich in solchen Situationen zu bedenken, dass alle Deutschen etwas gemeinsam haben: Sie wollen möglichst schnell auf den Punkt kommen, sonst werden sie ungeduldig. Selbst wenn sie sich beim Friseur stundenlang unter die Haube setzen und es dabei auch noch möglichst kurzweilig haben wollen.
»Also, ursprünglich hieß ich Aygül, das bedeutet ›Mondrose‹.«
Sie ist ganz baff.
»Aber das ist ja etwas ganz anderes als Ihr jetziger Name. So verspielt und romantisch. Wundervoll! So würde man in Deutschland leider nie ein Mädchen taufen! Und Ihre Schwester?«
»Die war zunächst eine Aysun, was ›der letzte Mond‹ oder ›der heilige Mond‹ bedeutet. So nennt man den Vollmond, wenn er sich in seiner ganzen Pracht und Vollkommenheit zeigt.«
Was für eine extravagante Tat meiner Großmutter! Uns aus eigener Selbstherrlichkeit neue Namen zu verpassen! Einfach so, ohne Grund.
Einfach so …? Beileibe nicht. Sonnenklar steht es mir heute vor Augen: Mit der Umbenennung nahm Babanne unser Schicksal vollends in den Griff. Es war eine Umprogrammierung. Ich selbst mutierte von einer verträumten Mondrose zu Ayşe, die sich auch heute noch die Worte Freiheit und Unabhängigkeit auf die Fahnen schreibt. Meine Schwester dagegen wurde durch einen von Allah gesegneten Namen auf den Sockel gehoben: Hatice – so hieß die verehrte, heilige Ehefrau unseres großen Propheten Muhammad.
Und noch mehr wird klar, wenn man genauer hinsieht: Ob bewusst oder unbewusst – Babanne hat damit versucht, ihr eigenes Schicksal zu verarbeiten. Wie ein geschlagener Mensch den ihm zugefügten Schmerz zu vergessen sucht, indem er andere schlägt, hat sie ihr eigenes Leid aus Kindertagen auf uns übertragen. Auf Hatice projizierte sie ihr Bestreben nach Anpassung, nach Harmonie mit der Familie. Auf mich dagegen ihren – natürlich vergeblichen – Protest gegen ein Schicksal, das ihr als Kind ebenfalls brutal aufgezwungen worden war.
Auch unsere Oma nämlich wurde als kleines Kind aus dem elterlichen Nest gerissen. Sie war damals vier Jahre alt. Ich weiß nicht, an welcher schweren Krankheit ihre Mutter litt, aber sie muss jahrelang bettlägerig gewesen sein. Jedenfalls konnte sie nicht mehr für die kleine Arife sorgen. Mit vier Jahren brachte man das Mädchen ins Haus einer Tante. Von Baba weiß ich, dass man ihr immer wieder versicherte, sie käme wieder zu ihrer Mama zurück, sobald es dieser besser ginge. Aber es wurde und wurde nichts daraus. Erst vergingen Wochen, dann Monate. Und eines Tages hieß es, dass sie für immer bei der Tante bleiben müsste. Ihre Mutter war gestorben.
Meine Kundin hört mir immer noch aufmerksam zu. Ich unterbreche meine Arbeit und setze zu einer mir besonders wichtigen Mitteilung an.
»Babanne hat ihre Tante nie gemocht, sie hat sie sogar gehasst. Diese Tante hieß mit Vornamen Ayşe. Ihre geliebte Mutter aber – das war auch eine Hatice.«
In den Augen meiner Kundin erkenne ich echtes Mitgefühl. Sie ergreift spontan meine Hand.
»Ich weiß, dass es Ihnen nicht viel helfen wird, was ich jetzt sage«, spricht sie mit weicher Stimme, während sie weiter meine Hand hält. »Aber ich sage es trotzdem. Vielleicht denken Sie ja später noch einmal darüber nach.«
Wir schauen uns in die Augen.
»Wir alle haben unsere unbewussten Familienaufträge. Es ist immer eine Last, und viele werden sie sogar ihr Leben lang nicht los. Aber diejenigen, die sie uns erteilt haben, taten dies in den allerwenigsten Fällen bewusst und absichtlich. Darf ich Ihnen einen guten Rat geben?«
Ich schaue zur Seite. Als ob ich damit verhindern könnte, dass sie sieht, wie ich mir mit der Hand eine Träne aus dem Auge wische. Dabei will ich jetzt nichts so sehr wie einen ehrlichen Rat dieser geheimnisvollen Fremden.
»Ja, bitte sagen Sie mir, was Sie für richtig halten.«
Sie schaut mir über den Spiegel tief in die Augen. Was für eine seltsame Situation, inmitten all des geschäftigen Treibens um uns herum. Doch keiner scheint etwas von dem Ernst unseres Gesprächs mitzubekommen. Immer noch hält die Frau meine feucht gewordene Hand.
»Verzeihen Sie!«, sagt sie schlicht, aber bestimmt. »Verzeihen Sie Ihrer Oma. Ihren Eltern. Auch Ihrer Schwester.«
Und nun wird ihre Stimme geradezu liebevoll.
»Verzeihen Sie aber auch sich selbst. Vor allem sich selbst. Das ist das Schwerste. Und tun Sie es aus ganzem Herzen!«
Jetzt stehe ich wirklich kurz davor, ungebremst loszuheulen. Aber so weit will ich es nun doch nicht kommen lassen. Also schlucke ich ein paarmal und bedeute der Kundin, dass ich kurz weg muss, um eine andere Schere zu holen. Als ob sie nicht wüsste, was in mir vorgeht! Mit dem letzten Rest Selbstbeherrschung verschwinde ich in unserer Teeküche und versuche erst einmal, wieder zu mir zu kommen. Ich atme eine Weile bewusst tief ein und aus, trinke ein Glas Wasser und kehre dann an meinen Arbeitsplatz zurück.
»Sie wollten doch eine Schere holen«, werde ich scherzhaft getadelt.
Diese Person versteht gewiss etwas von Psychologie, offenbar ist sie sich ihrer Sache so sicher, dass sie sich immer noch nicht auf den Plauderton einzulassen gedenkt, den ich nun am liebsten wieder anschlagen würde. Stattdessen hakt sie nach.
»Sie sollten vielleicht auch bedenken, dass in vielen Familien die ganze Ablehnung auf ein einziges Kind projiziert wird. Aber Sie selbst haben es doch inzwischen bestimmt geschafft, nicht mehr das schwarze Schaf zu sein.«
Ganz direkt, aber mit wahnsinnig viel Mitgefühl schaut sie mir über den Spiegel erneut in die Augen.
Schon wieder hat sie etwas ganz tief in mir berührt. Wie recht sie hat! Die Ablehnung der gesamten Familie! Ich, das schwarze Schaf. Und erneut fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Mir wird leicht schwindlig, während ich im Spiegel ihren Blick erwidere, der mich einerseits festnagelt, mir andererseits mit so viel Verständnis begegnet. Eine mir total fremde Frau! Was geht hier vor? Wie kann sie das wissen? Wie kann sie ahnen, dass ein Großteil meines Tuns und Lassens noch heute darauf ausgerichtet ist, anerkannt zu werden?
Ja, was habe ich in meinem Leben nicht alles unternommen, um geliebt, geachtet und anerkannt – um überhaupt gesehen zu werden! Wie eine Verzweifelte habe ich mich immer darum bemüht, dazuzugehören. Anfangs war es Babanne, um deren Liebe ich kämpfte. Dann tat ich alles, um wieder von meiner eigenen Familie aufgenommen zu werden. Später wollte ich zu den Deutschen gehören und noch später zu den Erfolgreichen – zu denen, die wichtig sind, die »es geschafft« und die »das Sagen« haben.
»Ich glaube, ich habe mich inzwischen vom Makel des Ausgestoßenseins befreit. Heute bin ich eine von denen, die den Ton angeben.«
Ich rede inzwischen mehr zu mir selbst als zu der Kundin. Sehe ich da ein feines Lächeln in ihrem Gesicht?
»Viele Leute legen Wert darauf, zu meinen Veranstaltungen eingeladen zu werden«, fahre ich fort und versuche möglichst unbeirrt zu erscheinen. »Die Events in meinem Salon gelten in der Mode- und Medienszene als Ereignisse, auf denen man sich zeigen muss, wenn man dazugehören will. Sie wissen schon, Sehen-und-gesehen-Werden …«
Doch während die Sätze nur so aus mir heraussprudeln, fühle ich, dass ich mit meinen Gedanken und Gefühlen ganz woanders bin. Nun muss ich aber aufhören, ich merke, wie verwirrt ich bin. Nicht dass ich die Unwahrheit sagen oder auch nur übertreiben würde. Aber ich lenke doch einfach nur ab. Hier geht es mir zu sehr ans Eingemachte!
»Vielen Dank fürs Zuhören. Das hat mir jetzt sehr gut getan«, sage ich nun, um Fassung bemüht, während ich ihr die Haare vom Umhang bürste.
Sie blickt mich leicht schelmisch an:
»Es ist leider eine schlechte Angewohnheit von mir, immer jemandem helfen zu wollen. Entschuldigen Sie bitte.«
Doch plötzlich ist sie wieder ganz ernst:
»In Ihrem Leben haben Sie sich wohl sehr oft unverstanden gefühlt.«
Aha, denke ich, es folgt doch noch ein letzter Angriff auf meine Selbstbeherrschung. Schnell halte ich ihr den Spiegel vor, damit sie sich von allen Seiten betrachten kann. Und mir nur ja nicht erneut in die Augen schaut!
»So einen Schnitt hatte ich noch nie. Ganz toll haben Sie das gemacht!«
Sie scheint ehrlich begeistert. Erhebt sich und geht ohne Umschweife zum Empfangsdesk, um zu zahlen.
Kein »Auf Wiedersehen«?, denke ich verdutzt.
Aber ich habe mich getäuscht. Vor dem Hinausgehen kommt sie noch einmal auf mich zu. Sekundenlang stehen wir voreinander und schauen uns wortlos in die Augen. Dann öffnet sie die Arme und drückt mich an sich.
»Dich hätte ich gern als meine Tochter gehabt«, flüstert sie mir mit leicht belegter Stimme ins Ohr.
Ihre Hand streicht über meinen Kopf, und ich habe wirklich das Gefühl, endlich einmal von meiner Mutter liebkost zu werden.
Ich habe diese Frau nie wiedergesehen.

Die weise Frau von Susurluk
Susurluk, Westtürkei, ab 1967
 
 
 
 
Der Ort, an dem ich meine Kindheit und frühe Jugend verbrachte, heißt Susurluk. Heutzutage dauert die Autofahrt von dort nach Istanbul nicht einmal zwei Stunden. Das klingt, als sei Susurluk fast der Vorort einer Metropole, nicht wahr? Uns kam es aber beileibe nicht so vor. Für uns schien Istanbul etwa so weit entfernt wie New York.
Dieses Nest war zu groß und zu quirlig, um ein Dorf zu sein, aber zu klein und zu ländlich für eine richtige Stadt. Alles in allem eine typisch türkische Lebenswelt, dieses Susurluk. Es gab nur eine Schule, aber mehrere Moscheen. Oma achtete sehr darauf, dass wir alle Pflichten unseren Lehrern und der Religion gegenüber erfüllten. Mitten im Ortszentrum lag Susurluk Parkı, eine wirklich wunderschöne Grünanlage, ein ausgesprochen beliebter Treffpunkt für Frauen, Familien und Kinder. Dem Grundschulalter entwachsen, durften wir dorthin zum Spielen, es sei denn, wir hatten etwas ausgefressen. Oma selbst kam natürlich nie mit. Der erwachsene männliche Susurluklu fand Zerstreuung in einer ganzen Reihe Kahwes, den traditionellen türkischen Kaffeehäusern. Um diese hatten wir selbstverständlich einen großen Bogen zu machen.
Unbestrittener Mittelpunkt des gesamten Ortes aber war der Garaj, der Busbahnhof. Um ihn herum gruppierten sich die Treffpunkte der Männer. In diesem Bezirk spielte sich auch die Freizeitgestaltung der männlichen Jugend ab. Ein Ort brodelnden Lebens, vor allem, wenn die Busse aus und nach Deutschland hier Zwischenstation machten. Für uns aber ein absolutes Tabu, leider!
Ein überaus beliebtes Naherholungsziel für alle Susurluklular war schon damals das Marmarameer. Nun, für fast alle. Unsere Oma war zu alt für Strandausflüge, aber selbst wenn sie 30 Jahre jünger gewesen wäre – dazu hätte sie sich nie und nimmer herbeigelassen. Sie war eben anders als der Rest.
Großmutter war in Susurluk und Umgebung ungefähr so bekannt wie in Deutschland der sprichwörtliche bunte Hund. Nein – das stimmt so nicht ganz: Sie war eine graue Eminenz.
Tatsächlich, unsere Babanne war in dieser Lebenswelt eine absolute Respektsperson. Nicht nur, dass sie unangefochten unsere weit über hundert Köpfe zählende, weitverzweigte Sippe regierte. Nein, ihr lag die ganze Umgebung zu Füßen! Zweifellos hätte Arife das Zeug zur Bürgermeisterin oder zur erfolgreichen Unternehmerin gehabt, wenn, ja wenn eine solche Karriere für eine Frau nur denkbar gewesen wäre. So aber musste sie sich mit der Rolle der heimlichen Herrscherin begnügen. Sie war die Ahretanne, die weise Frau, von Susurluk.
Und damit hatte sie eine Menge zu tun, sei es im medizinischen, im juristischen oder im religiösen Bereich. Sie war eine echte Allrounderin, wenn auch eine sehr ungewöhnliche. Die Wurzel all ihrer Funktionen in der Gemeinschaft, sozusagen ihre Kernkompetenz, bildete etwas wahrlich Ehrfurcht Gebietendes: Großmutter vermochte sich in die Welt des Jenseits zu begeben. Und dies ebenso selbstverständlich, wie andere Menschen von zu Hause zur Arbeit gehen. In gewisser Weise war dies tatsächlich ihr eigentlicher Arbeitsplatz: das Jenseits. Davon waren alle in Susurluk felsenfest überzeugt. Eine Ahretanne steht mit dem einen Fuß in der Welt der Menschen, mit dem anderen in der Welt der Geister. In dörflichen Gemeinschaften meines Heimatlandes übernehmen diese Frauen auch heute noch wichtige Aufgaben: als Vorbeterinnen und Heilerinnen, als Lebensberaterinnen und Schlichterinnen.
So war es auch bei Arife. Ihre bunt gemischten Aufgaben erfüllte sie mit unerschütterlicher Souveränität und konzentrierter Aufmerksamkeit, worum es sich auch gerade handeln mochte. Hatte sie eben noch für eine Klientin Kontakt mit der Seele eines verstorbenen Verwandten, Ehepartners oder Liebhabers aufgenommen, um eine Botschaft aus dem Jenseits ins Diesseits zu befördern (oder umgekehrt), so erteilte sie in der nächsten Stunde einem jungen Brautpaar den Segen (oder auch einem Bauvorhaben), oder sie betete für einen Bauern um eine gute Ernte.
Oma vermittelte zwischen streitenden Nachbarn und Erben. Sie segnete das Wasser aus neu gegrabenen Brunnen und besprach welches, das man dann kranken Tieren zu trinken gab. Wurde ein junger Soldat in die Unruhegebiete Kurdistans versetzt, kam er zu ihr, und sie rief für ihn die Schutzengel herbei. Wünschte sich eine bislang unfruchtbare Frau sehnlichst ein Kind, ging sie zur Ahretanne, damit diese ihr die Hände auf den Bauch legte und gewisse Fruchtbarkeitsriten vollführte. War jemand so krank, dass er nicht selbst zu ihr kommen konnte, schickte er stellvertretend einen Verwandten oder Freund. Diesem gab Oma zum Trinken für den Patienten ein Glas Wasser mit, das sie vorher »bebetet« hatte.
Nie wurde eine Bitte abgeschlagen, wenn es darum ging, Leiden zu lindern oder das Glück und den Segen Allahs herbeizuführen. Ob als Mediatorin oder Geistheilerin, ob als Vorbeterin oder Beschwörerin, unsere Babanne galt als äußerst kompetent und zuverlässig. Es gibt noch heute Menschen in Susurluk, die steif und fest behaupten, sie habe ihnen das Leben gerettet. Und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, manch einer hielt meine Großmutter für eine Heilige.