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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 

»Wie schön ist es, den Herrn zu preisen!« (Psalm 92,1)
Wenn Gott uns Menschen ein Geschenk macht, dann nennen wir das eine »Gnade«. Wir Zisterzienser vom Stift Heiligenkreuz empfinden den Gregorianischen Choral als eine solche Gnade. Seit der Gründung unserer Abtei 1133 verbinden die jahrhundertealten Melodien des Zisterzienserchorals uns betende Mönche mit Gott. Das Gnadenhafte und Heilsame des Gregorianischen Chorals liegt darin, dass er die Grenzen zwischen Mensch und Gott, Erde und Himmel, Diesseits und Jenseits übersteigt. Für uns ist der Choral daher nicht bloß Musik um der Musik willen, sondern er ist unser tägliches Gebet, das wir hinaufsingen in die Sphären des Ewigen.
 
Mit dem weltweiten Erfolg unserer CD »Chant – Music for Paradise« ist der Gregorianische Choral aber auch zu einer Gnade für viele Menschen außerhalb des Klosters geworden. Die positiven Reaktionen aus der ganzen Welt haben uns freudig überrascht. Sie bestärken uns in der Überzeugung, dass die Schönheit des Gregorianischen Chorals ein Geschenk ist, das Gott durch uns an viele Menschen weitergeben wollte.
Es ist offensichtlich, dass der uralte Gregorianische Choral auch und gerade heute die Kraft hat, die Herzen der Menschen zu berühren. Wie wir an der Flut der E-Mails, Internetpostings und Briefe ablesen können, sind diese gesungenen Gebete mit ihren Melodien, die so ganz außerhalb unseres gewohnten Klangbogens liegen, ein Schlüssel zu den religiösen Empfindungen der Menschen. Es ist interessant, dass der Choral gerade auch bei der jüngeren Generation Gefallen findet.
Von Anfang an haben wir das Projekt einer Choral-CD nur deshalb aufgegriffen, weil wir uns von Papst Benedikt XVI. dazu ermutigt und aufgefordert fühlten. Bei seinem Besuch in Heiligenkreuz am 9. September 2007, fünf Monate vor unserer »Entdeckung« durch Universal Music, sagte der Heilige Vater, dass eine Gemeinschaft von gottgeweihten Ordensmännern, die sich täglich zum feierlichen zweckfreien Gotteslob versammelt, der Welt Zeugnis gibt, dass es ein letztes Ziel, einen letzten Sinn, eine letzte Erfüllung gibt: und zwar Gott. Für uns ist es deshalb darum gegangen, dass die Schönheit des Chorgebets den Charakter eines Zeugnisses für eine Sinn suchende Welt hat. Darum haben wir beharrlich alle auch noch so verlockenden Angebote und Einladungen zu Konzertauftritten abgelehnt.
Niemand aus unserer Gemeinschaft ist ins Kloster eingetreten, um dann im Rampenlicht der Öffentlichkeit zu stehen, sondern im Gegenteil: Unser Zeugnis als Zisterziensermönche nach der Regel des heiligen Benedikt besteht ja gerade darin, dass wir eine Kultur der Zurückgezogenheit pflegen. Es war uns ein großes Anliegen, in der Begegnung mit den Medien deutlich zu machen, dass es uns in erster Linie um das Gebet, um die Stille, um den klösterlichen Lebensstil im Rhythmus von Gebet, Arbeit und geistlicher Lesung geht. Und genau deshalb ist nun dieses Buch entstanden.
Unserem Pater Karl Wallner fiel die Aufgabe zu, das überwältigende Medieninteresse an unserer Gemeinschaft durch eine umsichtige Öffentlichkeitsarbeit zu bewältigen, und zwar so, dass unsere klösterliche Ruhe möglichst gewahrt blieb. Denn unser Herr sagt: »Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selbst verliert und Schaden nimmt?« (Lukasevangelium 9,25). Mit diesem Buch möchte Pater Karl das Zeugnis fortsetzen, das wir als klösterliche Gemeinschaft den Menschen des 21. Jahrhunderts schuldig sind; Menschen, die oft die Orientierung auf einen letzten Sinn aus den Augen verloren haben. Er möchte die heilsame Gnade entschlüsseln, die im Choral steckt, und von den spirituellen Grundlagen dieser Gebetsform erzählen, die in unserem klösterlichen Leben liegen.
Pater Karl hat dieses Buch als leidenschaftlicher Theologe und hingebungsvoller Jugendseelsorger geschrieben, aber er ist, wie er selbst betont, kein Musikwissenschaftler! Sieht man davon ab, dass er natürlich auch viel Wissenswertes über die Musikform des Gregorianischen Chorals erzählt, so handelt es sich doch keineswegs um ein musikwissenschaftliches Fachbuch, sondern um ein Zeugnis seiner persönlichen Begeisterung und seiner jahrelangen geistlichen Erfahrung im Kloster. Ich bin überzeugt, dass es ihm gelingen wird, bei den Lesern Sympathie für das Ordensleben zu wecken und auch so manchen verborgenen Aspekt unserer christlichen Spiritualität besser verständlich zu machen.
Schließlich ist es mir als Abt des Stiftes Heiligenkreuz noch ein persönliches Bedürfnis hinzuzufügen, dass wir uns über den Erfolg der CD zwar sehr freuen. Auch haben wir uns bemüht, die mediale Aufmerksamkeit, die uns in den letzten Jahren zuteil wurde, so gut wie möglich zu meistern. Aber wir werden deshalb nicht stolz! Denn es gibt viele Klöster in Europa und auf der ganzen Welt, aber auch viele kirchliche Chöre und Choralscholen, die vielleicht schöner, inniger und auch hingebungsvoller singen als wir. Und ist nicht die ganze Welt übersät mit Ordensgemeinschaften, in denen Gott geliebt und gelobt wird? Vielleicht wollte Gott in einer Zeit, in der der christliche Glaube zu verdunsten droht, durch uns Zisterzienser des Stiftes Heiligenkreuz exemplarisch auf das Heilsame aufmerksam machen, das in der christlichen Liturgie, in der christlichen Spiritualität und im christlichen Gebet liegt. Ich möchte Sie deshalb daran erinnern, dass Papst Benedikt XVI. alle Stifte, Klöster und Ordensgemeinschaften, in denen gemeinsam gebetet wird, »Oasen der Kraft« genannt hat. Halten Sie doch, wo auch immer Sie zu Hause sind, einmal Ausschau, wo in ihrer Nähe eine christliche »Oase« der Stille und des Gebets zu finden ist. Es wird sicher die eine oder andere Möglichkeit geben, dort aus den Quellen zu schöpfen, die Gott in unsere Welt hineinfließen lassen will.
Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern dieses Buches von Herzen Gottes Segen!
 
Gregor Henckel Donnersmarck
Abt des Stiftes Heiligenkreuz

Das Leben im Kloster und der Gregorianische Choral

Eine Liebeserklärung

Träume ich, oder ist das alles wirklich wahr? Ich stehe kurz nach fünf Uhr morgens auf meinem Platz im Chorgestühl in der mittelalterlichen Abteikirche von Heiligenkreuz; einer nach dem anderen kommen die Mitbrüder zum Gebet in die Kirche. Ich versuche, mich auf das Chorgebet vorzubereiten, das in wenigen Minuten beginnen wird. Dank einer Tasse Kaffee bin ich hellwach. Ich will beten, aber meine Gedanken bleiben an Erinnerungen hängen. Gleich werden wir beim Chorgebet zwei Stunden lang mit uralten Gesängen und unter der Rezitation lateinischer Psalmen Gott preisen. Wie ich das schon seit meinem achtzehnten Lebensjahr tue, als ich hier ins Kloster eingetreten bin. »Ist das alles Wirklichkeit gewesen, was sich hier in den letzten Jahren abgespielt hat: dass unser Kloster voll ist mit jungen Mönchen, dass hier ein Oscar-Drehbuch geschrieben wurde, dass der Papst uns besucht hat und dass schließlich unsere CD »Chant – Music for Paradise« zu einem weltweiten Musikerfolg wurde. Ist das alles wirklich wahr, dass uns gerade die Jugendlichen gut finden, weil wir so sind wie wir sind, einfach Mönche, die von früh bis spät Loblieder auf Gott singen? Fast eine Million Mal wurde unsere CD mittlerweile verkauft. Siebenfach Platin in Österreich, Platin in Deutschland und Holland, Gold in England und Polen …«
 
Ich bin in den letzten Jahren öfter ins Staunen gekommen. Über diese »Scherze«, die sich der liebe Gott da mit uns Heiligenkreuzer Zisterziensermönchen erlaubt hat. Um das alles ein bisschen besser verarbeiten zu können, möchte ich dieses Buch schreiben: ein Buch über die Kraft, die im Gesang von uns Mönchen steckt, weil er ein Gesang ist, der aus unserer Verbundenheit mit dem unsichtbaren großen Gott kommt. Es gibt über den uralten Gregorianischen Choral schon sehr viele und sehr gute Fachbücher. In diesem Buch soll es darum nicht um tiefschürfende musikwissenschaftliche Betrachtungen gehen, sondern ich möchte aus meiner Sicht als Mönch das Phänomen beschreiben, warum diese spezielle Art des Gesangs plötzlich so stark zur Kenntnis genommen wird. Mir geht es um das, was hinter dem Phänomen steckt, das unseren Gregorianischen Choral 2008 in die internationale Musikwelt hinauskatapultiert hat. Der Erfolg dieser Musik besteht nicht so sehr darin, dass es sich um geniale Melodien handelt, sondern dass etwas Übernatürliches und Heiliges in dieser Musik steckt. Nicht umsonst hat man den Gregorianischen Choral früher mit dem Gesang der Engel verglichen.
Wir Zisterziensermönche vom Stift Heiligenkreuz singen den Choral schon seit fast neunhundert Jahren – denn so lang besteht unser 1133 gegründetes Kloster bereits – und wir lieben den Gregorianischen Choral! Jeder von uns wird beim täglichen Chorgebet ergriffen von der Schönheit des Gesangs und wie von einer Welle hinausgetragen in die Sphäre dessen, der uns dazu berufen hat, als Ordensmann Christus nachzufolgen. Natürlich ist keiner von uns einundachtzig Mitbrüdern nur deshalb in das Kloster eingetreten, um Choral zu singen. Wir sind kein »Mönchschor«, keine »Pop-Mönche« und schon gar keine Boygroup! Als Mönche dienen wir in einer außerordentlichen Lebensform Gott im Rhythmus von Gebet und Arbeit. Als Gott uns berufen hat, hat er nicht darauf geachtet, ob wir gute Sänger sind, ob wir eine musikalische Ader haben oder Noten lesen können … Wir haben uns in Gott verliebt, und darum sind wir ins Kloster gegangen. Jede Liebe muss sich ausdrücken, gerade auch die Liebe zu dem großen unsichtbaren und hocherhabenen Gott. Unsere Ausdrucksform ist das Singen im Gregorianischen Choral. Innerhalb unserer Liebesbeziehung zu Gott hat der Choral seine unersetzliche Funktion:
Er ist ein heiliges und altbewährtes Mittel der christlichen Frömmigkeitspraxis, um unsere Seele mit Gott zu verbinden. Ich möchte Ihnen hier ausführlich vom Gregorianischen Choral erzählen, aber ich möchte Sie nicht mit einem musikwissenschaftlichen Traktat langweilen. Schon deshalb nicht, weil ich selbst von der Theorie dieser Musik, von den vielen Schulen und Richtungen, die es in der Gregorianik gibt, wenig Ahnung habe. Wovon ich aber etwas verstehe, das ist die spirituelle Haltung, die mich und meine Mitbrüder antreibt, täglich mehrmals zusammenzukommen, um bei der Feier der heiligen Messe und beim gemeinsamen Chorgebet diese Gesänge in den Raum des Göttlichen hinauszusingen. Gregorianischer Choral ist nach einer Formulierung unseres Abts ein gesungenes Gebet. Und da fühle ich mich als Experte, denn ich bete leidenschaftlich gern! Auch wenn es mir lieber wäre, wenn ich darauf verzichten könnte, werde ich im Folgenden das Wort »Ich« öfter verwenden müssen, weil ich anderen – auch meinen Mitbrüdern – nicht automatisch dieselben Erfahrungen unterstellen kann, wie ich sie mit dem Gregorianischen Choral mache. Jedenfalls: Wenn Sie eine wissenschaftliche Abhandlung über Choral, Klosterleben und Spiritualität lesen wollen, dann lesen Sie also bitte nicht weiter, denn ich kann ganz einfach nicht kühl und distanziert über das sprechen, was ich bin und was ich lebe. Der Choral ist einer der schönsten Teile meines Lebens und so möchte ich Ihnen ganz persönlich erzählen, warum er so wunderschön ist.
Natürlich möchte ich Ihnen dabei auch die Geschichte von uns »singenden Mönchen vom Stift Heiligenkreuz« erzählen. Ich möchte Ihnen erzählen, warum wir meinen, dass diese Gebetsgesänge eine übernatürliche Kraft haben und immer modern sein werden. Unsere CD »Chant – Music for Paradise« ist schließlich 2008 in die Top Ten der Pop-Charts gestürmt. Und warum und wie Sie daraus geistige Kraft schöpfen können. Da ich für die Öffentlichkeitsarbeit eines der lebendigsten christlichen Klöster Europas zuständig bin, lade ich Sie ein, mit mir einen Blick auf unsere Lebensform als Mönche zu werfen.
Es ist mir ein großes Anliegen, dass die Öffentlichkeit unsere christlichen Klöster wieder als »Oasen der Kraft« entdeckt, so hat es Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch bei uns formuliert. Es ist zu wenig, wenn man in einem Kloster nur ein attraktives historisches Bauwerk und ein bestaunenswertes Kulturdenkmal sieht, wenn man sich über das reiche Angebot von kulinarischen Erzeugnissen, Ausstellungen oder Konzerten freut, das unsere Klöster zu bieten haben, dabei aber das Eigentliche und Entscheidende zu wenig beachtet: dass jedes Kloster ein Ort ist, an dem eine geistige Energie entsteht, weil hier gebetet wird und einem der Himmel gleichsam offen steht. Die Erfolgsgeschichte unserer CD hat mir vor allem deshalb große Freude bereitet, weil dadurch das Interesse für unser Gebet geweckt wurde. Wie musste ich lachen, als mir ein Kellner unseres Klostergasthofs auf die Schulter klopfte und sagte: »Pater Karl, das ist toll, dass ihr in den Pop-Charts seid. Was ihr da singt, ist cool. Singt ihr eigentlich öfters?« »Ja, wir machen das öfters: Und zwar jeden Tag, dreieinhalb Stunden lang, um fünf Uhr fünfzehn geht es täglich los …«
Ich freue mich, dass man uns christliche Mönche mit unseren altbewährten Formen der Spiritualität wiederentdeckt hat. Ich schätze, dass es heute eine Grundströmung in den Herzen der Menschen gibt und man sich wieder nach einer Verbindung zum Göttlichen sehnt. Der Gregorianische Choral und die Spiritualität, die ihm zugrunde liegt, hat das Potenzial, die Mauern unserer Endlichkeit aufzusprengen und unsere Seelen das Atmen aus den Quellen des Übernatürlichen neu zu lehren. Darum möchte ich Ihnen unsere Geschichte erzählen, die Geschichte eines Klosters im Wienerwald, dessen junge und alte Mönche zum einen ganz und gar Menschen des 21. Jahrhunderts sind, zum anderen ebenso ganz und gar in eine ewige und zeitlose Welt Gottes hinüberleben und das mit ihren Gesängen nach außen geben. Was Sie hier über den Choral und unser Mönchsleben lesen werden, ist deshalb vor allem eines: meine ganz persönliche Liebeserklärung an das, was den Namen »christliche Spiritualität« trägt, aus der ich selbst seit Jahren Sinn, Kraft und das Glück meines Lebens schöpfe. Ich möchte Sie anhand der Erfahrungen, die wir gemacht haben, zu der Begegnung mit einer anderen Welt hinführen. Damit meine ich nicht nur die Welt unseres klösterlichen Lebensstils, denn es wäre mir zu wenig, Sie nur mit unseren Gesängen, unseren uralten Ritualien und Bräuchen bekannt zu machen. Mein größtes Anliegen ist es, jene innere Haltung zu erschließen, in der wir Mönche uns von jener anderen Wirklichkeit berührt fühlen, die den Namen »Gott« trägt. Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an den Gregorianischen Choral und damit an den, der uns in diese wunderbare Lebensform gerufen hat. Dieses Buch möchte etwas von der Schönheit der Erfahrung der Nähe Gottes erzählen. Und wie der Choral durch seine schlichte Melodik hinüberführt in einen anderen Raum, so möchte dieses Buch die Einladung, die im Choral steckt, gleichsam ausformulieren: dass eine Weitung unserer Seele auf das Göttliche hin möglich ist, und dass genau dies es ist, was uns im Inneren glücklich macht.

Warum sind Klöster plötzlich so im Trend?

Der »Hype« um ein altes österreichisches Stift

Was ist ein Hype?

I ch erinnere mich noch genau an jene Kapitelversammlung im Juni 2008. Einmal im Monat beruft der Abt alle Mönche zu einer Versammlung ein, die wird kurz »das Kapitel« genannt. Die Kapitel fanden früher häufiger statt und dienten dazu, die anfallende Tagesarbeit zu besprechen, die Aufträge zu verteilen und die Dienste zu koordinieren. Sie wurden immer mit der Lesung eines Kapitels aus der Benediktsregel eingeleitet, daher der Name Kapitel, der dann auf alles Mögliche überging: Der Saal, in dem man sich versammelte, wurde Capitulum genannt, heute zumeist Kapitelsaal, und die Mönche, die das Recht hatten, kraft ihrer Gelübde an diesen Versammlungen teilzunehmen, nannte man »Kapitulare«.
 
Die Stimme von Abt Gregor klingt mir noch im Ohr: »Was ist ein Hype?«, fragte er in dieser Kapitelversammlung und schaute in die Runde der Mönche. Seinem Tonfall war zu entnehmen, dass er dieses neuenglische »Haaiipp« für ebenso verzichtbar hielt wie Fastfood-Ketten und elektronische Zahnbürsten. Man muss dazu wissen, dass es bei unseren monatlichen Kapiteln um Beratungen über substantielle Themen geht: die Aufnahme von Kandidaten, die Zulassung von Mitbrüdern zu den Gelübden, aber auch um Kaufansuchen für Grundstücke. Der Abt ist nach der Rechtsverfassung unserer Zisterzienserklöster zwar mit einer geradezu monarchischen Entscheidungsfülle ausgestattet, doch trotz dieser Machtfülle – oder vielleicht sogar gerade deshalb – trifft er wichtige Entscheidungen immer in Rücksprache und Übereinstimmung mit der Gemeinschaft. Bei wichtigen Entscheidungen muss er sogar verpflichtend das Kapitel befragen. Abt Gregor legt der Kapitelversammlung aber meist psychologisch klug auch andere Themen vor, die das Zusammenleben in der Gemeinschaft und die Angelegenheiten des Klosters betreffen. Und damals ging es eben um den »Hype«, der im Sommer 2008 rund um unser Kloster Heiligenkreuz entstanden war.
»Was ist ein Hype?«, fragte also Abt Gregor und fixierte dabei Pater Pirmin, unseren Gästepater, und mich, den Beauftragten für die Öffentlichkeitsarbeit. Zuvor hatte Pater Pirmin berichtet, dass unser Gästetrakt für den Sommer bereits seit vielen Monaten ausgebucht ist; dass wir anstelle der zwanzig Gästezimmer und der sechzig Stockbetten in den drei Räumen, die wir als Jugendherberge bezeichnen, die dreifache Menge an Übernachtungsmöglichkeiten brauchen würden, um der Nachfrage gerecht zu werden; dass er alle Anfragenden an die umliegenden Herbergen im Wienerwald verweist und dass wir uns gut vorbereiten müssten, um mit dem Hype an Klostergästen in stilvoller und passender Weise fertigzuwerden. »Ein Hype«, ergriff ich das Wort, »ist genau das, was wir in Heiligenkreuz seit einigen Jahren erleben dürfen! Dass für die Menschen unsere Liturgie, unser klösterliches Leben, unser Gebet und unser Gesang plötzlich in ist. Das ist der Grund für diesen Boom, darum will alle Welt zu uns ins Kloster zum Chillen kommen.« Kaum hatte ich den Satz vollendet, biss ich mir auf die Lippen. »Fehler!«, dachte ich. Das zeigten mir die immer noch fragend hochgezogenen Augenbrauen des Abts ebenso wie das etwas ratlose Kopfschütteln älterer Mitbrüder: »Boom, Chillen, Hype, wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu weltlich denken und reden«, meinte Abt Gregor. »Können wir statt von einem ›Hype‹ nicht einfach von einem ›Ansturm‹ der Klostergäste sprechen, statt von einem ›Boom‹ von einem gesteigerten Interesse und statt von diesem ›Chillen‹ lieber von einer verstärkten Suche nach Ruhe und geistiger Erholung?!«

Großereignisse haben Tradition

Ja, es gibt einen Hype auf das klösterliche Leben. Solche Phasen, in denen das klösterliche Leben für die Menschen »draußen« plötzlich interessant wird, hat es immer wieder gegeben. Wir lesen etwa schon in einer mittelalterlichen Chronik, dass zur feierlichen Weihe des hohen gotischen Chores unserer Abteikirche am zweiten Sonntag nach Ostern 1295 so viele Menschen herbeigeströmt waren, dass »eine halbe Meile weit der Wald voll von Menschen war«. Eine ganze Woche lang war den Männern und Frauen der Zugang in die Klausurräume, die sonst nur den Mönchen vorbehalten sind, gestattet. Einen etwas merkwürdigen »Run« auf Heiligenkreuz gab es auch im Spätmittelalter, als sich plötzlich die Mär verbreitete, dass das Wasser im Brunnenhaus heilkräftig sei, sodass eine Zeit lang Heilsbedürfnis und Wundersucht die Menschen nach Heiligenkreuz zog. Und dann kam die sinnlich-fromme Zeit des Barock, in der man in Österreich nach der überstandenen Türkeninvasion die mittelalterlichen Klostergebäude in prachtvolle Gottesschlösser umbaute und die Mönche begannen, bewusst nach außen zu wirken: im verstärkten Empfang von Pilgern, in der Einrichtung von Schulen, Gymnasien und theologischen Lehranstalten, aber auch in der Betreuung von Pfarreien.

Woher kommt der Hype?

Man kann also nicht behaupten, dass das Interesse an unserem Kloster etwas völlig Neues ist. Was jedoch geschichtlich noch nie dagewesen ist, das ist die Art und Weise, wie man sich für uns interessiert: Denn es geht den Menschen, die nach Heiligenkreuz kommen, nicht bloß um ein neugieriges Schielen nach dem Kuriosen, »das sich hinter den Klostermauern verbirgt«. Unsere Gäste kommen auch nicht aus medizinischer Mirakelsucht und schon gar nicht, um ihre Religiosität nach barocker Manier öffentlich ausleben zu können. Nein! Am Beginn des dritten christlichen Jahrtausends spielen ganz andere Motive eine Rolle, warum Menschen verstärkt von unseren Klöstern fasziniert sind und es sie in die komfortlose Nüchternheit unserer alten Abteien zieht. Woher kommt dieses gesteigerte Interesse, etwas von dem Lebensstil erhaschen zu wollen, den wir Mönche nach den jahrhundertealten Prinzipien der Benediktsregel leben? Zwei Antworten können wir nicht gelten lassen: Es ist weder richtig, dass der Boom um Heiligenkreuz erst mit dem Papstbesuch 2007 ausgebrochen ist; und ebenso wenig ist es korrekt, die gegenwärtige Situation nur durch die weltweite Aufmerksamkeit für unsere CD »Chant – Music for Paradise« erklären zu wollen.
Natürlich hat der Besuch von Papst Benedikt XVI. am 9. September 2007 die Öffentlichkeit auf uns aufmerksam gemacht, aber es war nicht ein Stück Wüste, das erst dann zu blühen begonnen hätte, sondern schon zuvor war unser Kloster wegen der Pflege der liturgischen Ästhetik, wegen der Priesterausbildung an der 1802 gegründeten Hochschule ein sehr lebendiger geistlicher Ort, eine »Oase der Kraft«, wie es der Papst dann in seiner Ansprache hervorhob. Wie alle anderen Stifte und Klöster in Österreich auch. Stift Heiligenkreuz ist auch nicht erst durch die CD »Chant – Music for Paradise« bekannt geworden, denn schon davor kamen jährlich zwischen einhundertvierzig- bis einhundertsiebzigtausend Touristen in das Wienerwaldkloster, vorwiegend um die Bauanlage zu besichtigen, die eine in Jahrhunderten gewachsene Harmonie von Mittelalter, Barock und Moderne ist. Nur knappe achtzehn Kilometer von der Stadtgrenze Wiens entfernt, dennoch geborgen und abgeschieden in einem sanften Tal, ist das alte Stift gleichsam prädestiniert ein touristischer Anziehungspunkt zu sein. Ich musste unsere Betreuer von Universal Music manchmal sanft darauf aufmerksam machen, dass wir nicht erst durch sie entdeckt und promotet worden sind. Die Anziehungskraft von Heiligenkreuz beginnt nicht erst mit dem Jahr 2008 und dieser kleinen CD. Freilich – die CD hat die Akzente in der öffentlichen Wahrnehmung unseres Klosters verschoben: Kam man früher, um das Kloster zu besichtigen und dann im gemütlichen Klostergasthof einzukehren, so wollen jetzt viele Touristengruppen auch bei einer Gebetszeit der Mönche dabei sein. Heiligenkreuz wird nicht mehr nur deshalb besucht, weil es ein ästhetisch-kultureller Genuss für die Augen, sondern weil es ein akustisch-spirituelles Erlebnis ist. Dabei beten wir Mönche dasselbe wie vor achthundert Jahren, dasselbe wie zur Zeit Mozarts, dasselbe wie in den düsteren Jahren der Hitler-Diktatur, dasselbe wie immer. Offensichtlich hat der Gregorianische Choral die Kraft, geheimnisvolle Sphären der Seele anzurühren. Sonst wäre der Erfolg nicht erklärbar.

Das grundsätzliche Interesse am Klosterleben

Mit einer gewissen Enttäuschung erinnere ich mich, dass junge Leute in den Achtzigerjahren die Teilnahme an unserem Chorgebet als »ur-fad« empfanden. Teilweise konnte ich das nachvollziehen, denn auch ich hatte nach meinem Ordenseintritt Jahre gebraucht, um mich für den Gregorianischen Choral und das lateinische Rezitieren der Psalmen zu begeistern. In den Siebziger- und Achtzigerjahren galt es außerdem in den etablierten innerkirchlichen Kreisen als eine Art Verbrechen gegen den »Geist des 2. Vatikanischen Konzils«, dass wir Mönche im Stift Heiligenkreuz die Liturgie zwar ganz nach den Normen des 2. Vatikanischen Konzils feierten, aber das Latein als Liturgiesprache beibehalten hatten und treu täglich im Gregorianischen Choral sangen. Damals war Stift Heiligenkreuz out, was Gott aber offensichtlich wenig kümmerte, denn er schickte immer wieder Menschen, die sich zum Mönchtum berufen fühlten, sodass 1988 sogar eine Neugründung in Bochum möglich war, das Priorat Stiepel. Der Widerstand gegen die Ansiedlung von »weltfremden« Mönchen im Ruhrgebiet war massiv! Die Haltung der Bevölkerung schlug aber sehr schnell in eine Welle der Sympathie um, als die Menschen merkten, dass die Menschenfreundlichkeit dieser österreichischen Zisterzienser ebenso groß ist wie ihre Liebe zu Klosterleben und Liturgie. So begann man in Bochum schon bald, die Zisterzienser und ihr klösterliches Chorgebet als kleine Sensation anzusehen – und zu lieben. Während wir Mönche im österreichischen Mutterkloster noch einsam und unbeachtet siebenmal am Tag unser Chorgebet feierten, kamen aus dem Priorat Stiepel die Meldungen, dass dort die Gläubigen zu den Gebeten zusammenströmten, um die Mönche beten und singen zu hören. Auch das hätte man damals Anfang der Neunigerjahre durchaus schon als Hype bezeichnen können!
Das verstärkte Interesse setzte bei uns, wie ich meine, Mitte der Neunigerjahre ein – zumindest ist mir zu diesem Zeitpunkt erstmals eine Art Euphorie bei den Jugendlichen aufgefallen, die unserem Chorgebet zuhörten. Schon das war eine Sensation: Junge Leute saßen still und lauschten! Sie saßen mit weit aufgerissenen leuchtenden Augen da und starrten fasziniert auf uns Mönche, die wir uns im Chorgestühl unter dem Absingen lateinischer Gesänge in weißen Gewändern nach undurchschaubaren Verneigungsritualen hin und her bewegten. Wenn man die jungen Leute danach aus der Kirche begleitete, wurde man meist mit begeisterten Fragen bombardiert: »Macht ihr das öfter?«, »Woher wisst ihr, wann man was singen muss?«, »Warum verneigt ihr euch so tief?« Das Interesse war da und man konnte dann gut erklären, dass es sich nicht um ein Sonderkonzert für sie gehandelt hat, sondern um unser normales tägliches Beten. Dass wir immer singen, auch wenn niemand dabei ist, weil wir nicht für die Menschen singen, sondern für Gott.

Die Innerlichkeit zählt

Schon lang vor dem Erfolg der CD habe ich mir Gedanken gemacht, warum dieses positive Interesse so stark zugenommen hat. Und ich glaube, dass sich die Antwort darin finden lässt, dass die Menschen bei uns Mönchen, in unseren Gottesdiensten und in unseren Gesängen auf das Phänomen des Übernatürlichen verwiesen werden.
Ich behaupte, dass das, was die Menschen fasziniert, darin liegt, dass über einer Gemeinschaft von Menschen, die sich täglich mehrmals versammeln um dem unsichtbaren Gott Gesänge zu singen und Anbetung darzubringen, der Himmel offen steht. Daher hat es die Verantwortlichen von Universal Music auch weit mehr gewundert als mich, dass unsere CD »Chant – Music for Paradise« nicht nur monatelang die Classic-Charts in England, den USA, Deutschland, Österreich und so weiter angeführt hat, sondern sogar die Pop-Charts eroberte. Irgendwie hatten ich und meine Mitbrüder schon lang das Gefühl, dass es »an der Zeit« sein könnte, das wiederzuentdecken, was sich über die Jahrhunderte bewährt hat. Und dazu gehört der Gregorianische Choral.
Bei der Verleihung der Platin-Awards für Deutschland ließ sich auch unser Kantor Pater Simeon zu einem öffentlichen Statement überreden. Er ist beim Singen zwar stimmgewaltig, beim Reden aber eher wortkarg; durch sein musikalisches Fachwissen ebenso wie durch seine spirituelle Tiefe ist er die eigentliche Ursache für die übernatürliche Schönheit unseres Singens. Pater Simeon brachte unsere ureigenste Einstellung zum Choral auf den Punkt, als er formulierte: »Gregorianischer Choral ist nur Choral, wenn er Gebet ist. Gebet ist nur Gebet, wenn es ganz Hingabe an Gott ist. Wahrhaftig wird der Choral nur, wenn er an die Lebenshingabe gebunden ist.« Darum muss ich hier erzählen, wer wir Mönche sind, aus welcher Geschichte wir kommen und welche geistige Kraft uns trägt.

Werden Klöster auf einmal modern?

Unsere Klöster haben Zukunft

Nicht nur der Choral ist es, der die Menschen in unser Kloster zieht. Es wäre naiv und falsch zu meinen, dass wir Mönche mit unseren Klöstern nur deshalb so populär sind, weil Gregorianik in ist. Deshalb möchte ich zuerst eine kleine persönliche Analyse versuchen, warum unsere Lebensform so interessant, ja so »trendig« ist. Zuerst muss man wohl nüchtern festhalten, dass die Ursachen für die Faszination, die von unseren uralten Klöstern ausgeht, in der gesellschaftlichen und kulturellen Umbruchsituation liegen, die wir derzeit erleben. Ich gebe den Soziologen darin recht, dass sich gerade ein Paradigmenwechsel in Gesellschaft und Kirche vollzieht und zum Großteil schon vollzogen hat. Für uns Kirchenmenschen sind die Veränderungen greifbar und an unserer Glaubenspraxis ablesbar. Der christliche Glaube und die damit verbundene Spiritualität sind nicht nur nicht mehr selbstverständlich, im Gegenteil: Betende Christen sind in der heutigen Gesellschaft zur Ausnahme geworden. Immer weniger Menschen sind christlich oder gar kirchlich inkulturiert. Immer weniger Menschen wissen inhaltlich über den christlichen Glauben Bescheid, pflegen das Gebet und leben im einst so prägenden Rhythmus des liturgischen Kirchenjahres. Mir fällt das vor allem dann auf, wenn wir im Kloster die Höhepunkte der Heilsmysterien feiern – etwa die Geburt Christi zu Weihnachten, die Auferstehung Christi zu Ostern -, und im Radio tönt mir nur das Stichwort vom verlängerten Wochenende entgegen. Ich begegne erwachsenen Christen, die das christliche Grundgebet, das Vaterunser – das einzige Gebet, das uns Jesus gelehrt hat – nicht mehr kennen.

Gelebte Gläubigkeit als Ausnahme

In der gegenwärtigen Situation ist die gelebte christliche Religiosität zur Ausnahme geworden, wir Christen haben uns gleichsam entspiritualisiert. Persönliches Gebet, regelmäßiger Kirchgang, Andacht und Innerlichkeit – und damit verbunden auch das gemeinsame Singen der Gemeinde – sind stark zurückgegangen. Alle Elemente, die das katholische Glaubensleben innerlich und äußerlich strukturiert haben, wurden von diesem Wandel erfasst: die Religiosität in der Familie, die Prägung durch das Pfarrleben, die Glaubensweitergabe durch den Religionsunterricht, die Erziehung in kirchlichen Schulen und »kleinen Seminaren« und so weiter. Die Folge ist, dass es kaum noch flächendeckend Biotope für christliche Spiritualität gibt. Wenn wir die Situation der Kirchen in unserer westlichen Gesellschaft unbeschönt betrachten, so werden wir eingestehen müssen, dass unsere Pfarreien oft ausgedünnt sind; über weite Strecken fehlen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die Kirche wird oft nur noch zu den einschneidenden Lebenswenden – Taufe, Hochzeit und Begräbnis – in Anspruch genommen. Jeder Pfarrer weiß, wie frustrierend es ist, wenn auf den liturgischen Gruß »Der Herr sei mit euch« nicht mehr das kräftige »Und mit deinem Geiste« zurückschallt, sondern nur noch ein verschämtes Murmeln. Bei vielen Hochzeiten wird durch bezahlte Musiker kunstvoll das ersetzt, was an liturgischem Gemeindegesang nicht mehr gelingt.
Dies ist kein pessimistisches Lamento, sondern der Versuch einer Analyse der derzeitigen Situation. Tatsächlich sind viele der bisherigen »Milieus«, in denen man kirchlichen Glauben real erleben kann, kaum noch intakt; die Saatbeete, in denen christliche Spiritualität heranreifen konnten, sind durch die abgesunkene Gläubigkeit ausgetrocknet. Viele Menschen können nicht beten, kennen keine christlichen Lieder und wachsen in einer Erfahrungswelt auf, in der das Göttliche, das im Kult der Kirche anwesend gemacht wird, nicht mehr vorkommt. In diesem Wegfallen der Erfahrungsmöglichkeit des Göttlichen sehe ich die größte Bedrohung für den christlichen Glauben; denn der ist ja nie bloß eine intellektuelle Zustimmung zu einem abstrakten System von Werten und Wahrheiten, sondern eine lebensnahe, sinnenhaft vermittelte Beziehung zu Gott, der uns in Christus Jesus nahekommen will.
Nun meine ich, dass gerade diese an sich trübe Situation, in die vielerorts die christliche Glaubenspraxis geraten ist, zu dem Paradoxon geführt hat, dass Klöster und geistliche Gemeinschaften verstärkt in den Fokus des Interesses gerückt sind – und in Zukunft noch stärker rücken werden. Ich muss das auch deshalb festhalten, damit wir Mönche nicht zu stolz werden: Nicht weil wir Mönche plötzlich so viel toller, viel spiritueller, viel heiliger, viel besser oder sonst etwas geworden sind, werden wir so geschätzt, sondern leider vor dem Hintergrund einer verdämmerten christlichen Spiritualität. Weil der Wasserstand des christlichen Glaubens auf Wüstenniveau gesunken ist, werden unsere Klöster und Gemeinschaften immer stärker als Oasen des Glaubens in der Wüste wahrgenommen werden. Wo alles ausgetrocknet ist, erscheinen selbst kleine Wasserlachen wie lebensrettende Oasen.

Unsere Klöster sind Oasen der Spiritualität

Man meint oft, dass es schon beschlossene Sache sei, dass unsere Orden keine Zukunft haben. Doch die Zeichen der Zeit sprechen eine andere Sprache: Schon seit Jahren beobachte ich als Zuständiger für die Öffentlichkeitsarbeit, wie groß das Interesse für unsere Klöster ist. Wir sind nicht out, im Gegenteil! Wir sind für die Menschen von heute interessant geworden. Die Literatur über Klöster boomt: Es gibt Klosterführer, Pilgerpfade von Kloster zu Kloster; in Österreich ist der Zusammenschluss von Klöstern zu einem kommerziell-touristischspirituellen Marketingprojekt namens »Klösterreich« überaus erfolgreich. Und wenn einer Werbeagentur nichts mehr einfällt, dann bemüht sie das Klischee vom Mönch, der mit einer bestimmten Joghurtsorte am besten fastet oder von der Nonne, die mit einer bestimmten Fertigpizza ihren Mitschwestern »himmlischen« kulinarischen Genuss bereitet. Was will man mehr: Offensichtlich ist das Klischee »Ordensleute« im öffentlichen Bewusstsein so positiv besetzt, das sich Mönchlein und Nönnlein jederzeit als Werbeträger einsetzen lassen …
Wir Mönche sind ein Thema. Die Welt nimmt unsere Lebensform wahr, auch wenn ihre Vorstellungen über uns klischeehaft und antiquiert sind. Könnte diese Aufmerksamkeit daher rühren, dass in unserer heutigen Gesellschaft das Banale immer mehr out und das Exzentrische immer mehr in ist? Wird heute nicht gerade das Außergewöhnliche gesucht, toleriert und meist auch bestaunt – auch wenn es nicht nachgeahmt wird? Das christliche Leben im Kloster, das Zölibat, also das ehelose Leben, und vieles mehr gehört für die Menschen heute in die Kategorie des Exzentrischen, Außergewöhnlichen, ja Skurrilen. Wir sehen mit unserer Kleidung anders aus als alle anderen, wir leben nach einer Ordnung – also auch wieder anders als alle anderen; wir essen, riechen und singen anders … Unsere Klöster sind daher zumindest interessant, weil sie institutionalisierte Oasen des Aussteigertums sind, die im Kontrast stehen zum gewohnten Einheitsbrei der Lebensstile.
Ich meine aber auch, dass es einen religiösen Grund gibt. Natürlich muss ich in diesem Buch viel über Religion reden und den christlichen Glauben ausdeuten, denn der Gesang, den wir singen, ist zutiefst religiöse Musik. Religion ist zusehends gefragt, denn wir leben in einer Zeit, in der viele auf der Suche nach Innerlichkeit, Konzentration, Stille und Sinnerfüllung sind. Daher wenden sich die Leute mit großer Offenheit der Esoterik zu, machen sich scharenweise auf den »Camino«, den Pilgerweg nach Santiago de Compostela, oder strömen zu Papst-Events. Und innerhalb dieses religiösen Booms genießen unsere Klöster einen Sonderstatus: Sie gelten als kirchlich, werden aber nicht mit dem Vorurteilen assoziiert, die man sonst gegen die Kirche hat. Vielmehr gelten unsere Klöster als lebensfrische »Oasen der Spiritualität«. Dabei gilt die Wertschätzung durchaus auch dem Kantigen und Nicht-Zeitgeistigen, das zu unserer klösterlichen Identität gehört. Man findet uns Mönche sympathisch, weil wir als eine Art spirituelle Pandabären gelten, von denen man zwar nicht genau weiß, wozu sie gut sind, aber die man doch ganz drollig findet und nicht aussterben sehen möchte.

Unsere Klöster sind eine liebevolle Provokation

Wir Ordensleute und Seelsorger haben noch gar nicht richtig entdeckt, welches Potenzial an Interesse in unserem »Kontrast-Lebensstil« liegt. Was tun wir etwa an Öffentlichkeitsarbeit, um der Tendenz entgegenzuwirken, dass die Menschen heute unter dem Begriff Mönch zusehends buddhistische oder östliche Mönche assoziieren und nicht mehr uns christliche Mönche? Wir Mönche sind eine Provokation des Zeitgeistes, aber keine aggressive, sondern eine liebenswürdige, und vor allem eine authentische. Wir haben uns nicht ausgeklinkt aus oberflächlichen Lebensbezügen, weil wir »gegen« etwas sind, sondern wir haben einfach etwas »Besseres« gefunden. Allein in unserem Dasein liegt die sanfte Provokation einer Mentalität, die meint, schon alles Glück im Irdischen zu haben und das Nachdenken über die letzten Gründe des Lebens verdrängt. Dass unser Lebensstil »anders« ist und dass wir ihn sogar für »besser« halten, diese Provokation dürfen wir den Weltmenschen schon zumuten. Ich möchte dazu das konkrete Beispiel erzählen, wie ich und meine Mitbrüder die Führung von Jugendlichen gestalten. Ich versuche von Anfang an klarzumachen, dass es etwas Besonderes ist, dass ihnen jetzt ein Mönch für eine Klosterführung oder für ein Gespräch zur Verfügung steht. »Ich freue mich, dass ihr euch für unser Klosterleben interessiert. Freilich muss ich gestehen, dass ich eigentlich etwas Besseres zu tun hätte, denn ich bin ja deshalb im Kloster, weil ich mich in Gott verliebt habe; ich halte die Führung nur, weil ich hoffe, dass ihr euch wirklich interessiert und mir nicht meine wertvolle Zeit mit Gott stehlt …« Oft erlebe ich dann, wie die jungen Leute aus dem Stand-By des Desinteresses hochfahren. Hier sagt einer, dass es für ihn etwas noch Wichtigeres gibt, nämlich seine Liebesbeziehung zu Gott, um derentwillen er im Kloster ist. Ich lade Jugendliche auch nie direkt ein, bei einem der Chorgebete dabeizubleiben, ich weise nur darauf hin, dass das möglich ist: »Wir beten siebenmal am Tag; wir sind nicht daran interessiert, dass jemand dabei ist, denn wir singen da unsere uralten lateinischen Loblieder zu Gott hinauf. Nur wer bereit ist, total still und konzentriert zu sein, darf daran teilnehmen.« Ich brauche nicht zu sagen, dass sich die Jugendlichen dann darum reißen, auch dabeisein zu »dürfen«. Und es stimmt auch tatsächlich: Unser Chorgebet ist ganz unabhängig davon, ob andere Gläubige dabei sind oder nicht. Unser Gebet ist unser Gebet, unsere langue d’amour, mit der wir mit Gott sprechen. Und die jungen Leute bemerken diese Konzentration auf das Göttliche durchaus, sind von den liturgischen Gebärden und der für sie so fremdartigen Weise des Chorals fasziniert.

Unsere Klöster geben Zeugnis von der Transzendenz

An unserer Hochschule unterrichte ich Dogmatische Theologie. Im theologischen Bereich hat Dogma eine positive Grundbedeutung: Das Dogma verbürgt, dass es Gott selbst ist, der sich uns offenbart. Im normalen Sprachgebrauch ist das Wort »Dogma« aber zu einem Unwort geworden. Man versteht darunter so etwas wie sture Ideologie und uneinsichtige Doktrinen. Also gilt: Dogma ist out. Dagegen ist aber etwas anderes in geworden, nämlich das persönliche Zeugnis. Wir urteilen heute weniger nach objektiven Kriterien: »Ist das in sich gut?«, sondern das Maß aller Dinge ist unsere subjektives Empfinden: »Ist es gut für mich? Bringt es mir etwas?« Heute wird nicht mehr danach gefragt, was Gott oder Jesus oder die Kirche denn nun »objektiv« (also dogmatisch) lehren. Nein, heute geht man auch an religiöse Fragen mit der Einstellung heran: »Wie profitiere ich davon?« Vieles ist den Menschen heute am christlichen Glauben fremd und eigenartig geworden, weil sie keinen Bezug zu ihrem Leben und zu ihren Sinnfragen darin erkennen. Zugleich aber ist Folgendes eingetreten: Weil man die Einstellung seines eigenen Ichs so wichtig nimmt, ist man bereit, auch die Meinung des anderen zu respektieren. Man ist gern bereit, die Überzeugung des anderen gelten zu lassen, weil man ja auch möchte, dass einem die eigene Überzeugung nicht ausgeredet wird. Deshalb erlaube ich mir die Feststellung: Gegenwärtig ist Dogma out, aber Zeugnis ist in. Zeugnis meint: Ich bezeuge, was ich denke, was ich meine, was ich glaube. Ich teile mit, warum etwas für mich gut ist, warum es für mich wertvoll ist, warum es für mich schön ist. Mit einer dogmatischen Argumentation nach der Art »Jesus sagt« oder »Die Kirche lehrt« wird man wenig Eindruck machen. Wenn man sich aber auf seine subjektive Erfahrung beruft, schaut die Sache plötzlich ganz anders aus. Es klingt doch sehr authentisch, wenn einer sagt: »Mir sagt Jesus, dass …« Ich beobachte folglich positiv, dass wir Mönche im Kloster für solche authentischen Subjekte gehalten werden. Ja, das Kloster ist gleichsam der Ort, an dem man heute (noch) solchen Subjekten begegnen kann, deren Überzeugung durch eine spezifische Lebensform abgedeckt ist.

Christliche Seelenführer

Jeder von uns Mönchen lebt in dieser spezifischen Gott-konzentrierten Lebensform, weil er in seinem Innersten von Gott getroffen ist; weil er in der Tiefe seines Herzens in einer Liebesbeziehung mit dem unsichtbaren Gott lebt. Und die Menschen nehmen uns ab, dass uns Gott wertvoll ist, so wertvoll, dass wir ihn von früh bis spät loben und preisen wollen. Anders gesagt: Die Menschen sind davon überzeugt, dass wir Ordensleute ein authentisches Christentum verbürgen. Und darin liegt wieder eine neue, große Chance. Denn dem westlichen Christentum fehlt zusehends das, was man im Osten die »Starzen« nennt. »Starez« heißt in den östlichen Kirchen der geistliche Vater und Begleiter, also der gottes- und weltkluge Weise. Starez ist der in geistlichen Dingen erfahrene Seelenführer und Beichtvater, einer, der im beratenden Gespräch den Horizont der Seele ausweitet auf Gott hin. In früheren Zeiten waren unsere Pfarrer auch noch so etwas wie Starzen, also geistliche Menschen, die Zeit hatten für Besuche, für betreuende Gespräche, für den guten Rat. Man nannte daher die katholischen Priester auch in vielen Gegenden einfach »Geistliche«. Eine wunderbare Bezeichnung, denn sie drückt genau das aus, was ein Priester eigentlich vermitteln soll. Doch wir Geistlichen haben uns nicht nur terminologisch zu »Seel-Sorgern« gewandelt. In dem neuen Begriff steckt nicht mehr das Sein (Geistlich-Sein), sondern nur mehr das Tun (Seel-Sorgen). Und tatsächlich lassen viele Seelsorger eher den Anschein des managenden Organisators erkennen anstatt zu vermitteln, dass sie mit Leib und Seele auf Gott bezogen, also geistlich sind.
Und das ist eben die Chance, die wir Mönche und Nonnen in unseren Klöstern heute haben. Ja, es ist ein Auftrag an uns, das einfach zu bezeugen, was sonst auch in der Kirche zu kurz kommen könnte: einfach Zeugnis zu geben! In unseren Gemeinschaften ist dieses geistliche Milieu vorgegeben und unabänderlich reguliert. Hier gibt es gleichsam den Geistlichen im größtmöglichen Reinformat, der einfach mit Gott und auf Gott zulebt im klösterlichen Rhythmus von Gebet, Studium und Arbeit. Bei uns muss man sich nicht Spiritualität schaffen, hier ist sie vorgegeben. Und sie kann sinnlich von allen Gästen und Besuchern wahrgenommen werden: zweckfreie Geistlichkeit, zweckfreier Gottesdienst und zweckfreie Gottesliebe. Vielleicht ist es eben dieses Zeugnis, das die Menschen schätzen und das sie anzieht. Daher sind auch unsere Klöster, die keine direkten pastoralen Aufgaben ausüben, heute mehr denn je »apostolisch«.

Unsere Klöster faszinieren durch das Gemeinschaftsleben

Klosterleben ist Gemeinschaftsleben. Es gab und gibt in der Kirche zwar auch das »Eremitentum«, bei dem Menschen um Gottes willen einsam leben. Wir Mönche, und im Besonderen die Benediktiner und Zisterzienser, sind sogenannte »Zönobiten« oder »Koinobiten«. Dieser Fachbegriff ist aus den griechischen Worten für »gemeinsam« (koinos) und »Leben« (bios) zusammengesetzt. Wir leben in Gemeinschaft, und das Gemeinschaftsleben ist unverzichtbarer Bestandteil unserer Spiritualität.
»Gemeinschaft« ist ein Zauberwort, denn die heutige ichzentrierte Gesellschaft führt bei vielen Menschen zu einem Gefühl der Vereinsamung, und daher suchen sie Gemeinschaft. Viele sind von unserer Lebensform beeindruckt und fühlen sich angezogen. Manche Menschen kommen oft mit völlig romantischen und utopischen Vorstellungen zu uns, als wären wir Ordensleute eine Gemeinschaft von Heiligen. Wir sind es nicht! Vollendete Gemeinschaft gibt es erst nach dem Tod, hier auf Erden ist erstmal das Bemühen um Gemeinschaft angesagt. Jeder von uns, der länger in einer klösterlichen Gemeinschaft gelebt hat, wird die Erfahrung der vielfältigen Spannungen, der Eitelkeiten, der Aggressionen und Rivalitäten, vor allem aber der invidia clericalis machen. Diese »Eifersucht der Kleriker« ist eine der größten Gefahren für uns, die wir ehelos, gehorsam und besitzlos leben. Da wir keine »irdische« Bestätigung haben – keine Frau, keine Kinder, kein hübsch eingerichtetes Haus, kein Gehaltskonto und so weiter -, bleibt uns nur die Anerkennung durch die Ehre, die uns andere geben. Und da entwickelt sich sehr schnell die Haltung, dass man dem Mitbruder oder der Mitschwester neidisch ist ob ihrer Anerkennung oder ob ihrer kirchlichen Karriere. Die klerikale Eifersucht ist ein tödliches Gift für die eigene Seele und für die ganze Gemeinschaft, denn sie führt beim einzelnen zu Frustration und bei der Gemeinschaft zu Lähmung des Teamgeists. Sie ist schuld an einer angespannten Atmosphäre, die viele Ordensgemeinschaften unattraktiv, ja geradezu steril erscheinen lässt. Es erscheint uns oft unverständlich naiv, wenn Außenstehende davon schwärmen, wie gut es doch die Mönche in ihrer Gemeinschaft hätten! Über diesen »Mythos von Gemeinschaft« können wir nur milde lächeln. Zugleich aber ist es uns wichtig, dass wir nach außen hin kein Theater spielen. Wir sind nun einmal »träge, leben schlecht und sind nachlässig«, so formuliert es der heilige Benedikt (Regula Benedicti 73,7) und wir müssen dazu stehen und das Beste daraus machen. Nur wer den christlichen Glauben nicht verstanden hat, der meint, dass die Kirche und die kirchlichen Gemeinschaften der Himmel auf Erden sind. Jesus sagt aber: »Ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten!« (Matthäusevangelium 9,13) Wir sind Menschen mit Ecken und Kanten, die sich aber zugleich um Mitbrüderlichkeit und Frieden und gegenseitige Anerkennung bemühen. Unser fragmentarisches Bemühen um Gemeinschaft erscheint unendlich wertvoll im Vergleich zu dem, was sich draußen in der Welt tut. Und das dürften die Menschen merken. Natürlich werden unsere Klöster nie Orte absoluter Harmonie und lupenreiner Geschwisterlichkeit sein, aber das wollen und können wir der Welt auch nicht vorspielen. Mit unserer Gemeinschaft ist es so wie mit dem Gregorianischen Choral, der ja auch deshalb für das klösterliche Gotteslob so geeignet ist, weil er einstimmig ist: Wie langweilig wäre das Singen, wenn alle mit gleicher Stimmmelodie, mit absoluter Präzision und identischer Tonalität singen würden. Gerade das Verschwimmen der unterschiedlichen Stimmen, vorangetrieben von einer gemeinsamen Liebe zu Gott, getragen vom Bemühen um Einheit, gibt dem Choral seine urtümliche Strahlkraft.

Als Gast Klosterluft schnuppern

Kein Kloster ohne Gäste!

Wenn jemand sagt: »Ich gehe ins Kloster«, dann muss das keineswegs bedeuten, dass er einer göttlichen Berufung folgt und Mönch oder Nonne wird. Es kann einfach heißen: Ich ziehe mich für ein paar Tage ins Kloster zurück. Es gibt heute einen Boom an Klosterführern, denn unser altes Europa ist überzogen mit intakten Männer- und Frauenklöstern, und die sind meist auch bereit, Menschen auf Zeit aufzunehmen. Die Art und Weise, wie und unter welchen Bedingungen man als Gast in einem Kloster Aufnahme findet, ist von Gemeinschaft zu Gemeinschaft unterschiedlich. In der Regel tun sich alte Klöster schon deshalb leichter mit der Gästeaufnahme, weil sie zumeist über weitläufige Gebäudekomplexe mit einer stattlichen Anzahl von Zimmern verfügen. Gerade bei uns im Stift Heiligenkreuz ist in den letzten Jahren die Aufnahme und Betreuung der Gäste sehr wichtig geworden. Wir versuchen, die Gäste nach den geistlichen Anweisungen, die uns die Benediktsregel gibt, aufzunehmen.