001

001

Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel »Sixty Seconds« bei Atria Books, einem Imprint von Simon & Schuster, Inc.,New York

Für Erin
die mich mit einem Leben
voller heiliger Augenblicke beglückt hat.
 
Für Kate
und deine unerschütterliche Liebe und deine Unterstützung
bei diesem Projekt.
 
Für meine Mutter
die mir gezeigt hat, wie man uneingeschränkt
und bedingungslos liebt.

Vorwort
Es ist schon paradox: Obwohl wir einerseits Veränderungen fürchten, beten wir andererseits inständig darum, dass sich unser Leben irgendwie ändern möge. Wir räumen ein, dass alles im Fluss ist – dass nichts für alle Zeit gleich bleibt -, und trotzdem halten wir an der Vorstellung fest, eine Veränderung müsse leicht erkennbar sein und vor allem nur minimal wehtun. Paradox ist auch, dass wir trotz all unserer Angst vor einer Veränderung meinen, dass diese grandios, offensichtlich, bedeutend und laut sein und garantiert zu einem Ergebnis führen müsse. Vor allem einem subtilen Wandel, der Zeit zum Reifen braucht, bringen wir ein angeborenes Misstrauen entgegen.
Und doch ist es eine Tatsache, dass die bedeutsamsten Ereignisse, die unser Leben entscheidend geprägt und geformt haben, überwiegend die unscheinbaren, subtilen waren. Selbst von den größten Traumata im Leben – dem Verlust eines geliebten Menschen oder des Arbeitsplatzes, einem schweren Unfall, einer Scheidung oder irgendeinem anderen großen Schmerz – bleibt, wenn die Monate verstreichen und das traurige Ereignis in Worte gefasst wird, vor allem die Erinnerung an die heilenden oder von Gnade erfüllten Momente dieser dunklen Zeit erhalten.
Ein Gespräch mit dem richtigen Menschen zur richtigen Zeit kann unser ganzes Leben umkrempeln, und tatsächlich ist unser aller Leben auf ebenjene Weise geformt worden: durch Ereignisse und Begegnungen, deren Höhepunkte kaum 60 Sekunden gedauert haben. Trotzdem haben diese 60 Sekunden unserem Lebensweg eine völlig neue Richtung gegeben. Vielleicht hat die Begegnung mit einem wichtigen Menschen zu einem spirituellen Erwachen geführt oder die Tür ins kosmische Bewusstsein geöffnet, was uns letztendlich dazu veranlasste, Sinn und Zweck des Lebens einer Revision zu unterziehen. Oder möglicherweise konnten durch einen 60 Sekunden währenden Augenblick Kummer und emotionale Verletzungen überwunden werden, die eine Heilung und den Aufbau gesunder, erwachsener Beziehungen verhinderten.
Ich war in den letzten Jahren stark beeinflusst von der Arbeit der heiligen Teresa von Avila, die ihre Nonnen immer dazu ermunterte, »Gott in den kleinen Dingen des Lebens zu suchen«. Wie könnte ein solcher Gott aussehen? Er könnte sich in solchen 60-Sekunden-Begegnungen offenbaren, deren Intensität uns zu einem anderen Menschen formt. Gewöhnliche Augenblicke, die bei Weitem in der Überzahl sind, sind nicht von einer göttlichen Gnade erfüllt, die für diese transformierenden »Sekunden« charakteristisch ist. Und deshalb verdienen es gerade die besonderen Momente, in diesem Buch zusammengestellt zu werden.
Es enthält auch eine Geschichte von mir, in der es um meine Begegnungen mit dem heiligen Avatar Sai Baba geht. Obwohl ich mehr als eine 60-Sekunden-Begegnung mit ihm hatte, dauerte keine länger als eine Minute, und jede hat mein Leben stark beeinflusst. Ich würde sogar sagen, dass meine eindrücklichen Begegnungen mit Sai Baba für mich so etwas wie einen Rettungsanker bildeten, so außergewöhnlich waren diese seltenen Augenblicke.
Ich habe immer geglaubt, dass unser Leben kein Zufall ist und wir einem göttlichen Wesen wichtig sind. Aber egal, wie stark dieser Glaube sein mag, wenn sich in unserem Leben ein Augenblick des Erwachens auftut, in dem wir die Gegenwart Gottes in jeder Kleinigkeit unseres Lebens erkennen, überwältigt uns ehrfürchtiges Staunen. Wie die Autoren dieser Geschichten uns beweisen, genügt ein solcher Augenblick, um unserem Leben eine andere Richtung zu geben oder unsere Ängste vor dem Leben und Sterben zu zerstreuen.
Die Themen der Geschichten decken genau die Kategorien ab, die ich mir für eine 60-Sekunden-Transformation vorstellen kann: Leben und Tod; Mysterien; großes Leid und Schmerz; das Heilige und die Erleuchtung. Der Herausgeber und liebe Freund Phil Bolsta hat nicht nur Themen ausgewählt, die ideal zur Kraft von Gnade, hilfreichen Erkenntnissen und 60-Sekunden-Transformationen passen; er hat auch außergewöhnliche Menschen gebeten, ihre persönlichen Geschichten mitzuteilen – die allesamt ermutigend und inspirierend sind.
Dieses Buch kann Ihnen viele Denkanstöße geben, aber am wichtigsten scheint mir die Botschaft zu sein, dass Ihr Leben sich sehr schnell ändern kann und der Himmel nur wenig braucht, um diese Veränderung anzustoßen. Sehr oft suchen Sie in der falschen Richtung nach einer Veränderung und fürchten Drachen und Meeresungeheuer, die nie bei Ihnen auftauchen werden. Das Göttliche offenbart sich eher in subtilen Ereignissen, Gesprächen und Erfahrungen Ihres Lebens – in intensiven 60-Sekunden-Begegnungen, die Sie atemlos und ehrfürchtig machen. Das ist die Handschrift Gottes.
Fragen Sie jemanden, der eine Nahtoderfahrung erlebt hatte, die in Realzeit nicht länger als 60 Sekunden dauerte. Dieser Mensch kehrt nicht nur mit der Gewissheit in seinen Körper zurück, dass es den Tod nicht gibt; er weiß auch, dass er von lieben Menschen begrüßt und von einem vertrauten und liebevollen Licht umfangen wird, das jedes Detail seines Lebens bis hin zu seinen ersten kindlichen Worten kennt. Das ist nicht die Folge eines Autounfalls oder die Fantasie eines Menschen bei einer Operation zur Wiederherstellung seines beschädigten Körpers. Dieser Mensch ist bei seiner Nahtoderfahrung für weniger als 60 Sekunden Gott begegnet, und doch sind diese 60 Sekunden die authentischsten seines irdischen Lebens.
Ich bin mir sicher, dass jede Leserin und jeder Leser Sechzig Sekunden mit einem emotionalen Gewinn für sich selbst lesen wird. Und ich bin überzeugt, dass niemand nach der Lektüre dieses wunderbaren Buches noch einmal eine Minute für selbstverständlich halten wird. Denn Sie wissen nie, was der nächste Augenblick bringen wird.
 
Caroline Myss Autorin von Chakren – Die sieben Zentren von Kraft und Heilung

Einleitende Worte
Es war ein herrlicher Tag im März. Aber als das Telefon klingelte, wusste ich, dass jemand im Sterben lag. Am anderen Ende der Leitung war Ann Lutgen, die Koordinatorin eines Allina-Hospizes. Als ehrenamtlicher Hospiz-Mitarbeiter und staatlich geprüfter Massagetherapeut wurde ich konsultiert, wenn ein todkranker Patient eine heilende Berührung brauchte. »Wir haben hier einen achtundfünfzigjährigen Mann mit Lungenkrebs«, sagte Ann. »Er kann kaum atmen und ist deshalb ziemlich in Panik. Seine Familie meint, eine Massage könnte ihm helfen.«
»Klar, ich kann ihn in den nächsten Tagen besuchen«, sagte ich. »Wie heißt er?«
Als Anne »Charles Potuznik« sagte, musste ich zucken. Oh Gott, dachte ich. Das muss Chuck sein.
Vor zweiundzwanzig Jahren hatte ich für einen impulsiven Unternehmer gearbeitet, der einen monatlichen Newsletter herausgab, in dem er den Anlagewert der von ihm verkauften seltenen Münzen anpries. Chuck Potuznik, ein beschlagener Rechtsanwalt aus einer angesehenen Kanzlei, war beauftragt worden, den Text abzusegnen. Auf Chucks Drängen hin sah ich mir eine Geschichte im Newsletter an, in der behauptet wurde, wir hätten eine umfangreiche Münzkollektion aus dem Besitz eines wohlhabenden Sammlers im Westen der USA erworben. Ich entdeckte, dass die Geschichte erfunden war, und teilte das Chuck am Telefon mit. Er war entsetzt. »Wenn Sie solche Märchen erzählen wollen«, sagte er, »will ich damit nichts zu tun haben.« Er legte sofort sein Mandat nieder. Sobald ich einen anderen Job gefunden hatte, kündigte ich ebenfalls.
Seitdem hatte ich Chuck weder gesehen noch gesprochen. Aber auch schon vor dieser letzten Unterhaltung hatte er bei mir einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen. Es geschieht nicht oft, aber manchmal rührt uns einfach etwas an, wenn wir bestimmten Menschen begegnen. Sie treten in unsere Umlaufbahn, und wir in ihre. Ich glaube, ich habe Chuck nur ein Mal getroffen und auch nur selten mit ihm gesprochen, aber wenn ich Jahre später einen Artikel über »die besten Rechtsanwälte in den Twin Citys« sah oder zufällig eine Unterhaltung über Firmenanwälte mithörte, leuchtete stets sein Name in Neonfarben in mir auf.
Der Eindruck, den Chuck auf mich gemacht hatte, verblasste nie und war im Lauf der Zeit vielleicht noch stärker geworden. Ich hatte keine Ahnung, warum, aber ich spürte, dass unsere Wege sich noch einmal kreuzen würden. Nach Anns Anruf passten die Puzzlestücke plötzlich zusammen, und große Ruhe überkam mich. Jetzt ergab alles einen Sinn. Die Zeit war gekommen, den Energiekreis zu schließen, der uns miteinander verband.
Ein paar Tage später begab ich mich zu Chucks Haus und wurde von einem Freund der Familie in sein Schlafzimmer geführt. Chuck lag im Bett. Er war körperlich schwach, aber geistig völlig klar. Er durfte nicht bewegt werden, und deshalb konnte ich ihm nur von hinten den Nacken und die Schultern massieren. »Ahh, ist das gut«, murmelte er, während ich ihn fachmännisch knetete.
Nach ein paar Minuten sagte ich: »Wissen Sie, Chuck, Sie und ich, wir kennen uns.« Er drehte den Kopf in meine Richtung und brachte ein neugieriges Lächeln und ein leichtes Kopfnicken zustande – eine Aufforderung, mit meiner Rede fortzufahren.
Ich erzählte ihm, wir hätten früher einmal beruflich miteinander zu tun gehabt, und in einem Telefongespräch mit mir hätte er sogar sein Mandat niedergelegt. »Erzählen Sie mir diese Geschichte«, flüsterte er. Das tat ich und fügte hinzu, dass er für mich immer ein Vorbild an Integrität gewesen sei. Ich offenbarte ihm sogar, dass ich mich vor ein paar Jahren vor mir selbst verpflichtet hätte, absolut integer zu leben, egal, was es kosten würde. Er lächelte und nickte noch einmal. Während ich seinen Rücken und seine Arme massierte, sprachen wir darüber, wie wichtig es sei, als aufrechter Mensch durchs Leben zu gehen und jedem, dem wir begegnen, mit Liebe und Mitgefühl entgegenzutreten. Ich massierte ihn ganz sanft über eine Stunde. Unser Zusammensein an diesem Tag fühlte sich einfach richtig an.
Mein nächster Besuch bei Chuck fand zwei Tage später statt. Weil sich die Schmerzen verschlimmert hatten, war er vollgepumpt mit Medikamenten und döste immer wieder ein. Dennoch seufzte er anerkennend, als ich ihm Nacken und Rücken massierte. Während ich ihn behandelte, sah ich mich im Raum um. Auf dem Nachttisch rechts von mir stand ein Foto, das Chuck und seine Brüder Wayne und Ken bei ihrem letzten gemeinsamen Angeltrip zeigte. Auf dem Schreibtisch und an den Wänden befanden sich Fotos von Chucks Frau Mary und ihren beiden heranwachsenden Töchtern, die er über alles liebte. Draußen vor dem Fenster schien die Nachmittagssonne auf die stille Wasserfläche des Lake Minnetonka. Chucks Welt war angefüllt mit Liebe und Schönheit, aber seine Fähigkeit, sie zu genießen, nahm rapide ab.
Als ich hinter ihm stand und seine Stirn massierte, flüsterte ich: »Gott segne dich, mein Freund.« Ich dachte, er würde es nicht hören, aber irgendein Teil von ihm nahm es doch wahr.
Er erwachte plötzlich aus seiner Benommenheit. »Was?«, japste er.
Ein wenig lauter wiederholte ich: »Gott segne dich, mein Freund.« Mit geschlossenen Augen nickte er wohlig seufzend.
Irgendwann hob er zögernd die Hand und fuhr mit dem kleinen Finger an seiner Nase vorbei; dann sackte sein Arm wieder schlaff nach unten. Der Bereich unterhalb der Nase war wegen der Sauerstoffschläuche blutig, und deshalb war sein Finger blutverschmiert. Ich nahm seine Hand, und während ich seinen Finger vorsichtig mit einem Papiertaschentuch abwischte, staunte ich über die Wendungen, die das Leben so nehmen kann. Es war noch gar nicht so lange her, dass ich, der unerfahrene Fünfundzwanzigjährige, respektvoll zu dem nur elf Jahre älteren, hochkarätigen Rechtsanwalt aufgeschaut hatte. Jetzt war ich hier, tröstete und umsorgte ihn in seinen letzten Stunden. Ich empfand es als eine Ehre, an seiner Seite zu sein, und war dankbar für die göttliche Kraft, die uns noch einmal zusammengeführt hatte. Drei Tage später starb Chuck.
Ich denke noch oft an ihn. Allein seine Art, sein Leben zu leben, inspirierte mich nicht nur dazu, ein besserer Mensch zu sein; sie vertiefte auch meinen Glauben und ließ mich einen kurzen, aber intensiven Blick auf die Geheimnisse des Universums werfen. Die Augenblicke, die ich an seinem Bett verbrachte, waren heilig, und ich werde sie immer in Ehren halten.
Ganz bestimmt haben auch Sie Ihre eigenen heiligen Augenblicke erlebt. Solche intensiven Erlebnisse verändern auf dramatische Weise, wie Menschen sich selbst, die Welt und den Sinn und Zweck des Daseins sehen.
Transformierende Erfahrungen dieser Art stehen jedem von uns zur Verfügung. Wie die NORC-Studie dokumentiert, werden sie im Allgemeinen durch eine persönliche Krise oder eine normale religiöse Aktivität ausgelöst. Zu ihren Folgen gehören in der Regel ein stärkerer Glaube und positive, weitreichende Veränderungen des Charakters, der Einstellung und des Verhaltens.
Mein eigenes spirituelles Erwachen vollzog sich in Etappen. Mit Ende zwanzig begann ich, Shirley MacLaines Buch Zwischenleben durchzublättern, und war fasziniert. Es hatte mich gepackt und ich wollte selbst diese unglaublichen Offenbarungen erleben. Vor allem aber wollte ich unbedingt »erleuchtet« werden. In den darauffolgenden Jahren verschlang ich Dutzende spirituell orientierter Bücher, Videos und Seminare.
Und dann passierte etwas Aufregendes. Es war der vierte Juli, der amerikanische Nationalfeiertag, und ich war allein zu Hause. Die Arbeit hatte mich davon abgehalten, meine Frau Kate und meine Tochter Erin auf unserem traditionellen Ausflug nach Nord-Minnesota zu begleiten. Wir ließen es uns nur selten entgehen, den vierten Juli in Kates Heimatstadt zu feiern.
Am frühen Nachmittag legte ich mich aufs Bett, um mit geschlossenen Augen in Gedanken den Rest des Tages durchzugehen. Zwei Minuten später hörte ich Kates Stimme fröhlich rufen: »Hallo Phil!« Ihr Gruß war laut und deutlich, so, als stünde sie direkt vor mir. Der Haken war aber: Ich hörte ihre Stimme in meinem Kopf.
Ich war fassungslos. Berichte darüber, dass jemand »Stimmen hörte«, hatte ich immer als Anzeichen einer psychischen Störung abgetan. Aber das, was gerade geschehen war, ließ keinen Zweifel zu. Ich hatte Kates Stimme gehört – nicht mit meinen Ohren, sondern mit einem unbekannten Sinn. Ich erinnere mich, dass ich dachte: So fühlt sich das also an. Cool!
Als Kate am nächsten Tag anrief, fragte ich sie, was sie zu der Zeit getan hatte, als ich ihre Stimme hörte. Sie sagte: »Hmm, ach ja, ich saß mit ein paar Freunden am Dock bei Bevs und Bills Hütte. Irgendjemand sagte: ›Echt schade, dass Phil zu Hause bleiben musste‹, und ich erwiderte: ›Wollen wir ihm nicht alle mal Hallo sagen?‹ Und dann haben wir alle gleichzeitig ›Hallo Phil!‹ gerufen. Warum fragst du? Hast du uns gehört?« Es lief mir kalt den Rücken hinunter, und dann offenbarte ich, dass ich sie tatsächlich gehört hätte. »Oh Gott!«, rief sie aus, »das ist ja unglaublich!« Wir waren total aufgeregt; immer wieder gingen wir die Details durch, bis wir uns schließlich beruhigten.
Von diesem Tag an wurde mein Verlangen nach spirituellem Wissen immer stärker. Aber je mehr ich erfuhr, desto klarer begriff ich, dass es bei der Spiritualität nicht um verblüffende Kunststückchen ging. Letztendlich geht es darum, wie wir mit Menschen und unserer Umwelt umgehen wollen. Je achtsamer ich wurde, desto mehr vermochte ich jeden einzelnen Augenblick als heilig anzuerkennen. Und irgendwann wurde mir klar, dass jeder Tag ein Geschenk ist – und dass das, was wir aus ihm machen, unser Geschenk an uns selbst, andere und die Welt ist.
Als ich spürte, dass ich mich so weit entwickelt hatte, dass ich diese wichtigen Wahrheiten kompetent für andere formulieren konnte, begann ich, die Autoren und Vortragsredner zu interviewen, deren Arbeit in mir einen Widerhall gefunden hatte. Ich bat sie, sich an einen einschneidenden Augenblick ihres Lebens zu erinnern, in dem sie sich intensiv mit der geistigen Welt verbunden gefühlt hatten. Ich schrieb ihre Geschichten für Edge Life auf. Bevor ich mich versah, hatte ich eine beeindruckende Sammlung wunderbar aufbauender Geschichten zusammengetragen.
Diese ganz persönlichen, lebensverändernden Geschichten von spiritueller Erweckung und Entwicklung erinnern uns mit ihren Einsichten und Erkenntnissen daran, dass alles wichtig ist, was wir denken, sagen und tun. Nennen Sie es Karma, Ursache-Wirkungs-Prinzip oder »Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus«. Jede einzelne Tat – ob Stephen Simon die Lieferung einer Videokassette bestätigt, Caroline Myss ein Gebet an einen indischen Mystiker richtet oder Christiane Northrup ihre erste Entbindung beobachtet – erzeugt im Meer unseres Alltags einen sich unendlich ausbreitenden Welleneffekt.
Nicht jede Geschichte hat einen fröhlichen Ausgangspunkt. Deepak Chopra, Joan Borysenko und Dannion Brinkley hat der Tod eines Elternteils tief berührt. Echo Bodine traf die herzzerreißende Entscheidung, ihr einziges Kind zur Adoption freizugeben. Frank Defords Tochter Alex starb, unerträglich lange leidend, an Mukoviszidose. Von diesen Autoren lernen wir, dass jede Tragödie irgendwann ihren heiligen Sinn offenbart, auch wenn sie zunächst unendlich schmerzt.
Und auch wenn diese intensiven Augenblicke spiritueller Klarheit nur uns zu betreffen scheinen – wie bei Dan Millman, der beim Schälen einer Grapefruit eine spontane Erweckung erlebt, bei Tom Gegax, der in einem griechischen Hotel eine erstaunliche Vision hat, oder bei Jean Houston, die eine spirituelle Tür öffnet -, ihre Folgen hallen durch die Ewigkeit. Warum? Wenn eine heilige Erfahrung Menschen transformiert, treten sie anders auf, und das verwandelt auch diejenigen, mit denen sie zu tun haben. Schon viele von uns hat ein »Lebensbeben« wachgerüttelt. Täglich öffnen sich mehr Herzen und Köpfe. Bald werden wir eine kritische Masse erreichen, und dann wird unsere Gesellschaft für immer verändert sein.
Haben diese Geschichten einen gemeinsamen roten Faden? Nein, eigentlich nicht. Manche sind subtil und einfühlsam, andere so erstaunlich, dass man zunächst fassungslos ist. Ich hoffe, dass sie Ihr Herz genauso berühren, wie sie meines berührt haben. Manche werden Sie auffordern zu überdenken, wie die Welt funktioniert. Andere können Sie dazu anregen, im Hier und Jetzt bessere Entscheidungen zu treffen. In ihrer Gesamtheit werden diese Sie vielleicht dazu motivieren, so zu leben, dass Sie die heiligen Augenblicke besser wahrnehmen, die sich noch hinter Ihrem Vorstellungsvermögen verbergen.
Seien Sie sich bewusst, dass Sie nicht darauf zu warten brauchen, bis die heiligen Augenblicke zu Ihnen kommen. Schaffen Sie sie selbst, indem Sie auf Ihr Herz hören. Als vor Jahren meine Tochter noch klein war, stand ich einmal an der Schwelle zu ihrem Zimmer und sah ihr beim Schlafen zu. Ich schloss die Augen und stellte mir vor, sie sei achtzehn und führe aus unserer Einfahrt heraus ins College. Im Geiste beobachtete ich, wie sie winkte und davonfuhr, und dabei betete ich aus ganzem Herzen, ich könnte die Zeit zurückdrehen und nur noch ein einziges Mal für fünf Minuten mit ihr als meiner kleinen Tochter verbringen. Dann öffnete ich die Augen, und da war sie, mein ganz reales kleines Mädchen, und wir hatten nicht nur fünf Minuten, sondern noch viele Jahre zusammen! Ich praktizierte die Technik, mir die Zukunft auszumalen, bis weit in ihre Pubertät hinein. Die regelmäßige Erinnerung daran, dass sie bald erwachsen sein würde, half mir, jede Minute unseres Zusammenseins zu genießen. Heute ist Erin eine liebenswerte junge Frau, und jene kostbaren Augenblicke an der Tür zu ihrem Zimmer werden immer bei mir bleiben.
Solche heiligen Augenblicke verleihen unserem Leben mehr Tiefe und Sinn. Sie können selbst viel tun, um sich auf eine transformierende Erfahrung vorzubereiten. Lesen Sie Selbsthilfebücher, um sich selbst besser kennenzulernen. Führen Sie ein Tagebuch, dem Sie Ihre geheimsten Gedanken anvertrauen. Meditieren Sie, arbeiten Sie mit Affirmationen und teilen Sie Ihre Gefühle offen und ehrlich anderen mit. Überlegen Sie vor allem jeden Tag, wo Ihre Chancen zu persönlichem Wachstum liegen. Und wenn alles andere nicht klappt, dann stellen Sie sich auf eine Türschwelle und seien Sie dankbar für das, was Sie haben.
Für diese Reise wünsche ich Ihnen alles erdenklich Gute. Möge Ihr Leben lang und glücklich und mögen Ihre Tage voller heiliger Augenblicke sein.

Teil I
In das große Mysterium blicken
Die Annahme, die Grenze unseres Wahrnehmungsvermögens sei auch die Grenze alles Wahrnehmbaren, ist einer der häufigsten Irrtümer.
C.W. Leadbeater
Hinter dem Schleier, der die materielle Welt begrenzt, liegen Mysterien, die unsere Sinne nicht erfassen, unser Verstand nicht erklären und die Wissenschaft nicht beweisen kann. Und doch regnen unaufhörlich erstaunliche Anzeichen für paranormale Phänomene auf uns herunter. Wir brauchen nur unseren Schirm aus Widerständen zu schließen und uns dem Regen der Erleuchtung auszusetzen, der unser Denken entrümpelt und unsere Seele erweckt.
Die folgenden Erfahrungen mit der jenseitigen Welt können so subtil wie eine leichte Brise an unserem Ohr oder so spektakulär wie eine außerkörperliche Erfahrung sein. Bei solchen Erlebnissen gibt es keine unterschiedlichen Schwierigkeitsgrade, oft treten sie im Gewand ganz gewöhnlicher Augenblicke auf. Das erklärt auch, weshalb das Wort »Wunder« nur von Menschen verwendet wird, die nicht verstehen, wie das Universum tatsächlich funktioniert.
Das Kapitel In das große Mysterium blicken besteht aus zwei Teilen. In Augenblicke zwischen Leben und Tod finden Sie Geschichten über gerettete und fast verloren gegangene Leben und die Geheimnisse des Lebens nach dem Tod. Die Geschichten in Geheimnisvolle Augenblicke sind zwar genauso unergründlich, beschäftigen sich aber mit weniger dramatischen Themen – mit Visionen, Heilungen und Begebenheiten jenseits physikalischer Gesetzmäßigkeiten.

Augenblicke zwischen Leben und Tod

1.

Dr. phil. Carlo Zumstein
Der promovierte Psychotherapeut Carlo Zumstein, geb. 1948, ist Gründer und Leiter der Foundation for Living Shamanism and Spirituality, die ihren Sitz in der Schweiz hat. Frühe Initiations-Erlebnisse und die eigene Heilung von Depressionen mithilfe schamanischer Heilmethoden stehen am Anfang seines Wegs als Erforscher und Gestalter spiritueller Seelenkräfte und des Träumens. Die Erfahrungen aus seiner jahrelang erfolgreichen Heilarbeit und Hunderten von Seminaren haben ihn dazu geführt, unter dem Begriff »The Art of Bridging« (TAOB) einen lebendigen Schamanismus für die heutige Zeit zu entwickeln. Die einfachen Rituale befähigen die Menschen, spirituelle Kräfte für die schöpferische Gestaltung des Alltags zu nutzen, insbesondere in Umbruchsituationen und Wandlungsprozessen. In mehreren Forschungskreisen begleitet Carlo Zumstein die Anwendung der Erkenntnisse des TAOB in Schulen, dem Sozialwesen, der Medizin und Wirtschaft. Carlo Zumstein lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern im Zürcher Oberland.
002

Der Ruf des Wassers

Zitternde Hände umklammerten meine Fesseln. Ich hing kopfüber in der Luft und Wasser lief mir aus Mund und Nase. Ich rang nach Luft, gleichzeitig schmerzte jeder Atemzug, als ob ich Feuer einatmen würde. Wo bin ich? Meine Augenlider waren verklebt und in meinen Ohren schienen dröhnende Pfropfen zu stecken. Ich hatte nicht die Kraft, meine herunterbaumelnden Hände hochzuheben, um Augen und Ohren frei zu kriegen. Ich hing kraftlos da, wie ein Fisch an der Luft.
Plötzlich sank ich hinunter. Angst trieb meinen Puls noch höher. Die Umklammerung meiner Fesseln wurde für kurze Zeit stärker. Doch berührten meine Hände und dann mein Kopf den Boden, bis schließlich mein ganzer Körper auf dem Boden lag. Die Griffe um meine Fesseln lösten sich. Wieder meine Frage: Wo bin ich? Niemand hörte mich, weil ich keine Stimme hatte. Der Druck im Kopf ließ allmählich nach, aber das Atmen schmerzte mich unvermindert, bis die Lichter wieder auftauchten und aller Schmerz fort war.
Das Brennen auf meiner Haut holte mich in den Körper zurück: Ameisen, überall Ameisen! Ich versuchte sie abzustreifen, doch meine Hände gehorchten mir nicht. Zu Tausenden staksten sie über meinen kraftlos daliegenden Körper. Sie blähten sich zu Monstern auf, und ein scharfer Riesenstachel zielte auf meine Augen. Ich tauchte erneut weg, versank wieder im Licht.
Wie vom Blitz getroffen schreckte ich hoch und wusste, wo ich war und was geschehen war. Ich sprang auf die Füße und ein paar Schritte zur Seite. Am liebsten wäre ich weit fort gerannt. Doch meine Muskeln waren schon wieder »leer«. Ich wollte schreien, aber der Schrei erstarb in meinem Hals. Seine Kraft entlud sich als schmerzender Krampf in meiner Kehle und setzte sich dort fest, bis er in den darauffolgenden Jahren meine Stimme bis zur völligen Stimmlosigkeit abwürgen würde. Viele lobten mich als stilles Kind und schweigsamen Jungen, anderen war mein stummes Beobachten unheimlich, wie auch meiner Mutter. Immer wieder forderte sie mich auf: »Sag doch etwas!«
Was hätte ich sagen sollen? Nur immer wieder fragen: Warum habt ihr mich aus dem See gezogen? Hätte ich ihnen erzählen sollen, wie mich panische Angst lähmte, als die Sandbank unter meinen Füßen wegrutschte und mich die kalte Strömung in die Tiefe riss, wie ich zu schreien versuchte, jedoch nur eine letzte Luftblase aufstieg und Wasser in meine Lungen drang? Hätte ich ihnen erzählen sollen, wie ich verzweifelt hochblickte, während das fahle Licht über mir immer schwächer wurde, und wie plötzlich überall Licht war, wie ich zu schweben begann, wie eine unendliche Leichtigkeit und ein Friede mich durchfluteten, wie ich mich in den Gesängen und den Schwingungen jener unendlichen Lichtwelt auflöste? Hätte ich ihnen beschreiben sollen, wie mich die plötzliche Umklammerung meines linken Beins aus einem tiefen Traum aufschreckte, wie ich mich vergeblich wehrte, aus jener lichten Welt fortgeschleppt zu werden, und wie ich schließlich das Bewusstsein verlor? Hätten sie mir überhaupt zugehört?
Ich habe mein Unterwasser-Erlebnis viele Jahre wie ein großes Geheimnis gehütet. Es hat mir das Tor zu jener verlorenen Welt geöffnet, nach der sich Menschen alle sehnen. Sie trägt viele Namen wie Erleuchtung, Nirwana, Höheres Selbst. Ich erlebte diesen Ort als Heimat meiner Seele. So nenne ich diese Sphäre aus bloßem Licht, Klang und Schwingen noch heute. Gleichzeitig ist sie für mich auch das All-Eine und das Urmeer der universellen Lebenskraft. Dort ist meine Seele Ewige Seele, dort ist sie heil, rein und vollkommen. Dort gibt es kein Versagen, keine Schuld, keine unerfüllten Forderungen. Darum fällt es so schwer, von dort zurückzukehren.
Ich hatte während meines Lebens wiederholt die Gelegenheit, Nahtod-Erlebnisse durchzustehen. Jedes war einmalig und glich in der Art doch dem ersten. Mit etwa zehn Jahren hat mir eine Lebensmittelvergiftung während eines Ferienaufenthalts bei Verwandten in Frankreich so arg zugesetzt, dass auch der Arzt mein Überleben anzweifelte. Tagelang befand ich mich in einem Dämmerzustand. Wie die Wellen eines Ozeans überspülten mich die Wogen der Lichtwelten, stürtzen mich in immer neue Abgründe voll schreiender Fratzen, bis endlich Stille alles auflöste, meinen Schmerz, mich selbst. Nur wenige Jahre zurück liegen zwei nächtliche Erstickungs-anfälle infolge von Bronchialkrämpfen. Dieses Erlebnis glich jenen, die man oft in Büchern beschrieben findet: Lichtwesen schickten mich damals wieder ins Leben zurück. Während des letzten Himalaja-Trekkings in Nepal brachte mich eine Herz-Kreislauf-Attacke an die Schwelle des Todes. Dort begegnete ich meinen Eltern als heile Lichtgestalten – eine lang ersehnte Versöhnung. All diese Erlebnisse haben das Initial-Erlebnis mit sechs Jahren bestätigt, vertieft und erweitert.

Frühe Initiation

Ich kann nicht behaupten, dass jenes Unterwasser-Erlebnis mein Leben verändert hat, denn mein Leben hatte damals erst begonnen. Doch es hat sicherlich mein ganzes Leben bestimmt. Die ganze Kraft und Weisheit jener anderen Welt, aber auch das schmerzliche Getrennt-Sein von der Heimat meiner Seele und meine sehnsüchtige, angstbesetzte Suche nach dem »verlorenen Paradies«, sind damals im Sarnersee mit geballter Wucht in mein Leben eingebrochen. Alles, was ich später im Schamanismus erfahren habe, war in meinem Unterwasser-Erlebnis in verdichteter Form bereits enthalten. Zwar begegneten mir keine Krafttiere, wie sie die Schamanen auf ihren Reisen in andere Welten antreffen, und es erwarteten mich auch keine spirituellen Lehrer, aber ich fand mich aufgehoben in einer Unendlichkeit von Licht, Klang und Schwingung.
In unserer Kultur gibt es keine Initiationen. Im Grunde aber widerfuhr mir mit sechs Jahren ein frühes Initiations-Erlebnis, auch wenn ich es damals nie so bezeichnet hätte. Stillschweigend wurde es zu meinem Lebens-Plot, der mich bis heute begleitet und geleitet. Bis heute gilt meine Leidenschaft der Begleitung von Menschen zur heilen Kraft ihrer Ewigen Seele, ohne dass sie zu ertrinken brauchen.
Das Unterwasser-Erlebnis hat mich zum Wanderer an der Schwelle zwischen den Welten gemacht. Ich habe nie gefragt: Warum gerade ich? Wen hätte ich auch fragen sollen? Ich hatte auch nie das Gefühl, auserwählt zu sein. Ich fühlte mich vielmehr ausgestoßen und war bemüht, nicht aufzufallen, gerade weil ich vieles so ganz anders verstand als die Menschen in meiner Umgebung. Auch bin ich weder mit einem Schamanen verwandt noch wurde ich von einem adoptiert, obwohl ich auf meinen Reisen vielen begegnet bin. Die Tore öffneten sich mir ohne Vorzeichen, und ich wurde ohne Vorbereitung hineingerissen. Ich habe mich immer nur auf das verlassen, was ich selbst erlebt habe.
Schon bald nach meinem initialen Unterwasser-Erlebnis habe ich entdeckt, dass ich abends vor dem Einschlafen durch den Wasserkanal, der an unserem Haus vorbeifloss, in die andere Welt entkommen konnte, um mich vor den tätlichen Streitereien meiner Eltern zu retten. Jeden Abend legte ich meine Hände wie Muscheln über die Ohren. Und wenn ich mir ganz intensiv den reißenden Wasserstrom vorstellte, konnte ich durch das Rauschen meines Blutes immer lauter das Rauschen des Flusses vernehmen. Plötzlich, wie auf Knopfdruck, waren da wieder die vertraute Stille, die Ruhe und die Lichter. Manchmal war es auch ganz finster. Diese Finsternis umfing mich, und ich fühlte mich unendlich geborgener, als wenn ich mich zur Not unter die Bettdecke verkriechen musste – so habe ich die Scheidung meiner Eltern, die Verarmung, die Schläge, die Ächtung, meine Stimmlosigkeit, die Entwurzelung aus der Heimat überstanden.

Thea

Nur Thea, meiner Freundin der ersten Schuljahre, vertraute ich damals meine Unterwasser-Erlebnisse an. Statt nach der Schule nach Hause zu gehen, verbargen wir uns in einem verlassenen Keller. Eng aneinandergeschmiegt und flüsternd erzählten wir uns von unseren Unterwasser-Erlebnissen und von unseren Träumen. Thea wohnte auch an einem Fluss. Ihr jüngerer Bruder war kurz nach der Geburt gestorben. Weil er nicht getauft war, gab es kein Grab, wo sie ihn hätte besuchen können.
Thea und ich konnten auch im Traum in die Seelenheimat fliegen. Meine Flugträume begannen häufig mit einem Sturz ins Bodenlose. Thea blieb dieses albtraumhafte »Intro« erspart. Sie gab mir jedes Mal einen Kuss auf die Wange, um ihr Versprechen zu besiegeln, mit niemandem über unsere »Ausflüge« zu sprechen, auch nicht mit ihrer Mutter.

Joseph

Als sich viele Jahre später mein jüngerer Bruder Joseph mit knapp zweiundzwanzig umbrachte, verstand ich plötzlich nicht mehr, warum ich nur Thea von meinen Besuchen in der Seelenheimat erzählt hatte. Ich erinnerte mich, dass er als kleiner Junge häufig nachts geweint hatte, weswegen ich meine Hände über die Ohren hielt. Gelegentlich kam jedoch unsere Mutter, um ihn in ihre Arme zu schließen. So hat er manchen Streit meiner Eltern beendet.
Erst nach seinem Tod begriff ich, dass auch er auf der Suche nach einem sicheren Ort für seine Seele gewesen war. Heute ist es zu meinem Beruf geworden, Menschen an ihre Tore und Wege zur Seelenheimat zu begleiten. Lange quälten mich Schuldgefühle. Sie waren die treibende Kraft meiner Anstrengungen, für uns Menschen Wege zu den Quellen von Lebenskraft, -inspiration und -motivation zu finden. Es ist paradox, sich dafür umbringen zu müssen, auch wenn der christliche Mythos lehrt, dass die Seelenheimat angeblich nur über die Schwelle des Todes zu erreichen sei. Joseph könnte noch leben. Jetzt ist er mir ein Verbündeter in jener anderen Welt.
Joseph war dabei gewesen, als sie mich aus dem Sarnersee gezogen hatten. Er war es auch gewesen, der mich als Erster begrüßt hatte, als ich wieder zu mir gekommen war. Damals war er zwar erst knapp fünf Jahre alt und saß auf dem Schoß unserer Mutter. Sie blickte aufs Wasser hinaus, wo sich unsere beiden älteren Brüder um den Ball zankten.

Rückkehr in die Familie

Als auch Mutter mich bemerkte, sagte sie nur: »Oh, du bist ja ganz zerstochen.« Die älteren Brüder rannten herbei und riefen: »Du bist beinahe ersoffen. Du hättest nicht so weit ins Wasser hinausgehen dürfen. Auf den Sandbänken rutscht man immer ab.« Niemand erwähnte, dass der älteste Bruder mir das Leben gerettet hatte. Unsere Mutter hatte mich bestimmt nicht aus dem Wasser gezogen, denn sie fürchtete sich vor dem Wasser. Auch ich ging nicht zu ihm hin, umarmte ihn nicht, bedankte mich nicht. Dabei war mein Bruder mit dreizehn nur doppelt so alt wie ich, aber eben stark und unerschrocken. Meine beiden Brüder rannten wieder ins Wasser, da die Strömung den Ball weit hinaus getrieben hatte. Meine Mutter wandte sich an mich und sagte mit strenger und besorgter Stimme: »Du gehst mir heute nicht mehr ins Wasser.« Ich glaube, Vater erfuhr nichts von meinem Beinahe-Ertrinken, er war bei unseren Ausflügen grundsätzlich nie dabei.

Getrennte Welten

Die Reaktion meiner Brüder machte mir schlagartig klar, dass wir fortan in getrennten Erfahrungswelten leben würden. Für meine Brüder war mein Ertrinken kein tiefgreifendes Erlebnis. In ihrer Wirklichkeit hatte ich auf der Sandbank der Flussmündung den Boden unter den Füßen verloren, war untergetaucht, weil ich nicht schwimmen konnte, und da jemand dies bemerkt haben musste, hat mich mein ältester Bruder aus dem Wasser ziehen können. Er und meine Mutter hatten mich dann an beiden Beinen hochgehoben, um das Wasser aus meinen Lungen herausfließen zu lassen, und mich hingelegt, bis ich wieder erwachte. Mehr war nicht geschehen.
In ihrer Wahrnehmung fehlten meine Unterwasser-Erlebnisse. Heute weiß ich nicht mehr genau, warum ich es nicht gewagt hatte, ihnen davon zu erzählen. Natürlich wurde über so etwas nicht gesprochen, und vielleicht hatte ich gespürt, dass sie die Sehnsucht nach der Seelenheimat bereits vergessen hatten – oder ihre Sehnsucht hatte jenen Ort vergessen. Erziehung und Schule hatten ihre Sehnsucht nach dem verlorenen Einssein jenseits von Raum und Zeit bereits zum Streben nach einer glücklichen und erfolgreichen Zukunft transformiert, erkauft mit dem Lohn harter Arbeit. »Ihr sollt es einmal besser haben!«, war der oft wiederholte Slogan unserer Eltern. Mit »besser« assoziierten sie natürlich einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg, da mein Vater von Beruf Briefbote und Mutter Schrankenwärterin war. Meine beiden Brüder kamen dieser Gesinnung nach und wurden erfolgreich, der eine in der Kommunikations-Technologie, und der andere in der Bauindustrie.
Inzwischen weiß ich, dass alle Kinder ähnliche Erlebnisse haben, wie ich sie in der Lichtwelt unter Wasser und in den Träumen hatte; ich pflege diese seither als Quelle von Lebenskraft und Weisheit. Doch Erziehung und Bildung sind darauf angelegt, uns die Herkunft unserer Seele vergessen zu lassen. Als Belohnung leben wir in einer Zivilisation, die uns Sicherheit verspricht und jedes Bedürfnis zu erfüllen scheint. Der Schock des Ertrinkens hat mir das Vergessen verunmöglicht.
Meine Mutter kannte die Sehnsucht nach der Seelenheimat, verurteilte sie aber, wie so viele Menschen, als beschämende Flucht vor den Pflichten des Lebens. Sie widerstand dem Sog, glitt aber immer wieder in dunkle Zwischenwelten ab, behalf sich mit Medikamenten, und wurde schließlich krank. Im letzten Schuljahr geriet auch ich in ähnliche Zwischenwelten. Die Träume blieben aus, Wasser war wieder nur Wasser und in meinen Ohren rauschte nur das Blut. Hatte ich die Depressionen geerbt wie meine Mutter bereits? Ich wagte nicht, sie danach zu fragen. Stattdessen bemühte ich mich, ihre Fragen über meine anstehende Berufswahl zu beantworten. Alle, auch der Berufsberater, waren ratlos, und ich hatte keine Ahnung, welcher Beruf mich so weit bringen würde, um es einmal besser zu haben als meine Eltern. Ein Studium kam für meine Eltern nicht in Frage. Ich habe es später nachgeholt.

Wegsuche

Als sich der Schock über den Tod meines Bruders zu lösen begann, spürte ich, dass ich selbst zwischen drei Wegen zu wählen hatte: Die Lebensreise abbrechen, den Körper der Natur zurückgeben und die Seele nach Hause entlassen wie mein Bruder; einen Psychiater oder eine Klinik aufsuchen; jemanden finden, der mich zu den vergessenen Seelentoren führen konnte. Wen sollte ich fragen?
Am Anfang meines mittlerweile über dreißigjährigen Wegs als Erforscher und Gestalter verborgener Seelen- und Lebenskräfte sowie als Heilender dienten mir Bücher über den Schamanismus als stille Wegweiser, insbesondere jene von Carlos Castaneda und Michael Harner. Über die Technik der schamanischen Reise in andere Welten fand ich zurück zu den Toren, die mich zu jenen Licht- und Seelenwelten meiner initialen Unterwasser-Erlebnisse führten. Seither bilden diese Erlebnisse für mich eine Quelle von Kraft und Weisheit. Ihre Geheimnisse sind noch längst nicht alle enthüllt, weil in jedem einzelnen das Schöpfungs-Wissen des ganzen Universums kulminiert.

Der Traum des Jungen

In meinen Traumseminaren arbeiten wir auch mit der Technik der Bewusstseins-Übertragung. In meinem letzten Seminar schlug ich deshalb vor, dass jeder Teilnehmende sein Bewusstsein auf ein Kind in einer vergangenen, künftigen oder parallelen Wirklichkeit übertragen und sich dabei vorstellen sollte, dass unser Alltagsleben ein Traum dieses Kindes wäre – wir lebten den Traum dieses Kindes.
Ich selbst fand mich augenblicklich in jenes Unterwasser- Erlebnis als Sechsjähriger zurückversetzt. Alles Folgende habe ich als dieses Kind in der Lichtwelt erlebt.
Die geträumte Handlung ist banaler Alltag von heute, und hätte ich diesen Traum nicht selbst erlebt, könnte ich nicht glauben, dass sich darin ein Albtraum verbirgt: Der vom Kind geträumte Carlo schreibt am Computer einen Brief, druckt ihn aus, fährt in sein Büro, übergibt das Schreiben seiner Sekretärin, die weitere Anhänge dazufügt und alles schließlich zum Verschicken in einen Umschlag verpackt.
Ich, als sechsjähriger Junge in der Lichtwelt, bin eine Lichtgestalt, deren Licht wie ein Kokon um ein leuchtendes, klingendes Zentrum pulsiert. Der schwerfällige Prozess der Materialisierung einer Botschaft, die nichts anderes ist als schwingende Energie, wird in der Erlebniswelt der Lichtgestalt albtraumhaft gewalttätig: Pulsierende Energien werden im Gehirn zu Worten verdichtet, über eine Tastatur einem Computer eingehämmert und von einer Druckmaschine in seltsamen Zeichen auf ein Papier gebrannt. Dieses Papier wird mit dem Auto, in meinem Traum eine Maschine von der Zerstörungskraft eines Panzers, über eine Asphaltpiste, die alles Leben der Natur unter sich zerstört, in einen steinernen Koloss getragen und mit umständlich aus dem Hals gewürgten Lauten an einen anderen Menschen übergeben.
Für den Jungen in der Lichtwelt ist mein heutiges Leben zum Albtraum geworden. Er träumt seine Botschaft an ein anderes Lichtwesen als schwingende Energie-Matrix, die sich ohne jede Raum-Zeit-Verzögerung im anderen Lichtwesen als Resonanzmuster abbildet – eine Vision energetischen Wirkens in der Unmittelbarkeit des Seins und ein Geschenk des Jungen in den Lichtwelten unter Wasser.
Die Schachtelhalme sind längst bereit zur Rückeroberung unserer Asphaltpisten.

2.

Dr. med. Janis Amatuzio
Dr. Amatuzio, die als »Rechtsmedizinerin mit Herz« bekannt wurde, schreibt und referiert über Erfahrungen und Einsichten, die sie im Zusammenhang mit dem Leben nach dem Tod hatte. Sie hält diese Erlebnisse für Lektionen, die uns zu einem erfüllteren und zufriedeneren Leben verhelfen können. Dr. Amatuzio ist Gründerin der Firma Midwest Forensic Pathology P.A., die private Autopsiedienste anbietet. Außerdem arbeitet sie als Rechtsmedizinerin und ist für verschiedene Bezirke in Minnesota und Wisconsin als forensische Pathologin tätig. Dr. Amatuzio ist darüber hinaus Autorin mehrerer erfolgreicher Bücher. Weitere Informationen erhalten Sie unter .
003
1978 absolvierte ich meinen letzten Monat als Assistenzärztin auf der Station für innere Medizin am Krankenhaus der Universität von Minnesota. Ich hatte Schichtdienst und einen sehr strapaziösen Dienstplan, der mir sechsunddreißig Stunden durchgängiger Arbeit auferlegte. Zum Glück war ich damals erst Mitte zwanzig, denn heute könnte ich das nicht mehr! In einer Nacht nickte ich um zwei Uhr ein, aber nicht für lange. Um halb drei am Morgen rief eine Krankenschwester an und sagte: »Frau Doktor, Sie müssen kommen und den intravenösen Zugang bei einem Mann erneuern, dessen Infusionskanüle herausgerutscht ist. Er benötigt eine Heparin-Infusion.«
Ich hielt mich damals für eine recht routinierte Assistenzärztin, denn ich hatte bereits elf Monate hinter mir. Also sagte ich: »Wissen Sie was? Legen Sie doch eine Wärmepackung auf (damit die Venen besser zu sehen sind) und rufen Sie mich in einer halben Stunde wieder an.« Ich wollte unbedingt diese dreißig Minuten noch weiterschlafen.
Die Krankenschwester wusste, dass ich Telefonanrufe in der Regel verpennte, und rauschte deshalb eine halbe Stunde später in den Raum, knipste das Licht an, stellte sich ans Fußende des Bettes und sagte: »Stehen Sie jetzt auf, Dr. Amatuzio. Der Arm dieses Mannes ist seit einer halben Stunde warm verpackt, und er wartet auf Sie.«
Erschöpft und noch halb benommen schleppte ich mich aus dem Bett, schnappte mir ein paar Infusionskatheter und eine winzige Butterfly-Kanüle und trottete über den Flur. Ich erinnere mich, dass ich auf die gut wahrnehmbaren Schnarchlaute der Patienten neidisch war. Um drei Uhr nachts strahlt eine Krankenhausstation eine gewisse Familiarität aus. Wenn Sie durch die Flure wandern, ist es still und dunkel, und der einzige Laut, den Sie hören, ist ein rhythmisches Atmen. Von Weitem sah ich, dass in einem der Zimmer Licht brannte. Ich bog um die Ecke und betrat den Raum. In einem von der Decke ausgehenden Lichtkegel lag mein Patient, Herr Stein, der sich in dem Bett befand, das der Tür am nächsten war.
Als ich ihn sah, wurde mir bange. Er war ein sehr massiger Mann und ziemlich aufgequollen. Das einzig Helle an ihm waren seine Augen. Wie soll ich diesem armen Mann bloß auf die Schnelle einen intravenösen Zugang legen?, dachte ich.
Ich setzte mich neben das Bett und nahm die feuchtwarmen Umschläge von seinem Arm. Weil Männer nicht so viel Unterhautfettgewebe haben wie Frauen, haben sie üblicherweise gute Venen, die dicht unter der Oberfläche liegen. Aber auf diesem Arm sah ich keine einzige Vene, und so musste ich versuchen, eine zu ertasten.
Ich stellte mich vor und sagte, ich müsste einen intravenösen Zugang legen. Als ich nach einer Vene tastete, blickte der Mann mich an und sagte: »Wissen Sie, Frau Doktor, ich bin schon mal gestorben.« Mein erster Gedanke war: Der tickt wohl nicht richtig. Der ist total durch den Wind. Er las meine Gedanken, als würde er in einem Buch lesen, und sagte mit einer Trauer, die mich schrecklich verlegen machte: »Sie glauben mir nicht.«
»Naja, es ist nicht, dass ich Ihnen nicht glaube, aber wissen Sie, Sie haben da eben etwas ziemlich Merkwürdiges gesagt«, entgegnete ich.
Woraufhin er erwiderte: »Ich weiß. Aber es ist so.«
Während ich nach einer Vene suchte, dachte ich: Na schön, ich werde wohl sowieso noch eine Weile hier sein. Da kann ich mir auch eine gute Geschichte anhören. Also bat ich ihn, mir zu erzählen, was passiert war.
»Also Sie wissen ja, dass ich Blutgerinnsel in den Beinen habe und dass solche Gerinnsel gern in die Lunge wandern«, begann er zu erzählen.
»Ich weiß«, sagte ich. »Deshalb ist es so wichtig, dass dieses Medikament in Ihre Venen gelangt.« Er führte weiter aus, in seiner unteren Hohlvene – dem großen Blutgefäß, welches das Blut von den unteren Extremitäten zum Herzen transportiert – wäre ein Filter angebracht worden, damit die Gerinnsel nicht mehr in die Lunge hätten wandern können.
»Das war vor zwei Jahren«, erläuterte er. »Und da bin ich gestorben.«
Ich nickte und stellte richtig: »Ja, aber jetzt sind Sie hier.«
»Ja, ich bin ins Leben zurückgekommen.« Ich spürte, wie es mir kalt über den Rücken lief, und ich erinnere mich, dass ich dachte: Was ist das jetzt wieder für eine Geschichte? Aber er wirkte sehr ernst. Er erzählte mir, nachdem die Ärzte ihm in einer fünfstündigen Operation den Filter ins Herz implantiert hatten, wäre er in den Aufwachraum gerollt worden. »Ich erinnere mich, dass ich da lag und versuchte, wieder zu Bewusstsein zu kommen«, sagte er. »Eine Krankenschwester drückte meine Schulter, weil sie mich wecken wollte, aber ich wurde einfach nicht richtig wach.«