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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

VORWORT UND EINFÜHRUNG
Gibt es eine unsterbliche Seele und ein Jenseits? Religiös orientierte Menschen würden diese Frage sofort uneingeschränkt mit »Ja« beantworten. Zweifler hingegen könnten sich nicht damit zufriedengeben und würden sofort dagegenhalten, dass Glaube niemals Gewissheit ersetzen kann.
Was wäre aber, wenn jemand auf die Idee käme, Begriffe wie »Seele« und »Jenseits« nicht religiös oder philosophisch, sondern vielmehr auf der Basis der modernen Naturwissenschaft zu definieren? »Völlig unmöglich«, werden viele spontan ausrufen und den Gedanken sofort wieder verwerfen.
Für solche Reaktionen muss man Verständnis aufbringen, denn die Vorstellung, dass es eine physikalisch beschreibbare Seele geben könnte, passt einfach nicht in das von unserem Schulwissen geprägte Weltbild. Sie fügt sich auch nicht in die scheinbar heile Welt der klassischen Physik ein, die vollständig auf der Seite des Gegenständlichen und damit auch unserer alltäglichen Erfahrungen beruht.
Müssen wir die Idee einer tatsächlich existierenden und mithilfe der Physik erfassbaren Seele also gleich wieder verwerfen? Die Antwort lautet: Ja, das können wir durchaus, vorausgesetzt, wir begnügen uns damit, die Welt nur mit einem Auge zu betrachten. Das mag provokant klingen, aber vielleicht weckt diese Aussage auch die Neugier und macht Appetit auf mehr. Jedenfalls sind Sie, liebe Leserinnen und Leser, herzlich eingeladen, sich im Folgenden einer neuen Dimension zu öffnen und sich von der Avantgarde unter den Physikern inspirieren zu lassen.
Ich habe den Bezug zum Einäugigen bewusst gewählt, weil sich diesem die dritte Dimension nicht erschließt, da er nur zum zweidimensionalen Sehen befähigt ist. Dennoch wird er die Existenz einer dritten Dimension nicht argumentativ anzweifeln können. Ebenso müssen auch wir akzeptieren, dass die Natur einen Januskopf hat.
Die ersten Konturen dieses zweiten Antlitzes zeichneten sich im Jahre 1924 ab, als der französische Physiker und spätere Nobelpreisträger Louis-Victor Pierre Raymond de Broglie auf die seltsame Doppelnatur unserer Materie stieß und damit das Fundament der modernen Quantenphysik legte. Zu ihren herausragenden Erkenntnissen gehört die Tatsache, dass sich winzige Objekte nicht nur als Teilchen, sondern auch als Welle beschreiben lassen.
Diese Entdeckung kam einer Revolution gleich, die nicht nur die Naturwissenschaften, sondern auch die Geisteswissenschaften zutiefst erschütterte, zugleich aber auch beflügelte. Ein neues duales Weltbild der Natur musste die Philosophen herausfordern, die den sich nun anschließenden Prozess des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns von Anfang an kritisch begleiteten und zugleich mit neuen Impulsen und Zusammenhängen beflügelten. Dies taten sie, obwohl die Väter der Quantenphysik ihre Entdeckung zunächst nur auf winzige Teile aus der Welt der Atome bezogen, und dies auch ausdrücklich betonten – eine Begrenzung, von der wir uns im weiteren Verlauf dieses Buches aus guten Gründen verabschieden müssen!
Aber auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, sind jetzt gefordert. Sicherlich geht es Ihnen nicht anders als dem Autor, der an dieser Stelle behauptet, dass der Dualismus der Materie beim flüchtigen Lesen zwar noch keinen Argwohn hervorruft, bei näherer Betrachtung aber schwer zu verinnerlichen ist. Dies liegt in erster Linie daran, dass wir uns von einem spätestens seit der Antike geltenden Weltbild verabschieden müssen. Durch die lineare Logik dieses Weltbildes mit ihren »Wenn …, dann …«-Schlüssen sind wir es einfach gewohnt, die uns umgebende Natur nach einem »Entweder … oder«-Muster zu ordnen. Etwas kann entweder nur eine Welle oder eben nur ein Teilchen sein. Die Quantenphysik schlägt uns hingegen gnadenlos eine »Sowohl … als auch«-Alternative um die Ohren, die beide Zustände als gleichermaßen real definiert.
Nicht minder schwer verdaulich ist das ebenfalls von der Quantenphysik beschriebene Phänomen der Nichtlokalität, das unmittelbar aus der Verschränkung resultiert. Das Prinzip der Verschränkung besagt, dass in der Quantenwelt zwei Teilchen, die einst miteinander in Verbindung standen, fortan als Gesamtsystem zu betrachten sind. Das schier Unfassbare ist, dass die Entfernung hierbei überhaupt keine Rolle zu spielen scheint. Es können Meter, Kilometer oder gar Lichtjahre sein!
Nichtlokalität bedeutet auch, dass ein Teilchen A, welches sich beispielsweise auf einem erdähnlichen Planeten im Andromedanebel befindet, spontan auf eine Änderung reagiert, die auf das auf Ihrem (!) Schreibtisch befindliche und mit ihm verschränkte Teilchen B ausgeübt wird. Diese Beeinflussung erfolgt simultan, das heißt mit unendlich hoher Geschwindigkeit. Bereits Albert Einstein ist auf diesen seltsamen Effekt gestoßen, hat ihn aber später als »spukhafte Fernwirkung« zu den Akten gelegt. Erst in jüngster Zeit haben Physiker den experimentellen Nachweis dafür geliefert, dass das seltsame Phänomen in der Realität tatsächlich existiert und der Informationsaustausch mit mindestens einhunderttausendfacher Lichtgeschwindigkeit erfolgt. Auf diese Versuche werde ich später noch detaillierter eingehen. Vorab soll jedoch schon einmal eine wesentliche Schlussfolgerung gezogen werden:
Die wechselseitige Beeinflussung von Teilchen ohne zeitliche Verzögerung ist offenbar ein wesentliches Merkmal unseres Universums. Auf diese Weise »wissen« die seit dem Urknall über den gesamten Kosmos versprengten Teilchen voneinander; sie kommunizieren miteinander und stimmen sich ständig ab. Mehr noch: Wir selbst sind aktiver Teil dieses im wahrsten Sinne des Wortes universellen Dialogs!
An dieser Stelle werden Skeptiker sofort den Einwand erheben, dass sich die Quantenphysik nicht auf große Objekte wie Menschen oder Tiere anwenden lässt. Dies ist insofern richtig, als wir uns in unserer Kompaktheit in der Tat nicht wie ein subatomares Teilchen beispielsweise durch Wände hindurch bewegen können. Diesen scheinbaren Widerspruch hat unter anderem der im April 2008 im Alter von 96 Jahren verstorbene amerikanische Professor John Archibald Wheeler, der sich als streitbares Physik-Genie einen Namen gemacht hat, aufgelöst. Seiner Meinung nach dürfe die Tatsache, dass makroskopische Objekte offenbar keine direkt beobachtbaren Quanteneigenschaften besitzen, nicht automatisch zu der Annahme verleiten, dass Quanteneffekte in unserem Alltag keine Rolle spielen. Sein Argument lautete, unser Gehirn bestehe ebenso wie unser gesamter Körper aus Atomen, Elektronen und Kernen, auf die sich die Wellenmechanik anwenden lässt. Demzufolge könnten auch geistige Prozesse mit den Gesetzen der Quantenphysik beschrieben werden.
 
In ein ganz ähnliches Horn stößt inzwischen eine Reihe namhafter Naturwissenschaftler, darunter der britische Kernphysiker und Molekularbiologe Jeremy Hayward. Seiner Meinung nach war es ein Fehler, den Geist aus der Natur zu verbannen. Vielmehr betrachtete er diesen neben Raum, Zeit, Materie und Energie als ein weiteres Grundelement der Welt.
Unter den Naturwissenschaftlern sind diese Erkenntnisse zurzeit Gegenstand oftmals leidenschaftlich geführter Diskussionen. Eine ständig wachsende Zahl von Physikern vertritt inzwischen jedoch die Überzeugung, dass die Tür zu einem völlig neuen Weltbild geöffnet wurde, das den Geist als fundamentales Element der Natur mit einbezieht.
Fazit: Ähnlich dem Dualismus von Teilchen und Welle sollte der Dualismus von Körper und Seele den Regeln der Quantenphysik folgen. Dieses Weltbild führt in letzter Konsequenz zwingend auch zu einem universellen Quantencode, einem uralten Organisationsprinzip des Universums, das seit dem Urknall existiert. Das Bewusstsein wäre dann neben Raum, Zeit, Materie und Energie in der Tat ein weiteres Grundelement des Universums. Geradezu sensationell klingt das Resümee international hochrangiger Wissenschaftler wie etwa Professor Dr. Hans-Peter Dürr, der viele Jahre Direktor des Max-Planck-Instituts für Physik in München war. Dürr ist aus rein physikalischen Gründen von der Unsterblichkeit der Seele und der Existenz eines Jenseits überzeugt. Dieses Jenseits umschreibt er als umfassende Wirklichkeit, in die das uns vertraute Diesseits eingebettet ist.
 
Begleiten Sie mich nun auf eine spannende Reise und erfahren Sie wie
• wir diesen anderen Teil der Realität rein intuitiv durch Wahrnehmungen, spontane Eingebungen und Gefühle, die wir uns mit unserer herkömmlichen Erfahrung nicht erklären können, erleben;
• moderne Mediziner das menschliche Gehirn als gigantischen Quantencomputer begreifen;
• Biologen mithilfe der Quantenphysik das Schwarmverhalten von Tieren besser verstehen;
• sich der gebündelte Informationsgehalt des Universums in Gestalt eines Lebenscodes auf die Selbstorganisation der Materie und die Evolution ausgewirkt hat;
• sich heute noch als »übernatürlich« bezeichnete Phänomene mithilfe der Quantenphysik erklären lassen und Teil unserer Natur werden; und
• sich Religion und Wissenschaft nicht mehr ausschließen, sondern einander komplementär ergänzen.
Auf den Punkt gebracht: Die Wissenschaft steht unmittelbar vor einem Paradigmenwechsel und vor ihrer vermutlich größten Entdeckung. Lassen Sie sich nun auf den folgenden Seiten von der Faszination des bislang Unfassbaren begeistern.

»WARUM DENKST DU IMMER DAS GLEICHE WIE ICH?«
Was wir wissen, ist ein Tropfen – was wir nicht wissen, ist ein Ozean.
Sir Isaac Newton, englischer Physiker,
Mathematiker und Astronom, 1643-1727
 
 
»Weil dich die gleiche Stimme lenkt und du am gleichen Faden hängst, weil du dasselbe denkst wie ich …«, heißt es in dem Song »Vom selben Stern« des Musiker-Duos »Ich & Ich«, das aus Annette Humpe und Adel Tawil besteht. Ein simpler Text, der keineswegs zufällig zu einem Ohrwurm wurde. Schließlich geht es in dem Lied darum, dass wir alle Freunde sein sollten, da wir doch vom selben »Stern« stammen. Und mal ehrlich: Wer hat nicht selbst bereits erlebt, dass er Menschen kennenlernte, mit denen auf Anhieb die sprichwörtliche Chemie stimmte, ganz ohne Worte, was einem das Gefühl vermittelt, vom selben »Stern« zu stammen.
Wenn zwischen den beteiligten Personen die Chemie stimmt, sind die Auswirkungen stets positiv, bisweilen auch von schicksalhafter Bedeutung. Das trifft beispielhaft für zwei junge Menschen zu, die sich kennenlernen und ineinander verlieben. Sogar die viel zitierte »Liebe auf den ersten Blick« gibt es – Forscher der Max-Planck-Gesellschaft haben hierzu in den 1990er-Jahren erste wissenschaftliche Studien veröffentlicht.
Auch wenn sich das Phänomen der zwischenmenschlichen Chemie bei Verliebten am deutlichsten zeigt, durchzieht es unser gesamtes soziales Leben wie ein unsichtbares Band. Dieses Sichkennenlernen und das nachfolgende Miteinanderkönnen oder Nichtmiteinander-Können erfolgt in der Regel spontan, vollzieht sich auf allen zwischenmenschlichen Ebenen und kennt weder Altersunterschiede noch soziale Schranken. So kann ein Schüler beispielsweise »gut« mit seinem Mathematiklehrer, obwohl 90 Prozent der Schüler den strengen und auf Leistung bedachten Pädagogen ablehnen; hat eine Jungschauspielerin ein Problem mit der Rollenbesetzung, weil die Chemie mit dem Partner nicht stimmt; findet ein Pfarrer in der Gemeinde wenig Anklang, obwohl er sich die größte Mühe gibt; ist der »Neue« in der Abteilung den Kollegen auf Anhieb sympathisch, ohne dass er sich besonders ins Zeug legen muss.
Die praktische Ärztin Dr. Ulrike Banis aus Bregenz bringt es auf den Punkt: »Ich erlebe immer wieder bei neuen Patienten, die zu mir in die Praxis kommen, dass es darunter Menschen gibt, zwischen denen und mir es sofort funkt, wo die Chemie einfach stimmt und gute Gespräche möglich werden. Umgekehrt passiert es mir aber auch bisweilen, dass ich gar keinen rechten Zugang zu meinem Gegenüber bekomme, obwohl ich guter Dinge bin, Lust aufs Arbeiten habe und auch keine sonstigen Störfaktoren erkennbar sind.«

Aus welcher Quelle kommt die Macht des Unbewussten?

Auch wenn es um die unterschiedlichsten Entscheidungen geht, spielt oft das Unbewusste in Gestalt eines Bauchgefühls eine große Rolle. Mit diesem Begriff wird eine spontane Intuition beschrieben, die nicht aus dem Bauch, sondern aus dem Kopf stammt und oft von großer Bedeutung für die Zukunft des Betroffenen ist. Dem steht wiederum ein großes Wissensmanko gegenüber, denn bei der Suche nach der Quelle der Intuition im Gehirn stochern wir reichlich hilflos im Nebel.
Als selbstständiger Berater und Trainer in einem Hamburger Team für Veränderungsmanagement und Organisationsentwicklung kennt der Diplompsychologe Claus Epe das Phänomen aus der Praxis. Seiner Erfahrung nach verlassen sich Linienmanager und Personalleute oft ausschließlich auf ihren Bauch, wenn es um die Teamzusammensetzung bei Projekten, die Besetzung von Schlüsselpositionen, das Erkennen von Potenzialen und die Förderung von Mitarbeitern geht. »Mit ihren Bauchentscheidungen, die gern positiv als Intuition bezeichnet werden, fühlen sich die meisten Manager ganz wohl, was bei gefühlsmäßigen Entscheidungen ja auch nicht verwundert«, argumentiert er.
Je komplizierter Interaktionen und zwischenmenschliche Beziehungen seien, desto unsicherer fühlten sich Menschen, wenn sie helfend, klärend oder beurteilend tätig werden sollen, führt Epe weiter aus. Teamarbeit und Projekte seien hoch im Kurs, die Bedeutung der Chemie zwischen Personen habe sich dabei herumgesprochen. Diese Faktoren zeigen jedoch zugleich, dass psychologische Erkenntnisse über Persönlichkeit und Interaktionen auf einem vagen, alltagspraktischen Niveau abgehandelt werden. Epe fasst zusammen: »Die Chemie stimmt, oder die Chemie stimmt nicht.«
Doch wer oder was entscheidet über die »richtige Chemie«, die zwischen den Menschen stimmen muss? Wo steckt die Wurzel für die heimliche Macht des Unbewussten? Nicht wenige Naturwissenschaftler betrachten die Intuition skeptisch, weil sie sich nur in naiver Weise beweisen lasse und bei kritischer Hinterfragung wie ein Kartenhaus in sich zusammenfalle. Der Psychologe und Psychiater Carl Gustav Jung, ein Kollege Sigmund Freuds, definierte die Intuition hingegen als eine von vier psychischen Grundfunktionen, die eine Wahrnehmung zukünftiger Entwicklungen mit all ihren Optionen und Potenzialen ermögliche. Diese werde meist als instinktives Erfassen oder als gefühlsmäßige Ahnung wahrgenommen.
»Warum denkst du immer das Gleiche wie ich?« Kommt Ihnen dieser Satz auch irgendwie vertraut vor? Damit sind wir bereits bei einem weiteren Phänomen, das die meisten aus der alltäglichen Erfahrung kennen. Sicher haben Sie sich auch schon gefragt, wie es überhaupt möglich ist, dass zwei – sich in der Regel nahestehende – Menschen gedanklich manchmal »gleichgeschaltet« sind.
»Das Thema stand irgendwie im Raum, und da ist es nichts Besonderes, wenn zwei Menschen zufällig den gleichen Gedanken äußern«, würde ein Skeptiker sofort einwenden. Doch an diesen trivialen Fall habe ich nicht gedacht, sondern vielmehr an jene, bei denen der simultan geäußerte gleiche Einfall überhaupt keinen Bezug zu zurückliegenden Tagesereignissen oder künftigen Plänen hat. Mit meiner Frau ist es mir schon oft passiert, dass wir völlig überraschend den gleichen Gedanken hatten, der keinen erkennbaren kausalen Zusammenhang zu irgendwelchen »Tagesthemen« aufwies. Auch Freunde, Verwandte und Bekannte teilten uns immer wieder mit, dass es ihnen oft ähnlich gehe. Wer oder was steuert diese spontanen Eingebungen?

Sind Verwandte über ein geheimnisvolles Band miteinander verbunden?

Unsichtbare Bänder gibt es offenbar auch zwischen nahen Verwandten. Insbesondere die Mutter-Kind-Beziehung scheint hier eine herausragende Rolle zu spielen. Immer wieder hört man von Fällen, in denen eine Mutter instinktiv spürte, dass mit ihrem Kind etwas nicht in Ordnung war. Oft handelt es sich um Kleinigkeiten, etwa wenn das Kleinkind im Nachbarzimmer nicht richtig zugedeckt ist. Diese eigenartige »Antenne« bleibt jedoch auch im Erwachsenenalter bestehen. Berichten zufolge spüren Mütter oftmals instinktiv, wenn es der Tochter oder dem Sohn schlecht geht, und greifen als Reaktion darauf zum Telefonhörer, um nachzufragen.
Dramatischer ist der überlieferte Fall, in dem eine Mutter sich abends plötzlich unwohl fühlte und ihren Mann mit der Feststellung konfrontierte, dass ihrem in der Nähe lebenden Sohn etwas zugestoßen sei. Da er telefonisch nicht erreichbar war, beschloss das Ehepaar, sich ins Bett zu legen und das Ganze als Einbildung abzutun. Umso größer war der Schock, als beide am nächsten Tag in der Morgenzeitung lesen mussten, dass nicht weit von ihrem Haus entfernt ein schwerer Unfall passiert war und ihr Sohn schwer verletzt im Krankenhaus lag.
Ähnliche Geschichten häufen sich in Kriegszeiten. So hatte eine Mutter in den USA am helllichten Tag die unheilvolle Vision, dass ihrem Sohn, der als Soldat im Irakkrieg war, etwas zugestoßen sei. Kurze Zeit später erfuhr sie, dass ihr Sohn genau zu diesem Zeitpunkt verwundet worden war. Auch in meiner Familie gibt es eine aus dem Ersten Weltkrieg überlieferte Geschichte, dass eine Mutter ihren an der Front befindlichen Sohn mit verbundenem Kopf durch das Wohnzimmer schreiten sah. Einige Tage später traf per Feldpost die Nachricht ein, dass er zu diesem Zeitpunkt verwundet wurde und in ein Lazarett eingeliefert worden war.
In ihrem Buch Synchronicity and Reunion beschreibt die USAMERIKANISCHE Autorin LaVonne Harper Stiffler eine Reihe seltsamer Zufälle, die sich zwischen Verwandten abgespielt haben. Ihr besonderes Augenmerk gilt dabei adoptierten Kindern und deren leiblichen Eltern, die einander trotz widriger Umstände wiederfanden. In einer dieser Geschichten, die von der deutschen Psychotherapeutin Dr. Elisabeth Mardorf in ihrem Buch Das kann doch kein Zufall sein! kommentiert wurde, kommt es zu folgender merkwürdigen Begegnung mit der leiblichen Mutter:
Es war sehr ungewöhnlich herauszufinden, dass ich fast drei Jahre lang nur drei Straßen entfernt von meiner leiblichen Mutter wohnte, während ich nach ihr suchte. Und das ausgerechnet in einer riesigen Großstadt. Es war genau in der Wohngegend, wo mein Mann aufgewachsen war und 18 Jahre gelebt hatte. Meine Mutter wohnte dort seit neun Jahren. Außerdem arbeiteten wir seit einem halben Jahr in demselben Geschäft, als wir endlich entdeckten, dass wir Mutter und Tochter waren.
 
In einem anderen Fall war es einem Vater vergönnt, seinen aus den Augen verlorenen Sohn nach vielen Jahren wiederzutreffen. Es ist eine bewegende Geschichte, über die sogar die Deutsche Presse-Agentur am 10. August 2001 eine Meldung verbreitete. Darin heißt es:
 
Barry Bagshaw (61), britischer Taxifahrer, hat nach 34 Jahren seinen Sohn wieder getroffen: Der 39-Jährige saß als Kunde auf dem Rücksitz seines Wagens. Wie der Mirror (London) am Freitag berichtete, hatte Barry seine Familie in der damaligen Kronkolonie Hongkong verlassen, als sein Sohn Colin fünf Jahre alt war. Er hatte herausbekommen, dass seine Frau eine Affäre hatte. Nach der Scheidung verlor er den Kontakt zu seiner Familie. Colin wuchs in dem Glauben auf, sein Vater sei tot. Barry kehrte schließlich nach England zurück und ließ sich im Seebad Brighton nieder. Durch Zufall kam sein Sohn über Südafrika in denselben Ort. Zusammen mit seiner Freundin stieg er in Barrys Taxi. Die Freundin sah den Führerschein des Fahrers auf dem Armaturenbrett liegen und sagte: »Ist das nicht komisch – ihr habt beide denselben Namen.« Worauf Colin im Scherz fragte: »Ihr Vorname ist nicht auch noch Barry?«
Als klar wurde, dass sie wirklich Vater und Sohn waren, vergossen beide ein paar Tränen. »Es ist unglaublich«, sagte Colin. »Manchmal denke ich, ich träume.« Nun wollen sich beide erst einmal richtig kennenlernen.

Kommissar Zufall hat einen Januskopf

Damit sind wir beim nächsten Phänomen angelangt, dem Zufall, der natürlich nicht nur beim schicksalhaften Zusammentreffen von Blutsverwandten eine Rolle spielt. Vielmehr begleiten uns Zufälle in jeder erdenklichen Situation auf Schritt und Tritt: während der Arbeit, in der Freizeit, im Urlaub sowie bei vielen anderen Gelegenheiten.
Ist das Zufällige denn nun wirklich zufällig, oder meinen wir das nur? Erscheint es uns nur deshalb zufällig, weil wir die komplexe Ordnung hinter dem Geschehen nicht erkennen? Fakt ist, dass sich beim Thema Zufall die Geister scheiden. Die eine Gruppe, oftmals mehr oder weniger stark mathematisch orientierte Personen, glauben nicht an eine komplexe Ordnung, die sich hinter dem Zufall verbirgt. Alles Zufall heißt denn auch der Titel eines Buches von Stefan Klein, in dem er seine persönliche Anschauung zu dem Thema erläutert und auch die gesamte Evolution als Zufall beschreibt. Eine für mich schwer verdauliche Vorstellung, denn dass eine lebende Zelle durch Zufall entsteht, ist in etwa genauso wahrscheinlich wie die Entstehung eines Airbus A 380 aus den Teilen eines Schrotthaufens, die in einem Wirbelsturm durcheinandergeweht wurden.
»Es gibt keine Zufälle«, meint hingegen ein Psychologe aus meinem Bekanntenkreis, der wie viele Vertreter seiner Zunft an eine höhere Ordnung glaubt, die sich hinter dem Zufall verbirgt. Auch viele Geisteswissenschaftler und Literaten vertreten diese Auffassung. »Zufall ist das Synonym Gottes, wenn er etwas nicht selbst unterschreiben will«, hatte es der französische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Anatole France einmal formuliert.
Auch C. G. Jung glaubte nicht an Zufälle. Vielmehr vermutete er hinter diesem Phänomen eine höhere Ordnung, die unser Leben steuert. Er bezeichnete sie als Synchronizität. Damit meinte er zeitnah aufeinanderfolgende Ereignisse, die nicht über eine Kausalbeziehung verknüpft sind, vom Beobachter jedoch als sinnhaft und damit logisch empfunden werden. Nach Jung besteht Synchronizität aus einem vorausgegangenem inneren Ereignis – einem Traum, einer Idee, einer Vision oder auch einer Emotion -, dem kurz darauf ein äußeres Ereignis folgt, das wie eine Spiegelung als Antwort auf das innere Ereignis erscheint. Ich werde an späterer Stelle noch auf C. G. Jung zurückkommen.
Gibt es nun Zufälle oder nicht? Mit dieser Frage habe ich mich bereits in meinem im Jahr 2008 erschienenen Buch Die geheime Physik des Zufalls beschäftigt und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass der Zufall zwei völlig unterschiedliche Gesichter hat: Das eine, von mir als »Zufall erster Ordnung« bezeichnete Antlitz, zeigt uns die triviale Seite, eine mit den Regeln der Mathematik erklärbare Realität, von der wir uns aber immer wieder narren lassen und deshalb vergeblich nach einem inneren Zusammenhang suchen. Das zweite Gesicht ist der »Zufall höherer Ordnung«, der eigentlich kein Zufall mehr ist, weil er auf Zusammenhängen basiert, die von der Wissenschaft erst jetzt erkannt werden. Anhand einiger authentischer Fälle soll auf den folgenden Seiten demonstriert werden, wie uns das Unerwartete in diesen beiden völlig unterschiedlichen Gestalten begegnen kann: