The Cover Image
 

 

Wie kommt es, dass die Lebenserwartung der Israelis mit zur höchsten der Welt zählt? Wie vererbt sich jüdische Identität? Und wie verändert sich ein Land im »Rentenalter«?

Der diesjährige Jüdische Almanach beschäftigt sich mit dem Prozess des Älterwerdens. Dabei gilt es nicht nur, individuelle Lebensformen im Alter zu finden, sondern auch, das Lebensgefühl eines ganzen Staates im »Rentenalter« zu beschreiben: Der Staat Israel wird in diesem Jahr 65 Jahre alt.

Im Mittelpunkt stehen dabei unterschiedliche Lebensentwürfe in Israel, Deutschland oder den USA ebenso wie religiöse oder kulturelle Traditionen und Traumata, die in vielfältigen Formen an die nächste Generation weitergegeben werden.

 

Mit Beiträgen von Micha Brumlik, Avirama Golan, Amir Gutfreund, Matthias Morgenstern, Eric Nataf, Andrew Steinman und vielen anderen.

 

 

JÜDISCHER
ALMANACH

der Leo Baeck Institute

Image

Alter

Herausgegeben von
Gisela Dachs
im Auftrag des
Leo Baeck Instituts Jerusalem

Jüdischer Verlag
im Suhrkamp Verlag

 

 

Gefördert durch:

Stiftung Irene Bollag-Herzheimer

Im Dialog. Evangelischer Arbeitskreis für das christlich-jüdische Gespräch
in Hessen und Nassau

Stuttgarter Lehrhaus-Stiftung für interreligiösen Dialog

 

Image  Image

 

Redaktionelle Beratung: Na'ama Sheffi; Anja Siegemund; Adina Stern

Umschlagabbildung: Herlinde Koelbl (Porträt Louise Bourgeois)

 

Das Leo Baeck Institut (LBI) ist benannt nach der Symbolfigur der deutschen Judenheit im 20. Jahrhundert und besitzt Zentren in New York, London und Jerusalem sowie eine Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft in Deutschland. Es wurde 1955 in Jerusalem gegründet, um die Geschichte und Kultur des deutschen und zentraleuropäischen Judentums zu erforschen und zu dokumentieren. Seit 1993 gibt das Leo Baeck Institut Jerusalem den Jüdischen Almanach heraus. Dies knüpft an eine alte Tradition an, die durch den Nationalsozialismus gewaltsam abgeschnitten wurde. Erstmals erschien ein Jüdischer Almanach im Jahre 1902.

 

Leo Baeck Institute:

Jerusalem: 33 Bustenai Street, Jerusalem 93229, Israel; www.leobaeck.org

London: 2nd Floor, Arts Two Building, Queen Mary University of London, Mile End Road, London E1 4NS, UK; www.leobaeck.co.uk

New York: 15 West 16th Street, New York, NY 10011, USA; www.lbi.org

Freunde und Förderer des LBI: Liebigstraße 24, Frankfurt 60323

 

 

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2013

Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe im Jüdischen Verlag 2013

© für diese Zusammenstellung Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag;
für die einzelnen Beiträge bei den Autorinnen und Autoren

© für die Abbildungen Herlinde Koelbl

Berlin 2013

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung,

des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung

durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werks darf in irgendeiner Form

(durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren)

ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert

oder unter Verwendung elektronischer Systeme

verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk
verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder
Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr.
Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar.

Umschlagfoto: Herlinde Koelbl

Satz: Hümmer GmbH, Waldbüttelbrunn

 

eISBN 978-3-633-73497-9

www.suhrkamp.de


INHALT

Zu diesem Almanach

Bernard Kahane und Eric Nataf Der Fall Abraham: »Alt werden und dann?«

Matthias Morgenstern »Vor einem grauen Haupte stehe auf!« – Auch auf dem Abort und im Badehaus?

Micha Brumlik Jüdisch erwachsen werden – mit der Thora leben

Klaus Hillenbrand Ein gelebtes Jahrhundert. Von Bad Kreuznach in den Kibbuz Hasorea

Ralf Balke Warum Israelis so alt werden

Avirama Golan »O mein Land, mein Heimat-land« – Israel mit 65

Joel Peters Kibbuz Revisited

Katharina Höftmann Erwachsen sein und es doch nicht werden

José Brunner Bedürftig und »populär«. Wie Holocaust-Überlebende in Israel altern

Claudia Liebelt »The last to remember« – Von philippinischen Altenpflegerinnen und Aufopferungen im Gelobten Land

Elvira Grözinger Die »Methusalems« in der jüdischen Literatur – Großeltern durch Enkelaugen betrachtet

Dinah Zenker Spiritualität in der Pflege. Ein Ansatz und ein Plädoyer aus der Perspektive der jüdischen Orthodoxie

Andrew Steinman Lebensentwürfe im Alter aus dem Fundus religiöser Ämter und Kulthandlungen Oder: Aus Alter mach Erneuerung

Myriam Halberstam Noch einmal Wind um die Ohren

David Hadar Verfasser seines eigenen Nachrufs: Philip Roth setzt sich zur Ruhe

Stephanie Ginensky Alligatoren und »Alte Kackers«. Ein neues Florida-Bild in der amerikanisch-jüdischen Vorstellungswelt

Amir Gutfreund Triest

 

Zu den Autorinnen und Autoren


ZU DIESEM ALMANACH

Ein Thema, das heute immer mehr Menschen in der westlichen Welt beschäftigt, weil es immer mehr betrifft, ist das Älterwerden und die steigende Lebenserwartung. Vielleicht muss man irgendwann den jüdischen Geburtstagsglückwunsch »bis Hundertundzwanzig« abändern, falls sich herausstellen sollte, dass es sich dabei nicht mehr um ein imaginäres Wunschalter handelt.

Der Traktat der »Sprüche der Väter« (Kapitel 5, 24) enthält genaue Angaben für einen nach der Thora ausgerichteten Lebenszyklus: »Mit fünf Jahren ist man bereit zum Studium der Schrift, mit zehn Jahren zum Studium der Mischna, mit dreizehn Jahren für die Erfüllung der Pflichten, mit fünfzehn Jahren für das Studium des Talmuds, mit achtzehn Jahren für die Heirat, mit zwanzig für die Wahl des Berufes, mit dreißig Jahren hat man die Vollkraft, mit vierzig Jahren Einsicht, mit fünfzig Jahren Ratvermögen, mit sechzig das Alter, mit siebzig Jahren das Greisenalter

Ausnahmen aber gab es immer schon. Schließlich soll Abraham hundert Jahre alt gewesen sein, als ihm seine bis dahin unfruchtbare, zehn Jahre jüngere Frau Sara doch noch ein Kind – den Sohn Isaak – bescherte. Isaak, was so viel wie Lachen bedeutet, sorgte also dafür, dass Abraham im hohen Alter noch Vaterfreuden erfahren durfte. Er starb erst mit 175 Jahren. Mit dem »Fall Abraham« setzen sich zum Auftakt dieses Buches die beiden Autoren Bernard Kahane und Eric Nataf auseinander. Sie stellen dabei die Frage, ob der betagte Patriarch, der sich so vehement dem Alter verweigerte, tatsächlich als ein gutes Modell fürs Älterwerden taugt.

Ein hohes Alter fordert wohl in allen Kulturen einen grundsätzlichen ethischen Respekt ein, ebenso gilt die Forderung nach dem Schutz gebrechlicher Menschen. In der jüdischen Tradition gibt es dafür auch eine religiöse Grundierung. So beschäftigten sich etwa die Gelehrten mit der Frage, wie denn der Sachverhalt zu beurteilen sei, wenn es sich um einen stadtbekannten Bösewicht handelt. Über diesen talmudischen Diskurs zum Thema Verehrung der Alten schreibt Matthias Morgenstern.

Im Zentrum der »Pessach-Haggada«, dem liturgischen Buch zum Pessachmahl, steht die Geschichte von den vier Kindern: dem klugen Kind, dem bösen Kind, dem Kind, das nicht klug genug ist, zu fragen und dem, das noch nicht zu fragen weiß. Micha Brumlik erläutert, wie sich diese Lehrerzählung als Grundriss einer rabbinischen Theorie der Lebensalter begreifen lässt: So bemessen sich die wesentlichen Einschnitte im Leben daran, ob und zu welchen Lernschritten ein Heranwachsender in der Lage ist.

Wer bereits ein Jahrhundert auf dieser Welt hinter sich hat, mag gelassen auf die gesammelten Erfahrungen zurückblicken. Klaus Hillenbrand berichtet, wie Alisa Kamun und Hanna Oppenheimer vor mehr als 80 Jahren in Deutschland den jüdischen Sozialismus für sich entdeckt haben und warum sie der Kibbuz jung hält. Die beiden Damen tragen auch mit dazu bei, dass die Lebenserwartung in Israel überdurchschnittlich hoch ist. Ralf Balke befasst sich mit der noch nicht abschließend geklärten Frage, warum gerade die Israelis länger leben als viele andere.

In den folgenden Essays geht es um das Älterwerden des immer noch jungen Staates Israel, der aber nun immerhin auch schon seinen 65. Geburtstag feierte. Avirama Golan ist nur wenige Jahre nach 1948 geboren, sie wuchs mit dem Staat auf und fragt sich heute mit viel kritischer Liebe, wohin dessen Reise geht. Joel Peters wiederum kam vor dreißig Jahren aus England als jüdischer Volontär in einen Kibbuz, ließ sich später in Israel nieder und zog aus beruflichen Gründen wieder fort. Er ließ es sich aber nicht nehmen, am Jubiläumstreffen der einstigen Freiwilligen teilzunehmen, mit denen er seine Jugendjahre verbracht hat und von denen jeder auf seine Weise älter geworden ist.

Über die andere Art des Erwachsenwerdens in Israel, das vor allem ein sehr plötzliches ist, schreibt Katharina Höftmann und zieht zum Vergleich die Lebenskurve junger Deutscher in Berlin heran.

In den letzten Jahrzehnten entstand in Israel eine Vielzahl von Institutionen, die sich spezifisch um das Wohl der betagten Holocaust-Überlebenden kümmern. In seinem Beitrag reflektiert José Brunner darüber, wie diese Überlebenden nun an ihrem Lebensende zwar bedürftig, aber endlich auch »populär« geworden sind – für die Wissenschaft, die Gesellschaft, die Regierung und den Gesetzgeber. Ihre Betreuerinnen kommen aber oft von weit her. So prägen die christlichen Frauen aus den Philippinen, die in Israel die Altenpflege übernommen haben, längst das Straßenbild. Über deren Dasein und Bindungen schreibt Claudia Liebelt.

Da Überlebende des »Dritten Reichs« jedoch zu den Ausnahmen gehörten, war es vielmehr charakteristisch für eine ganze Generation nach 1945 ohne Großeltern aufzuwachsen. Dass sich deshalb meist nur die Enkelgeneration über die Vorzüge einer Mehrgenerationenfamilie austauschen konnte, prägte auch die jüdische Literatur. Elvira Grözinger geht der Frage nach, wie alte Jüdinnen und Juden von verschiedenen Autoren als literarische Figuren gezeichnet, und manchmal auch überzeichnet wurden.

Für Überlebende in Deutschland mag jüdische Symbolik im Alter vielleicht noch wichtiger als andernorts sein. Spiritualität zu leben und den Alltag zu heiligen, das sind auch die Leitideen bei der Arbeit im Saul-Eisenberg-Seniorenheim in München. Die Leiterin der Pflegestation Dinah Zenker geht der Frage nach, wie sich diese in der dortigen Lebenswelt umsetzen lassen. Der Rabbiner Andy Steinman, der im Heim der Budge-Stiftung in Frankfurt alte Menschen betreut, erzählt von der Lernbegierigkeit eines 90-Jährigen, der sein ganz persönliches Glück als Shammes in der Synagoge fand.

Als eine Art von Befreiungs- und Glücksakt zugleich entschied sich die vierzig Jahre jüngere Myriam Halberstam, ihre Bat-Mizwa nachzuholen. Sie erzählt, wie sie sich mit diesem selbst erworbenen Geschenk zu ihrem 50. Geburtstag einreihen wollte in die lange Tradition ihrer Familie, einer chassidischen Rabbinerfamilie, deren Stammbaum sich bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgen lässt.

Eine hervorstechende Nachricht des Jahres 2012 war Philip Roths Mitteilung, er wolle keine Romane mehr schreiben. Das ist umso erstaunlicher bei einem Autor, der immer wieder übers Alter geschrieben hat. David Hadar schreibt über den letzten Vertreter der Generation jüdisch-amerikanischer Schriftsteller, die sich in den 1950ern und in den frühen 1960ern einen Namen machten, und spekuliert darüber, ob er diesen Weg eingeschlagen hat, weil der Ruhestand in der heutigen Vorstellungswelt eine immer größere Rolle spielt.

In den USA symbolisiert zudem ein Ort wie kein anderer das Älterwerden: Florida. In seiner Glanzzeit war Miami Beach die letzte Enklave der jüdischen Kultur Osteuropas. So hatte sich auch Stephanie Ginensky das Leben der alten Leute vorgestellt, bis sie ihre eigenen Eltern im »Sonnenstaat« besuchte. In einem sehr persönlichen Essay schreibt sie über das heutige Florida als Winterdestination jüdisch-amerikanischer Senioren.

Schließlich ist der literarische Beitrag dieses Almanachs eine Kurzgeschichte von Amir Gutfreund. Sie spielt in Triest und ist eine Hommage an Bruno Schulz, geboren 1892 in Drogobycz, damals Österreich-Ungarn, einer der großen europäischen Schriftsteller und genialer Maler.

 

Die Fotografien stammen diesmal von Herlinde Koelbl. Die zugehörigen Zitate sind ihrem 1989 erschienenen Gesprächsband Jüdische Portraits entnommen.

Gisela Dachs

Jerusalem/Tel Aviv


BERNARD KAHANE UND ERIC NATAF
DER FALL ABRAHAM:
»ALT WERDEN UND DANN?«

Wie sagte Desproges, ein berühmter französischer Humorist der 1980er Jahre: »Altwerden ist nie einfach, vor allem, wenn man sich die Alternative vor Augen führt.« Man versteht also, warum Abraham sich von einem Ausweg aus diesem Dilemma verlocken ließ: von der Ewigkeit. Aber wie denkt der Schöpfer darüber, der Herrscher über Welt und Schicksal?

Abraham ist von Geburt an zeugungsunfähig und hat eine unfruchtbare Frau geheiratet. Ganz sicher ist diese biologische Sackgasse nicht zufällig, und es ist anzunehmen, dass Gott mit seinen Plänen für die Zukunft des Patriarchen und der Menschheit noch nicht im Reinen ist. O ja, der Schöpfer des Himmels und der Erde lässt die Menschheit nur widerwillig auf das große Abenteuer des Monotheismus los. Grübelt er gerade über das Pro und Contra nach, über die künftigen Kreuzzüge und Religionskriege, über Inquisition und Shoah? Man weiß ja, mit welcher Leidenschaft und Hemmungslosigkeit Diktatoren wie Hitler, Stalin, Mao ihre Ziele verfolgen. Ist es da noch sinnvoll, die Menschheitsgeschichte trotzdem in Gang zu setzen? Gott steht vor einer Gleichung mit Einem Unbekannten. Wenn er sich nicht offenbart, wenn er Abraham und Sara die Fortpflanzung verweigert, existiert Er nicht. Wenn es Niemanden gibt, der an Ihn glaubt, wenn es keine Interaktion mit dem Menschengeschlecht gibt, wird Er sich nicht zeigen, und der Mensch bleibt ein unbelehrbarer Polytheist. Kein Volk, kein Bund, und für Gott ewige Einsamkeit. Existenz, Überleben und die Übermittlung der Botschaft durch Abraham und dessen Nachkommenschaft stellen also ein echtes Dilemma dar.

Wie immer zeigt der Schöpfer sich schöpferisch und findet eine Notlösung: Abraham bleibt »Forever young«. Gott setzt Abraham und Sara also auf die Reservebank, sie bleiben ewig jung und kräftig, damit sie Ihm, wenn Er Seine Entscheidung denn getroffen hat, zur Verfügung stehen. Indem Er die Patriarchen zu sterilen Wesen macht, versetzt er sie in eine Art Winterschlaf, experimentiert also schon frühzeitig mit dem »Dornröschensyndrom«. Ein Leben weit weg vom Schreckgespenst des Alterns in einem immergleichen, unveränderlichen Zustand, losgelöst von der Welt im Wandel, während die vergehende Zeit allem ihren unauslöschlichen Stempel aufdrückt.

Aber wer ist denn nun Abraham, dieser alte Mann, dessen ewige Jugend den Schöpfer und damit auch uns bedenklich stimmt? Versuchen wir doch einmal, uns in den Patriarchen zu versetzen, in seine Lage, Traum und Alptraum zugleich. In ewig blühender Jugend durchschreitet er ein kinderloses Leben, seine einzige Pflicht ist die Verbreitung seiner Botschaft. Seine Gattin ist eine stattliche Frau ohne Alter und ohne Gebärmutter, unvergänglich jung, in einer endlosen Zeitschleife gefangen. Zu dieser Zeit kann Abraham nur eine spirituelle und symbolische Nachkommenschaft vorweisen, nämlich die Menschen, denen er begegnet und die er für den Alleinigen Gott sensibilisiert. Sie sind seine ersten Konvertiten, die »Kinder Gottes« gewissermaßen. Sein Zelt ist nach allen Seiten offen, seine Freigiebigkeit sprichwörtlich. Aber muss eine solche Hingabe nicht Verdacht erregen? Kann höchster Altruismus nicht auch fehlende Empathie, einen gewissen Egoismus bedeuten? Wenn man den Anderen im Allgemeinen so innig lieben, ihm so hingebungsvoll dienen will, vergisst man darüber nicht das spezifisch Menschliche, vor allem die Schwäche, Komplexität, die Widersprüche? Ist Großzügigkeit womöglich Schwester oder Kehrseite des Hochmuts? Solange man geben kann, kann man produktiv sein, und solange man produktiv sein kann, ist man nicht abhängig, sondern allmächtig. Wenn Abraham die Verheerungen der vergehenden Zeit ignoriert, sieht er sich mit einem existentiellen Problem konfrontiert. Seine Jugend klebt an ihm fest. Er will nicht altern, denn damit würde er seine Überlegenheit verlieren, er müsste die Entsagung lernen. Er müsste von seinem Sockel herabsteigen und den anderen, die nächste Generation, leben, experimentieren und scheitern lassen, damit sie an seiner Stelle aktiv werden und ihre eigenen Spuren hinterlassen kann.

Aber das Problem ist ja gerade der andere, besonders, wenn es sich dabei um den eigenen Sohn handelt. Nachkommenschaft und Fortpflanzung sowie die damit verbundene Autonomie kann es nur geben, wenn irgendwann der Alterungsprozess akzeptiert wird, und Altern ist bekanntlich ein kleiner Abschied. Wir gehen bei der dahinströmenden und uns verändernden Zeit in die Lehre, während unser von uns selbst errichtetes Reich zerbröckelt und ein Teil von uns sogar zum Vergessen verurteilt wird. Abraham dagegen wird erst zu einer Zeit zeugungsfähig, als andere sich bereits auf den Tod vorbereiten. Allerdings bringt seine veränderte Situation ihm nicht die erhoffte Befriedigung. Vielmehr findet er sich in einem neuen Dilemma. Er hat immer mit seiner Einsamkeit gelebt, und jetzt empfindet er seine Kinder Ismael und Isaak als Fremde, denen er nichts schuldig zu sein glaubt. Der künftige Stammvater hat unendlich lange auf Nachwuchs gewartet, und nun entpuppt er sich als miserabler Vater. Wie kann man Vater sein, wenn man so alt ist wie sein eigener Ahnherr?

Zu seiner Entlastung ist zu sagen, dass Abraham nur reproduzieren kann, was er selbst als Kind erlebt hat. Aus geschlagenen Kindern werden häufig prügelnde Väter, und die Vaterschaft bringt schmerzhafte Kindheitserlebnisse ans Licht. Abrahams Vater Terach war ebenfalls bizarr und undurchsichtig; sein Name leitet sich von dem Wort für »Sturm, Wirren« ab. Auch er ist mit dem Virus der ewigen Jugend infiziert. Er zeugt Abraham mit 70 Jahren, recht spät also, während seine Vorfahren sich vor dem 30. Lebensjahr fortpflanzten. War Gott anderweitig beschäftigt? Zögert er schon hier? Im Übrigen wird Abram, der noch nicht Abraham heißt, bei seiner Geburt von Nimrod, dem blutrünstigen paranoiden Herrscher über Babylon, zum Tode verurteilt. Die Astronomen, Herrscher über den Himmel, haben in der Niederkunft eine potentielle Drohung entdeckt: Dieses mesopotamische Neugeborene wird Nimrod ersetzen und jede Spur von ihm und selbst seinen Namen aus der Geschichte tilgen. Ist Terach ein Freud'scher Vater avant la lettre? Er erkennt die Gefahr und tauscht Abram listig gegen den Sohn einer Sklavin aus. So steht schon der Akt seiner Geburt im Zeichen von Blut und Opfer. An Abrams Stelle wird der Sohn der Sklavin sterben. Abram flieht mit seiner Mutter und verbringt seine frühe Kindheit in einem Höhlenversteck.

Derselbe Vater mit seiner dunklen Seite wird ihn später verraten, denn er droht Abraham mit der Auslieferung an Nimrod, weil er sich nicht politisch korrekt verhält und deshalb gefährlich wird. Daraufhin fordert der Sohn den Vater heraus. Treue und Loyalität zum König sind stärker als Treue und Loyalität zum eigenen Blut. Gott wird beweisen, wie gering sein Interesse und Respekt für Terach sind, indem er ihn indirekt für die Gluthitze in Ur und damit für den Tod von dessen zweitem Sohn Haran verantwortlich macht. Terach ist vom Idealbild eines perfekten Vaters weit entfernt. Wie der Vater, so der Sohn. Der betagte Abraham muss alles über das Dasein als Vater erlernen. Während den Müttern die Mütterlichkeit in die Wiege gelegt wird, müssen die Väter sich die Väterlichkeit erkämpfen.

In seiner Moral irrt Abraham umher wie in einer öden Landschaft. Zunächst akzeptiert er Saras Verdikt und schickt die Leihmutter Hagar, deren Reizen er erlegen war, mit dem gemeinsamen Sohn Ismael in die Wüste. Er gibt ihnen einen Krug Wasser und einen Laib Brot mit, in dem Wissen, dass er sie dem sicheren Tod ausliefert. Er nimmt in Kauf, Geliebte und Sohn auf einmal zu verlieren. Gewiss entsprechen Gottes und Saras Wille einander – und kann man sich gegen die Anordnung des Herrn sperren, wenn sie mit den eigenen Interessen und den Forderungen der politischen Verbündeten übereinstimmt? Überraschend ist auf jeden Fall, dass Abraham nicht verhandelt, sich nicht widersetzt. Wie damals sein Vater opfert er den »Sohn der Sklavin«, nur dass der Sklave in diesem Fall sein eigener Sohn ist. Welchen unbewussten Plan führt Abraham aus? Will er allein bleiben, ohne Nachkommen, ewig jung und einmalig? Fehlt es ihm an Mitgefühl? Oder hofft er darauf, dass schweigende Selbstverstümmelung ihm intensivere Befriedigung schenkt als Freiheit des Geistes und Ruhe des Alltags? Vielleicht versteht und akzeptiert er die Eifersucht, die seine Halbnichte Sara mit ihrer problembeladenen Liebe gegenüber der schönen Sklavin empfindet, der Legende nach eine Tochter des ägyptischen Pharaos. Zwar wird Gott Mutter und Kind zu Hilfe kommen, doch durch diese ontologische Geste sät er die Zwietracht zwischen die Nachkommenschaft von Sara und von Hagar. Aus der Eifersucht zweier Frauen und der Herzlosigkeit eines Vaters entwickelt sich – wenngleich die Vergangenheit vermutlich neu geschrieben wurde, um die Gegenwart zu erklären – ein Antagonismus, an dessen Folgen wir immer noch tragen. In einem ausweglos erscheinenden Konflikt steht Ismael bis heute gegen Israel.

Durch seine Entscheidung erweist Abraham sich als Erwachsener, denn er überwindet das Peter-Pan-Syndrom, bei dem alles schön und leicht ist und Konflikte nicht mehr Bedeutung haben als ein Streit zwischen Kindern. Gott dankt ihm, indem er ihm Isaak schenkt, den märchenhaften Sohn, doch paradoxerweise eskaliert Abrahams Fall gerade durch ihn: Abraham wird von der Zeit eingeholt. Er fühlt, dass die Ankunft dieses Sohnes ihn womöglich in das Alter, ja sogar in das Greisenalter zu katapultieren droht. Schon fragen die klatschsüchtigen Händler sich, wie derart betagte und in Liebesdingen derart unbeholfene Eltern zu einem so unerwarteten Kind kommen konnten. Von wem ist es in Wirklichkeit? Darf er Isaak, dessen Namen »lachen« bedeutet, am Leben lassen, wo dieser doch so viel Glück und Freude beziehungsweise Spott und Skepsis hervorruft? Um die bösen Zungen zum Schweigen zu bringen, hat Gott es so eingerichtet, dass Isaak seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten ist, wenn man dem Midrasch glauben darf, der moralisch gefärbten Geschichtensammlung mythischen Ursprungs. Aber genügt das, um die Lästermäuler zum Schweigen zu bringen?

Angesichts der bevorstehenden Übergabe und des Verfalls seines Reichs weiß Abraham nicht, was er mit diesem Sohn, Nachfolger und Erbe, anfangen soll, der ihn zum alten Mann macht und an den Rand drängt. Wie alle Frauen der Genesis ist Sara sich dessen bewusst. Ihr ist klar, dass ihr Sohn, »der Mann, der lacht«, unbeeindruckt von der Ironie seiner eigenen Existenz als Bindeglied zum künftigen Großen Volk das Versprechen weitertragen wird. Abraham dagegen ist blind, wie später auch sein Sohn Isaak.

Abraham, der Vater, spricht nicht mit seinem Sohn, er gibt ihm nichts mit, da er fürchtet, dem Sohn weichen zu müssen. So maßt er sich dessen Rolle an. Was taugt ein Vater, der sich der Abfolge der Generationen ebenso verweigert wie der Überlieferung der Botschaft, die nicht wortwörtlich übernommen, sondern von anderen abgewandelt wird? Als guter Kenner des menschlichen Unbewussten setzt Gott alles auf eine Karte und beschließt eine brutale Therapie. Er fordert Abraham auf, mit Isaak auf einen Berg zu steigen, künftig Morija genannt, auf dem sich viel später einmal der Tempel von Jerusalem und die Omar-Moschee erheben werden. Abraham erkennt, dass er seinen Sohn töten muss; damit geht er womöglich über den Befehl des Herrn hinaus. Wenn die Verordnung nicht klar ist, versteht der Patient sie manchmal falsch. Auch hier kein Wort, kein Zeichen der Revolte. Man kann sich vorstellen, welchen Tumult Gottes Wort im Kopf des ewigen jungen Mannes auslöst: »Weil du nicht alt werden willst, wirst du deinen Nachkommen töten.« Nichts deutet darauf, dass Gott aus einem eventuell sadistischen Beweggrund blufft. Weil die Relation zwischen seinem Projekt und seinem Diener so unbefriedigend ist, will er einen Schlussstrich ziehen. Die Lektion – oder die Umstände – führen jedoch zum Erfolg. Unterwegs, o Wunder, kommen Vater und Sohn ins Gespräch, sie werden sich ihrer Blutsbande bewusst. Das Eis ist gebrochen, doch das Spiel scheint aus zu sein. Es ist zu spät, das Holz für das Brandopfer muss geschnitten, der Sohn auf dem Holzstoß festgebunden werden. Ein weiteres Beziehungsrätsel tut sich vor uns auf: Warum wehrt Isaak sich nicht? Schließlich geht es um ihn, wenn Gott mit Abraham spricht. Ist er suizidal? Ist er schwach? Komplexbeladen? Hat er kein Recht auf Leben? Sieht auch er selbst seine wundersame Geburt als widernatürlich an? Ist sein Leben nur ein Provisorium, ein inhaltsleeres Projekt wie bei Abel, dem stummen Bruder Kains? Auch ihm stellt diese Szene eine Aufgabe. Wenn er davonkommt, muss er etwas mit seinem Leben anfangen, muss sich vom Rockzipfel der Mutter und aus der Umklammerung des übermächtigen Vaters lösen. Isaak wird das Reich der Kindheit und der Unschuld verlassen müssen, er wird erkennen, dass seine Eltern aus einer anderen Zeit stammen und dass er ihrem Urteil nicht unbedingt trauen sollte. Ein Engel wird dem Vater in den Arm fallen. Engel setzen sich für die Begnadigung ein. Abraham muss seinen Platz in der Kette der Generationen einnehmen. Ein Widder, Symbol für den Vater, hat sich im Gestrüpp verfangen und erlaubt es Abraham, ein Ersatzopfer darzubringen – denn der furchtbare Tag muss mit einem Tod enden, und deshalb wird symbolisch der Vater getötet, nicht der Sohn.

Sara jedoch glaubt ihren Sohn geopfert und stirbt an diesem verhängnisvollen Tag vor Kummer. Die Geschichte braucht die »sehende Mutter« nicht mehr. Abraham hat jetzt verstanden. Er ist alt. Er hat die Stafette weitergegeben. Das Leben hat ihn quasi verlassen, denn er hat sein Schicksal erfüllt. Er läuft Gefahr, zum Toten auf Abruf zu werden, ein Lebender a. D., der zugrunde geht, bis ihn am Ende der Tod holt.

Aber Abraham gibt nicht völlig auf. Mit aller Kraft kämpft er gegen die Zerstückelung und den Niedergang des Reiches, des aktiven Lebens unter anderen Menschen. Ein Leben darf weder der Herrschaft anderer unterliegen noch bereits festgelegt oder vorhersehbar sein. Isaak wird nach seiner Begnadigung immer ein wenig passiv bleiben. Sein Vater beauftragt den treuen Diener Elieser, unter den Nachkommen seines in der nahe der babylonisch-syrischen Grenze gelegenen Stadt Kharan gebliebenen Bruders eine Frau für Isaak zu suchen.

Nach dem Tod seiner Frau taucht er selbst kaum noch in der Bibel auf. Immerhin schafft er es, einen Abgang à la Hollywood hinzulegen: Nachdem er um Sara geweint hat, heiratet er eine Frau namens Keturah. Laut Exegese ist die rätselhafte Keturah niemand anders als die schöne Hagar. Abrahams Herz ist seiner Sklavenprinzessin all die Jahre treu geblieben. Diese reife, aber noch gebärfähige Frau wird ihm vier weitere Kinder schenken, darunter den berühmten Midian, dessen Stamm Jahrhunderte später Moses auf der Flucht aus Ägypten aufnehmen wird. Vehement verweigert Abraham sich dem Alter, und sein Herz klopft auch weiter im Rhythmus der Liebe und einer Vergangenheit, die er nicht sterben lassen will. Eine Art ewige Jugend! Und die Moral der Geschichte: Die Patriarchen werden zwar alt, aber können sie deshalb als Modell für gutes Altern dienen? Die Frage bleibt noch zu beantworten. 

 

Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke