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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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GOLDMANN
ARKANA

Für meine Kinder,
Ihre Kinder und deren Kinder

Einleitung
Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich mit meinem Latein am Ende war. Ich hatte Stunde um Stunde in meiner psychotherapeutischen Praxis zugebracht, voller Mitgefühl mit besorgten Eltern, die es beunruhigte, dass es ihren Kindern – Teenager und älter – an gesundem Menschenverstand und an Einfühlungsvermögen für andere mangelte, und viele weitere Stunden mit gebildeten Erwachsenen in den Zwanzigern und Dreißigern, die mit ihrem attraktiven Leben bereits unzufrieden waren, und noch weitere Stunden mit jungen Müttern, die für sich und ihre Kinder unerreichbare Ideale aufstellten. Eines Tages hakte etwas in mir aus. »Es reicht!«
Ich hatte jedes Buch über das Idealisieren und Verwöhnen unserer Kinder gelesen, das es gab. Doch all dieser Lektüre zum Trotz konnte ich keinen Ansatz finden, der es mir oder meinen Klienten erlaubte, aus dem zementierten Denken auszusteigen, in dem wir festsa ßen. Es fühlte sich an, als hätten wir Klebstoff unter den Füßen. Dieses zementierte Denken ist die in unserer Kultur vorherrschende Einstellung, dass jeder etwas Besonderes ist, zum Erfolg geboren und potenziell großartig.1 Innerhalb dieses zementierten Denkens glauben wir, jeder habe etwas Außergewöhnliches zum Leben beizutragen und es sei blamabel, ein ganz gewöhnlicher Mensch zu sein. Diese Einstellung fordert Eltern und Kindern viel ab und sorgt für eine übermä ßige Selbstbezogenheit und das unerbittliche Verlangen, zu den Besten zu gehören und das Beste zu haben. Und auch wenn Erziehungsexperten das, was sich innerhalb dieses zementierten Denkens abspielt, kritisch untersucht haben, waren wir bislang nicht imstande, es zu verlassen. Auszusteigen tut sehr weh, wenn wir es uns persönlich ankreiden, überhaupt da rin festzustecken, oder keine andere Alternative sehen, glücklich und selbstbewusst zu sein.
In den 70er- und 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts starteten Lehrer und Eltern eine Kampagne, um etwas gegen den geringen Selbstwert unserer Jugendlichen zu unternehmen.2 In der Hoffnung, die Kreativität und den Selbstausdruck der Kinder zu stärken, entstand durch diese schulische und gesellschaftliche Be wegung ungewollt das, was ich die »Selbstwertfalle« nenne: unrealistische Fantasien von Leistung, Reichtum, Macht und Berühmtheit. Wenn sich diese Erwartungen im Erwachsenendasein – zwangsläufig – nicht erfüllen, resultiert daraus eine negative Selbsteinschätzung. Und die Falle einer negativen Selbsteinschätzung kann man nicht mit noch stärkerer Konzentration auf das eigene Selbst entschärfen oder umgehen. Es gibt bereits ein paar gute Bücher zu diesem Thema; einige basieren auf Analysen und andere auf klinischen Beobachtungen. 3 Sie beschreiben ein und dasselbe Prob lem, obwohl sie es verschieden benennen. Und doch hat niemand die Ursachen des Problems aufgedeckt oder die Lösung gefunden. Zwanghafte Selbstbezogenheit, rastlose Unzufriedenheit, der Druck, außergewöhnlich zu sein, die Weigerung, erwachsen zu werden, Gefühle der Über- (oder Unter-)legenheit und übermäßige Versagensangst sind die Leitsymptome des Problems, die die Betroffenen und die, die sie beobachten – Therapeuten, Pädagogen, Eltern und Groß eltern – schildern.
Ich könnte mit Etiketten wie »Narzissmus« und »Anspruchshaltung« hantieren, aber ich halte sie für beleidigend, besonders wenn sie als Urteil, Diagnose oder Anklage verwendet werden.4 Statt zu etikettieren, möchte ich, dass wir uns aus dieser gefährlichen Falle befreien und uns und andere nicht weiter anklagen. Deshalb habe ich mich entschieden, selbst ein Buch darüber zu schreiben. Ich habe schon viele Bücher geschrieben und viele Vorträge vor Laien und Fachleuten über die Entwicklung im Kindes- und Erwachsenenalter gehalten. Bücher zu schreiben hilft mir zu verstehen, was ich nicht verstehe.
Ich glaubte, für dieses Buch das nötige Rüstzeug mitzubringen. Seit über zwanzig Jahren bin ich als Jung’ sche Analytikerin, Psychologin und Psychotherapeutin tätig.5 Innerhalb der breiteren Fachrichtung der Psychoanalyse bin ich auch gut vertraut mit einem Spezialgebiet, das »Ichpsychologie« genannt wird und sich mit den Wunden befasst, die entstehen, wenn wir von unseren Eltern übermäßig idealisiert oder herabgesetzt wurden. Mein Forschungsgegenstand und mein akademischer Hintergrund ist die Entwicklungspsycho logie, und ich lehre und forsche eingehend über die Entwicklung in Kindheit und Jugend.
Aber die Arbeit an diesem Projekt erwies sich als viel schwieriger, als ich gedacht hätte. Ich bin auf große Empfindlichkeiten und schmerzliche Missverständnisse auf allen Seiten der Selbstwertfalle gestoßen. Ers tens möchte niemand die Schuld zugeschoben bekommen, und alle fürchten, genau das würde geschehen. Eltern möchten nicht hören, dass ein Kind, das sie lieben, infolge ihrer Erziehung unglücklich ist. Zweitens sind sich Eltern und erwachsene Kinder uneins darüber, inwieweit es heutzutage schwieriger ist, erwachsen zu werden als früher. Drittens beginnen wir erst jetzt zu verstehen, wie lange (bis Mitte zwanzig) der Reifungsprozess des menschlichen Gehirns dauert und wie lange junge Menschen demzufolge zur Meisterung jener Fähigkeiten brauchen, die notwendig sind, um autonom zu sein – um vernünftige Entscheidungen für ihr Leben treffen zu können. Weit über die Jahre der frühen Kindheit hinaus entwickeln Teenager und junge Erwach sene immer noch ihre Identität und Werte, wenn man die Entwicklung schon lange für abgeschlossen halten könnte.6 Und schließlich stellt jeder beim Thema des Ichs die Stacheln auf. Bei der Arbeit an diesem Buch habe ich gelernt, ein Gespräch darüber bei Dinner partys zu vermeiden. Schon die bloße Erwähnung schien Menschen unangenehm zu berühren. Es ist, als würden wir alle fürchten, in die Selbstwertfalle zu gehen – leicht reizbar und allzu egoistisch zu sein. All dies machte deutlich, dass ich bei der Behandlung des Problems den richtigen Ton treffen musste. Ich habe viel Suchen, Mühen und Nachdenken darauf verwendet, und sicherlich ist es mir nicht immer gelungen.
Sollte ich Sie also bisweilen kränken, verzeihen Sie mir bitte. Ich möchte ehrlich aussprechen, was mir als Fachfrau und Mensch auffällt. Als Mutter und Großmutter, die ich selber bin, habe ich tiefes Mitgefühl mit dem Leiden aller Beteiligten bei diesem Problem. Aber das Risiko ist groß, wenn wir über das Selbst sprechen.
Kurz nachdem ich zu schreiben begann, wurde mir klar, dass ich es mit einem umfassenden Phänomen unserer Kultur zu tun hatte, nicht nur mit einem psychologischen Problem oder einer Schwierigkeit, die nur bestimmte Erziehungsstile oder Familien betraf. Als Mutter und Erzieherin begann ich irgendwann in den 1980er-Jahren einen Wandel in den gesellschaftlichen Idealen für unsere Kinder wahrzunehmen, aber ich war mir damals nicht sicher, womit ich es zu tun hatte. Ich fragte mich, ob die Rastlosigkeit, die Egozentrik und der Zynismus, die mir bei Jugendlichen und Kindern auffielen, daher kamen, dass die »traditionelle« Erziehung, mit der ich aufgewachsen war, im Verschwinden begriffen war – eine Erziehung, in der die Grenzen zwischen den Generationen klar gezogen wurden und es immer ein Machtgefälle gab. Viele meiner Kollegen (Experten in klinischer Psychologie) behaupteten, diese Veränderungen seien eher das Resultat eines »Aufmerksamkeitsdefizits«: Junge Leute könnten nicht mehr still sitzen und den Vorgängen in ihrer Umgebung Aufmerksamkeit schenken, weil sie auf immer kürzere Aufmerksamkeitsspannen konditioniert seien.7 Wo ich einen Mangel an Manieren und Respekt für Ältere sah, sahen andere eine biologische Störung oder die weit verbreiteten Wirkungen von Fernsehen, Computerspielen, Popmusik und anderen Aspekten der Jugendkultur. Ich war meiner Sache nicht sicher.
Zu meiner Freude bin ich unlängst auf eine maßgebliche Forschungsarbeit gestoßen, die von der Psychologin Jean M. Twenge stammt und für eine willkommene Klarheit sorgt. Ihre Studie zeigt schlüssig, dass ein epochaler kultureller Wandel in dem stattgefunden hat, was wir unseren Kindern beibringen und von ihnen erwarten. Die Menschen, die zwischen den frühen 1970ern und den ersten Jahren des neuen Jahrtausends zur Welt gekommen sind – heutige Erwachsene in ihren Dreißigern bis hin zu Grundschulkindern und Kleinkin dern -, wurden sämtlich von diesem Wandel geprägt. In ihrem Fazit aus einer umfassenden Mehrgenerationen-Untersuchung von 1,3 Millionen Amerikanern sagt Twenge: »Geboren, nachdem Selbstbezogenheit zu einem Bestandteil des kulturellen Mainstreams wurde, hat diese Generation nie eine Welt kennengelernt, in der Pflichterfüllung Vorrang vor dem Ich hatte.«8 Sie tauft diese Generation »Generation Ich«. Ich werde ihren Begriff – »Generation Ich« – im gesamten Buch verwenden und wie Twenge darunter jene Altersgruppen zusammenfassen, die gewöhnlich als »Generation X« (Menschen, die in den späten 60ern und den 70ern geboren sind), »Generation Y« (in den 80er- und 90er-Jahren Geborene) und »Generation Millennium« (im neuen Jahrtausend Geborene) bezeichnet werden.9 Sie weist nach, dass diese sehr unterschiedlichen Altersgruppen von einer zentralen Ideologie geprägt sind.
Kinder der Generation Ich haben vor allem zu hören bekommen, dass sie einzigartige Individuen sind und Begabungen und Stärken besitzen, die nur ihnen eigen sind: Sie sind »besonders«. Menschen ihrer Generation haben oft den Eindruck, dass die »Chancen«, die ihnen angeblich offenstehen, in Wirklichkeit Forderungen sind, außergewöhnlich kreativ und erfolgreich zu sein. Während es bei oberflächlicher Betrachtung den Anschein haben kann, dass größere Chancen und Vorteile sich automatisch in höherem Selbstvertrauen und grö ßerer Autonomie niederschlagen müssten, erweist sich traurigerweise oft das Gegenteil als wahr. Problematisch an der Besonderheit ist, dass sie ein Steckenbleiben in der Selbstwertfalle fördert: eine übermäßige Befangenheit, Isolation und erbarmungslose Selbstkritik. Die beunruhigendsten Auswirkungen dieser Falle sind das Auftreten von Depression und Ängstlichkeit, wenn man nicht imstande ist, »den eigenen Traum zu leben«.
Was heißt es eigentlich, besonders zu sein oder sich besonders zu fühlen? Ganz wörtlich bedeutet der Begriff »außergewöhnlich«, »hervorragend«, »den Durchschnitt weit übertreffend«. »Besonders« wird oft mit seinem Pendant »einzigartig« verwechselt. »Einzig artig« bedeutet, wie der Name schon sagt, »einzig in seiner Art«. Man kann daher gar nicht sagen, jemand sei einzigartiger als jemand anders, denn etwas, was einzig in seiner Art ist, kann man nicht mit etwas anderem vergleichen. Wenn jeder einzigartig ist, ist das das Ende der Geschichte: Einzigartigkeit wird zum Nor malfall. Aber die Aussage: »Du bist so besonders!«, be inhaltet, dass jemand herausragt und sich vom Durchschnitt abhebt. In einer Gesellschaft wie der unseren, die Individualität und Konkurrenz bereits betont, kann das Etikett »besonders« eine Zentnerlast auf unseren Schultern sein, ein unnötiges Extragewicht.
Als ich in den 1980ern zum ersten Mal den Wandel in unserem gesellschaftlichen Befinden wahrnahm, las ich eine wegweisende Studie, die ich beim Schreiben dieses Buches gedanklich im Hinterkopf hatte. Sie erschien 1985 unter dem Titel Habits of the Heart: Individualism and Commitment in American Life (»Gewohnheiten des Herzens: Individualismus und Engagement im amerikanischen Leben«). Als breit angelegte soziologische Analyse mit Beiträgen vieler Autoren mahnte Habits of the Heart, dass wir mit unserer starken Betonung des Individualismus in die Irre gehen könnten:
Wir finden nicht unabhängig von anderen Menschen und Institutionen zu uns selbst, sondern nur durch sie. Wir gelangen niemals eigenständig auf den Grund unserer selbst. Wir entdecken, wer wir sind, von Angesicht zu Angesicht und Seite an Seite mit anderen Menschen, während wir arbeiten, lieben und lernen. Unsere gesamte Aktivität findet in Beziehungen, Gruppen, Verbänden und Gemeinschaften statt, geregelt durch institutionelle Strukturen und interpretiert mithilfe von gesellschaftlichen Sinnmustern. Unser Individualismus selbst ist ein solches Muster.10
Diese Studie zeigt, dass viele Wissenschaftler bereits in den 1980ern angestrengt über das Problem des be sonderen Selbst nachdachten, zu einer Zeit, als Eltern und Erzieher es noch bei Kindern förderten. Statt unseren Kindern Gemeinsinn beizubringen, lehrten wir sie, sich auf ihre eigenen Leistungen und Erfolgserwartungen zu konzentrieren. Wir haben uns endlose Sorgen um ihren Selbstwert und ihre Selbstachtung gemacht. Warum?
Dieses Buch liefert die bestmögliche Antwort, die ich geben kann. Ich gebe sie im Geiste des Dialogs mit meinen Lesern. Ich glaube, ich kenne das Leiden heutiger Eltern und junger Leute bereits, und ich möchte nicht zu jemandes Elend beitragen. Ein Einstellungswandel ist meiner Meinung nach der Schlüssel, um uns aus der Selbstwertfalle zu befreien und die Bürde des besonderen Selbst fallen zu lassen. Ohne uns oder andere zu beschuldigen, sollten wir der Tatsache ins Auge blicken, dass wir uns alle zusammen in diesem zementierten Denken verfangen haben. Das Problem des besonderen Selbst ist nicht die Schuld einzelner Eltern, Kinder, Heranwachsender oder Erwachsener. Es ist ein Fehler, den eine ganze Generation unwissentlich und aus ihrer eigenen Bedürftigkeit heraus begangen hat. In diesem Buch verfolge ich die Ursachen der Selbstwertfalle bis in die Kindheit der geburtenstarken Jahrgänge oder der »Babyboomer« (meiner eigenen Generation) zurück, um mich anschließend mit der Lösung zu befassen.
Ich stütze mich dabei auf meine jahrzehntelange Praxis als Psychotherapeutin, auf meine Kenntnis der menschlichen Entwicklung, meine persönliche Erfahrung als Mutter und Mensch und viele Theorien aus der zeitgenössischen Psychologie. Ich stütze mich auch auf verschiedene religiöse Traditionen, vor allem auf den Buddhismus, den ich seit 1971 studiere und praktiziere. Der Buddhismus stellt unsere westliche Ichpsychologie auf den Kopf und bietet eine völlig neue Sicht, wonach unsere Interdependenz – das wechselseitige Geben und Nehmen – die Grundlage des Selbstvertrauens und Glücks bildet. Im Zentrum seiner Lehren über den Alltag steht die weise Aussage, dass wir sehr stark daran leiden, uns selbst zu ernst zu nehmen und zu glauben, dass Leistungen, Reichtum, Macht oder Berühmtheit uns dauerhafte Befriedigung und Sinn bescheren.11 Zusätzlich zu Psychologie und Religion wurde der vorliegende Ansatz entscheidend von den umfangreichen Interviews und Recherchen geprägt, die ich für dieses Buch durchgeführt habe. Insbesondere aus diesen Interviews habe ich einige Hypothesen über Sie, meine Leserinnen und Leser, abgeleitet.

Einige Hypothesen über Sie

Ich gehe davon aus, dass Ihnen die Selbstwertfalle Sorgen macht – aufgrund Ihrer eigenen Kindheit, als Eltern, die ihren Kindern die optimale Erziehung geben wollen, als Pädagogen, Angestellte oder Manager, die mit jungen Menschen arbeiten, oder als Therapeuten, die sich genauso ratlos fühlen, wie ich mich fühlte. Ich habe bereits erwähnt, dass wir alle die Stacheln aufstellen, wenn wir anfangen, über das Ich zu sprechen. Wir wollen wissen: »Wessen Ich meinen Sie?« und »Was können Sie denn über mich als Individuum aussagen, ohne mich zu kennen?« Ich möchte behaupten, dass wir unsere Identität ein Stück weit miteinander teilen und uns einen großen Dienst damit erweisen, wenn wir uns bewusst machen, was unsere Kultur oder Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt darüber sagt, was es heißt, ein Mensch und Erwachsener zu sein. Die Annahmen und Erwartungen bezüglich unserer Identität haben sich gerade in der jüngsten Geschichte erheblich geändert, und sie spielen eine große Rolle im Hinblick darauf, wie wir uns als Individuen fühlen.
Davon wird im vorliegenden Buch die Rede sein. An dieser Stelle möchte ich lediglich ein paar weitere Themen im Zusammenhang mit Selbstwert und Besonderheit erwähnen. Zum Beispiel wissen wir aus Forschung und Erfahrung, dass bei Mädchen oft Aussehen und Leistung die Kriterien bilden, um als besonders zu gelten. 12 Bei Jungen sind es Sportlichkeit und Macht (aufgrund von Erfolgen oder intellektueller Überlegenheit). 13 In gewisser Weise haben wir unterschiedliche Werte für das, was geschlechtsspezifisch als besonders gilt. Auch wenn es nützlich ist zu verstehen, wie die Geschlechtszugehörigkeit unsere Selbsteinschätzung beeinflusst, ist dies kein Thema, das ich hier vertiefen werde. Es war das Thema mehrerer meiner früheren Bücher, darunter auch des letzten, Frauen und Verlangen. 14 Der komplexe Zusammenhang von Geschlechtszugehörigkeit und Besonderheit würde mich zu sehr von dem Weg abbringen, den ich in diesem Buch einschlagen möchte, indem ich eine neue Denkweise über Selbstwert und Selbstvertrauen darstelle.
Ebenso spielt die soziale Schicht eine Rolle, wenn man die Schwierigkeiten des Besondersseins erörtert. Kindliche Leistungen und Erfolge übertrieben zu fördern und zu loben gilt bei vielen Fachleuten hauptsächlich als Produkt der Mittelschicht- oder Ober schichterziehung.15 Als ich mit diesem Buch begann, dachte ich auch in diese Richtung. Es gibt die These, wonach Eltern aus der Arbeiterschicht die Grenzen zwischen den Generationen betonen und größeren Respekt fordern und ihre Kinder damit möglicherweise sogar ins Hintertreffen bringen, wenn es darum geht, selbstsicher zu sein oder das zu bekommen, was sie haben wollen. Im Laufe meiner Recherchen und meiner Arbeit am vorliegenden Buch bin ich zu dem Schluss gekommen, dass wir keine strengen schichtenbezogenen Grenzen um die Selbstwertfalle und die heutzutage vorherrschende Betonung, zum Erfolg geboren zu sein, ziehen können. Meiner Ansicht nach sind alle Kinder und Erwachsenen davon betroffen, unabhängig von ihrer sozialen Schicht, weil diese Betonung weithin die Identität und Werte Erwachsener bestimmt. In den Medien, den Schulen und der Werbung wird das Ideal, außergewöhnlich und besonders zu sein, auf eine Art und Weise hervorgehoben, die sich auf uns alle auswirkt im Hinblick darauf, wie wir von uns denken.
Ich versichere Ihnen, meine Leserinnen und Leser, dass ich ausgiebig über Ihre sensiblen Punkte, Ängste und Schmerzen im Zusammenhang mit der Selbstwertfalle nachgedacht habe. Doch um ein Buch zu schreiben, das Sie, wie ich hoffe, mühelos und rasch lesen können, musste ich einen Schwerpunkt setzen. Mir ist durchaus bewusst, dass mein Ansatz nicht immer erschöpfend ist oder konkret auf jedermanns Situation zutrifft. Neben dem Thema der Geschlechtszugehörigkeit gibt es weitere Themen, die ich im vorliegenden Buch ausgespart habe, nämlich Missbrauch, Vernachlässigung und Trauma. Wenn Sie als Kind oder Erwachsener ein Trauma erlitten haben, klingen einige meiner allgemeineren Aussagen vielleicht abstoßend oder unpassend. Ich bitte um Ihre Nachsicht. Ich konzentriere mich hier auf ein spezielles und weit verbreitetes Phänomen: Wie es sich auswirkt, besondere Be gabungen, individuelle Leistung und hohe Ansprüche in den Vordergrund zu rücken, als hätte jeder das Zeug dazu, außergewöhnlich zu sein. In manchen Fällen bin ich über die Feinheiten dieses Problems hinwegge gangen, um das zentrale Thema so klar wie möglich herausarbeiten zu können.

Meine Recherchen und Interviews

Schon bald nachdem ich mit den Recherchen für dieses Buch begonnen hatte, beschloss ich, für die Darstellung der Selbstwertfalle prinzipiell nicht auf meine eigenen psychotherapeutischen Klienten zurückzugreifen. Da das Thema allerhand sensible Punkte berührt und schnell zu Befangenheit führt, wollte ich nicht meine eigenen Klienten auf die »Bühne« stellen, auch nicht unter Wahrung der Anonymität. Letztlich habe ich nur ein paar Beispiele aus meiner eigenen klinischen Arbeit und ein ausführliches Beispiel von einem jungen Mann genommen, der bei jemand anderem in Therapie war.
Stattdessen beschloss ich, eine Vielzahl unterschiedlichster Menschen zu interviewen. Ich habe mit jungen Erwachsenen in den Zwanzigern und Dreißigern gesprochen, die in der Generation Ich aufgewachsen sind, um etwas über ihr Leben und darüber zu erfahren, wie es war, mit der Forderung nach Besonderheit groß zu werden. Ich habe mich auch mit Pädagogen, Schulpolizisten, Sozialarbeitern, Schulberatern und anderen Fachleuten aus dem therapeutischen Bereich unterhalten, die mit Familien, Kindern, Heranwachsen den und jungen Erwachsenen zu tun haben in einem Umfeld, in dem die Auswirkungen des besonderen Selbst tagtäglich spürbar sind. Ich stellte Fragen zu der Lern-, Liebes- und Arbeitseinstellung und den damit einhergehenden Beziehungen. Obwohl ich einen allgemeinen Fragekatalog hatte, folgte ich dem Gesprächs faden, der sich spontan zwischen mir und meinen Gesprächspartnern entspann. Ich ließ ihnen meine Fragen vor dem Gespräch zukommen, und wir griffen auf sie zurück, wenn wir zu stark vom Thema abwichen.
Ich habe alles verwendet, was ich in jahrelangen Recherchen zusammengetragen habe, einiges ganz explizit und anderes als impliziten Hintergrund. Die in diesem Buch wiedergegebenen Gespräche haben zwei Formen. Wenn nur der Vorname des Gesprächspartners genannt wird, handelt es sich um ein Pseudonym, und ich habe, um die Anonymität des Betreffenden zu wahren, seine Geschichte etwas abgewandelt und mit anderen Geschichten kombiniert. Bei anderen Gesprächen werden der volle Name (kein Pseudonym) und die Tätigkeit des Interviewpartners genannt. In allen Fällen handelt es sich um wörtliche Zitate, die von den Betreffenden genehmigt wurden. Neben Interviews habe ich auch eine anonyme Befragung von College-Studenten an drei Universitäten durchgeführt.
Da ich in Vermont lebe und arbeite, fand ein Großteil meiner Recherchen im Nordosten von Amerika statt. Ich habe mit Pädagogen und Fachleuten Kontakt aufgenommen und sie um die Namen von Menschen gebeten, die ich interviewen könnte. Überdies habe ich Menschen angerufen, von deren Arbeit ich gelesen oder gehört hatte. Freunde an anderen Orten stellten für mich ebenfalls Kontakte zu Fachleuten her. Auch einige meiner Gesprächspartner bat ich, mir andere Menschen zu empfehlen, die ich kontaktieren könnte. Die Beschränkung auf meine geografische Umgebung gab mir einige einzigartige Einsichten in die Selbstwertfalle. Vielen anderen Büchern, die ich zur Vorbereitung auf das vorliegende Buch gelesen hatte, lagen Recherchen in Städten oder Ballungsgebieten zu grunde, in denen Eltern und Kinder zu den Besten gehören wollen, was materielle Belohnungen und andere äußere Erfolgskennzeichen angeht (wie etwa Kinder in den elitärsten Schulen unterzubringen, angefangen von der Vorschule bis hin zu Harvard).
Vermont unterscheidet sich in einigen signifikanten Punkten von städtischen Regionen. Viele, die (wie ich) aus Ballungsgebieten abgewandert sind, haben sich in Vermont niedergelassen, weil sie ihr Leben verein fachen, der Natur näher kommen und sich nicht länger zwingen lassen wollten, nach den materialistischen Werten zu leben, von denen es in amerikanischen Städten und Vororten wimmelt. Viele Paare ließen sich hier in den 1970ern und 1980ern nieder, um ihre Kinder in einem Umfeld aufzuziehen, das ihre Unschuld schützen und humanistische Werte stärken sollte. Aber sosehr ich die Kultur meines Wahlbundesstaates auch liebe und schätze (ich lebe seit zwölf Jahren hier), habe ich sogar hier eine Art Besonderheit festgestellt: einen Perfektionismus in puncto Essen, Sport und Kreativität im Familienleben, der in die Falle führen kann zu glauben, man habe das Leben voll im Griff und könne alles »einfach richtig« machen. Perfektionismus ist ein Zustand, in dem unsere Ideale uns daran hindern, realistisch, flexibel und bescheiden zu sein. Beispielsweise herrschte in Vermont von den 1970ern bis in die 1990er-Jahre hinein die ziemlich weit verbreitete Anschauung, dass Kinder an sich vollständige Individuen seien, die bloß die richtige Ernährung, Unterstützung und Freiheit brauchten, um sich zu dem besonderen Selbst zu entfalten, das in ihnen von Geburt an angelegt war. Auch diese Denkweise kann Schwierigkeiten mit dem Besonderssein heraufbeschwören.
Als ich dieses Buches schrieb, habe ich mit verschie densten Menschen von unterschiedlicher Herkunft, Geschlechts-, Rassen- und Alterszugehörigkeit gesprochen. Die Selbstwertfalle drückt sich in vielen Formen und Stimmen aus. Ich bin sicher, Sie werden auf diesen Seiten auf eine Stimme stoßen, mit der Sie etwas anfangen können, ganz gleich, wie alt Sie sind oder wo Sie leben. Und wenn Sie mir Ihre eigenen Gedanken und Fragen zur Selbstwertfalle mitteilen möchten, besuchen Sie bitte meine Webseite unter und lassen Sie mich wissen, was Sie denken.

Eine neue Mitte finden

Ein gewisses Maß an Egoismus und Selbstbezogenheit sind notwendig, um unser Leben auf Kurs zu halten, ganz gleich, wie alt wir sind. Aber das Gefühl, in Scham, Beängstigung, Druck oder Konkurrenz festzustecken (und sei es auch nur gedanklich), ist ein Königsweg zum Elend. Wenn wir uns Sorgen um uns machen, wenn wir uns blamiert oder unvollkommen fühlen, fällt es uns schwer, uns zu entspannen, und noch schwerer, uns selbst so zu akzeptieren, wie wir sind. Die normalen Freuden und Genüsse des Lebens entgehen uns, und wir haben möglicherweise das Gefühl, um etwas Grundlegendes gebracht zu werden, selbst wenn unser Leben seinen Gang geht und wir alle Bequemlichkeiten haben, die wir brauchen. Das Prob lem mit der Besonderheit ist, dass sie uns häufig in eine negative Selbsteinschätzung abgleiten lässt.
Eltern und Kindern wurde etwas anderes vermittelt: nämlich dass besonders sein und sich besonders fühlen Glück und Selbstwert zur Folge haben. Auf ebenso bezeichnende wie traurige Weise hat es leider fast die gegenteilige Wirkung. Auf diesen Seiten bitte ich uns alle, eine Bestandsaufnahme von dem zu machen, was wir in Bezug auf uns und andere fühlen, und eine neue Art von Selbstvertrauen und Mitgefühl mit uns zu finden. Auf unserem gemeinsamen Menschsein und unserer Interdependenz gründend, ist es etwas, was wir »normal sein« nennen könnten. Wenn wir heranwachsen und uns entwickeln, kommen wir allmählich zu der Erkenntnis, dass unser Leben nicht einfach nur uns gehört, damit wir damit tun und lassen, was uns gefällt. Im Laufe unseres ganzen Lebens und besonders in der Kindheit werden wir von unzähligen anderen Menschen unterstützt und versorgt. Menschen und anderen Wesen die Geschenke zurückzugeben, die uns gegeben wurden, ist der gerade Weg zu Glück und Selbstachtung. Es könnte instinktwidrig oder verwirrend erscheinen, Normalität für ein erstrebenswertes Ziel zu halten, aber sie ist wahrhaft eine Errungenschaft. Normalität gründet auf Weisheit, was die Grundbedingung menschlicher Existenz angeht, und auf der Erkenntnis, dass wir alle miteinander verbunden sind und uns gegenseitig brauchen. Unser Leben auf die Wichtigkeit des Normalseins zu gründen – als Mitglied einer Gruppe ebenso wie als ihr Anführer, als abhängiger Teil ebenso wie als einer, von dem andere abhängen, und als Mensch, der mitfühlend mit den Anforderungen umgeht, die das Leben an uns alle stellt – ist ein ganz neuer Ansatz zu Selbstvertrauen.

KAPITEL 1
Das Problem des Besondersseins
Adrienne ist eine große, schlanke, modische und attraktive 33-Jährige, eine erfolgreiche psychiatrische Assistenzärztin, die höchstwahrscheinlich einmal eine exzellente Psychiaterin werden wird. Obwohl sie (kinderlos) geschieden ist, hat es von außen den Anschein, als habe sie ihr Leben im Griff. Gleichaltrige und Kollegen schauen zu ihr auf. Sie hat ihre beruflichen Ziele erreicht, präsentiert sich gut und pflegt einen sehr sportlichen Lebensstil, zu dem Radfahren, Wandern und Yoga gehören. Sie lebt in einem kleinen, komfortablen Haus mit ihrem Hund und zwei Katzen in einem schönen Viertel im Norden Chicagos. Von außen würde man vermuten, dass Adrienne selbstsicher und relativ glücklich ist (abgesehen vielleicht von der Scheidung).
Doch dem ist nicht so. Trotz ihrer beeindruckenden Leistungen wird Adrienne von negativen Selbstwert gefühlen beherrscht und hat Angst, allein zu sein. Seit ihrer Scheidung unterstützen ihre Eltern sie finanziell. Sie wolle nicht wirklich erwachsen werden, sagt sie, und sei sich unsicher, in welche Richtung ihr Leben gehen soll. »Ich frage mich, wie ich mit der Welt da drau ßen umgehen soll, wenn ich keine Zensuren mehr bekomme?«
Gute Zensuren waren ein wichtiger Bestandteil von Adriennes Kindheit. Wie viele leistungsstarke junge Frauen wuchs sie in einer Familie der höheren Mittelschicht auf und besuchte gute Schulen. Sie war intelligent, hübsch und gesund. Ihre Eltern sagten ihr wiederholt, sie könne alles tun, was sie wolle, und solle sich hohe Ziele stecken, denn sie sei so begabt und vielversprechend.
Das einzige größere Problem, mit dem Adrienne konfrontiert war, als sie noch zu Hause bei ihren Eltern wohnte, war eine Essstörung, die im Sommer nach der achten Klasse einsetzte. Adrienne weiß von den Anfängen nur noch, dass sie von einem Feriencamp nach Hause kam, wo es ihr so gut gegangen war wie noch nie, und ihre Mutter sagte: »Mir scheint, dass du ein bisschen zugenommen hast.« Adrienne betrachtete ihre Hüften im Spiegel und fand sich zu dick. »Das war mir äußerst peinlich. Ich weiß noch, wie ich mir die anderen Mädchen anschaute und Vergleiche anstellte, und dann fing ich eine Diät an. Sie war extrem. Sie bestand hauptsächlich aus Training und Wettkampfschwimmen. Ich hatte damals schon ungefähr meine volle Körpergröße von 1,78 Meter erreicht und nahm rasch von 125 auf 103 Pfund ab.«
Adriennes Eltern bestanden darauf, dass sie einen Psychiater aufsuchte und alle seine Ratschläge und Anweisungen befolgte. Obwohl sich Adrienne sehr gegen eine Einmischung in die Art, wie sie aß und Sport trieb, wehrte, kooperierte sie zumindest oberflächlich mit dem Therapeuten. Sie wechselte auf eine gute private Highschool, in der ihre Mutter Lehrerin war, schnitt gut ab, und wurde dann an genau dem Elite-College angenommen, das sie am liebsten besuchen wollte. Im College hatte sie gute Zensuren und ein gutes Sozialleben. All diese Erfolge gipfelten darin, dass sie an der medizinischen Hochschule ihrer Wahl angenommen wurde.
Adrienne hat viel von dem erfüllt, was sich Eltern aus der Mittelschicht oder mittleren Oberschicht für ihre Kinder erträumen. Sie war schulisch erfolgreich, studierte an einem Elite-College und an einer Elite-Universität, hat eine gut bezahlte und interessante Karriere vor sich und viele gute Freunde. Und dennoch ist Adrienne weit davon entfernt, mit ihrem Leben glücklich oder zufrieden zu sein. Wenn sie an ihre Erwartungen als Jugendliche zurückdenkt, scheint sie ein bisschen erstaunt. »Meine Erwartungen waren so etwas wie Fantasien. Vielleicht nicht einmal Fantasien, denn für eine Fantasie braucht man irgendeine Vorstellung oder ein Bild. Ich dachte einfach, dass bei mir schon alles gut laufen würde. Als ich in den letzten Jahren erkannte, dass meine Ehe nicht funktionierte, bin ich einfach ausgeflippt. Fehlschläge waren bei mir nicht vorgesehen.« Wenn ich sie jetzt nach ihren Lebenszielen frage, sagt sie als Erstes: »Ich wünsche mir einfach, dass es leichter wird.« Dann fasst sie ihre Gedanken in dem ergreifenden Satz zusammen: »Ich würde nicht gern in dieser Dunkelheit versinken.«
Adriennes Unglück ist typisch für die Selbstwertfalle, in der viele junge Menschen zwischen 14 und 30 stecken, die die größtmögliche Fürsorge, Aufmerksamkeit, Bildung und Hilfe von Fachleuten genossen haben, die ihre Eltern ihnen nur bieten konnten. In meine Praxis kommen viele junge Menschen wie Adri enne, denen ihre negative Selbsteinschätzung und rastlose Unzufriedenheit zu schaffen machen und die sich vor den Herausforderungen eines Lebens in der Welt ohne Unterstützung vonseiten der Eltern fürchten. Viele von ihnen sind Kinder von Babyboom-Eltern. Ich habe auch viele Eltern in Behandlung, die unglücklich über das Ergebnis ihrer engagierten Erziehung sind. Nachdem sie ihr Bestes getan haben, um ihren Kindern alles Erdenkliche zu bieten, sind diese Eltern verletzt, verblüfft, enttäuscht, ärgerlich und um ihre Kinder besorgt.
 
Eine andere meiner Klientinnen ist Marie, eine Frau in den Vierzigern, die einmal in der Woche zur Therapie kommt. Marie ist Schulberaterin und hat eine warme, mütterliche Ausstrahlung, die ihre italo-amerikanischen Wurzeln verrät. Sie begann bei mir eine Therapie wegen Machtkämpfen und Kommunikationsproblemen mit ihrem Mann Andy, mit dem sie seit zwanzig Jahren verheiratet ist. Auch wenn Marie sich vor allem von der Last des emotionalen Gepäcks befreien muss, das sie aus ihrer Kindheit in die Ehe mitgebracht hat, verbringt sie nun mindestens die Hälfte jeder Therapiestunde damit, sich über das eine oder andere ihrer beiden heranwachsenden Kinder Sorgen zu machen.
Einmal brach sie sogar in Tränen und Schluchzen aus, als sie mir von einem Vorfall erzählte, der sich einige Abende vorher abgespielt hatte. Sie war mit ihrem 19-jährigen Sohn Michael allein zu Hause, als sie eine Gallenkolik mit heftigen Schmerzen bekam. Stark schwitzend und kaum imstande zu sprechen, rief sie ihren Sohn und bat ihn, ihr das Telefon zu bringen. Er schien erschrocken, als er seine Mutter sah, und fragte knapp: »Was ist denn mit dir los?« Als sie erwiderte, dass es ihr sehr schlecht gehe und sie vielleicht ins Krankenhaus müsse, antwortete er: »Kannst du mir das Telefon geben, wenn du fertig bist? Ich war gerade dabei, mir eine Pizza zu bestellen.«
Während ich Marie zuhörte, merkte ich, wie ich nicht nur als Therapeutin, sondern auch als Mutter reagierte, als Schicksalsgefährtin auf dem scheinbar aussichtslosen Weg, einen verantwortungsbewussten, wachen, mitfühlenden jungen Erwachsenen zu erziehen. Ich hatte tiefes Mitgefühl mit Marie, weil ich wusste, wie schwierig es ist, Mutter eines Jugendlichen zu sein.
Als Mutter und Großmutter einiger großartiger und verantwortungsbewusster junger Menschen habe ich es mir zum persönlichen Mantra gemacht zu sagen: »Als Eltern kann man nicht alles richtig machen« und »Wenn man es irgendwie übersteht und alle überleben, hat man gute Arbeit geleistet.« Einerseits bin ich außerordentlich stolz auf meinen Nachwuchs. Andererseits gilt alles, was ich hier über die Schwierigkeiten des Elternseins sage, auch für mich. Auch meine Kinder hatten wie Adrienne und Michael Probleme mit der Selbstwertfalle. Ihr Leben war teilweise von dem Erzie hungs- und Unterrichtsstil geprägt, der die Kindererziehung in den letzten Jahrzehnten dominiert hat – und sich weiter fortsetzt. Tatsächlich wird er von jungen Eltern übernommen, die in einem Teufelskreis von gesellschaftlichen Ansprüchen und Wirkungen stecken, deren sie sich wahrscheinlich nicht einmal bewusst sind, und die daher Gefahr laufen, die Fehler ihrer eigenen Eltern noch zu überbieten. Als Mutter und Therapeutin glaube ich, dass die Elternrolle nie zuvor so verwirrend und destabilisierend war. Und nie zuvor hatten wir eine Generation von so verwirrten und unglücklichen jungen Erwachsenen, deren Leben, von außen betrachtet, attraktiv aussieht. Irgendetwas ist auf dramatische Weise falsch gelaufen.

Das Problem

Amerikanische Kinder leiden an einem besonders bedrohlichen und verwirrenden Problem. Zwanghafte Selbstbezogenheit, rastlose Unzufriedenheit, der Druck, außergewöhnlich zu sein, die Weigerung, erwachsen zu werden, Gefühle der Über- (oder Unter-)legenheit und übermäßige Versagensangst sind, wie ich bereits erwähnt habe, die Leitsymptome der Selbstwertfalle. Schon bei ganz kleinen Kindern kann man die Anfänge dieser Symptome beobachten – beispielsweise wenn ein Kind nicht imstande zu sein scheint, seine eigenen Bedürfnisse zugunsten der dringlicheren Bedürfnisse eines anderen zurückzustellen, wie es Marie von ihrem heranwachsenden Sohn schilderte. In ihrer unproblematischsten Form führt die Selbstwertfalle zu unglücklichen Erwachsenen, die sich unvollkommen fühlen, weil sie nicht in der Lage sind, das zu erreichen oder zu sein, was sie sich vorgestellt haben. Im schlimmsten Fall, wenn man in der Kindheit und den jungen Erwachsenenjahren nichts dagegen tut und sie von anderen sozialen Umständen verstärkt wird, kann sie zu chronischen Störungen wie Depression, Narzissmus und Sucht führen.1
Jason, ein junger Mann Anfang 20, kam zu mir in die Therapie, weil er das ausgeprägte Gefühl hatte, an deren überlegen zu sein. Dieses Gefühl behagte ihm nicht. Er wusste nicht, woher es kam, aber es machte ihm im Kontakt mit anderen zu schaffen. Wenn Jason neue Leute traf, war er zunächst begeistert und an ihnen interessiert. Aber schon nach etwa einem Monat stellte er fest, dass er sie kritisch beurteilte. Rasch und hämisch erkannte er ihre Mängel und Schwächen. Schließlich fühlte er sich denen, die ihn anfangs fasziniert hatten, überlegen und betrachtete sich selbst als besser oder fähiger als sie. Fast immer empfand er den Druck, erfolgreich zu sein und andere zu überflügeln. In der Anwesenheit derjenigen, die er insgeheim kritisierte, fühlte er sich unwohl und empfand Desinteresse, dennoch schämte er sich seiner ständigen Urteile. Dieses ganze Gedanken- und Gefühlsspektrum machte ihm auf vielen verschiedenen Ebenen schrecklich zu schaffen.
Jason steckt in der Selbstwertfalle. Das besondere Selbst fordert von dem, der es pflegt, dass er außergewöhnlichen Maßstäben gerecht wird, dass er versucht, jeden Wettbewerb zu gewinnen, und dass er eine konkrete oder vage Größenfantasie im Hinblick auf das Selbst und sein Leben verwirklicht. Wie dieser junge Mann spürte, wird diese Identität zu einem Gefängnis, einer ewigen Falle, aus der es nach Ansicht des Betreffenden keine Befreiung und Rettung gibt. Wer könnte einen schließlich auch retten, wenn man besser als alle anderen ist? Das besondere Selbst ist ein einsamer und Furcht erregender Aufenthaltsort.
Der bedrohlichste Aspekt, wenn man diese Art Selbstgefühl kultiviert, besteht darin, dass es sehr schnell in Gefühle von Blamage und Scham umschlägt. Wenn es dem Betreffenden, und sei es auch nur einen Augenblick lang, nicht gelingt, den Ansprüchen dieses Selbst – der Beste, Schlankste, Klügste, Witzigste und Erfolgreichste zu sein – gerecht zu werden, fällt er in eine Art schwarzes Loch, in die Dunkelheit, von der Adrienne sprach. Innerlich fühlt es sich für den Betreffenden an, als würde sich der Boden unter ihm auftun und er in einen Abgrund stürzen, in dem er allein und ohne Hilfe ist. Je höher der Sockel, die Leistung oder die Fantasie, desto härter der Fall.
Am beängstigendsten ist das Gefühl, allein zu sein, das von dem Unvermögen herrührt, an irgendeinen verlässlichen Zusammenhalt zu glauben, eine Gruppe oder Gemeinschaft, die das Selbst trägt. Diese umfassende Einsamkeit macht es schwer, sich in andere hi neinzuversetzen (außer in enge Freunde, die die gleichen Probleme und Ansichten haben), und fördert eine negative Fixierung auf das Selbst. Obwohl das besondere Selbst jedem, der darunter leidet, definitionsgemäß wie ein persönliches Problem erscheint, ist es unter der heutigen Jugend paradoxerweise weit verbreitet.
Wenn ich Menschen wie Adrienne und Jason in der Therapie zuhöre, fällt mir sofort auf, wie unrealistisch ihre Erwartungen sind. Da sie sich von frühester Kindheit an für ungewöhnlich, wenn nicht gar für außergewöhnlich gehalten haben, akzeptieren sie ältere Men schen oft nicht als Rollenmodell. Sie weisen auch die Hinweise oder Fingerzeige zurück, die ihnen signalisieren, dass sie in ihrem Beruf oder ihrer Elternrolle erst am Anfang stehen, dass alle Leistungen einen Prozess beinhalten und sie noch einen weiten Weg vor sich haben, bevor sie Experten sind.2 Anfänger sein fühlt sich blamabel an. Normal sein reicht nicht. Und diese Weigerung, sich als normal, mit Mängeln behaftet und alles andere als perfekt zu betrachten, kann darauf zurückgeführt werden, wie sie aufgezogen wurden.
Da fürsorgliche Eltern rasch dazu neigen, sich am Leiden und Unglück ihrer Kinder die Schuld zu geben, möchte ich hier etwas noch einmal klarstellen. Das ist kein Buch, in dem es um Schuldzuweisung geht. Die Selbstwertfalle ist komplex und hat viele kulturelle Ursachen, und sie ist nicht das absichtliche Werk fürsorglicher Eltern oder ihrer Kinder. Wenn wir sie verstehen, können wir die Verantwortung dafür übernehmen, unser Verhalten zu ändern und uns gegenseitig in diesem Prozess zu unterstützen. Meine Entscheidung, dieses Buch zu schreiben, entstand unmittelbar aus meiner tiefen Sympathie und meinem Mitleid mit heutigen engagierten Eltern und rastlosen, unglücklichen jungen Erwachsenen, die mich aufsuchen, um Hilfe zu erhalten. Wir alle sind in dem Glauben gefangen, jeder sei großartig und zum Erfolg geboren und verdiene ungewöhnliche Chancen, um ein außergewöhnlicher Mensch zu werden. Um aus dieser Falle herauszukommen, müssen wir eine neue Art von Selbstvertrauen und Mitgefühl mit uns selbst entwickeln. Auf unserem grundlegenden gemeinsamen Menschsein und Aufei nanderangewiesensein gründend, wurzelt dieses neue Vertrauen, wie ich bereits sagte, darin, normal zu sein und sich normal zu fühlen. Sich normal zu fühlen entsteht aus einer Einsicht in die Grundbedingungen menschlicher Existenz und aus der Erkenntnis, dass wir alle miteinander verbunden sind. In den 1980ern wurden wir von den Sozialforschern, die Habits of the Heart schrieben, eindringlich darauf hingewiesen, dass das einzelne Ich nie wirklich unabhängig von einem Netzwerk oder einer Gemeinschaft von Menschen sein kann; aber wir haben diesen Gedanken zu sehr aus den Augen verloren, als wir anfingen, das Besonderssein zu betonen. Was ist geschehen?
Zur Beantwortung dieser Frage werden wir zunächst einige zeitgenössische Erziehungsstile analysieren, um zu sehen, wie sie sich auf die Chance der Kinder auswirken, selbstsichere, verantwortungsbewusste und mitfühlende Erwachsene zu werden. Überdies werden wir von innen und außen eine Reihe problematischer Entwicklungserfahrungen von Kindern beleuchten, die fürsorgliche, engagierte Eltern hatten. Wir werden Menschen ähnlich wie Adrienne, Michael und Jason kennenlernen, die alt genug sind, um die Folgen eines Erziehungsstils zu demonstrieren, der betont, dass jedes Kind zum Erfolg geboren ist. Die heutigen Familien ziehen unsere Zukunft groß. Und viele von ihnen stecken in Schwierigkeiten.

Die Welt da draußen

All unsere Bemühungen, gute Eltern zu sein, vollziehen sich in einem sozialen Kontext, der weitaus größer ist als unsere Familie und unser Freundeskreis. Das soziale Klima beeinflusst, was wir für richtig halten im Hinblick auf das, was wir tun. Wie ich bereits sagte, bekamen Eltern in den letzten Jahrzehnten von Experten zu hören, dass sie den Selbstwert ihrer Kinder stärken sollten, indem sie sie häufig lobten und ihre einzigartigen und außergewöhnlichen Begabungen würdigten. Wir leben auch in einem Klima der biologischen Erklärungsmodelle, was Kinder angeht.3 Auch wenn Sie vielleicht so gut wie nichts über Vererbungslehre und Gene wissen, pflichten Sie vermutlich der Vorstellung bei, dass einige Verhaltensweisen Ihrer Kinder auf Veranlagung beruhen.4
Wenn Eltern zu mir in die Therapie kommen, führen sie ihre Erinnerungen an Tante Millie und Opa Jones an, um zumindest einige der Stärken und Schwächen ihrer Kinder zu erklären. Die kleine Anna ist hyperaktiv, weil in ihren Genen viel manische Depression steckt. Adam leidet ebenso wie sein Vater unter ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung), aber Adam bekommt Medikamente dagegen und wird hoffentlich nicht wie sein Vater zum Schulversager. Die 16-jährige Sarah scheint in jüngster Zeit ziemlich depressiv zu sein und spricht viel davon, dass sie sich selbst hasst, aber das hat vermutlich mit PMS (dem prämenstruellen Syndrom) zu tun, an dem auch ihre Mutter und ihre Schwester leiden.
Eltern haben oft solche Erklärungen zur Hand, selbst wenn sie wenig über die wissenschaftliche Gültigkeit dieser Denkweise wissen. Sie stellen diese Vorstellungen nicht infrage, weil ihre Ärzte, Nachbarn, die Lehrer und Berater ihrer Kinder und ihre Freunde auch daran glauben. Mit anderen Worten: Das biologische Erklärungsmodell in Bezug auf die Schwierigkeiten ihrer Kinder wird vom sozialen Klima unterstützt. Eltern und ihre fast erwachsenen Kinder halten an ihm auch deshalb fest, weil sie etwas gegen das Problem unternehmen können (eine Diagnose einholen, Medikamente nehmen, besondere schulische Vorkehrungen treffen), und solche Vorstellungen häufen bei Eltern nicht noch weitere Schuldgefühle an über das Maß dessen hinaus, was sie bereits als Selbstvorwurf mit sich herumtragen. Gewissenhafte Eltern neigen heutzutage dazu, zuerst sich selbst die Schuld zu geben und dann nach anderen Menschen Ausschau zu halten, die sie beschuldigen können, und gewöhnlich sind das nicht ihre Kinder.
Im vorliegenden Buch werde ich nicht viele biologische Erklärungen liefern, obwohl ich einige Befunde der Neurowissenschaft anführen werde, die uns helfen können zu verstehen, wie sich das Selbst in einem he ranwachsenden Kind bildet und entwickelt. Ich werde auch nicht mit diesen Erklärungsmodellen streiten, auch wenn ich offen gestanden glaube, dass sie zu unserem Nachteil überstrapaziert werden.5 Stattdessen möchte ich mich in umfassender Weise damit beschäftigen, wie wir unsere Kinder erzogen haben, als die Babyboomer erwachsen waren und selbst Eltern wurden.

Im Mittelpunkt stehen

Wie ich bereits erwähnt habe, sind zwanghafte Selbstbezogenheit, rastlose Unzufriedenheit, der Druck, au ßergewöhnlich zu sein, die Weigerung, erwachsen zu werden, Gefühle der Über- (oder Unter-)legenheit und übermäßige Versagensangst die Symptome der Selbstwertfalle bei jungen Erwachsenen und manchmal sogar bei Kindern oder Jugendlichen. Mit diesen Symptomen sind die vorhersehbaren Schwierigkeiten verbunden, die ich bei engagierten Eltern beobachte. Sowohl im therapeutischen als auch im privaten Rahmen erlebe ich gewissenhafte Eltern, die von ihren Kindern – Klein kindern, Schulkindern, Jugendlichen oder jungen Erwachsenen – unabsichtlich emotional tyrannisiert werden. Eltern scheinen gegenüber ihren kleinen Kindern das Sagen zu haben, doch selbst dann kann jede Geste eines Babys ein übermäßig hohes Maß an Aufmerksamkeit und Beachtung erfahren. Von frühester Kindheit an haben viele Kinder offensichtlich den Vorteil der Kontrolle in gesellschaftlichen Situationen. Wenn Kinder wiederholt schreien, fordern, drohen, lügen, versagen, Sonderregelungen und materielle Dinge fordern und gleichzeitig die ihrem Alter gemäßen Pflichten missachten, sind sie in der ungünstigen Position verfrühter sozialer Macht.
Zweifellos haben Sie einen solchen Machtkampf schon einmal miterlebt oder selber mitgemacht.6 Sie essen in einem Restaurant oder bei jemandem zu Hause zu Abend, und ein Kleinkind, Schulkind oder Teenager dominiert das Geschehen. Das Kleinkind stört mög licherweise oder rennt umher. Vielleicht sind die Eltern verlegen, peinlich berührt oder lassen es ge währen, aber es gelingt ihnen nicht, das Kind aus dem Mittelpunkt zu verbannen. Das Schulkind wird vielleicht von den Erwachsenen gebeten, Meinungen oder Fakten zu äußern, die das Wissen oder Können des Kindes demonstrieren sollen. Einige Kinder beteiligen sich einfach an jedem Gespräch in der festen Überzeugung, dass ihre Meinung willkommen ist. Der Teenager wird die Zusammenkunft wahrscheinlich eher dadurch dominieren, dass er schmollt und sich entzieht, wenn er gefragt wird, was er essen oder tun möchte. In Augenblicken, in denen Kinder dominieren, fühlen sich Erwachsene gewöhnlich unwohl, sind aber nicht bereit, Verstimmung oder Kritik zu äußern, weil sie fürchten, als herzlos und grob angesehen zu werden. Es sind doch schließlich Kinder. Sollte sich die Welt nicht um sie drehen?
Nein. Bei Kindern kann die Annahme oder Erwartung, im Mittelpunkt zu stehen, zu verzerrten Beziehungen und Selbsteinschätzungen führen, die später die Fähigkeit untergraben, sich in ein Netzwerk von Menschen einzufügen, das Geben und Nehmen in der Gemeinschaft zu akzeptieren und zu begreifen, dass sie Schwierigkeiten und Prozesse durchmachen müssen, um etwas in der Welt der Erwachsenen zu erreichen. Vor fünfzig Jahren noch wäre eine von einem Kind dominierte gesellschaftliche Zusammenkunft undenkbar gewesen. Auch wenn Kinder vielleicht dabei waren und sich zeitweise sogar schlecht benommen haben, nahmen sie sich niemals heraus, sich in der sozialen Rangordnung mit den Erwachsenen auf die gleiche Stufe zu stellen.
Die meisten Menschen reagieren verärgert auf diese Symptome der Besonderheit bei Kindern und Eltern. Warum dauert dieses Problem also hartnäckig an, wo es doch so viele gute Bücher und überzeugende Untersuchungen zu diesem Thema gibt, neben den peinlichen gesellschaftlichen Situationen und der Verwirrung und dem Unglück unserer erwachsenen Kinder? Weil man fürsorglichen Eltern in den letzten zwanzig Jahren eingeredet hat, dass ein gutes Selbstwertgefühl und dauerhaftes Glück darauf beruhen, den Kindern zu vermitteln, dass sie besonders sind.

Selbst und Selbstwert: ein kurzer Abriss