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Inhaltsverzeichnis
 
Vorwort
Im Text verwendete Abkürzungen
EINLEITUNG: EIN ÜBERBLICK
Ziel der Meditation
 
ERSTER TEIL – Das Glück der Meditation
Kapitel 1 – GRUNDKURS MEDITATION
Erste Stufe: Gewahrsein im Augenblick
Der Geist ist wunderbar und sonderbar
Vergangenheit und Zukunft sind Ballast
Zweiter Schritt: Stilles Gewahrsein im Augenblick
Stille heißt: keine Kommentare
Stille ist köstlich
Dritter Schritt: Stilles Jetzt-Gewahrsein des Atems
Einheit und Vielheit
Sorgfalt und Geduld sind der schnellste Weg
Es spielt keine Rolle, wo Sie den Atem beobachten
Der Hang zur Atemkontrolle
Vierter Schritt: Volle anhaltende Aufmerksamkeit auf den Atem
Aus dem Weg gehen
Der Beginn des »schönen« Atems
Kapitel 2 – AUFBAUKURS MEDITATION
Fünfter Schritt: Volle anhaltende Aufmerksamkeit auf den schönen Atem
Nichts tun
Nur »Schönheit« bleibt übrig
Sechster Schritt: Die Erfahrung des schönen Nimitta
Die Eigenschaften eines Nimitta
Loslassen
Siebter Schritt: Jhāna
Die Eigenschaften der Jhānas
Vipassana oder Samatha – eine unnötige Debatte
Einsicht in Probleme, die für das Glück im Alltag eine Rolle spielen
Einsicht in den Pfad der Meditation
Einsicht in die Natur des Ich
Kapitel 3 – HINDERNISSE: SINNLICHES VERLANGEN UND ÜBELWOLLEN
Das erste Hindernis: Sinnliches Verlangen
Kāma-cchanda nach und nach preisgeben
Das zweite Hindernis: Übelwollen
Sich selbst übel gesinnt sein
Wohlwollen gegenüber sich selbst
Übelwollen gegenüber dem Meditationsobjekt
Kapitel 4 – WEITERE HINDERNISSE: TRÄGHEIT UND STUMPFHEIT, UNRAST UND REUE, ...
Das dritte Hindernis: Trägheit und Stumpfheit
Mit Trägheit und Stumpfheit Frieden schließen
Das Gewahrsein höher bewerten
Trägheit und Stumpfheit durch Übelwollen
Die Angst nutzen
Das vierte Hindernis: Ruhelosigkeit und Reue
Reue
Ruhelosigkeit
Das fünfte Hindernis: Zweifel
Das Wirkungsfeld der Hindernisse
Mein Schlangengleichnis
Die Nalagiri-Strategie
Wann sind die Hindernisse wirklich überwunden?
Kapitel 5 – ACHTSAMKEIT
Den Torhüter einsetzen
Den Torhüter einweisen
Die Anweisungen im Einzelnen: Erste Stufe
Zweite Stufe
Dritte Stufe
Vierte Stufe
Samādhi – aufmerksame Stille
Energie mobilisieren
Licht machen
Krafttraining für die Einsicht
Zusammenfassung: Grade der Achtsamkeit
Kapitel 6 – ABWECHSLUNG HÄLT DIE MEDITATION FRISCH
Die Güte-Meditation
Ein sanfteres Gemüt
Mit Mettā ins Jhāna
Nach tiefem Samādhi Mettā aussenden
Die Dinge sein lassen, wie sie sind
Das Garten-Gleichnis
Die Kraft des Lassens
Meditation im Gehen
Die Grundtechnik der Meditation im Gehen
Auch hier spielen die Stadien der Meditation eine Rolle
Samādhi beim Gehen
Welche Meditation ist wann geeignet?
Kapitel 7 – DER SCHÖNE ATEM
Die Vorbereitungen
Die sechzehn Schritte
Kapitel 8 – DIE VIER BLICKFELDER DER ACHTSAMKEIT
Vorbereitung auf das Satipatthāna
Betrachtung des Körpers
Betrachtung des Fühlens
Betrachtung des Geistes
Betrachtung von Geist-Objekten
 
ZWEITER TEIL – Jhana und über Jhāna hinaus
Kapitel 9 – GLÜCKSELIGKEIT
Die Entdeckung des Buddha
Kann man an Jhāna haften?
Der schöne Atem – Beginn der Reise in die Jhānas
Pīti-Sukha – Freude und Glück
Der Weg in die Stille
Kapitel 10 – VON NIMITTA ZU JH̄NA
Wenn das Nimitta zu früh erscheint
Wenn kein Nimitta erscheint
Geeignetes und unbrauchbares Nimitta
Ein Nimitta aufpolieren
Das Nimitta stabilisieren
Eintritt ins Jhāna
Jo-Jo-Jhāna
Kapitel 11 – DIE KENNZEICHEN DER JH̄NAS
Das erste Jhāna
Das zweite Jhāna
Das vierte Jhāna
Die unstofflichen Stufen
Kapitel 12 – TIEFE EINSICHT
Der zehnfache Pfad
Vollkommene Weisheit: Die Dinge sehen, wie sie wirklich sind
Die fünf Hindernisse und tiefe Einsicht
Upacāra-Samādhi – unmittelbarer Nachbar des Jhāna
Die beiden Botschafter
Der Gongschlegel
Der schönste Bambus der Welt
Die Grundausstattung: Taschenlampe und Landkarte
Kapitel 13 – TIEFE EINSICHT, DIE BEFREIT
Erinnerung an frühere Leben
Tiefe Einsicht in das Leiden
Der Würgestrick
Das Gleichnis vom Gefängnis
Tiefe Einsicht in die Vergänglichkeit
Tiefe Einsicht in die Ichlosigkeit
Geist und Gehirn
Das letzte Bollwerk der Ich-Illusion
Ein führerloser Bus
Der Erkennende in den Worten des Buddha
Tiefe Einsicht in den Geist
Die »Körnigkeit« des Geistes
Wenn Citta nach und nach vergeht
Bedingtes Entstehen und das reine Citta
Eine sinnlose Frage: Wohin geht das reine Citta?
Tiefe Einsicht und Satipatthāna
Verstehen Sie?
Kapitel 14 – ERLEUCHTUNG: IN DEN STROM EINTRETEN
Was Nibbāna nicht ist
Nibbāna ohne Nimbus
Die erste Nibbāna-Erfahrung: Stromeintritt
Aus nichts etwas machen
Auslösende und unterstützende Bedingungen
Ist Stromeintritt ohne Jhāna möglich?
Stromeintritt: Kausalzusammenhänge und Folgen
Abscheu
Das Schwinden
Höchstens noch sieben Leben
Kapitel 15 – WEITER ZUR VOLLEN ERLEUCHTUNG
Die sieben Schiffbrüchigen
Vipallāsa und die Läuterung des Denkens
Die vierfache Verblendung
Der nicht Wiederkehrende
Der Sprung in die Erleuchtung
Der Arahat oder voll Erleuchtete
Die neun Unmöglichkeiten im Leben eines Arahat
Der Arahat und die Gesetzlosen
Was Arahats tun
Aller Leiden Ende
Parinibbāna
Wie man Erleuchtete erkennt
Die wesentlichen Kennzeichen
Die beiden kleinen Arahats
Der Mönch, der den Tod nicht fürchtete
 
ZUSAMMENFASSUNG: LOSLASSEN BIS ZUM ENDE
Danksagung
ANMERKUNGEN
LITERATUR
REGISTER
Copyright

VORWORT
Was Sie in Händen halten, ist ein wirklich nützliches und vielschichtiges Handbuch der Meditation, verfasst von einem Mönch, der über Erfahrung von der nötigen Tiefe und der ebenso nötigen Weite des Horizonts verfügt. Ajahn Brahm gehört zur neuen Generation von Menschen des Westens, die ein breites Spektrum buddhistischer Lehren studiert und bis zur Beherrschung praktiziert haben und sie daher ernsthaft suchenden Menschen überall auf der Welt nahebringen können.
In Im stillen Meer des Glücks werden Sie gründlich in die Meditation eingeführt und zu ihrer immer weiter gehenden Vertiefung angeleitet, wobei es vor allem um die tiefe Versunkenheit des Samādhi geht, die Sie in den Zustand des Jhāna führt und Ihnen die daraus folgenden Einsichten erschließt. Ajahn Brahm ermöglicht Ihnen ein sorgfältig aufgebautes und subtiles Verständnis für die Anfangsschwierigkeiten und ihre Überwindung, und er zeigt auf, wie man den Geist auf Verzückung, Glück, Licht und das tiefe Gleichmaß des Jhāna einstimmt. Dann kehrt er die Blickrichtung dieser konzentrierten Aufmerksamkeit um und lässt sie die Leerheit des Ich ausleuchten, was ein befreiendes Verstehen ermöglicht. Das sind wunderbare Anleitungen.
Diesen Früchten seiner reichen Erfahrung als Meditationslehrer stimme ich mit Freuden zu, doch seine Auffassung, das Streben nach Jhāna und Einsicht sei der wahre vom Buddha gelehrte Weg und daher der beste Weg, möchte ich ein wenig relativieren. Es ist ein großartiger Weg, keine Frage. Aber der Buddha lehrte durchaus andere und gleichwertige Arten zu meditieren, er wandte viele geschickte Mittel an, um seinen Schülern zum Erwachen zu verhelfen. Es gibt eine breite Vielfalt von Meistern – ich nenne nur Thich Nhat Hanh, den Dalai Lama, Ajahn Buddhadasa und Sunlun Sayadaw -, die unterschiedliche und doch allesamt befreiende Lehren vertreten. Zusammen bilden sie ein vielgestaltiges Mandala des lebendigen Dharma, und Ajahn Brahm zeigt uns eine wichtige Facette davon.
Wenn Sie sich also für die Jhāna-Praxis und die Tiefen des buddhistischen Weges interessieren, dann lesen Sie dieses Buch sehr sorgfältig. Und versuchen Sie sich an den Übungen. Viel ist diesen tiefen und klugen Worten zu entnehmen und noch mehr den Erfahrungen, auf die sie hindeuten. Und wie Ajahn Brahm, dem Buddha folgend, sagt: Stellen Sie die Worte auf die Probe, benutzen Sie sie, lernen Sie aus ihnen, aber klammern Sie sich nicht an sie. Lassen Sie sich von ihnen zur Freiheit jenseits von allem Haften führen, dorthin, wo das Herz wirklich Erleichterung findet. Mögen diese Lehren Verständnis und Nutzen stiften und allen ein Segen sein.
 
Mit Metta
Jack Kornfield

Im Text verwendete Abkürzungen
Buddhistische Pāli-TexteZitiert nach
ANAn˙guttara-NikāyaAbschnitt u. Sutta-Nr.
DhpDhammapadaVersnummer
Dhp-aDhammapada-AtthakathāBand- u. Seitennr. in der Ausgabe der Pali Text Society (PTS)
DND̄gha-NikāyaSutta-, Abschnitts- und Versnr.
JaJātakaBand u. Seite in der PTS-Ausgabe
MilnMilindapañhaKapitel- u. Abschnittsnr. der PTS-Ausgabe
MNMajjhima-NikāyaSutta- u. Abschnittsnr.
SNSamyutta-NikāyaKapitel- u. Suttanr.
SnSutta NipātaVersnummer
Th-aParamatthad̄pāni (Theragātha- atthakathā)Band u. Seite der PTS-Ausgabe
ThagTheragāthāVersnummer
ThigTher̄gāthāVersnummer
UdUdānaKapitel- u. Suttanr.
VinVinayaBand-, Kapitel-, Abschnitts- u. Unterabschnittsnr. der PTS-Ausgabe
VsmVisuddhimaggaKapitel- u. Abschnittsnr.

EINLEITUNG: EIN ÜBERBLICK
Meditation ist der Weg des Loslassens. Beim Meditieren lässt man von der vielfältigen Außenwelt ab, um einen machtvollen Frieden im Innern zu erreichen. In allen Formen der Mystik und in vielen spirituellen Traditionen wird Meditation als der Weg zu einem geläuterten Geist gesehen, der zu seiner wahren Kraft gefunden hat. Die Erfahrung dieses reinen, von der Verstrickung in die Welt entbundenen Geistes, ist ungemein beglückend – weit mehr als Sex.
Die Praxis der Meditation wird einiges an Einsatz verlangen, insbesondere am Anfang. Aber wenn Sie sich nicht abschrecken lassen, warten wunderbare und tief sinnhaltige Zustände auf Sie. Ohne Fleiß kein Preis, das ist ein Naturgesetz. Ob Laie, Mönch oder Nonne, ohne Einsatz erreichen Sie gar nichts.
Anstrengung allein genügt freilich nicht; Sie müssen geschickt zu Werke gehen. Das heißt: Sie setzen Ihre Energien an der richtigen Stelle ein, und zwar so lange, bis das, was Sie sich vorgenommen haben, erreicht ist. Solch geschicktes Bemühen kann nie stören oder im Weg sein. Es erzeugt den wunderbaren Frieden tiefer Meditation.

Ziel der Meditation
Um zu wissen, wohin sich Ihre Anstrengungen bei der Meditation richten müssen, brauchen Sie eine klare Zielvorstellung. Bei dieser Meditation geht es um die Schönheit der inneren Stille und äußeren Ruhe, der Klarheit des Geistes. Wenn Ihnen das etwas sagt, wird Ihnen schnell klar werden, worauf Ihr Bemühen zu richten ist und mit welchen Mitteln das Ziel erreicht werden kann. Sie bemühen sich loszulassen und Ihren Geist für die Abkehr und Preisgabe bereit zu machen. Eine der simplen und profunden Aussagen des Buddha zu diesem Thema lautet: »Einer, dem es beim Meditieren vor allem um das Loslassen geht, erlangt leicht den Samādhi«, jene aufmerksame Stille, die das Ziel der Meditation darstellt (SN 48,9).1 Wer so meditiert, kommt fast von selbst in diese glückseligen Zustände. Der Buddha sagt hier, dass vor allem die Fähigkeit zu verzichten, loszulassen und zu entsagen uns befähigt, tiefe Meditation zu erreichen und in diese außergewöhnlichen Zustände zu kommen.

Alles Belastende loslassen

Bei der Meditation nützt uns der Geist, der Dinge ansammelt und festzuhalten versucht, gar nichts. Bemühen wir uns lieber um die Bereitwilligkeit, alle Lasten loszulassen, wegzugeben. Im Alltag schleppen wir die Last all unserer Pflichten wie lauter schwere Koffer, aber bei unserer Meditation ist solches Gepäck überflüssig. Laden Sie so viel davon ab, wie Sie können. Stellen Sie sich Ihre Pflichten und Errungenschaften einfach als drückende Last vor. Lassen Sie all das stehen, und blicken Sie nicht zurück.
In dieser geistigen Haltung, zum Abgeben bereit, finden Sie Zugang zu tiefer Meditation. Versuchen Sie von Anfang an, diese Energie des Verzichtens in sich zu erzeugen – die Bereitschaft, die Dinge abzugeben. Wenn Sie die Dinge innerlich abgeben können, werden Sie sich bedeutend leichter und freier fühlen. Dieses Preisgeben geschieht bei der Meditation in Stufen, Schritt für Schritt.
Meditierende schwingen sich wie Vögel zum Himmel auf, zu den Gipfeln. Kein Vogel schleppt Koffer mit sich! Wer geschickt meditiert, erhebt sich über alle seine Lasten und steigt zu den herrlichen Gipfeln des Geistes auf. Und auf diesen Gipfeln der Wahrnehmung wird er aus eigener unmittelbarer Erfahrung wissen, was mit »Geist« gemeint ist. Zugleich erschließt sich ihm die Natur dessen, was wir »Ich«, »Gott«, »die Welt«, »das Universum« nennen, die Natur des Ganzen. Hier finden wir Erleuchtung: nicht im Reich des Denkens, sondern auf den höchsten Höhen der Stille unseres Geistes.

Die Anlage dieses Buches

Der erste Teil, »Das Glück der Meditation«, wendet sich an alle, die meditieren möchten, um sich die Schwere des Lebens ein wenig zu erleichtern, die den Weg der Meditation jedoch mangels Gelegenheit oder Neigung nicht bis zu den höchsten Zuständen der Verzückung und bis zur Erleuchtung gehen wollen. Hier werde ich darlegen, dass richtig praktizierte Meditation schon für den Anfänger ein großes Glücksversprechen enthält. In den Kapiteln 1 und 2 werden die ersten Schritte der Meditation systematisch und leicht verständlich dargestellt. Sie stellen die überarbeitete Fassung eines Büchleins dar, dass ich unter dem Titel The Basic Method of Meditation veröffentlicht habe.2 Kapitel 3 und 4 benennen die Schwierigkeiten, die beim Meditieren auftreten können, und erklären, wie solche Hindernisse leicht zu überwinden sind, wenn wir sie einmal erkannt haben. In den Kapiteln 5 und 6 gebe ich meine ganz eigene Darstellung der Achtsamkeit, um anschließend das »Repertoire« des Meditierenden um drei zusätzliche Methoden der Meditation zu erweitern, die alle dem Weg zum inneren Frieden dienen. In den Kapiteln 7 und 8 schließlich stelle ich einige der klassischen Lehren des Buddha vor, nämlich seine Lehrreden über ̄nāpānasati (Achtsamkeit auf den Atem) und Satipatthāna (Blickfelder der Achtsamkeit); damit möchte ich die bis hierher gegebenen Anleitungen unterfüttern und mit der aufschlussreichen Darstellung abrunden, die der Buddha selbst gegeben hat.
Der zweite Teil, »Jhāna und über Jhāna hinaus«, versteht sich als eine Art Führung durch die Welt zeitloser Versunkenheit in der buddhistischen Meditation. Hier werden wir sehen, wie Meditation buchstäblich »implodiert« und die höchste Glückseligkeit der Jhānas wird, und wie das Loslassen den Schleier der Sinne lüftet, sodass die staunenswerte Welt des Geistes erkennbar wird, jener verwunschene innere Garten, in dem wir Erleuchtung finden. Die Kapitel 9, 10 und 11 erschließen mit einer eingehenden Darstellung der Jhāna-Erfahrung die Welt des reinen Geistes und führen uns Schritt für Schritt in diese erstaunlichen Zustände ein. Danach wird in den Kapiteln 12 und 13 geschildert, wie aus Jhāna erwachsende Einsicht die Pforten zu den Gärten der Weisheit aufschließt und der weitere Weg zu den Gipfeln spiritueller Erfahrung verläuft. Die abschließenden Kapitel dieses Teils, 14 und 15, beschreiben präzise und in authentischen Einblicken, was Erleuchtung ist und wie man sie erlangt – ein großes Panorama des erfüllten Lebens.
Zum Ausklang sprechen wir über das »Loslassen bis zum Ende«. Das ist sozusagen das »Wiedereintrittsmodul« in diesem Buch, das den Leser aus dem Reich von Jhāna und Nibbāna, welches nicht von dieser Welt ist, in das normale Leben zurückträgt – natürlich nicht ohne einen letzten Hopser in Richtung des Nichtbedingten, eine Art Reiseandenken.

Wie dieses Buch zu verwenden ist

Dieses Buch soll dreierlei leisten. Erstens ist es ein Kurs in buddhistischer Meditation. Wer das Buch aufmerksam liest und die Anweisungen gewissenhaft befolgt, bekommt einen Schritt für Schritt aufbauenden und kompletten Meditationskurs, der auf den Traditionen basiert oder sogar unmittelbar die Worte des Buddha umsetzt. Diese tiefen, ehrwürdigen alten Lehren werden hier auf eine mit dem westlichen Denken kompatible Weise dargestellt.
Zweitens wird es hier um »Fehlerbehebung« gehen. Das Buch ist so aufgebaut, dass man typischen Problemen, die bei der Praxis gern auftreten, mit seiner Hilfe begegnen kann. Wenn Sie zum Beispiel jemandem böse sind und das Ihre Praxis behindert, schlagen Sie das dritte Kapitel auf, »Hindernisse: sinnliches Verlangen und Übelwollen«, und lesen nach, wie man dieses Übelnehmen durch die Praxis der Mettā- oder Güte-Meditation überwindet. Sie werden aber auch weniger geläufige Ratschläge finden, sogar solche, die Sie anderswo vergeblich suchen würden. Dafür ist das fünfte Kapitel, »Achtsamkeit«, ein gutes Beispiel. Sie werden die Einsetzung eines »Türhüters«, der Ihre Meditation überwacht und beschützt, als sehr wertvoll empfinden.
Drittens gibt das Buch dem Leser die Möglichkeit, sich über Aspekte der buddhistischen Meditation zu informieren, die ihm noch unbekannt und die anderswo schwer zu finden sind. Dafür sind die Kapitel 9 bis 12 über tiefe meditative Zustände der Glückseligkeit (Jhāna) ein gutes Beispiel. Die Jhānas gehören zwar zum Grundbestand der buddhistischen Meditationslehre, aber heutzutage weiß kaum jemand, was genau mit diesem Begriff gemeint ist.
 
Ich habe das Manuskript mit einem gewissen Unbehagen an den Verlag eingesandt. Als ich in London gegen Ende der Sechzigerjahre mit dem Meditieren begann, sagte einmal ein japanischer Zen-Mönch zu mir: »Nach dem Karma-Gesetz wird jeder, der ein Buch über Buddhismus schreibt, seine nächsten sieben Leben als Esel zubringen.« Das gab mir zu denken. Doch ob das so ist oder nicht, jedenfalls bin ich überzeugt, dass jemand, der sich an die hier gegebenen Anleitungen hält, jeglicher Wiedergeburt entgehen wird, nicht nur der langohrigen.
Im Mahāsaccaka-Sutta (MN 36) erzählt der Buddha: »Ich erwog: … ›Sollte dies [Jhāna] der Weg zur Erleuchtung sein?‹ Dann, an diese Erinnerung anschließend, kam die Erkenntnis: ›Das ist der Weg zur Erleuchtung.‹«3

ERSTER TEIL
Das Glück der Meditation

1
GRUNDKURS MEDITATION
In diesem Kapitel besprechen wir die vier ersten Stufen der Meditation. Sie werden vielleicht den Wunsch haben, sie so schnell wie möglich zu bewältigen, aber Vorsicht! Wenn Sie diese Schritte zu hastig tun, werden Sie später merken, dass die vorbereitende Arbeit nicht abgeschlossen wurde. Das ist, als wollte man ein Haus auf schlampig gelegten Fundamenten errichten: Es sieht vielleicht zunächst ganz gut aus, aber wie lange wird es halten? Gerade bei den Fundamenten empfiehlt es sich, dass man sich Zeit nimmt und Sorgfalt walten lässt. Dann haben Sie einen stabilen Unterbau, wenn es an die höheren »Stockwerke« geht, die Glückseligkeitsstufen der Meditation.

Erste Stufe: Gewahrsein im Augenblick

Bei Einführungen in die Meditation beginne ich gern mit der simplen Übung, den Ballast der Vergangenheit und Zukunft abzuwerfen. Vielleicht denken Sie jetzt, das sei einfach, aber das stimmt nicht. Die Vergangenheit loslassen heißt, dass wir nicht an unsere Arbeit, unsere Familie, unsere Verpflichtungen, unsere Aufgaben, unsere guten und schlechten Kindheitserfahrungen und dergleichen denken. Sie überlassen alles Vergangene sich selbst, indem Sie ihm keinerlei Interesse zuwenden. Beim Meditieren werden Sie jemand, der oder die keine Geschichte hat. Wo Sie jetzt leben, wo Sie geboren wurden, wer Ihre Eltern sind, wie Ihre Erziehung aussah – an all das denken Sie jetzt nicht. Sie sehen von der ganzen Geschichte ab. Falls Sie zusammen mit anderen meditieren, macht dieser Verzicht alle gleich: einfach Meditierende und sonst nichts. Es wird auch unwichtig, ob Sie in der Meditation ein alter Hase sind oder eben erst anfangen.
Wenn wir auf unsere Geschichte verzichten, sind wir gleich und frei. Wir machen uns frei von einem Großteil der Sorgen, Ansichten und Gedanken, die uns einschränken und den Frieden des Loslassens nicht zulassen. Schließlich fällt unsere Geschichte so ganz und gar von uns ab, dass nicht einmal die Erinnerung an eben erst Geschehenes bleibt. Es interessiert uns nicht mehr, und wir überlassen es sich selbst. Es hallt nicht mehr in uns nach.
Ich vergleiche diesen Zustand gern mit dem, was man als schalltoten Raum bezeichnet. Was an Erfahrungen, Wahrnehmungen und Gedanken auf die Wände dieses Raums trifft, wird nicht zurückgeworfen, sondern gleichsam vom Isolationsmaterial verschluckt: Es bleibt dort. Vergangenes hat keinen Nachhall in unserem Bewusstsein. Meist denken wir ja, wir könnten aus der Betrachtung unserer Vergangenheit etwas lernen, was uns besser mit unseren Problemen umzugehen erlaubt. Aber der Blick in die Vergangenheit geht immer durch eine Zerrlinse. Wir denken, das Vergangene sei so und so gewesen, aber in Wahrheit stimmt das gar nicht. Deshalb gibt es so häufig Streit über Dinge, die gerade einmal fünf Minuten zurückliegen.
Der Verkehrspolizei ist bestens bekannt, dass zwei Augenzeugen eines Unfalls, die beide völlig integer sein können, manchmal völlig unterschiedliche Darstellungen des Hergangs geben. Wenn wir uns klargemacht haben, wie unzuverlässig unser Gedächtnis ist, werden wir die Vergangenheit nicht mehr gar so wichtig nehmen. Wir können sie begraben wie einen verstorbenen Menschen. Wir setzen den Sarg oder die Urne bei, und mehr ist mit dem Leichnam nicht zu tun.
Verweilen Sie nicht bei Vergangenem. Tragen Sie keine Särge voller toter Augenblicke durchs Leben, das alles ist schwerer Ballast, der nicht wirklich etwas mit Ihnen zu tun hat. Überlassen Sie die Vergangenheit sich selbst, und Sie sind frei für den gegenwärtigen Augenblick. Und die Zukunft – Vorfreude, Befürchtungen, Pläne, Erwartungen – können Sie gleich mit über Bord werfen. Der Buddha hat einmal gesagt: »Wie auch immer du glaubst, dass es kommen wird, es kommt immer anders« (MN 113,21). Die Zukunft ist unbekannt, ungewiss, unvorhersehbar – die Weisen wissen das. Der Zukunft vorgreifen zu wollen bringt schon im Alltagsleben oft nichts ein; beim Meditieren ist es einfach Zeitverschwendung.

Der Geist ist wunderbar und sonderbar

Beim Umgang mit dem eigenen Geist stellt sich heraus, dass er seine Mucken hat. Er vermag Wunderbares und Erstaunliches. Wem es beim Meditieren schwerfällt, inneren Frieden zu finden, wird vielleicht am Beginn der Meditation denken, dass ihm wieder mal eine frustrierende Stunde bevorsteht. Aber völlig unverhofft geschieht dann etwas ganz anderes: Man erwartet einen weiteren Fehlversuch, und trotzdem ist plötzlich der Frieden der Meditation da.
Das kann so aussehen, wie ich es unlängst von einem Mann gehört habe, der an seiner ersten zehntägigen Meditationsklausur teilnahm. Am Ende des ersten Tages hatte er solche Schmerzen, dass er nach Hause gehen wollte. Der Lehrer sagte: »Bleiben Sie noch einen Tag, und die Schmerzen werden vergehen, das verspreche ich Ihnen.« Also blieb der Mann noch einen Tag, aber die Schmerzen wurden eher noch schlimmer. Wieder wollte er nach Hause gehen, aber der Lehrer wiederholte: »Bleiben Sie nur noch einen Tag, und der Schmerz wird vergehen.« So blieb er auch den dritten Tag, aber der Schmerz nahm zu. So ging es bis zum neunten Tag, und jeden Abend bat er den Lehrer, nach Hause gehen zu dürfen. Der aber blieb dabei: »Bleiben Sie nur noch einen Tag, und der Schmerz wird vergehen.« Dann kam für diesen Mann die große Überraschung: Bei der ersten Sitzrunde am zehnten Tag blieb der Schmerz aus und kam auch nicht wieder. Er konnte lange ununterbrochen sitzen – kein Schmerz. Staunend vermerkte er, wie voller Wunder dieser Geist ist und etwas bewirken kann, womit er nie gerechnet hätte. Also, Sie können die Zukunft nicht vorher kennen. Sie kann so seltsam, so fremdartig, so völlig anders als Ihre Erwartung sein. Erlebnisse, wie dieser Mann sie hatte, können Ihnen das Wissen und den Mut geben, alle Gedanken und Zukunftserwartungen einfach fallen zu lassen.
Sollten Ihnen bei der Meditation Gedanken wie diese kommen: »Wie viele Minuten sind wohl noch übrig? Wie lange muss ich das hier noch ertragen?«, dann ist das einfach Ihr Abschweifen in die Zukunft. Der Schmerz kann jeden Augenblick verschwinden. Wir wissen nur nicht, wann es sein wird.
Während einer längeren Meditationsklausur denken Sie vielleicht, dass Ihre Meditation nicht viel wert ist. Aber schon in der nächsten Meditationsperiode kann es sein, dass Sie sich hinsetzen, und plötzlich ist alles ganz friedlich, ganz leicht. »Donnerwetter«, denken Sie, »jetzt habe ich den Bogen heraus!« Aber schon in der nächsten Runde ist alles wieder so schrecklich wie zuvor. Was geht da vor sich?
Mein erster Meditationslehrer sagte etwas zu mir, was ich damals ziemlich merkwürdig fand: »Es gibt keine schlechte Meditation.« Aber er hatte Recht. Bei den Meditationen, die wir schlecht oder enttäuschend finden, leisten wir einfach die Schwerarbeit für unseren »Lohn«. Das ist wie bei einem Arbeiter, der den ganzen Montag geschuftet hat, aber am Abend kein Geld bekommt. »Wozu mache ich das überhaupt?«, denkt er. Dann arbeitet er den ganzen Dienstag und bekommt immer noch nichts. Wieder ein schlechter Tag. Mittwoch und Donnerstag das gleiche Spiel, und immer noch kein Ergebnis. Vier miserable Tage hintereinander. Dann kommt der Freitag. Er tut die gleiche Arbeit wie an den Tagen davor, aber nach Feierabend kommt der Chef und gibt ihm seine Lohntüte. »Ah, toll! Aber warum kann nicht jeder Tag Zahltag sein?«
Warum zahlt sich nicht jede Meditation sofort aus? Verstehen Sie den Vergleich? In den schwierigen Phasen bauen Sie Ihr »Guthaben« auf, aus dem sich schließlich Ihr Erfolg speist. Während der schwierigen Meditationen sammeln Sie die Kraft, die Ihnen Schwung für den inneren Frieden gibt. Wenn das Guthaben ausreicht, lässt Ihr Geist eine gute Meditation zu: Zahltag. Machen Sie sich aber klar, dass Sie die meiste Arbeit während der sogenannten schlechten Meditationen geleistet haben.

Vergangenheit und Zukunft sind Ballast

Während eines von mir geleiteten Meditationsretreats war eine der Teilnehmerinnen zum persönlichen Gespräch bei mir und sagte, sie sei den ganzen Tag böse auf mich gewesen, aber aus zwei ganz verschiedenen Gründen. Bei den ersten Sitzrunden hatte sie sich sehr schwer getan und nahm es mir übel, dass ich nicht früh genug abläutete. Später kam sie dann in so köstliche, friedvolle Zustände, dass sie meinte, ich läutete immer viel zu früh ab. Natürlich waren alle Sitzperioden gleich lang gewesen, immer genau eine Stunde.
Wer vorgreift und denkt: »Wann wird endlich die Glocke angeschlagen?«, der quält sich nur selbst. »Wie viele Minuten noch?« oder »Was soll ich bloß machen?« – nehmen Sie solchen Gedankenballast gar nicht erst an Bord, denn er zeigt nur, dass Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit nicht bei dem sind, was eben jetzt geschieht. So machen Sie es sich nur unnötig schwer. Und Sie meditieren nicht.
Achten Sie gerade in diesem Anfangsstadium darauf, dass Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit so intensiv beim gegenwärtigen Augenblick bleiben, dass Sie nicht einmal mehr wissen, wie spät es ist oder welcher Tag ist. Vormittag? Nachmittag? Ich weiß nicht. Sie wissen nur noch, was eben jetzt für ein Augenblick ist. So gelangen Sie in diese wunderbare »Klosterzeit«, in der Sie einfach nur im Augenblick meditieren. Sie wissen nicht, wie viele Minuten schon verstrichen sind oder noch bevorstehen. Sie wissen nicht einmal mehr den Wochentag.
Als junger Mönch in Thailand habe ich einmal sogar die aktuelle Jahreszahl vergessen. Es ist herrlich, in dieser Zeitlosigkeit zu leben, diesem Raum, in dem so viel mehr Freiheit ist als in unserer normalen Welt, in der die Zeit alles bestimmt. Im Reich der Zeitlosigkeit erleben Sie nur diesen Augenblick, wie es alle Weisen seit Jahrtausenden getan haben. Sie sind in der Wirklichkeit des Jetzt angekommen.
Die Realität des Jetzt ist unvergleichlich und staunenswert. Es ist, als würden Sie jetzt erst lebendig, wo Sie alle Vergangenheit und Zukunft preisgegeben haben. Sie sind hier. Sie sind achtsam. Das ist die erste Stufe der Meditation, nur diese Achtsamkeit, die allein dem Augenblick gilt. Wenn Sie dahin gelangt sind, haben Sie eine Menge erreicht. Sie haben die erste Last abgeschüttelt, die tiefe Meditation verhindert. Deshalb ist es wichtig, sich alle Mühe zu geben, damit diese erste Stufe stark, fest und sicher wird.

Zweiter Schritt: Stilles Gewahrsein im Augenblick

In der Einleitung habe ich das Ziel dieser Meditation umrissen: wunderbare äußere und innere Stille und ein klarer Geist, aus dem die tiefsten Einsichten zu schöpfen sind. Sie haben die erste Last, die tiefe Meditation verhindert, abgeworfen. Jetzt geht es um noch schönere und echtere Stille des Geistes.

Stille heißt: keine Kommentare

Für das Verständnis dieser zweiten Stufe ist es hilfreich, wenn wir den Unterschied zwischen der Erfahrung des stillen Gewahrseins im Augenblick und unseren Gedanken darüber klären. Dazu kann der Vergleich mit einem Tennismatch im Fernsehen dienen. Vielleicht fällt Ihnen auf, dass da eigentlich zwei Spiele gleichzeitig laufen: Das eine sehen Sie auf dem Bildschirm, das andere hören Sie als laufenden Kommentar. Der Kommentar ist oft nicht ganz unparteiisch. Wenn beispielsweise ein Australier gegen einen Amerikaner spielt, hören sie im australischen Fernsehen einen anderen Kommentar als im amerikanischen. Wir können nun das Verfolgen des Spiels ohne Ton für das stille Gewahrsein beim Meditieren nehmen; das Verfolgen des Kommentars würde dann dem Nachdenken über die Meditation entsprechen. Vielleicht verstehen Sie jetzt, dass Sie der Wahrheit näher sind, wenn Sie ohne den Kommentar zuschauen, wenn nichts als das schweigende Gewahrsein des gegenwärtigen Augenblicks da ist.
Wir bilden uns gern ein, wir verstünden die Welt erst aufgrund unseres inneren Kommentars richtig. Tatsächlich kann das innere Sprechen die Welt überhaupt nicht verstehen. Erst das innere Sprechen schafft all die Einbildungen, denen wir leidvolle Erfahrungen verdanken. Inneres Sprechen lässt uns unseren Feinden böse sein oder auf bedenkliche Weise an geliebten Menschen hängen. Alle Probleme des Lebens kommen vom inneren Sprechen. Es erzeugt Befürchtungen und Schuldgefühle, Angst und Depression. Es baut diese Illusionen so flink und geschickt auf, wie ein guter Schauspieler sein Publikum in Angst und Schrecken versetzen oder zu Tränen rühren kann. Wenn Sie also die Wahrheit suchen, dann halten Sie sich an das stille Gewahrsein, und nehmen Sie es beim Meditieren wichtiger als jeglichen Gedanken.
Das stille Gewahrsein verhindern wir vor allem dadurch, dass wir unseren Gedanken so viel Bedeutung beimessen. Da ist es klug, den Gedanken einfach diese Bedeutung zu nehmen und sich klarzumachen, dass stilles Gewahrsein treffender ist. Das öffnet die Tür zur inneren Stille.
Dem inneren Kommentar können wir durch Verfeinerung unseres Jetzt-Gewahrseins begegnen. Jeder Augenblick wird so voll und ganz wahrgenommen, dass wir gar keine Zeit mehr finden, das eben Gewesene zu kommentieren. Ein Gedanke besteht ja oft aus einer Meinungsäußerung: »Das war gut« oder »Das war schwer daneben« oder »Was war das?«. Da geht es immer um das eben Erlebte. Wenn Sie das gerade Vergangene kommentieren oder auch nur vermerken, achten Sie nicht auf das, was sich jetzt gerade abspielt.
Man könnte auch sagen: Sie sind so mit den bereits eingetroffenen Gästen beschäftigt, dass Sie die neu ankommenden Besucher nicht mehr recht wahrnehmen. Betrachten Sie Ihren Geist einmal als jemanden, der eine Party gibt und die Gäste an der Tür empfängt. Wenn Sie jemandem öffnen und sich gleich auf ein Gespräch mit ihm oder ihr einlassen, werden Sie Ihrer Rolle als Gastgeber nicht gerecht, und die besteht darin, jedem weiteren Gast mit der gleichen Aufmerksamkeit zu begegnen. Es kommt alle Augenblicke jemand herein, also empfangen Sie den, der eben jetzt eintritt, und dann mit der gleichen Aufmerksamkeit sofort den nächsten und den nächsten. Nicht den kleinsten Plausch können Sie sich erlauben, denn wie wollen Sie dann für den nächsten eintretenden Gast voll da sein? Beim Meditieren kommen die Erfahrungen eine nach der anderen durch unsere Sinne herein. Wenn Sie eine dieser Erfahrungen achtsam empfangen, dann aber ein Gespräch mit ihr beginnen, entgeht Ihnen die nächste Erfahrung, die sich sofort anschließt.
Bleiben Sie aber vollkommen im Augenblick und bei jeder Erfahrung, bei jedem neu in Ihr Bewusstsein eintretenden Gast, dann bleibt einfach kein Raum für inneres Sprechen. Sie können nicht mit sich selbst plaudern, weil Sie vollkommen damit beschäftigt sind, alles neu Ankommende aufmerksam zu empfangen. So verfeinern Sie das Jetzt-Gewahrsein bis zu dem Punkt, wo es jederzeit stilles Gewahrsein des Augenblicks ist.
Mit der inneren Stille werden Sie eine weitere Bürde los. Es ist, als hätten Sie dreißig, wenn nicht fünfzig Jahre lang ständig einen schweren Rucksack geschleppt und mühsam Kilometer für Kilometer für Kilometer zurückgelegt. Jetzt haben Sie etwas Neues gehört und allen Mut zusammengenommen und den Rucksack einfach mal abgesetzt. Sie fühlen sich frei und leicht, so unendlich erleichtert.
Für den Zugang zur inneren Stille ist es auch nützlich, die Lücken zwischen den Gedanken oder zwischen Abschnitten des inneren Plapperns zu beachten. Achten Sie mit geschärfter Wachsamkeit auf den Punkt, wo ein Gedanke zu Ende ist und der nächste noch nicht begonnen hat – da! Das ist stilles Gewahrsein. Sie werden es vielleicht anfangs nur kurzzeitig erhaschen, aber wenn Sie diese flüchtige Stille einmal erkannt haben, wird sie Ihnen geläufig und hält dann auch länger an. Sie genießen die Stille zunehmend, nachdem Sie sie endlich gefunden haben, und deshalb wächst sie. Aber denken Sie daran, die Stille ist ein scheues Wild. Kaum merkt sie, dass Sie über sie reden, schon ist sie weg.

Stille ist köstlich

Es wäre uns allen wirklich zu wünschen, dass wir das innere Reden sein lassen können, um so lange im stillen Gewahrsein des gegenwärtigen Augenblicks zu verweilen, dass wir seine Köstlichkeit wirklich schmecken. Stille bringt so viel mehr Einsicht, Wissen und Klarheit hervor als das Denken. Wer das spürt, dem wird die Stille immer verlockender und wichtiger. Der Geist neigt immer mehr zu dieser Stille, er sucht sie, bis er sich auf das Denken überhaupt nur noch einlässt, wenn es wirklich notwendig ist und einem sinnvollen Zweck dient. Wenn wir nämlich einmal erkannt haben, dass unser Denken größtenteils gegenstandslos ist, dass es uns außer Kopfweh nicht viel einbringt, sind wir heilfroh, wenn wir möglichst oft und möglichst lange in der inneren Stille verweilen können.
Die zweite Stufe der Meditation ist also das stille Jetzt-Gewahrsein. Vielleicht möchten Sie sich viel Zeit lassen, um diese ersten beiden Schritte wirklich zu erlernen, denn damit ist schon sehr viel erreicht. In diesem stillen »nur jetzt« finden wir Frieden und Freude und immer mehr Weisheit.

Dritter Schritt: Stilles Jetzt-Gewahrsein des Atems

Wenn wir weitergehen möchten, bleiben wir nicht beim stillen Gewahrsein all dessen, was sich gerade im Bewusstsein einstellt, sondern beschränken uns auf das stille Jetzt-Gewahrsein eines einzigen Inhalts. Diese eine Sache kann zum Beispiel der Atem sein oder die Idee der Güte (Mettā), ein innerlich visualisierter farbiger Kreis (Kasina) und etliche andere weniger gebräuchliche Brennpunkte der Aufmerksamkeit. Ich werde Ihnen das stille Jetzt-Gewahrsein des Atems vorstellen.

Einheit und Vielheit

Die Entscheidung, sich auf einen einzigen Inhalt zu beschränken, bedeutet eine Abkehr von der Vielheit und die gleichzeitige Hinwendung zu ihrem Gegenteil, der Einheit. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit zunehmend und immer anhaltender auf eine einzige Sache ausrichten, nehmen Frieden, Glück und Kraft spürbar zu. Uns fällt auf, dass das normale Vielerlei des Bewusstseins ebenfalls eine schwere Last ist. Ungefähr so, als hätte man sechs Telefone auf dem Schreibtisch, die alle zugleich klingeln. Wenn Sie das auf eine einzige (und zudem private) Leitung reduzieren, sind Sie so erleichtert – es ist die reine Seligkeit. Sie müssen das Vielerlei wirklich als Last sehen können, wenn Sie fähig werden wollen, sich allein auf den Atem zu konzentrieren.

Sorgfalt und Geduld sind der schnellste Weg

Wenn Sie das stille Jetzt-Gewahrsein über längere Zeit gewissenhaft geübt haben, wird es Ihnen nicht schwerfallen, die Aufmerksamkeit auf den Atem auszurichten und ihm Augenblick für Augenblick lückenlos zu folgen. Die beiden Haupthindernisse haben Sie nämlich bereits überwunden: den Hang, sich in Gedanken über Vergangenheit und Zukunft zu verlieren, und das innere Gerede. Deshalb spielen die beiden vorbereitenden Stufen des Jetzt-Gewahrseins und des stillen Jetzt-Gewahrseins in meinen Meditationskursen eine wichtige Rolle als solide Grundlage für die tiefere Meditation über den Atem.
Viele beginnen schon mit der Atemmeditation, wenn ihr Bewusstsein noch zwischen Vergangenheit und Zukunft hin und her springt und ihre Aufmerksamkeit völlig vom inneren Kommentar in Anspruch genommen ist. Ohne ordentliche Vorbereitung fällt ihnen die Atemmeditation schwer oder ist gänzlich unmöglich, sodass sie frustriert aufgeben.
Sie haben nicht an der richtigen Stelle angesetzt. Sie haben gleich den Atem zum Brennpunkt ihrer Aufmerksamkeit gemacht und sich die vorbereitenden Übungen gespart. Aber wenn Sie Ihren Geist durch die ersten beiden Schritte gut vorbereitet haben und dann erst zur Atemmeditation übergehen, werden Sie die Aufmerksamkeit mühelos beim Atem halten können. Wenn es Ihnen schwerfällt, beim Atem zu bleiben, ist das ein Zeichen dafür, dass Sie die ersten beiden Schritte zu hastig gemacht haben. Gehen Sie zurück zu den vorbereitenden Übungen. Sorgfalt und Geduld sind der schnellste Weg.

Es spielt keine Rolle, wo Sie den Atem beobachten

Bei der Sammlung auf den Atem geht es um das Atmen, das eben jetzt geschieht. Sie erleben ja, ob er gerade einströmt oder ausströmt oder sich in der Umschlagphase dazwischen befindet. Es gibt Lehrer, die dazu raten, sich auf das Strömen der Luft an der Nasenspitze zu konzentrieren. Andere empfehlen, ihn anhand der Bauchbewegungen zu verfolgen oder hierhin und dahin zu bewegen. Ich habe aus meiner Erfahrung gelernt, dass es keine Rolle spielt, wo Sie den Atem beobachten. Es ist sogar besser, ihn mit keiner bestimmten Stelle zu verbinden. Wenn Sie die Nasenspitze wählen, wird es »Nasengewahrsein«, aber nicht Atemgewahrsein; wenn Sie die Bewegungen der Bauchdecke verfolgen, wird es »Bauchgewahrsein«. Fragen Sie sich doch einfach jetzt gleich: »Atme ich gerade ein oder aus? Woher weiß ich das?« Na bitte! Dieser Erfahrung, die Ihnen sagt, was der Atem gerade macht, auf die sammeln Sie sich. Fragen Sie nicht weiter nach der Lokalisierung dieser Erfahrung. Richten Sie sich einfach auf die Erfahrung selbst aus.

Der Hang zur Atemkontrolle

Ein häufiges Problem dieses Stadiums ist ein Hang zur Atemkontrolle, der das Atmen beschwerlich macht. Das lässt sich beheben, wenn Sie sich vorstellen, dass Sie in einem Auto einfach mitfahren und durch die Scheibe Ihren Atem betrachten. Sie sind weder der Fahrer noch der Besserwisser daneben oder auf dem Rücksitz. Geben Sie also keinerlei Anweisungen, überlassen Sie alles dem Fahrer, und genießen Sie die Fahrt. Lassen Sie den Atem für sich selbst sorgen, und schauen Sie einfach nur zu.
Wenn Sie etwa hundert Atemzüge lang ohne Unterbrechung wahrnehmen können, wie der Atem ein und aus geht, haben Sie die dritte Stufe erreicht: anhaltende Aufmerksamkeit auf den Atem. Sie werden spüren, dass Frieden und Freude hier noch tiefer sind. Im nächsten Schritt gehen wir noch weiter.

Vierter Schritt: Volle anhaltende Aufmerksamkeit auf den Atem

Dahin gelangen Sie, wenn Ihre Aufmerksamkeit sich so weit verfeinert, dass sie jede einzelne Phase des Atmens erfasst. Sie erleben das Einatmen vom allerersten Augenblick an, wenn die erste feine Empfindung von Einatmen einsetzt. Dann verfolgen Sie, wie diese Empfindungen sich über den ganzen Verlauf des Einatmens entwickeln, nichts davon entgeht Ihnen. Wenn das Einatmen endet, bemerken Sie auch das. Sie sehen vor dem inneren Auge diese letzte Regung von Einatmen. Den nächsten Augenblick nehmen Sie als Pause wahr, und es folgen viele weitere Pausen-Augenblicke, bis Sie die erste Regung von Ausatmen spüren. Sie sehen den ersten Augenblick des Ausatmens und dann alle weiteren Empfindungen im Fortgang des Ausatmens, bis diese Phase ihr natürliches Ende findet. All das geschieht still und immer im Augenblick.

Aus dem Weg gehen

Viele hundert Atemzüge lang erfahren Sie ununterbrochen jede kleinste Phase des Einatmens und Ausatmens. Deshalb heißt dieser Schritt »volle anhaltende Aufmerksamkeit auf den Atem«. Sie erreichen diese Stufe nicht durch Anstrengung oder irgendein Festhalten und Dirigieren. In diese Stille kommen Sie nur, wenn Sie alles außer dieser Augenblickserfahrung des still seinen Lauf nehmenden Atems loslassen. Eigentlich erreichen nicht Sie diese Stufe, sondern der Geist. Der Geist tut die Arbeit. Der Geist erkennt auch, dass es hier sehr friedlich und wohlig ist: einfach nur mit dem Atem allein sein. Hier beginnt der Macher zu verschwinden, der einen Großteil unseres Egos bildet.
Auf dieser Stufe merken wir auch, dass unsere Fortschritte in der Meditation immer müheloser werden. Wir brauchen nur aus dem Weg zu gehen, loszulassen und zuzuschauen. Der Geist neigt, wenn wir ihn nur lassen, ganz von selbst zu dieser schlichten, friedvollen und köstlichen Einheit des Alleinseins mit einer einzigen Sache: von Augenblick zu Augenblick nichts als der Atem. Das ist die Einheit des Geistes, die Einheit im Augenblick, die Einheit in der Stille.

Der Beginn des »schönen« Atems

Die vierte Stufe bezeichne ich gern als das »Sprungbrett« der Meditation, weil man von hier aus in die glückseligen Zustände eintauchen kann. Wenn wir nämlich in dieser Einheit des Bewusstseins bleiben, ohne sie zu stören, wird der Atem allmählich verschwinden. Der Atem selbst scheint zu verblassen, während der Geist sich immer mehr auf das sammelt, was das Zentrum der Atemerfahrung bildet: Friede, Freiheit und Glücksgefühle einer nie gekannten Art.
An dieser Stelle führe ich den Begriff »schöner Atem« ein. Der Geist erkennt die außerordentliche Schönheit des friedvollen Atems. Wir sind uns dieses schönen Atems Augenblick für Augenblick bewusst und lassen darin keine Unterbrechung zu. Wir nehmen nichts anderes als den schönen Atem wahr, mühelos und über lange Zeit.
Wenn der Atem nun verschwindet, bleibt, wie ich im nächsten Kapitel noch näher erläutern werde, einzig »das Schöne« übrig. An nichts gebundene Schönheit wird zum einzigen Betrachtungsgegenstand des Geistes. Eigentlich macht der Geist sich selbst zu seinem Betrachtungsgegenstand. Wir wissen nichts mehr von Atem, Körper, Gedanken, Lauten oder einer Außenwelt. Wir erfahren einfach Schönheit, Frieden, Glück, Licht oder wie auch immer wir die Erfahrung später benennen mögen. Wir erleben ununterbrochen und mühelos Schönheit, aber nicht etwas, das schön wäre. Das innere Gerede, all die Beschreibungen und Einschätzungen, haben wir längst hinter uns gelassen. Der Geist ist jetzt so still, dass er nichts mehr sagen kann. Die erste Knospe von innerem Glücksgefühl springt auf. Das wird wachsen und sich entwickeln, bis es stark und sicher ist. Und dann treten wir in die meditativen Zustände ein, die Jhānas genannt werden.
 

Sie haben jetzt die ersten vier Stadien der Meditation kennengelernt. Es ist wichtig, dass Sie sich auf jeder Stufe ganz sicher fühlen, bevor Sie zur nächsten übergehen. Bitte lassen Sie sich bei diesen ersten vier Schritten viel Zeit, damit es feste und sichere Schritte werden. Das volle anhaltende Gewahrsein des Atems von Augenblick zu Augenblick und ohne jegliche Unterbrechung sollten Sie mühelos über zwei- bis dreihundert Atemzüge halten können. Das soll nicht heißen, dass Sie bei dieser Übung Ihre Atemzüge zählen sollen; ich will Ihnen nur ein grobes Richtmaß geben: So lange sollten Sie ohne jede Ablenkung bei dieser Übung bleiben können, bevor Sie zur nächsten Stufe übergehen. Beim Meditieren, um diesen wichtigen Satz noch einmal zu wiederholen, sind Sorgfalt und Geduld der schnellste Weg.

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AUFBAUKURS MEDITATION
In diesem Kapitel betrachten wir die drei höheren Stufen der Meditation: die volle anhaltende Aufmerksamkeit auf den schönen Atem (5), die Erfahrung des schönen Nimitta (6) und Jhāna (7).

Fünfter Schritt: Volle anhaltende Aufmerksamkeit auf den schönen Atem

Dieser Schritt ergibt sich oft nahtlos und ganz natürlich aus den vorangehenden Stadien. Wie wir schon im vorigen Kapitel angesprochen haben, kommt der Atem zur Ruhe, wenn unsere volle Aufmerksamkeit anstrengungslos und stetig auf der Erfahrung des Atmens ruht und nichts den gleichmäßigen Strom des Gewahrseins unterbricht. Der gewohnte unregelmäßige Atem wird dann zum sehr ebenmäßigen und friedvollen »schönen Atem«. Der Geist nimmt diese Schönheit wahr und freut sich daran. Er empfindet eine tiefer werdende Zufriedenheit. Es genügt ihm völlig, dass er einfach nur diesen schönen Atem betrachtet, er muss dazu nicht gezwungen werden.

Nichts tun

»Sie« tun dabei gar nichts. Wenn Sie hier etwas zu tun versuchen, stören Sie nur den Ablauf. Die Schönheit geht verloren. Es ist wie bei dem uralten indischen Brettspiel »Schlangen und Leitern«: Wer nach dem Würfeln das Pech hat, auf einem Schlangenkopf zu landen, muss etliche Felder zurück. Von diesem Stadium der Meditation an muss der Macher einfach verschwinden. Sie sind nur noch Erkennender, Sie betrachten, ohne einzugreifen.
Es gibt hier einen nützlichen Trick. Sie unterbrechen die innere Stille für einen Augenblick und sagen sich ohne jeden Nachdruck: »Ruhe.« Das ist alles. In diesem Stadium der Meditation ist der Geist für gewöhnlich schon so empfänglich und bereit, dass er die Anweisung ohne Widerrede befolgt. Der Atem wird ruhiger, und der schöne Atem kommt zum Vorschein.
Bei der passiven Betrachtung des schönen Atems lassen wir die Wahrnehmung von »ein« und »aus« und aller Stadien eines Atemzuges verblassen. Schließlich bleibt nur das Erleben des schönen Atems eben jetzt übrig. Es beschäftigt uns nicht mehr, in welchem Teil des Zyklus wir uns gerade befinden und wo im Körper das zu spüren ist. Der Gegenstand der Meditation wird also einfacher. Wir erleben einfach Atem, ohne alle überflüssigen Details. Wir lassen die Dualität von »ein« und »aus« hinter uns und nehmen nur den schönen Atem wahr, der so glatt und ebenmäßig strömt, als hätte er gar keine Phasen mehr.
Tun Sie wirklich überhaupt nichts, und erleben Sie einfach, wie leicht und schön und zeitlos der Atem werden kann. Wie ruhig können Sie ihn werden lassen? Schwelgen Sie im schönen Atem – immer noch ruhiger, immer noch schöner.

Nur »Schönheit« bleibt übrig

Bald wird der Atem verschwinden, aber nicht dadurch, dass Sie es so wollen, sondern dann, wenn genügend Ruhe eingekehrt ist und nur noch das »Zeichen« des Schönen übrig bleibt.
Das lässt sich an einer Stelle in Lewis Carrolls Alice im Wunderland 4 verdeutlichen. Alice erschrickt, als sie auf einem Ast die Grinsekatze sitzen sieht, die ihrem Namen alle Ehre macht. Sie ist wie all die sonderbaren Wesen im Wunderland von der Eloquenz eines Politikers und redet Alice in dem sich entspinnenden Gespräch nicht nur mühelos nieder, sondern verschwindet außerdem zwischendurch urplötzlich, um dann ebenso unvermittelt wieder aufzutauchen. Alice kann sich eine Bemerkung darüber nicht verkneifen:
»… und ich würde mir auch wünschen, dass du nicht dauernd so plötzlich auftauchst und verschwindest. Da wird einem ja ganz schwindlig.« »Aber gern«, sagte die Katze und verschwand diesmal ganz langsam, zuerst die Schwanzspitze, zuletzt das Grinsen, das noch eine Weile blieb, nachdem alles andere schon weg war. »Also«, überlegte Alice, »eine Katze ohne Grinsen habe ich ja schon öfters gesehen, aber ein Grinsen ohne Katze! Das ist das Merkwürdigste, was ich in meinem ganzen Leben je gesehen habe!«
Diese Szene schildert geradezu unheimlich genau, was uns in der Meditation erwartet. Wie die Katze verschwindet und nur ihr Grinsen hinterlässt, so verschwinden auch Körper und Atem des Meditierenden und zurück bleibt nichts als die Schönheit. Und er wird ähnlich staunen wie Alice, wenn er diese frei schwebende Schönheit erlebt, die an nichts mehr gebunden ist, nicht einmal an den Atem.
Schönheit oder genauer gesagt das »Zeichen« des Schönen ist der nächste Schritt auf diesem Weg der Meditation. Das Pāli-Wort für »Zeichen« lautet Nimitta. Deshalb heißt die nächste Stufe »Erfahrung des schönen Nimitta«.

Sechster Schritt: Die Erfahrung des schönen Nimitta

Zu dieser Erfahrung kommt es, wenn wir Körper, Denken und die fünf Sinne (einschließlich des Atemgewahrseins) so vollständig losgelassen haben, dass nur noch das schöne geistige Zeichen, ein Nimitta, übrig bleibt.
Dieses rein geistige Zeichen ist in der Landschaft des Geistes (Citta)