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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Kennst du mich noch?
Ich war bei dir,
als du deinen ersten Atemzug tatest,
ich war bei dir noch heute Morgen,
als du erwachtest,
und ich werde bei dir sein,
wenn dein Atem
sich mit dem Atem der Unendlichkeit vereint.
Ich werde dich erwarten
am anderen Ufer.
Ich werde dich an der Hand nehmen,
und du wirst weinen vor Freude,
nicht allein zu sein.
Du warst nie allein.
Nicht einen Augenblick
warst du getrennt von mir.
Weder in der Trübsal deiner Tage,
noch in der Pein deiner Nächte,
weder im Rausch des Vergessens
noch im Rausch des Glücks
warst du allein.
Ich reichte dir das Glas,
ich trank mit dir.
Ich weinte und lachte mit dir.
Ich hielt dir das Licht,
wenn du deinen Weg suchtest,
und ich hüllte dich in die Decke der Dunkelheit,
wenn du vergessen wolltest.
Ich schritt dir voran,
wohin du auch gingst,
und bereitete dir den Weg.
Ich ging hinter dir
und gab dir Schutz.
Während du schliefst,
hielt ich Wacht für dich.
Ich warte auf dich.
Ich habe keine Eile.
Eines Tages
erkennst du mich.

Einführung
Wenn wir unsere Ansicht darüber ändern, wer wir
sind – und uns selbst als kreative, ewige Wesen
mit körperlicher Erfahrung sehen können, miteinander
verbunden auf der existenziellen Ebene, die wir
Bewusstsein nennen -, dann beginnen wir diese Welt,
in der wir leben, ganz anders zu sehen und zu erschaffen.
 
Dr. Edgar Mitchell, Astronaut, in Bleep
 
 
Trotz des materiellen Überflusses, den wir in den Ländern der »ersten Welt« allgemein genießen, leiden wir in unserer Gesellschaft an einer enormen seelischen Armut. Wenn wir unsere Welt betrachten, ist es offensichtlich, dass ein unterschwelliger Mangel uns rastlos und unzufrieden macht, stets auf der Suche nach »mehr«. Wir alle sind nach irgendetwas süchtig – nach Ablenkung, Zerstreuung, Unterhaltung, nach Liebe, Geld, Macht, Anerkennung, nach Aktion, Reiz oder Droge, nach Fernsehen, Beziehung, Sex, Internet, Videospielen oder Telefonieren. Oder ganz einfach nach »etwas«. Wenn »nichts« da ist, werden wir zappelig, und schnell muss wieder »etwas« her. Wir werden deshalb unruhig, weil wir in der Leere – in den Momenten, wo keine Ablenkung da ist – spüren, dass uns etwas fehlt. Dieses Gefühl ist unangenehm, ist schwer zu ertragen, und deshalb blenden wir es ganz schnell aus und beschäftigen uns wieder mit »etwas«. Das ist es, was ich Sucht nenne. Dieses Etwas kann darin bestehen, dass ich zum Telefonhörer greife und eine Freundin anrufe, dass ich aufstehe, um mir eine Tasse Kaffee zu machen, oder eine Zigarette anzünde oder denke: »Ich könnte mal wieder den Keller aufräumen.« Selbst auf dem spirituellen Weg kann unsere Suche den Charakter von Sucht annehmen. Wir sind dann mit dem Weg, den wir gehen, oder mit unserem Vorankommen auf diesem Weg nie ganz zufrieden. Vielleicht ist es nicht der richtige Weg … Wir probieren andere aus. Vielleicht müssen wir früher aufstehen, mehr üben, noch gesünder essen, mehr Qi Gong oder was auch immer praktizieren … Irgendetwas scheint immer zu fehlen – und fehlt in der Tat.
Wenn wir jedoch das Eine, Einfache, das fehlt, gefunden haben, ergibt sich alles andere von selbst: ob und was wir üben, tun, lernen müssen oder ob wir alles und uns selber einfach sein lassen können. Das Eine, Einfache, das fehlt, ist die Intimität. Die Intimität mit uns selber, mit unserem Leben, mit der Welt um uns her. Intimität erfüllt uns mit einem inneren Glück, ja, Intimität ist der Kern des Glücks.
Intim kommt aus dem Lateinischen und bedeutet »innerst, vertrautest« mit der Zusatzbedeutung (lt. Duden) »verborgen, geheim«. Intimität bedeutet einerseits, mit dem Innersten in Kontakt zu sein, und andererseits, dass ein »Du« da ist, mit dem ich in Beziehung stehe. Dieses »Du« kann alles sein. Die ganze Welt wird mir »Du« im Zustand der Intimität.
Intimität ist der ursprüngliche Zustand, in dem wir zu Hause sind; ist die Einheit, aus der wir alle hervorgegangen sind und die im Hintergrund unseres Bewusstseins immer noch vorhanden ist. Intimität bedeutet Begegnung und Beziehung. Intimität bedeutet, mitten im Himmel zu leben, selbst wenn die Umstände eher der Hölle gleichen. Intimität bedeutet das Gefühl des Zusammenhangs und der Verbundenheit. Intimität bedeutet, dass ich in Beziehung bin. Intimität bedeutet Nähe zu spüren, Nähe zu meinem Ursprung, zu Gott, zur einen Allgegenwart, die Nähe zu mir selber, meinem Herzen, meiner Seele, zu meinem Körper, zu den Menschen, Tieren, Pflanzen und Elementen der Natur, die meine Welt bilden; zu Sonne und Sternen, Erde und Mond. Intimität wieder zu finden bedeutet heimzukehren ins Paradies.
Was nicht bedeutet, dass uns dann der Antrieb verloren geht, uns weiterzuentwickeln. Wir schreiten immer noch von Sehnsucht zu Sehnsucht und Erfüllung zu Erfüllung, immer neuen Horizonten unserer selbst entgegen. Aber wir hören auf, Hungrige zu sein, Getriebene, Verzweifelte, Süchtige, die immer mehr und immer Neues brauchen und niemals zufrieden sind. Wir sind heimgekehrt, wir sind heil, und die Welt ist wieder das, was sie immer war: unser gemeinsames Spiel.
Tatsächlich kann unser Verhältnis zu der Welt um uns her eigentlich nur als eine unglaubliche Intimität beschrieben werden. Es ist uns nicht bewusst, wie sehr wir in jedem Augenblick mit den Wesen und Elementen, die unsere Welt bilden, verbunden sind, wie sehr unser Körper, unser Energiefeld, unsere Gefühls- und Gedankenwelt sich in einem ständigen Austausch mit den Körpern, Energiefeldern, mit der Gefühls- und Gedankenwelt anderer Menschen und zugleich mit den Elementen der Natur befindet. Uns ist der Sinn dafür verloren gegangen. Wir spüren diese Intimität nicht mehr. In unserer Wahrnehmung ist alles, was außerhalb unserer Haut liegt, von uns getrennt. Die Dinge, aus denen unsere Welt besteht, und die vielen Organismen und Elemente, welche »die Natur« bilden, erscheinen uns unbeseelt, oder zumindest haben wir keinen Zugang zu ihrer Seele, so dass wir nicht wahrnehmen, in welch intimer Verbindung wir mit ihnen stehen. Und auch unsere zwischenmenschlichen Beziehungen entbehren der Intimität, oft einfach deshalb, weil wir selbst sie ängstlich meiden. Intimität bedeutet »Ich-Du-Beziehung«, nicht »Ich-Er« (oder -Sie oder -Es).1
Wo die Intimität fehlt, leben wir an uns, aneinander und an der Wirklichkeit vorbei. Die Folge ist ein Mangel an »Seelennahrung«, ein Gefühl der Leere und Entfremdung, das uns jedoch nicht bewusst ist, weil wir ja nichts anderes kennen.
Wer jedoch einmal ein bewusstes Erlebnis von Intimität hatte, sei es mit einem Wesen oder Element der Natur, mit einem anderen Menschen oder auch mit seiner eigenen Seele, der weiß, dass der Kern des Glücks, der Zauber des Lebens, hier verborgen liegt.
Aber nicht nur unser persönliches Glücksempfinden verschwindet oder reduziert sich mit dem Fehlen der Intimität. Der allgemeine Verlust der Ich-Du-Beziehung oder Intimität, der durch den zunehmenden Konsum von Fernsehen, Film und Videospielen noch drastisch vorangetrieben wird, macht uns zunehmend unheil, entfremdet uns nicht nur uns selbst, sondern auch einander, der Natur, der Erde, dem Leben.
Immer mehr Gewalt kann auf diesem beziehungslosen Boden gedeihen. In einer Welt, in der der andere kein »Du« ist, sondern ein »Er« oder eine »Sie«, fällt es leicht, meine Interessen ohne Rücksicht auf andere Menschen durchzusetzen. Bestenfalls hindert mich noch ein schlechtes Gewissen daran, doch dies ist kein Ersatz für die Heiligkeit und Verbindlichkeit der Beziehung.
Mit diesem Buch möchte ich neue Wege zur Intimität eröffnen, einerseits als Antwort auf die Sehnsucht vieler – und meiner eigenen selbstverständlich. Andererseits hoffe ich, einen Beitrag zur Heilung unserer unheilen Beziehung zu uns selbst, zueinander und zu unserer Welt zu leisten.
Damit dieses Buch ein echter Wegweiser zur Wiederentdeckung der Intimität sein kann, werde ich tief in mich gehen, um den überwucherten Pfad, der in die Zauberwelt der Intimität führt, in meinem eigenen Innern zu suchen. Ich bin sicher, dass viele Leser sich in den inneren Prozessen, die ich dabei durchlaufen und mit ihnen teilen werde, selber erkennen können. Denn spätestens seit mir nach Erscheinen von Den Weg des Herzens gehen2 unzählige Leser versichert haben, ich hätte mit diesem Buch ihre eigene Geschichte niedergeschrieben, weiß ich, dass ich nicht allein reise, sondern in einer großen Karawane von Suchenden. Ich beginne deswegen in der Gewissheit, auch diesen Weg, den heilsamen Heimweg in die wunderbare Welt der Intimität gemeinsam mit vielen anzutreten, auch wenn wir ihn vielleicht nicht gleichzeitig, sondern zeitversetzt gehen. Dennoch kann meine persönliche Reise, die ich hier in teils sehr intimer, poetischer Form wiedergebe (manches kann man nur in Form von Poesie ausdrücken), Ihnen nur als Anregung dienen, Ihren eigenen Weg zu finden und ihn auf Ihre eigene Weise zu gehen. Möge dieses Buch Sie dazu inspirieren.
Intimität ist ein Seelenzustand, über den zu schreiben etwas Paradoxes hat. Während ich darüber schreibe, bin ich nicht darin, und wenn ich darin bin, kann ich nicht »darüber« schreiben. Deshalb pendle ich beim Schreiben zwischen verschiedenen Einstellungen des Bewusstseins hin und her: Einmal schreibe ich rational sachbuchartig, einmal poetisch. Dann wieder gibt es Passagen, in denen ich einen intimen Dialog mit meinem höheren Selbst wiedergebe (Channeling). Diese verschiedenen Arten von Text werden entsprechend in verschiedenen Arten von Schrift präsentiert.

Herausgefallen aus dem Paradies
In einer Flut von Dankbarkeit feiert dein Herz innigste Zugehörigkeit. Solange dies andauert, hat alles Sinn. Du bist eins mit deinem wahren Selbst.
 
David Steindl-Rast: Fülle und Nichts
 
 
Ich bin herausgefallen aus der Zauberwelt der Intimität, vertrieben aus dem Garten Eden der lebendigen Beziehung mit den Wesen und Elementen der Welt um mich her. Ich suche und suche, taste und probiere, aber ich finde den Weg zurück nicht mehr. Ein sachtes Rauschen erklingt aus den Blättern der Birke, zu der ich aufschaue, wann immer mein Blick sich vom Bildschirm meines Computers löst. Ihre feinen, silbrig grünen Blätter tanzen und schwingen im Wind, flirrend im Licht der Nachmittagssonne. Hoch über mir zwitschern Vögel. Gelegentlich zieht eine Brise eines süßen Blütendufts vorbei. Ich genieße und bewundere all dies und könnte jederzeit ausrufen: »Sieh mal, wie schön!«, »Hör mal, wie wunderbar.« Aber das sind leere Worthülsen, Versuche, diese Eindrücke in echtes Erleben zu verwandeln, indem ich sie mit jemandem teile. In Wirklichkeit habe ich den lebendigen Kontakt zu der Welt um mich her verloren. Sie ist etwas geworden, das ich betrachte, erfahre, erlebe – ein »Es«. Ich fühle mich abgeschnitten, wie ein Zuschauer. Ich begegne den Elementen und Wesen meiner Welt nicht mehr. Es ist, als sei meine Seele stumpf geworden. Ich habe den Sinn für den intimen Kontakt mit der Welt um mich her verloren.
Ich vermisse ihn sehr. Ich habe keine Ahnung, warum ich ihn verloren habe und wie ich ihn wiedergewinnen kann.
Ich trauere.
Vielleicht ist diese Trauer meine letzte Verbindung zur entschwundenen Zauberwelt der Intimität.
 
Zauber-Ich,
mein Zauber-Ich,
du hältst dich versteckt
hinter den Gitterstäben
der Zweckwelt.
Wie kann ich dich daraus hervorlocken?
Vielleicht können meine Tränen
dich erreichen.
Vielleicht mein Wehklagen.
Ich bin deinen Spuren gefolgt
im Wald,
in den weiten Wiesen,
im Schweigen der Abendsonne,
hoch oben über dem See,
und du warst ganz nah.
Aber die leiseste Absicht,
der leiseste Zweck,
und du hast dich wieder versteckt.
 
Ich klammere mich an meine Trauer, aus Angst, dass diese letzte Verbindung zur entschwundenen Zauberwelt der Intimität auch noch verloren geht.
Wie kommt es, dass ich aus etwas herausgefallen bin, das ich doch, während ich drinnen war, immer als die wahre Welt empfand? Warum spricht der Baum, in dessen Schatten ich verweile, nicht mehr zu mir? Warum spricht nichts mehr zu mir?
Vielleicht bin ich nur taub geworden. Vielleicht spricht immer noch alles zu mir, aber ich höre es nicht.
Vielleicht muss ich ganz still werden.
Ich werde ganz still.
Alles, was ich vernehme, ist diese schreckliche Stille, die entsteht, wenn nichts mehr zu mir spricht.
Bitte sprich wieder zu mir, Welt. Bitte sprecht wieder zu mir, Baum und Wind, Sonne und Erde, Käfer und Blatt; Bruder, in dessen Augen ich vergeblich das Du suche, und meine eigene Seele, die verstummt zu sein scheint. Bitte sprich zu mir, Gott, rühre mein Herz an und öffne es für dein Wort, deine Wirklichkeit, deine Gegenwart.
Vielleicht habe ich zu viel gearbeitet, zu viel Belangloses getan, gelesen, geredet und gehört, zu wenig meditiert, zu wenig gebetet, zu wenig Seelenpflege getrieben.
Vielleicht trauere nicht ich, sondern meine Seele trauert, weil sie keinen Raum mehr findet in mir.
Vielleicht habe ich den Dingen der Welt diesen Raum geopfert.
Vielleicht habe ich die Intimität mit meiner Seele geopfert für ein wenig Geborgenheit in der trügerischen Sicherheit des Heims, der täglichen Beschäftigungen, der oberflächlichen Nähe zu einem anderen Menschen.
Aber so bin ich nun mal, liebe Seele, schwach, träge, süchtig nach Nähe und Wärme, und müde, nachdem ich all die Pflichten erledigt habe, die meine Kraft auszehren. Du kennst mich doch. Kannst du mich nicht nehmen, wie ich bin, und trotzdem in mir lebendig bleiben? Du musst dann eben ein wenig lauter reden, vielleicht rufen, womöglich sogar schreien, damit ich dich höre – seelentaub, wie ich im Alltagsleben geworden bin.
Mir dämmert: Du hast gerufen, du hast geschrien, und ich bin es, die nicht gehört hat. Dein Schrei ist eingebrannt in mein Herz, in meinen Körper. Er tritt mir als körperlicher Schmerz entgegen, als Unwohlsein, als Leid.
Nicht du bist es, liebe Seele, die sich meiner erbarmen muss. Ich muss mich deiner erbarmen.
Der Preis für meine Rückkehr in die Zauberwelt besteht darin, dass ich mein Herz öffne für den Schrei meiner Seele.
 
Ich rief dich in der Abenddämmerung,
aber du winktest ab.
»Später«, sagtest du. »Ich habe zu tun.«
Ich rief dich in der Morgendämmerung,
aber du zogst es vor weiterzuschlafen.
Ich wartete auf dich.
Ich leuchtete durch die Ritzen in der Mauer,
die du um dein Bewusstsein gezogen hattest,
um mich nicht wahrnehmen zu müssen.
Ich berührte dich,
um dein ängstlich verschlossenes Herz zu öffnen,
durch die Hand deines Geliebten.
Ich sprach zu dir im Traum.
Doch wo immer ich dir erschien,
du wandtest dich ab.
»Nicht jetzt«, sagtest du. »Später.«
Es tat mir weh,
den Schmerz deines schlechten Gewissens zu fühlen,
zu sehen, wie du dich quältest
in dem Glauben, du müssest mir einen besonderen Raum
einrichten,
mir eine besondere Zeit widmen,
außerhalb der Beschäftigungen, die dir lieb und wichtig waren
oder notwendig erschienen,
Extra-Raum und Extra-Zeit für mich.
Aber ich bin ein Kind des Augenblicks,
immer neu, in jedem neuen Augenblick.
Ich brauche weder Extra-Zeit noch Extra-Raum,
und Gebete und Übungen locken mich nicht herbei.
Sie vertreiben mich eher.
Das wahre Gebet ist deine Antwort auf mein Rufen,
nicht deine Bemühung, mir gerecht zu werden.
Die wahre Übung
geht aus dem Glück der Begegnung hervor.
Vergiss Übungen und Gebete und geistige Pflichten,
vergiss Extra-Raum und Extra-Zeit.
Werde ein Kind des Augenblicks wie ich,
alles abstreifend,
was dich hindert, gegenwärtig zu sein.
Siehst du, dies zaubert ein Lächeln auf deine Lippen,
und mit diesem Lächeln kann ich wieder einziehen bei dir.

Zauberwelt
Alles wirkliche Leben ist Begegnung.
 
Martin Buber: Ich und Du
 
 
Gelegentlich geschieht es, dass ich spontan in einen ganz besonderen und wunderbaren Zustand eingetaucht werde. Ich nenne diesen Zustand »Zauberwelt«. Es ist wie ein Erwachen. Auf einmal merke ich, dass alles um mich herum lebendig, wesenhaft, beseelt und mit mir in Kontakt ist. Alles ist Begegnung. Alles spricht zu mir. Alles ist »Du«. Ob es der Baum ist, in dessen Schatten ich verweile, oder eine Blüte, an der ich schnuppere, das Wasser des Meeres, in das ich eintauche, oder der Wind, der mir die Haare zerzaust – was immer mir begegnet, ist lebendig, mit mir in Kontakt, spricht zu mir. Es ist ein erhobener, beseligter Gemütszustand, voller Zauber, voller Poesie, ein ganz besonderer Zustand. In der Zauberwelt fühle ich mich wie frisch verliebt und bin von Andacht erfüllt. In meinem Innern herrscht Stille. Jedenfalls ist das Plappern der Oberflächengedanken verstummt. Es ist ein Zustand intensiver Intimität – mit allem in mir und um mich herum. Alles ist »Du« und auf eine sehr intime Weise Freund. Wenn ich aus der Zauberwelt falle, ebenso unabsichtlich, wie ich in sie eingetreten bin, empfinde ich stets Trauer und Verlust. Viele Gedichtseiten lang habe ich versucht, sie wieder »herbei zu schreiben«, manchmal mit Erfolg.
Die Zauberwelt ist viel wirklicher, fühlt sich viel richtiger und der Wahrheit näher an als der alltägliche Bewusstseinszustand, der demgegenüber abgestumpft erscheint. Im abgestumpften Zustand habe ich Grund, mich vor allem Möglichen zu fürchten, und ich leide.
In der Zauberwelt leide ich nicht, denn es gibt keinen Grund dafür. Dort bin ich ja Teil von allem, und alles gehört zu mir. Alles ist ein lebendiges Wunder. Das reine Dasein ist ein Wunder, eine Offenbarung. »Solange der Himmel des Du über mir ausgespannt ist, kauern die Winde der Ursächlichkeit an meinen Fersen, und der Wirbel des Verhängnisses gerinnt.«3
Das Leben außerhalb der »Zauberwelt« der Intimität ist vergleichsweise flach. Es fehlt eine Dimension. Und irgendwo im Hintergrund unseres Bewusstseins wissen wir alle, dass sie fehlt, auch wenn wir nicht wissen, welche Dimension es ist und wie wir sie finden können. Wir bemerken dieses Fehlen, wenn wir uns wehmütig an bestimmte Momente der Kindheit erinnern, Momente des Zaubers, die auch das unglücklichste Kind irgendwann einmal erlebt hat. Wir bemerken es, wenn wir bestimmte Bilder betrachten oder Musikstücke hören, die uns an diese verlorene Dimension erinnern.
 
Zauber-Ich,
mein Zauber-Ich,
wenn die Amseln singen,
wachst du auf
und tanzt.
Zauber-Ich,
du hältst den Schlüssel
zur wahren Welt.
Zauber-Ich,
mein Zauber-Ich,
zu lange
habe ich dich verraten.
Komm hervor
aus deinem Versteck.
Es ist Zeit.
Auch wenn die Amseln
noch nicht singen:
Von nun an
ist immer Zeit,
immer Zauber-Zeit.
 
 
Klingt meine Zauberwelt-Geschichte ein wenig verrückt? Ich sage Ihnen: Verrückt ist die »normale« Welt. Die Zauberwelt ist die wahre Welt. Sie ist das Bewusstsein der allgegenwärtigen All-Intimität, die in jedem Augenblick latent vorhanden ist und darauf wartet, (wieder) in unser Bewusstsein zu treten.

Erinnerung an die Welt der Intimität
Zu mir strömen von allen Seiten die Dinge
des Weltalls unaufhörlich,
Alle sind sie an mich geschrieben und
ich muss die Schrift entziffern.
 
Walt Whitman: Grashalme
 
 
 
 
 
Es war einmal eine Zeit, da lebten wir in einer Welt voller Wunder. Sonne, Mond und Erde, Bäume und Pflanzen, Luft und Wasser waren lebendige Wesen für uns. Wir sprachen mit ihnen und sie mit uns. Unser Leben war eine Art magische Reise, deren Etappen, Begegnungen und Begebenheiten ein geheimnisvoller Sinn innewohnte, den es im Laufe der Reise zu ergründen und zu erfüllen galt. Alles war ein einziges Wunder, und wir hörten nicht auf, uns zu wundern und die Erscheinungen dieser Welt des Zaubers zu bestaunen und zu preisen. Wir priesen das Wasser für seine sprudelnde Klarheit, seine reinigende und Leben spendende Kraft. Wir priesen die Sonne für die Wärme, die sie uns spendete, für ihr Licht, für den Glanz ihrer Strahlen. Wir dankten der Erde für die Nahrung, die Kraft und die Lust, die sie uns schenkte, und dem Baum für Schatten und Schutz. Wenn unser Körper erkrankte, baten wir die Pflanzenwelt um Hilfe und Rat. Krankheit schien uns übrigens nicht einfach eine körperliche Störung, sondern auch eine Art Wesen zu sein (denn alles war für uns Wesen) – ein Dämon, ein Geist, der kranke Gedanken hegte. Wir hielten alles für lebendig, für beseelt und bewusst. Wir sprachen zu allem, und alles sprach zu uns. Unsere Welt war nicht frei von Schrecken und Gefahren, aber alles, was uns begegnete und sich in unserem Leben ereignete, schien Teil unserer eigenen Reise zu sein, schien Sinn und Bedeutung für uns zu haben. Und ganz selbstverständlich fühlten wir, dass wir mit jedem Wesen und jedem Teil der Natur verwandt waren. Selbst Kampf war ein Erlebnis von Intimität. Wir spürten den schweißgebadeten Körper unseres Gegners an unserem eigenen, erlebten seine Angst, seinen Zorn, seinen Triumph und ließen ihn unsere Wut, unsere Kraft, unsere Leidenschaft spüren.
Wir waren zu Hause in der Welt, und es war eine Welt der Intimität.
Es war eine heile, eine heilige Welt.
Alles in dieser Welt war »Du«.
 
Wir schliefen in Höhlen,
geborgen im Leib unserer Mutter, der Erde.
Wir sahen nicht, wie wir heute sehen.
Wir sahen durch die Gestalten hindurch,
sahen das Leben, das sie bewegte,
wie es uns bewegte.
Wir sahen dasselbe Leben, wenn der Körper zerfiel.
Wir kannten den Tod nicht.
Wir kannten nur das Leben.
Wir berührten heiligen Boden mit jedem Schritt.
Mit jedem Schritt spürten wir das Leben der Erde
unter unseren Füßen pulsieren.
Ich weiß noch, wie wir aßen.
Ihr heute stellt euch vor,
wir hätten gegessen wie Barbaren, wie Kannibalen,
weil wir weder Messer noch Gabel kannten,
noch einen Tisch, den wir hätten decken können.
Es ist wahr, all dies kannten wir nicht.
Aber unsere Nahrung war voller Leben,
ganz gleich, ob sie von Tieren oder Pflanzen stammte,
und wir heiligten und achteten ihr Leben
und dankten Tier und Pflanze für das Opfer,
das sie uns gebracht hatten.
Auch unser eigener Körper, das wussten wir,
würde einst anderen als Nahrung dienen.
Was unsere Fortpflanzung betraf,
so denkt ihr Heutigen, wir hätten kein Bewusstsein gehabt
für die Vorgänge, die zur Entstehung neuen Lebens führten
und keine Achtung vorm andern Geschlecht.
Aber die Lust war uns heilig,
und wir ehrten sie. Wir suchten sie weder,
noch hielten wir sie fest.
Wir feierten sie, wenn sie kam,
und ließen sie gehen, wenn sie ging.
Unsere Fruchtbarkeit erfüllte uns mit Ehrfurcht und Freude,
und unsere Kinder wuchsen in Freiheit auf,
als kleinere Brüder und Schwestern von allen.
 
 
Dieses Bewusstsein der Intimität war – und ist – jedoch nicht das Privileg »primitiver« Kulturen wie der oben beschriebenen (reine Fantasie oder Erinnerung?) oder der Naturvölker unserer Zeit. Es mag durchaus auch hoch entwickelte Kulturen gegeben haben – man spricht von einem »Goldenen Zeitalter« -, in denen das Bewusstsein der ursprünglichen Intimität immer noch vorherrschte. Kultur muss nicht zwangsläufig Entfremdung bedeuten.
Wir lebten in Häusern, die Palästen glichen,
nicht nur einige Reiche wie heute.
Arm und reich gab es nicht.
Jeder Mann und jede Frau
bewohnten ihren eigenen Palast,
gestaltet nach ihren eigenen Vorlieben,
ihrer eigenen Liebe zu Schönheit, Eleganz
und Licht.
Unsere Welt war voller Licht.
Die Mauern unserer Paläste waren durchsichtig,
gebaut aus einer Materie, die Kristallen und Edelsteinen glich.
Alles strahlte und funkelte und glänzte in dieser Welt,
nicht nur die Häuser,
auch die Menschen und ihre Gewänder.
Denn Gewänder trugen wir damals,
aus einem Stoff, wie es ihn heute nicht gibt.
Er war feiner als die Stoffe, die heute gewebt werden;
weniger aus Stoff, mehr aus Licht,
das in den herrlichsten Farben leuchtete.
Wir liebten die Schönheit, lebten die Schönheit.
Unsere Körper, unsere Nahrung,
unsere Häuser bestanden aus einer Materie,
die mehr Licht war als Stoff,
und dennoch gestaltet wie die Materie von heute.
In dieser Welt war jeder jedem ein Bruder
oder eine Schwester,
denn wir alle waren uns unserer gemeinsamen Abkunft
vom Licht bewusst.
Dies war der Adel des Menschengeschlechts.
Alles war edel. Keine andere Haltung war denkbar und möglich
als Achtung und Ehrfurcht voreinander.
Nichts anderes hätte gedeihen können in dieser Welt,
in der alles durchscheinend war,
in der ein jeder einem jeden
bis auf den Grund seiner Seele schauen konnte.
Die Umgebung, die wir uns schufen,
war reiner Ausdruck des Adels unserer Seele,
von einer Schönheit erfüllt, von einem Glanz,
den wir Heutigen nicht mehr kennen.
Und doch ist der Glanz der Erinnerung
noch immer in unseren Seelen verborgen.
 
 
Unsere Kultur kennt das Bewusstsein der Intimität nicht mehr. Unsere Wissenschaftler allerdings haben längst begonnen, den intimen Zusammenhang aller Erscheinungsformen (wieder)zuentdecken. Möglicherweise wird aus diesen wissenschaftlichen Entdeckungen und Spekulationen eines Tages ein neues Bewusstsein erwachsen, das nicht einer winzigen Elite von Intellektuellen und Mystikern vorbehalten bleibt, sondern Allgemeingut wird – ein neues Bewusstsein der Verbundenheit, aus dem heraus wir wieder zurückfinden in den seelischen Zustand der Intimität. Es wäre schön. Ich hoffe es. Auf jeden Fall finde ich es hilfreich, sich ein wenig mit den entsprechenden wissenschaftlichen Gedanken und Erkenntnissen zu befassen, wie es beispielsweise der Film »Bleep«4 getan hat.
Unsere Naturwissenschaftler haben die Materie immer weiter in ihre Einzelbestandteile zerlegt, bis sie entdeckten, dass es eigentlich keine Materie gibt. Sie entdeckten, dass es in der Tiefe der Materie nichts gibt, was einem festen Baustein ähnelt, sondern eher etwas, was man als »Bewusstsein« und »Bedeutung« beschreiben kann. Sie haben wiederentdeckt, dass alles miteinander verwoben ist, dass das Universum ein lebendiges Ganzes ist, beseelt, belebt, strukturiert von einer unglaublichen Intelligenz und Kreativität. In keinem Augenblick sind wir allein, existieren unabhängig von einer »Welt dort draußen«. In jedem Moment sind wir Teil eines lebendigen Ganzen. In Wirklichkeit leben wir immer noch in der Zauberwelt, wir wissen es nur nicht. Wir nehmen es nicht wahr. Wir merken es nicht – außer in jenen seltenen Momenten, da wir für einen Augenblick aus der Scheinwelt unserer gedanklichen Beschäftigungen erwachen und in die wirkliche Welt eintauchen.
Erinnern Sie sich an einen Moment, da Sie etwas erlebt haben, das Sie tief berührt oder verzaubert hat, an einen für Sie heiligen Moment? Für einen winzigen und doch zeitlosen Augenblick waren Sie eingetaucht in eine glückdurchtränkte, andächtige oder ehrfürchtige Stille. Dies war ein Augenblick, in dem Ihr innerstes Wesen die Welt Ihres Bewusstseins betreten hat. Der Lärm der Gedanken war verstummt, und Ihre innere Realität, Ihre Seele trat hervor. Vielleicht wären Sie gern in diesem verzauberten Zustand geblieben, aber es zog Sie vermutlich sehr bald wieder an die Oberfläche, in den Alltagszustand.
Dies war ein Moment der Intimität.
Die Welt ist deshalb nicht mehr so heilig, wie sie einst war, weil wir das Bewusstsein der Intimität verloren haben. Deshalb fühlen wir uns nicht mehr in ihr zu Hause. Deshalb fürchten wir uns so sehr vor ihr, dass wir einen ungeheuren Aufwand treiben, um uns abzusichern, zu rüsten, zu wappnen und zu versichern.
Aber tief im Innern sehnen wir uns alle nach der heilen und heiligen Welt der Intimität. Auch die Zynischsten oder Coolsten unter uns können diese Sehnsucht in ihrem Herzen entdecken, beispielsweise in Augenblicken, da sie mit dem Tod oder mit der Liebe konfrontiert werden. Wir sehnen uns nach der heilen Welt, weil wir sie kennen, weil sie existiert, hinter dem Schleier jener Welt, die wir in unserem alltäglichen Bewusstseinszustand als Realität wahrzunehmen meinen. Die Welt ist heil. Die Welt ist heilig. Wir müssen sie nicht dazu machen. Wir müssen nur wiederentdecken, dass sie es ist. Und heimkehren in die Intimität.
In der Welt der Intimität fühlen wir, dass jeder Mensch und jedes Wesen der Natur, dem wir begegnen, mit uns verwandt ist und uns irgendwie bekannt vorkommt. Jede Begegnung ist so etwas wie ein Wiedererkennen. Wo immer wir hinkommen, fühlen wir uns zu Hause, auch wenn wir diese Gegend zum ersten Mal betreten. Und am Ende entdecken wir, dass die Welt, in der wir uns bewegen, eigentlich unser eigenes Reich ist, die Welt unserer eigenen Seele, die sich selbst erforscht und in der nichts fremd ist oder uns bedroht. Wir erkennen, dass unser ganzes Leben ein Abenteuer der Intimität mit unserer eigenen Seele ist. Und entdecken, dass wir uns in Wirklichkeit niemals vom Zuhause der Seele entfernt hatten.

Intimer Dialog mit höheren Welten
… Bis die Seele erkannte: »Ich selbst bin es …
ich bin der Ursprung, ich bin der Reisende und
ich bin das Ziel dieser ganzen Existenz.«
 
Hazrat Inayat Khan: Die Seele – woher und wohin
 
 
Eben las ich einen Satz in einem meiner alten Lieblingsbücher und war für einen Augenblick tief berührt. Es ist der Satz, mit dem Seth sich in Die Natur der persönlichen Realität von seinem Medium Jane Roberts und den Lesern verabschiedet:5 »Und es werden Jahrhunderte vergehen, bis das, was begonnen zu haben scheint, wirklich beginnt.« Während ich mich anschicke, die Verbindung zu höheren Ebenen meines Bewusstseins, zur Quelle meiner Intuition und Inspiration herzustellen – zu dem, was die Leser meiner frühen Bücher als »Die Jungs« kennen6 -, um zu erfahren, was Intimität aus der Perspektive der höheren geistigen Welten bedeutet, geht mir Seths Satz im Kopf herum, der mich auf unerklärliche Weise so berührt hat.

Dialog mit einer höheren Ebene des Bewusstseins

Du hast eben diesen Satz von Seth gelesen, der dich so aufgewühlt hat. Weißt du, was genau dich an diesem Satz so stark berührt hat?
 
Eine Verbindung zu spüren durch den Nebel von Raum und Zeit hindurch zu einem anderen Wesen … über die Jahrhunderte hinweg zu existieren, einander zu berühren …
Es war die Intimität, die für einen Augenblick aufblitzte.
 
Ja. Stimmt. Genau diese Intimität hätte ich gern auch mit den Lesern dieses Buches. Aber ich weiß nicht, wie ich sie herstellen kann.