001

001

Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 

DER AUTOR
001
Nicola Bardola, geboren 1959 in Zürich, studierte Germanistik, italienische Literatur und Philosophie in Bern, München und Zürich. Nach Stationen als Redakteur und Verlagslektor arbeitet er seit 1999 als freier Journalist, Übersetzer und Autor. Seit 1985 verfolgt er engagiert die Entwicklung des Kinder- und Jugendbuchmarktes und setzt sich auch für die Leseförderung ein. Nicola Bardola ist ständiger Mitarbeiter u. a. bei der Fachzeitschrift Buchmarkt.
 
 
Von Nicola Bardola ist bei omnibus und cbt bereits erschienen:
Lies doch mal!
Ganz aktuell – Die 50 besten Kinder- und Jugendbücher (27039)
 
Lies doch mal! 2
50 wichtige Jugendbücher (30342)

Genau wie Miles Halter habe ich eine Schwäche für letzte Worte.
 
John Green, Eine wie Alaska
 
 
 
 
 
 
VSB

Die letzten Sätze
Manchmal liegen Trends in der Luft. Im zweiten Band von Lies doch mal! habe ich über die Faszination erster Sätze in Büchern nachgedacht. Weil die Präsentationsform jener Buchempfehlungen mit Zitaten der jeweils ersten und letzten Sätze gut angenommen wurde, wird sie hier beibehalten.
 
Die Stiftung Lesen hat mit ihrer Initiative »Der schönste erste Satz« Leser dazu eingeladen, Bücher deutscher Autoren zu nennen, deren erster Satz besonders verzaubert, beeindruckt oder neugierig macht. Die Kampagne dauerte bis Ende September 2007 und ihr Erfolg lässt sich unter nachlesen. Auch in zahlreichen Blogs (etwa bei ) wurde dieses Spiel erfolgreich aufgenommen.
Über der »Erste-Sätze-Begeisterung« sollte aber auch die Bedeutung der letzten Sätze nicht in Vergessenheit geraten. Eine von Hugendubel in Auftrag gegebene forsa-Umfrage hat jüngst ergeben, dass jeder sechste Jugendliche unter 19 Jahren (15 Prozent) zuerst die letzte Seite eines Buches liest, weil er neugierig ist und erfahren will, wie das Buch endet. Leser über 60 Jahren verspüren diese Lust nur selten (9 Prozent).
Die letzte Seite, der letzte Satz eines Buches kann eine Quintessenz des gesamten Textes sein, kann die Auflösung eines Rätsels beinhalten oder eine überraschende Wendung präsentieren, deren Perspektive den Leser zwingt, das gesamte Buch neu zu überdenken. In jedem Fall wird die letzte Seite wie ein Echo nachhallen und die zurückliegende Lesezeit prägen. Die letzte Seite bedeutet Abschied und Trennung. Der Leser verlässt damit einen lieb gewonnenen Freund.
Noch tiefer einschneidend und dramatischer verhält es sich bei letzten Sätzen von Menschen, wie dies der junge, sehr talentierte amerikanische Autor John Green in seinem Debütroman Eine wie Alaska schildert. Letzte Worte vor dem Tod: Vermächtnis und Testament. Goethe gemäß wird’s drüben dunkel. Also, Taschenlampen nicht vergessen! Denn bei aller Tragik weiß Green, dass Humor auch bei diesem Thema nicht vollkommen ausgeschlossen werden sollte. Ich hoffe, die Stiftung Lesen wird demnächst eine ähnliche Aktion mit letzten Sätzen (in Büchern!) starten.
Unterstützt wurde ich von fünf Buchhändlerinnen, die alle auf der Leipziger Buchmesse als engagierteste Sortimenterinnen des Jahres 2007 ausgezeichnet wurden: für Bayern Ulrike Schultheis (»Bücherjolle«, Starnberg), für Hessen Claudia Vogel-Bichmann (»Tatzelwurm«, Frankfurt), für Sachsen Cornelia Maul (»Die Pusteblume«, Dresden), für Schleswig-Holstein Sabine Körner (»Der Spielwurm«, Pinneberg) und für Baden-Württemberg Gabriele Hoffmann (»Leanders Leseladen«, Heidelberg). Ihre Lieblingsbücher der Saison empfehlen zudem fünf Publizistinnen und Redakteure: Brigitte Briese (Bulletin Jugend und Literatur), Christine Knödler (Eselsohr), Christiane Raabe (White Ravens und Books on Books), Susanna Wengeler (BuchMarkt), Stefan Hauck (Börsenblatt).
»Das Leben gleicht einem Buche. Toren durchblättern es flüchtig; der Weise liest es mit Bedacht, weil er weiß, dass er es nur einmal lesen kann.«
So schrieb Jean Paul. Die 50 hier empfohlenen Bilder-, Kinder-, Jugend-, Sach- und Hörbücher habe ich mit so großem Bedacht gelesen, gehört und betrachtet, als könnte ich sie nur einmal lesen, hören und betrachten. So wurden diese 50 Bücher selbst zu einem Teil meiner Lebenszeit. Jean Pauls Feststellung variierend, wollen diese 50 Lebensabschnitte vermittelt werden. Denn wie das Leben einem Buch gleicht, so gleicht manchmal ein Buch dem Leben. Und so wird vielleicht das eine oder andere der hier vorgestellten Bücher zu gelebtem Leben der Lies doch mal!-Leser.
 
Nicola Bardola
München, im Juli 2007

Bilderbuch
004

Preisgekrönte Buchhandlung und Paradebeispiel Pappe
Buch-Tipp von Ulrike Schultheis (Buchhändlerin)
 
Peggy Rathmann
Gute Nacht, Gorilla
 
Erste Sätze
Gute Nacht, Gorilla.
Gute Nacht, Elefant.
Letzte Sätze
Gute Nacht, Gorilla.
Zzzz.
 
 
Dieses außergewöhnliche Pappbilderbuch wird empfohlen von Ulrike Schultheis, der Mit-Geschäftsführerin der Buchhandlung »Bücherjolle« in Starnberg. Ihre Buchhandlung wurde von der avj (Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen) als engagierteste Kinderbuchhandlung in Deutschland 2007 mit dem avj-Kinderbuchhandlungspreis ausgezeichnet.
Ulrike Schultheis machte es sich nicht leicht bei der Wahl des liebsten Bilderbuches für den dritten Band von Lies doch mal!. Sie schwankte zwischen anspruchsvollen, künstlerisch beeindruckenden Bilderbüchern und entschied sich dann aber für »die Pappe«. Sie schrieb mir: »Es gibt nur wenige gelungene Pappbilderbücher für die Kleinsten, dieses gehört dazu. In bunten, klaren, aber absolut nicht plakativ-starren Bildern wird mit sparsamstem Text erzählt, wie der kleine Gorilla dem Zoowärter beim ›Gute-Nacht-Sagen‹ den Schlüssel entwendet und nach und nach alle Tiere befreit – nicht etwa für die Freiheit, sondern um im gemütlich warmen Zimmer des Zoowärters zu übernachten! Beinahe hätte das auch geklappt … Die Geschichte dieses warmherzigen Bilderbuchs entwickelt sich allein aus den Bildern und lässt so viel Freiraum zum Selber-Erzählen.«
Tatsächlich: Der Text besteht aus nur 14 verschiedenen Wörtern (das finale »Zzzz« mit eingerechnet, aber ohne Wiederholer. Der Reihe nach: gute Nacht, Gorilla, Elefant, Löwe, schlaf gut, Hyäne, Giraffe, Gürteltier, mein Schatz, Zoo, Zzzz.
Nach ihrem Brief traf ich Ulrike Schultheis zum Gespräch in ihrer Buchhandlung. Die »Bücherjolle« ist die größte Buchhandlung Starnbergs. Sie wurde 1945 gegründet und zog mehrfach um, bevor sie am Kirchplatz der zweitreichsten Gemeinde Deutschlands (gemäß einer aktuellen bundesweiten Umfrage) ihren heutigen Standort einnahm. Ulrike Schultheis, die Tochter des Verleger-Ehepaares Heinz und Maria Friedrich, verfolgt seit über drei Jahrzehnten ununterbrochen und kritisch die Entwicklung auf dem Kinderbuchmarkt. Die Verlagsvertreter sind manchmal fassungslos, wenn Ulrike Schultheis ihnen sagt, dass eines der angepriesenen Bücher früher schon mal lieferbar war. »Es ist wohl eher selten, dass eine Buchhändlerin mit ein und demselben Spezialgebiet so lange im Geschäft ist«, sagt Schultheis und lacht dabei jugendlich strahlend. Sie freut sich, dass seit einigen Jahren viele vergriffene Bücher wiederentdeckt werden. Es gelte aber noch manchen Schatz zu heben, erklärt Schultheis. Literarisch wie grafisch herausragende Bücher liegen ihr besonders am Herzen, Bücher, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen. Trotzdem betont Schultheis die Bedeutung künstlerisch schlichter, auf die Alltagserfahrungen bezogener Bilderbücher für den Einstieg in die Welt des Lesens.
»Gute Nacht, Gorilla ist ein Paradebeispiel für ein besonderes Pappbilderbuch. Meistens sind sie quietschig bunt und supersimpel. Die Verlage meinen oft, Kinder im Alter ab eineinhalb Jahren könnten nichts Künstlerisches oder Eigenständiges vertragen. Deshalb sind fast alle Bilder in Pappebüchern zu starr und zu plakativ.«
Frau Schultheis weiß, wovon sie spricht. Mutter Maria und Tochter Ulrike fingen fast gleichzeitig mit Kinderbüchern an: Maria Friedrich 1971 mit dtv junior und Ulrike 1972 mit dem Aufbau der Kinderbuchabteilung bei Lehmkuhl in München. Sie berieten sich gegenseitig. Die Tochter schrieb Lektoratsgutachten und testete die Titel »an der Front«. Die Mutter versorgte die Tochter mit verlegerischem Hintergrundwissen und Autorenkontakten, die ihr bis heute einen erheblich erweiterten Zugang zur Kinder- und Jugendliteratur ermöglichen.
»Ich habe das Glück, dass meine eigene kindliche Begeisterung für Bücher auf Kinder überspringt und sie zum Lesen verführt. Das ist mir das Allerwichtigste«, sagt Schultheis. Die Phase ausschließlich hochelitärer Kinderliteratur sei vorbei. Heute habe kaum noch jemand Probleme damit, auch einmal harmlose, aber dafür besonders liebenswerte Kinderbücher zu erwerben. »Wichtig ist, dass Kinder merken, dass sie in der Buchhandlung ernst genommen werden«, erklärt Schultheis und erinnert sich gerne an das Kompliment einer Kundin, deren 8-jährige Tochter zum ersten Mal alleine in der »Bücherjolle« war. Als das Mädchen nach Hause kam, sagte es strahlend: »Mami, die haben mich behandelt wie eine Große.«
Und so fühlen sich auch Zweijährige, die mit Gorillas Abenteuer konfrontiert werden. »Hier handelt es sich auf den ersten Blick um eine ganz einfache Geschichte mit einem noch einfacheren Text. Erst auf den zweiten Blick erkennt man zwei Geschichten: Der eine Strang, zu dem zunächst auch der Text gehört, wird aus der Sicht des Zoowärters erzählt. Der andere erschließt sich durch den Gorilla und die Maus zuerst nur aus den Bildern. Kinder können sich mehrfach mit den Figuren identifizieren, denn hier werden geliebte Rituale geschildert, die das Schlafen hinauszögern.
Außerhalb dieser Handlung gibt es viele Kleinigkeiten zu entdecken: dass auch die meisten Zootiere ihre Spiel- und Plüschtiere besitzen; wie der Gorilla die anderen zur Verschwiegenheit ermahnt; und vor allem, wie die Maus, die Kleinste der ganzen Geschichte, am Ende das letzte Wort hat. All das begeistert die kleinen Betrachter, macht sie zu Mitverschwörern und Mitabenteurern.«
Auch Ulrike Schultheis und ich sind Teil dieses Abenteuers, wenn wir uns beim Entdecken von Kleinigkeiten auf jedem Bild gegenseitig überbieten wollen: Der Luftballon! Die Uhr! Die Banane! Das Farbenspiel mit den Schlüsseln und den Käfigen!
Aber dann kehrt Ulrike Schultheis zur Handlung zurück: »Und die Dramaturgie! Es steuert alles auf einen Höhepunkt zu, der klar herausgearbeitet ist. Auf den zwei schwarzen Doppelseiten treten die beiden Handlungsstränge in Dialog miteinander. Die Kinder können ja noch nicht lesen. Aber sehen Sie, beim Zurückblättern kann man jeden Gute-Nacht-Wunsch einem Tier genau zuordnen. Unglaublich, was in diesem unscheinbaren Buch alles enthalten ist! Auch noch Dreijährige wollen das Buch immer wieder anschauen. Und Eltern haben auch ihren Spaß!«
 
Guten Morgen! Unter dem Motto »Buchhandlung zum Anfassen« besuchen Schulklassen vor Ladenöffnung von 8 bis 9 Uhr die »Bücherjolle«. Dabei werden Bücher vorgestellt und vorgelesen, man kann schmökern, schauen und blättern. Über eine eventuelle Klassenlektüre wird danach demokratisch abgestimmt. Viele Kinder, die noch nie in einer Buchhandlung waren, kehren nach dem Besuch bei Ulrike Schultheis auch mit ihren Eltern zur »Bücherjolle« zurück. »Wenn man den Draht zu Kindern findet, kann man viel verändern«, sagt Schultheis, deren Engagement schon seit 2003 jedes Jahr mit dem Gütesiegel des Kultusministeriums »Partner der Schule – Leseforum Bayern«, außerdem 2004, 2005 und 2006 mit Auszeichnungen als beste Kinderbuchhandlung Bayerns und 2007 schließlich als beste im deutschsprachigen Raum von der avj gewürdigt wurde.
2006 fand ein Umzug der Buchhandlung nur 20 Meter weiter statt. Die Veränderung nutzte Ulrike Schultheis für zahlreiche Innovationen: Die Regale tragen neue Überschriften: »Bücher fürs Herz«, »Schöne Dinge, Schnickschnack & Co.«, »HörBar für Kids«, »Schauen und Begreifen«, »Entdecken und Erforschen«, »Wissen und Verstehen«, »Natur erleben«, »Kreativ-Werkstatt« oder »Poesie, Kunst, Musik«. Diese neuen Kategorien machen neugierig, sind sinnlicher und bedienen nicht die üblichen Klischees, weiß Schultheis. Neu ist auch die konsequente Mischung innerhalb der Kinder- und Jugendbuchabteilung von Taschenbüchern und Hardcovern. Mit der Fantasy ging es los. Aus den Trilogien wurden Tetralogien. Die ersten Bände erschienen als Taschenbuch und standen zuerst im Taschenbuchregal, die neuen Bände als Hardcover dagegen an anderer Stelle. Also wurden sie in einem Regal zusammengefügt. Warum sollte dieses System nicht auch bei allgemeinen Romanen, Pferde- und Mädchenbüchern funktionieren? Inzwischen hat sich gezeigt, dass die Entscheidung richtig war. »Ich verkaufe nicht weniger HCs, wenn daneben dasselbe Buch als TB steht. Wenn es Band drei oder vier ganz neu nur als HC gibt, möchten viele Kunden auch Band eins und zwei derselben Reihe in derselben Ausstattung haben.« Ulrike Schultheis kennt noch die alten Sortimentertugenden:
»Wir haben zwar noch keine geschlossene Warenwirtschaft, arbeiten aber mit Absatzlisten. Dennoch gucken wir nicht ständig in den Computer. Wir haben noch ein ganz altmodisches fotografisches Gedächtnis und sehen meist schon an den Lücken, welches Buch hier fehlt«, sagt sie. Bei der neuen Aufteilung achtet Schultheis vor allem auch auf deutliche Distanz zwischen Kinderliteratur und Jugendbuch. Kinderbereich mit Spielzeug wäre für Jugendliche problematisch. »Wir haben optisch die Bereiche bewusst durch ein Regal getrennt, das in den Raum hineinragt, zwar Platz wegnimmt, sich aber als Trennwand bewährt.« Das Jugend-Sachbuch lässt sie zum Sachbuch für Erwachsene übergehen. Natur oder Astronomie – sie helfen sich gegenseitig und sind oft all-age-fähig. Ähnliches gilt schon lange bei der Fantasy: Eine Säule für Erwachsene steht in der Nähe des Fantasy-Jugendbuch-Regals. Wachsam beobachtet Schultheis die Entwicklung in der Cross-over-Litertaur. Bis(s) es wohl auch in der Belletristik zu einer Verschmelzung kommen wird …
 
Ulrike Schultheis wurde 1951 in Frankfurt am Main geboren. Nach dem Abitur machte sie zuerst eine Buchhändlerlehre, um danach Theaterwissenschaften und Schauspiel zu studieren. Während der Lehre erhielt sie das Angebot, in der Buchhandlung Lehmkuhl eine Kinder-und-Jugendbuch-Abteilung in neuen Räumen aufzubauen. Dies war so verlockend, dass sie ihre Studienpläne aufgab, nebenbei aber noch bis zur Geburt der ersten Tochter auf diversen Studentenbühnen und Kleintheatern aktiv blieb. Lehmkuhl wurde bis 1996 zu ihrem beruflichen Zuhause. Seit 1997 ist sie gemeinsam mit ihrem Mann Ole Schultheis Geschäftsführerin der Buchhandlung »Bücherjolle Schultheis GmbH« in Starnberg, deren Kinderbuchabteilung 2003 bis 2006 mit dem bayernweiten Gütesiegel des Kultusministeriums »Partner der Schule – Leseforum Bayern« und 2004, 2005 und 2006 als beste Kinderbuchhandlung Bayerns und 2007 als beste im deutschsprachigen Raum von der avj ausgezeichnet wurde. Ulrike Schultheis war und ist in vielen Jurys und Institutionen tätig (Deutscher Jugendliteraturpreis, Referentin für den Börsenverein, u. a. »Die 100 Besten« im Literaturhaus München und auf der Bücherschau im Gasteig und der Bücherschau Junior im Münchener Rathaus). Außerdem ist sie Rezensentin (u. a. für die Süddeutsche Zeitung) und Autorin.
 
Peggy Rathmann, geboren in St. Paul, Minnesota, studierte zuerst Psychologie (»Ich wollte Gorillas die Zeichensprache beibringen, aber nachdem ich mich selbst mit Zeichensprache beschäftigte, merkte ich, dass ich Gorillas viel lieber malte«) und schwenkte dann um auf Grafikdesign.
 
Peggy Rathmann: Gute Nacht, Gorilla. Moritz Verlag 2006. 32 S.

Exorbitanter Elefant
Martin Baltscheit (Text),
Christoph Mett (Illustrationen), Peter Riese (Musik)
Die Elefantenwahrheit
 
Erste Sätze
Ach ja, es waren einmal fünf blinde Wissenschaftler. Die lagen zusammen auf der Terrasse und sonnten sich. Sie hatten gerade zwei, drei wichtige Erfindungen gemacht und die Frage nach dem Sinn des Lebens beantwortet.
Letzte Sätze
»Ah, ja …«, sagten die Wissenschaftler. »Ein Elefant?«, sagten die Wissenschaftler. »Ein Elefant! Ist hier nicht durchgekommen.«
Und sie waren sich sicher, dass es so war, in Wahrheit.
 
 
Es zeugt schon von elefantösem Mut, den Protagonisten auf dem Umschlag dieses Bilderbuches nicht auftauchen zu lassen. Erst am Ende versteht man, warum. Was ist eine Elefantenwahrheit? Was haben Kladden, Federn, Stempel, Zeichnungen, Briefumschläge, Bleistiftspitzer und Landkarten mit Elefanten zu tun?
Ich hätte nicht gedacht, dass das auf dem Umschlag keine Sonnen-, sondern eine Blindenbrille ist. Auch wenn man das Buch öffnet, tappt man noch im Dunkeln. Auf dem Vorsatzpapier immerhin sind ein riesiger Theatervorhang zu sehen und ein Elefant von hinten, der von einem Spot angestrahlt wird und gerade den Vorhang passiert, um backstage zu gehen. Die Spannung steigt. Ist die Situation im Zirkus peinlich für den Jumbo oder hat er gerade einen Riesenerfolg hinter sich? Erst unter der Titelei taucht dann ein Elefant mit Blindenbrille und weißem Blindenstock auf. Witzig, ein blinder Elefant. Aber falsch. Wenn hier jemand blind ist, dann ich, der Betrachter.
Von den Bilderbuchmachern mehrfach in die Irre geführt, noch bevor der Bilderbuch-Lesespaß richtig begonnen hat, entführt dieses ungewöhnliche Bilderbuch in eine Welt des Wissens, der Rätsel, der Erkenntnissuche und der Intoleranz. Fünf Erfindern und Wissenschaftlern, angeblich klugen Einzelkämpfern fehlt die Fähigkeit, aus Einzelteilen ein Ganzes zu formen. Den Bildern in diesem Buch aber gelingt es! Grandios! Aus dem dank des Tastsinns vermuteten Feuerwehrauto (Rüssel), der Sekundeneiche (Bein), der Toilettenbürste (Schwanz), dem Teppich (Ohr) oder dem Berg wird eben nicht der gesuchte Dickhäuter. Daraus entsteht Wissenschaftskritik für Groß und Klein mit einer Extra-Portion Humor (denn die Elefanten-Äpfel sind nicht weit). Und wer die Wahrheit selbst nicht weiß, denkt sich halt etwas aus.
Wer wissen will, warum die Wissenschaftler blind sind und wie sie die Frage nach dem Sinn des Lebens beantwortet haben, und wer Lust hat, sich weitere 20 Minuten lang dank eines philosophisch-musikalischen Hörspiels zu unterhalten, der soll die innenliegende CD hören, aber nicht mit einem Grammofon, wie es eine professoral-anachronistische Gebrauchsanweisung auf dem Umschlag empfiehlt.
Aufgeschlagen bietet das Buch der Elefantenwahrheit den angemessenen Raum: Fast 60 Zentimeter Spannweite für das elefantöse Rätsel werden cinemascopeartig Seite für Seite optisch voll ausgekostet. Die Schriften variieren farblich und erreichen beim dramatischen Höhepunkt, beim Auftauchen des Zirkusdirektors, 20 Punkt. Und der Elefantenkopf prangt in voller Breite, wirft Schatten und gibt Rätsel auf. Exorbitant, dieser Elefant!
Martin Baltscheit, geboren 1965 in Düsseldorf, studierte Kommunikationsdesign an der Folkwang-Hochschule in Essen. Im Anschluss tätig als Comiczeichner, Illustrator, Schauspieler, Kinderbuch-, Prosa-, Hörspiel- und Theaterautor. Für seine Arbeiten erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Martin Baltscheit lebt in Düsseldorf.
 
Christoph Mett, geboren 1978, beschäftigt sich seit 2002 im Rahmen seines Studiums mit Illustration, Druckgrafik, Malerei und Film. Dabei sind bereits einige illustrierte Bücher für Kinder und Erwachsene entstanden. Außerdem entwickelt er ungewöhnliche Spielzeug-Objekte und Kostüme für jede Altersklasse. Freie grafische Arbeiten wurden bereits in diversen Gemeinschaftsausstellungen gezeigt. Die Elefantenwahrheit ist sein erstes veröffentlichtes Kinderbuch.
 
Peter Riese ist Komponist, Produzent, Sänger und Keyboarder, geboren in Düsseldorf, erhielt eine klassische Ausbildung in Klavier, Komposition und Improvisation. Mit 15 gründete er seine erste Band und bekam Produktionsverträge in renommierten Tonstudios. 1989 baute er seine eigene Musikproduktion tone department auf. Als Werbekomponist schrieb Peter Riese Musiken für über 500 TV-Spots. Zurzeit arbeitet er an einer zweiten Solo-CD, produziert Musik für diverse Künstler und ist als Songwriter tätig.
 
Martin Baltscheit (Text), Christoph Mett (Illustrationen), Peter Riese (Musik): Die Elefantenwahrheit. Kinderbuchverlag Wolff 2006. 36 S.

Vom Jäger zum Beschützer
Christian Duda (Text), Julia Friese (Illustrationen)
Alle seine Entlein
 
Erste Sätze
In einem Wald … saß am Ufer eines Sees eine Ente. Unter der Ente war ein Ei und in dem Ei ein Küken, und das hatte keinen Namen.
Letzte Sätze
Er sah glücklich aus. Die Enten waren froh, wie Konrad es war, und begruben ihn.
So endet die Geschichte von Konrad, dem Fuchs. Seine Familie blieb im Wald. Ganz in seiner Nähe.
 
 
Nicht alle meine, nein, alle seine Entlein. Held des Buches ist ein Fuchs. Seine Entlein werden ihn am Ende ins Grab befördern. Aber zuvor haben sie ihn – und die Leser – glücklich gemacht.
Es beginnt optisch mit vereinzelten Bäumen. Die Stämme bestehen aus aneinandergereihtem, gepunktetem Papier oder Stoff. Es sind Collagen, wie von Kindern geschnitten und geklebt.
Nach der Besichtigung von Ausstellungen zeitgenössischer Kunst blättere ich gerne in Gästebüchern und freue mich jedes Mal, wenn da irgendwo in Kinderschrift steht: »Das kann ich auch.« Das denken die Kinder beim Anblick dieser Bäume auch. Dieser Effekt ist eine schöne Einladung zum Weiterlesen.
Nun beginnt aber das Staunen über Frieses Technik: Es wieselt und wuselt im geklebten Wald, es wimmelt von Tierspuren und – da! – ein Pfeil zeigt auf den Schwanz des Protagonisten, genannt Konrad: Mehr ist aber bis zur fünften Doppelseite nicht von ihm zu sehen, denn davor wird das Entenleben präsentiert: Ente, Ei und (noch) namenloses Küken. »Zufälligerweise« wird es später von Konrad auf den Namen Lorenz getauft werden.
Die fünfte Doppelseite: So einen wildroten Fuchsüberfall auf die in Panik flüchtende Entenmama habe ich noch nie gesehen. Wiederum erzeugt Frieses Technik die Faszination, denn mit vielen Skizzen deutet sie den sprunghaften Bewegungsablauf des hungrigen Konrad und den Fluchtflug der knapp dem Tode entronnenen Mama an, was den Bildern eine große Dynamik verleiht.
Jetzt ist das Naturell des Fuchses bekannt. Er wirkt wie die personifizierte Gefahr. Aber nach diesem ersten, grandiosen Knalleffekt wird das narrative Tempo verlangsamt und aus der drohenden Tragödie wird eine veritable Komödie.
Eier haben keine Tragegriffe, und Rührei für den Fuchsbau bleibt ein Traum, denn das Küken ist schneller. Es schlüpft. Konrads Magen brummt. Das gefällt dem Küken. Es hält den Fuchs für seine Mama. Und so beginnt die Verwandlung des Fuchses, der sich dem naiven Charme und der bedingungslosen Liebe des Kükens nicht erwehren kann. Mit viel Sinn für feinen Humor formuliert Duda (schon sein Künstlername ist ein Witz, siehe Biografie unten) die Zähmung des Raubtieres.
Das ist charmant erzählt und köstlich gezeichnet, bis hin zum Erwachsenwerden des Kükens, zu seiner Jugendliebe, zum erneuten Nachwuchs. Text und Bild korrespondieren vortrefflich, vor allem wenn die innere Zerrissenheit Konrads geschildert wird: Küken fressen oder päppeln? Zorn oder Zuneigung? Das schwarze Hunger- und Wutloch im blutroten Bauch alterniert mit einem friedlich flauschigen weißen Pelz.
Ein Buch voller Finessen. Denn der potenzielle Mörder wird zum Aufklärer, der der Jugend den Unterschied zwischen einer Eimama und einer Entenmama klarmacht; er wird zum Beschützer, der den Nachwuchs davon abhält, sich an seinem angestammten Platz am Ufer häuslich einzurichten (»da wimmelt es von Jägern«, sagt Konrad in altruistisch-liebevoller, aber quälerischer Selbstverleugnung). Schließlich wird Konrad zum Großvater, der den Enkeln ein besserer Erzieher ist als die jungen, erlebnishungrigen Eltern.
Dass es hier wie dereinst in Grimms Märchen zoologisch nicht immer mit rechten Dingen zugeht, ist kein Manko, sondern wesentlicher Bestandteil der Geschichte. Und schließlich ist die Basis der Geschichte, dass nämlich Enten unzuverlässige Brüter sind, wissenschaftlich verbürgt.
Am Ende läuft alles aus dem Ruder: ein Wald voller Enten, die auf die Pirsch gehen und in allen Tonlagen knurren, weshalb andere Waldtiere besorgt einen großen Bogen um diese gefährliche Region machen.
Die Moral der Geschichte: Liebe setzt Naturgesetze außer Kraft.
 
Christian Duda wurde als Österreicher in Österreich geboren und wenig später ebenda katholisch getauft. Mit vier Jahren wurde er nach Deutschland umgetopft und dort per Luftpost aus Kairo arabisiert, indem man ihm einen Pass schickte, der ihn als Ägypter und Mohammedaner auswies. Heute ist er Atheist und deutscher Staatsbürger. Sein Name hat sich dementsprechend oft verändert. Er lebt als Vater, Regisseur und Autor in Berlin.
 
Julia Friese, geboren 1979 in Leipzig, studierte Grafik und Buchkunst an der Hochschule Leipzig. Zuvor hatte sie in Dublin am National College of Art and Design das Fach Visuelle Kommunikation belegt. Nach dem erfolgreichen Abschluss ihres Studiums in Leipzig lebt sie heute in Dublin als freie Grafikerin und Illustratorin.
 
Christian Duda (Text), Julia Friese (Illustrationen): Alle seine Entlein. Bajazzo 2007. 60 S.

Die Ente auf dem Baum
Wolf Erlbruch
Ente, Tod und Tulpe
 
Erste Sätze
Schon länger hatte die Ente so ein Gefühl. »Wer bist du – und was schleichst du hinter mir her?« »Schön, dass du mich endlich bemerkst«, sagte der Tod. »Ich bin der Tod.«
Letzte Sätze
Lange schaute er ihr nach.
Als er sie aus den Augen verlor, war der Tod fast ein wenig betrübt.
Aber so war das Leben.
 
 
Wie ein senkrechter Strich in der leeren Landschaft empfängt die Ente auf dem Umschlag ihre Betrachter: den Hals lang gestreckt, den Schnabel himmelwärts. Auch ihr Auge schaut hinauf. Sie trägt ein schlichtes Kostüm und erinnert an eine ärmliche, ältere Frau. Auf den Seiten der Titelei blickte sie zurück, also dahin, woher der Leser kam, zum Umschlag, so als wollte sie noch nicht mit der Geschichte beginnen. Danach – unter den Überschriften – zwei Szenen: Einmal läuft sie zielgerichtet vorwärts, das andere Mal watschelt sie etwas unentschlossen umher.
Die Leser kennen nun Mimik und Gestik der Protagonistin. Scheinbar eine Ente ohne Eigenschaften. Weil ein Mund fehlt, weil Pupillen fehlen, lässt sich nicht sagen, was sie fühlt, ob einmal Freude und Hoffnung, das andere Mal Zorn oder Niedergeschlagenheit überwiegen.
Als erstmals der Tod ins Spiel kommt – kein angenehmer Anblick, der kahle Schädel, die großen schwarzen Augenhöhlen, der zu kurze Gehrock mit dem karierten Kittel darunter, die Tulpe hinter dem Rücken -, dreht sich die Ente abrupt zu ihm um. Ihr Körper aber verharrt leicht geneigt in der Vorwärtsrichtung, nur Kopf und Hals halten inne.
Vereinzelt Löwenzahn, Margeriten. In Schwarz-Weiß, Grau und Beige.
Und da ist noch etwas. Am linken Bildrand der hohe Bretterzaun. Nach oben hin abfallend bis zum Seitenende. Er reicht also über das Bild hinaus. Unüberwindbar. Die Ente steht direkt davor. Dieses Hindernis war es auch, das ihr Einhalt gebot.
Kein Astloch, kein Spalt in den Fugen dieses Zauns. Manchmal gelangt man im Leben an solche Grenzen.
Und da ist noch ihr Gefühl, verfolgt zu werden. Aber sie weiß nicht, von wem. Erst nachdem sich der Tod vorgestellt hat, setzt der Schrecken ein, jetzt auch sichtbar in ihrem Gesicht, mit dem weit aufgerissenen Auge rund um die Pupille.
Ein verhaltener Tanz setzt ein. Der Tod macht einen Schritt auf sie zu. Sie neigt sich im nächsten Bild zu ihm hin. Er neigt den Kopf, einmal nach links, einmal nach rechts. So als begutachte er sein Opfer.
Sie weiß um die Gefahr, die er mit sich bringt, scheint aber ernüchtert, als sie hört, dass er schon ihr ganzes Leben lang in ihrer Nähe war. Sie lernt: Er ist nicht per se das Unglück. Er ist nicht der schlimme Schnupfen, der Unfall oder »Ich sage nur: Fuchs«.
Warum nicht schmunzeln jetzt? Wenn Enten Gänsehaut bekommen!
Der Tanz geht weiter: Einmal steht sie links über ihm. Einmal rechts unter ihm. Beide sind etwa gleich groß.
Der Tod lächelt freundlich. Genau besehen ein attraktiver Typ, findet die Ente und lädt ihn zu einem Ausflug ein. Und zeigt ihm die Schönheit ihres Lebens: das Gründeln im Teich. Danach wärmt sie den nassen Tod, dem kalt ist. Sie will ihm helfen. Ihn heilen, falls er krank werden sollte.
Das ist ihm noch nie passiert. Dass sich jemand so um ihn kümmert.
Es ist fast so, als wollte die Ente den Tod (weg-)therapieren.
Sie schlafen eng aneinandergeschmiegt ein.
Auch der Tod braucht ja seine Ruhe.
Erfreut stellt die Ente am nächsten Morgen fest, dass sie noch lebt.
Munter gehen die Gespräche weiter. Mal quakt sie. Mal schnattert sie.
Über Engel und Flügel, über Hölle und Braten. Unternehmungslustig sind sie beide. Eine Freundschaft scheint zu entstehen. Genussvolle, lebensfrohe Momente geschehen, wobei die Ente den Ton angibt, auch als sie vom Baum oben auf den Teich hinunterblickt, so als wäre sie schon im Himmel.
Wenn die Ente weg ist – ganz weg -, gibt es für sie dann noch diesen Teich? »Lass uns runterklettern«, bat ihn die Ente nach einer Weile, »auf Bäumen kommt man auf seltsame Gedanken.«
Es ist auf die Dauer nicht zu leugnen: Neugier und Begeisterung stellen sich bei der Ente nicht mehr ein. Stattdessen Müdigkeit und Kälte. Nachdem sie ihn gefragt hat, ob er sie ein wenig wärmen möchte, schwebt Schnee im erstmals dunklen Hintergrund. Sie liegt still. Atmet nicht mehr. Sie ist in seinen Armen gestorben und er, der fürsorgliche Tod, bemerkt es erst mit Verspätung.
Das könnte der schöne Schluss sein, aber Erlbruch verleiht dem Tod nicht nur die Züge eines Freundes, sondern auch den Habitus eines Liebhabers, der seine tote Frau auf den Armen zum Fluss trägt, sie behutsam aufs Wasser legt und ihr einen Schubs gibt. Kein Zweifel, der Tod ist traurig.
Aber so ist das Leben.