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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 

Schicksal, Zufall und Vorsehung
Nach uralter Auffassung bringt der Zufall uns, was wir verdienen.
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Welche Gedankenbilder tun sich vor Ihrem geistigen Auge auf, wenn Sie an den Begriff »Wahrsagen« denken? Sehen Sie eines jener unzähligen Zeitungsinserate, in denen Wahrsagerinnen Hilfe in allen Lebenslagen versprechen, gegen Bezahlung natürlich? Oder kommt Ihnen die exotisch gekleidete »Zigeunerin« in den Sinn, die in ihrer Kristallkugel den dicken Lottogewinn oder den lang ersehnten Liebespartner für Sie entdeckt?
Ist Wahrsagen für Sie etwas Fremdartiges, das im Gegensatz zu unserer christlich-abendländischen Kultur steht?
Und was verstehen Sie unter Zufall? Etwas, das Ihnen willkürlich und aus heiterem Himmel zustößt? Oder etwas, das Ihnen zufällt, weil es Ihnen zusteht?
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Nach uralter Auffassung bringt der Zufall uns, was wir verdienen.
 
EIN EIN KLEINES ZUFALLSEXPERIMENT
Sie warten auf einen Freund, den Sie eingeladen haben, aber er kommt und kommt nicht. Nun befragen Sie ein simples Orakel. Sie sagen sich: Ich werfe eine Münze. Bei Kopf kommt er noch. Bei Zahl hat er die Einladung vergessen. Machen Sie das manchmal … oder gar oft? Dann halten Sie doch bitte in einem Notizheftchen fest, wie oft das Münzorakel Ihnen die Wahrheit prophezeit hat. Wenn es in der Hälfte der Fälle richtig lag, dann entspricht das dem statistisch zu erwartenden Wert. Hat es öfter richtig prophezeit, als nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung zu erwarten gewesen wäre, fällt Ihnen offenbar mehr zu als dem Durchschnittsmenschen. Doch um ein halbwegs aussagekräftiges Ergebnis zu erzielen, müssen Sie sehr viele Experimente dieser Art durchführen.

Aus den Tiefen der Geschichte
Der Wahrsagende kann nicht nur Informationen über seine Zukunft in Erfahrung bringen, er kann seine Zukunft auch gezielt beeinflussen.
ARISTOTELES (384-322 v. Chr.)
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Wahrsagen in der Bibel und in der christlichen Tradition

Das Wahrsagen hat eine lange Tradition. In allen alten Hochkulturen wurde es eingesetzt, und aus der Bibel wissen wir, dass die Propheten schon vor Jahrhunderten eine sehr wichtige Rolle spielten. Sie galten als Sprecher Gottes, als Übermittler seiner Botschaften an die Menschen. Beispielsweise übermittelte Moses dem Volk Israel nach der Flucht aus der ägyptischen Sklaverei Gottes Gesetze als Grundlage ihres künftigen Lebens. Heute setzt man die Bezeichnung »Prophet« gern mit »Wahrsager« gleich. Doch die biblischen Propheten waren nicht in erster Linie Verkünder künftiger Ereignisse. Und wenn sie es doch waren, enthüllten sie keineswegs die Vision einer genau festgelegten Zukunft. Vielmehr schilderten sie mögliche zukünftige Ereignisse. Der freie Wille der Menschen wurde nicht eingeschränkt. Der Mensch selbst musste nach wie vor Entscheidungen treffen, sich in irgendeiner Weise verhalten und so sein Leben selbst bestimmen.
Das biblische Buch Jona schildert in anschaulicher Weise, was man sich unter dieser Vorausschau auf eine mögliche Zukunft vorzustellen hat. Jona prophezeit den Bewohnern von Ninive das Ende ihrer Stadt, aber nicht als unabwendbares Schicksal. Die Menschen haben es selbst in der Hand, ob die Vision Wirklichkeit wird oder nicht. Und da sie sich nach der ausgesprochenen Warnung Gott zuwenden, bleibt die Zerstörung der Stadt aus. Die Prophezeiung erfüllt sich nicht. Jona, der Prophet, ist empört, weil das von ihm vorhergesagte grausame Zukunftsbild nicht Wirklichkeit wurde. Fühlte er sich in seiner Ehre als »Wahrsager« verletzt? Wie Jona zu seiner Zukunftsschau kommt, verrät der Bibeltext nicht.
Anders verhält es sich bei Josef (1. Buch Mose, Kapitel 30, 35, 37 und 39-50). Schon im Kindesalter werden ihm, dem besonderen Liebling seines Vaters Jakob, in symbolträchtigen Träumen künftige Ereignisse gezeigt. Doch bei seinen Halbbrüdern macht er sich mit seiner prophetischen Gabe unbeliebt. Sie beschließen seinen Tod, verkaufen ihn dann aber »nur« in die Sklaverei. Mit einer Karawane gelangt Josef nach Ägypten. Dort steigt er, nachdem er alle Intrigen überstanden hat, zum zweitwichtigsten Mann im Lande auf, denn nur er kann die Träume des Pharaos als prophetische Visionen erkennen und interpretieren.
Die biblischen Geschichten um Jona und Josef verdeutlichen:
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Nachdem etwas wahrgesagt wurde, sind die Menschen gefordert. Sie bestimmten durch ihr Handeln, ob eine Vision wahr wird oder nicht.
Die Bewohner von Ninive konnten das drohende Unheil abwenden. Und die Träume des Pharaos verwiesen auf eine nahende Hungersnot und liefern die Lösung des Problems gleich mit: Lässt man in den sieben fetten Jahren Nahrungsmittelvorräte anlegen, so ist für die dürren Jahre vorgesorgt. Die Ägypter mussten keinen Hunger leiden.
 
ERSPÜREN SIE IHRE MÖGLICHKEITEN!
Sorgen Sie dafür, dass Sie ein paar Minuten lang nicht gestört werden können. Setzen Sie sich entspannt hin und reflektieren Sie: Wie ist Ihr Leben bisher verlaufen? Haben Sie in letzter Zeit wichtige Entscheidungen getroffen? Oder stehen Entscheidungen an? Wie könnten diese Entscheidungen Ihr künftiges Leben beeinflussen? Stellen Sie sich bildlich vor, dass Sie an einer Kreuzung stehen. Viele Wege liegen vor Ihnen. Sie entscheiden nun, welchen Weg Sie einschlagen und wie es in Ihrem Leben weitergeht. Seien Sie mutig! Beweisen Sie Fantasie. Malen Sie sich die unterschiedlichsten Zukunftsszenarien aus. Erspüren Sie, wie Sie sich in dem einen oder anderen Geschehen fühlen würden. Sie wählen, welchen Weg Sie wie weitergehen werden.
 
 
Die frühen Christen bauten in ihrem noch jungen Glauben auf das Neue Testament. Und das ist voll von Prophezeiungen. Maria erfährt durch eine göttliche Prophezeiung, die ihr der Engel Gabriel übermittelt, dass sie Jesus gebären wird (Evangelium nach Lukas, Kapitel 1, Verse 30-33). Im zweiten Kapitel des Evangeliums nach Matthäus lesen wir, dass Caspar, Melchior und Balthasar, die drei Weisen (Astrologen) aus dem Morgenland, König Herodes ihre Aufwartung machen und ihm berichten, dass sie den neugeborenen König der Juden suchen. Herodes wird hellhörig und beschließt, das Baby töten zu lassen. Scheinheilig bittet er die Weisen, ihm – sollten sie mit ihrer Suche fündig werden – den genauen Geburtsort des Messias mitzuteilen. Doch im Traum wird den drei Weisen gesagt, sie sollen nicht zu Herodes zurückkehren, um das Leben Jesu nicht zu gefährden. Auch Joseph wird eine Traumvision zuteil: Herodes wird alle Kleinkinder abschlachten lassen. Die Heilige Familie flieht überstürzt nach Ägypten und das Jesus-Kind entgeht dem grausigen Mordkomplott. Eine weitere Traumvision veranlasst Joseph später, aus dem ägyptischen Exil in das Land Israel zurückzukehren. Herodes ist gestorben, von ihm geht keine Gefahr mehr aus. Doch auf dem Heimweg erreicht Joseph eine dritte »Wahrsagung« – wieder im Schlaf und wieder aus dem Mund eines Engels: nach Galiläa, nicht ins jüdische Land soll er mit seinen Lieben heimkehren. In Nazareth, so wird ihm offenbart, ist er sicher vor den Nachstellungen des Herodes-Sohnes Archelaus.
Wenn Sie das Neue Testament lesen, werden Sie feststellen, dass die Prophetie für die Evangelisten nichts Anrüchiges hat. Im Gegenteil: Immer wieder betonen sie, dass die in ihren Texten beschriebenen Ereignisse aus dem Leben Jesu bereits viele Jahrhunderte früher von Propheten vorhergesagt wurden. Im gesamten Leben Jesu, von seiner Geburt bis zu seinem Tod am Kreuz, sehen die Evangelisten die Erfüllung von Prophetenworten. Einige wenige Beispiele mögen genügen, um dies zu illustrieren. Evangelium nach Matthäus (Kapitel 1, Verse 22 und 23): »Dies ist aber geschehen, auf dass erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht: Siehe eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden seinen Namen Immanuel heißen, das ist verdeutscht ›Gott mit uns‹.« Oder (Kapitel 27, Vers 35): »Da sie ihn (Jesus) aber gekreuzigt hatten, teilten sie seine Kleider und warfen das Los darum, damit erfüllt werde, was gesagt ist durch den Propheten: Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über meinen Rock das Los geworfen.«
 
In der ersten Hälfte des ersten Jahrtausends nach Christus begann man zwischen bedeutungslosen, die Erlebnisse des Alltags reflektierenden Träumen und prophetischen Träumen zu unterscheiden. Der Bischof Synesios von Kyrene (etwa 370-413 n. Chr.) bemühte sich um eine nüchterne, fast wissenschaftliche Betrachtungsweise des Phänomens Traum, nach der man zwischen dem Geist und der Seele des Menschen unterscheiden muss.
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Während der Mensch wach ist, sammelt der Geist Informationen. Doch wenn der Mensch schläft, erlangt die Seele ihre Freiheit und kann Einblick in die Zukunft nehmen.
Hildegard von Bingen (1098-1179 n. Chr.) sah die Traumprophetie als kostbaren Schatz an. Sie glaubte, dass die Seele dem schlafenden Menschen Erleuchtung schenkt und den Träumenden darüber hinaus in die Lage versetzt, seinen weiteren, noch in der Zukunft liegenden Lebensweg zu erkennen. So wie der Mond in der Nacht Licht auf einen Weg wirft, der sich im Dunkel verliert, erhellt die Seele Künftiges, während der Mensch schläft.
Auch Thomas von Aquin (etwa 1225-1274 n. Chr.) hatte keinerlei Zweifel daran, dass Träume prophetisch sein können. Da Träume von Gott geschickt werden – so seine Überzeugung -, hieße es doch, sich dem Willen Gottes zu widersetzen, würde man nicht versuchen, ihre Botschaften zu entschlüsseln. Denn dann würde man ja sein Ohr vor Gott selbst verschließen. Zudem war Thomas von Aquin der Ansicht, dass Träume die Zukunft beeinflussen können. Damit vertrat der christliche Kirchenlehrer eine These, die bereits der Philosoph Aristoteles (384-322 v. Chr.) gelehrt hatte:
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Der Wahrsagende kann nicht nur Informationen über seine Zukunft in Erfahrung bringen.
Er kann durch seine Träume auch seine Zukunft selbst gezielt beeinflussen.
 
»WAHRSAGEN« SIE SICH IHRE EIGENE ZUKUNFT!
Ganz im Sinne von Thomas von Aquin können Sie Ihre Zukunft selbst gestalten, indem Sie sich abends vor dem Einschlafen vorstellen, wie Sie sich Ihr künftiges Leben wünschen. Sie möchten im Beruf anerkannt und befördert werden? Dann lassen Sie vor Ihrem geistigen Auge einen entsprechenden Film ablaufen: Sie betreten das Firmengebäude, streben Ihrem eigenen, geräumigen Büro zu, an dessen Tür auf einem glänzenden Messingschild Ihr Name und Ihr ersehnter »Rang« prangen. Oder: Sie möchten mehr Anerkennung von Ihren Vorgesetzten? Dann malen Sie sich aus, wie Ihr Chef Sie vor versammelter Mannschaft für Ihre herausragende Arbeit lobt. »Wahrsagen« Sie sich ganz konkret die Zukunft, die Sie sich erhoffen. Damit haben Sie schon den ersten Schritt getan, um Ihre Zukunft so zu gestalten, wie Sie sie haben möchten. Und denken Sie daran: Ihre Gedankenbilder haben umso mehr Kraft, je konkreter Sie sie in Ihrer Fantasie gestalten!

Berühmte Vorhersagen und wie sie sich erfüllt haben

Nostradamus und die Französische Revolution

Nostradamus, eigentlich Michel de Notredame (1503-1566), studierte Medizin und machte in schlimmen Pestepidemien als furchtloser Arzt Furore. Unsterblich aber machten ihn seine vor rund einem halben Jahrtausend verfassten Prophezeiungen, die er in dichterischer Form niederlegte.
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Seit Jahrhunderten sind Freunde wie Feinde des Nostradamus fasziniert von der unglaublichen Präzision, mit der er Ereignisse wahrsagte, die oftmals bis ins Detail exakt eintrafen.
Unzählige Werke über den Giganten unter den Propheten sind verfasst worden. Wenn Sie sich mit der Kunst des Wahrsagens auseinander setzen wollen, kommen Sie um Nostradamus nicht herum.
Wenn Nostradamus von einem »Wirbelwind« spricht, kann damit ein natürliches, also meteorologisches Phänomen gemeint sein. Nostradamus ist aber auch ein Meister der Symbole: Gern bezeichnet er eine Revolution, in der eine althergebrachte Ordnung durch Chaos ersetzt wird, sinnbildlich als »Wirbelwind«.
Am 13. Juli 1788 wurde Frankreich von einem gewaltigen Tornado heimgesucht. Zeitgenössischen Berichten kann man entnehmen, dass es sich um eines der schlimmsten Unwetter in der Geschichte Frankreichs handelte. Im »Großen Tornado von 1788« soll es Hagelkörner so groß wie Eicheln geregnet haben. Starke Wirbelstürme brausten durchs Land und hinterließen eine Spur der Verwüstung.
Auf den Tag genau ein Jahr später kam es zu einem politischen Wirbelsturm: Das mächtigste Symbol der alten französischen Ordnung wurde scheinbar mühelos gestürmt: die Bastille. Es war, als breche ein morsches System in sich zusammen, das auch mit brutaler Gewalt nicht mehr zu halten war. 235 Jahre vor diesen Ereignissen hatte der Wahrsager Nostradamus beide korrekt vorhergesagt, wenn auch in verschlüsselter Form: »Wenn die Sänfte umgestoßen wird vom Wirbelwind. Und die Gesichter bedeckt werden von ihren Mänteln. Wird die Republik von neuen Leuten gepeinigt. Dann werden die Weißen und die Roten falsch urteilen.« (I. Zenturie 38)
In der Sänfte kann man die selbstgefällige Monarchie sehen, die sich von ihren Knechten schleppen lässt. Der zweite Satz erscheint nur auf den ersten Blick unverständlich. Doch was bedeutet der Hinweis auf Gesichter, die von Mänteln bedeckt werden? Je weiter die Französische Revolution voranschritt, je größer der Zorn entbrannte, je mehr Grausamkeit statt Gerechtigkeit wirkte, desto mehr Arbeit gab es für die Henker. Die Guillotine wurde bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit eingesetzt. Unzählige Adelige wurden geköpft. Ihre Häupter wurden vom Rumpf getrennt und fielen in einen Korb. Wenn der voll war, wurde er mit den Mänteln der Hingerichteten zugedeckt. Dann geschah genau das, was Nostradamus vorhergesagt hatte: Die Gesichter wurden bedeckt von ihren Mänteln.
Ein weiterer Text des Nostradamus kann ebenfalls auf die Französische Revolution hinweisen. In der I. Zenturie (57) lesen wir: »Durch große Zwietracht wird der Wirbelwind erzittern. Eintracht – zerstört. Erhebt das Haupt zum Himmel. Blutender Mund – wird im Blut schwimmen. Am Boden – sein in Milch und Honig gesalbtes Haupt!«
Nostradamus war alles andere als ein Revolutionär oder Demokrat. Er war und blieb ein Anhänger der Monarchie. Ein revolutionärer Umsturz war für ihn kein Befreiungsschlag, sondern ein Verbrechen am System. Für das revolutionäre System sah Nostradamus Streit, nicht Einigkeit voraus. So allgemein der Vierzeiler auch formuliert ist, er könnte sich dennoch sehr konkret auf die Hinrichtung Ludwig XVI. beziehen. Der Monarch bestieg die Guillotine am 21. Januar 1793.
Aus zeitgenössischen Berichten wissen wir, dass er am Ende seines Lebens in würdevoller Gelassenheit aus Psalm 3 zitierte: »Ach Herr, du bist meine Ehre und hebst mein Haupt für mich.« Auf eben diese Worte wies Nostradamus in seinem weissagenden Text hin. Nachdem das scharfe Messer der Guillotine Ludwig XVI. getötet hatte, ergriff der Henker das königliche Haupt und hielt es triumphierend empor. Viel Blut floss, und die Menge applaudierte hohnlachend – trotz des schrecklichen Bildes, das sich ihr bot. Es sah so aus, als schwimme der Mund des toten Königs in Blut.
Unverständlich erscheint zunächst der Hinweis auf das mit »Milch und Honig« gesalbte Haupt, doch Historiker können ihn erklären: Ludwig XVI. wurde am 21. Januar 1774 zum König gesalbt, am Ehrentag der heiligen Agnes. Zeitgenössischen Berichten zufolge wurden für das feierliche Ritual Milch und Honig verwendet – so wie es Nostradamus bereits im 16. Jahrhundert vorhergesagt hatte.
Die Revolutionäre begnügten sich nicht damit, den König zu töten, auch Königin Marie-Antoinette wurde geköpft. Ihr Leben endete am 16. Oktober 1793, ebenfalls auf dem Schafott. Der Geliebten des Königs, Madame du Barry, erging es nicht anders: Am 22. Dezember folgte sie dem Königspaar in den Tod. Und was geschah mit Ludwig XVII., dem Sohn des Monarchen? Er wurde ins Gefängnis geworfen und von seinen Wärtern gepeinigt. Das Kind starb. Bei Nostradamus heißt es in der IX. Zenturie (77): »Das gefangene Land wird den König in Bedrängnis führen. Die eingekerkerte Dame in den Tod geschickt, dem Schicksal versprochen. Sie werden dem Sohn des Königs das Leben verweigern. Und die Prostituierte wird dem Schicksal des Gatten folgen.«
Aus Sicht des königstreuen Nostradamus würde Jahrhunderte nach dem Tod des Propheten das Land in die Gefangenschaft der Revolution geraten. Der Königssohn würde bedrängt, nicht hingerichtet werden. Die Geliebte des Königs würde ebenso dem Henker zum Opfer fallen.
 
EXPERIMENTIEREN SIE À LA NOSTRADAMUS
Nostradamus hat sich, so heißt es, bei Nacht auf eine Dachterrasse zurückgezogen. Er setzte sich vor eine mit Wasser gefüllte Schale und ließ das Bild, welches das Wasser vom Mond und den Sternen widerspiegelte, auf sich wirken. So beruhigte er seine Sinne, konzentrierte sich auf sein Innerstes und drängte störende äußere Einflüsse zurück. So hatte seine Intuition die Chance, sich vernehmbar zu machen, ja »sichtbar« zu werden.
In unseren Tagen lässt sich die Methode des Nostradamus kaum eins zu eins umsetzen. Wo haben Sie schon Gelegenheit, das Abbild der Sterne auf dem Wasserspiegel einer Schale zu betrachten? Fast überall produzieren Straßenlaternen, Reklameschilder, Hausbeleuchtungen und Autoscheinwerfer zu viel störendes Licht. Und dennoch können Sie Experimente à la Nostradamus durchführen. Wichtig ist lediglich, dass Sie ein spiegelndes »Objekt« benutzen. Die Oberfläche von Wasser in einer Schale erfüllt den gleichen Zweck wie ein sauber polierter Spiegel oder eine Kristallkugel. Für welches Hilfsmittel Sie sich entscheiden, liegt ganz bei Ihnen.
Setzen Sie sich in einen stillen, abgedunkelten Raum an einen Tisch. Vor Ihnen steht eine Schale mit Wasser, in der sich eine schwache, auf keinen Fall grelle Lichtquelle (Lampe an der Decke) spiegelt. Oder Sie experimentieren mit einer Kristallkugel, die für viele Menschen das Symbol für die Kunst des Hellsehens ist. Alternativ können Sie auch eine glatte, kugelrunde Glasvase oder ein kugelrundes Miniaquarium verwenden. Füllen Sie die Vase oder das Aquarium bis zum Rand mit Wasser. Legen Sie dann ein großes Stück Samt auf einen Tisch und stellen Sie die »Kugel« darauf. Auf diese Weise vermeiden Sie störende Reflexionen. Verdunkeln Sie den Raum, zünden Sie eine Kerze an und positionieren Sie sie so, dass ihr Schein über Ihre Schulter hinweg auf die Kugel fällt.
Oder Sie experimentieren mit einem Spiegel. Setzen Sie sich in einem abgedunkelten Raum vor einen möglichst großen Spiegel. Auch hier ist eine schwache Lichtquelle hilfreich.
Eine weitere Alternative wäre eine Glasflasche, die Sie mit Wasser füllen. Sie legen ein Stück Samt auf einen Tisch. Darauf stellen Sie die Flasche. Links und rechts von der Flasche positionieren Sie je eine Kerze.
Sie können also eine mit Wasser gefüllte Schale oder eine Kristallkugel verwenden oder einen Spiegel oder eine mit Wasser gefüllte Flasche oder einen dicken gläsernen Briefbeschwerer – wichtig ist, dass Sie etwas Reflektierendes nehmen. Finden Sie heraus, was Ihnen am angenehmsten ist, und probieren Sie auch aus, in welcher Atmosphäre Sie sich beim Wahrsagen à la Nostradamus am wohlsten fühlen: im völligen Dunkel, im Halbdunkel, bei Dämmerlicht? Taghell freilich sollte es nicht sein. Vielleicht möchten Sie eine Räucherkerze anzünden und/oder im Hintergrund dezent meditative Musik laufen lassen. Tun Sie alles, damit Sie sich wohl fühlen. Darauf hat natürlich auch Ihre Kleidung Einfluss. Ziehen Sie an, was bequem ist. Sie sollen frei atmen können und sich nicht eingeengt fühlen.
Setzen Sie sich nun vor Ihr »spiegelndes« Hilfsmittel, und zwar so, dass der Abstand zur Wasserfläche, zur Kristallkugel, zur Flasche oder zum Spiegel etwa dreißig bis fünfzig Zentimeter beträgt. Atmen Sie ruhig durch und versetzen Sie sich in eine leichte Trance, während Sie auf die spiegelnde Fläche schauen. Schließen Sie die Augen.
Stellen Sie sich vor, dass Sie Ihr Zimmer durch eine Tür verlassen. Lassen Sie die Augen geschlossen. Sie kennen sich so gut aus, dass Sie »blind« Ihren Weg finden. Halten Sie kurz inne in Ihren Gedanken. Jetzt stehen Sie vor einer Treppe. Sie wissen, dass von hier aus zehn Stufen nach unten führen. Steigen Sie nun ganz bewusst Schritt für Schritt die Treppe hinunter. Sie zählen mit, während Sie Stufe für Stufe immer tiefer in den Keller gehen. Sie wissen: Am Ende der Treppe werden Sie einen Raum betreten, wo Sie alle Probleme der realen Welt ablegen können.
Wie sieht dieser Raum aus? Sie können ihn ganz nach Ihren Wünschen gestalten. Ist es eine stille Bibliothek mit kostbaren Folianten? Ist es eine wunderschöne Höhle mit glitzernden Kristallen an den Wänden? Ist es ein idyllischer Garten mit wunderschönen Blumen und einem leise plätschernden Springbrunnen? Oder Sie fantasieren sich einen Ort in einem Märchenwald mit nach Harz duftenden Baumstämmen und dicken Moospolstern.
Wie immer Sie diesen Raum der Ruhe auch gestalten, legen Sie Ihre Alltagsprobleme in ihm ab. Hier dürfen Sie frei sein. Hier müssen Sie sich nicht anderen Menschen zuliebe verstellen. Hier finden Sie kostbare Ruhe. Und diese Ruhe genießen Sie … so lange es Ihnen nötig erscheint. Dann verlassen Sie den Raum und wenden sich wieder der Treppe zu. Stufe für Stufe steigen Sie wieder nach oben. Dabei zählen Sie wieder, jetzt allerdings rückwärts, bei zehn beginnend.
Sie betreten den Raum, den Sie vorhin – in Gedanken – verlassen haben, gehen zum Tisch, setzen sich und öffnen die Augen. Versenken Sie sich in Ihr eigenes Bild, das Sie vor sich gespiegelt sehen. Formulieren Sie in Gedanken eine Frage. Für den Anfang sollte es nicht um Weltbewegendes gehen. Eher darum, wo Sie Ihren nächsten Urlaub verbringen oder was Sie einem lieben Menschen schenken wollen. Denken Sie Ihre Frage nicht nur theoretisch, sondern lassen Sie entsprechende Bilder in sich aufsteigen.
Welche Bilder tauchen auf? Was erkennen Sie in der spiegelnden Fläche vor sich? Sagen Sie laut, was Sie sehen, damit Sie sich später im Alltagsbewusstsein besser daran erinnern können. Ideal wäre es, wenn ein lieber Freund oder eine liebe Freundin während dieses Versuchs still in einer Ecke säße und genau notieren würde, was Sie beschreiben. Wenn das nicht möglich ist, notieren Sie Ihre Gedanken später selbst. Denken Sie darüber nach, was Ihnen die Bilder sagen wollen. Hören Sie auf die Botschaft Ihrer inneren Stimme. Wie lautet sie?
Seien Sie nicht enttäuscht, wenn das Experiment nicht gleich beim ersten Mal klappt. Hat Sie etwas abgelenkt, gestört oder zu stark beschäftigt? War Ihr Umfeld zu unordentlich? Wollten Sie nicht schon längst aufräumen? Haben Sie sich nicht schon zu lange davor gedrückt, das Chaos auf Ihrem Schreibtisch zu beseitigen? Schaffen Sie diese Unordnung aus der Welt, bevor Sie das nächste Mal wie Nostradamus in die Zukunft blicken! Räumen Sie die Garage auf. Oder schaffen Sie Ordnung auf dem Dachboden. Sie werden sich danach befreiter fühlen, denn ohne dass es Ihnen bewusst war, haben Sie so etwas wie eine einfache »magische« Handlung vollzogen. Ihr Wille hat sich als stärker erwiesen als die Materie. Sie haben keinen Zauberstab geschwungen, keine magischen Formeln gemurmelt und keine Naturgesetze aufgehoben, und doch haben Sie so etwas wie eine magisch-symbolische Handlung vollzogen: Sie haben Ihre Gedanken geordnet. Und die Ordnung in Ihren Gedanken hat zu einer Ordnung Ihrer Umwelt geführt. Sie haben das Innere – Ihre Gedanken – geändert, und das hatte die Änderung des Äußeren zur Folge: Aus Unordnung wurde Ordnung. Damit haben Sie die Voraussetzung dafür geschaffen, dass Ihr nächster Versuch in Sachen »Kristallsehen« erfolgreicher werden kann!
Wiederholen Sie den Versuch immer wieder, zwanglos und ohne Erfolgsdruck, denn der kann die Bilder, die Sie zu sehen hoffen, leicht vertreiben.
Nicht wenige Menschen, die à la Nostradamus experimentiert haben, fanden den folgenden Trick hilfreich. Vielleicht probieren Sie ihn einfach einmal aus: Im Alltag wandert Ihr Blick meist ruhelos umher, um möglichst viel von der Umgebung zu erfassen. Das tat schon der Urmensch, denn ihm durfte ja keine Gefahr entgehen, die aus allen Richtungen auf ihn zukommen konnte. Nun tun Sie genau das Gegenteil, indem Sie die spiegelnde Fläche vor sich fixieren. Dabei muss Ihr Blick starr ausgerichtet sein. Er darf nicht schweifen. Versuchen Sie, möglichst auch nicht zu blinzeln. Dadurch wird Ihr Blick nach innen gerichtet, und im Idealfall sehen Sie nicht mehr den Spiegel oder die Glaskugel, sondern Bilder, die aus Ihrem tiefsten Inneren aufsteigen, Bilder, die Ihre Frage beantworten. Viele Kristallseher sehen in dieser Phase so etwas wie eine weiße Wolke – und dann Antworten auf ihre Fragen als Bilder im Spiegel, in der Kristallkugel oder im Wasser.
Bleiben Sie locker bei dieser Übung und strapazieren Sie Ihre Augen nicht über Gebühr. Brechen Sie den Versuch ab, wenn er Ihnen unangenehm wird.

Die Prophezeiungen des Jacques Cazotte

Bewahrheitet haben sich auch die konkreten und äußerst präzisen Prophezeiungen des Schriftstellers Jacques Cazotte über das Grauen der Französischen Revolution. Er trug sie zu Beginn des Jahres 1788 vor namhaften Gelehrten und hochrangigen Adeligen in einem Pariser Salon vor. Die gesellige Runde schwelgte in aufrührerischen Gedanken. Man schimpfte über die verkrusteten Machtstrukturen und fabulierte fantasiereich über die Segnungen eines politischen Machtwechsels. Es wurde viel gegessen und getrunken – bis die Stimmung vollkommen umschlug. Denn Jacques Cazotte entwarf plötzlich ein konkretes Zukunftsbild – von der Revolution. Er erging sich dabei nicht in schwammigen Prophezeiungen, sondern sagte jedem einzelnen Gast sein persönliches Schicksal voraus: »Sie, Monsieur de Condorcet, werden in einer Kerkerzelle sterben, hingestreckt auf den Steinfliesen. Sie werden ihrem Leben mit Gift ein Ende bereiten, um dem Scharfrichter zu entgehen. Sie, Monsieur de Chamfort, werden sich die Adern zweiundzwanzig Mal mit dem Rasiermesser aufschneiden und doch nicht gleich sterben, sondern erst Monate später. Ihnen, Monsieur de Nicolai, ist der Tod auf dem Schafott bestimmt. Und auch Sie, Monsieur Bailly, werden durch das Fallbeil sterben … Sie, Madame la Duchesse Grammont, und viele Ihrer Gefährtinnen wird man durch die Straßen zum Richtplatz karren, mit gebundenen Händen wie gemeine Verbrecherinnen. Ich muss Ihnen sagen, dass niemand verschont werden wird. Nicht einmal der König und die Königin von Frankreich.«