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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Hört, hört, hört, allgütige Geister! Euresgleichen ruft euch. Ich rufe euch.
Hört, hört, hört! Ich rufe an die Macht der Erde. Ich rufe an die Macht des Feuers. Ich rufe an die Macht des Wassers. Ich rufe an die Macht der Winde. Ich rufe an die Macht des Mondes. Ich rufe an die Macht der Sonne. Ich rufe an die Macht des Himmels.
Hört, hört, hört! Kommt hernieder und erhebt mich. Kommt hernieder und erkennt mich. Kommt hernieder und wappnet mich. Kommt hernieder und befriedet mich.
Hört, hört, hört, allgütige Geister. Seht, mein Licht ist unter euch. Seht, mein Licht ist in euch. Seht, mein Licht ist über euch. Bewahrt unser Licht.
Hört, hört, hört! Unermesslich ist die Flamme, die mich nährt. Unermesslich ist der Raum, in dem ich walte. Unermesslich ist die Zeit, in der ich wirke. Unermesslich ist der Geist, der mich beseelt. Unermesslich ist seine Gnade.
Hört, hört, hört! Ich wahre die Leidenschaft in meinen Lenden. Ich wahre das Feuer in meinem Herzen. Ich wahre das Licht in meiner Seele. Ich wahre meinen Namen, den noch niemand vernommen.
Hört, hört, hört, allgütige Geister! Ich rufe euch zu euresgleichen.

TEIL 1
Den Raum der weißen Magie entdecken
Magie ist Raum.
Wer den magischen Raum betreten möchte,
muss diesen Raum in sich suchen.
Er ist ein Abbild der Wirklichkeit.
Seine Zeichen und Bilder sind die Instrumente
des Magiers. Sie zu beleben, ist Zauber.
 
Bis zu diesem Morgen hatte Carola kaum Ahnung von Magie gehabt, und von weißer Magie schon gar nicht. Sie ahnte aber, dass das, was sich dort am Horizont auf sie zu bewegte, nichts Alltägliches war. Es war die Bedrohung, die sie seit langem befürchtete. Nun also sollte sie Wirklichkeit werden, sie aus ihrem Leben reißen und den gewohnten Gleichklang für immer zerstören. Gleichzeitig wusste sie, dass Flucht unmöglich war. Denn das, was da auf sie zukam, galt nur ihr ganz allein. Ihr Mann, der hinter ihr auf der Terrasse saß, würde von all dem nichts mitbekommen. Er würde aber darunter leiden, sobald dieser kalte Hauch Carola gestreift und das Unglück sie ereilt hatte. Carola wusste, dass sie sich nicht dagegen wehren konnte. Die Kraft, die sie zu übermannen drohte, würde stärker sein als sie. Dies sah sie, und gleichzeitig spürte sie, wie sie sich verspannte, wie sie bis in die letzte Faser ihres Seins Widerstand bot.
Die Bedrohung löste sich vom Horizont und flog auf sie zu. Wenige Atemzüge noch, dann würde sie von ihr erfasst werden. Da erkannte sie jäh: Ihr Widerstand war die Macht des Übels. Sie nährte es durch ihre Gegnerschaft. Ebenso jäh erkannte sie, was es bedeutete, nicht fliehen und sich nicht widersetzen zu können. Sie zog die Luft tief ein und löste sich mit dem Ausatmen. Nun war sie ganz entspannt. Sie setzte der Bedrohung nichts mehr entgegen. Dies tat sie nicht, weil sie sich als Opfer empfand, sondern weil sie um die Ursache wusste. Es war ihre Angst. Die Bedrohung war ihre Angst. Jetzt wehrte sie sich zum ersten Mal nicht mehr gegen diese Angst. Dieser Augenblick veränderte alles. Sie konnte ihre Angst nicht bezwingen, also nahm sie sie an. Sie lud sie ein.
Die übermächtige Bedrohung, die sie gerade mit kaltem Griff packen wollte, verlangsamte sich, kam zum Stillstand und verharrte. Carola war furchtlos und still. Sie spürte, wie sie sehr weit wurde, weit und durchlässig und doch gesammelt. Die Angst war nicht mehr außerhalb von ihr, sondern in dieser Weite in ihr, und dort war sie harmlos. Die Angst war sie selbst und konnte ihr deshalb nicht mehr gefährlich werden. Sie konnte sich nicht mehr gegen sie wenden. Die übermächtige Bedrohung verblasste, lief aus wie eine Woge am Strand. – Carola hatte die Kraft der weißen Magie erfahren. Erkennen, zulassen, lösen. Das war das Geheimnis. Ein magisches Dreieck der Handlung. Es war nun auch ihr Geheimnis. Sie durfte es erfahren und lösen, weil sie es fraglos gewagt hatte, das herkömmliche Muster der Bedrohung zu verlassen.
 
 
Die folgenden Beschreibungen und Übungen zur weißen Magie machen Sie zunehmend mit dem magischen Wirken vertraut. Sie werden den magischen Raum erkunden und die Kräfte erproben, die Ihnen dabei zur Seite stehen. Dadurch werden Sie eine Einweihung erfahren. Die eigentlichen Geheimnisse der Magie, die Sie dabei entschlüsseln dürfen, stehen indes nur zwischen den Zeilen. Denn diese Einführung in die Magie ist nur ein Wegweiser respektive ein fein gegliederter Plan, der Sie in und durch den magischen Raum führen wird. Sie aber werden den skizzierten Weg gehen. Sie werden den Raum entdecken und die Macht der weißen Magie erfassen.
Wenn Sie diesem Weg folgen, werden Sie am Ende die Geheimnisse der Magie geborgen haben. Doch dabei handelt es sich nicht um die beschriebenen Rituale und Übungen. Sie sind nur die Schlüssel zu den verborgenen Schätzen. Das eigentliche Geheimnis der Magie ist und bleibt Ihre persönliche Schau, das nicht mit Worten fassbare Empfinden und schließlich die Tatsache, dass Sie sich nunmehr in und mit einem Raum bewegen, der weit größer ist als Sie selbst. Zu den Geheimnissen, die Sie entdecken werden, zählt aber auch die Gewissheit, dass Sie mit Ihrer Bewegung ebenfalls Kräfte bewegen, welche die Wirklichkeit beeinflussen und verändern. Das wahre Geheimnis aber ist die Erfahrung, dass weiße Magie nicht nur ein geistiges Phänomen ist. Ja, sie wirkt!
Bevor Sie sich nun überlegen, was Sie mit dieser Ihnen zuwachsenden Kraft anfangen, sollten Sie sich der Verpflichtung bewusst werden, die Sie eingehen, wenn Sie mit magischen Kräften arbeiten wollen. Weiße Magie ist zwar machtvoll und streitbar, aber sie ist niemals destruktiv. Vor allem aber wäre sie die grundverkehrte Kraft, sofern Sie hoffen, mit ihrer Hilfe Ihr Ego nähren und sich über Ihre Mitwelt erheben zu können. Halten Sie sich lieber an den Leitsatz: »Tu, was du weißt und willst und schade niemandem.« Dann befinden Sie sich auf dem richtigen Weg, diese Kraft zu mehren und ein weißer und vor allem ein weiser Magier zu werden.
Der Leitsatz besagt vor allem, dass weiße Magie auf einem Wissen beruht. Es ist nicht das Wissen über viele Rituale, sondern das Wissen Ihres Herzens um den magischen Raum. Es ist ein Wissen um die Heimat Ihrer Magie. Auch besagt das »Tu, was du weißt«, dass Sie sich, bevor Sie einen Zauber beginnen, über seine Konsequenzen im Klaren sein sollten. Sie sollten wissen, was Sie tun. Das heißt, Sie sollten Ihren Zauber zu jeder Zeit verantworten können. Erst dann wird Ihnen die Freiheit eingeräumt zu tun, was Sie wollen. Diese Freiheit wird allerdings dadurch beschränkt, dass Sie niemandem durch Ihre Magie schaden sollen. Das bedeutet: Ihre Freiheit endet dort, wo die Freiheit Ihres Nächsten beginnt. Weiße Magie ist demnach eine rücksichtsvolle, eine soziale Magie. Die Mahnung, niemandem zu schaden, ist bestimmt auch eine eigennützige. Denn wenn wir unserem Nächsten schaden, schaden wir mittelbar auch uns selbst, zumindest nach dem magischen Prinzip, demzufolge alles, was wir tun, auf uns selbst zurückfällt.
Was aber ist, wenn wir einen Angreifer abwehren und ihm dabei seine eigene böse Kraft zurückschicken? Müssen wir uns dann fürchten, wieder von dieser Kraft getroffen zu werden? Ganz sicher nicht. Denn wir schaden einem solchen Angreifer nicht. Er schadet allein sich selbst. Auf ihn fällt nur zurück, was er uns sandte. Dies erinnert an die Sage vom Basilisken, einer Schimäre aus Hahn und Schlange, die einen bösen Hauch verbreitet und alles tötet, was sie ansieht. Ein Basilisk wird dadurch bekämpft, dass man ihm einen Spiegel vorhält. Er sieht sich im Spiegel und platzt an seiner eigenen Bosheit. In diesem Sinne ist ein Weißmagier ein Drachentöter, der das Übel mit dessen eigenem Pesthauch vernichtet.
Damit kommen wir zur wesentlichen Aufgabe der weißen Magie, nämlich ihrem konstruktiven Wirken und ihrem Bestreben, Harmonien anzustimmen und zu erhalten. Schließlich wird die weiße Magie gemeinhin und aus gutem Grund vor allem als Schutzzauberei verstanden, durch die Personen, Familien, Wohnung und Besitz vor Schaden bewahrt werden sollen. Dies beginnt mit der Auswahl eines Amuletts und reicht über den Schwellensegen für das Haus, bei dem die Zeichen C+M+B mit Kreide an die Haustür geschrieben werden, bis hin zum Wetterzauber, der das Haus vor Blitzschlag schützen soll. Ergänzend zum Blitzableiter wird noch heute vielerorts ein Wetterkreuz errichtet, das die Blitze vom Haus ablenken soll.
Weiße Magie bietet aber nicht nur Schutz. Formen des Liebeszaubers zählen ebenso zu ihr wie der Trennungszauber, wenn die Liebe wieder abkühlt. Der Heilzauber ist genauso ein weißmagischer Zauber wie der erwähnte Abwehrzauber, der dafür sorgt, dass der Feind in seiner eigenen Bosheit kocht. Mit weißer Magie können Sie auch Ängste und Sorgen lindern, indem Sie Kräfte sichtbar machen und dadurch den Blick auf das Gegenwärtige verändern. Einen veränderten Blick bewirkt auch die Zukunftsschau, die gleichfalls zur weißen Magie gezählt wird. Der Blick in die Zukunft erlaubt uns auch, magische Strategien zu entwickeln, um unser Geschick zum Guten zu wenden. Gleichzeitig schult der Umgang mit weißmagischen Praktiken unsere Intuition. Wir wissen früher und deutlicher, was unsere Mitmenschen bewegt, was sie verbergen und was sie sich erhoffen, weil wir tiefer blicken und ihre vorgehaltenen Masken keine Hindernisse mehr sind.
Die folgenden Anleitungen aus dem breiten Spektrum der Magie stellen eine Auswahl dar und wollen Sie anregen, selbst kreativ zu werden und durch Rollenspiel und Einsatz von Symbolen Ihre persönliche Zaubersprache zu finden. So wirkt das Prinzip der Einweihung fort, wonach Sie sich selbst Meister und Schüler sind: Sie lernen von sich und durch Ihre Praxis. Dadurch bekommt Ihre Magie eine ganz persönliche und unverwechselbare Note, denn die Energie, die Sie bewegen, wird zu Ihrer eigenen Kraft. In dieser Weise beweist sich weiße Magie als eine schöpferische Kraft, denn der Zuwachs an Kraft bedeutet auch ein Mehr an Charisma und Lebensweisheit.
Damit nähern Sie sich dem eigentlichen Kern der weißen Magie, denn mit Entstehung der Gnosis vor mehr als 2000 Jahren wurde weiße Magie als ein Weg der Gotteserkenntnis verstanden. Heute formuliert man diesen Anspruch etwas bescheidener und versteht weiße Magie als einen Weg zur Selbsterkenntnis, denn jeder, der sich mit weißer Magie beschäftigt, wird sich und seinen Platz in der Welt umfassender betrachten. Er wird sich in Bezug zu seiner Mit- und Umwelt setzen und sein Handeln reflektieren.
Durch Ihre Zauberhandlung verändert sich Ihr Blick für die Zusammenhänge. Sie sehen nicht nur die materiellen Verknüpfungen, sondern beachten auch die seelischen und geistigen Verflechtungen, in denen wir uns bewegen. Sie erkennen Ihre Person als vergänglichen Schein und entdecken gleichzeitig den Raum, in dem Ihre Seele zu Hause ist. Ihre Zauberhandlung wird also immer weniger ein Mittel zum Zweck sein. Vielmehr wird sie sich mehr und mehr selbst zum Zweck, nämlich zur Möglichkeit, in kontemplative Zwiesprache mit der Welt zu treten. Sind Sie auf diesem Weg erst so weit vorgedrungen, wird Ihnen die weiße Magie, oder besser gesagt ihr Raum, zum alltäglichen Begleiter, auch wenn Sie vermutlich immer weniger konkrete Zauber ausüben. Denn noch ehe Sie mit einer Zauberhandlung beginnen, wird der Raum die Wirklichkeit geglättet haben und Ihnen Einsicht in eine himmlische Führung gewähren, der Sie zunehmend vertrauen werden. Immerhin folgen Sie dem Pfad der alten Meister, die sich darum bemühten, hinter ihrem zauberischen Wirken den Schöpfer zu erkennen. Denn auch den alten Magiern ging es letztlich nicht um die sichtbare Zauberhandlung, sondern um das innere Ritual, in dem sich ihr Geist mit dem Höchsten vermählte. Dass sie gleichwohl auf die Zauberhandlung nicht verzichteten, war für sie ein Ausdruck ihrer Bescheidenheit und Demut, denn sie versagten sich der Wirklichkeit nicht und verstanden ihre Begnadung auch als eine Verpflichtung, ihrer Mitwelt durch die Kraft ihrer Magie zu helfen.
Wenn Sie also wirklich erfahren wollen, was weiße Magie ist, sollten Sie sich zunächst damit beschäftigen, was weiße Magie nicht ist. Denn: »Zum Magier wird, wer weiß, was Magie nicht ist.« Vor allem sollten Sie die weiße Magie weder überhöhen noch zur Kuschelmagie verniedlichen, denn dadurch würden Sie die Magie in weite Ferne entrücken und sich den Zugang zu ihr verschließen.
Nähern Sie sich der weißen Magie also nicht mit Glaubenssätzen oder wohlfeilen Behauptungen wie: Sie darf niemandem schaden. Sie darf den freien Willen eines anderen nicht beschneiden. Sie soll heilsam und stets konstruktiv sein. Sie soll den Menschen helfen. Sie soll Feinde abwehren, ohne sie zu strafen. Ein weißer Magier soll uneigennützig sein. Seine Magie soll inneren und äußeren Frieden bringen. – Ja, die weiße Magie wird oft gar als magische Wohlfahrt für jedermann verstanden.
Wer weiße Magie so verstehen will, weiß nichts von ihr und will auch nichts von ihr wissen. Vielmehr fürchtet er sich vor ihrer Kraft, weil er die Grenze zum Unbenennbaren nicht überschreiten will.
002

Weiße Magie ist streitbar
Entsprächen die oben aufgezählten Ansprüche der weißen Magie, wäre sie als Ordensregel für eine Gemeinschaft sich selbst verleugnender Mönche gut. Sie wäre vielleicht eine Sammlung moralischer Regeln und ethischer Grundsätze, doch niemals Magie. Denn jede Magie ist Macht. Jede Magie greift in die Welt ein. Auch weiße Magie ist Macht, und wenn wir Magie ausüben, wenden wir uns an eine Kraft, die größer und umfassender ist als wir selbst. Durch die weiße Magie nehmen wir Anleihe bei dieser Kraft und ihrer Macht. Diese Macht ist nicht negativ, es ist eine durch und durch gute Kraft. Selbst wenn wir wollten, könnten wir sie nicht ins Negative verkehren. Solange wir weiße Magie betreiben, wenden wir uns an diese gute Kraft. Wollten wir dagegen Schlechtes mit ihr bewirken, würde sie sich uns versagen.
Betrachten wir darum nur eine der üblichen vereinfachenden Forderungen an die weiße Magie näher, nämlich: Weiße Magie darf nicht schaden! Wollen Sie mit Ihrer Magie tatsächlich keinem schaden, dürfen Sie keine Magie ausüben. Denn durch Magie lenken Sie Kräfte, die Ihre Mitwelt beeinflussen. Lenken Sie zum Beispiel die ungute Energie eines Widersachers auf diesen zurück, so setzen Sie ihn seiner eigenen destruktiven Kraft aus. Diese Kraft wird ihn schädigen. Sie wollen ihn damit zwar primär nicht beeinträchtigen, dulden dies aber, damit er durch seinen im Grunde selbstverschuldeten Schaden klug wird und seinen Angriff gegen Sie einstellt.
Doch selbst wenn Sie Ihre Magie nur für sich allein einsetzen und darauf achten, dass Sie die Sphäre keines Mitmenschen verletzen, werden Sie andere Menschen beeinträchtigen. Wenn Sie sich beispielsweise durch eine Verspiegelung schlechten Energien entziehen, werden sich diese, sofern sie massiv genug sind, ein anderes Ziel suchen. Oder wenn Sie sich dank Ihrer Magie in Ihrer Spiritualität so weit entwickeln, dass Sie die Motive Ihrer Mitmenschen durchschauen und sich in der Folge von so manchem abwenden, werden Sie diese Menschen durch Ihren Rückzug möglicherweise auch schädigen.
003
Wer von der weißen Magie verlangt, sie solle
schadlos sein, ist weltfremd. Weiße Magie wird vor
allem ausgeübt, um Schaden abzuwenden und
Schutz zu schaffen. Diese Wehrhaftigkeit aber ist
durchaus streitbar.

Eine streitbare Visualisation

Oft genügt die bildhafte Vorstellung von der Kraft eines Zaubers, um magischen Schutz zu schaffen. Einmal beriet ich Julia, eine ältere Dame, die in einem Dorf am Rande der Lüneburger Heide lebt. Ihre Eltern waren vor langer Zeit dort hingezogen, aber die Familie war nie so richtig heimisch geworden. Um dennoch eine bessere Bindung zu den Dorfbewohnern aufzubauen, beschäftigte sich Julia nach ihrer Pensionierung mit der Geschichte des Ortes. Sie fand heraus, dass es in diesem Dorf eine dunkle magische Tradition gab, die über Generationen zurückreichte. Noch immer pflegten zwei Familien Blutrituale mit Schlachttieren und verdingten sich mit Schadenszauberei. Diese Information erklärte ihr eine Reihe von misslichen Begebenheiten und Ungereimtheiten, und plötzlich kannte Julia auch den Grund für die schlechte Stimmung, der sie so lange ausgesetzt gewesen war. Ich empfahl ihr einen Abwehrzauber, ein Ritual, in dem sie die schlechten Energien auf deren Verursacher zurücklenken sollte.
Erst war Julia skeptisch, ob sie dies tun dürfe, denn es war wirklich eine sehr kalte, Furcht erregende Stimmung, die sie empfand. Einer solchen Energie dürfe man doch niemanden aussetzen, meinte sie. Sehr richtig, stimmte ich ihr zu, und gerade deshalb sollte sie sie an ihre Absender zurückreichen. Das leuchtete ihr ein, und sie begann sich auszumalen, wie sehr die beiden Familien an ihrem eigenen üblen Zauber leiden würden. Dieser Gedanke löste die kristallisierte Kraft vieler kleiner Angriffe in ihrer Seele, und das Bild, das sie sich von der Wirkung ihres Gegenzaubers ausmalte, wurde immer bunter und kräftiger. Ich bestärkte sie darin – und unversehens waren wir mitten in einer intensiven Visualisation. Julias Bilder wurden sehr heftig, und ich merkte, dass sie die magische Nachstellung noch einmal durchlebte, mit dem wesentlichen Unterschied, dass sie nun ihre Widersacher in das Zentrum dieser Kraft visualisierte. Damit machte sie die zentrale Energie für sich handhabbar. Jetzt konnte sie sie eingrenzen und zurückschicken. Hierzu konzentrierte sich Julia auf das Bild der Verursacher. Sie umkreiste es und lenkte die gebündelte Zaubermacht schließlich in deren Nacken, wo sie aufgesogen wurde. Dann verblasste das Bild. Julia war lange still und spürte eine heilsame Wärme in sich aufsteigen. So fand sie nach langer Zeit wieder Frieden.
 
ANMERKUNG
Julia hatte sich zwar Schreckliches ausgemalt, aber entgegen ihrer anfänglichen Befürchtung spürte sie, dass sie selbst keinen Schaden angestiftet hatte. Vielmehr hatte sie sich die Wirkung des Zaubers vor Augen geführt, dem sie selbst ausgesetzt war. Doch diesmal entfaltete sich dessen Wirkung unter ihrer Kontrolle. Die Tatsache, dass Sie nun die Kontrolle über das zuvor unkontrolliert Erlittene hatte, beflügelte sie und bereitete ihr geradezu Vergnügen. Für Julia war es ein Befreiungsschlag, ihre Angst verkehrte sich. Sie nahm sie an und erlebte so etwas wie Lustangst, während sie eine Schwelle überschritt, der sie sich bislang nicht einmal genähert hatte. Dieser Kitzel weckte wiederum ihren Mut, mit dieser Kraft zu arbeiten und sie zurückzulenken. Julia erlebte sich im Mittelpunkt des Geschehens. Sie war zum Magier geworden, der den Raum um sich herum verändern konnte. Erstmals war sie imstande, sich das Dunkle anzuschauen und es zu beherrschen. So konnte sie sich schließlich von der Anhaftung an diese Kraft lösen, die unbemerkt und unbewusst längst zu einer Bindung geworden war. Sie schickte das Böse zu seiner Wurzel zurück. Die negative Energie kreiste nun wieder dort, wo sie erzeugt worden war. Julia war frei.
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Weiße Magie ist machtvoll
Die Iatromagie – so nannte man einst den Heilzauber – galt lange Zeit als höchste weißmagische Kunst. Ärzte wandten sie auf unterschiedliche Weise an: Vermögende Patienten etwa wurden mit zerriebenen Edelsteinen traktiert, die in hoher Dosierung die Eingeweide mürbe machten, während Ärmere mit einem auf weißes Papier geschriebenen Heilspruch davonkamen. Der Gedanke »wie oben, so unten« beherrschte den Heilzauber. Damit war gemeint, dass sich niedere Sphären aus höheren herausbilden. Folglich galt die irdische Welt letztlich als ein Abbild der Himmelssphäre, wenn auch mit sämtlichen Nachteilen, die eine materielle Welt beschränken. Dafür konnte man, sofern man die Zeichen zu lesen verstand, himmlische Kräfte beschwören und dem Kranken zuführen.
Nach dem Motto, wer heilt, hat Recht, üben sich seitdem viele im Heilzauber. Handauflegen, Geistheilen, Fernheilen, Edelsteinheilkunde, Aurasoma-Therapie und viele andere, heute praktizierte Heilmethoden basieren auf uraltem weißmagischen Wissen. Viele, die diese Magie ausüben, widmen sich ihr allerdings vor allem, weil sie die Macht der weißen Magie persönlich erfahren wollen. Denn Heilkraft zu besitzen gilt von jeher als Beleg für eine besondere Begnadung und spirituelle Größe. Wer heilt, hat demnach nicht nur Recht, sondern auch die Macht, in magischer Weise in das Rad des Lebens zu greifen. Heilkraft wird vielen Magiern zum Beweis ihrer magischen Macht.
Der Heilzauber zieht selbstverständlich auch Scharlatane an: Beutelschneider und arme Seelen, die mit magischer Macht ihr Ego aufbauen wollen. Andere wiederum glauben Scharlatane zu entdecken, wo sie nur rituelle Trickserei beobachten. So sind die spirituellen Operateure, die Scheinoperationen an Kranken durchführen, immer wieder Ziel selbst ernannter Entlarver. Bei diesen Scheinoperationen wird mittels gewöhnlicher Zaubertricks eine blutige Operation vorgetäuscht, in deren Verlauf der Heiler scheinbar in den Leib des Patienten greift und befallene Innereien herausschneidet.
Die Scheinoperationen, welche die Aufklärer anprangern, sind freilich in der Tat nur ritueller Klimbim. Das tiefere magische Geschehen bleibt indes verborgen. Auffällig ist jedenfalls, dass alle Heiler, die mit dieser Methode nachweislich Erfolg haben, sehr tiefgläubige Menschen sind. Offensichtlich »operieren« sie mit einer Kraft, die sich nur dem spirituellen Menschen erschließt. Es gibt natürlich auch genügend Scharlatane unter den Heilern, die sich genau wie die Aufklärer nur an der Trickserei orientieren und deswegen in ihrem Tun wirkungslos sind. Sie bleiben an der Oberfläche, weshalb ihnen die wirkende Macht der Magie fehlt.
Für Ihren eigenen Zauber bedeutet dies, dass Sie die Rituale nicht zu gering, aber auch nicht zu hoch erachten sollten. Ein Ritual ist nicht die Magie selbst, sondern nur das sichtbare Zeichen einer Zauberhandlung. Wenn Sie vor einem magischen Hintergrund handeln, wird Ihnen Ihr Ritual zum Medium, durch das die Kraft gelenkt und in der Welt wirksam wird. Fehlt der magische Hintergrund, bleibt das Ritual billiger Schein. Doch auch hier sollten Sie die Macht der Magie nicht gering achten. Viele magische Rituale haben durch ihre hohe Anziehungskraft durchaus die Macht, aus sich heraus magische Energie herbeizuziehen. Das musste schon so mancher Jugendliche erfahren, der sich leichtfertig auf ein magisches Ritual eingelassen hatte.
Wie wenig harmlos eine magische Heilung sein kann, zeigt eine Episode, die über Jiddu Krishnamurti, einen der wenigen wahren Weisen, erzählt wird. Krishnamurti, so heißt es, habe nach seiner Erleuchtung in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts auch Kranke geheilt, die sich mit der Bitte um Heilung an ihn gewandt hatten. Unter anderem soll er einen Blinden sehend gemacht haben. Dieser aber dankte der Mitwelt seine Genesung schlecht, denn er wurde kriminell und tötete schließlich einen Menschen. Seitdem verzichtete Krishnamurti auf den Einsatz seiner Heilfähigkeit.
Der Heilzauber ist ein deutlicher Beweis dafür, dass eine immense Macht hinter der weißen Magie steht. Wenn Sie sich also auf die Magie einlassen, lassen Sie sich auch auf diese Kraft ein. Hierdurch wächst Ihnen eine besondere Verantwortung zu. Und die verlangt von Ihnen, dass Sie eher auf einen Zauber verzichten, als einen überflüssigen Zauber auszuüben. Wenn Sie sich daran halten, werden Sie die Kraft nicht verschwenden, sondern sie wird Ihnen zunehmend zum Begleiter werden. Schließlich werden Sie allein durch diese Kraft wirken, auch ohne dass Sie einen konkreten Zauber ausüben.
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Zum Magier wird derjenige, durch den die
magische Kraft auch ohne Zauber wirkt.
Dann herrscht der Zauber, wo immer der Magier ist.

Ein kleines machtvolles Ritual

Wie selbstverständlich man mit der Zauberkraft umgehen kann, erzählte mir ein guter Freund. Seine Schwester hatte ihre Tochter in einer Privatschule eingeschult. Kurz vor Schulbeginn musste sie aus geschäftlichen Gründen in eine andere Stadt ziehen. Dort versuchte sie, ihre Tochter in eine gleichwertige Privatschule einzuschulen, was wenige Tage vor Schulbeginn so gut wie aussichtslos war. Entsprechend mutlos suchte sie meinen Freund auf. Die Schuldirektorin hatte seine Nichte auf Platz drei der Warteliste gesetzt, ihr aber keine großen Hoffnungen gemacht.
Ob er für seine Nichte einen Zauber machen könne, fragte die Mutter meinen Freund. Er, der nur selten magische Rituale durchführte, zögerte diesmal nicht. Er nahm seine Nichte zur Seite und schrieb in ihrem Beisein auf einen weißen Zettel: »Diesen Schulplatz für Henrike.« Diesen Satz untermalte er mit einem Pfeil, der eine Ziellinie durchstieß. Anschließend ging er mit ihr an seinen Kraftplatz und steckte drei Räucherstäbchen an. Dazu verbrannte er den Zettel. Auf die Frage seiner Nichte, was er da mache, antwortete er wahrheitsgemäß: »Wir zaubern dich in die Schule.« Gleichzeitig verformte er in symbolischer Weise den Raum, indem er seine geöffnete linke Hand aufrecht über den Rücken seiner rechten Hand gleiten ließ. Als er spürte, dass die beschworene Kraft ihrem Ziel zufloss, beendete er das Ritual, indem er die Asche des Zettels auf einen weißen Bogen Papier streute, ihn zu einem Brief faltete und zur Seite legte. Dabei wiederholte er langsam die Worte »Diesen Schulplatz für Henrike.«
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Zauberskizze mit Zauberspruch
Am nächsten Tag rief die Schuldirektorin bei Henrikes Mutter an und teilte ihr mit, dass ein Platz frei geworden sei. Ein Elternpaar hatte seine Tochter wieder abgemeldet und die beiden Kinder, die vor Henrike auf der Liste standen, waren mittlerweile bereits auf einer anderen Schule eingeschult worden.
 
ANMERKUNG
Das Ritual meines Freundes war in der Tat sehr schlicht. Es beschränkte sich auf einen klar formulierten Wunsch, ein eindeutiges Symbol, eine Geste, einen Brief, in dem der Zauber bewahrt wurde, sowie auf den üblichen äußeren Rahmen, nämlich Kraftplatz und Räucherwerk. Dieser einfache und klare Ablauf ermöglichte die besondere Aufmerksamkeit für die Energie. Hinzu kamen zwei besonders machtvolle Merkmale. Das eine war die »raumformende« Geste. Dabei handelt es sich um eine pointierende Bewegung, durch welche die Energie – bei entsprechender Konzentration – ihrem Ziel zugeschoben wird. Diese Manipulation des Raumes ist nur möglich, wenn man mit der magischen Macht als Ausformung der Energie vertraut ist. Dann spürt man die wirkende Magie wie eine Strömung oder einen Wind in beinahe sinnlicher Weise und der Zauber wird zu einer fassbaren Dimension. Das zweite entscheidende Merkmal war die Anwesenheit der Person, für die der Zauber arrangiert worden war: Henrike. Sie war die aktiv teilnehmende Beobachterin des Rituals. In ihrer kindlich unverstellten Weise war ihr das Geschehen verständlich und somit auch selbstverständlich. Dadurch konnte die Energie fließen. Sie spürte die Macht des Zaubers und ließ sie zu.
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Eingeweiht ist, wer den magischen Raum betritt
Bevor Sie mit einem Ritual beginnen, sollten Sie in sich gehen und Ihre Motive erforschen. Denn erst wenn Sie sich der Kraft der weißen Magie selbstlos zuwenden können, wird sich ihr Raum für Sie öffnen. Wenden Sie sich also dem magischen Licht zu und lassen Sie sich von ihm bescheinen – um erkannt zu werden. Treten Sie in Kommunikation mit der Kraft. Lassen Sie sich von ihr durchschauen. Und in dem Maße, in dem Sie sich durchschauen lassen, werden Sie auch Ihre falschen Motive durchschauen und sich von ihnen zu lösen beginnen. Dann wird irgendwann der Augenblick kommen, wo Sie sich bewusst ins Licht stellen. Von da an wird die Kraft der weißen Magie um Sie sein. Sie werden sie unmissverständlich spüren und wissen, dass Sie sich nunmehr auf dem richtigen Weg befinden.
008
Absichtslosigkeit ist die innere Haltung
des Magiers. Sie nährt seine Gelassenheit.
Diese Ruhe ist die Wurzel seiner Kraft.

Die Ahnung vom Raum als Einweihungsritual

Von jetzt an wissen Sie um die Kraft. Und Sie wissen, dass Magie die bewusste Wahl der Kraft ist. Diese Wahl kommt einer Initiation gleich, denn Sie können sie nur treffen, wenn Sie sich auf eine Neugeburt einlassen. Sie müssen alles Gepäck vor der Pforte lassen, die Sie durchschreiten wollen. Das heißt: Sie müssen sich von Ihren Vorstellungen, Sehnsüchten, Wünschen und Hoffnungen, ja sogar von Ihren Idealen befreien. Denn all das gehört zu den Eitelkeiten, die Sie daran hindern, sich zu lösen. Und nur wenn Sie gelöst sind, können Sie zu einem Tropfen im großen Strom werden, zum Tropfen, der mit der Kraft fließt und der mit Myriaden anderer Tropfen diese Kraft bildet. Sie werden zum lebendigen Fluss.
Nachdem Sie durch die Pforte gegangen sind, werden Sie das abgelegte Gepäck nicht mehr aufnehmen. Und solange Sie kein neues Gepäck, sprich: keine neuen Vorstellungen, Regeln und Dogmen aufnehmen, sind Sie frei, sich mit dem Strom zu bewegen. Andernfalls werden Sie zum Treibgut, das mal mit der Strömung schwimmt, mal am Strand liegt und mit der Zeit zu Sand zerrieben wird. – Mit der Wahl für die Kraft der weißen Magie haben Sie die Kraft der Schöpfung für sich gewählt. Das ist der Beginn einer spirituellen Freiheit, und solange Sie spirituell ungebunden bleiben, sind Sie in der Magie.
Eine Ahnung von der Unermesslichkeit dieser Kraft und von ihrer allumfassenden Weite erlangen Sie, wenn Sie sich auf eine kleine Initiation einlassen. Das ist zwar kein großes Ritual, aber dennoch nicht ganz ungefährlich – so wie keine Initiation ohne Gefahr ist. Denn wer den Sprung nicht wagt, läuft Gefahr, entweder auf der einen Seite zu verkümmern oder nur halbherzig zu springen und in den Graben zu stürzen. Lassen Sie sich also bitte nur dann auf das nachfolgende Experiment ein, wenn Sie sicher sind, dass Sie es von Anfang bis Ende konzentriert durchführen wollen.

► DEN MAGISCHEN RAUM ERKUNDEN

Warten Sie auf die Abenddämmerung. Suchen Sie sich einen Platz, an dem Sie eine Stunde lang allein und ungestört sind – im Freien oder in Ihrer Wohnung.
Legen Sie sich flach auf den Rücken und öffnen Sie Arme und Beine leicht. Entspannen Sie sich und schließen Sie die Augen. Denken Sie an die Sonne, die vor kurzem hinter dem westlichen Horizont verschwunden ist. Denken Sie an den Weg, den sie vor sich hat, bis sie im Osten wieder aufgeht. Wollen Sie Ihr entgegenfliegen? Versuchen Sie es. Bewegen Sie sich in Gedanken gen Osten. Wandern Sie in die aufziehende Nacht. Sie haben keine Eile. Sehen Sie, wie die Sterne aufleuchten und wie es immer mehr werden, bis sie ohne Zahl die Nacht schmücken. Wählen Sie sich hoch am Firmament einen Stern, der Sie begleiten soll. Er gibt Ihnen Halt, wenn Sie meinen, sich in der Weite der Nacht zu verlieren. Schweben Sie ihm entgegen. Ahnen Sie den Silberfaden, mit dem er Sie hält.
Verweilen Sie nun hoch oben am Himmel. Atmen Sie mit der Nacht, pulsieren Sie mit ihr. Sie werden leicht und schweben Ihrem Stern zu. Lassen Sie sich Zeit. Sie müssen ihn nicht erreichen. Sie sind bei ihm, sobald Sie mit der Nacht schwingen. Sie sind die Nacht, und in ihr sind Sie Ihr Stern.