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Stefan Wolf

Das Paket mit
dem Totenkopf

Ein Fall für

 

 

Mit Illustrationen von Reiner Stolte

 

 

OMNIBUS

ist der Taschenbuchverlag für Kinder
in der Verlagsgruppe Random House

 

 

 

1. Auflage

Erstmals als OMNIBUS Taschenbuch November 2005

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

© 2004 C. Bertelsmann Jugendbuch Verlag, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagbild und Innenillustrationen:

Reiner Stolte, München

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-01311-0

 

 

Datenkonvertierung eBook:

Kreutzfeldt Electronic Publishing GmbH, Hamburg

 

Inhalt

1.Der Überfall
2.Gabys Hundesalon
3.Dunkle Geschäfte im Bahnhof
4.Tarzans Mutter kommt an
5.Ein gemeiner Diebstahl
6.Unter vier Augen
7.Tarzan belauscht die Dealer
8.Mit 14 am Ende
9.Evi ist in Detlev Egge verknallt
10.Um Mitternacht am Friedhof
11.Die Penner im Kellerloch
12.50 000 Mark im Schnee
13.Eine Prise Heroin
14.Die Dealer schlagen zu
15.Tarzans letzte Chance

TARZAN

heißt in Wirklichkeit Peter Carsten, aber kaum einer nennt ihn so. Er ist der Anführer unserer vier Freunde, der TKKG-Bande. Warum sie so heißen? Weil das die Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen sind: Tarzan, Klößchen (auch das ist freilich nur ein Spitzname), Karl und Gaby. Tarzan, 13 Jahre alt, ist immer braun gebrannt und ein toller Sportler – vor allem in Judo, Volleyball und Leichtathletik, und da besonders im Laufen. Seit zwei Jahren wohnt der braune Lockenkopf in der Internatsschule, geht jetzt in die Klasse 9b. Sein Vater, ein Ingenieur, kam vor sechs Jahren bei einem Unfall ums Leben. Seine Mutter, die als Buchhalterin arbeitet, kann das teure Schulgeld nur mühsam aufbringen. Doch für ihren Sohn ist ihr nichts zu viel. Tarzan dankt es ihr mit guten Zeugnissen. Aber deshalb würde ihn niemand – nicht mal im Traum – für einen Streber halten. Im Gegenteil: Wenn es irgendwo ein Abenteuer zu erleben gibt, ist er der Erste und immer dabei. Ungerechtigkeit kann ihn fuchsteufelswild machen. Und so kommt es, dass er für andere immer wieder Kopf und Kragen riskiert.

KARL, DER COMPUTER

geht in dieselbe Klasse wie Tarzan, in die 9b, wohnt aber nicht im Internat, sondern bei seinen Eltern in der Stadt. Er heißt mit Nachnamen Vierstein und sein Vater ist Professor für Mathematik an der Universität. Wahrscheinlich hat Karl von ihm das tolle Gedächtnis geerbt, denn er merkt sich einfach alles – wie ein Computer. Karl ist lang und dünn, und wenn ihn etwas aufregt, putzt er sofort die Gläser seiner Nickelbrille. Bei einer Prügelei nützt ihm sein Gedächtnis leider wenig. Muskeln wären dann besser. Weil er die nicht hat, bleibt er lieber im Hintergrund und kämpft mit den Waffen seines Gehirns – aber feige ist er nie.

KLÖSSCHEN

ist ein prima Kerl, an dem man nichts auszusetzen hätte, wenn er bloß nicht so vernascht wäre. Eine Tafel Schokolade – und er wird schwach. Noch lieber sind ihm zwei, drei oder gar fünf Tafeln. So bleibt es nicht aus, dass Willi Sauerlich – so heißt er mit vollem Namen – immer dicker und unsportlicher wird. Zusammen mit Tarzan, in dessen Klasse er auch geht, wohnt er im Internat in der Bude ADLERNEST. Klößchens Eltern, die sehr reich sind und in der gleichen Stadt leben, haben nichts dagegen, denn dem Jungen gefällt es bei seinen Kameraden besser als zu Hause. Da ist mehr los, sagt er. Sein Vater ist Schokoladenfabrikant und er hat sogar einen Zwölf-Zylinder-Jaguar. Heimlich wünscht Klößchen sich, so schlank und sportlich zu sein wie Tarzan.

GABY, DIE PFOTE

hat goldblonde Haare und blaue Augen mit langen dunklen Wimpern. Sie ist so hübsch, dass Tarzan manchmal nicht hingucken kann, weil er sonst rot wird. Er mag sie halt sehr gern. Aber affig ist Gaby Glockner deshalb kein bisschen – im Gegenteil: Sie macht alle Streiche mit. Selbstverständlich passen die drei Jungens immer auf sie auf, besonders wenn’s gefährlich wird. Vor allem Tarzan ist dann sehr besorgt. Er gibt es zwar nicht zu, aber wenn es darauf ankäme, würde er sich für Gaby zerreißen lassen. Sie wohnt, wie Karl, bei ihren Eltern in der Stadt, besucht aber auch die Klasse 9b im Internat. Der Vater ist Kriminalkommissar, die Mutter führt ein kleines Lebensmittelgeschäft. Als Rückenschwimmerin ist Gaby unschlagbar und in Englisch hat sie die besten Noten.

Sie ist sehr tierlieb und lässt sich von jedem Hund die Pfote geben, deshalb heißt sie auch »Pfote«. Kein Wunder, dass sie mit großer Liebe an Oskar hängt, ihrem schwarzweißen Cockerspaniel. Leider ist er auf einem Auge blind. Aber er riecht alles, besonders gebratene Hähnchen.

1. Der Überfall

Der Wind wimmerte in den kahlen Ästen der Buchen. Von den Tannen rutschten Schneelawinen. Klatschend fielen sie auf den einsamen Weg des Stadtwaldes. Von einer wurde Tarzan erwischt. Eisig rieselte es ihm in den Kragen und den Rücken hinunter.Er blieb stehen, lachte und schüttelte sich. Aber plötzlich reckte er lauschend den Kopf.

»Hiiiilfe!... Hiiiilfe!«

Heulend fuhr im nächsten Augenblick der Wind durch die Bäume, und der Junge wusste nicht, ob er die dünne, ferne Stimme wirklich gehört hatte. Oder war es der Wind, der in dieser winterlichen Einsamkeit mal wie das Heulen von Wölfen, mal wie spukhafte Stimmen klang?

Tarzan setzte sich in Trab. Dass er jeder Sache auf den Grund gehen musste, war für ihn klar wie Kloßbrühe. Neugier und Unerschrockenheit gehörten zu ihm wie seine sehnigen Beine. Jetzt spurtete er um die scharfe Kurve, die der Weg hier beschrieb.

Was er sah, verschlug ihm den Atem.

Sogar die Eichhörnchen und Meisen rings um den Futterplatz empörten sich. Jedenfalls kam es Tarzan so vor, als schimpften sie. Und zwar über die Gemeinheit und Rohheit, die hier einem alten Mann – er musste sehr alt sein – angetan wurde.

Er wehrte sich zwar, aber er war gebrechlich. Gegen die zwei jungen Burschen hatte er keine Chance. Hinterrücks wurde er von dem einen gepackt. Der andere schlug ihm mit der Faust vor die Brust. Dann nahm er ihm mit geübtem Griff die Brieftasche weg.

»Halt!«

Tarzan wollte gar nicht rufen. Es rutschte ihm einfach raus.

Die beiden erstarrten. Ihre Köpfe ruckten zu ihm herum. Sie hatten keine Gesichter.

Strumpfmasken waren über die Köpfe gezogen – mit Sehschlitzen, hinter denen das Weiß der Augen schimmerte.

Trotzdem – dass es junge Burschen waren, darüber bestand kein Zweifel. Sie trugen Winterjeans, Schneestiefel und gefütterte Pilotenjacken und waren etwas größer als der dreizehneinhalbjährige Tarzan.

Die Hände des Stämmigen, der den Alten geschlagen hatte, steckten in rotledernen Fäustlingen. Wie Boxhandschuhe sahen sie aus. Aber Tarzan wusste, dass es die modernsten und teuersten Handschuhe für Skiläufer waren. Nur in besten Sportgeschäften kriegt man die.

»Überfall!«, rief der alte Mann. Seine Knie waren eingeknickt. Aber der Maskierte hielt ihn noch. »Hol ... hol Hilfe, Junge.«

Jetzt rutschte sein linker Fuß weg und stieß gegen den dicken Spazierstock, der im Schnee lag.

Hilfe holen?, dachte Tarzan. Ich bin Hilfe genug. Aber dass ich als Judosportler schon den blauen Gürtel habe, sieht man mir natürlich nicht an.

Ohne sein Tempo zu mindern, rannte er auf die Gruppe zu.

»Verschwinde!«, schrie der Stämmige.

Dann schien er zu stutzen.

Für einen winzigen Moment schoss es Tarzan durch den Kopf: Der hat mich erkannt! Also kennt er mich und...

Für weitere Überlegungen reichte die Zeit nicht mehr.

Der Stämmige erwartete Tarzan in Boxerstellung.

Doch sein wuchtiger Fauststoß puffte ins Leere. Schon hatte Tarzan den Arm gepackt. Wie eine Gliederpuppe wirbelte der Stämmige durch die Luft. Er brüllte, weil sein Arm verdreht wurde wie ein Handtuch beim Auswringen. Das tat natürlich höllisch weh, und Tarzan ließ den Arm erst los, als der Stämmige wie ein Mehlsack auf den Rücken plumpste. Stöhnend blieb er liegen.

»Achtung, Junge!«, schrie der Alte.

Tarzan fuhr herum.

Um Sekundenbruchteile war es zu spät. Die Faust des zweiten Räubers traf ihn gegen die Stirn.

Sekundenlang brannte ein Silvesterfeuerwerk vor Tarzans Augen ab, obwohl es bereits Mitte Januar war. Sonnenräder drehten sich. Raketen zischten. Sternlein sprühten.

Aber Tarzan war nicht umsonst in der großen Internatsschule der beste Sportler seines Jahrgangs – vor allem beim Volleyball, im Judo und Sprint. Auf seine Muskeln und Reflexe (unwillkürliche Bewegungen) konnte er sich verlassen. Leichtfüßig wich er zurück. Der andere setzte nach.

Aber jetzt hatte das Feuerwerk in Tarzans Kopf seine Munition verschossen. Tarzan sah wieder klar. Unter anderem sah er, wie der alte Mann sich bückte und den schweren Spazierstock aufhob.

Der Maskierte schlug mit der Faust zu.

Tarzan unterlief den Schlag.

Im nächsten Moment wälzten sich beide im Schnee. Aber Tarzan war stärker, viel stärker – und er hätte auch ohne seine ausgebildete Judotechnik gesiegt.

Mit den Kragenenden der Pilotenjacke setzte er einen wirkungsvollen Würgegriff an.

»Gibst du auf?«, schrie er.

»Lass... lass mich...«, keuchte der Maskierte.

Tarzan kniete halb auf ihm. Es war eine Kleinigkeit, den Kerl niederzuhalten.

Aber in diesem Moment mischte der Opa sich ein. »Ich helfe dir«, rief er. »Kopf weg!«

Tarzan wusste nicht, wie ihm geschah. Mit voller Wucht donnerte der schwere Spazierstock auf seinen Rücken.

Schmerz durchfuhr ihn, zuckte durch die Brust, nahm ihm den Atem. Plötzlich waren seine Arme wie gelähmt. Er rutschte von dem Maskierten, kniete im Schnee und rang nach Luft.

 

»O Gott!«, hörte er die entsetzte Stimme des Alten. »Das.., das.., war der Falsche.«

Jetzt ist es aus!, dachte Tarzan. Jetzt machen sie mich fertig. Und den Opa auch.

Immer noch war die Taubheit in seinen Armen. Er sah, wie der zweite Räuber sich aufrichtete.

»Weg, Toni!« Das galt dem Stämmigen.

Die hauen ab!,dachte Tarzan. Ein Glück! Die haben auch so die Nase voll.

Rasche Schritte entfernten sich. Die beiden liefen, als wäre der Teufel hinter ihnen her. Und in den Wipfeln der Fichten krächzten Krähen und Dohlen.

Ganz plötzlich, als wäre nichts geschehen, wich die Taubheit aus den Gliedern. Kraft kehrte zurück.Tarzan stand mit Schwung auf, klopfte den Schnee von seinem Anorak und wandte sich dem alten Mann zu.

»Hätten Sie das bloß nicht gemacht! Ich hatte doch beide schon. Entlarvt hätte ich sie. Und da hauen Sie mich ins Kreuz!«

»Junge!« Der Alte schnäuzte sich und seine Stimme war ganz welk vor Gram. »Dich wollte ich doch nicht treffen. Den anderen! Weil.., Herrjeh! Ich bin wirklich zu nichts mehr zu gebrauchen. So ist es, wenn man 80 Jahre alt wird und .., « Er sprach nicht weiter, stopfte sein Taschentuch in die linke Manteltasche, zog es dann wieder heraus und verstaute es auf der rechten Seite.

»Wie 80 sehen Sie aber nicht aus«, sagte Tarzan, weil er meinte, den Alten trösten zu müssen.

Aber den überkam noch einmal der Zorn.

»Diese Banditen!«, schimpfte der Alte. »Es wird immer schlimmer. Nicht mal mehr hier im Stadtwald ist man seines Lebens sicher. Die Meisen wollte ich füttern. Plötzlich fallen diese Kerle mich an. Kommen wie aus dem Nichts. Und maskiert. Meine Brieftasche wollten sie. Da liegt sie ja.«

Er hob sie auf und prüfte den Inhalt. Tarzan sah ein dickes Geldbündel.

Überhaupt: Der Mann war gut gekleidet. Sein Spazierstock hatte eine silberne Krücke und das hagere Gesicht mit dem spitzen Kinn und der kühnen Hakennase wirkte irgendwie nobel.

»Ich bin Oberst Grewe«, sagte er zu Tarzan. »Pensioniert, natürlich. Dein Mut hat mir imponiert, mein Junge. Und wie du mit den beiden fertig geworden bist. Die waren bestimmt älter als du und größer waren sie auch. Wie heißt du?«

»Tar... Aber nein!«, unterbrach er sich lachend. »Das ist mein Spitzname. Tarzan wollte ich sagen. Das höre ich so oft, dass ich eines Tages sicherlich so unterschreiben werde. Aber ich heiße Peter Carsten.«

»Aha!«, sagte Oberst Grewe. »Ich meine,Tarzan passt als Spitzname zu dir.«

Damit hatte er Recht. Den Spitznamen hatte der Junge weg, weil er unter anderem mit affenartiger Geschwindigkeit am Kletterseil hochturnen konnte. Außerdem vielleicht, weil er dunkle Locken hatte und immer gebräunt war. Für einen 13-Jährigen war er groß und sehr kräftig. Er hatte blaue Augen; und in seiner Klasse – der 9b – war er nicht nur in Sport, sondern auch in Mathe der Beste.

»Du bist nicht von hier, nicht wahr?«, meinte der Oberst. »Das höre ich an deiner Aussprache.«

»Stimmt! Ich bin Internatsschüler.« Tarzan wies mit dem Daumen über die Schulter.

Dort lag – ein paar Kilometer außerhalb der Stadt – das Internat: Eine Schule, die für ihre hohen Anforderungen bekannt war. Nur Jungen wurden als Heimschüler aufgenommen, aber die Klassen waren gemischt. Drei, vier Mädchen gehörten zu jeder. Jeden Morgen kamen sie mit dem Schulbus aus der Stadt, und es war, als würden willkommene Farbtupfer auf das ewig graue Einerlei des alltäglichen Internatslebens gesetzt.

Freilich – an Abwechslung mangelte es nicht. Namentlich nicht für einen Draufgänger wie Tarzan. Die Stadt war nicht weit, nur etwa 20 »Trablaufminuten« von der Schule entfernt. Und es war eine Großstadt mit Flughafen, U-Bahn, Sportstadion und allen Annehmlichkeiten. Allerdings auch mit allen Gefahren. Eine Zubringerstraße, die durch die jetzt verschneiten Felder und Wiesen führte, verband Schule und Stadt.

»Aha!« Oberst Grewe nickte. »Ich... äh... wollte doch noch was sagen. Was, potztausend!, war das nur? Ah, so! Ja, danken wollte ich dir. Ohne dich, Tarzan, wäre es mir schlimm ergangen.«

»Ich hatte den Eindruck, Herr Oberst, Sie hätten sich heldenmütig gewehrt.«

»Heldenmütig? Ja, heldenmütig! Sehr gut, mein Junge, wie du das erkannt hast. Aber inzwischen ist der Held von damals müde geworden. Der Tribut (Zwangsopfer) ans Alter. Womit, mein Junge, kann ich dich belohnen?«

»Mit nichts, Herr Oberst! Ich habe geholfen, weil das selbstverständlich ist.«

»Brav, sehr brav! Trotzdem!« Er griff in seine Brieftasche, die er immer noch in den Händen hielt.

Tarzan traute seinen Augen nicht, als der Alte ihm einen 100-Mark-Schein zusteckte. Erst wollte er ihn nicht nehmen. Aber der Oberst bestand darauf, sonst wäre er gekränkt gewesen. Und das wollte Tarzan ihm natürlich nicht antun. Schmunzelnd stopfte er den Schein in seine Hosentasche, wo er neben Taschenmesser, Fahrradschlüssel, Notizbuch, Kugelschreiber und einem Knäuel Nylonstrippe kaum noch Platz hatte.

Tarzan bedankte sich. Auch der Oberst bedankte sich nochmals, nannte seine Adresse und sagte, er hoffe sehr darauf, dass Tarzan ihn besuche. Dann zog er eine Tüte mit Meisenfettfutter hervor, um seine »gefiederten Freunde«, wie er sich ausdrückte, zu versorgen.

Ernsthaften Schaden hatte Oberst Grewe von dem Überfall offenbar nicht davongetragen. Die Polizei zu verständigen kam ihm nicht in den Sinn.

Gar nicht übel für einen 80-jährigen Opa, dachte Tarzan, als er weiterging. Andere würden jammern und die Ambulanz müsste kommen. Außerdem haut er immer noch zu wie ein alter Haudegen. Das merke ich an meinem Rücken.

Wieder rutschten Schneelawinen von den schwer beladenen Zweigen der Fichten. In der Stille war das Plumpsen zu hören, als Schnee auf Schnee fiel. Ein schwarzes Eichhörnchen huschte über den Weg. Blaue Schatten lagen unter den Bäumen, obwohl es früher Nachmittag war. Ein Freitag, mit wolkenverhangenem Himmel und einem Geruch in der Luft, der Neuschnee versprach.

Wer waren die beiden?, überlegte Tarzan. Kenne ich sie? Irgendwas hat mich stutzig gemacht. Richtig! Der Name war’s! Toni! Ist ja nicht gerade selten. Aber – so viele Tonis gibt es nun auch wieder nicht. Fünf oder sechs haben wir auf der Penne. Die werde ich unter die Lupe nehmen. Außerdem... Klar! Der andere – ich glaube, ich kenne den. Wie er sich bewegte. Und diese schlacksige Figur. Aber gibt’s denn das? Zwei von unserer Penne, die wie richtige Verbrecher alte Leute ausrauben?!

Knirschend faltete sich etwas unter der Sohle seines Stiefels zusammen.

Tarzan bückte sich und hob einen abgegriffenen, ledernen Tabaksbeutel auf.

Der Reißverschluss klemmte. Aber er kriegte ihn auf.

Verwundert starrte er auf den Inhalt: Ein Löffel, eine halbe Zitrone in einer Plastiktüte, ein altes Sturmfeuerzeug und eine Einwegspritze, die so verdreckt war, dass kein Arzt sie benutzt hätte.

»Mann!«, flüsterte Tarzan in die Stille des Winterwaldes. »Ein Besteck!«

 

Er wusste, was das war, obwohl er es bisher nur auf Bildern gesehen hatte: Das Handwerkszeug eines Rauschgiftsüchtigen, eines Fixers, eines armen todgeweihten Teufels, der sich Heroin ins Blut spritzt.

Und plötzlich wusste Tarzan: Einer der Maskierten hatte diesen Beutel verloren. Fixer waren das. Und den Oberst hatten sie überfallen, um sich Geld zu beschaffen.

Geld für Rauschgift.