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Stefan Wolf

Das leere Grab
im Moor

Ein Fall für

 

 

 

 

OMNIBUS

ist der Taschenbuchverlag für Kinder
in der Verlagsgruppe Random House

 

 

 

1. Auflage

Erstmals als OMNIBUS Taschenbuch November 2005

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

© 2004 C. Bertelsmann Jugendbuch Verlag, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagbild und Innenillustrationen:

Reiner Stolte, München

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-01311-0

 

 

Datenkonvertierung eBook:

Kreutzfeldt Electronic Publishing GmbH, Hamburg

 

Inhalt

1.Der Schatz des Scheichs
2.Ausflug ins Moor
3.Der wütende Grünrock
4.Station im Gasthaus Höllenmühle
5.Der Schuss auf den Wilddieb
6.Der verräterische Schlüsselanhänger
7.Oskar findet den Fallschirm
8.Allerlei im Leeren Grab
9.Schnaps am Kiosk
10.Beinahe ertappt
11.Wer hat Oskar entführt?
12.Die Ganoven verbünden sich
13.In letzter Sekunde
14.Der Scheich ist da
15.Tüchtigkeit wird belohnt

TARZAN

heißt in Wirklichkeit Peter Carsten, aber kaum einer nennt ihn so. Er ist der Anführer unserer vier Freunde, der TKKG-Bande. Warum sie so heißen? Weil das die Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen sind: Tarzan, Klößchen (auch das ist freilich nur ein Spitzname), Karl und Gaby. Tarzan, 13 Jahre alt, ist immer braun gebrannt und ein toller Sportler – vor allem in Judo, Volleyball und Leichtathletik, und da besonders im Laufen. Seit zwei Jahren wohnt der braune Lockenkopf in der Internatsschule, geht jetzt in die Klasse 9b. Sein Vater, ein Ingenieur, kam vor sechs Jahren bei einem Unfall ums Leben. Seine Mutter, die als Buchhalterin arbeitet, kann das teure Schulgeld nur mühsam aufbringen. Doch für ihren Sohn ist ihr nichts zu viel. Tarzan dankt es ihr mit guten Zeugnissen. Aber deshalb würde ihn niemand – nicht mal im Traum – für einen Streber halten. Im Gegenteil: Wenn es irgendwo ein Abenteuer zu erleben gibt, ist er der Erste und immer dabei. Ungerechtigkeit kann ihn fuchsteufelswild machen. Und so kommt es, dass er für andere immer wieder Kopf und Kragen riskiert.

KARL, DER COMPUTER

geht in dieselbe Klasse wie Tarzan, in die 9b, wohnt aber nicht im Internat, sondern bei seinen Eltern in der Stadt. Er heißt mit Nachnamen Vierstein und sein Vater ist Professor für Mathematik an der Universität. Wahrscheinlich hat Karl von ihm das tolle Gedächtnis geerbt, denn er merkt sich einfach alles – wie ein Computer. Karl ist lang und dünn, und wenn ihn etwas aufregt, putzt er sofort die Gläser seiner Nickelbrille. Bei einer Prügelei nützt ihm sein Gedächtnis leider wenig. Muskeln wären dann besser. Weil er die nicht hat, bleibt er lieber im Hintergrund und kämpft mit den Waffen seines Gehirns – aber feige ist er nie.

KLÖSSCHEN

ist ein prima Kerl, an dem man nichts auszusetzen hätte, wenn er bloß nicht so vernascht wäre. Eine Tafel Schokolade – und er wird schwach. Noch lieber sind ihm zwei, drei oder gar fünf Tafeln. So bleibt es nicht aus, dass Willi Sauerlich – so heißt er mit vollem Namen – immer dicker und unsportlicher wird. Zusammen mit Tarzan, in dessen Klasse er auch geht, wohnt er im Internat in der Bude ADLERNEST. Klößchens Eltern, die sehr reich sind und in der gleichen Stadt leben, haben nichts dagegen, denn dem Jungen gefällt es bei seinen Kameraden besser als zu Hause. Da ist mehr los, sagt er. Sein Vater ist Schokoladenfabrikant und er hat sogar einen Zwölf-Zylinder-Jaguar. Heimlich wünscht Klößchen sich, so schlank und sportlich zu sein wie Tarzan.

GABY, DIE PFOTE

hat goldblonde Haare und blaue Augen mit langen dunklen Wimpern. Sie ist so hübsch, dass Tarzan manchmal nicht hingucken kann, weil er sonst rot wird. Er mag sie halt sehr gern. Aber affig ist Gaby Glockner deshalb kein bisschen – im Gegenteil: Sie macht alle Streiche mit. Selbstverständlich passen die drei Jungens immer auf sie auf, besonders wenn’s gefährlich wird. Vor allem Tarzan ist dann sehr besorgt. Er gibt es zwar nicht zu, aber wenn es darauf ankäme, würde er sich für Gaby zerreißen lassen. Sie wohnt, wie Karl, bei ihren Eltern in der Stadt, besucht aber auch die Klasse 9b im Internat. Der Vater ist Kriminalkommissar, die Mutter führt ein kleines Lebensmittelgeschäft. Als Rückenschwimmerin ist Gaby unschlagbar und in Englisch hat sie die besten Noten.

Sie ist sehr tierlieb und lässt sich von jedem Hund die Pfote geben, deshalb heißt sie auch »Pfote«. Kein Wunder, dass sie mit großer Liebe an Oskar hängt, ihrem schwarzweißen Cockerspaniel. Leider ist er auf einem Auge blind. Aber er riecht alles, besonders gebratene Hähnchen.

1. Der Schatz des Scheichs

Schauriges Stöhnen weckte Tarzan.

Schlaftrunken blinzelte er in die Dunkelheit. Dann setzte er sich auf.

Durchs Fenster schien der Vollmond herein. Dick und gelb hing er am samtigen Nachthimmel. Sein Licht ergoss sich über das Schulgelände und drang in viele Winkel, reichte aber nicht bis zu Klößchens Bett.

Von dort kam das Stöhnen.

»Grrrrrr... Uuuuuuuhhhh... Uaaaaahhhh...«

Tarzan, jetzt vollends wach, knipste die Nachttischlampe an. Dabei fiel sein Blick auf die Uhr. Es war Viertel nach zwei; und Klößchen, sein Freund und Budenkamerad, träumte. Schreckliches schien sich in seiner Traumlandschaft abzuspielen. Offenbar wurde er gerade gevierteilt.

»O Mann!«, sagte Tarzan laut. »Das ist nicht auszuhalten. He, Willi! Träum gefälligst leise! Du bist nicht allein.«

Ein heftiger Schnarcher antwortete. Das Stöhnen verstummte. Dann warf sich Willi Sauerlich, genannt Klößchen, im Bett herum.

»Was... was... wo sind... die Kannibalen?«, Klößchens sommersprossiges Mondgesicht fuhr vom Kopfkissen hoch.

»Einer liegt unter deinem Bett und fletscht die Zähne«, sagte Tarzan grinsend. »Mann, Willi! Mit 13 Jahren hat man doch nicht so kindische Träume! Von Kannibalen! Sogar im Traum dreht sich bei dir alles ums Futtern. Du standst wohl schon auf der Speisekarte, wie?«

Klößchen stieß prustend die Luft aus und wischte sich über die verschwitzte Stirn.

»Junge, da bin ich aber knapp entkommen«, meinte er. »Hätte ich weiter geträumt, wäre ich wohl erwischt worden. Der Kessel war schon angeheizt. So ein dicker Häuptling wollte mich als Bouillon mit Einlage.«

»Da wäre der ganze Stamm satt geworden«, lachte Tarzan. »Du hast vielleicht gestöhnt! Dass du überhaupt solche Albträume kriegst, daran ist bloß dein verkorkster Magen schuld. Du hast Bauchweh und das verdankst du deinem Sieg gestern Abend. Merkst du jetzt, was für ein Mist das war?«

»Detlef hat mich herausgefordert«, verteidigte sich Klößchen. »Das ging gegen meine Ehre. Da konnte ich nicht kneifen.«

»Ehre? Dass ich nicht lache! Zwei Vielfraße haben ein Wettessen veranstaltet. Was hat denn das mit Ehre zu tun, wie viel Schokolade man verdrücken kann? Dein Sieg ist kein Ruhmesblatt. Sieben Tafeln Schokolade! Da graust einem doch.«

»Detlef hat fünf geschafft«, sagte Klößchen.

»Weil er spinnt. Falls du jetzt weiterträumst, stöhn bitte nicht so! Und bestell deinem Häuptling, dass du zur Bouillon nicht geeignet bist. Aus dir lässt sich höchstens Schokoladenkreme machen.«

»Ph!«, machte Klößchen. »Nur kein Neid. Wer hat, der hat. Mach’s Licht aus! Ich will schlafen und zu meinen Kannibalen zurück. Die sind erfreulicher als du. Jeder Mensch – so hat Dr. Meinert neulich gesagt – müsse mal an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit herangeführt werden. Und ich – zum Teufel, zum Kuckuck! Verdammt nochmal! – wollte wissen, wie viel Schokolade ich essen kann. Gute Nacht!«

»Gute Nacht!«

Tarzan grinste, knipste das Licht aus, rollte sich im Bett herum – mit dem Gesicht zum Fenster – und schob beide Hände unter den Kopf.

Augenblicke später verkündeten tiefe Atemzüge, dass Klößchen schon wieder schlief.

Tarzan sah in die Mondnacht hinaus. Das Fenster war angelehnt und man roch förmlich die laue Luft. Es war Juni. Der Park der großen Internatsschule verströmte Blütenduft und die Grillen zirpten.

Irgendwas hielt Tarzan noch wach.

Tarzan war natürlich sein Spitzname. Er hieß Peter Carsten, wurde aber nur von wenigen Lehrern so angeredet. Den Spitznamen hatte er weg, weil er mit affenartiger Geschwindigkeit am Kletterseil hoch turnen konnte. Außerdem vielleicht noch wegen seiner dunklen Locken und weil er immer gebräunt war. Für einen 13-Jährigen war er groß. Er hatte blaue Augen, kräftige Muskeln und galt als der beste Sportler seines Jahrgangs. Seine bevorzugten Disziplinen waren Judo, Volleyball und Sprint.

Klößchen verkörperte das Gegenteil: Dick, unsportlich, mit rotblonden Haaren und anmutigen Segelohren. Er war der einzige Sohn eines millionenschweren Schokoladenfabrikanten und bewohnte zusammen mit Tarzan das ADLERNEST, wie die Bude im zweiten Stock des Hauptgebäudes der Internatsschule hieß. Alle Buden hatten Namen und nebenan in der RÄUBERHÖHLE wimmerten in diesem Augenblick die Sprungfedern unter einer Matratze, als übe sich ein Elefant im Trampolinspringen.

Detlef!, dachte Tarzan. Hat sich rumgedreht.

Detlef war der dickste Junge der Schule – noch dicker als Klößchen.

Tarzan schloss ein Auge. Mit dem andern sah er zum Nachthimmel. Wie die Sterne funkelten! Rötlich, grünlich – einige sogar wie die Diamanten im Schaufenster vom Juwelier Mayer. Und der kleine dort hinten, der schien sich zu bewegen.

Optische Täuschung, dachte Tarzan halb im Einschlafen und wollte auch das andere Augen schließen.

In diesem Moment explodierte der Stern.

Glühendrot wie eine Silvesterrakete sprühten Funken am Nachthimmel.

Erschrocken richtete Tarzan sich auf. Er glaubte, einen Knall gehört zu haben. Angestrengt schaute er zum Fenster hinaus, aber da war der Spuk schon verschwunden.

 

Für einen Moment wusste er nicht: Habe ich geträumt? Oder habe ich das wirklich gesehen und gehört? Eine Sternschnuppe? Dann schnell was wünschen! Oder war’s vielleicht ein Ufo, eine fliegende Untertasse?

Nee, dachte er. Das bestimmt nicht. Das wäre verrückter als Klößchens Kannibalen. Ist ja auch egal.

Immerhin – es hätte sein können, dass es eine Sternschnuppe war. Deshalb meldete er vorsichtshalber seine Wünsche an. Viel Glück für alle Menschen, die ihm nahe standen. Vor allem für seine Mutter. Einen Vater hatte er nicht mehr. Der war Diplomingenieur und schon vor Jahren tödlich verunglückt. Und viel Dusel auch für seine Freunde: Gaby, Klößchen und Karl.

Noch während er das dachte, sanken ihm die Lider herab und er schlief ein.

Um halb sieben war Wecken. Tarzan, ein Frühaufsteher, sprang sofort aus dem Bett. Klößchen grunzte nur und zog sich die Decke über den Kopf. Jeden Morgen musste Tarzan ihn piesacken, damit er endlich aus den Federn kam.So langsam Willi anfangs herumtrödelte, später, beim Frühstück, legte er einen Zahn zu, dass man nur so staunen konnte. Er aß mindestens dreimal so schnell wie der Durchschnitt. Und er konnte das Tempo noch steigern, wenn es Käsesemmeln und Kakao gab: seine Lieblingsspeise. Sie kam gleich nach Schokolade.

Ein paar hundert Jungs hatten sich im Speisesaal versammelt. Mädchen wohnten im Internat nicht. Freilich, die Klassen waren gemischt, aber die drei, vier Mädchen, die es in jeder Klasse gab, kamen morgens mit dem Schulbus aus der Stadt. Manche auch mit Rädern.

Die Stadt war nicht weit – nur etwa 20 Trablaufminuten von der Schule entfernt. Es war eine Großstadt. Mit Flughafen, U-Bahn und Sportstadion. Eine Zubringerstraße, die durch Felder und Wiesen führte, verband die Schule mit der Stadt.

»Heute Nacht«, sagte Tarzan, als er nach dem Frühstück mit Klößchen zum Klassenraum der 9b ging, »habe ich ne ulkige Sternschnuppe gesehen. Wie eine Granate ist die am Himmel explodiert.«

»So sehen Sternschnuppen manchmal aus«, sagte eine Stimme hinter ihnen.

Die beiden drehten sich um.

Es war ihr Freund Karl Vierstein, genannt Computer. Er grinste. Hinter den Gläsern seiner Nickelbrille leuchteten intelligente Augen. Links hatte er sich die Schulmappe unter den Arm geklemmt, rechts den Beutel mit Turnzeug. Seine Arme besaßen eine beachtliche Länge, weshalb ein gehässiger Mensch mal behauptet hatte, Karl könne sich – aufrecht stehend – in den Kniekehlen kratzen. Aber das war übertrieben. Die Behauptung, er könne sich hinter einem Laternenpfahl verstecken, kam dagegen der Wahrheit sehr nahe. Karl war lattendürr. Den Spitznamen Computer hatte er sich redlich verdient, weil er sein unglaubliches Gedächtnis tagtäglich schulte. Mittlerweile war es wirklich wie ein Computer, in dem er speichern konnte, so viel er nur wollte.

Ist vererbt, meinten manche Mitschüler, denn Karls Vater war Mathematikprofessor an der hiesigen Universität.

»Grüß euch!«, sagte Karl. Und er setzte in seiner immer ein wenig belehrenden Art hinzu: »Im Übrigen: Sternschnuppen sind Meteore. Oder – anders herum: Meteor ist die Bezeichnung für die Lichterscheinungen, die durch außerirdische Kleinkörper, welche in die Erdatmosphäre eindringen, ausgelöst werden. Lichtschwache Meteore werden Sternschnuppen, größere werden Feuerkugeln genannt. Sternschnuppen haben Massen bis zu einigen Gramm. Mehr nicht. Das Aufleuchten in den hohen Atmosphärenschichten erfolgt in etwa 120 bis 80 Kilometer Höhe, das Erlöschen durch Verdampfung in etwa 80 bis 20 Kilometer Höhe.«

»Bitte, nicht!«, Klößchen verzog das Gesicht. »Nicht vor dem Unterricht! In den nächsten sechs Stunden erfahre ich sowieso mehr als ich wissen will. Und viel mehr als ich mir merken kann. Dazu noch deine Vorträge – und ich fahre aus der Haut.«

Karl grinste. »Ich weiß, dass ich meine Perlen vor die... Na ja!«

»Irgendwas stimmt nicht«, sagte Tarzan, der einen Moment nachgedacht hatte.

»Meine Erinnerung an Erlerntes«, erklärte Karl gespreizt, »ist über jeden Zweifel...«

»Das meine ich nicht. Im Gegenteil. Ich weiß, dass du keinen Kohl erzählst. Aber dann war’s keine Sternschnuppe. Sie leuchtete nämlich nicht in 100 Kilometer Höhe auf, sondern tief über – ja, ungefähr über dem Soiner Moor.«

»Ach so. Dann war’s eine Rakete.«

»Eine Rakete«, nickte Klößchen. »Aber erzähl uns jetzt um Himmels willen nichts über Raketen.«

 

»Ich respektiere deinen Wunsch, in Unwissenheit zu verharren«, meinte Karl hoheitsvoll. »Aber falls du eine Frage hast, kannst du dich getrost an mich wenden.«

Bevor sie den Klassenraum erreichten, kam ihnen Gaby entgegen. Das war ungewöhnlich. Und Tarzan sah auch gleich, dass ihr Gesicht nicht nur vom Radeln erhitzt war.

Gaby Glockner, 13, war eine so genannte Externe und kam – wie Karl – jeden Morgen aus der Stadt. Sie hatte tiefblaue Augen mit dunklen Wimpern und lange, blonde Haare, die wie Seide knisterten. Als Rückenschwimmerin ging ihr der Ruf voran, unschlagbar zu sein. Außerdem war sie in Französisch die Beste. Tarzan mochte Gaby sehr. An die große Glocke hängte er das zwar nicht, aber im Geheimen wäre er bereit gewesen, sich für Gaby zerreißen zu lassen. Uneingeschränkt teilte er die Meinung der meisten Jungs, sie sei das hübscheste Mädchen der Schule. Natürlich hatte auch sie einen Spitznamen: Pfote. Das kam daher: Sie liebte Tiere über alles, besonders Hunde – und sie konnte an keinem vorbeigehen, ohne ihn aufzufordern, ihr die Pfote zu geben. Seltsamerweise gehorchten ihr alle – auch die bissigsten Hunde. Dass Gaby einen vierbeinigen Freund hatte, war klar. Er hieß Oskar und er war ein netter, aber sehr verfressener Cockerspaniel.

»Morgen, allerseits!«, sprudelte sie jetzt los. »Habt ihr schon von dem Unglück gehört?«

»Nächste Woche soll’s regnen«, ulkte Klößchen, was ihm einen Blick eintrug, mit dem er sich hätte rasieren können – aber Barthaare wuchsen ihm noch nicht.

»Es ist tragisch und nichts für Kindsköpfe«, sagte Gaby. »Ein Flugzeug ist abgestürzt.«

»Und wo?«, fragte Tarzan.

»Über dem Soiner Moor. Letzte Nacht.«

»Donnerwetter! Dann war das meine Sternschnuppe.« »Wie bitte?«

»Ich hab den Absturz gesehen. Zufällig.«

»Wirklich?«, staunte Gaby. »Warst du unterwegs, oder...«

»Vom Fenster aus habe ich’s gesehen.«

»Die Maschine sei explodiert, heißt es.«

Tarzan nickte. »Und wie! Für eine Sekunde etwa war’s eine riesige Feuerkugel. Hast du die Nachricht im Radio gehört?«

»Nein. Von meinem Papi. Er wurde gleich benachrichtigt.«

Tarzan pfiff durch die Zähne. Karl und Klößchen blickten erstaunt. Dass Herr Glockner verständigt wurde, musste einen besonderen Grund haben. Denn er war Kriminalkommissar.

»Viele Tote?«, wollte Karl wissen.

»Nur einer«, antwortete Gaby. »Vermutlich. Denn gefunden hat man seine – Überreste noch nicht.«

»Nur einer? Wieso denn das? War die Maschine leer?«, fragte Tarzan.

Gaby nickte. »Leer. Und außerdem nur ein kleines Flugzeug. Eine Mystère 20 – oder wie die heißt. Sie... «

»Das ist eine französische Maschine«, fiel ihr Tarzan ins Wort. »Zweistrahlig. Für 10 Personen. Kostet etwa eine Million Dollar – jedenfalls steht’s so in meinem alten technischen Jahrbuch. Unter den Privatflugzeugen ist es so ziemlich das teuerste.«

»Kann ich mir denken«, sagte Gaby. »Es gehörte nämlich dem Scheich Abu Yassir Khalun. Soll einer der reichsten Männer der Welt sein. Diese Mystère war auf dem Weg nach Paris. Nur der Pilot befand sich an Bord. Ein Engländer. Harry Smith heißt er. Die Maschine ist irgendwo auf arabischem Boden gestartet. Politische Feinde vom Scheich hätten eine Bombe an Bord geschmuggelt, sagt mein Papi. Na ja, und hier – zehn Kilometer von der Stadt entfernt – ist es passiert.«

»Stellt euch vor«, meinte Klößchen, »sie wäre über die Schule geflogen und wir hätten das zweistrahlige, zehnsitzige Flugobjekt auf die Rübe gekriegt.«

Aber niemand ging auf seine Bemerkung ein. Tarzan sah Gaby an. Ganz offensichtlich war sie mit ihrer Neuigkeit noch nicht am Ende.

»Es ist ein ganz besonderes Unglück«, sagte Gaby. »In der Maschine befand sich nämlich ein Schatz. Ein richtiger Schatz aus dem Morgenland. Goldbarren und Edelsteine. Vor allem Diamanten. Alles zusammen hat einen Wert von 15 Millionen Mark. Toll, was! Es gehört dem Scheich. Er wollte es sich nach Paris bringen lassen. Jetzt liegt diese Pracht irgendwo im Soiner Moor.«

»Und da wird sie auch bleiben«, sagte Tarzan. »Oder wie will man in der Wildnis einen einzelnen Edelstein finden? Die Juwelen sind in alle Winde verstreut und...«

»Eben nicht«, sagte Gaby. »Alles ist in einer Stahlkiste. In einer Art Tresor. Feuerfest und einbruchsicher. Die Kiste liegt im Moor. Und daraus – so meint Papi – scheint sich eine Katastrophe zu entwickeln. Vom Transport dieser Schatzkiste hat nämlich vor einigen Tagen was in der Zeitung gestanden.«

»Klar«, sagte Karl sofort. »DER SCHATZ DES SCHEICHS hieß die Überschrift. Habe ich gelesen.«

»Der Absturz«, fuhr Gaby fort, »wurde beobachtet. Vom Kontrollturm des Flughafens. Außerdem bestand Funkverbindung mit dem Piloten. Irgendwie hat sich das rumgesprochen. Nicht nur das Unglück, meine ich. Sondern das mit dem Schatz. Die ganze Stadt weiß es jetzt. Polizei, Feuerwehr und Technisches Hilfswerk sperren zwar die Gegend dort ab. Aber Papi sagt, angesichts des riesigen Geländes könnte man nicht verhindern, dass allerlei lichtscheues Gesindel durchschlüpft und sich im Moor rumtreibt, um auf eigene Faust zu suchen.«

»Schatzsucher«, meinte Karl. »Ich werd verrückt. So was kann Ausmaße annehmen – wie damals der Goldrausch im Wilden Westen. Da haben wir noch gefehlt.«

»Du sagst es«, meinte Tarzan. »Ich jedenfalls will das alles mal aus der Nähe sehen. Nicht wegen der Schatzkiste. Aber die Typen, die da rumsuchen, die interessieren mich. Ich wette, die kriegen sich untereinander in die Haare. Also, wer kommt mit nach der Schule?«

»Eigentlich wollte ich zum Frisör«, sagte Gaby und strich ihre goldblonde Mähne nach hinten. »Aber das hat Zeit bis nächste Woche. Nur die Spitzen müssen ein bisschen gekürzt werden. Den Pony kann ich mir selber schneiden. Oskar bringe ich natürlich mit.«

»Ich bringe mein Fernglas mit«, versprach Karl. »Vielleicht sehen wir dann mehr. Kann ja sein, wir dürfen nicht so nah ran.«

»Falls ich die Schatzkiste finde«, lachte Klößchen, »beteilige ich euch am Finderlohn. Außerdem veranstalte ich ein Wettessen. Freiwillig setze ich meinen Titel als Champion der Schokoladenesser aufs Spiel.«

»Dazu lade ich dann ein paar Kannibalen ein«, sagte Tarzan. »Die mögen auch Schokoladenkreme.«

»Den Witz verstehe ich nicht«, meckerte Karl.

»Das liegt an deinen Träumen«, sagte Tarzan. »Du träumst eben nicht so schön wie Willi. Frag ihn mal, was er nachts so erlebt.«

Doch bevor Karl fragen konnte, läutete die Glocke und für die vier Freunde wurde es höchste Zeit, in die Klasse zu gehen.