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Stefan Wolf

Der Mörder aus dem Schauerwald

Bestien in der Finsternis

Todesfracht im Jaguar

Ein Fall für

 

 

 

cbj ist der Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

 

www.cbj-verlag.de

 

 

 

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

2. Auflage

© 2004 cbj, München

Alle Rechte vorbehalten

Illustrationen: Reiner Stolte, München

Satz: Uhl+Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-01308-0
V002

 

Datenkonvertierung eBook:

Kreutzfeldt Electronic Publishing GmbH, Hamburg

www.kreutzfeldt.de

TIM

heißt eigentlich Peter Carsten. Aber tolle Typen haben auch immer einen Spitznamen. Früher wurde Tim von seinen Freunden Tarzan genannt, doch mit dem will er nicht mehr verglichen werden, nachdem er diesen »halb fertigen Bodybuilder« in einem Film gesehen hat. – Tim ist der Anführer der TKKG-Bande, die so bezeichnet wird nach den Anfangsbuchstaben ihrer Vor- oder Spitznamen. Tim ist 14, aber seinem Alter geistig und körperlich weit voraus. Ein braun gebrannter Athlet, besonders veranlagt für Kampfsport und Volleyball. Seit zwei Jahren wohnt er in der berühmten Internatsschule, ist Schüler der 9b. Sein Vater, ein Ingenieur, kam bei einem Unfall ums Leben. Tims Mutter, eine Buchhalterin, müht sich sehr, um das teure Schulgeld für ihren Sohn aufzubringen. Tim ist der geborene Abenteurer, hasst Ungerechtigkeit, mischt sich ein und riskiert immer wieder Kopf und Kragen.

KARL, DER COMPUTER

sitzt im Unterricht neben Tim, wohnt aber nicht im Internat, sondern bei seinen Eltern in der nahen Großstadt. Karl Viersteins Vater ist Professor für Mathe und Physik an der Universität; und wahrscheinlich von ihm hat Karl das tolle Gedächtnis geerbt – aus dem man alles abrufen kann wie aus einem Computer. Karl ist lang aufgeschossen und sieht magersüchtig aus, weshalb körperlicher Einsatz nicht seine Sache ist. Er kämpft lieber mit geistigen Keulen und fühlt sich bei den TKKG-Aktionen zuständig für technische und wissenschaftliche Probleme. Wenn ihn was aufregt, putzt er sofort die Gläser seiner Nickelbrille – und das manchmal so heftig, dass er alle paar Monate eine neue braucht.

KLÖSSCHEN

wird so genannt, weil er so aussieht; und für sein Aussehen gibt es einen Grund: Willi Sauerlich nascht und nascht und nascht. Schokolade ist für ihn Kraftnahrung, auch wenn er davon immer runder wird. Zusammen mit Tim bewohnt er im Internat die Bude ADLERNEST. Klößchens Vater ist Schokoladenfabrikant und der Sohnemann versteht sich bestens mit seinen Eltern, die im feinsten Viertel der nahen Großstadt leben. Auch als Fahrschüler könnte Klößchen die Internatsschule besuchen, aber zu Hause in der pompösen Villa hat er sich immer nur gelangweilt; deshalb ist er jetzt hier – und wird von Tim mitgerissen in die vielen haarsträubenden Abenteuer, das Markenzeichen der TKKG-Bande.

GABY, DIE PFOTE

muss sich als einziges Mädchen gegen drei Jungs behaupten. Aber alle Trümpfe sind auf ihrer Seite: goldblondes Haar, blaue Augen mit dunklen Wimpern, Anmut, Intelligenz und wenn nötig eine kesse Lippe. Für Tim ist seine Freundin das schönste Mädchen der Welt und er fühlt sich als ihr Beschützer – vor allem dann, wenn es gefährlich zugeht: ein sehr häufig wiederkehrender Zustand. Gabriele Glockner wohnt bei ihren Eltern in der Stadt und besucht die 9b der Internatsschule als Fahrschülerin. Gabys Vater ist Kriminalkommissar und ein väterlicher Freund der Jungs. Gabys Mutter – von Tim, Karl und Klößchen hoch verehrt – betreibt ein kleines Lebensmittelgeschäft. Gaby liebt Tiere und lässt sich von Hunden gern die Pfote geben, was zu dem Spitznamen PFOTE geführt hat. Oskar, ein schwarz-weißer Cockerspaniel, schläft auf ihrem Bettvorleger.

Stefan Wolf

Der Mörder
aus dem
Schauerwald

Ein Fall für

 

 

Inhalt

1.Abkürzung durch den Schauerwald 11
2.Der Geisterhund greift an 17
3.Mitleid mit einem Mörder? 26
4.Scharfer Blick nach links 31
5.Gabys Gewissensnot 37
6.Flühter erzählt seinen Fall 43
7.Begegnung mit der Vergangenheit 50
8.Von Dohlen und Flomen 55
9.Geldanlage 60
10.Hinter dem Landhaus 64
11.Wem gehört der Kastenwagen? 72
12.Krake Röder erinnert sich 76
13.Luftbilder 81
14.Telefon-Trick 88
15.Das alte Coupé 92
16.Der echte Flühter ruft an 97
17.Vierter Fall 104
18.Die Dö-Mei weiß alles 109
19.Schatten im Schneegestöber 114
20.Ein neuer Freund 119
21.Gefangen im Hundezwinger 123
22.Tag der Abrechnung 130
23.Die Falle 136
24.Besuch in der Pfandkammer 141

 

1. Abkürzung durch den Schauerwald

Es war Mitte Dezember, ein Freitag.

In Kleinfelden, einem Dorf vor der Großstadt, berührte der Himmel die Kirchturmspitze.

Schneeflocken wirbelten, setzten sich auf Gabys Goldhaar und Oskars Fell.

Die Sicht reichte nur bis zur ausgestreckten Hand. Gaby hielt Oskars Leine. Der Vierbeiner trottete und schnüffelte mal nach rechts, mal nach links.

»O nein! Haaaaalt!«

Gaby rief gegen die Schneeschleier an. Aber die wickelten jeden Laut ein. Nur das lange A war noch ein bisschen zu hören.

»So ein Mist!«

Gaby stampfte auf mit dem linken Moonboot (Schneestiefel).

Aber weil der Gehsteig sich mit Schnee bedeckt hatte, blieb das ganz ohne Wirkung.

Die Rücklichter des Linien-Busses schienen zu grinsen. Den Motor hörte Gaby nicht. Der Bus fuhr weiter – der Bus der Linie Kleinfelden-Staatsoper in der Großstadt. Er verschwand im Schneegestöber.

Verpasst! Um höchstens 30 Sekunden!

Gaby pustete gegen ihren Pony.

»Was machen wir jetzt, Oskar? Der Nächste fährt erst in zwei Stunden.«

Der Cocker-Spaniel blickte zu seinem Frauchen auf.

Dann kratzte er sich hinter dem Ohr. Vielleicht dachte er nach. Vielleicht biss ihn ein Floh. Es half Gaby nicht weiter. Im Wartehäuschen der Haltestelle lagen Abfälle auf dem Boden. Ein Zigarettenrest glühte noch.

Gaby las den Fahrplan.

»Wie ich schon sagte, Oskar. Erst in zwei Stunden, um genau 16.02 Uhr.«

Oskar schnupperte an einer Wurstpelle. Sie bestand aus Kunststoff.

Gaby zog ihren Vierbeiner zurück.

Warten? überlegte sie. Hier bestimmt nicht. Und ein Schaufensterbummel in Kleinfelden? Bitte nicht! Natürlich könnte ich zu Petra zurückgehen. Aber die ist ja jetzt beim Zahnarzt, nur ihre Mutter ist noch da. Hm!

Gaby hatte Petra Goehme besucht, eine Schulfreundin. Spätvormittags nach der fünften Stunde waren sie mit dem Bus hergekommen. Gaby aß bei den Goehmes, und Petra führte ihre selbst gestrickten Pullover vor. Doch um 14.15 Uhr war ihr Termin beim Dorf-Zahnarzt.

Damit endete auch Gabys Besuch.

»Weißt du was, Oskar? Wir gehen durch den Schauerwald. Das sind nur zwei Kilometer, eine prima Abkürzung. Dann sind wir in Stettenborn und können die Straßenbahn nehmen.«

Stettenborn, ein ehemals ländlicher Ort, war längst mit der Großstadt zusammengewachsen.

Gaby nestelte die Kapuze aus ihrem Anorak und zog sie über den Kopf.

Oskar hatte Schneeklumpen an den Beinen und machte Spreizschritte.

Lachend befreite Gaby ihn von den hinderlichen Klumpen.

Sie zogen los. Gleich hinter Kleinfelden beginnt der Schauerwald. Er dehnt sich aus weit nach Westen, berührt vier oder fünf Dörfer, wächst ein Stück an der Autobahn entlang und endet in der Ebene, wo die Felder bis hinter den Horizont reichen.

Gaby und Oskar traten unter die Bäume.

Die Wipfel der Fichten schoben sich zusammen, bildeten ein Dach, ließen nur wenige Schneeflocken durch.

Dennoch war der Waldboden überzuckert und das gefrorene Herbstlaub knirschte unter Gabys Stiefeln.

Ein Wegweiser-Schild STETTENBORN deutete geradeaus. 2.8 km – war vermerkt. Also doch etwas weiter.

Nach fünf Minuten Fußmarsch wurde der Wald auf beiden Seiten dunkler. Hier standen die alten Bäume. Ihre Äste waren länger, die Zweige dichter benadelt. Das Dach des Waldes hielt Sonnenstrahlen ab, filterte den Regen und fing den Schnee auf.

Unheimlich! dachte Gaby.

Sie konnte tief in den Wald sehen. Die Stämme waren schwarz und feucht. Auf den Tannennadeln, die den Boden bedeckten, lag Schnee.

Oskar blieb stehen.

Sein Nackenfell sträubte sich. Vorsichtig schob er den Kopf vor. Schnorchelnd beroch er die Spur.

Sie verlief quer über den Weg und war ganz frisch.

Das gibt’s doch nicht, dachte Gaby verwundert. Eine Hundefährte. Eindeutig! Aber diese Riesenpfoten! Schuhgröße 48, wie? Geht hier ein Bernhardiner spazieren?

Leise begann Oskar zu knurren.

Er kniff die Stummelrute ein, duckte sich, schnorchelte in die Laufrichtung des Riesenhundes.

Gaby blickte unter die Bäume.

In derselben Sekunde schrie sie auf.

Eine Katze lag zwischen zwei geschlängelten Wurzeln. Aber es war nur noch der Rest eines Samtpfoters. Mit gewaltigem Fang (Maul) hatte der Mörder sie in zwei Teile zerbissen. Der Schreck lähmte.

Entsetzt presste Gaby den linken Handschuh an den Mund.

Oskar winselte, schaltete den Rückwärtsgang ein und drückte sich zwischen Gabys Unterschenkel, die bis zur Wade in den Moonboots steckten.

Ein dumpfer Laut drang aus der Dunkelheit des Waldes. Es klang wie das Blaffen eines Hundes. Doch noch nie hatte Gaby einen so dumpfen, kehligen Laut gehört – bei den ›besten Freunden des Menschen‹.

Ängstlich suchte ihr Blick unter den Bäumen.

Weit hinten bewegte sich ein schimmerndes Licht – nein, ein Tier, das in Riesensätzen nahte. Ein Hund? Ein gewaltiger Wolf? Das Fell leuchtete, verstrahlte ein grünliches Licht – auch der Schädel, den dieser Phosphor-Schimmer zur unheimlichen Maske machte.

Gabys Herz dröhnte gegen die Rippen.

Sie wusste instiktiv: Dieses Ungetüm hatte die Katze getötet: Anders konnte es nicht sein.

Das Tier jagte heran. Was für ein Tier?

Mein Gott! Wir sind verloren.

Verzweifelt suchte ihr Blick nach einem Versteck.

*

Wenigstens gibt er sich Mühe, dachte Tim, der früher Tarzan genannt wurde. Zumindest das ist zu loben.

Klößchen runzelte die Stirn.

Zum xten Mal versuchte er, aus Goldpapier einen Weihnachtsstern zu falten.

»Also, der Stern von Bethlehem ist es nicht.« Tim betrachtete das Kunstwerk. »Mit dem als Wegweiser hätten die drei Könige den besagten Stall nie gefunden.«

»Wir sind ja inzwischen 2000 Jahre weiter«, knurrte Klößchen. »Heute sehen die Sterne anders aus.«

»Du meinst, die drei Weisen aus dem Morgenland wüssten nicht, ob sie einen Stern oder einen Satelliten gesehen haben? Dann bau eine Weihnachts-Raumsonde, einen künstlichen Erdmond. Und nimm auch mal die rechte Hand. Mit der bist du geschickter.«

»Jaja«, Klößchen grinste. »Ich weiß, dass ich zwei linke Hände habe. Immer noch besser als gar keine. Schokoladentafeln kann ich in Rekordzeit öffnen. Das ist wichtiger als diese Bastelei.«

Sie saßen im ADLERNEST, ihrer Internats-Bude, am Tisch. Schneeflocken schwebten am Fenster vorbei. Das Radio – Klößchens Kofferradio – dudelte.

Tim hörte nicht hin. Was er tat, tat er richtig. Wenn Basteln angesagt war, dann bastelte er; und jeder Handgriff wurde vom Denken begleitet, gelenkt, kontrolliert. Das nennt man Konzentration. Tim hatte seit langem begriffen, wie wichtig sie ist. Konzentration war zum großen Teil das ›Geheimnis‹ seiner guten Zensuren – denn dass er verbissen büffelte, hatte noch niemand gesehen.

Jetzt endete die Dudelmusik und der Nachrichtensprecher vom Dritten Hörfunkprogramm verlas Nachrichten.

Tim hielt inne. Seine kleine Krippe aus Pappfiguren war fast fertig.

Er legte den Leimpinsel und das winzige Papp-Schaf weg.

»... ist der 42-jährige Hasso Flühter heute Vormittag aus der Landesstrafanstalt entflohen«, sagte der Sprecher. »Flühter wurde wegen Mordversuchs zu zwölf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Fünf Jahre hatte er verbüßt. Flühter gilt als gefährlich. Mittags wurde er in der Nähe von Kleinfelden gesehen.Er ist 1,79 Meter groß, stämmig, hat Stirnglatze und eine wulstige Narbe auf der rechten Wange. Er trägt Anstaltskleidung. Sachdienliche Hinweise nimmt jede Polizeidienststelle entgegen.«

Tim schaltete das Radio aus.

»Du, Willi, Gaby ist bei Petra Goehme in Kleinfelden.« »Ich weiß.« Er grinste. »Vielleicht fangen die beiden ihn ein. Aber von einer Belohnung war nicht die Rede.«

»Kleinfelden ist ein Dorf. Wenn er sich dort versteckt, kann ihm jeder über den Weg laufen.«

»Bei dem Wetter bleiben Gaby und Petra im Haus. Außerdem ist Oskar dabei. Der nimmt es mit jedem Mörder auf. Sag mal, Tim: Wenn einer morden will, aber die Sache verbockt – ist er dann eigentlich ein Mörder oder ein Mordversucher? Charakterlich, finde ich, macht es keinen Unterschied. Schlechtigkeit ist Voraussetzung. Nur hat eben der eine mehr Glück, beziehungsweise ist er geschickter.«

»Für das Opfer ist der Unterschied gewaltig. In einem Fall ist es nämlich tot, im andern überlebt es. Was das Charakterliche betrifft, stimme ich dir zu.Aber strafrechtlich wird deutlich unterschieden, glaube ich, zwischen Mord und Mordversuch. Eine vollendete Tat ist eben doch anders als der Versuch. Außerdem kann man einen Versuch abbrechen – im letzten Moment. Man kann zumindest behaupten, man hätte das vorgehabt. Flühters Fall kenne ich nicht. Aber zwölf Jahre abknacken – das ist hart. Eine so schwere Strafe wird nicht umsonst verhängt. Hast ja gehört, er gilt als gefährlich.«

Klößchen nickte und schnippelte an dem Schweif herum, der zu seinem Stern gehörte.

Kleinfelden!

Tim hatte ein ungutes Gefühl. Das Dorf. Der Mörder – in Gedanken nannte er ihn so –, Gaby dort. Blieb sie mit Petra wirklich im Haus? Lief auch dort das Radio – und die Kleinfeldener waren gewarnt? Suchten Polizisten das Dorf ab? Aber wie weit konnten die gucken – bei dem Schneegestöber? Andererseits – dass man Flühter dort gesehen hatte, besagte nicht viel. Für einen entsprungenen Häftling bieten sich die besten Verstecke in einer Großstadt, wo der Einzelne in der Menge nicht auffällt, wo Gassen, Höfe,Winkel, Keller, Spelunken, leer stehende Häuser, Industrie-Bezirke, Bahnhöfe, U-Bahn-Tunnel und Lagerhallen als Schlupfwinkel dienen können.

Ganz zu schweigen von der immer reichlich vorhandenen Unterwelt.

Wenn er schlau ist, dachte Tim, flieht er durch Kleinfelden nur durch. Hierher setzt er sich ab. Zum Teufel, ja, hier im Internat sind wir mehr gefährdet als die Mädchen bei Goehmes. Trotzdem...

Er betrachtete seine Fingernägel, an denen etwas Leim klebte.

»Ich rufe mal an bei den Goehmes, Willi. Aber erst klebe ich noch die drei Schafe in ihre Herde.«

2. Der Geisterhund greift an

Todesangst!

Gaby sah die zerfetzte Katze – und das unheimliche, phosphoreszierende Tier, das aus dem Waldesdunkel heranj agte.

Noch etwa 200 Meter war das Ungetüm entfernt – jetzt weniger.

Oskar winselte und machte sich klein wie eine Maus. Seine Schnüffelnase hatte längst festgestellt, welches Unheil da nahte.

Kein Versteck!

Gaby zitterte. Ihr Blick fiel auf die Schichtholzbank. Sie war nur wenige Schritte entfernt, reichte etwa anderthalb Meter hoch und wurde überzogen von einer dünnen Decke Schnee.

»Schnell, Oskar!«

Sie hob ihn hinauf.

Er geriet mit der Vorderpfote in einen Spalt und jaulte. Gaby kletterte hinterher. Sie stieß sich am Schienbein und vor Angst waren ihre Arme ganz schwach.

Unter der Schneedecke war das Holz rutschig und ziemlich vereist. Dicke und mitteldicke Meterstücke von Stämmen stapelten sich zum Raummeter, der von Pfosten auf beiden Schmalseiten gestützt wurde.

Als Gaby oben saß und Oskar an sich presste, wurde aus ihrer Angst Panik.

Anderthalb Meter Höhe! Nur!

Kein Hindernis für ein großes Tier.

Vielleicht war man hier vor einem Krokodil sicher, vor einem Hai und Tollwut-Füchsen.

Aber ein Tier, das mit Rekord-Sprüngen heranjagt, springt sicherlich nicht nur weit, sondern auch hoch.

Gaby rutschte auf die Mitte der Schichtholzbank.

Unter dem seidigen, schwarz-weißen Fell schlug Oskars Herz wie rasend. Er hatte Angst, der treue, liebe Vierbeiner, der von Heldenmut nichts wissen konnte.

Gaby starrte dem Ungetüm entgegen.

Furcht und Kälte machten ihre Glieder ganz klamm. O Gott, was war das?

In wenigen Sekunden nur hatte alles sich abgespielt.

Jetzt schoss das Tier unter den Bäumen hervor, stoppte und warf einen kurzen Blick auf die Kadaver-Hälften der Katze. Nein! dachte Gaby. Sowas gibt’s doch nicht. Was ist los hier im Schauerwald? Machen die Hunde Fasching?

Als leidenschaftliche Tierfreundin – die nicht umsonst den Spitznamen Pfote trägt – erkannte Gaby Art und Rasse sofort.

Zweifellos war das ein Hund – und zwar ein riesenhafter Mastino. Also ein römischer Kampfhund. Oder ein Mastiff – was fast aufs Gleiche hinausläuft, obwohl dieser Wach- und Kampfhund englischen Ursprungs ist.

Das gewaltige Tier mit seinem quadratischen Schädel und der breiten, kurzen Schnauze wog sicherlich anderthalb Zentner. Ein Ungetüm!

Die Natur hatte den Riesenhund mit dunklem Fell ausgestattet. Nur die linke Vorderpfote war hell, fast weiß.

Doch nicht das stach ins Auge, nicht das gab ihm dieses unheimliche Aussehen.

Der Mastiff – Gaby entschied sich, ihn zu dieser Rasse einzuordnen – war mit Phosphor-Farbe angepinselt: an der Brust, an den Flanken, auf dem Rücken. Eine Maske aus Phosphor- Farbe umschloss seinen Kopf. Nur Augen, Schnauze und Ohren waren ausgelassen.

Der Mastiff trug ein Geschirr. Auf dem Rücken war ein kleiner Metallkasten festgeschnallt, aus dem eine Antenne ragte.

Als der Hund jetzt zur Schichtholzbank kam, begann Gaby zu schreien.

»Hiiiiilfe! «

Er bewegte sich langsam. Er schritt.

Entsetzt sah Gaby, dass in den Augen kein Weiß war. Ein blutunterlaufener Blick richtete sich auf sie. Nur blutiges Rot umgab die Pupillen.

Aus den Lefzen tropfte Schaum. Jedenfalls zerplatzten Blasen in der Winterluft. Aber der Schaum war nicht weiß, sondern rot. Ein gelbliches Orangerot.An Blut erinnerte es nicht. Sondern woran? Hatte ein Wahnsinniger diesem Riesenhund die Zunge bemalt?

»Hiiiiilfe! «

An der Schichtholzbank bäumte er sich auf.

Nur eine Armlänge trennte den Schädel von Gaby und Oskar.

Die Lefzen zogen sich zurück.

Die gewaltigsten Reißzähne, die Gaby je gesehen hatte, kamen zum Vorschein.

Mit dem Wutgeifern wurde noch mehr von dem orangefarbenen Schaum ausgeblasen. Der Fang schnappte nach Oskar. Nur um Zentimeter verfehlten die Zähne Gabys zitternden Hund.

»Hau ab! « schrie sie das Untier an. »Mastiffs sind gutmütig. Hiiiiilfe!« Sie keuchte. »Mastiffs greifen nur an, wenn sie den Befehl erhalten. Und nie grundlos. Merk dir das! Hiiiiilfe! «

Der geisterhafte Hund ließ sich auf alle vier Pfoten fallen. Ein Zucken in der Hinterhand – dann schnellte er hoch.

»Neiiiiin! «

Abwehrend streckte Gaby eine Hand aus. Der andere Arm umschlang Oskar.

Der Geisterhund landete neben ihr auf den Meterstämmen.

Sie roch den Fleischfresser-Atem und wusste, dass nun alles aus war. Keine Rettung! Ein grauenvolles Ende.Warum? Weshalb griff dieser Mordhund sie an?

Ein völlig vereister Meterstamm drehte sich, rutschte unter dem Anprall der Mastiff-Pfoten, glitt aus seiner Position.

Der Hund verlor den Halt, kaum dass der schwere Körper gelandet war. Rücklings stürzte der Mastiff hinab. Der Stamm fiel auf ihn. Aus dem Fang drang bellend seine Wut.

Gerettet?

Nur für Sekunden.

Denn der Mastiff sprang auf.

Gaby merkte, wie der Stamm unter ihr zur Seite rollte. Die ganze Schichtholzbank schien zu beben.

Wenn er nochmal heraufspringt, schoss es ihr durch den Kopf, fliegen wir runter. Und dann...

Der Mastiff stand still, hatte den Nacken verdreht und blickte zur Seite.

Dort, wo junge Fichten sich viel zu eng aneinander drückten, zwängte sich ein Mann durch die Zweige.

Gabys Augen wurden weit. Hilfe in letzter Sekunde! Ein Waldarbeiter? Oder gehörte ihm der Hund? Nein! Der Mann hatte sich bewaffnet. Mit einem armdicken, zwei Meter langen Ast.

Geifernd ging der Hund auf ihn los.

Der Mann wirkte kräftig, hatte schon ausgeholt. Der Hieb fegte den Hund von den Pfoten. Er fiel auf die Seite, sprang auf, griff abermals an.

Der Hieb traf ihn an derselben Stelle. Der Ast musste sehr schwer sein. Der Mann hielt ihn mit beiden Händen und holte weit aus.

Diesmal überkugelte sich der Mastiff, kam aber wieder auf die Pfoten. Die Antenne des kleinen Metallkastens verbog sich.

Starr vor Entsetzen verfolgte Gaby den Zweikampf. Wieder und wieder konnte der Mann den Riesenhund abwehren. Er schlug ihn seitlich, rammte ihm das Ast-Ende vor die Brust, keuchte und schien zu ermüden.

Er schafft es nicht. Gabys Herz zog sich zusammen. Er wird unterliegen. Der Hund gibt nicht auf. Er wird meinen Retter zerreißen.

Schweiß lief dem Mann übers Gesicht.

Winterlich gekleidet war er allerdings nicht, trug weder Steppjacke noch Anorak, keinen Mantel, nicht mal einen Hut. Sein grauer Arbeitsanzug schlotterte.

Ihr fiel auf, dass der Mann den Hund nicht auf Kopf oder Schnauze schlug. Vermied ihr Retter das absichtlich? Wollte er den Hund vertreiben, ohne ihn ernsthaft zu verletzen? Wieder tat der Ast seine Wirkung.

Aber diesmal glitt eine Hand des Mannes ab. Beinahe hätte er den Ast verloren. Offensichtlich erlahmte die Kraft.

Ich kann ihm nicht helfen, dachte Gaby verzweifelt. Und noch weniger kann ich hinsehen, wenn sich diese Hundebestie in ihn verbeißt. Mein Gott! Warum...

Was war los?

Der Mastiff setzte zum Sprung an.

Aber aus der verbogenen Antenne sprühten Funken. Ein Ruck lief durch den mächtigen Körper.

Ein letzter blutunterlaufener Blick galt dem Gegner.

Dann wandte sich der Mastiff ab – trollte in den Wald hinein, wurde schneller, jagte weg mit den gleichen langen Sprüngen, die ihn hergebracht hatten.

Er humpelte nicht, war offensichtlich unverletzt.

Noch für einen Moment konnte Gaby den Geisterhund mit Blicken verfolgen. Jetzt verschwand der Phosphor-Schein hinter weit entfernten Bäumen.

Diese unbeschreibliche Erleichterung! Gaby kämpfte an gegen Tränen, wischte sich die Augen. Gerettet – in der berühmten letzten Sekunde! Sie drückte Oskar an sich. Dieser Mann hatte sein Leben riskiert – hatte sie gerettet. Wie kann man das vergelten? Durch nichts. Und nie.

»Uff! « Er hatte eine raue, aber nicht unsympathische Stimme. »Das war knapp, kleines Fräulein.«

Gaby schnäuzte sich. Ihr Blick war verschleiert.

»Sie haben mir und Oskar das Leben gerettet. Das vergessen wir Ihnen nie.«

»Halb so schlimm, kleines Fräulein.«

Sie sah ihn durch einen Schleier, betupfte sich die Augen. »Sie sind bescheiden. Aber Sie sind unser Lebensretter. Das steht fest.«

»Ich hörte deinen Hilferuf.«

»Dieser... Geisterhund war schon hier oben. Ein Stamm rutschte runter – und er mit.«

»Seltsamer Geisterhund. Eingefärbt. Und auf dem Rücken eine Art Funkantenne. Er hat ein Signal empfangen. Das hieß: Hör auf und komm zurück. Gott sei Dank!«

Jetzt hatte sie wieder blanke Augen.

Sie strahlte und sah den Mann an.

Es war der erste bewusste Blick, den Gaby auf sein Gesicht richtete.

Sofort kroch ihr eine Gänsehaut über den Rücken.

Wie Gaby schon bemerkt hatte: Der Mann wirkte kräftig. Trotzdem war ihm die graue Arbeitskluft zu weit. Über der Stirn wich der Haaransatz nach hinten. Auf der Wange schlängelte sich eine wulstige Narbe.

Gaby wusste, wie alt er war, nämlich 42.

Und seine Größe betrug 179 Zentimeter.

»...muss ein Verrückter sein«, meinte er lächelnd, »der seinen Mastiff so abrichtet. Ich glaube doch, es war ein Mastiff. Oder ein Bullmastiff?« Er blickte nachdenklich auf winterdürre Himbeerranken. »Eine Bordeaux-Dogge war das jedenfalls nicht.«

Er trat näher.

Nichts anmerken lassen, dachte Gaby.

Sie versuchte zu lächeln. Aber ihre Zähne schnatterten. »Kann ich deinen Oskar runternehmen?« bot er an. »Oder wird er mich beißen?«

»Oskar... beißt niemanden.«

Hoffentlich hielt... wie hieß er noch? Flühter,ja richtig! – er ihr Geschnatter für eine Folge der ausgestandenen Angst!

»Man fragt sich«, überlegte er, »was jemand bezweckt, wenn er seinen Geisterhund losschickt?« Er nahm Oskar und setzte ihn auf den Boden.

Auch Gaby bot sich eine hilfreiche Hand an. Doch Tims Freundin sprang hinunter, ohne sich helfen zu lassen.

»Um Himmels willen!«, murmelte Flühter.

Er hatte die zerfetzte Katze entdeckt.

Gaby blieb stehen, nestelte an ihrem Anorak, wurde hin und her gerissen von Empfindungen, die nicht zusammenpassten.

Ein Mörder war das – jedenfalls fast. Aber der hatte doch eben sein Leben aufs Spiel gesetzt – für sie und für Oskar! Er hatte den Geisterhund vertrieben – und ihn beim Kampf nicht verletzt. Und mit Hunden kannte er sich aus. Was er sagte – Mastiff, Bullmastiff, Bordeaux-Dogge – das war alles ganz richtig. Also ein Tierfreund? Ein Hundeliebhaber!

Gaby merkte, dass sie jetzt weniger zitterte.

Sie konnte die Zähne aufeinander legen, ohne sich in die Zunge zu beißen.

Ein seltsamer Mörder! Wenn sich alle so benehmen würden. Schüchtern sah sie ihn an.

Flühter lehnte an der Schichtholzbank.

Sein Gesicht glühte. Noch stärker als vorhin rann ihm der Schweiß über die Haut. Ein Zittern überlief den Mann. Jetzt war es an ihm, mit den Zähnen zu schnattern.

»Was haben Sie?« rief Gaby.

Er lächelte grimassenhaft.

Statt zu antworten, setzte er sich in den Schnee.

Ein Schwächeanfall?

»Ich... ich glaube, es ist Fieber«, brachte er mühsam hervor. »Grippe! Bis jetzt... ging’s. Habe gar nicht so viel gemerkt. Aber durch die Anstrengung...«

Er begann zu husten.

Natürlich! Vorhin bei Goehmes hatte sie ein Bild auf der Mattscheibe gesehen. Petras kleiner Fernsehapparat lief immer, wenn sie nicht lernte. Der Ton war zwar leise gedreht. Trotzdem hatten die Mädchen den Fahndungs-Aufruf verstanden.

Flühter war aus der Krankenabteilung der Landesstrafanstalt entwichen. Offenbar konnte man dort leichter entkommen als aus einer Zelle.

»Sie müssen zum Arzt«, sagte Gaby. »Ich stütze Sie. Es ist nicht weit bis Kleinfelden. Dr. Bader ist auch der Hausarzt von meiner Freundin. Wir... «

»Nein, nein!« Flühter röchelte und presste beide Hände auf die Brust. »Keinen... Arzt. Brauche ich nicht. Das geht schon vorüber.«

»Geht es nicht. Sie sind viel zu leicht angezogen. Sie holen sich den Tod.«

»Ist schon alles in Ordnung, kleines Fräulein.« Er grinste. »Nimm deinen Oskar – und hau ab! «

»Sie haben mir das Leben gerettet. Und Oskar auch. Und jetzt kann ich was für Sie tun. Ich lasse Sie nicht im Stich, Herr Flühter.«

Sein Grinsen erlosch.

Er versuchte aufzustehen, sank zurück, zog die Knie an die Brust und schlang die Arme um die Unterschenkel. Schauer liefen ihm über die Haut.

»Du... hast mich erkannt?«

»Ihr Bild wurde vorhin im Fernsehen gezeigt. Sie waren schon krank, als Sie getürmt sind.«

Er nickte. Dann sah er sie an.

Er hatte graue Augen.

»Wie heißt du?«

»Gaby. Gabriele Glockner. Mein Papi ist Kommissar bei der Kripo.«

»Auch das noch.«

»Ich werde... aussagen, wie Sie hier Ihr Leben eingesetzt haben. Für uns.«

»Gaby, bitte ruf die Polizei nicht.«

Sie schwieg. Mein Gott! dachte sie, ich bin ihm verpflichtet für alle Zeiten. Wer sich so verhält wie er, der kann doch nicht schlecht sein. Andererseits – er hat einen Mordversuch begannen und wurde zu zwölf Jahren verurteilt.

»Gaby! « Flühter hustete zwischendurch. »Ich schwöre dir: Niemals habe ich versucht, einen Menschen zu ermorden. Niemals. Ich bin unschuldig. Dass ich verurteilt wurde, ist ein Justizirrtum. Bitte glaube mir. Ich lüge nicht. Mit der Tat, die man mir vorwirft, habe ich nicht das Geringste zu tun. Aber alle Indizien (Hinweise) sprachen gegen mich. Das wurde gedreht – gedeichselt. Von meinem Feind. Sogar einen Beweis hat er unterschoben. Entkräften konnte ich das nicht. Wie sich damals alles darstellte – vor fünf Jahren: Auch ich hätte einen wie mich verurteilt. Dem Gericht kann ich nichts anlasten. Die Richter haben ihre Sache so gut wie möglich gemacht. Trotzdem – es ist ein Irrtum. Ausgebrochen bin ich nur, um den wahren Täter zu entlarven.« Er keuchte, hustete, röchelte mit engen Bronchien. »Aber jetzt...«

Das Fieber schüttelte ihn.

Gaby schlüpfte aus ihrem Anorak und hüllte ihn damit ein.

3. Mitleid mit einem Mörder?

Vielleicht ist es albern, überlegte Tim, als er das ADLERNEST verließ. Vielleicht lacht Gaby mich aus. Egal! Mein Instinkt warnt. Und auf den kann ich mich verlassen.

Er sauste die Treppe hinunter in den Flur des Haupthauses, wo die so genannte Besenkammer den Schülern als Telefonzelle zur Verfügung steht.

Tim wusste die Goehme-Nummer nicht auswendig, fand aber im Telefonbuch Kleinfelden; und damit war das Problem gelöst.

Frau Goehme meldete sich.

Tim kannte sie vom Schulfest her, eine schlanke schwarzhaarige Dame, die dünne Zigarren rauchte, aber trotzdem sehr weiblich wirkte.

»Hallo, Tim«, erwiderte sie seinen Gruß. »Gaby ist schon weg. Petra auch. Beim Zahnarzt.«

»Au backe!« Tim lachte. »Muss er bohren?«

»Davor hat Petra keine Angst. Ich weiß, Tim: Jungs – selbst die verwegensten Abenteurer und härtesten Zweikämpfer – fürchten sich vor dem Zahnarzt. Die zarten Mädchen halten da mehr aus.«

»Ich lasse regelmäßig nachsehen. Hatte noch nie Zahnschmerzen oder braune Löcher im Schmelz. Weil ich nichts Süßes esse. Wann ist Gaby denn weggegangen?«

»Vor einer halben Stunde etwa. Sie... Moment mal! Du, sie ist zurückgekommen. Sie steht vor der Tür. Nanu! Augenblick, Tim. Ich lasse deinen Schatz schnell rein.«

Einen Moment später hörte Tim den aufgeregten Atem seiner Freundin.

»Tim?«

»Was ist los, Pfote?«

»Du, ich bin zurückgekommen, weil ich dich anrufen wollte. Kannst du bitte sofort herkommen?«

»Klar. Zu Goehmes?«

»Nein. Zur Bushaltestelle am Ortsausgang Kleinfelden. Dort warte ich mit Oskar.Am besten, du bringst Willi mit. Und Karl. Aber Hauptsache, ihr seid schnell. Ja?«

»Verstehe. Du willst nicht sagen, weshalb, weil Frau Goehme in der Nähe ist. Übrigens wollte ich dich sprechen, weil da ein Mörder ausgebrochen ist, der bei Kleinfelden gesehen wurde. Ein gewisser Flühter. Er... «

»Um den geht es, Tim. Aber... Du, bitte bring deinen alten Steppmantel mit, ja? Vielleicht noch eine Wolldecke. Und kratzt euer Taschengeld zusammen. Wir müssen was aus der Apotheke besorgen.«

Tims Gedanken liefen Zickzack und Kreise im Bereich der grauen Zellen. Gaby und Flühter? Was um Himmels willen war da los? Wozu brauchte sie Mantel und Decke und was aus der Apotheke? Irgendwie roch das nach Verschwörung, Mittäterschaft, lichtscheuem Tun. Aber doch nicht Gaby!

Am Telefon ließ sich nichts klären.

Er sagte: »Wir sind bereits unterwegs. Maschinenpistolen brauchst du nicht?«

»Frag nicht so blöd!«

»Ich dachte, du hättest sie vergessen.«

»Also«, sie lachte. »Jetzt muss ich aber schnell los. Olivia Müller-Stangl – kennst du ja – wartet vorn an der Ecke. Sie säubert meinen Anorak, der ganz voll gespritzt ist. Bis gleich. Beeilt euch!«

Knacks! Die Verbindung war abgeschnitten.

Tim legte auf.

Hinter drei nachdenklichen Stirnfalten wurde ihm klar, dass das Gerede vom Anorak tarnen sollte und nicht ihm, Tim, galt, sondern Frau Goehme, die wohl im Hintergrund stand und sich wunderte, weil Gaby hereingeschneit kam aus dem Schneegestöber ohne besagte Oberbekleidung.

Olivia Müller-Stangl?

Tim kannte kein Mädchen dieses Namens und war überzeugt: Gaby hatte sie erfunden – als Begründung für den fehlenden Anorak. Wo war der? Doch nicht etwa bei dem Ausbrecher, dem Mörder Hasso Flühter?

Um Haaresbreite rannte Tim den Schulleiter um, als er die Treppe hinaufjagte.

Dr. Freund hörte die Entschuldigung, spürte den Luftzug wie einen Sturmwind und wandte sich um.

Aber Tim war schon verschwunden.

Er platzte ins ADLERNEST wie eine Bombe.

Klößchen ließ seinen Weihnachtsstern fallen.

»Zieh dich an! Es geht um Sekunden.«

»Was ist denn los?«

»Erkläre ich unterwegs. Genaues weiß ich auch nicht.«

Tim wickelte seinen alten Steppmantel in eine noch ältere Decke und machte ein Bündel daraus.

Klößchen seufzte.Er hasste Eile. Und Gemächlichkeit stand offenbar nicht auf dem Programm.

»Wir holen Karl ab«, sagte Tim. »Liegt am Weg. Wir fahren nach Kleinfelden.«

»Zu Gaby?«

Aber Tim war schon draußen.

Klößchen rannte hinterher und kämpfte mit einem Ärmel seiner dick gefütterten, regenabweisenden Winterjacke.

Dr. Freund, der Direktor, kam diesmal die Treppe herauf. Tim entdeckte ihn rechtzeitig hinter der Biegung und hechtete elegant vorbei.

»’tschuldigung, Herr Direktor.«

»Hast du’s heute besonders eili ... «

Klößchen, der noch immer mit seiner Jacke kämpfte, prallte gegen den Schulleiter.

»’tschuldigung, Herr Direktor.«

Dr. Freund trat beiseite. »Kommt noch einer oder kann ich meinen Weg ohne Lebensgefahr fortsetzen?«

»Ich bin der Letzte«, rief Klößchen – und verschwand auf dem nächsten Treppenabsatz.

Der Schulleiter schüttelte den Kopf. Möchte wissen, was die vorhaben! dachte der Altphilologe (Pauker für Latein und Griechisch). Aber dann entschied er sich anders, nämlich, dass es besser sei, nichts zu wissen, um nicht in Panik zu geraten – vor lauter Sorge. Zu genau kannte er Tim. Zu weit hatte sich rumgesprochen, was die TKKG-Bande anstellt.

Die beiden ADLERNEST-Bewohner holten ihre Drahtesel aus dem Fahrrad-Schuppen.

Feuchter Schnee lag auf den Straßen. Er drosselte das Tempo, was Klößchen nur recht war.

In der Lindenhof-Allee, wo die Viersteins eine alte Villa bewohnten, wurde Computer-Karl abgeholt.

Er las gerade ein kluges Buch über die planetarischen (himmelskörperlichen) Verhältnisse am Rand des Universums, war aber in einer Minute startklar.

Während der Weiterfahrt berichtete Tim seinen Freunden von Gabys Telefon-Info.

»Uiiih!«, meinte Klößchen. »Da haut’s mich aber aus den Schweißkähnen. Der Mörder Flühter! Also habe ich doch richtig vermutet. Gaby hat ihn eingefangen – vielleicht mit ihrem Augenaufschlag verzaubert. Jetzt ist Flühter irgendwo angefroren. Aber weil er lebend für die Gerichtsbarkeit wertvoller ist als tot, braucht sie Mantel und Decke. Um den Mörder warm zu halten. Uiiih!«

»Mal ernsthaft«, meinte Karl. »Was vermutest du, Tim?«

»Wenig Ahnung. Mantel, Decke und die Apotheken-Medizin sind natürlich für diesen Kerl. Für wen sonst! Aber wieso ruft Gaby uns und nicht ihren Vater? Auf Anhieb schnall ich das nicht. Sie wird doch nicht Mitleid haben mit einem entflohenen Mörder.«

»Vielleicht hat er ihr was vorgeheult«, rief Klößchen, der trotz des Radelns bei Puste war.

Zum einen senkte sich die Straße in Richtung Stettenborn, zum anderen ließ der Schneematsch nur eine geringe Umdrehungszahl zu.

»Außerdem steht Weihnachten vor der Tür«, nickte Karl.

»Das stimmt die Menschen mitleidig. Besonders die Frauen. Und Gaby wird ja mal eine. Bettler, Hausierer und Betrüger, die Spenden für Nothilfe-Vereine sammeln, die gar nicht existieren – alle die schneiden irre gut ab. Herzen öffnen sich, wie es heißt, die Portemonees auch. Könnte sein, dass da eine Portion Mitleid für einen Mörder abfällt.«

»Nicht bei mir«, sagte Tim durch die Zähne. »Mich wickelt keiner ein, der einen anderen umbringen wollte – ohne Notwehr-Grundlage. Selbst wenn die vorliegt, darf man bekanntlich nie zu weit gehen, sondern nur abwehren. Nie in der Absicht, dem Andern das Licht auszublasen. Freunde, wenn Gaby da auf einem abschüssigen Mitleids-Trip ist, müssen wir sie zurückholen. Überlegt euch Argumente. Wir müssen überzeugen. Recht ist Recht und ein Mörder ein Mörder. Andererseits – Pfote ist die Letzte, der ich zutraue, dass ihr Feeling (Gefühl) total ausrastet. Wer kann es besser als wir beurteilen: Sie ist nicht nur das hübscheste Mädchen weit und breit, sondern auch das intelligenteste und vernünftigste.«

»Im Allgemeinen«, rief Klößchen, »geht sowas selten zusammen. Bei den Mädchen denkt sich die Natur: entweder oder!«

»Ein Glück«, lachte Karl, »dass da die Jungs besser dran sind. Du, Willi, vereinst alles in dir.«

»Der Hübscheste bin ich nicht«, räumte Klößchen ein. »Aber die Vernunft weist mir den Weg. Von mir kriegt kein Mörder einen Steppmantel, eine Decke und Apotheken-Medizin.«

Wir schwatzen, dachte Tim. Wir mutmaßen, wissen nichts. Wenn Gaby einem entflohenen Mörder Gutes tut, muss der Grund dafür wie ein Berg sein: unübersehbar und von schwerstem Gewicht.

Der Anführer der TKKG-Bande war gespannt. Was kam auf sie zu?

4. Scharfer Blick nach links

»Zero, Platz!«

Der riesige Mastiff gehorchte.

Hechelnd ließ er sich auf die Hinterläufe nieder. Die blutunterlaufenen Augen richteten sich auf seinen Herrn. Norbert Jokel ließ den Daumen auf dem Elektronic-Impuls-Sender, einem kleinen Gerät.

Es sah aus wie die Fernbedienung, mit der man Modell- Flugzeuge steuert.

Funken sprühten aus der verbogenen Antenne des Empfangsgeräts, das dem Hund aufgeschnallt war.

Jokel näherte sich vorsichtig.

In der linken Hand hielt er die zusammengerollte Wurstscheibe.

Sie umschloss eine bohnengroße Kapsel, in der sich ein Psychopharmakon (Arzneimittel, das Gemüt und Seelenleben beeinflusst und steuert) befand.

Kaufen konnte man das nirgendwo.

Jokel selbst hatte es hergestellt – für den Eigenverbrauch. Benannt war es AW-Droge. Das AW war die Abkürzung für Anti-Wut.

Außerdem hatte Jokel sich die W-Droge zusammengemixt – die Wut-Droge.

Gift und Gegengift also.Er kannte die chemische Formel für beides.

Zero schluckte den Wurst-Happen.

Schon nach Sekunden würde sich die Kapsel in seinem Magen auflösen.

Der riesige Hund legte sich bäuchlings, gähnte und bettete den Schädel auf die Pfoten.

»Brav!«, lobte Jokel und verschoss einen blitzschnellen Blick aus den Augenwinkeln nach links.

Das hatte nichts zu bedeuten.

Auch links der schmalen Forststraße, die durch den Schauerwald führte, standen nur Bäume: Fichten und Eichen; und auf einigen Zweigen wippten Meisen, wobei sie das Gefieder plusterten gegen Kälte und Schnee.

Alle sechs bis sieben Sekunden blickte Jokel scharf und feurig – wie er glaubte – nach links. Immer ohne den Kopf zu drehen, immer aus den Augenwinkeln. Eine Gewohnheit. Warum nicht. Er hatte noch ganz andere drauf, die weit weniger harmlos waren. Nach rechts blickte er nur, wenn es sich gar nicht vermeiden ließ. An der Ampel, zum Beispiel. Aber auch dann nur ungern. Falls er eines Tages einen Zusammenstoß verursachte, würde es ihn garantiert auf der rechten Seite erwischen.

»Brav, Zero!«

Er nahm dem Hund das Geschirr ab.

Zero brummelte.

Trotz der Phosphor-Farbe wirkte er jetzt wie ein gemütlicher Bär. Als hätte er sich in Farbe gewälzt statt in Dreck. Der Kastenwagen parkte an einer Eiche.

Früher war es das Paket-Auslieferungs-Fahrzeug einer Firma gewesen.

Jokel hatte es zweifarbig lackiert: die linke Seite gelb, die rechte grün.

Er hielt das für eine gute Idee, sagte sich nämlich, dass ihm – falls er irgendwann mal die Fahrerflucht ergreifen musste – daraus nur Vorteile entstehen würden.

Die eine Hälfte der Zeugen würde schwören, es sei ein grüner Wagen. Die andere Hälfte würde auf Gelb beharren.

Mit einem Lappen wischte er Zero ab.

Die Farbe ließ sich leicht entfernen. Auch die hatte er selbst angerührt.

Nach der Reinigung sah Zero wie ein richtiger Mastiff aus: gewaltig, schön, gutmütig – solange man ihn nicht reizt.

Die AW-Droge wirkte bereits.

Das Blut aus Zeros Augen verschwand. Er blickte jetzt tatsächlich wie ein Bär und wedelte, während ihm sein Herrchen den Orange-Schaum von den Lefzen wischte.

Ein Blitz-Blick nach links – Jokel grinste, warf den Lappen in den Wagen und schritt eine Weile auf der Forststraße auf und ab.

Jokel hatte irgendwann in diesem Jahr seinen 41. Geburtstag gefeiert – ohne sich das genaue Datum zu merken.Als wäre das wichtig! Er erwog ohnehin, seinen Geburtstag je nach Bedarf zu verlegen. Immer im selben Monat? Das war doch langweilig auf die Dauer. Außerdem täuschte man die Umwelt, wenn man mal im Mai, mal im September älter wurde. Nur den November würde er, Jokel, ganz bestimmt auslassen. Den mochte er nicht.

Er hatte Chemie studiert und Toxikologie (Giftkunde), hatte keinen Abschluss gemacht, kein Diplom erhalten, aber enorme Kenntnisse gesammelt. Er experimentierte (erprobte) seit langem.

Wann er zu seiner Überzeugung gelangt war, wusste er nicht mehr. Leider hatte er das genaue Datum vergessen.

Für die Welt, für die Menschheit war es zweifellos das wichtigste Datum überhaupt.

Denn Jokels Überzeugung besagte: Das Beste, was dieser Welt passieren kann, ist ihre Vernichtung.

Sicherlich – vernichtet wurde pausenlos. Wohin er sah, ging irgendwas zu Grunde: jährlich, täglich, bald wohl auch stündlich.

Giftstoffe vernichteten die Luft. Das besorgten die Autos, die Flugzeuge, Maschinen, Verbrennungsanlagen, Fabriken, Heizungen, Sprühdosen – um nur die wichtigsten Verursacher zu nennen.

Gifte wurden in die Flüsse eingeleitet, in die Meere sowieso. Fische starben. Nicht mehr lange und man würde sich mit dem Trinkwasser nicht mal mehr waschen können. Auch das besorgte die Industrie – vor allem die chemische.

Tierarten starben aus. Wann würde es keine mehr geben? Pflanzen starben ab, Bäume. Wann ließ der letzte Baum seine Blätter fallen, um nie wieder neue zu entfalten?

Kriege tobten überall auf der Welt. Und eine kaum überschaubare Zahl von Terror-Vereinigungen metzelte tagtäglich unschuldige Opfer ab, um irgendeine Idee – von der niemand was wissen wollte – zu verwirklichen.

Diese langsame Vernichtung – so hatte Jokel beschlossen – muss beschleunigt werden, weil das die Leiden verkürzt. Aus diesem Grund experimentierte er mit seinen Drogen.

Eines Tages würde er das totale AGmwA erfinden – um alles Leben auf diesem Planeten mit einem Schlag zu vernichten. AGmwA war Jokels Abkürzung für: Atemgift mit weltumspannender Ausbreitung.

Das in der Luft freigesetzt, sollte den Erdball umziehen und das absolute Ende bewirken.

Jokel warf einen raschen Blick nach links, schritt weiter, machte kehrt, ging zum Wagen zurück.

Diese Nichtwisser! dachte er. Auf der Universität hatten sie ihn behandelt wie einen Irren. Zweimal, ja zweimal war er in nervenärztlicher Behandlung gewesen. Nein, das vergaß er den Mitmenschen nie. Nur aus Neid hatten sie ihm das angetan. Weil sie spürten, dass sein geniales Gehirn eine Gefahr für die Welt war.

Rascher Blick nach links.

Er zog einen Kaugummi aus der Tasche, ließ das Papier fallen, formte zwei Kügelchen aus dem Gum – und schob sie sich in die Nase.

Haaaaah! Wie er diesen Pfefferminz-Geruch liebte. Pfefferminz war für ihn wie ein Rausch.

An manchen Tagen trank er, Jokel, über 40 Tassen Pfefferminztee. Weniger als 30 nie.

Er schnaubte – ließ jetzt den Mund offen, weil er durch die Nase nicht mehr atmen konnte, blickte nach links – scharf und feurig – und blieb neben Zero stehen.

»Braver Hund!«

Zero gähnte wie ein Löwe. Die Zunge war noch etwas orangerot gefärbt.

Die W- und die AW-Droge stellten das erste Ergebnis der Experimente dar. Aber das war nur der Anfang. Bis zum AGmwA lag noch eine weite Wegstrecke vor ihm, vor Jokel. Immerhin – er war auf der richtigen Schiene. Die Versuche mit Zero bestätigten das. Nach Einnahme der W-Droge wurde aus dem gutmütigen Tier eine mörderische Bestie, die alles zerfetzte, was ihr in den Fang geriet.

Eine Kostprobe für die Nichtwisser! dachte Jokel – und blickte blitzartig nach links. Vielleicht ahnen die, was auf sie zukommt.

»Zero, hupp ! «

Der Mastiff erhob sich, sprang durch die Hecktür in den Wagen und streckte sich aus auf seinem Schaffell.

Jokel schloss die Hecktür, stieg vorn ein und gurtete sich an.

Viermal rastete eine Metallzunge ein. O ja, er war vorsichtig. Er durfte nichts riskieren, weil er so selten nach rechts sah.

Vier Gurte hatte er deshalb angebracht.

Einer umschlang die Knie, einer die Oberschenkel, einer die Hüften, der Letzte die Brust.

Das war Sicherheit!

Schade nur, dass er keinen Führerschein besaß.

Den hatten sie ihm voriges Jahr abgenommen, die Nichtwisser. Hatten ihn außerdem beschimpft, als er auf der Autobahn lächerliche zwei oder drei Kilometer rückwärts gefahren war – wegen der verpassten Abfahrt.

Natürlich hatte er in den Rückspiegel gesehen – ganz aufmerksam. Aber das ließen sie nicht gelten, die Nichtwisser.

Sei’s drum. Er brauchte keinen Führerschein. Seit damals fuhr er ohne – und das hatte noch niemand gemerkt.

Er ließ den Motor an, blickte scharf nach links und fuhr geradeaus.

Der Motor dröhnte.

Hinten im Laderaum stimmte Zero einen dumpfen Gesang an: Wum... rum... wum ... rum... wum... rum.

Er ahmte den Motor nach.

Immer nach Erhalt der AW-Droge überkam das den Mastiff.

Muss die Droge noch verbessern, dachte Jokel. Nebenwirkungen – nein, die gibt’s bei mir nicht. Das gilt auch für AGmwA. Freisetzen werde ich das erst, wenn ich ganz sicher bin, dass niemand Atemnot hat beim Ersticken.