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Stefan Wolf

In den Klauen des Tigers

Verrat im Höllental

Unternehmen »Grüne Hölle«

Ein Fall für

 

 

 

cbj ist der Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

 

www.cbj-verlag.de

 

 

 

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

2. Auflage

© 2004 cbj, München

Alle Rechte vorbehalten

Illustrationen: Reiner Stolte, München

Satz: Uhl+Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-01307-3
V002

 

Datenkonvertierung eBook:

Kreutzfeldt Electronic Publishing GmbH, Hamburg

www.kreutzfeldt.de

TIM

heißt eigentlich Peter Carsten. Aber tolle Typen haben auch immer einen Spitznamen. Früher wurde Tim von seinen Freunden Tarzan genannt, doch mit dem will er nicht mehr verglichen werden, nachdem er diesen »halb fertigen Bodybuilder« in einem Film gesehen hat. – Tim ist der Anführer der TKKG-Bande, die so bezeichnet wird nach den Anfangsbuchstaben ihrer Vor- oder Spitznamen. Tim ist 14, aber seinem Alter geistig und körperlich weit voraus. Ein braun gebrannter Athlet, besonders veranlagt für Kampfsport und Volleyball. Seit zwei Jahren wohnt er in der berühmten Internatsschule, ist Schüler der 9b. Sein Vater, ein Ingenieur, kam bei einem Unfall ums Leben. Tims Mutter, eine Buchhalterin, müht sich sehr, um das teure Schulgeld für ihren Sohn aufzubringen. Tim ist der geborene Abenteurer, hasst Ungerechtigkeit, mischt sich ein und riskiert immer wieder Kopf und Kragen.

KARL, DER COMPUTER

sitzt im Unterricht neben Tim, wohnt aber nicht im Internat, sondern bei seinen Eltern in der nahen Großstadt. Karl Viersteins Vater ist Professor für Mathe und Physik an der Universität; und wahrscheinlich von ihm hat Karl das tolle Gedächtnis geerbt – aus dem man alles abrufen kann wie aus einem Computer. Karl ist lang aufgeschossen und sieht magersüchtig aus, weshalb körperlicher Einsatz nicht seine Sache ist. Er kämpft lieber mit geistigen Keulen und fühlt sich bei den TKKG-Aktionen zuständig für technische und wissenschaftliche Probleme. Wenn ihn was aufregt, putzt er sofort die Gläser seiner Nickelbrille – und das manchmal so heftig, dass er alle paar Monate eine neue braucht.

KLÖSSCHEN

wird so genannt, weil er so aussieht; und für sein Aussehen gibt es einen Grund: Willi Sauerlich nascht und nascht und nascht. Schokolade ist für ihn Kraftnahrung, auch wenn er davon immer runder wird. Zusammen mit Tim bewohnt er im Internat die Bude ADLERNEST. Klößchens Vater ist Schokoladenfabrikant und der Sohnemann versteht sich bestens mit seinen Eltern, die im feinsten Viertel der nahen Großstadt leben. Auch als Fahrschüler könnte Klößchen die Internatsschule besuchen, aber zu Hause in der pompösen Villa hat er sich immer nur gelangweilt; deshalb ist er jetzt hier – und wird von Tim mitgerissen in die vielen haarsträubenden Abenteuer, das Markenzeichen der TKKG-Bande.

GABY, DIE PFOTE

muss sich als einziges Mädchen gegen drei Jungs behaupten. Aber alle Trümpfe sind auf ihrer Seite: goldblondes Haar, blaue Augen mit dunklen Wimpern, Anmut, Intelligenz und wenn nötig eine kesse Lippe. Für Tim ist seine Freundin das schönste Mädchen der Welt und er fühlt sich als ihr Beschützer – vor allem dann, wenn es gefährlich zugeht: ein sehr häufig wiederkehrender Zustand. Gabriele Glockner wohnt bei ihren Eltern in der Stadt und besucht die 9b der Internatsschule als Fahrschülerin. Gabys Vater ist Kriminalkommissar und ein väterlicher Freund der Jungs. Gabys Mutter – von Tim, Karl und Klößchen hoch verehrt – betreibt ein kleines Lebensmittelgeschäft. Gaby liebt Tiere und lässt sich von Hunden gern die Pfote geben, was zu dem Spitznamen PFOTE geführt hat. Oskar, ein schwarz-weißer Cockerspaniel, schläft auf ihrem Bettvorleger.

Stefan Wolf

In den Klauen
des Tigers

Ein Fall für

 

 

Inhalt

1.Herrenklub bei Sauerlichs 11
2.Leckerbissen für den Tiger 21
3.Zwei Verbrecher entkommen 34
4.Kathie, die Schlafwandlerin 49
5.Größte Gefahr für die Mädchen 60
6.Ein Lehrer rennt um sein Leben 70
7.Von Napur belagert 84
8.Die Geiselnahme 95
9.Zwischen zwei Bäumen 110
10.»Zuflucht« bei Plockwinds 122
11.Betäubungs-Aktion 132
12.Das Narkose-Gewehr 144

 

1. Herrenklub bei Sauerlichs

Die Juni-Sonne brannte, und die beiden Jungens radelten mit Sack und Pack. Tarzan buckelte seinen halb gefüllten Touren-Rucksack, saß aber aufrecht im Sattel. Klößchen und sein Drahtesel waren in gefährlicher Weise überladen. Ein Koffer, angefüllt mit schmutziger Wäsche, balancierte bedrohlich auf dem Gepäckträger. Ein Tornister, der unter anderem drei Kilo Schokolade enthielt, drückte Klößchen nach vorn. Seine Schweißtropfen sprenkelten die Eichen-Allee. Es war Mittag. Feierliche Stille lag über den parkgroßen Gärten.

»Willi, uns muss etwas einfallen«, meinte Tarzan. »Sonst werden das die langweiligsten Pfingstferien des Jahres. Aber uns wird schon was einfallen.«

»Ich wünsche mir Ruhe.«

»Ruhe ist langweilig. Schade um jeden Tag, den man damit vertut.«

Klößchen seufzte. Zu längerer Erwiderung reichte sein Atem nicht.

Immerhin: Ihr Ziel rückte näher, die prächtige Villa des Schokoladenfabrikanten Sauerlich, Klößchens Vater.

Die Jungs erreichten das Tor, bogen in die Einfahrt und rollten bis zur Garage. Klößchen schaffte die letzten Meter in halsbrecherischer Schräglage. Als er hielt, rutschte der Koffer vom Rad.

»Puh!«, machte er. »Das nächste Mal nehme ich ein Taxi. Ist ja eine furchtbare Schinderei vom Internat bis hierher.«

»Die paar Kilometerchen.« Tarzan sah auf die Armbanduhr. »Karl wird bald kommen.«

»Womit dann der Herrenklub vollständig wäre.« Klößchen grinste. »Und niemand stört uns. Niemand macht uns Vorschriften. Niemand triezt uns. Wir können tun und lassen, was wir wollen. Nicht mal dazu sind wir verpflichtet. Deshalb wünsche ich uns erst mal schöne Pfingstferien.Vielleicht wird’s doch noch was mit meiner Ruhe.«

Tarzan lachte. »Ist schon toll, dass wir das ganze Haus für uns allein haben.«

»Bis auf Frau Dessart. Aber die würde erst einschreiten, wenn wir Feuer legen oder Wände herausreißen.«

Amalie Dessart war die Köchin. Sie hielt hier die Stellung, während Klößchens Eltern sich über Pfingsten auf einer Kreuzfahrt im Mittelmeer befanden. Gestern waren sie abgereist.

Tagelange Auseinandersetzungen hatte es gegeben – zwischen ihnen und ihrem einzigen Sohn. Denn natürlich sollte er mit, und seine Teilnahme war schon gebucht gewesen, ohne sein Wissen. Mit Händen und Füßen hatte er sich gesträubt. Nur weil er schon 13 war, sah er davon ab, sich auf den Boden zu werfen und mit den Fäusten zu trommeln. Er wollte nicht mit, sondern hier bei seinen Freunden bleiben. Schließlich hatte er seinen dicken Kopf durchgesetzt. Sauerlichs reisten allein. Und Klößchen durfte Tarzan und Karl zu sich einladen.

Strahlend hatte er das seinen Freunden verkündet und hinzugefügt: »So eine Kreuzfahrt ist wirklich das Letzte. Alles alte Leute, und es wird den ganzen Tag nur gefressen.«

Tarzan und Karl hatten eine Weile gebraucht, sich von ihrem Erstaunen zu erholen. Dass Klößchen plötzlich Völlerei verurteilte, war ganz was Neues.

Sie stellten die Räder neben die Garage, schleppten das Gepäck zum Eingang. Klößchen klingelte und Frau Dessart öffnete.

Sie war rundlich, Kochen ihr Lebensinhalt. Sie liebte starke Esser, weshalb Klößchen und sein Vater mit ihrer Sympathie rechnen konnten. Von Frau Sauerlich, die es jede Woche mit einer anderen Diät hielt, ließ sich das nicht behaupten.

»Du bist auch dabei, Tarzan?«, wunderte sie sich, nachdem sie die Jungs herzlich begrüßt hatte. »Ich dachte, nur Karl kommt und du wärst während der Ferien zu deiner Mutter gefahren.«

»Das ging leider nicht«, erklärte er. »Meine Mutter ist für ihre Firma geschäftlich unterwegs. Auf der Internationalen Messe in Barcelona. Ausgerechnet jetzt! Ist blöd. Aber was soll man machen! Sie muss arbeiten, schließlich braucht sie das Geld, das sie dabei verdient, nicht zuletzt dafür, um das Internat für mich bezahlen zu können. Dass ich zu Hause allein rumhocke, bringt ja nichts. Da bleibe ich schon lieber im Internat. Na, und dass Willi mich wieder eingeladen hat, ist natürlich spitze.«

»Freut mich, dass du hier bist. Und wie ist es mit Gaby? Soll ich für sie das Gästezimmer herrichten?«

»Gaby kommt nicht. Sie ist mit ihrem Schwimmverein im Zeltlager.«

»Aber nur mit den Mädchen«, ergänzte Klößchen.

»Wird euch fehlen, wie?« Amalie Dessart lächelte.

»Ach«, meinte Klößchen, »es ist auch mal ganz schön ohne Wei ... « An der Stelle fing er Tarzans Blick auf und verbesserte sich: »... äh... wei... weitere Verpflichtungen. Aber Pfote vermissen wir natürlich sehr.«

»Vielleicht besuchen wir sie«, sagte Tarzan. »Das Zeltlager ist bei den Singenden Felsen.«

»Kenne ich nicht.« Amalie schüttelte den Kopf.

»So wird eine Felsgruppe genannt. Steht mitten im Wald. Am Rande des Naturschutzparks, glaube ich. Sind nur 25 Kilometer bis dorthin.«

»Nur?«, ächzte Klößchen, der wieder eine fürchterliche Anstrengung auf sich zukommen sah. Denn die Forststraße zu den Singenden Felsen durfte von der Allgemeinheit nur mit dem Rad befahren werden.

Amalie lachte. Tarzan knuffte seinen dicken Freund. Dann schleppten sie ihre Siebensachen in Klößchens Zimmer hinauf. Ein zweites Bett war aufgeschlagen. Für Karl. Amalie hatte ja nur mit ihm gerechnet. Aber Platz für Bett Nr. drei war genügend vorhanden. Die Jungs holten es aus dem Gästezimmer.

»Hah! «, sagte Tarzan. »Jetzt weiß ich, was wir tun.«

»Erst mal auspacken, ja?« Klößchen ließ nichts unversucht, um Tarzans Tatendurst zu bremsen.

Aber der braun gebrannte Anführer der TKKG-Bande schüttelte den Kopf.

»Mich interessiert, was aus den Zirkustieren wird, Willi. Darum sollten wir uns kümmern.«

Klößchen legte trichterförmig eine Hand hinter sein rechtes, beträchtlich abstehendes Ohr.

»Ich verstehe immer Zirkustiere.«

»Du verstehst richtig.«

»Aha! Jetzt bin ich klüger.«

»Gib nicht so an.« Tarzan grinste, wurde dann ernst und erklärte. »Es stand in der Zeitung. Ein kleiner Zirkus, ein Familienunternehmen, ist Pleite gegangen. Aus wirtschaftlicher Not musste er sich auflösen. Die wenigen Artisten, die nicht zur Familie Zeisig – ja, Zeisig – gehören, haben schon das Weite gesucht, denn das Nahe sieht trostlos aus.«

»Zirkus Zeisig?« Klößchen setzte sich aufs Bett. »Hört sich an wie eine Vogelschau.«

»Das Unternehmen hieß Zirkus Belloni. So was klingt gemäßer. Die Familie Zeisig war der Inhaber. Aber nur ein Dutzend Tiere ist übrig geblieben. Der hiesige Tierschutzverein – so stand es in der Zeitung – hat sich ihrer angenommen. Damit sie in einen halbwegs brauchbaren Stall kommen, wurde ihnen ein verlassenes Bauerngehöft zugewiesen. Draußen vor der Stadt im Heinrichstal, wo ... «

»Kenne ich«, unterbrach Klößchen. »Das Heinrichstal ist gar kein Tal, sondern flach wie ein Blechkuchen. Dahinter beginnt das Waldgebiet. Gibt da eine Menge Himbeersträucher, im Heinrichstal – meine ich. Haben denn die Viecher was zu futtern?«

»Bestimmt. Dass der Tierschutzverein was locker macht, ist doch klar. Wer sonst wäre so selbstlos, wenn es um unsere Schöpfungskameraden geht? Aber ich könnte mir vorstellen, da sind auch private Spenden willkommen. Es sollen Raubtiere dabei sein. Und die fressen viel Fleisch.«

Klößchen fletschte die Zähne und ließ das Grollen eines hungrigen Löwen vernehmen.

»Hunger tut weh. Das weiß keiner besser als ich. Die armen Löwen. Du meinst, wir sollten was spenden, wie?«

»Das meine ich. Vorschlag: Sobald Karl da ist, fahren wir hin.«

Klößchen nickte. »Für die hungrigen Löwen verzichte ich auf meine Ruhe. Was spenden wir denn? Ein Pfund Aufschnitt?«

»Warum nicht eine Curry-Wurst und eine Tüte Pommes frites?«

»Du meinst, Aufschnitt ist nicht das Richtige?«

»Nicht wenn du pfundweise spendest. Was so ein Löwe vertilgt – dagegen bist du ein bescheidener Esser.«

»Hm. Stimmt eigentlich. Nur wenn’s um Schokolade geht – da schlage ich zu wie ein Rudel verhungerter Wölfe. Wir könnten...«

Das Weitere blieb ungesagt, denn unten ertönte die Türglocke.

Das musste Karl sein. Er war’s auch, stand – als sie öffneten – mit einem geschulterten Campingbeutel vor der Tür und grinste über sein Windhundgesicht.

»Wir überlegen gerade, wie viel Aufschnitt wir spenden«, sagte Klößchen.

»Was ist?« Karl rückte an seiner Nickelbrille. Dann entdeckte er Amalie, die aus der Küche blickte, und begrüßte sie.

»Ihr wollt Aufschnitt zum Abendbrot?«, erkundigte sich die Köchin. Immerhin hatte sie das Wort aufgeschnappt.

»So weit haben wir noch gar nicht gedacht«, lachte Tarzan. Für sie und Karl wiederholte er, worum es ging.

Amalie machte ein bestürztes Gesicht. Sie war sehr tierlieb. Viel hätte nicht gefehlt und Tränen wären über ihre Pausbacken gekullert – bei dem Gedanken an hungernde Zirkustiere. Doch plötzlich hellte sich ihre Miene auf.

»Ja, Jungs, da wüsste ich was. Für Pfingsten hatte ich eigentlich – für uns alle – jedenfalls habe ich ein ganzes Spanferkel eingekauft. Es liegt in der Tiefkühltruhe. Wenn wir auf den Braten verzichten, wäre das doch eine herrliche Spende. Der Löwe, der das erhält, wird sich hinterher die Tatzen lecken.«

»Eine tolle Idee!« Tarzan schlug die Hände zusammen. »Ich verzichte auf Spanferkel und möchte nur Gemüse.« »Ich auch«, gab Karl seine Stimme ab.

Klößchen schien nicht so glücklich zu sein. Er schluckte zwei Mal. Die Vision (Erscheinung) eines bruzzelnden Spanferkels sammelte ihm die Spucke im Mund. Wenigstens eine dicke Scheibe hätte er den Raubtieren gern vorenthalten.

»Also gut«, nickte er. »Dann wird das eben ein etwas mageres Pfingsten – diesmal. Gott sei Dank, habe ich immer noch meine Schokolade.«

*

Sie radelten seit einer halben Stunde. Die Großstadt lag hinter ihnen. Eine schmale Straße, auf der Schlamm in der Sonne trocknete, führte an Feldern vorbei in Richtung Heinrichstal.

Tarzan sah zu dem blaugrünen Strich am Horizont. Das war der Waldrand. Mehrere Straßen führten hinein – in den so genannten Großen Wald. Über sechzig Kilometer dehnte er sich nach Westen aus und fast mit gleicher Länge von Nord nach Süd. Teil des Großen Waldes war der Naturschutzpark, wo es so ursprünglich zuging wie vor Jahrhunderten.

...und bei den Singenden Felsen, dachte Tarzan, ist das Zeltlager der Mädchen – mit Gaby. Wir müssen unbedingt hin. Egal ob wir willkommen sind. Können uns ja nützlich machen, wenn wir ihnen Holz spalten oder zeigen, wie man ein Zelt richtig aufbaut. Jedenfalls wäre es doof, wenn wir Gaby eine Woche nicht sehen. Aber auf die Nase binden werde ich das keinem.

Karl fuhr hinter ihm. Als hätte er seine Gedanken gelesen, fragte er: »Wie viele Mädchen sind eigentlich im Zeltlager?«

»Zwölf. Und die beiden Trainerinnen vom Schwimmklub.« »Macht 14 linke Hände«, lachte Karl. »Ob die wohl ein Zelt richtig aufstellen können?«

Himmel!, dachte Tarzan. Habe ich etwa laut gedacht und vor mich hin gemurmelt?

»Die Pauker sind auch im Wald«, rief Klößchen aus dritter Position.

»Nicht alle«, sagte Tarzan. »Soviel ich weiß, nur die jüngeren. Man könnte sagen, die netten.«

»Ist wohl der Versuch«, meinte Karl, »unter Kollegen so was wie eine Gemeinschaft herzustellen.«

Hoffentlich klappt es, dachte Tarzan.

Was zu den jüngeren Schülern der großen Internatsschule durchgedrungen war, betraf die so genannte Wald-Party der Pauker. Über Pfingsten fand die statt. Assessor Keup, auch Wolfi genannt, gehörte – wie man wusste – eine angeblich schöne Blockhütte. Irgendwo im Großen Wald. Geerbt hatte er die, und bei schönem Wetter verbrachte er dort manches Wochenende. Jetzt, über Pfingsten, hatte er ein Dutzend Kollegen und Kolleginnen dorthin eingeladen. Sie wollten grillen, die Natur fernab von Großstadt und Internat genießen, sich von Mücken piesacken und von der Sonne ansengen lassen. Natürlich hatten sie auch ein großes Fass Bier mitgenommen.

»Wenn wir Gaby besuchen«, sagte Tarzan, »könnten wir auch nach den Steißtrommlern sehen.«

»Ich glaube«, meinte Karl ironisch, »die werden ganz verrückt vor Freude.«

»Die sind genauso froh, dass sie uns nicht sehen«, merkte Klößchen an, »wie wir froh sind, dass wir sie nicht sehen, Tarzan! Das Ferkel rutscht!«

Tarzan hielt an und schob es zurecht. Umhüllt von einer Frischhaltetüte wurde es auf seinem Gepäckträger transportiert. Das tiefgefrorene Fleisch war schon etwas angetaut.

Klößchen hatte eine Tüte mit fünf Kilo Mohrrüben auf dem Gepäckträger. Die waren allerdings nicht für die Löwen bestimmt.

Die Jungen fuhren weiter.

Ein gerölliger Weg zweigte von der Straße ab. Hinter einem flachen Hügelkamm erhoben sich die Dächer des ehemaligen Heinrichstal-Gehöfts.

Die Gebäude verwahrlosten, wie die drei Freunde beim Näherkommen sahen. Der letzte Frühjahrssturm hatte einen Teil der Dächer abgedeckt. Viele Fensterscheiben waren zerbrochen.

Die Ställe standen etwas abseits. Zwischen Wohnhaus und Scheune parkten zwei Autos.

Stille herrschte. Es war früher Nachmittag. Die Sonne stand hoch. Es war heiß.

Tarzan fiel auf, dass weit und breit kein Vogel sang. Nicht mal Feldlerchen waren zu sehen. Ein scharfer, durchdringender Geruch lag in der Luft.

Als sie langsam näher fuhren, war nichts zu hören als das Knirschen der Reifen im Sand und Klößchens japsender Atem.

»Richtig gespenstig!«, sagte Karl.

Auch Klößchen empfand das so. Aber dann wandte sein Sinn sich Praktischem zu.

»Fehlte nur«, meinte er, »die Viecher sind längst weg. Dann aber nichts wie zurück. Damit wir das Spanferkel...«

Weiter kam er nicht.

Eine Stimme wie aus einer anderen Welt fegte die Stille weg: ein zorniges, röhrendes, durch Mark und Knorpel dringendes Brüllen.Es hallte noch in den Ohren, als das Raubtier längst alle Luft aus seinem mächtigen Brustkorb gestoßen hatte und wieder schwieg.

Klößchen wäre fast vom Rad gefallen.

»Hoffentlich ist der Löwe im Käfig«, flüsterte er schreckensbleich.

»Ich glaube, das war kein Löwe«, meinte Tarzan, nicht minder beeindruckt. »So brüllt nur ein Königstiger.«

»Stimmt!«, nickte Karl. »Habe ich im Zoo gehört.«

»Ist doch völlig wurscht! «, rief Klößchen. »Da beißt der eine wie der andere. Wir müssen vorsichtig sein.«

»Nun beruhige dich mal«, lachte Tarzan. »Das Kätzchen ist bestimmt hinter Gittern. Was denn auch sonst! Ein Königstiger frei herumlaufend – das wäre nicht auszudenken. Das Gebrüll kam aus dem Stall. Sicherlich sind dort die Raubtierkäfige untergebracht.«

Sie hatten jetzt die Scheune erreicht und hielten an.

Tarzan wollte nach dem Spanferkel greifen. Aber eine Bewegung lenkte ihn ab. Im Schatten hinter dem halb geöffneten Scheunentor stand jemand. Tarzan wandte den Kopf.

Es war ein Mann. Er hatte die Beine gespreizt, um fester zu stehen, schwankte etwas und hielt den Kopf schief. Die linke Hand umklammerte eine Flasche, die noch halb gefüllt war mit bernsteinfarbener Flüssigkeit – Schnaps, offenbar.

»Guten Tag!«, sagte Tarzan. »Sind Sie der Zirkusdirektor Zeisig?«

»Häh?«

Der Mann kam zwei Schritte heran, stützte sich dann gegen den Torpfosten.

Total betrunken, stellte Tarzan fest. Mit so einem als Direktor hatte der Zirkus natürlich keine Chance. Oder betrinkt der Kerl sich aus Kummer?

Er war groß, der Mann, und in jungen Jahren sicherlich imponierend gewesen. Jetzt hatte er sich in ein verschwommenes Abziehbild seiner selbst verwandelt: ausgemergelt, müde, schlaff.

Schwarzes Haar hing strähnig über die Ohren. Furchen gruben sich in das Gesicht. Unter den schwarzen Augen quollen Tränensäcke. Die große Nase war rot geädert, womit eine gewisse Sorte von Trinkern sich der Umwelt verrät. Ein schwarzer Mongolenbart umrahmte das eckige Kinn. Gekleidet war er nachlässig. Er roch nach Stall und nach Schnaps.

»Ich fragte, ob Sie Direktor Zeisig sind«, sagte Tarzan geduldig.

»Was? Ich?«, schnappte der Betrunkene. »Sehe ich denn aus wie der Alte?«

Mit dem ist nichts anzufangen, dachte Tarzan. Aber wenn der hier die Aufsicht hat, dann – Himmel! – wäre Willis Befürchtung wegen der Raubtiere gar nicht so abwegig. Betrunken wie der ist, vergisst er doch glatt, die Käfige zu schließen und...

Sein Gedankenfluss wurde unterbrochen.

Vom Wohnhaus her rief jemand: »Hallo, ihr da! «

2. Leckerbissen für den Tiger

Das könnte Zeisig sein. Tarzan hatte sich umgedreht.

Ein schmächtiger, zart aussehender Mann war aus dem Bauernhaus getreten. Er mochte älter sein als der Betrunkene, wirkte aber nicht halb so verbraucht. Sorgen hatten das sensible (feinfühlig) Gesicht geprägt.Es war glatt rasiert, sein Haar grau, die Miene freundlich. Auf die schmalen Schultern schienen unsichtbare Zentnerlasten zu drücken.

Tarzan hörte, wie der Betrunkene hinter ihm ausspuckte, schob dann sein Rad zu dem Schmächtigen hinüber, gefolgt von seinen Freunden.

»Guten Tag. Wir wollen zu Direktor Zeisig.«

»Das bin ich.«

Tarzan stellte sich und seine Freunde vor.

»Wir wissen aus der Zeitung, wie es dem Zirkus Belloni ergangen ist, Herr Zeisig, und dachten uns... Nun, wir verfügen über keine großen Mittel, haben aber eine kleine Futterspende mitgebracht. Fünf Kilo frische Möhren und für die Raubtiere ein ganzes Spanferkel.«

Zeisig lächelte. Dann gab er jedem die Hand.

»Das ist nett von euch. Die Spende nehme ich gern an.«

»Ein ganzes Spanferkel. So was Tolles hat Napur noch nie gefressen. Da wird er bestimmt zum Feinschmecker. Was die Raubtiere betrifft, Jungs, da macht ihr euch leider falsche Vorstellungen. Der Zirkus Belloni hat nur ein einziges gehabt: einen prächtigen Königstiger. Napur. Vor Jahren gab’s auch noch eine Tigerin. Aber die starb an Altersschwäche. Napur ist in der Blüte seiner Jahre. Eigentlich ein Jammer, dass er nun im Zoo endet.«

»Im Zoo?«, fragte Tarzan.

Zeisig nickte. Er sah an den Jungen vorbei zur Scheune. Besorgnis schien in seinen Augen aufzuflackern, als er den Betrunkenen beobachtete.

»Aber wollt ihr nicht reinkommen«, sagte er gastfreundlich. »Ihr seht erhitzt aus. Ich habe Cola für euch.«

Gern nahmen sie die Einladung an. Doch Tarzan entging nicht, dass Zeisig damit noch etwas anderes beabsichtigte: Offenbar sollte der Betrunkene nicht mithören.

Sie stellten ihre Tretmühlen an die Hauswand. Tarzan nahm das noch gut gekühlte Spanferkel unter den Arm. Klößchen brachte die Mohrrüben.

Zeisig führte seinen Besuch in einen Raum mit niedriger Decke. Der Versuch, ihn wohnlich einzurichten, war gescheitert. Immerhin gab’s einen Tisch, wacklige Stühle, Regale, wo einige Lebensmittel lagerten, und ein Feldbett.

Zeisig schenkte Cola für alle ein, wog das Spanferkel in den Händen, schätzte es auf mindestens 30 Pfund Gewicht und bedankte sich herzlich.

Mit schmerzlichem Lächeln sagte er: »Als Zirkusdirektor bin ich am Ende meiner Karriere angelangt – nach immerhin 26 Jahren. Aber die Umstände haben sich verschworen gegen Familienunternehmen unserer Art. Die Zeit ist nicht mehr danach. Nur ein ganz großer Zirkus mit wirklichen Sensationen und Attraktionen (Zugnummer) kann überleben. Zu uns kommt man im Zeitalter des Fernsehens nicht mehr. Kein Publikum, keine Einnahmen – und das Ende sieht aus wie hier.«

»Tut uns leid«, sagte Tarzan. »In der Zeitung war nur ganz allgemein von Ihren Tieren die Rede. Wie viele haben Sie? Und was wird aus ihnen?«

»Übrig geblieben sind sechs Ponys, vier Schimpansen, ein Lama, ein Dromedar und Napur, der Tiger. Für alle ist – Gott sei Dank! – gesorgt. Der hiesige Zoo übernimmt sie, kauft sie uns sogar ab. Morgen werden die Tiere abgeholt. Alle. Es wird mir ins Herz schneiden. Aber ich kann nichts mehr für sie tun.«

»Unser Zoo«, sagte Karl, »gilt in der ganzen Welt als vorbildlich. Ihre Tiere werden es gut haben.«

Zeisig nickte.

Tarzan hatte es auf der Zunge, danach zu fragen, was aus der Zirkusfamilie werde. Aber das war wohl doch etwas indiskret (taktlos) und er getraute sich nicht.

Doch Zeisig gehörte zu jenen vertrauensseligen Menschen, die keinen Argwohn kennen und immer das Herz auf der Zunge haben. Er hielt es für selbstverständlich, seinen jungen Zuhörern die persönlichsten Dinge zu erzählen. Dass er eine tüchtige Frau und drei Kinder habe. Dass die Kinder volljährig seien und die Familie in der Stadt eine Wohnung gefunden hätte. Man wolle hier bleiben, endlich sesshaft werden. Das wäre zwar eine große Umstellung, aber für die Kinder das Beste.

»Robert und Nino, meine Söhne«, erklärte er, »haben Arbeit gefunden. Im Zoo. Als Tierpfleger. Davon, weiß Gott, verstehen sie was. Ich weiß, sie werden ihre Arbeit gut machen. Meine Frau arbeitet seit voriger Woche in einem Büro. Leni, meine Tochter, will Kinderschwester werden und bemüht sich um einen Ausbildungsplatz. Ich musste bislang noch hier bleiben, um auf die Tiere zu achten. Aber«, er lächelte, »demnächst übernehme ich eine Handelsvertretung. Für Tierfutter. Für Hunde- und Katzenfutter. Ihr seht, der Schuster bleibt zumindest in der Nähe seiner Leisten.«

»Ob wohl auch Spanferkel zu Ihrem Sortiment (Warenauswahl) gehören werden?«, scherzte Tarzan.

»Bestimmt nicht«, lachte Zeisig.

»Und der... äh... Herr da?« Tarzan wies mit dem Daumen über die Schulter zum Fenster. »Ist auch seine Zukunft schon gesichert?«

Ein Schatten schien sich über Zeisigs Gesicht zu legen.

»Das ist Carlo Tomasino«, sagte er. »Er heißt tatsächlich so. Er ist Dompteur. Früher war er eine Weltsensation. Dann... hm... jedenfalls, es ging abwärts mit ihm. Und vor drei Jahren kam er zu mir. Napur gehört ihm.«

»Ach.« Tarzan wunderte sich. »Und er willigt ein, dass der Tiger in den Zoo kommt? Was ja gut ist«, fügte er rasch hinzu.

»Er... also, Carlo kann nichts mehr bestimmen. Er ist sozusagen entmündigt.«

»Deshalb?« Tarzan machte eine Bewegung, als trinke er aus einer Flasche.

Zeisig nickte. »Carlo ist Alkoholiker, Trinker, nur noch selten nüchtern. Seine Karriere endet in einer Entziehungsanstalt. Auch für ihn ist heute der letzte Tag, wo er tun und lassen kann, wie er’s sich denkt. Ich hoffe, er ist noch zu retten. Denn wenn er so weitermacht, gebe ich ihm nicht mehr lange. Nicht nur dass er sich selbst zerrüttet – er ist auch eine Gefahr für seine Umwelt.«

»Wieso?«

»Er ist gefährlich. Gewalttätig. Er bildet sich ein, alle wären gegen ihn.«

»Schlimm.«

»Der Alkohol hat sein Gehirn kaputt gemacht. Er leidet unter Wahnvorstellungen. Er sieht Dinge, die überhaupt nicht existieren.«

»Wir«, sagte Tarzan, »lehnen Alkohol ab. Wir rauchen auch nicht.«

»Aber ich esse Schokolade«, meldete Klößchen sich zu Wort. »Manchmal etwas zu viel. Deshalb hacken alle auf mir rum. Wahnvorstellungen hatte ich allerdings noch nie, obwohl ja Schokolade als Genussmittel gilt.«

»Aber sie ist keine Droge«, lächelte Zeisig. Dann hob er lauschend den Kopf.

Auch die Jungs hörten, dass ein Auto sich näherte. Nach dem Säuseln des Motors zu urteilen, handelte es sich um eine Chaussee-Wanze kleinsten Formats.

»Meine Tochter Leni«, sagte Zeisig. »Sie hängt so an den Tieren, dass sie jeden Tag herkommt. Besonders der Abschied von ihrem Lieblingspony wird schwer fallen. Ich glaube, sie wird Stammgast im Zoo werden.«

Die Jungs wandten sich zum Fenster. Aber der Wagen war schon hinter der Scheune verschwunden, das Motorengeräusch verstummt.

»Zeigen Sie uns die Tiere?«, fragte Tarzan. »Selbstverständlich. Gern.«

»Napur ist doch... im Käfig?«, erkundigte sich Klößchen.

»Dort ist er immer«, nickte Zeisig. »Sein Leben hat sich in seinem fahrbaren Käfig abgespielt. Oder im Käfig der Manege. Was anderes kennt er gar nicht. Den Manegenkäfig, das Zelt, die Wohnwagen – das ist alles verkauft. Damit hat sich Napurs Lebensraum noch mehr eingeengt. Aber ab morgen wird das besser – wenn er sich im Freigehege des Zoos tummeln kann.« Er sah zur Uhr. »Es ist zwar noch etwas früh. Aber euch zuliebe verlege ich die Fütterung vor. Wollen wir doch mal sehen, wie ihm das Spanferkel schmeckt.«

Als sie hinausgingen, sagte Tarzan: »Ist es Carlo eigentlich recht, dass er in die Entziehungsanstalt kommt?«

»Nein. Leider nicht. Er rebelliert (sich auflehnen) dagegen. Er ist uneinsichtig. Er begreift nicht, dass es zu seinem Besten geschieht und – vielleicht – seine einzige Rettung ist.«

Umso erstaunlicher, dachte Tarzan, dass er nicht die Kurve kratzt. Wer würde sich denn ein Bein ausreißen, um ihn zu finden? Niemand. Weshalb bleibt er dann? Wegen Napur? Hängt er an seinem Tiger? Will er bis zur letzten Minute mit ihm zusammenbleiben? Traurig, traurig! Ist ein abstoßender Kerl, dieser Carlo. Trotzdem tut er mir leid.

Der Platz vor dem Wohnhaus brütete in der Sonne. Sie gingen zu den Ställen.

Tarzan trug das Spanferkel, das sich nicht mehr tiefgefroren, sondern mundgerecht anfühlte – jedenfalls für ein Raubtier mit unempfindlichen Zähnen.

Klößchen hatte die Mohrrüben, mit denen er die Ponys füttern wollte. Carlo war nicht zu sehen. Neben den beiden Autos stand jetzt ein drittes – ein ältlicher Kleinwagen, an dem der Rost herzhaft nagte.

Zeisig führte die Jungs in den großen Stall. Vormals hatten hier Kühe wiedergekäut. Jetzt machten sich hübsche Ponys über Heu und Hafer her.

Klößchen ergänzte ihre Nahrung mit Mohrrüben. Nebenan standen das Lama und das Dromedar. Sie glotzten recht einfältig.

»Die Schimpansen kann ich euch leider nicht zeigen«, sagte Zeisig. »Die sind in einem Tierheim untergebracht.«

Er führte die Jungs wieder ins Freie und ging auf das zweite Stallgebäude zu. Die Tür stand offen. Der durchdringende Geruch, den sie vorhin schon gespürt hatten, wehte ihnen entgegen: Ausdünstung des Tigers.

Sein Käfig – lang wie ein mittlerer Campingwagen, aber schmäler – stand im Halbdunkel. Die stabilen Gitterstäbe glänzten wie poliert. Stroh raschelte. Es handelte sich um einen Käfigwagen, den man – sobald der Zirkus weiterzog – an ein Fahrzeug angehängt hatte. Freilich wurden dann die Gitterwände ringsum mit hölzernen Jalousien abgedeckt. Sonst hätte Napur beim Anblick der anderen Verkehrsteilnehmer getobt. Und diese wiederum wären durch ihn irritiert (verunsichert) gewesen.

Grüngelbe Augen schillerten aus dem Halbdunkel. Ein mächtiger Schädel, dunkel gestromt, presste sich an die Stäbe. Gewaltige Tatzen stemmten sich auf den Holzboden und scharrten im Stroh. Der lange Schweif peitschte.

»Nicht zu nah rangehen!«, warnte Zeisig. »Wenn er blitzschnell durchs Gitter langt, ist der Prankenhieb tödlich.«

»Ein herrliches Tier!«, sagte Tarzan. »Und riesenhaft. Ich wusste gar nicht, dass Tiger so groß werden können. Die im Zoo sind kleiner.«

»Da hast du recht!«, nickte Zeisig. »Napur ist ein besonders schönes Exemplar. Wir haben ihn lange nicht gewogen. Aber er ist schon ein gewaltiger Kerl.«

»Trotzdem wirkt er geschmeidig«, meinte Karl. »Er hat mächtige Muskeln unter dem Fell.«

Die Grundfarbe war gelbbraun, aber schwarze Streifen zogen sich vom Kopf bis zur Schwanzspitze.

»Jetzt geben wir ihm das Spanferkel«, sagte Zeisig.

Er griff nach einer Eisenstange, die sich vorn gabelte, und spießte das – von seiner Frischhaltehülle befreite – Spanferkel auf.

Napur ließ ein erwartungsvolles Knurren hören. Es klang ein bisschen erstaunt. Auch ohne Uhr schien er zu wissen, dass noch nicht Fütterungszeit war. Aber seine phosphoreszierenden (im Dunkel nachleuchten) Augen ließen keinen Blick von dem Leckerbissen.

»Wer will’s ihm servieren?«, fragte Zeisig.

»Danke, nein!«, lehnte Klößchen ab. »Napur bringt es fertig und zieht mich an der Eisenstange durchs Gitter – wenn ich nicht rechtzeitig loslasse.«

Auch Karl verzichtete. Tarzan hatte sich zurückgehalten. Aber jetzt nahm er die Eisenstange. Unter dem Gitter war an einer Stelle genügend Abstand zum Käfigboden, um dem Tiger Fleischbrocken durchzuschieben.

Er schien hungrig zu sein, bäumte sich plötzlich auf, sprang zur Futterluke und schlug wild mit den Pranken. Ein heiseres Geifern drang aus dem aufgerissenen Rachen. Mächtige Fangzähne schimmerten. Eine kalte Gänsehaut überzog Tarzans Rücken, als er das Spanferkel mit der Eisenstange durch den Gitterspalt zwängte.

Mit einer Tatze riss Napur es weg. Als wäre es Beute, schlug er die Zähne hinein. Knochen krachten. Dann hörte man ihn schmatzen und schlingen. Im Handumdrehen war nichts mehr übrig.

»Ich glaube, zum Raubtierdompteur wäre ich nicht geeignet«, ließ Klößchen sich kleinlaut vernehmen. »Selbst jetzt ist es beängstigend, ihm zuzusehen. Herr Tomasino hat Mut.«

»Er hat Napur als winziges Kätzchen bekommen und buchstäblich mit der Flasche großgezogen«, erklärte Zeisig.

Sie beobachteten Napur noch einen Moment und verließen dann den Stall. Zeisig wollte die Jungs mit seiner Tochter bekannt machen.

»Leni ist sicherlich in der Scheune«, meinte er, »um für die Ponys Hafer abzufüllen.«

Fliegen schwirrten. Klößchen wischte sich Schweiß von der Stirn. Verstohlen holte er ein Stück halb aufgeweichter Schokolade aus der Tasche und schob es sich rasch in den Mund.

Karl polierte nachdenklich seine Brillengläser. Sein vergeistigter Blick schien nach innen gerichtet – auf sein Computergedächtnis, wo sicherlich viel Wissenswertes über Tiger gespeichert war.

Hoffentlich verschont er uns damit, dachte Tarzan amüsiert. Das hat Zeit bis zum Heimweg. Dann kann er meinetwegen loslegen. Jetzt bin ich erst mal gespannt auf Fräulein Leni. Gäbe es den Zirkus Belloni noch, wäre sie immerhin eine Zirkusprinzessin.

Sie näherten sich der Scheune, kamen an den Autos vorbei, und Zeisig sagte gerade, dass der Mercedes Tomasino gehöre und der Chevrolet ihm selbst. In diesem Moment hörten sie den Schrei. Eine Frauenstimme schrie. Es kam aus der Scheune.

»...Hilfe!... Um Himmels willen! Er ... «

Das andere erstickte.

»Leni!«, brüllte Zeisig.

Er sprang vorwärts. Gefolgt von den Jungs, rannte er zum Eingang der Scheune.

Durchzwängen mussten sie sich. Bis auf einen schmalen Spalt war das Tor jetzt geschlossen.

Tarzan war hinter Zeisig der Zweite, und er sah gerade noch, was sich abspielte.

Tomasino drehte durch. Blut drängte in sein verwüstetes Gesicht. Tomatenrot war es und aufgeblasen wie ein Ballon.

Mit beiden Armen hielt er ein Mädchen umklammert. Leni mochte 18 oder 19 sein. Langes dunkles Haar floss ihr über die Schultern. Sie war zart, etwas sommersprossig und auf grazile Weise hübsch.

Dass Tomasino sie küssen wollte – und zwar mit Gewalt, war offensichtlich. Um sie am Schreien zu hindern, presste er ihren Mund auf seine Schulter.

Aber jetzt bemerkte er die Störung, ließ Leni los und wandte sich Zeisig zu. Trotz seiner Trunkenheit bewegte sich der Dompteur sicher und schnell. Zeisigs Faustschlag wehrte er ab. Dann traf Tomasino den Zirkusdirektor hart im Gesicht. Zeisig stürzte zu Boden.

Tomasino wollte nach ihm treten, hinterhältig und unfair. Aber Tarzan sprang ihn an. Den vorgestreckten Ellbogen rammt er dem Kerl vor den Magen.

Tomasinos schwarze Augen traten wie Ping-Pong-Bälle hervor. Sein Gesicht schien zu platzen. In Hüfthöhe knickte er ab. Langsam fiel er zu Boden, wo er keuchend liegen blieb.

Zeisig blutete aus dem Mundwinkel. Aber seine Augen waren klar. Tarzan half ihm auf.

»Mein Gott!« Leni zitterte. »Ganz plötzlich ist er über mich hergefallen. Erst hat er mir noch geholfen. Aber dann hat was ausgehakt bei ihm. Es ist schrecklich.«

Zeisig atmete schwer. Sein Gesicht war kreidebleich. Für einen Moment presste er die Hände an die Schläfen. Dann wandte er sich Tomasino zu.

»Nur weil du morgen in die Anstalt kommst, sehe ich davon ab, dich der Polizei zu übergeben, du Lump. Aber wir sind fertig miteinander. Ich will dich nie wieder sehen.«

Der Dompteur rührte sich nicht. Sein Gesicht war jetzt fahl. Ein tückischer Blick war auf Zeisig gerichtet.

Völlig meschugge (verrückt)!, dachte Tarzan. Dem hat der Schnaps wirklich das Gehirn zerstört.

Zeisig nahm seine zitternde Tochter bei der Hand und führte sie hinaus. Die Jungs folgten ihnen.

Zeisig stellte sie vor. Klößchen schien von dem Mädchen begeistert zu sein. Jedenfalls bekam er rote Ohren, als sie ihm die Hand gab. Verstohlen himmelte er sie an. Dass er nur aufgeweichte Schokolade bei sich hatte, also nichts, was er anbieten konnte, wurmte ihn sehr.

»Vielen Dank für dein Eingreifen«, sagte Zeisig zu Tarzan. »Ohne dich stünde es jetzt schlecht um mich. Leider habe ich nicht übertrieben, als ich sagte, dass Carlo zu einer Gefahr geworden ist für seine Umwelt. Es kommt anfallsweise. Dann weiß er nicht mehr, was er tut.«

Sie gingen ins Wohnhaus zurück und unterhielten sich noch lange.

Die Jungs erzählten von ihrer Schule und der Stadt, in der die Zeisigs sich noch nicht so gut auskannten. Die wiederum revanchierten sich (sich erkenntlich zeigen) mit spannenden Geschichten aus dem Zirkusleben.

Später hörten sie, wie Tomasino in seinen Wagen stieg und wegfuhr.

»Darf der noch fahren – wenn er ständig betrunken ist?«, erkundigte sich Tarzan.

Zeisig hob die Achseln. »Es ist sonderbar, aber er hat noch nie einen Unfall gehabt. Er fährt langsam und vorsichtig. Wahrscheinlich würde es krachen, wäre er nüchtern.«

»Kein gutes Beispiel!«, sagte Karl.

Tarzan griff in die Tasche und zog ein weinrotes Streichholzbriefchen hervor, das er Zeisig hinhielt.

»Ist sicherlich Ihres.Es lag in der Scheune. Vielleicht haben Sie’s verloren, als Sie stürzten.«

Zeisig schüttelte den Kopf. »Das gehört mir nicht.«

Achselzuckend steckte Tarzan es wieder ein. Falls dieses Reklamebriefchen – denn es trug einen Aufdruck – Tomasino gehörte, würde der darauf verzichten müssen. Denn dem hätte er es bestimmt nicht zurückgegeben.

Klößchen hatte nur Augen für Leni, blickte aber verlegen zu Boden, sobald sie sich an ihn wandte.

Offenbar gab es ihm seine Begeisterung ein, als er sagte: »Ich würde ja gern dabei sein, wenn morgen die Tiere abgeholt werden. Dürfen wir wieder kommen?«

»Aber selbstverständlich!«, versicherte Zeisig.

Leni fügte hinzu: »Ihr seid doch jetzt unsere Freunde.« »Dann bis morgen früh!« Klößchen strahlte.

Zeisigs Mundwinkel, wo Carlos Faustschlag ihn getroffen hatte, war angeschwollen und schmerzte.

Aber er wollte nicht zum Arzt.

»Ich muss hier bleiben und die Tiere bewachen. Ist sowieso die letzte Nacht. Wenn ich deswegen«, er befühlte die Schwellung, »nicht schlafen kann, nehme ich eben eine Tablette.«

»Lieber nicht, Papa! «,sagte Leni. »Das ist doch dieses starke Zeug.« Für die Jungs fügte sie erklärend hinzu: »Ich habe mal eine genommen und war danach wie betäubt. 20 Stunden habe ich geschlafen. Selbst dann bekam ich die Augen kaum auf.«

Zeisig lächelte. »Das ist auch nichts für kleine Mädchen – sondern nur für Notfälle.«

Inzwischen ging es auf den Abend zu. Die drei Freunde verabschiedeten sich, nachdem Zeisig versichert hatte, Carlo sei jetzt bestimmt zur Vernunft gekommen und – von ihm – nichts mehr zu befürchten.

»Vorausgesetzt er kommt überhaupt noch mal zurück.«

»Hat er hier sein Quartier?«, fragte Tarzan.

»Seit er seinen Wohnwagen verkauft hat, schläft er in der Scheune. Ihm macht das nichts aus.«

Die Sonne stand schon tief, als die Jungs sich auf ihre Tretmühlen schwangen.

Die Zeisigs winkten ihnen nach. Klößchen renkte sich fast den Arm aus, so heftig erwiderte er.

Als der Hügelkamm hinter ihnen lag, sagte Karl: »Wie ihr sicherlich wisst, gehört Napur zu der Gattung der Panthera tigris, laienhaft auch Tiger genannt. Diese Großkatzen bewohnten in elf Unterarten Vorder- und Hinterindien bis nach Korea, die Mandschurei und Mongolei sowie Sibirien. Auch Sumatra und Bali. Der sibirische Tiger erreicht eine Rumpflänge – also ohne Schwanz – bis zu drei Metern. Auch der Bengalische oder Königstiger ist sehr groß, wie wir gesehen haben. Napurs Geburtsland wäre – hätte man ihn in Freiheit zur Welt gebracht – Vorderindien. Normalerweise schreckt der Tiger vor den Menschen zurück, hat eine angeborene Scheu vor uns. Und die Schauergeschichten, die über ihn als blutgierige Bestie in Umlauf sind, treffen nicht zu. Am liebsten jagt er Wildschweine, Kleinhirsche, Affen, Frösche und sogar Fische. Er...«

»Und Spanferkel!«, warf Klößchen ein.

»Unterbrich mich nicht mit deinen unsachlichen Bemerkungen«, wies Karl ihn zurecht. »Ist ja schließlich nicht ohne Bedeutung, wenn du erfährst, dass Napur einer der Letzten seiner Art ist.«

»Wieso?«, fragte Klößchen.

»Weil die Tiger vom Aussterben bedroht sind – wie viele andere Tierarten auch. Vor 60 Jahren gab es noch über 100000 – weltweit. Aber gelangweilte Maharadschas, englische Kolonialherren und amerikanische Dollarmillionäre haben sie gejagt. Ohne Risiko, auf sicherem Rücken des Jagdelefanten hockend, haben sie diese herrlichen Katzen abgeknallt. Übrig geblieben sind – ihr werdet es nicht glauben – 4000! Inzwischen werden die Tiger geschützt und in Nationalparks gehegt. Trotzdem gibt es immer noch Wilderer, die nach den Fellen jagen. Für Pelzmäntel. Oder für Bettvorleger – wie sie noch vor nicht allzu langer Zeit von deutschen Kaufhäusern in ganzseitigen Inseraten angeboten wurden: 14000 Euro das Stück. Man kann als ausgestorben betrachten – weil es nur noch jeweils zehn oder 20 Exemplare gibt –: den Kasparischen Tiger, den Chinesischen Tiger, den Sumatra-Tiger, den Java-Tiger, den Bali-Tiger. Nur bei dem Bengaloder Königstiger und dem Indochina-Tiger ist eine Rettung noch möglich.«

»Hoffentlich haben die Bemühungen Erfolg«, sagte Tarzan. »Aber nach deiner Schilderung sind Tiger die reinsten Schmusekätzchen. Dabei weiß ich, dass sie durchaus auch zu Menschenfressern werden können.«

»Das stimmt«, räumte Karl ein. »Alte Tiger, die als Jäger nicht mehr so flink sind, können sich zum Man Eater (Menschenfresser) entwickeln. Das Gleiche gilt, wenn ein Tiger angegriffen, gereizt oder verwundet wird. Dann wird er zum schrecklichsten Gegner.«

Sie fuhren gemächlich. Sie hatten ja Zeit. In der Ferne tauchte die Silhouette (Schattenriss) der Stadt auf. Mit ihren Wahrzeichen, den Kirchtürmen und Hochhäusern.

Na also! Tarzan lächelte vor sich hin. War Karl, der Computer, seinen Vortrag doch noch losgeworden!

»Wenn Napur erst mal im Zoo ist«, sagte Klößchen und zeigte mal wieder sein goldiges Herz, »sollten wir ihn regelmäßig besuchen. Aber nicht mit leeren Händen. Jeweils zu Pfingsten – und zu Weihnachten, natürlich – müssen wir ihm ein Spanferkel spendieren.«

»Gute Idee!«, lobte Tarzan. »Ich bin dabei. Mit finanzieller Beteiligung, meine ich.«

»Ich auch!«, sagte Karl.