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Inhaltsverzeichnis

TIM
KARL, DER COMPUTER
KLÖSSCHEN
GABY, DIE PFOTE
Kampf der Spione
1. Die geheimnisvolle Dame
2. Fünf Wanzen im Haus
3. Leiermann mit Äffchen
4. Spionage bei der Nato
5. Die Schlägertypen Kroll und Prassel
6. Toter Briefkasten auf Q 23/14
7. Ein wunderlicher Maulwurf
8. Auch Spatzen mögen Schnaps
9. Die Schatten der Vergangenheit
10. Stanislaus will’s billiger
11. Der Trick mit der Zündung
12. Bewusstlos auf der Terrasse
13. Karl und Klößchen als Straßenräuber
Um Mitternacht am Schwarzen Fluss
1. Um Haaresbreite
2. Kein Kratzer am Porsche
3. Heiße Fracht in der Mordmühle
4. Gefährlicher Staub
5. Der Chef der Waffenschmuggler
6. Wo ist Oskar?
7. Tanjas Entdeckung
8. Der Typ mit den Borsten
9. Die halbe Wahrheit
10. Wegen Unfallflucht
11. Das versprochene Ding
12. Der totale Hasenfuß
13. Gesperrt wegen Straßenbauarbeit
14. Die Lüge geht weiter
15. Neuer Verdacht
16. Vino antigelo
17. Auf modriger Matratze
18. Nächtliche Spritztour
19. Der Tag fängt langsam an
20. Durchblick
21. Die Ratte im Schacht
22. Eine einzige Frage
Die Stunde der schwarzen Maske
1. Sabine, die Einbrecherin
2. Wie kommt die goldene Ente zu Schrumpf?
3. Zwei, die sich nicht verstehen
4. Einen Dummen gefunden
5. Die Festung im Steilen Zahn
6. Gartenfest bei Friedrich dem Großen
7. Vorfreude
8. Abgrund der Verworfenheit
9. Auf großer Fahrt mit dem Heißluftballon
10. Arco von Barfly
11. Die falsche Adresse
12. In letzter Sekunde
13. Mit Verbrechen fängt die Woche an
14. Heißer Tipp – kostenlos
15. Der Coup im Hochhauslift
Copyright

1. Die geheimnisvolle Dame

Es passierte beim Aufwärmen.

Knacks! Stechender Schmerz fuhr durch Tarzans linke Schulter.

Er vollendete die Judorolle, kam auf die Füße und verzog das Gesicht.

»Was ist denn los?« Ulf Mehnert, der Trainer des Judoklubs, trat besorgt zu seinem Ass. »Verletzt?«

Tarzan lockerte die zusammengebissenen Zähne und stieß einen Fluch aus, bei dem selbst Dschingis-Khan (mongolischer Eroberer, 1155–1227) errötet wäre.

»Es fühlt sich an, als fällt gleich der Arm ab.«

»Ouhhh!« Mehnert verdrehte die Augen. »Das fehlte noch. Fünf Minuten vor dem Turnier. Zeig mal!«

Die Untersuchung fand am Mattenrand statt. Tarzan ließ es über sich ergehen. Er war ganz blass geworden vor Enttäuschung. Dass er am Turnier nicht mehr teilnehmen konnte, spürte er. Ausgeschieden also beim Aufwärmen, bei der Lockerungsgymnastik. Ausgeschieden vor dem ersten Kampf. Dabei hatte er sich gute Chancen ausgerechnet.

»Na ja«, murmelte Mehnert. »Ganz so schlimm ist es nicht. Der Arm bleibt dran. Aber kämpfen kannst du nicht. Pech!«

Tarzan zischte etwas Unverständliches, in dem viel rrr … www … uuuhhh … vorkam.

»Was?«, fragte Mehnert.

»Das war derselbe Fluch wie eben. Aber ich kann ihn auch auf Russisch.«

Mehnert lachte. »Trag’s mit Fassung. Ich kenne einige, die jetzt aufatmen werden.«

Tarzan bewegte den Arm. Die Schulter protestierte mit heißen Schmerzwogen.

Von den 50 oder 60 Judokas, die sich hier in der Nebenhalle aufwärmten, blickten etliche her. Dass einer der Favoriten (voraussichtlicher Sieger) auf diese Weise ausschied, überraschte. Es war ein Jugendturnier, rein männlich, die Teilnehmer zwischen 10 und 18 Jahre alt.

»Jedenfalls muss es behandelt werden«, sagte Mehnert. »Ab zum Arzt!«

»Aber nicht hier!«, wehrte Tarzan ab. »Ich fahre zurück und gehe gleich zu Dr. Jakob. Zu dem habe ich Vertrauen. Der ist Sportarzt. Der kennt mich. Der hat mich schon mal zusammengeflickt, als ich den Unfall mit meiner Tretmühle hatte.«

»Hm. Dr. Jakob ist Klasse. Aber ich trage die Verantwortung für dich, Tarzan. Wir sind zusammen hergekommen und allein dürfte ich dich nicht zurückfahren lassen.«

Tarzan grinste. »Dass ich mich auf die Socken mache, davon wissen Sie doch gar nichts.«

»Willst du nicht doch lieber bleiben und zusehen?«

»Und mich schwarzärgern? Nee!«

»Also gut! Kratz die Kurve! Ich regle das hier.«

Ein kräftiger Händedruck – und Tarzan verschwand in der Umkleidekabine, wo er seinen Judoanzug gegen T-Shirt, roten Pulli, Jeans und Turnschuhe vertauschte. Mit geschultertem Campingbeutel stahl er sich durch den hinteren Ausgang.

Auf dem Parkplatz standen die Busse, mit denen die Judokas aus allen Teilen des Bundeslandes angereist waren. Auch Tarzan und seine Sportskameraden hatten eine fast dreistündige Fahrt hinter sich.

Zusehen!, dachte er. Da müsste ich ja Kirschsaft in den Adern haben. Keinen Moment könnte ich still sitzen. Käme mir vor wie ein Fernsehsessel-Sportsmann, wie ein Tribünenplatz-Athlet. Und der Tag ist noch lang!

Die Sportstätte lag außerhalb des Ortes. Auf der einen Seite reichten maigrüne Felder bis zum Horizont. Die Straße, die zum Ort führte, unterquerte die Autobahn.

Er trabte los und bemühte sich, den linken Arm ruhig zu halten. Sein Ziel war der Bahnhof.

Als die Straße sich gabelte, sah er das Hinweisschild zur Autobahnraststätte. Dort war auch – logisch! – die Auffahrt.

Sein Schritt stockte nur eine Sekunde. Dann änderte er die Richtung.

Warum sollte er Geld verschwenden, wenn’s vielleicht auch anders ging! Der Erlös seiner Fahrkarte würde das Defizit (Fehlbetrag) der Bundesbahn kaum mindern. Außerdem hätte er auf eigene Rechnung blechen müssen. War ja schließlich sein Privatvergnügen, dass er vorzeitig abreiste! Und das bei dem knappen Taschengeld!

Sicherlich – auf seinem Sparkonto war eine Menge: all die Prämien, die er und seine TKKG-Freunde für aufgeklärte Kriminalfälle eingeheimst hatten. Aber dort sollte das Geld auch bleiben und »Junge kriegen«, damit eines Tages vielleicht aus dem geplanten Studium was würde. Verplempern, das kam nicht infrage!

Also reise ich als Anhalter!, dachte er. Die Richtung stimmt. Und ich sehe hoffentlich so vertrauenerweckend aus, dass eine mitleidige Seele sich meiner erbarmt.

Er lief neben der Straße. Das Gras auf dem Grünstreifen sah ein bisschen wie Tabak aus.

Drei fette Acht-Zylinder rauschten vorbei. Jedes Mal hob er den Daumen zum Anhalterzeichen. Aber die Fahrer waren in Eile und keine mitleidigen Seelen.

Auf der Autobahn war allerhand los. Schnelle Wagen zischten. Fernlaster brummten. In der Ferne schnatterte ein Polizeihubschrauber über den blauen Himmel.

Hinter Tarzan tuckerte was heran. Er sah sich um. Ein rostiger Uralt-Mercedes näherte sich. Das Getriebe krachte, als er hielt.

Himmel!, dachte Tarzan. Da sitzen sieben … nein, acht drin. Und nicht mal die Dünnsten.

Es waren braune Gesichter mit schwarzen Augen und dunklem Haar.

»Du willst mitfahren?«, fragte einer der beiden, die sich den Beifahrersitz teilten – samt Sicherheitsgurt.

»Vielen Dank! Nein! Ich will nur zur Raststätte.«

»Gut, gut! Wir hätten dich mitgenommen. Ein bisschen zusammengerückt – und du hättest Platz gehabt.«

Aber wo?, dachte er. Auf dem Dachträger? Da sind doch schon drei Koffer.

»Gewiss!«, sagte er, ohne eine Miene zu verziehen. »Sehr nett von Ihnen.«

Alle acht lächelten freundlich, mit viel Zähnen. Die Rostlaube nahm noch mal alle Kraft zusammen und fuhr.

Wenn das nicht hilfsbereit war! Beinahe kam er sich schlecht vor, weil er abgelehnt hatte. Aber die Enge wäre wohl etwas zu eng gewesen und das Auto war heikel. Ob die Bremsen noch lange hielten? Vielleicht fiel auch vorher der Motor raus, oder die Türen sprangen auf.

Auch ein Anhalter, dachte er, hat Anrecht auf ein verkehrstüchtiges Fahrzeug.

Er erreichte die Raststätte. Die Parkplätze waren leer. An der Tür hing ein Schild: Betriebsferien bis…

Das haben wir gern!, dachte er. Die machen Ferien und die Autofahrer können hungern und dürsten. Muss ich also vorn hin zur Tankstelle, sehen, ob mich da jemand mitnimmt.

Bei den Zapfsäulen war Betrieb, wie er sah. Trotz der teuren Benzinpreise standen die Wagen in Dreierreihen. Tankwarte in Overalls hatten zu tun: tanken, Scheiben wischen, Ölstand kontrollieren, Trinkgeld entgegennehmen …

Er hob schon den Fuß, um in Richtung Ausfahrt zu laufen, als der Wagen nahte.

Es war ein spinatgrüner Audi. Eine Frau saß am Lenkrad. Sie wollte zur Raststätte, wusste offensichtlich noch nicht, dass hier die Schotten dicht waren.

Als sie näher kam, sah sie’s allerdings.

Trotz getönter Windschutzscheibe bemerkte Tarzan, wie Enttäuschung sich auf das hübsche Gesicht malte.

Ob die mich mitnimmt? Wohl kaum. Frauen sind da ängstlich. Könnte ja sein, ich bin der Würger vom Hexenmoor. Lächeln, Tarzan! Vielleicht tut sie’s doch.

Rasch hob er den linken Daumen. Eine Gedankenlosigkeit, die sein Lächeln zerstörte. Schmerz raste durch die Schulter. Er jaulte wie Oskar, wenn dessen Pfote unter einen Absatz gerät, und fluchte zum dritten Mal. Vorsichtig ließ er den Arm sinken.

Der Wagen hielt.

»Willst du mit?« Sie hatte das rechte Fenster geöffnet.

»Wäre riesig nett von Ihnen…«

»Und wohin?«

Er sagte es und sie lächelte.

»Das trifft sich gut. Da haben wir das gleiche Ziel. Steig ein!«

Er glitt auf den Nebensitz. Seinen Campingbeutel legte er in den Fond.

Während Tarzan sich anschnallte, rollte der Wagen weiter, gleich zur Ausfahrt hin. Im Tank fehlte offenbar nichts.

»Jetzt muss ich’s noch aushalten bis zum nächsten Rasthaus«, seufzte die Frau. »Dabei brauche ich dringend einen Kaffee.«

»Sie sind wohl schon weit gefahren?«, erkundigte er sich.

»Ich komme aus Brüssel.«

»Ah ja! Übrigens heiße ich Peter Carsten.«

»Putz! Hildegard Putz.«

»Ist sehr nett, dass Sie mich mitnehmen, Frau Putz. Ich …«

»…Fräulein Putz«, verbesserte sie. »Ist mir lieber so. Fährst du häufig als Anhalter?«

»Eigentlich nie. Und Herr Mehnert, unser Trainer, würde wahrscheinlich aufgehen wie ein Hefekuchen, wenn er davon wüsste. Aber ich sehe das nicht so eng. Was soll mir schon passieren  – selbst einarmig. Ich meine, weil ich den linken verstaucht habe. Das kam nämlich so …«

Er erzählte. Und Fräulein Putz schien – trotz ihrer Müdigkeit  – sehr interessiert.

Sie mochte so um die dreißig sein, hatte ein hübsches Gesicht mit violetten Augen und langen Wimpern. Aus der Nähe sah er, dass die frische Farbe aus den Make-up-Tuben (Gesichtsschminke) kam. Ihr Haar war modisch geschnitten und mehr orange als rot. Es sah fürchterlich unecht aus, fiel aber auf. Geschmacksache. Ihr Lederanzug war vom selben Grün wie das Auto.

Sie waren jetzt auf der Autobahn. Hildegard fuhr konstant 110 km/Std. Jeder zweite Blick galt dem Rückspiegel, obwohl sie nicht überholte.

Wenn ich sie unterhalte, schläft sie nicht ein, dachte er. Also erzählte er vom Internat, von seinen Freunden, von Klößchens Naschsucht und ihren gemeinsamen Abenteuern.

Hildegard fuhr jetzt nur noch 95. Ihre Augen waren erbsenklein.

Wären die Gastarbeiter in ihrem Schrotthaufen doch die bessere Wahl gewesen?

Die Sonne stand vor ihnen. Es war früher Nachmittag. Hildegard hatte die Sonnenblende herabgeklappt. Zusätzlich setzte sie eine Brille mit dunklen Gläsern auf.

Tarzan blinzelte, klappte dann die zweite Sonnenblende herab und hatte den Kopf im Schatten. Im Spiegel der Sonnenblende sah er sich – und einen Ausschnitt der Autobahn hinter ihnen.

Der Verkehr war dicht. Hildegard zuckelte. Die andern überholten. Aber nicht alle. Auch der Fahrer eines schwarzen Mercedes ließ sich Zeit und blieb rechts. Sein Beifahrer schien damit einverstanden. Ob die beiden müde oder nur gemütlich waren, konnte Tarzan nicht sehen. Ihre Gesichter lagen im Schatten der Sonnenblende.

»… finde ich ja toll, dass du Judo so intensiv betreibst«, sagte Hildegard gerade. »Tut die Schulter noch weh, Peter?«

»Wenn ich den Arm still halte, gar nicht. Aber sagen Sie doch Tarzan zu mir. Das ist mein Spitzname. Alle nennen mich so. Wenn ich Peter höre, denke ich immer, ein anderer ist gemeint.«

Sie lächelte. »Mich haben sie in der Schule Putzi gerufen. Das fand ich gar nicht lustig.«

»Fünf Kilometer bis zum nächsten Rasthaus. Riechen Sie den Kaffee? Er wird gerade frisch gebrüht.«

»Wenn dort auch geschlossen ist, schreie ich.«

Sie brauchte das Versprechen nicht einzulösen. Vor dem Rasthaus bildeten parkende Fahrzeuge einen Wall. Jeder Fleck war besetzt.

Hildegard musste hinter das Gebäude fahren, wo sich ein kleiner, völlig leerer Parkplatz versteckte. Büsche umstanden ihn. Eine Ausfahrt führte im Bogen zur Autobahn hin.

Als sie ausstiegen, sah Tarzan nach seinem Campingbeutel. Er stand ordentlich auf einem der Rücksitze. Auf dem anderen lag eine schwarze Aktentasche.

Hildegard war mittelgroß, wie er jetzt feststellte, und schlank unter dem Leder. Schnuppernd reckte sie die Nase.

»Du hast recht. Es riecht nach Kaffee.«

»Wir stehen auch genau vor den Küchenfenstern.«

Hineinsehen konnte man freilich nicht. Die Scheiben waren aus Milchglas. Aber sie hörten das Klappern der Töpfe und sahen die Schemen weiß gekleideter Köche.

Sie gingen nach vorn. Bevor sie das Rasthaus betraten, entdeckte Tarzan den schwarzen Mercedes, der ihnen so gemächlich gefolgt war. Der Wagen irrte an den besetzten Parkreihen entlang – auf der Suche nach einer Lücke.

Im Restaurant herrschte Hochbetrieb. Dialekte aus allen deutschen Landen tönten durcheinander. Viele tafelten, als gäbe es morgen nichts mehr zu essen. Es wurde auch erstaunlich viel Bier getrunken, und man konnte nur hoffen, dass das nicht die Fahrer waren.

Sie fanden noch Platz an einem Vierertisch, wo ein verliebtes Pärchen saß. Die beiden fütterten sich gegenseitig. Er schob ihr Stück für Stück von seinem Gulasch ins Mündchen. Sie revanchierte sich (sich erkenntlich zeigen) mit großen Brocken von ihrem Fischfilet, das aber Gräten enthielt. Jedenfalls musste er sich immer wieder in den Mund greifen, um nicht zu ersticken. Das zärtliche Bild litt etwas darunter. Außerdem mochte er keinen Fisch, und überhaupt wäre es praktischer gewesen, die Teller auszutauschen. Aber was hätten sie dann füreinander tun können – außer Händchen zu halten.

Hildegard bestellte eine Portion Mokka. Tarzan nahm eine Cola. Als er probeweise den linken Arm hob, fühlte sich die Serviererin gerufen und kam noch mal zurück. Er klärte den Irrtum auf und verzichtete auf weitere, missverständliche Gesten. Dass der Schmerz bereits nachließ, hatte er festgestellt.

»Sie wohnen in Brüssel, ja?«

Hildegard nickte. »Du hast mein Nummernschild gesehen?«

»Eben erst. Vorhin habe ich nicht darauf geachtet.«

»Ich arbeite dort.«

»Aber Sie sind Deutsche.«

Sie nickte. Glanz trat in ihre violetten Augen, als der Mokka serviert wurde. Sie rührte so viel Zucker hinein, dass es Tarzan den Magen umdrehte.

Als sie fertig waren, fragte er, ob er sie einladen dürfe: als kleine Gegenleistung für ihre Gefälligkeit. Das wollte sie zwar nicht. Aber er bezahlte dann doch.

Die beiden Verliebten hatten ihre Teller brav geleert. Gesättigt sahen sie sich in die Augen.

Tarzan und Hildegard verließen das Restaurant.

Sie war sichtlich erfrischt, aber irgendwie zappelig, wie er fand. Jedenfalls sah sie dauernd umher, als wüsste sie nicht mehr, wo der Wagen geparkt war.

»Noch eine knappe Stunde, Fräulein Putz, dann sind wir da.«

Sie gingen hinter das Rasthaus.

Die Sonne brannte. Kein Wölkchen zeigte sich am Himmel. Auf dem kleinen Parkplatz war jetzt ein zweiter Wagen: der schwarze Mercedes, den Tarzan schon zwei Mal bemerkt hatte.

Sein Motor lief. Der Wagen stand in Fahrtrichtung, nämlich dicht vor der Ausfahrt. Der Fahrer saß am Lenkrad, die rechte Vordertür geöffnet.

Tarzan traute seinen Augen nicht. Aber es gab keinen Zweifel.

Der Beifahrer hatte Hildegards Wagen aufgebrochen, die schwarze Aktentasche vom Rücksitz genommen, hatte gerade eben kehrtgemacht und wollte in den Mercedes zurück.

Tarzan vergaß seine Blessur (Verletzung). Wie ein Pfeil von der Sehne schnellt, so sauste er los.

Der Autoknacker sah ihn, zeigte ein wütendes Gesicht und sprang zum Mercedes hin.

Im selben Moment, da er sich auf den Nebensitz warf und der Motor aufheulte, war Tarzan neben dem Wagen.

Der Dieb war nervös. Jedenfalls stimmte er seine Bewegungen nicht ab. Vielleicht lag’s an der Eile. Er selbst saß bereits drin. Aber sein rechter Arm, dessen Hand die Tasche hielt, war noch im Freien – halb nach hinten gestreckt. Er wollte ihn einziehen und die Tasche hereinreißen. Aber Tarzan war schneller.

Mit der rechten Schulter warf er sich gegen die Tür. Sie klemmte den Arm ein. Der Kerl schrie, als werde er skalpiert (Kopfhaut mit Haaren abziehen). Die Tasche fiel auf den Asphalt. Der Wagen fuhr an. Tarzan sprang zurück, bevor er gestreift wurde. Er sah noch, wie der Wagen davonpreschte, wie die Tür geschlossen wurde – dann erst merkte er, dass er auf dem Hosenboden saß, zwischen seinen Beinen die Tasche.

Und alles, dachte er, ohne die linke Hand zu rühren. So geht’s also auch.

Sein Blick suchte die Frau. Dann musste er lachen.

Hildegard war wie versteinert, es schien, als sei sie mitten im Gehen erstarrt. Entsetzen stand in den Augen. Der offene Mund hatte den Schrei nicht hervorgebracht. Das Make-up konnte ihre Blässe nicht mehr überdecken.

»Ist ja noch mal gut gegangen.«

Er schwenkte die Tasche. Natürlich mit dem rechten Arm, denn sie war ziemlich schwer.

Hildegard schloss den Mund, setzte einen Fuß vor den andern und kam heran. Tarzan stand auf.

»Unverschämtheit, nicht wahr? Die Autoknacker werden immer frecher. Sehen Sie nur, Fräulein Putz, wie fachmännisch die Ihren Wagen aufgebrochen haben. Wahrscheinlich mit Schraubenzieher und Drahtschlinge. Hier am Mittelpfosten. Nichts ist beschädigt.«

Sie blieb vor ihm stehen, nahm die Tasche, sah ihn an und schüttelte den Kopf.

»Du ahnst nicht«, sagte sie heiser, »was du eben für mich getan hast. Ich weiß nicht, wie ich dir danken soll.«

»Am besten gar nicht. Das ist mir am liebsten. Dem Kerl schmerzt jetzt der Arm schlimmer als mir. Und das Kennzeichen weiß ich auch. Die kommen nicht weit. Die sind auf der Autobahn. Im Handumdrehen hat die Polizei sie erwischt. Wir müssen rasch anrufen und…«

»Tarzan!«

Er fühlte ihre Hand auf seinem Arm. Ihr Gesicht sah plötzlich krank aus. Die Lider zuckten. Furchen, die sie eben noch nicht gehabt hatte, gruben sich tief in die Haut.

»Tarzan, ich … weiß nicht, wie ich das erklären soll. Ich kann es nicht erklären. Aber ich bitte dich herzlich … Keinen Anruf bei der Polizei!«

Er runzelte die Stirn.

»Fräulein Putz! Das sind Autoknacker, die Sie bestehlen wollten.«

Sie nickte. Ihre Miene war gequält. »Trotzdem nicht!«

»Eine sonderbare Bitte. Kennen Sie die beiden?«

Sie schüttelte den Kopf.

Er deutete auf die Tasche. »Ist da was Besonderes drin?«

Wieder das Kopfschütteln.

»Hm. Sie sagen, Sie können es nicht erklären. Das heißt, Sie wollen es nicht erklären. Denn begriffsstutzig bin ich im Allgemeinen nicht.«

Tränen traten ihr in die Augen.

Tarzan verlagerte sein Gewicht auf den anderen Fuß. Tränen in den Augen eines weiblichen Geschöpfes entwaffneten ihn – jedes Mal. Er fühlte sich dann, als hätte er was Furchtbares angerichtet, und bedauerte unendlich, kein sauberes Taschentuch zum Betupfen der Tränen anbieten zu können.

Auch jetzt fiel sein Misstrauen in sich zusammen wie ein angestochener Luftballon.

»Na, gut! Von mir aus. Aber bitte heulen Sie nicht! Sie haben mich netterweise mitgenommen. Denke ich mir also, dass Sie Ihrem Ehemann ausreißen und nicht Fräulein, sondern Frau Putz sind und deshalb die Ordnungshüter scheuen. Aber eine Einschränkung mache ich trotzdem. Bitte, beantworten Sie mir die Frage ehrlich: Ist Rauschgift in der Tasche?«

»Nein!«

Er sah in ihre Veilchenaugen. Tränen hatten sie verschleiert. Aber durch den Schleier schimmerte der Glanz der Wahrheit.

Jedenfalls glaubte er, das festzustellen. Und war halbwegs beruhigt. Kein Rauschgift, das irgendwelche erbärmlichen, willensschwachen Typen ins Verderben führte. Wenn geklauter Schmuck drin war oder unterschlagenes Geld oder… Egal! Wenn das drin war, würde sie noch früh genug Ärger kriegen. Aber dann war er nicht mehr im Spiel.

So dachte er – und irrte sich gründlich.

2. Fünf Wanzen im Haus

Sie fuhren noch eine knappe Stunde und redeten wenig. Am wenigsten über den Vorfall.

Mehrmals holte Tarzan sich das Gesicht ins Gedächtnis, das er nur für Sekunden gesehen hatte; allerdings aus nächster Nähe und dann, nach dem Quetschen des Arms, schmerzverzerrt.

Vergessen würde er den Kerl nicht. Dafür war er zu einprägsam  – mit seinem eckigen, finsteren Gesicht. Er hatte schwarze, kalte Augen, buschige Brauen und einen tiefen Haaransatz – fast über den Augen. Wenig Stirn also, aber eine gebrochene Nase. Figürlich war er wuchtig gewesen, trotzdem behände, die Kleidung dezent elegant – wie ein Topmanager mit Aktenköfferchen.

Hildegard war niedergeschlagen.

Tarzan roch förmlich ihre Angst.

Kein Rauschgift. Hm. Aber … Ihm kamen Bedenken. War es richtig, diese offensichtlich faule Sache nicht zu beachten? Sollte er nicht wenigstens Kommissar Glockner darauf aufmerksam machen? Andererseits – irgendwie wäre er sich dann wie ein Verräter vorgekommen. Schließlich hatte er eingewilligt: Keine Polizei!

Hoffentlich bereue ich das nicht, dachte er. Wenn doch, dann hat sie mich eingewickelt – mit Tränen in Veilchenaugen. Schöne Augen übrigens, erinnern mich ein bisschen an Gaby. Vielleicht deshalb … hm! … Also gut! Bleib dabei! Versprochen ist versprochen. Mein Name ist Hase, nicht Tarzan  – für heute mal. Aber Gabys Augen sind trotzdem noch blauer. Und in Orange würde sie höchstens Turnschuhe nehmen, niemals die Frisur.

»Gleich sind wir da«, sagte Hildegard. »Wo soll ich dich absetzen?«

»Wohin fahren Sie?«

»Zunächst mal Richtung Innenstadt.«

»Sehr gut! Dann kommen wir an der Michaelis-Kirche vorbei. Wenn Sie mich dort bitte rauslassen! Dr. Jakob hat seine Praxis ganz in der Nähe.«

»Ich wünsche dir gute Besserung! Dass du bald wieder trainieren kannst und, wie sagt man, Meister wirst.«

Er lachte. »Vielen Dank! Ich werde mein Möglichstes tun. Einfach weil’s mir Spaß macht.«

Sie fuhren in die Stadt, wurden verschluckt vom dichten Straßenverkehr. An der breiten Prachtstraße, durch die sie jetzt rollten, lagen viele Cafés. Bunte Tische standen im Freien. Der Gehsteig war breit genug. Trotz Abgaswolken waren alle Plätze besetzt. Das Wetter verlockte.

Tarzan fühlte sich, als wäre er tagelang weg gewesen und nicht nur wenige Stunden.

An der Michaelis-Kirche hielt Fräulein Putz. Ein freundliches, etwas unsicheres Lächeln – sie gab ihm die Hand.

Hat offensichtlich ein schlechtes Gewissen, dachte er.

»Vielen Dank, dass du mir geholfen hast, Tarzan.«

»War selbstverständlich. Vielen Dank fürs Mitnehmen.«

Mit seinem Campingbeutel blieb er am Straßenrand stehen.

Er sah ihr nach, winkte aber nicht, sondern prägte sich das Kennzeichen ein. Dreimal wiederholte er die Buchstaben und Ziffern in Gedanken. Für alle Fälle! Aber hoffentlich trat dieser Fall nicht ein!

Er bewegte den Arm. Ging ja prima! Er ließ ihn kreisen. Es schmerzte. Aber das Gelenk machte mit. Na also! Gutes »Heilfleisch« ist alles! Muss ich überhaupt zu Dr. Jakob? Eigentlich nicht. Aber wenn alle so dächten, dann wären ja die armen Ärzte arm dran. Die wollen doch auch was verdienen! Also hin!

Als er sich abwandte, bemerkte er den schwarzen Mercedes. Gerade jetzt floss der Verkehr, dass es nur so flutschte. Grüne Welle. Nichts hielt den Strom der Fahrzeuge auf.

Ehe Tarzan sich vergewissern konnte, ob es derselbe Mercedes wie vorhin auf der Autobahn war, hatte sich der Wagen 100, 200 Meter entfernt, war dann nicht mehr zu sehen.

War er’s wirklich gewesen?

Er hatte das Kennzeichen nicht lesen können, auch nur gesehen, dass zwei Männer drinsaßen. Wobei er mehr Sicht auf den Fahrer gehabt hatte als auf den andern. Aber gerade vom Äußeren des Fahrers hatte er vorhin nichts mitbekommen.

Er überlegte eine Weile, kam zu dem Ergebnis, dass er nichts unternehmen konnte und es sich vermutlich nicht um die Autoknacker handelte. Sicherlich – ihrem Kennzeichen zufolge waren sie hier aus der Stadt. Aber das war immerhin eine Großstadt. Wer war nicht von hier?!

Völlig unmöglich, dass die einen zweiten Überfall versuchen, dachte Tarzan. Wäre ja tolldreist. Und riskant. Außerdem ist Hildegard gewarnt. Wahrscheinlich nimmt sie die schwarze Tasche heute Nacht mit ins Bett.

Er schulterte seinen Campingbeutel und stiefelte zu Dr. Jakobs Praxis, die in einer Nebenstraße lag.

In der Anmeldung fragte eine junge Helferin, die mit ihrem Teint (Farbe der Gesichtshaut) Schwierigkeiten hatte, ob er bestellt wäre.

»Leider nicht! Ist ein dringender Notfall. Bin eben verunglückt!«

Er klopfte auf seine Schulter.

»Verkehrsunfall?«, fragte sie erschrocken.

»Sportunfall!«

»Ach so.«

»Ist das etwa nichts?«

»Du siehst ziemlich gesund aus«, lächelte sie.

»Doch nur, weil ich mich eisern zusammennehme.«

»Solange das noch geht.«

Er musste sich ins Wartezimmer setzen, wo noch fünf Patientinnen vor ihm waren, darunter zwei ältere Männer, die sich angeregt über ihre Krankheiten unterhielten. Offenbar hatte jeder schon alles gehabt, aber immer ein bisschen schlimmer als der andere. Dass sie noch lebten, war ein Wunder.

Tarzan suchte sich eine Fachzeitschrift aus dem zerfledderten Journalhaufen, der auf dem Tisch lag, und las einen Artikel über Ökologie (Lehre von den Umweltsbeziehungen der Pflanzen und Tiere).

Das Fenster wies auf einen Hof. In der Nachmittagssonne wirkten die tristen Mauern fast freundlich. Spatzen hüpften umher. Das Wartezimmer roch nach alten Möbeln. In der Ferne heulte eine Unfallsirene – oder war es das Signal des Notarztwagens? Tarzans Schulter schmerzte nur noch ganz wenig. Auch die Enttäuschung, das Turnier zu versäumen, war überwunden. Er las. Kein Gedanke wanderte zu Hildegard Putz zurück.

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Angst schnürte ihr die Kehle zu.

Solange sie im Verkehrsgewühl der Innenstadt steckte, lockerte sich diese unsichtbare Schlinge etwas. Trotzdem spürte Hildegard Putz ihr Herz an den Rippen und die schlanken Finger waren eiskalt.

Dieser Versuch, ihr die Tasche zu stehlen! Woher wussten die davon? Wer waren die beiden? In wessen Auftrag handelten sie? Was war mit Bernd? War da was schiefgelaufen? Setzte schon jetzt die Jagd auf sie, auf Hildegard, ein? Oder war der Vorfall zufällig? Handelte es sich um gewöhnliche Diebe?

Sie wusste: Ohne Bernd Wacker, ihren Freund, hätte sie diesen Coup nie gewagt. Ihm zuliebe tat sie das alles. Natürlich auch aus freiem Willen. Aber nur durch Bernd fand sie den Mut.

Jetzt war es getan und es gab kein Zurück mehr. Aber ihr war, als stünde sie am Rand eines Abgrundes, als schwebe ein Fuß schon über der Tiefe.

In Wahrheit drückte ihr Fuß auf das Gaspedal und der spinatgrüne Audi ließ die Innenstadt hinter sich. Wenig später rollte er durch eine stille Straße.

Sie lag am Stadtrand in einer mittelguten Gegend. Es gab keine Gehwege, Radwege schon gar nicht, aber kleine Gärten um die schlichten Häuser, meist Einfamilienhäuser.

Die Straße hieß Oster-Allee – und das nicht nur zu Ostern, sondern ganzjährig. Bernd Wacker wohnte in einem der ältesten Häuser, aber von dem sah man fast nichts. Eine hohe Hecke umgab das Grundstück. Sie war so dicht, dass es sich für die Vögel erübrigte, Nester zu bauen. Es genügte hineinzuschlüpfen, und schon konnten Singdrossel, Amsel, Goldammer, Kernbeißer und Spatz die Flügel bequem von sich strecken und von fetten Raupen träumen. Durchrutschen konnten sie nicht. Und manche Weibchen – so ging das Gerücht unter den Gefiederten – legten ihre Eier einfach in die Zweige und brüteten dort.

Bernds Wagen, ein weißer VW, stand auf der Straße, dicht an der Hecke. Wie verabredet. Das schmale Holztor der Einfahrt war offen, die Garage ans Haus gebaut und leer.

Aufatmend lenkte Hildegard ihren Wagen hinein.

In der Garage stellte sie den Motor ab. Stille umgab sie. Es war schattig. Die Bäume im Garten ließen die Sonne nicht durch.

In Sicherheit!, dachte sie. Hier sucht mich niemand.

Freilich – verstecken musste sie sich. Auch der Wagen durfte nicht aus der Garage. Aber dieses vorläufige »Abtauchen« in den Untergrund war kein zu hoher Preis für die rosige, gemeinsame Zukunft – mit Bernd.

Sie lächelte, drehte den Rückspiegel so, dass sie ihr Make-up auffrischen konnte. Noch etwas Lidschatten, noch etwas Rouge (Röte) auf die Wangen! Hübsch wollte sie Bernd begegnen. Sicherlich hatte er ihren Wagen schon gehört. Aber bei 40 Grad Fieber – da war es nur vernünftig, dass er im Bett blieb. Gleich würde sie bei ihm sein.

Als sie den Lippenstift ansetzte, fiel ein Schatten über sie.

Bernd?

Sie wandte den Kopf nach links.

Im selben Moment wurde die Tür aufgerissen.

Ihr Schrei erstickte. Die Mündung einer schweren Pistole drückte auf ihre Stirn.

Grinsend beugte der Mann sich zu ihr herab.

»Pst! Keinen Laut, Hildchen! Sonst ist es aus mit dir. Noch mal entwischst du uns nicht.«

Das Grinsen brachte keine Helligkeit in sein finsteres Gesicht. Haaransatz und Brauen stießen fast aneinander. Die gebrochene Nase verstärkte den wüsten Ausdruck. Die eleganten Klamotten wirkten fehl an ihm. Aber auch ehrliche Arbeitskleidung hätte nicht zu ihm gepasst, eher Gefängniskonfektion (Fertigkleidung).

»Was … was … wollen Sie?« Ihre Stimme zitterte.

»Frag nicht so blöd. Die schwarze Tasche natürlich. Vorhin auf dem Rastplatz habe ich mich überzeugt, dass die Unterlagen drin sind. Sauber, Puppe, wie du das gefingert hast. Nur werdet ihr beiden Hübschen nichts davon haben.«

Ihr wurde schwarz vor Augen. Verzweifelt kämpfte sie gegen die Ohnmacht an. Also war es kein Zufall gewesen, kein gewöhnlicher Diebstahlsversuch. Die beiden Typen aus dem schwarzen Mercedes wussten, worum es ging. Woher? Man kannte sie, Hildegard Putz. Man wusste, was sie getan hatte. Und jetzt… war alles verloren.

Sie begann, am ganzen Körper zu zittern. Im Rückspiegel sah sie, dass sich jemand am Eingang der Garage bewegte. Auch der Zweite war da. Ja, sie erkannte sein weißblondes, fast silbriges Haar. Es war der Fahrer des schwarzen Mercedes.

»Her mit der Tasche!«

Der wüste Typ griff an ihr vorbei, nahm die schwarze Aktentasche vom Rücksitz und zerrte sie an ihr vorbei. Dabei traf ein harter Stoß sie ins Genick. Sie fiel aufs Lenkrad.

Der Kerl öffnete die Tasche, sah hinein, wühlte im Inhalt, nickte zufrieden. Das Grinsen zog ihm die Mundwinkel bis an die Ohren.

»Na, also! Das wär’s im Moment. Kannst Bernd bestellen, wir rufen nachher an. Du bleibst jetzt noch drei Minuten im Wagen. Weil ich keine … Ach so, da fällt mir ein: Wer war eigentlich das nette Jungchen, das mir den Arm so gequetscht hat?«

»Ich … ich … ein Anhalter. Ich habe ihn mitgenommen.«

»Er gehört nicht zu euch?«

»Nein.«

»Sollte mich auch wundern. Dass so junges Gemüse in unserer Branche mitmacht, wäre ja ganz was Neues. Wie heißt er?«

»… ich habe seinen Namen vergessen.«

»Lüg nicht. Du hast ihn doch irgendwie angeredet.«

»Ja, er… Tarzan nennt er sich. Aber das ist sein Spitzname.«

»Hätte ich mir beinahe gedacht.« Sein Gesicht nahm einen bösartigen Ausdruck an, als er murmelte: »Mit dem bin ich noch nicht fertig. Aber das kommt später.«

Sie hielt sich am Lenkrad fest.

Schritte entfernten sich. Das Garagentor wurde geschlossen. Dunkelheit fiel über sie.

Um nicht zu schreien, presste sie eine Hand vor den Mund. So saß sie zwei, drei, vier Minuten. Sterbenselend fühlte sie sich.

Irgendwann stieg sie aus dem Wagen. Sie drückte von innen das Tor auf, trat ins Freie und schloss die Garage. Den Wagen musste sie verstecken, sich selbst auch. Daran hatte sich nichts geändert. Spätestens morgen würde man in ganz Europa nach ihr fahnden. Nur das Vorzeichen ihres Coups hatte sich geändert. Sie war die Dumme, stand da ohne Beute. Den Gewinn machten andere.

Sie ging durch den Garten, vorbei an alten Bäumen, zum Haus. Es schien sich in die grüne Umgebung zu ducken. Obwohl abgeschirmt nach allen Seiten, hatte Bernd dichte Gardinen hinter sämtliche Fenster gehängt. Nirgendwo konnte man hineinblicken.

Im Blumenkübel neben dem Eingang fand sie den Schlüssel.

Sie öffnete und trat in die Diele.

»Hildchen!«

Er rief aus dem Schlafzimmer. Seine Stimme klang, als klapperten ihm die Zähne.

»Ja, ich bin’s!«

»Gott sei Dank! Hab deinen Wagen gehört. Aber ich konnte nicht rauskommen. Mir wird schwindelig, sobald ich mich aufrichte.«

Sie trat ins Schlafzimmer.

Er lag im Bett, zugedeckt bis zum Kinn, Schweiß auf dem Gesicht. Die Augen glänzten. Ob das Fieber den Glanz verursachte oder die Erwartung, ließ sich nicht feststellen.

Sie ging zu ihm, küsste ihn, strich ihm über das feuchte Haar.

»Steck dich nicht an, Hildchen!« Er lächelte. »Dämlicher Mist! Im Mai noch eine so hundsgemeine Grippe zu kriegen! Und das ausgerechnet, wo unsere Sache jetzt läuft! Na ja, ein paar Tage noch. Dann bin ich wieder auf dem Damm und wir putzen die Platte (abhauen)

Erschöpft setzte sie sich auf den Bettrand.

»Wie hoch ist deine Temperatur?«

»Vorhin noch 39,2. Aber unter der Achsel.« Er grinste. »Nicht rektal (durch den Po)

Sie nickte.

Mit einem Papiertaschentuch wischte er sich übers Gesicht.

»Wie war die Fahrt, Hildchen?«

»Na ja.«

»Erschossen?«

»Bin völlig fertig.«

»Aber sonst ist alles in Ordnung?«

Sie seufzte. »Ich gäbe was drum, könnte ich dich schonen, Bernd. Du bist krank und … Aber ich muss dir die Wahrheit sagen.«

Er furchte die Stirn. »Nämlich?«

»Ich habe die Unterlagen nicht mehr.«

»Waaas?«

Trotz des Fiebers wurde sein Gesicht fahl.

»Auf einem Rastplatz an der Autobahn haben zwei Kerle meinen Wagen aufgebrochen. Sie wollten die Tasche mit den Unterlagen stehlen, aber ein netter und sehr tüchtiger Junge, den ich als Anhalter mitnahm, verhinderte das. Ich dachte, damit wäre es überstanden, und glaubte, obschon halbherzig, an einen Zufall. Aber eben, vor wenigen Minuten, haben dieselben Kerle mich in deiner Garage überfallen. Und die Unterlagen geraubt. Die beiden wissen anscheinend über alles Bescheid. Hast du irgendwen ins Vertrauen gezogen?«

»Nein!«, brüllte er. Seine Stimme überschlug sich. »Nein, nein, nein! Bin doch nicht wahnsinnig. Um Himmels willen! Das kann nicht wahr sein. Das …«

Keuchend hielt er inne. Schweiß lief ihm übers Gesicht. In seiner Kehle rasselte der Atem.

»Bitte, reg dich nicht auf! Du musst dich schonen und…«

»Nicht aufregen?«, schrie er. »Wir sind vernichtet, fertig, am Ende. Geht das nicht in deinen Kopf?«

»Einer der beiden sagte, er werde dich anrufen.«

Er knirschte mit den Zähnen. »Ich verstehe das nicht. Woher wissen die … Hildegard! Beschreib die beiden!«

Sie tat es, wobei der mit dem finsteren Gesicht sehr ausführlich geriet. Vom Zweiten wusste sie nur, dass er weißblondes Haar hatte.

Bernd Wacker verdrehte die Augen. Stöhnend rutschte er tiefer in die Kissen.

»Schlimmer kann es nicht sein, Hildchen. Und wie ich die beiden kenne! Der mit der gebrochenen Nase – das ist Gregor Karsoff. Der andere heißt Leo Bulanski. Es sind Profis von der rücksichtslosesten Sorte: Agenten! Berufsspione, wenn du so willst. Keine Überzeugungstäter, die für eine politische Idee einstehen, sondern Hyänen, die nur dem großen Geld nachjagen. Sie haben sich spezialisiert auf militärische Geheimnisse. Ihr Material verkaufen sie mal diesem, mal jenem Land – immer dem, der am meisten bietet. Früher habe ich mit ihnen zusammengearbeitet. Dann kriegten wir Streit. Seitdem gehen wir uns aus dem Weg. Das heißt…«

Nachdenklich starrte er auf die gegenüberliegende Wand. Die braune Tapete wellte sich etwas. Ein kitschiges Bild zeigte die blaue Grotte bei Capri.

»Jetzt begreife ich«, murmelte er heiser. »Die beiden haben irgendwie mitgekriegt, dass wir beide ein Paar sind. Klar, dass sie sich dann gleich um dich kümmerten. Wie Schuppen muss es denen von den Augen gefallen sein, als sie feststellten, wo und als was du arbeitest. Da wussten sie natürlich, dass wir was Großes, was Riesengroßes vorhaben. Aber …«

Wieder stockten sein Redefluss und offenbar auch der Fluss seiner Gedanken.

Hildegard sprang ein.

»Trotzdem bleibt es rätselhaft, Bernd, wie sie die Sache erfahren haben. Halten wir mal fest, wie es lief: Gestern Abend rief ich dich aus Brüssel an. Ich sagte, die Gelegenheit sei einmalig, so günstig nie wieder. Wir beschlossen, dass ich die Unterlagen stehle. Ich tat’s, setzte mich in den Wagen, fuhr her. Und schon hatte ich die beiden auf den Fersen. Wäre der Junge nicht gewesen, hätten sie die Unterlagen schon unterwegs geraubt.«

Bernds Blick wurde starr. Er sah beängstigend aus. Hildegard überlegte schon, ob sie ihm die Schläfen massieren sollte. Doch die Veränderung in seinen Augen hatte einen anderen Grund: Irgendetwas war ihm plötzlich klar geworden.

Er bedeutete ihr, sich zu ihm zu beugen.

Als ihr Ohr seinen Mund berührte, flüsterte er: »Wir werden belauscht. Bring Papier und Bleistift.«

Sie erschrak. Rasch blickte sie hinter sich. Aber Bernd winkte ab.

Sie ging nach nebenan, wo sein Schreibtisch war, und kam mit Block und Kugelschreiber zurück.

Er schrieb im Liegen. Es wurde Gekritzel. Aber sie konnte es entziffern. Da stand:

Es gibt nur eine Erklärung: Karsoff und Bulanski waren heimlich hier im Haus und haben Abhörgeräte angebracht. Was das betrifft, sind sie meisterlich. Dann haben sie also jedes Wort mitbekommen, das hier gesprochen wurde. Und jedes Telefonat zwischen uns. Wahrscheinlich ist auch der Apparat angezapft. Also wussten sie genau, was wir vorhaben, und dass die Sache heute ausgeführt wird!!

Er hatte zwei fette Ausrufungszeichen gemalt, die wie Dolche aussahen. Einer für Karsoff, einer für Bulanski. Aber mit Ausrufungszeichen würde er die beiden nicht umbringen.

Minutenlang herrschte betretenes Schweigen.

Hildegard hätte am liebsten geheult. Alles vergeblich! Schlimmer noch! Ihr Leben war jetzt für alle Zeiten verpfuscht!

Bernd hatte die Augen geschlossen.

Sie betrachtete ihn. Seinetwegen hatte sie alles getan. Weil sie ihn so sehr liebte, weil sie – wäre alles gut gegangen – mit ihm nach Südamerika geflohen wäre, um dort – unter anderem Namen – ein neues Leben zu beginnen: reich, frei, ohne die Drangsal ihres bisherigen Daseins.

Er atmete schwer. Er war 35 Jahre alt und gelernter Industriekaufmann, arbeitete aber als Vertreter für eine Feinkostfirma. Das war freilich nur Tarnung. Zuallererst war er Spion – mit tollen Verbindungen zu sämtlichen Spionageorganisationen, die fremde Mächte hier in der Bundesrepublik unterhielten. Er lebte gefährlich. Aber das passte zu ihm.

Er war ein großer, schlaksiger Typ und bewegte sich auf nette Weise linkisch, weshalb er wie ein Junge wirkte: harmlos und unbeholfen. Das täuschte. Hinter dem schmalen, glatten Gesicht steckten Kaltblütigkeit und ein dehnbares Gewissen. Was ihm, Bernd Wacker, nützte, war erlaubt. Er kannte keine Skrupel.

Das Telefon schrillte.

Beide fuhren hoch.

Es stand auf dem Nachttisch. Bernd griff zum Hörer.

»Wacker.«

Hildegard beugte sich vor, sodass sie mithören konnte.

»Hallo, Bernd!«, sagte Karsoff am anderen Ende der Leitung. »Schöne Pleite, was? Deine Kleine riskiert Kopf und Kragen, und wir, die bösen Buben von der Konkurrenz, schöpfen den Rahm ab. Aber so ist das nun mal im Leben und in unserem Handwerk: Es gibt immer Gewinner und Verlierer. Stimmt’s?«

»Verdammtes Schwein!«, sagte Bernd mit völlig ruhiger Stimme.

»Aber, aber! Wir wollen doch sachlich bleiben. Es geht nicht um Sympathien, sondern ums Geschäft.«

»Verdammter Hund! Die Pest wünsche ich euch beiden an den Hals.«

»Kriegen wir aber nicht«, lachte Karsoff. »Vor der letzten Reise in tropische Gegend haben wir uns impfen lassen.«

»Was willst du? Ihr habt doch jetzt alles.«

»Stimmt! Und bei der ersten Durchsicht hat’s uns lang auf den Rücken geworfen. Das ist wirklich ein dickes Ei. Der Wert unter Brüdern – ich schätze: eine Million. Oder wolltet ihr mehr kassieren?«

Bernd antwortete nicht.

»Also, Freund Wacker, damit du Bescheid weißt: Wir verkaufen an jeden. Bei uns gilt das höchste Gebot. Ihr könnt die Unterlagen zurückhaben. Aber dann müsst ihr mitbieten. Zunächst verlangen wir eine Million. Das wollte ich dir sagen. Ende.«

Er legte auf. Bernd warf den Hörer auf die Gabel.

Auf den Block schrieb er: Die werden sich wundern. Jetzt nehme ich den Kampf auf. Wir jagen ihnen die Unterlagen ab. Von mir aus hart auf hart – und wenn alles in Scherben fällt.

Hildegard schluckte, als sie las. Dann nickte sie.

Während der nächsten zwei Stunden suchten sie die vier Räume des kleinen Hauses nach Abhörgeräten, sogenannten Wanzen, ab. Das heißt: Bernd gab die Anweisungen. Hildegard suchte.

Sie fanden vier, in jedem Raum eine. Sie waren raffiniert versteckt.

Wanze Nummer fünf entdeckte Bernd dann im Telefon.

»Das sollen sie büßen«, murmelte er, »und das werden sie büßen. So was lass ich nicht mit mir machen, ihr Hunde!«