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Stefan Wolf

Die Gift-Party

Rauschgiftrazzia im Internat

Taschengeld für ein Gespenst

Ein Fall für

 

 

 

cbj ist der Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

 

 

 

 

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

2. Auflage

© 2005 cbj, München

Alle Rechte vorbehalten

Illustrationen: Reiner Stolte, München

Satz: Uhl+Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-01305-9

 

Datenkonvertierung eBook:

Kreutzfeldt Electronic Publishing GmbH, Hamburg

TIM

heißt eigentlich Peter Carsten. Aber tolle Typen haben auch immer einen Spitznamen. Früher wurde Tim von seinen Freunden Tarzan genannt, doch mit dem will er nicht mehr verglichen werden, nachdem er diesen »halb fertigen Bodybuilder« in einem Film gesehen hat. – Tim ist der Anführer der TKKG-Bande, die so bezeichnet wird nach den Anfangsbuchstaben ihrer Vor- oder Spitznamen. Tim ist 14, aber seinem Alter geistig und körperlich weit voraus. Ein braun gebrannter Athlet, besonders veranlagt für Kampfsport und Volleyball. Seit zwei Jahren wohnt er in der berühmten Internatsschule, ist Schüler der 9b. Sein Vater, ein Ingenieur, kam bei einem Unfall ums Leben. Tims Mutter, eine Buchhalterin, müht sich sehr, um das teure Schulgeld für ihren Sohn aufzubringen. Tim ist der geborene Abenteurer, hasst Ungerechtigkeit, mischt sich ein und riskiert immer wieder Kopf und Kragen.

KARL, DER COMPUTER

sitzt im Unterricht neben Tim, wohnt aber nicht im Internat, sondern bei seinen Eltern in der nahen Großstadt. Karl Viersteins Vater ist Professor für Mathe und Physik an der Universität; und wahrscheinlich von ihm hat Karl das tolle Gedächtnis geerbt – aus dem man alles abrufen kann wie aus einem Computer. Karl ist lang aufgeschossen und sieht magersüchtig aus, weshalb körperlicher Einsatz nicht seine Sache ist. Er kämpft lieber mit geistigen Keulen und fühlt sich bei den TKKG-Aktionen zuständig für technische und wissenschaftliche Probleme. Wenn ihn was aufregt, putzt er sofort die Gläser seiner Nickelbrille – und das manchmal so heftig, dass er alle paar Monate eine neue braucht.

KLÖSSCHEN

wird so genannt, weil er so aussieht; und für sein Aussehen gibt es einen Grund: Willi Sauerlich nascht und nascht und nascht. Schokolade ist für ihn Kraftnahrung, auch wenn er davon immer runder wird. Zusammen mit Tim bewohnt er im Internat die Bude ADLERNEST. Klößchens Vater ist Schokoladenfabrikant und der Sohnemann versteht sich bestens mit seinen Eltern, die im feinsten Viertel der nahen Großstadt leben. Auch als Fahrschüler könnte Klößchen die Internatsschule besuchen, aber zu Hause in der pompösen Villa hat er sich immer nur gelangweilt; deshalb ist er jetzt hier – und wird von Tim mitgerissen in die vielen haarsträubenden Abenteuer, das Markenzeichen der TKKG-Bande.

GABY, DIE PFOTE

muss sich als einziges Mädchen gegen drei Jungs behaupten. Aber alle Trümpfe sind auf ihrer Seite: goldblondes Haar, blaue Augen mit dunklen Wimpern, Anmut, Intelligenz und wenn nötig eine kesse Lippe. Für Tim ist seine Freundin das schönste Mädchen der Welt und er fühlt sich als ihr Beschützer – vor allem dann, wenn es gefährlich zugeht: ein sehr häufig wiederkehrender Zustand. Gabriele Glockner wohnt bei ihren Eltern in der Stadt und besucht die 9b der Internatsschule als Fahrschülerin. Gabys Vater ist Kriminalkommissar und ein väterlicher Freund der Jungs. Gabys Mutter – von Tim, Karl und Klößchen hoch verehrt – betreibt ein kleines Lebensmittelgeschäft. Gaby liebt Tiere und lässt sich von Hunden gern die Pfote geben, was zu dem Spitznamen PFOTE geführt hat. Oskar, ein schwarz-weißer Cockerspaniel, schläft auf ihrem Bettvorleger.

Stefan Wolf

Die Gift-
Party

Ein Fall für

 

 

Inhalt

1.Fest-Programm
2.Stielke, der Totengräber
3.Verdächtige Spuren
4.Wer ist der Nasen-Typ?
5.Nie wieder Kohlsuppe
6.Streichelei und Judogriffe
7.Ein trauriger Rekord
8.Schnapsflaschen
9.Indianerspiel vor 60 Jahren
10.Der Stiftzahn
11.Nur die Creme kommt
12.Tiefschürfende Tätigkeit
13.Legenden vom ADLERNEST
14.Der Inhalt des Koffers

 

1. Fest-Programm

Er kam mit Riesenschritten, strebte durch den Flur in Richtung ADLERNEST und sah völlig abgehetzt aus.

»Heh!«, rief er Tim zu, der gerade aus der Bude MARDERFALLE trat, wo er Sascha Bruntz Kloppe angedroht hatte – wegen übler Nachrede. »Weißt du, wo Tarzan und Klößchen sind?«

Tim lachte. »Sie sind ja total verwirrt, Herr Doktor Gutbrot. Tarzan, den gibt’s nicht mehr – weil er jetzt Tim heißt. Und der bin ich. Willi liegt wahrscheinlich auf dem Bett und pfeift sich Kakaoprodukte rein.«

Dr. Gutbrot rückte an seiner Brille, Modell Fallschirmspringer.

Zu ihm passte sie nicht. Er war weder sportlich noch wagemutig, sondern ausschließlich Altsprachen-Pauker.

Die interessanten Zeiten dieser Welt endeten für ihn mit Cäsars Hinscheiden (44 v. Chr.).

Immerhin war sein Nachmittagspulli enorm modern, nämlich zwei Nummern zu groß.

»Tatsächlich«, murmelte er. »Du bist es. Bei mir macht sich Mattscheibe breit. Die Vorbereitungen überfordern mich. Nach der Fete kaufe ich mir neue Nerven.«

»Lassen Sie sich nicht hetzen«, riet Tim, »lassen Sie lieber was schiefgehen. Also? Willi und Tim stehen zur Verfügung.«

Gutbrot zog ihn zum ADLERNEST.

Vor Jahr und Tag hatten Spaßvögel versucht, dem Latein-Griechisch-Pauker einen Spitznamen anzuhängen: Schlechtsemmel.

Durchgesetzt hatte sich das nicht. Er blieb Gutbrot, ein zurzeit 32-jähriger, umgänglicher Typ – der über alles Bescheid wusste, was mehr als 2000 Jahre zurückliegt.

Klößchen fläzte sich auf dem Bett.

Als sie eintraten, warf er ein Stück Schokolade in die Luft. Mit dem Mund fing er es auf.

Das gelang immer. Bis zu 57-mal hintereinander, seinem persönlichen Rekord. Selbstverständlich nahm er stets ein neues Stück Schoko.

»Lass dich nicht stören«, sagte Gutbrot«, »aber hör zu.«

Er sank auf einen der beiden Stühle. Mit dem Taschentuch wischte er sich über die Stirn.

»Ihr müsst mir einen Gefallen tun«, seufzte er.

»Mit Vergnügen«, meinte Tim. »Betrachten Sie den Gefallen als getan. Worum geht’s?«

»Wie ihr wisst, hat mich der Direx damit betraut, das 100. Altschüler-Treffen unserer Schule zu organisieren. Ich bin sozusagen das Fest-Büro und brauchte 39 Mitarbeiter. Wen habe ich? Eine Schreibkraft, die an Schreibschwäche leidet. Tausenderlei überrollt mich.«

Klößchen warf ein Stück Schoko bis fast an die Decke.

Es fiel ihm auf die Nase, hüpfte aber von dort in den Mund.

Gutbrot zerrte einen Zettel aus der Tasche.

Es war die Benzinrechnung seiner Tankstelle. Aber das merkte er nicht.Er sprach auswendig, statt notierte Stichworte abzulesen.

»Zum hundertsten Male, Kinder, jährt sich das Schülertreffen. So alt ist unsere Bildungsanstalt. Das muss man sich vorstellen. Selbstverständlich sind die Gründungsmitglieder nicht mehr dabei. Die sehen von oben zu, wenn wir feiern.«

Er wies mit dem Daumen himmelwärts.

Tim stellte sich vor, wie Heere von seligen Altschülern am kommenden Wochenende als Beobachter mitmachten.

»Unsere Schule«, fuhr Gutbrot fort, »gehört zu den besten und renommiertesten (angesehensten) Deutschlands! Europas!! Der Welt!!!«

»Das merkt man vor allem am Schulgeld«, meinte Klößchen. »Jedenfalls sagt das mein Vater.«

»Wie?« Gutbrot schien verwirrt. »Ja, mag sein. Aber dafür bieten wir auch viel.«

Er sah sich im ADLERNEST um, einer bekanntlich winzigen Bude.

Die Holzbalken unter der Decke und die Wände trugen unverkennbar den Stempel von mehr als 100 Jahren – trotz gelegentlicher Erneuerung der Farbe.

Gutbrot beschloss, seine Behauptung nicht näher zu begründen, und fand zum Schülertreffen zurück.

»Aus unserer Schule, Kinder, sind große Leute hervorgegangen. Berühmtheiten. Sie sind über die ganze Welt verstreut. Dennoch – ihrer ehemaligen Schule halten sie die Treue. Wie ihr wisst, findet das Altschüler-Treffen jedes Jahr statt, aber das hundertste nur... nun, Willi?«

»Nur an diesem Wochenende«, antwortete Klößchen und schnappte nach einem Schokobrocken.

»Beim zweihundertsten«, lachte Tim, »gehören wir zu denen da oben.«

Wie Gutbrot wies er mit dem Daumen himmelwärts. »An so etwas Trauriges«, sagte Gutbrot, »wollen wir jetzt nicht denken. Es ist schon traurig genug, dass ich die ganze Arbeit allein machen muss. Viele Altschüler sind nämlich schon angereist. In der Stadt haben sie sämtliche Hotelzimmer belegt. Wohin man sieht – es wimmelt von Altschülern. Oldies sind dabei, die 1938 Abitur machten. Alle Jahrgänge tanzen an – bis zu denen, die kürzlich noch hier waren und jetzt bei der Bundeswehr strammstehen. Ein bunter Haufen also. Und alle freuen sich auf die Fete.«

Er vergisst, dachte Tim, weshalb er herkam. Wegen des Gefallens.

»Die Festfolge«, erklärte Gutbrot, »sieht Folgendes vor: am Freitagabend Empfang in der Städtischen Kongresshalle mit großem Tamtam. Am Samstagvormittag: Tag der offenen Tür – hier im Internat. Die Altschüler dürfen überall rein. Auch in die Buden. Anschließend Feier in der Aula mit großem Tamtam. Am Nachmittag wird es besonders lustig. Herr Peter Luckner hat das Grafen-Schlösschen gemietet und gibt dort eine Party. Sozusagen einen Nachmittagsschoppen mit großem Tamtam. Abends steigt dann der Ball im Hotel Kaiserhof. Alles mit großem... äh... Aufwand. Für Sonntag ist ein gemeinsamer Ausflug vorgesehen. Mit Bussen und Privatwagen eine Fahrt ins Blaue. Wohin es geht, verrate ich noch nicht. Hahah!«

Er stand auf und wandte sich zur Tür.

»Also haltet euren Stall sauber, Kinder. Sonst ist die Innung blamiert.«

»Herr Doktor, der Gefallen!«, erinnerte Tim.

»Wie? Potz Blitz! Deshalb bin ich ja hier.«

Er wackelte mit dem Kopf und setzte sich wieder.

»Es geht darum: Einige Altschüler – ziemlich viele, eigentlich – wollen – wie mir zugetragen wurde – Edmund Raismeyers Grab besuchen.«

Klößchen erwischte einen herabfallenden Schokobrocken mit dem linken Mundwinkel.

Tim durchforschte blitzschnell sein Gedächtnis. Nein, er kannte keinen Raismeyer – wie auch immer der sich schrieb: mit a, e, y oder i.

»Der Verstorbene«, erklärte Gutbrot, »war ein Gründungsmitglied der Schülervereinigung.Er starb vor... ich glaube, vor 15 Jahren.«

»Hochbetagt!«, stellte Tim fest, denn anders konnte es nicht sein.

»Er ist wohl ziemlich alt geworden. Ich kannte ihn nicht.«

»Und?«

»Wie ich höre, war Raismeyer der Letzte seiner Sippe. Er hat alle Verwandten überlebt.«

Tim erriet, worauf Gutbrot hinauswollte. Aber er ließ es ihn sagen.

»Das heißt«, der Lehrer zerrte an seiner Unterlippe, »wahrscheinlich ist niemand mehr da, der das Grab pflegt. Möglicherweise befindet es sich in einem... äh ungepflegten Zustand. Das wäre peinlich für alle, die dort eine Gedenkminute einlegen wollen. Mit stiller Andacht und so.«

Ich sehe mich schon als Friedhofsgärtner, dachte Tim.

»Einige werden sicherlich Blumen mitbringen«, sagte Gutbrot. »Euch bitte ich, zum Westfriedhof zu düsen und nachzusehen, ob Raismeyers Grab in Ordnung ist. Wenn das Unkraut gesiegt hat, werde ich eine Blitzaktion veranlassen. Dann muss unser Internatsgärtner das Grab schönen. Klar?«

»Die Idee, ja«, nickte Tim.

»Aber?«

»Der Westfriedhof ist so groß wie ein ganzer Stadtteil. Wo, bitte, sollen wir suchen?«

»Das weiß ich auch nicht. Aber deiner Spürnase wird doch ein Grab nicht entgehen.«

»Wahrscheinlich kann die Friedhofsverwaltung Auskunft geben«, überlegte Tim. »Andernfalls müssen wir suchen. Vorsorglich, Herr Doktor, melde ich uns – Willi und mich – zum Abendessen ab. Zur Arbeitsstunde sowieso.«

»Ist gebongt«, sagte Gutbrot.

2. Stielke, der Totengräber

Oktobersonne beschien die Stadt. Auf dem Westfriedhof blühten die letzten Rosen.

Paul Stielke hatte das Grab gefunden.

Er warf sein Arbeitsgerät auf den Boden und zog die Joppe aus. Stielke war Totengräber.

Sein Kollege verspätete sich mal wieder. Sollte er auf ihn warten? Oder schon anfangen?

Stielke war ein klotzig gebauter Mann in mittleren Jahren. Schwarze Borstenhaare wuchsen ihm bis tief in die Stirn. Er tat seine Arbeit nicht gern. Aber er hatte nichts anderes gelernt.

Was mir zum Glück fehlt, pflegte er zu sagen, ist nur eins: ein Haufen Geld.

Das war tatsächlich seine Überzeugung, nämlich dass ein enger Zusammenhang bestünde zwischen Glücklichsein und Kohle.

Er trat näher an den Grabstein, um die Inschrift zu lesen.

EDMUND RAISMEYER ...

An den dachte wohl niemand mehr. Der war vergessen – und damit endgültig ausradiert.

Jedenfalls hatte man niemanden gefunden, der sich um Raismeyers sterbliche Überreste kümmerte: trotz des Versuchs der Friedhofsverwaltung, Nachfahren aufzuspüren – trotz des dreimonatigen Anschlags am Grab, dass die Ruhestätte demnächst eingeebnet werde – trotz des öffentlichen Aushangs gleichen Inhalts.

Das sogenannte Benutzerrecht war abgelaufen. Denn ein Toter belegt sein Grab nicht bis in alle Ewigkeit – nein! Nur bis zu 15 Jahren. Dann werden neue Gebühren fällig.

Ein Raismeyer-Hinterbliebener hätte das Grab neu beanspruchen und bezahlen müssen. Den hatte man nicht gefunden. Jetzt trat die Spitzhacke an.

Stielke spuckte in die schwieligen Hände.

Ächzend schob er die Brechstange unter die Steinplatte, die das Grab abdeckte.

Oh! War die schwer! Sollte er nicht doch auf den Kollegen warten?

Hau ruck! Er spannte die Muskeln an und stemmte die Steinplatte hoch.

Verblüfft starrte er auf die schwarze Erde.

Sie war noch sommerfeucht, denn der Herbst war ungewöhnlich mild. Nachtfrost fand erst demnächst statt.

Was war das?

Halb eingebuddelt lag dort ein – Metallkoffer.

Stielkes Zunge fuhr hin und her auf den rissigen Lippen. Er drückte die Steinplatte weiter hoch, bis sie umkippte.

Laub wölkte auf. Erschreckte Sperlinge verzogen sich. Stielke äugte umher. Niemand war in der Nähe. Bäume und Büsche machten aus dem Westfriedhof einen Landschaftspark. Was heimisch und grün war, durfte hier wachsen. Hecken begrenzten den Blick. Niemand beobachtete ihn, als er den Koffer nahm.

In der Erde blieb eine wannenförmige Mulde zurück.

Käfer und Regenwürmer wunderten sich über die plötzliche Helligkeit.

Stielke kniete und wischte den Schmutz vom Kofferdeckel. Er probierte die Schlösser. Beide sprangen auf. Er zögerte einen Moment. Aufregung trocknete seinen Schlund aus. Dann klappte er den Deckel hoch.

Minutenlang starrte er auf den Inhalt.

Niemals im Leben hatte er einen Koffer voll Geld gesehen.

Es waren Hunderter – hauptsächlich Hunderter, nein, nur Hunderter. Gummibänder bündelten sie.

Er konnte kaum atmen.

In dem Moment hörte er das Knattern des Kleintraktors. Sein Kollege kam.

Stielke schloss den Koffer, rannte hinter die nächste Hecke und ließ den Blick umherwieseln. Kein Zeuge. Nur die Sperlinge wippten auf den Zweigen.

Stielke versteckte den Koffer unter der Farnkraut- Umrandung eines üppigen Familiengrabes.

*

Sie schoben ihre Drahtesel. Schließlich ist ein Friedhof kein Platz, um in die Pampa zu heizen.

»... D 81, Platz 19«, murmelte Klößchen, »D 81, Platz 19... Trip und Trollo! War’s so rum oder war’s: D 19 und Platz 81...«

»Du nervst mich«, erwiderte Tim. »Dort ist D 81, links den Weg runter – dann sehen wir, wie es Edmund Raismeyer geht.«

»Ihm ist es sicherlich schnurz, ob die Hundsquecke – was ein Unkraut ist – oder Knollenbegonien auf seinem Grab gedeihen. Wozu das Tamtam? – um mal Gutbrots Lieblingswort zu gebrauchen.«

»Du siehst das nicht richtig«, erwiderte Tim. »Es geht nicht um den seligen Edmund, sondern um Anstand. Der besagt, dass ein Gründungsmitglied Anspruch hat auf ein würdiges Angedenken. Sichtbar wird das in der Beschaffenheit der Ruhestätte. Seht her!, heißt es. Ein so schönes Grab! Das ist uns der Edmund wert. Sonst, Willi, müsste sich die Vereinigung schämen.«

»Verstehe.«

Sie folgten dem Weg.

Die Nachforschung war einfach gewesen. Bei der Friedhofsverwaltung hatte man ihnen Raismeyers Grab bezeichnet.

Tim ging voran. Er schob sein Rennrad mit einer Hand. Abgeschnittene Zweige lagen im Weg.

Klößchen zog im Gehen den Rest einer Schokoladentafel hervor. Er hatte heute einen besonders hungrigen Tag.

Tim hörte Stimmen.

»...kommst aber reichlich spät«, beschwerte sich ein Mann. Er sprach heiser.

»Den Hügel machen wir noch früh genug flach«, wurde ihm geantwortet.

Tim ging am 18. Grab in Reihe 81 vom Bezirk D vorbei.

Das nächste musste Raismeyers Ruhestätte sein. Eine Lebensbaumhecke schirmte sie ab. Hinter ihr unterhielten sich die beiden.

Ob das Altschüler sind?, überlegte Tim.

Er trat durch die Öffnung in der Hecke, blieb stehen und stützte sich auf den Lenker.

Hinter ihm schob sich Klößchen in Position.

Für einen Moment verschlug es Tim die Sprache. Aber er braucht nie lange, um wieder Worte zu finden.

»Was ist denn hier los?«, rief er. »Wo sind wir denn? Bei den ägyptischen Königen? Wird hier ein Grab geplündert?«

Ein Kleintraktor parkte. Auf dem Anhänger lagen Gartengeräte. Ein koboldhafter Mann saß auf dem Traktorsitz. Er rauchte, hatte eine Flasche Bier in der Hand – und heute noch nicht viel gearbeitet.

Der andere war ein wuchtiger Typ mit niedriger Stirn.

»Hast du das gehört, Stielke?«, fragte der Kobold. »Mit dem Jungen geht die Fantasie durch.«

»Aber nur im ersten Moment«, sagte Tim. »Im zweiten checke ich voll, dass Sie die Friedhofsgärtner sind. Wahrscheinlich sogar hauptberuflich. Das sieht man am Arbeitseifer. Uns schickt die schulische Altschüler-Vereinigung. Per Augenschein sollen wir uns überzeugen, dass Edmund Raismeyers Grab im Bestzustand ist.«

Er kniff die Lider zusammen.

Um das Grab hatte sich seit Jahren niemand gekümmert. Das war offensichtlich.

Die Unkräuter Kuhblume, Ackerrettich, Gänsefuß und Gauchheil gediehen nebeneinander. Moos überzog Steineinfassung und Grabplatte. Die Grabplatte war verschoben worden.

Die beiden Männer starrten ihn an. Offenbar dachten sie langsam.

»Sieht ja wüst aus«, meinte Klößchen.

»Du sagst es«, nickte Tim. »Damit legt niemand Ehre ein.«

»Das Grab wird eingeebnet«, sagte Stielke und hielt sich beidhändig an seiner Brechstange fest.

»Wenn ihr morgen wiederkommt«, nickte der Kobold, »gibt’s das Grab nicht mehr.«

»Das wäre eine Katastrophe«, erwiderte Tim, »und muss verhindert werden. Weshalb wird das Grab aufgelöst? Ist der Mietvertrag abgelaufen?«

»So ungefähr.« Der Kobold erklärte, was für Friedhofsbenutzer rechtens ist.

»Wir sind in letzter Sekunde gekommen«, stellte Tim fest. »Aber noch rechtzeitig. Im Namen unseres Auftraggebers ersuche ich Sie, die Abbrucharbeit gar nicht erst anzufangen. Fragen Sie zurück bei Dr. Frieder Gutbrot von der Internatsschule – draußen im Stadtkreis. Man wird für alle Kosten und was sonst noch ist aufkommen. Außerdem tanzt morgen unser Schulgärtner an, um alles auf Hochglanz zu stutzen. Oder wäre das Ihre Aufgabe?«

»Wir sind nicht die Friedhofsgärtner«, sagte Stielke dumpf, »sondern Totengräber.«

»Aha.«

»Was soll das heißen – aha?«

Tickt der nicht richtig?, dachte Tim.

»Aha heißt in diesem Fall: Ich habe begriffen.So ist das also. Volle Klarheit stellt sich ein. Der Durchblick überkommt uns. Sie beide sind keine Gärtner, sondern Totengräber.«

Der Kobold grinste und nahm einen Schluck aus der Bierflasche.

Stielke war offenbar ein schwieriger Typ.

»Der Bengel kann uns viel erzählen, Metsch«, knurrte er. »Ich habe den Auftrag, hier reinen Tisch zu machen – und das mache ich auch.«

»Sachte!«, meinte Metsch. »Wird schon stimmen, was der Junge sagt.«

»Sie wissen jetzt, dass dieses Grab Zukunft hat«, sagte Tim zu Stielke. »Jede Erdbewegung über Edmund Raismeyers sterblichen Resten wäre Grabschändung. Davor warne ich Sie. Wir handeln im Auftrag der Altschüler- Vereinigung, die an diesem Grab höchst interessiert ist und sich in Zukunft darum kümmern wird.«

Stielke feuerte einen bösen Blick ab, der aber Tim nicht beeindruckte.

Klößchen sagte: »Wenn das der Raismeyer hörte, würde er sich im Grabe umgucken.«

»...umdrehen!«, sagte Tim.

»Was?«

»Es heißt, jemand würde sich im Grabe umdrehen.«

»Ich sehe nicht ein«, maulte Klößchen, »wieso das besser oder richtiger ist. Wer erst mal so weit ist, dreht oder guckt sowieso nicht mehr.«

»Womit du recht hast«, lachte Metsch, der Kobold. »Deshalb lass zu Lebzeiten keinen Blick und keine Drehung aus. So, Jungs! Wir machen jetzt Feierabend und ihr seid entlassen. Das Grab bleibt, wie es ist. Unser Verwalter wird sich mit eurem Dr. Gutbrot ins Benehmen setzen (verständigen).«

Mehr stand nicht auf dem Programm.

Tim war zufrieden. Allerdings fing er einen zweiten Blick von Stielke auf.

Offenbar wurmte es den, dass er sich nicht durchgesetzt hatte.

Blödmann!, dachte Tim. Der hat wohl einen beruflichen Minderwertigkeitskomplex. Und wenn ihm dann unsereins Vorschriften macht, ist er voll auf dem Psychotrip.

Dabei kann es diesem Herrn Totenschaufler doch vollkommen egal sein, was mit dem Grab geschieht. Ist ja nicht seins. So erspart er sich eine Menge Arbeit, kann Feierabend machen und ein Bier trinken gehen, was er ganz offensichtlich gern tut, dachte Tim. Warum also so böse, Herr Totenschädel... äh -gräber?

Oder liegt ihm das Grab besonders am Herzen? Hat sein merkwürdiges Benehmen einen Grund? Tim wurde nachdenklich.

3. Verdächtige Spuren

Tim und Klößchen sohlten durchs Friedhofstor, überquerten die Friedhofsstraße und rollten ihre Tretmühlen auf die gegenüberliegende Grünanlage. Ein schmaler Park zog sich stadteinwärts.

Hier stand auch die Telefonzelle. In der Nähe hatte man Ruhebänke aufgestellt.

»Damit hätten wir«, grinste Klößchen, »unsere Aufgabe bewältigt. War eine saustarke Idee von dir, gleich die Befreiung von Arbeitsstunde und Nachtmahl durchzufechten. Jetzt liegt ein enormes Stück Freiheit vor uns.«

»Aber wir dürfen Gutbrot noch nicht anrufen.«

»Du meinst, er merkt sonst, dass wir unsere Aufgabe schon gemeistert haben. Und eigentlich zurückkommen könnten.«

»Genau. Deshalb verschieben wir den Anruf.«

»Macht ja auch gar nichts. Das Grab ist gerettet und unser Gärtner wird morgen die Begrünung einleiten.«

»Außerdem«, Tim sah auf die Uhr, »sind Karl und Gaby gleich hier.«

Mit ihren Freunden hatten sie sich vorhin telefonisch verabredet: am Haupttor des Westfriedhofs. Denn wie lange die Jungs zu tun hatten, war anfangs nicht abzusehen.

Sie lehnten ihre Stahlrosse an die Rückwand der Telefonzelle.

Ein Stadtbus fuhr vorbei und hielt dann vorn an der Ecke.

Zwei alte Damen stiegen aus. Die eine trug Trauerkleidung.

Auch die andere war höchstwahrscheinlich Witwe, aber ihre Stimmung heiter. Sie scherzte mit dem Busfahrer, nahm dann ihren Korb unter den Arm und lief hurtig zum Tor.

Aus dem Korb ragten Gießkanne und die Stiele von Gartengeräten.

Grabpflege!, dachte Tim. Was ist eigentlich schöner: ein verwildertes Grab oder eins, wo Unkraut gejätet wird? Ich finde Unkräuter prächtig. Sind Pflanzen wie andere – nur dass sie nicht angebaut werden, sondern wild wachsen.

Klößchen hatte sich auf eine der hinteren Bänke gesetzt.

Tim ging zu ihm.

»Das mit der offenen Tür am Samstag gefällt mir nicht«, sagte Klößchen. »Denn das heißt ja im Klartext: Jeder Altschüler kann bei uns reinmarschieren, als wäre er im ADLERNEST zu Hause.«

»So schlimm wird das nicht werden. Mehr als zwei – außer uns – passen nicht rein. Ich stelle es mir lustig vor, wenn da ein Opa anklopft und dir erzählt, er habe vor 50 Jahren in deinem Bett geschlafen.«

»Bestimmt sogar auf denselben Matratzen.«

Tim sah zum Friedhofstor.

Stielke machte Feierabend und kam im Sauseschritt. Trotz hohen Tempos blickte er mehrmals hinter sich. Als fürchte er Verfolger.

Er trug eine Joppe und unterm linken Arm eine abgewetzte Aktentasche.

Die hatte garantiert noch nie Akten gesehen, sondern nur eingewickelte Butterbrote und die Thermoskanne mit Kaffee. Oder Bierflaschen.

In der anderen Hand hielt Stielke einen Koffer.

Wo hat er denn den gefunden?, dachte Tim erstaunt. Offensichtlich handelte es sich um Fluggepäck, einen silbergrauen Metallkoffer.

Stielke hetzte zu seinem Wagen, ohne die Jungs zu bemerken.

Die Rostlaube parkte unweit vom Tor.

Er öffnete den Kofferraum, blickte argwöhnisch zurück, legte das Fluggepäck in den Wagen und schloss sorgfältig ab.

»Was ist denn mit dem?« Klößchen stützte einen Fuß auf die Bank und das Gesicht aufs Knie.

Stielke krauchte hinters Lenkrad und fuhr ab.

»Ich würde sagen, Willi, der hatte es höllisch eilig, den Abflug zu machen. Als hätte er Gespenster gesehen, die ihm flugs auf den Fersen sind. Oder hat er was geklaut?«

»Wieso geklaut?«

»Du glaubst doch nicht, dass der mit dem Koffer zur Arbeit kam!«

»Hast recht. Das war’s, was mich an seinem Anblick störte. Ist kein Koffer für Totengräber. Und dazu diese Eile. Logo. Den hat er geklaut. War denn heute eine Beerdigung?«

»Die sind hier immer. Aber kein Trauergast bringt zu einer Beisetzung seinen Flugkoffer mit. Nee, Willi! Das ist es nicht. Wir sind noch nicht auf der Naht. Der Koffer...«

Er sprang auf.

Klößchen erschrak und sah sich sofort um. Offenbar glaubte er, irgendwas oder -wer hätte seinen Freund hinterrücks gebissen. Aber es war nur Tims Temperament.

Aha, Herr Totengräber!, dachte Tim. Knacks – die Beleuchtung geht an. Ich ahne was und das wäre ein Hammer.

Er wollte es Klößchen erklären. Aber die Ankunft von Gaby und Karl lenkte zunächst davon ab.

Sie kamen auf ihren Rädern und wären beinahe durchs Tor gerollt. Tim pfiff auf zwei Fingern, was sie aufmerksam machte.

Gaby trug ihre neue Windjacke und einen weißen Rollkragenpulli. Sie hatte noch die Bräune des Sommers auf der Haut, was ihr besonders gut stand.

Tim umärmelte sie, bevor er ihr Rad hielt. Das Bussi ging freilich daneben, weil Gaby juchzend zur Seite kippte.

»Wieso hängt ihr hier rum?«, fragte Karl. »Statt uns herzulocken, hättet ihr ebenso gut in die Stadt brettern können. Oder sehe ich das falsch?«

Tim küsste seine Freundin zum zweiten Mal. Dabei traf er den Mundwinkel.

»Du riechst nach Friedhof«, meinte sie lachend. »Nicht nach Grab oder so. Sondern nach dieser grünen Hecke. Die erinnert mich an Friedhöfe. Aber sie wächst auch im Stadtpark.«

»Sie wächst sogar auf dem Schulgelände. Freunde, dass Willi und ich hier gewartet haben, verhilft uns zu einer bemerkenswerten Entdeckung. Aber erst berichte ich mal.«

Das dauerte nicht lange.

»Was den Koffer betrifft«, fuhr er dann fort, »vermute ich Folgendes: Stielke hat ihn gefunden.«

»Und wo?«, fragte Gaby und blies gegen ihren goldblonden Pony, der heute genau die richtige Länge hatte.

»In Raismeyers Grab.«

»Waaas?«, forschte Klößchen. »Dort? Ich meine: Schön, er war Gründungsmitglied und ein bedeutender Mann. Wahrscheinlich hatte er auch bedeutende Verwandte. Aber es ist doch hierzulande völlig unüblich, einem Verstorbenen Grabbeigaben mitzugeben auf die letzte Reise. Und ... «

»Willi!«, wurde er von Tim unterbrochen. »Raismeyer war kein Pharao (ägyptischer König). Es handelt sich nicht um seinen Koffer, sondern um einen, der – zufällig, sicherlich – in dem Grab versteckt wurde.«

»Und was ist drin?«, fragte Gaby.

»Keine Ahnung. Aber Stielke benahm sich, als hätte er den Schatz von Eschnapur entdeckt.«

Klößchen öffnete den Mund. Zunächst wollte er sich nach Eschnapur erkundigen. Dann fiel ihm eine bessere Frage ein.

»Und wer hat den Schatzkoffer im Grab versteckt?«

»Hit und Hirnriss! Frag was Leichteres! Ich vermute doch nur. Antworten habe ich auch nicht im Ärmel. Aber jetzt wollen wir erst mal abklopfen, ob meine Gehirnblase stimmt. Was mich auf den Einfall brachte, ist dies: Raismeyers Grabplatte lag schief. Als hätte wer daran rumgeschoben.«

»Entsinne mich«, nickte Klößchen. »Sie lag wirklich querbeet, nein quergrab. Da hat wer druntergeguckt.«

»Stielke«, nickte Tim. »Er hatte den Koffer schon gefunden und beiseitegestellt, als wir kamen. Er wusste, was drin ist. Deshalb wäre es ihm lieber gewesen, wenn das Grab verschwindet. Weil dann der, dem der Koffer gehört, total den Durchblick verliert. Fragt nämlich der Eigentümer irgendwo rum – bei Stielke, zum Beispiel –, würde er hören, ein Bagger hätte abgeräumt. Und alles, was Grab war, ist auf ’ner Halde gelandet.«

Mit dem Kinn wies er zum Friedhof.

»Noch ist geöffnet. Sehen wir nach.«

Klößchen führte. Er hatte sich den Weg gemerkt und ging mit Karl voran.

Tim schob zwei Räder mit der linken Hand. Den rechten Arm legte er seiner Freundin um die Schultern.

»Du riechst fantastisch«, meinte er und steckte die Nase in ihr Goldhaar, »nach Apfelblüte, überhaupt nicht nach Friedhof.«

»Apfelshampoo«, ihre Blauaugen lächelten ihn an. »Habe ich nicht eine tolle Nase?«

»Kannst Oskar Konkurrenz machen. Ich hätte ihn mitbringen sollen.«

»Hunde dürfen nicht auf Friedhöfe. Weil sie buddeln. Was das betrifft, dulden Stielke und Metsch keinen neben sich.«

Als sie Raismeyers Grab erreichten, sank die Sonne hinter die westlichen Hügel. Sofort wurde es kühler. Der Glanz auf dem Laub verschwand. Farben, die eben noch leuchteten, wurden fahl.

Karl ging zur anderen Seite des Grabes und betrachtete die Kanten.

»Die Platte liegt jetzt so, wie sie liegen muss. Aber der Moosteppich hat einen langen Riss. Frische Erde liegt bloß. Man sieht, dass jemand an der Platte gerückt hat.«

»Wir wüssten sofort Bescheid«, sagte Gaby, »wenn wir unter sie sehen könnten. Leider unmöglich!«

»Wieso ist das unmöglich?«, fragte Tim. »Hast du Angst vor Raismeyers Geist?«

»Es ist unmöglich wegen der Grabplatte«, belehrte sie ihn. »Das Ding wiegt... ach, bestimmt noch mehr. Stielke und Metsch hatten einen Flaschenzug oder wenigstens hilfreiches Gerät. Anders kann man die Platte nicht heben.«

»Man kann«, meinte Tim. »Da bin ich ganz sicher.« Er lehnte beide Tretmühlen an die Hecke.

Selbst die Sperlinge hielten den Atem an, als er sich neben dem Grab in die Hocke niederließ.

»Versuch’s nicht!«, rief Karl. »Alle Welt weiß, wie stark du bist. Aber mit bloßen Händen schaffst du das nie. Du brauchst mindestens eine Brechstange zum Hebeln.«

Tim lachte. Er stemmte sich seitlich gegen die Platte und schob. Sie bewegte sich.

Stein scharrte auf Stein. Ein Geräusch war das, als melde sich ein Erdbeben an.

Jetzt war der Spalt breit genug für die Hände.

Im Untergriff schob Tim die Finger unter die Steinplatte. Den Rücken hielt er pfeilgerade. Das war wichtig, um die Wirbelsäule zu entlasten.Er beherrschte die Technik. Sie gehört zum Gewichtheben, was er neuerdings in sein Judotraining aufgenommen hatte.

Als er sich hochstemmte, setzte er nur die Kraft seiner muskulösen Beine ein – anfangs, dann den Saft und Schmalz aus Schultern und Armen.

Er richtete sich auf, die mächtige Steinplatte stellte sich auf den jenseitigen Rand.

Er trat einen Schritt aufs Grab zu und hielt die Platte hochkant, jetzt ohne Mühe.

»Bravo!« Gaby klatschte in die Hände. Aber nur einmal. Immerhin befanden sie sich auf dem Friedhof und nicht im Sportstadion.

Klößchen grinste. »Wenn ihr mich nicht ständig am Verzehr kraftspendender Schokolade hindern würdet, könnte ich das auch.«

»Ich will keinen Beifall«, sagte Tim, »sondern die richtige Spur finden.«

Er blickte auf die feuchte Erde zu seinen Füßen, musste aber gleichzeitig darauf achten, dass ihm die Platte nicht entgegenkippte.

Was er sah, verriet alles.

Eine wannenförmige Mulde war in die Erde gegraben oder gepresst. Sie hatte dasselbe Format wie Stielkes verdächtiger Koffer.

Na also, dachte Tim.

Wie heißer Tee wärmte ihm Genugtuung die Brust. Er hatte richtig vermutet.

»Alles klar!«, meinte Karl. »Hier lag der Koffer.«

Tim bewegte sich zum Rand und ließ die Platte herab. Als sie auf dem Boden lag, ging er zu Karls Seite hinüber und schob den behauenen Stein, bis er genau mit der Kante abschloss.

»Es sieht so aus«, meinte Gaby, »also ist das wieder mal ein Fall für TKKG.«