cover

Stefan Wolf

Alarm! Klößchen ist verschwunden

Terror aus dem »Pulverfass«

Die Falle am Fuchsbach

Ein Fall für

 

 

 

 

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.



cbj ist der Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

 

www.cbj-verlag.de

 

 

 

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

1. Auflage

© 2004 cbj, München

Alle Rechte vorbehalten

Illustrationen: Reiner Stolte, München

Satz: Uhl+Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-01304-2
V003

 

Datenkonvertierung eBook:

Kreutzfeldt Electronic Publishing GmbH, Hamburg

www.kreutzfeldt.de

TIM

heißt eigentlich Peter Carsten. Aber tolle Typen haben auch immer einen Spitznamen. Früher wurde Tim von seinen Freunden Tarzan genannt, doch mit dem will er nicht mehr verglichen werden, nachdem er diesen »halb fertigen Bodybuilder« in einem Film gesehen hat. – Tim ist der Anführer der TKKG-Bande, die so bezeichnet wird nach den Anfangsbuchstaben ihrer Vor- oder Spitznamen. Tim ist 14, aber seinem Alter geistig und körperlich weit voraus. Ein braun gebrannter Athlet, besonders veranlagt für Kampfsport und Volleyball. Seit zwei Jahren wohnt er in der berühmten Internatsschule, ist Schüler der 9b. Sein Vater, ein Ingenieur, kam bei einem Unfall ums Leben. Tims Mutter, eine Buchhalterin, müht sich sehr, um das teure Schulgeld für ihren Sohn aufzubringen. Tim ist der geborene Abenteurer, hasst Ungerechtigkeit, mischt sich ein und riskiert immer wieder Kopf und Kragen.

KARL, DER COMPUTER

sitzt im Unterricht neben Tim, wohnt aber nicht im Internat, sondern bei seinen Eltern in der nahen Großstadt. Karl Viersteins Vater ist Professor für Mathe und Physik an der Universität; und wahrscheinlich von ihm hat Karl das tolle Gedächtnis geerbt – aus dem man alles abrufen kann wie aus einem Computer. Karl ist lang aufgeschossen und sieht magersüchtig aus, weshalb körperlicher Einsatz nicht seine Sache ist. Er kämpft lieber mit geistigen Keulen und fühlt sich bei den TKKG-Aktionen zuständig für technische und wissenschaftliche Probleme. Wenn ihn was aufregt, putzt er sofort die Gläser seiner Nickelbrille – und das manchmal so heftig, dass er alle paar Monate eine neue braucht.

KLÖSSCHEN

wird so genannt, weil er so aussieht; und für sein Aussehen gibt es einen Grund: Willi Sauerlich nascht und nascht und nascht. Schokolade ist für ihn Kraftnahrung, auch wenn er davon immer runder wird. Zusammen mit Tim bewohnt er im Internat die Bude ADLERNEST. Klößchens Vater ist Schokoladenfabrikant und der Sohnemann versteht sich bestens mit seinen Eltern, die im feinsten Viertel der nahen Großstadt leben. Auch als Fahrschüler könnte Klößchen die Internatsschule besuchen, aber zu Hause in der pompösen Villa hat er sich immer nur gelangweilt; deshalb ist er jetzt hier – und wird von Tim mitgerissen in die vielen haarsträubenden Abenteuer, das Markenzeichen der TKKG-Bande.

GABY, DIE PFOTE

muss sich als einziges Mädchen gegen drei Jungs behaupten. Aber alle Trümpfe sind auf ihrer Seite: goldblondes Haar, blaue Augen mit dunklen Wimpern, Anmut, Intelligenz und wenn nötig eine kesse Lippe. Für Tim ist seine Freundin das schönste Mädchen der Welt und er fühlt sich als ihr Beschützer – vor allem dann, wenn es gefährlich zugeht: ein sehr häufig wiederkehrender Zustand. Gabriele Glockner wohnt bei ihren Eltern in der Stadt und besucht die 9b der Internatsschule als Fahrschülerin. Gabys Vater ist Kriminalkommissar und ein väterlicher Freund der Jungs. Gabys Mutter – von Tim, Karl und Klößchen hoch verehrt – betreibt ein kleines Lebensmittelgeschäft. Gaby liebt Tiere und lässt sich von Hunden gern die Pfote geben, was zu dem Spitznamen PFOTE geführt hat. Oskar, ein schwarz-weißer Cockerspaniel, schläft auf ihrem Bettvorleger.

Stefan Wolf

Alarm! Klößchen ist verschwunden

Ein Fall für

 

 

 

 

Inhalt

1.Freitagsfisch 11
2.Biezich und Schmerl 18
3.»Nebenan waren Einbrecher!« 27
4.In mieser Gegend 33
5.Der Ganove hat Zahnschmerzen 38
6.Pfundige Idee 49
7.Da tiriliert der Gänsegeier 57
8.Endziel Afrika 69
9.»Willi, wo steckst du?« 78
10.Keine Fluchtgefahr 86
11.Verkrochen und verstiegen 94
12.Die Waldes-Dom-Hütte 100
13.Kopfrechnen schwach 104
14.Mit Hangen und Bangen 109
15.Das Wildschwein in der Hütte 114

 

1. Freitagsfisch

Klößchen kaute noch, als er durch den Flur schlurfte.

Tim stand vor der Telefonzelle BESENKAMMER, hatte die Tür einen Spalt geöffnet und den Fuß halb hineingeschoben, damit sie offen blieb.

Es war kurz nach dem Mittagessen im Hauptgebäude der Internatsschule. Allen Schülergesichtern sah man die Sättigung an. Sogar die Pauker wirkten zufrieden.

»Kann noch ’ne Weile dauern, wie?«, meinte Klößchen.

Tim nickte. Er erwartete einen Anruf seiner Mutter aus der fernen Heimatstadt, freute sich darauf – einerseits – und saß andererseits wie auf Kohlen.

»Du kannst ja schon loszischen«, sagte er zu seinem dicken Freund. »Entweder ich hole dich ein oder du bist vor mir da. Nicht dass Gaby und Karl vor verschlossener Villa stehen.«

Gemeint war die Villa Sauerlich, Klößchens Zuhause. Sie steht bekanntlich an der Eichen-Allee, die wiederum zu den feinsten und grünsten Gegenden der nahen Großstadt gehört.

Klößchen ist zwar Internatsschüler – weil ihn daheim die Langeweile anödet –,aber sein Zuhause nur einen Katzensprung entfernt.

»Von Loszischen«, erklärte er bestimmt, »kann keine Rede sein. Ich lasse es langsam angehen. Habe nämlich, glaube ich, vom Freitags-Fisch drei Gräten verschluckt. Die könnten sich quer legen, wenn ich jetzt hetze. Ansonsten hast du recht. Ich mache den Abflug. Damit ich die total tote Hose zu Hause ein bisschen belebe. Zurzeit ist dort niemand. Also bis gleich.«

Er kratzte sich unter der linken Achsel und schob ab zum Ausgang.

Tim zog den Fuß zurück, klemmte zur Abwechslung zwei Finger in den Türspalt und wartete auf das Läuten des Telefons. Aber vorerst blieb es stumm.

Für die nächsten drei Nächte würde er wieder mal Gast sein bei Sauerlichs. Genau genommen nur für zweieinviertel Nächte, denn die TKKG-Bande plante etwas Außergewöhnliches.

Es war Gabys Idee und die Jungs hatten sie mit Begeisterung aufgegriffen.

Denn eines stand fest: Keine Jahreszeit eignet sich besser für eine Nachtwanderung als der frühe Herbst – sofern die Stunden zwischen Abend und Morgengrauen nicht vom Nebel versaut sind, sondern sternenklar, mondhell und trocken.

Eine Nachtwanderung! Und damit kein EvD (Erzieher vom Dienst) dazwischennörgelte, zogen Klößchen und Tim um: von der Internatsbude ADLERNEST in die Millionärsvilla Sauerlich.

Gabys und Karls Eltern hatten ihre Zustimmung für die nächtliche Latscherei schon gegeben; und heute Abend – spätestens um 22 Uhr – sollte es losgehen.

Mutti, ruf an!, dachte Tim. Ich muss weg. Unsinn! Was denke ich! Lass dir Zeit, Mutti! Bist sicherlich noch mitten im Job. Und dass ich mit dir spreche, ist sowieso wichtiger als Freizeit-Nutzung.

Er nahm die Finger aus dem Türspalt und bemühte wieder den Turnschuhfuß.

Auf seinem staubgrauen Stahlross, bei dem nur noch hier und da die Rotlackierung durchschimmerte, strampelte Klößchen stadtwärts.

Auf der Zubringerstraße herrschte lebhafter Verkehr – allerdings nur in Richtung Stadt.

Für Schüler teilt der Freitagmittag die Woche. Der weniger angenehme Teil mit viel Unterricht und Arbeitsstunden lag hinter ihnen, der nahezu pflichtenfreie Teil begann. Das weckte Unternehmungslust in den Köpfen und Muskelkraft in den Waden.

Ganze Pulks von Radlern überholten Klößchen. Lehrer, die die Internatsflucht im Wagen antraten, mussten sich den Weg freihupen.

Dass er der Langsamste war, störte Klößchen nicht.

Von denen, dachte er, isst keiner so viel wie ich. Also, was soll’s? Außerdem muss ich mich schonen für heute Nacht. Hoffentlich plant Tim keine Landesdurchquerung, sondern eine gemütliche Strecke. Auf jeden Fall werde ich genug Schokolade einpacken.

Es war ein sonniger Mittag. Der Herbst malte die Landschaft mit kräftigen Farben an. Zwischen den Zweigen hingen Spinnennetze, deren Architekten an dünnen Fäden Klimmzüge machten beziehungsweise Tauklettern.

Im Getümmel der Großstadt trennten sich die Wege.

Während Schüler und Pauker in die City (Innenstadt) strebten, radelte Klößchen in jenes Viertel, wo die Acht- und Zwölfzylinder-Öfen in den Einfahrten stehen.

In der Eichen-Allee herrschte vornehme Stille.

Die Gefiederten waren noch nicht zur Südreise angetreten, aber das Reisefieber steckte ihnen bereits in den Flügeln; die meisten Vögel benahmen sich vorbereitungsaufgeregt, aber keineswegs laut.

 

Jetzt, keine 100 Meter vor dem Ziel, fiel Klößchen ein, dass er den Hausschlüssel brauchte.

Indem er freihändig fuhr, klopfte er hastig seine Taschen ab.

Gott sei Dank! Er hatte ihn. Was mehr oder weniger Zufall war, jedenfalls nicht das Ergebnis umsichtiger Planung.

Trotzdem!, dachte er. Ich kann rein. Damit ist der Nachmittag gerettet.

Sein Vater, der Schokoladenfabrikant Hermann Sauerlich, befand sich auf Geschäftsreise in... jedenfalls weit weg. Genaueres wusste Klößchen nicht.

Seine Mutter, Erna Sauerlich, besuchte eine Freundin in Pröttlweier, einem Dorf, das etwa 20 Kilometer westlich der Stadtgrenze liegt und neuerdings für frischlufthungrige Städter als Schlafstatt interessant wird.

Ernas Freundin hatte sich bei einem Reitunfall mehrere Zehen gebrochen und die Halswirbel verstaucht, was auf einen akrobatischen Sturz schließen lässt – denn alles andere an der Reiterin war heil geblieben.

Immerhin – der Krankenbesuch war vonnöten und Erna hatte außer einer Luxus-Bonbonniere (Schachtel) feinster Sauerlich-Pralinen auch den neuesten Tratsch mitgebracht.

Wo die Köchin und der Chauffeur waren, wusste Klößchen nicht. Jedenfalls hatten sie frei und ihre Abwesenheit rechtzeitig bekannt gegeben.

Noch 50 Meter befand sich Klößchen jetzt von seiner Heimatadresse entfernt.

In der Einfahrt des Nachbargrundstücks zur Rechten stand Herr Breithamml, ein flotter Endfünfziger.

Er trug seinen karierten Freizeithut, nuckelte an kurzer Pfeife und beäugte den Steingarten, der gleichzeitig Vorgarten war.

»Hallo, Willi!«, rief er. »Mal wieder zu Hause?«

»Tag, Herr Breithamml. Ja. Meine Freunde kommen auch. Wir planen eine Nachtwanderung.« Er stieg vom Rad.

»Dann verlauft euch aber nicht. Nachts ist es dunkel.«

»Das haben wir einkalkuliert. Tim kann anhand der Sterne unseren Standort bestimmen. So mit westlicher Breite und nördlicher Länge – oder wie das heißt.«

Breithamml lachte. »Offenbar wollt ihr weit.« Dann kniff er die Augen zusammen und äugte wieder zwischen die Steine. »Es ist zum Aus-der-Haut-Fahren mit Lumpi.« Er meinte seinen Dackel.

»Hat er sich versteckt?«

»Nee.Er liegt in seinem Körbchen. Aber du weißt ja, wie gern er mir das Schlüsselbund klaut. Sonst ließ er’s irgendwo im Haus fallen. Aber neuerdings wird es im Garten verbuddelt – wie ein Knochen. Ohne meine Schlüssel bin ich aufgeschmissen. Ich kann nicht an den Geldschrank, kriege die Haustür nicht auf und die Schlüssel vom Mercedes und vom Kombi sind auch dran.«

»Uiiih!«, meinte Klößchen. »Das ist ja wie Luftmangel am Tag der Segelflieger. Nichts geht mehr. Aber wenn Sie...«

Er hielt inne.

Kreischend zerriss der schrille Ton einer Sirene die Mittagsstille über der Eichen-Allee.

Aber es war keine Sirene, sondern eine Alarmanlage – der hörbare Hinweis auf Einbrecher.

Klößchen erkannte diesen ganz besonderen schrillen Kreischton, der in den Ohren wütet und plombierte Zähne erzittern lässt.

Es war die Alarmanlage der Villa Sauerlich.

2. Biezich und Schmerl

Breithamml rückte die Pfeife in den anderen Mundwinkel, bückte sich und sah hinter einen kopfgroßen Stein. »Nicht zu finden«, murmelte er.

»Herr Breithamml!«, brüllte Klößchen. »Hören Sie denn nicht? Die Alarmanlage! Bei uns wird eingebrochen!« Breithamml richtete sich auf.

»Keine Sorge, Willi! Das hat nichts zu bedeuten.« »Waaaaaas?«

»Der Monteur war vorhin hier. Er ist von Haus zu Haus gegangen und hat allen gesagt, dass eure Alarmanlage neu justiert werden muss. Niemand soll sich was denken, wenn sie losheult.«

»Neu justiert? Was heißt das?«

»Justieren bedeutet, Geräte und Maschinen auf den richtigen Gebrauch einstellen. Da! Hör mal! Jetzt ist nichts mehr zu hören. Jetzt stimmt’s sicherlich – technisch gesehen.«

»Aha! «, nickte Klößchen. »Trotzdem packt mich die Verwunderung. Dann ist wohl doch wer zu Hause. Amalie oder Georg. Der Monteur? War das Herr Schraubkappler? Der hat die Anlage bei uns eingebaut.«

»Ich kannte ihn nicht. Es war einer mit Vollbart, Sonnenbrille und Hut. Vom Gesicht sah man nichts.«

»Sicherlich der Lehrling«, folgerte Klößchen messerscharf, wünschte erfolgreiches Schlüsselsuchen und verabschiedete sich.

Wenn Amalie da ist, überlegte er, während seine Reifen die letzten Meter überrollten, soll sie mir erst mal eine anständige Brotzeit machen. Der Freitagsfisch in der Penne bestand ja nur aus Gräten. Ist lebensgefährlich – so was!

Die Einfahrt war geöffnet.

Vor der Garage stand ein grauer Kastenwagen.

Klößchen schob sein Rad hinter die Kfz-Behausung, ließ es dort auf den Rasen fallen, marschierte zum Eingang und wollte läuten.

Dann entsann er sich des Hausschlüssels.

Wozu also Einlass begehren wie ein Besucher, wo doch Amalie – oder Georg – sicherlich bei dem bärtigen Monteur war, um – wie es Art der Sauerlich-Bediensteten ist – scharfäugig aufzupassen, denn wem kann man noch trauen heutzutage, was Erna immer wieder predigt, und schnell ist eine chinesische Vase unter der Jacke versteckt oder ein zusammengerollter Orientteppich unterm Mantel oder...

Klößchen schloss auf.

Er trat ein.

Er trottete durch die Diele.

Dabei dachte er angestrengt darüber nach, welche Zusammenstellung der Brotzeit am nahrhaftesten sei.

Zum Abschluss würde er reichlich Schokolade zu sich nehmen. Das stand schon mal fest.

Er blickte ins Kaminzimmer. Aber dort war nur sonnendurchflutete Luft.

Im Speiseraum, im Herrenzimmer, in der Bibliothek sah es nicht besser aus.

Also latschte er über den teppichbelegten Flur zum Terrassenzimmer, das – süd- und gartenseitig gelegen – im Erdgeschoss mit Abstand der größte Raum ist.

Er öffnete die Tür und trat über die Schwelle.

»Da bin i...«

Das ...ch blieb ihm im Halse stecken.

 

Die Terrassentür war zerschmettert. Glassplitter bedeckten den Boden. Die Alarmanlage hatte ihre Pflicht getan. Nun hatte einer der beiden die Heulvorrichtung abgeschaltet.

Vermutlich war Baldur Schmerl das gewesen, denn er fummelte noch an Drähten herum.

Der andere, der wie Schmerl einen Monteursanzug trug, nahm soeben den Hut ab, die Sonnenbrille und den angeklebten Vollbart.

Oswald Biezich kam zum Vorschein. Als Beruf gab er Autoputzer an. Aber nicht in dieser Eigenschaft war er hier. Schmerl war Dachrinnenreiniger.

Beide hatten gelegentlich für die Sauerlichs gearbeitet.

Offenen Mundes starrte Klößchen sie an. Unbewusst nahm er wahr, dass sie Handschuhe trugen. Auf dem Tisch lagen drei oder vier wertvolle Gemälde. Vermutlich hatte Biezich die bereits von der Wand genommen, ehe er sich seiner lästigen Verkleidung entledigte.

»Er... kennt uns.« Schmerls Stimme zitterte.

Biezich klapperte mit dem Unterkiefer. Das war im Moment die einzige Bewegung, die ausgeführt wurde.

Klößchen hatte Salzsäulenstarrheit angenommen. Sein Blut schien zu stocken, der Atem sowieso. Nur in seinen grauen Zellen bewegte sich was.

Einbrecher!, dachte er – und das war absolut richtig. »Wenn... wenn er uns verrät ... «, jaulte Schmerl. Plötzlich kam Bewegung in ihn. Wie eine Riesenspinne, die sich auf eine dicke Fliege stürzt, schnellte er vor.

Er war ein großer, dürrer Kerl mit schlechter Haltung und hängenden Schlupflidern, weshalb er immer übermüdet aussah – und meistens war er das auch.

Jetzt also warf er sich auf Klößchen und packte ihn mit beiden Fäusten.

»Was soll das?«, brüllte Klößchen. »Hiiiiilfe!«

Schmerl drückte ihm eine Hand auf die Futterluke. Hand und Handschuh rochen nach Nikotin. Trotzdem biss Klößchen hinein.

Schmerl schrie auf. »Mensch, fass mit an!«, forderte er seinen Komplizen auf.

In den kam Leben. Er sprang herbei.

Während Klößchen um sich trat, aber keine Schienbeine traf, wurde er von vier Fäusten gepackt.

»Wir... wir müssen ihn mitnehmen«, keuchte Biezich. Er war gedrungen und krummbeinig. Seine Augen standen eng, die Ohren ab.

Indem er die Faust über Klößchens Kopf schwang, herrschte er ihn an: »Wenn du schreist, Fettmops, haue ich dir Beulen an die Rübe. Klar? Keinen Ton!«

Keinen Ton!, dachte Klößchen. Natürlich! Wozu auch? Die Sirene hat keinen Nachbarn auf den Plan gerufen. Wenn ich brülle, denken die nur, meine Stimmbänder werden justiert. Scheibenhonig, elender.

»Lass ihn nicht los!«, sagte Schmerl.

Er rannte zur Terrassentür, wo seine Bereitschaftstasche stand – eine Flugtasche aus Leinen, die alles enthielt, was man als Einbrecher so braucht. Schmerl hatte auch Strippe drin und eine Heftpflasterrolle.

Klößchen sah das Zeug und ahnte Schreckliches.

Eine Minute später hatten sie ihn gefesselt, von Kopf bis Fuß wie einen Rollschinken umwickelt. Mundtot war er auch – nämlich von Backe zu Backe mit Heftpflaster zugeklebt.

Er konnte grunzen und knurren. Aber das drang nicht sehr weit.

»Er wird in eine Decke gewickelt«, bestimmte Biezich. »Wir schleppen ihn zum Wagen.«

 

»Und dann?«, fragte Schmerl.

»Wir nehmen ihn mit.«

»Und dann?«

»Ja, willst du ihn vielleicht hierlassen? Damit er die Bullen anruft und uns verrät. Nee! Nicht mit mir.«

Angstschweiß brach Klößchen aus. Die... machen mich kalt!, fuhr es ihm durch den Kopf. Ich bin Zeuge, also gefährlich – ouuuuuh!

»Was nehmen wir sonst noch mit?«, fragte Schmerl.

»Spinnst du? Die Sache ist gelaufen. Aus und vorbei. War ein kurzer Bruch (Einbruch). Null Beute, nur Ärger. Aber lieber das als Knast. Nicht mit mir! – wie ich schon sagte. Hol eine Decke, Mann! Merkst du nicht, wie das Millionärssöhnchen friert.«

3. »Nebenan waren Einbrecher!«

Tim dachte noch nach über das Telefonat mit seiner Mutter, als er in die Eichenallee einbog. Susanne, seiner Mutter, ging es gut. Und das war die Hauptsache. Sie hatte Sehnsucht nach ihrem Sohn. Aber die nächsten Ferien kamen bestimmt – und damit das Wiedersehen.

Unter seinen Rennradreifen spritzten Kiessplitter weg. Als er beim Breithamml-Grundstück vorbeifuhr, sah er den Pfeifenraucher.

Offenbar gruppierte er die Steine des Steingartens anders. Jedenfalls war er gerade dabei, eine größere Klamotte in die Höhe zu stemmen.

Tim fuhr bis zur Sauerlich-Adresse, wunderte sich über die geöffnete Einfahrt und lenkte sein Stahlross zur Doppelgarage. Gabys Klapprad und Karls Tretmühle parkten dort.

Tim hob winkend die Hand. Das galt seinen Freunden. Er stellte sein Rad ab und trabte zum Hauseingang.

Gaby lehnte an der Naturstein-Einfassung der Tür, hatte eine Hüfte seitlich vorgeschoben und eine Hand auf die Jeans gestemmt. Vor ihrem blaugrünen Herbstpullover hing ein Kettchen aus – fast echten – Korallen.

Karl hockte auf oberster Stufe, die offenbar kühl war, denn er bewegte unruhig die Sitzfläche.

»Lässt er euch nicht rein?«, fragte Tim.

Sie wackelte mit den langen, schwarzen Wimpern, pustete gegen den Goldpony und sagte: »Nein.«

»Habt ihr geklingelt?«

»Haben wir«, nickte Karl. »Uns ist bekannt, dass man sich auf diese Weise bemerkbar macht. Außerdem haben wir gerufen, gepfiffen, gejohlt.«

»Wir haben noch nicht gegen die Tür getreten«, sagte Gaby. »Das wollten wir dir überlassen. Du bist der Größte und Stärkste.«

Tim küsste sie auf die zarte Wange. »Schon gut, liebste Gabriele. Ich weiß, dass ihr klingeln könnt. Es scheint also, er ist noch nicht da. Aber er ist lange vor mir abgedüst. Nein, er wollte sich Zeit lassen. Hoffentlich ist er nicht unterwegs eingeschlafen und in die falsche Richtung geradelt.«

Karl stand auf und klopfte seine Rückseite staubfrei.

Gaby schüttelte den Kopf. »Unser Rufen war laut genug.«

»Trotzdem. Ich geh mal ums Haus.«

Erst sah er hinter die Garage. Dort lag Klößchens Rad. Tim presste die Lippen zusammen, war aber noch nicht wirklich beunruhigt.

Dann, auf der Südfront, entdeckte er die eingeschlagene Terrassentür. Sie war weit geöffnet. Er konnte in den Raum sehen, wo zwei Stühle umgekippt waren. Gemälde, die an die Wände gehörten, lagen auf dem Tisch.

Nur für einen kurzen Moment legte ihm der Schreck einen Eisklumpen in den Magen.

Indem er langsam ausatmete, nahm er unbewusst Kampfhaltung an. Im selben Moment sagte er sich, dass wahrscheinlich niemand mehr da war – jedenfalls nicht der oder die Einbrecher.

Er rief seine Freunde.

Gabys Blauaugen wurden groß und kugelrund. Wie ihr der Schock in die Seele fuhr, erkannte Tim außerdem an den Bewegungen der – fast echten – Korallenkette. Aber Gabys Atem beruhigte sich wieder.

»Ob... er noch drin ist?«, stotterte Karl.

»Du meinst, man hat ihn gefesselt und geknebelt«, sagte Tim. »Schon möglich. Werden wir ja sehen. Pfote, du bleibst hier. Noch besser: Du versteckst dich hinter der Garage – falls wir auf Widerstand stoßen oder eine erdrückende Überzahl. Karl, nimm den Knüppel dort mit.«

Gaby zog sich einige Schritte zurück, allerdings nicht bis zur Garage.

Tim und Karl durchsuchten das Haus. Sie stießen auf niemanden, fanden auch ihren Freund nicht.

Da sie sich in der Villa gut auskannten, konnten sie zumindest per Augenschein feststellen: Geraubt und geplündert hatte man nicht.

»Logo!«, sagte Tim. »Willi platzte dazwischen. Er hat sie gestört. Sie – nehmen wir mal an, es waren mehrere – sind also Mittagseinbrecher. Aber, zum triefäugigen Geier!, wo ist Willi? Haben sie ihn mitgenommen? Einbrecher sind Einbrecher und keine Kidnapper.«

Gaby hob eine Achsel, hüpfte in die Diele – wo eins der Telefone stand – und rief ihren Papi an.

Kommissar Glockner sagte, er käme sofort.

*

Sofort – dachte Tim. Das sind – selbst wenn er Blaulicht führt und die Sirene heult – mindestens sechzehneinhalb Minuten. Eher siebzehn. Die vertrödeln wir nicht.

»Ich horche mich schon mal bei den Nachbarn um«, sagte er. »Es ist helllichter Tag. Jemand könnte was oder wen beobachtet haben.«

»Ich komme mit«, sagte Gaby.

Wohl oder übel musste Karl die Stellung halten.

Zu Fuß machten sie sich auf den Weg. Um die Nachbarn zu befragen, waren die Tretmühlen überflüssig.

»Vorhin sah ich den Breithamml«, sagte Tim und legte seiner Freundin den Arm um die Schulter. »Ich glaube, er hat im Garten Steine versetzt und ... «

»Du meinst: Bäume. Man versetzt Bäume.«

»Nee. Ihm ging’s um die Riesenklamotten auf der Straßenseite. Falls er mal aufgeblickt hat, könnte er was bemerkt haben.«

Zu ihrer Enttäuschung war der Pfeifenraucher nicht mehr im Vorgarten. Als sie klingelten, blieb im Haus alles still. Tim äugte in die Garage.

»Der Kombi fehlt. Außerdem hätte Lumpi längst gebellt. Das heißt, Breithamml heizt in der Gegend rum. Also auf später. Nehmen wir uns mal den andern vor.«

Der andere Nachbar war eine Dame. Sie hieß Monique van Dorten, war die dritte Frau eines reichen, inzwischen verstorbenen Kunsthändlers gewesen und bewohnte einen luxuriösen Bungalow, der in die Hangschräge gebaut war, sodass sich im Untergeschoss eine nach Süden geöffnete Schwimmhalle unterbringen ließ.

M. v. D., wie sie von Klößchen benannt wurde, kam im Bademantel an die Tür, hatte nasses Haar – das außerdem lang und blaugrau war – und schlenkerte eine Plastik- Schwimmhaube um den Finger.

»Hallo, ihr zwei!«, erwiderte sie den Gruß. Sie kannte die TKKG-Bande und das nachbarschaftliche Verhältnis zu den Sauerlichs war gut.

»Nebenan waren Einbrecher«, sagte Tim ohne Überleitung. »Wir sind leider zu spät eingetroffen, sonst hätten Sie Schmerzgebrüll hören können. Die Polizei wird gleich hier sein. Aber wir haben bereits Feststellungen gemacht. Nun, aber! Erschrecken Sie nicht! Die Einbrecher waren ja nicht bei Ihnen, sondern bei Sauerlichs.«

Er wartete einen Moment und Gaby tätschelte Frau van Dorten den Arm. Als sie nicht mehr zitterte, fuhr er fort.

»Die Typen sind vermutlich mit dem Wagen gekommen. Sonst hätten sie nicht mitnehmen können, was sie mitgenommen haben.« Dass es sich um Klößchen handelte, verschwieg er absichtlich. Denn Menschenraub gehört erst nach gesunder Rückkehr des Opfers an die große Glocke. »Deshalb unsere Frage: Haben Sie just vorhin irgendwen oder irgendeinen hierorts unbekannten Wagen gesehen?«

»Einen Wagen?«, fragte sie verstört.

»Ein Kraftfahrzeug«, nickte Tim.

»Ja.«

»Was – ja?«

»Ein Wagen stand«, sie deutete mit dem Daumen hinter sich, »auf dem Weg.«

Tim zog rasch die Lippen breit, um nicht zu pfeifen. »Und jetzt ist er nicht mehr da?«

»Ist nicht mehr da«, bestätigte sie.

Der Weg hatte sicherlich einen Namen. Aber bei allen Anwohnern hier hieß er nur »Weg«.

Er begrenzte die Grundstücke südseitig. Da alle Gärten eigentlich Parks waren, also groß, lag der »Weg« in ziemlich weiter Ferne. Von der Sauerlich-Terrasse aus war er nicht zu sehen. Um seinen Verlauf zu erahnen, musste man an ein Fenster ins Obergeschoss.

Hinter dem »Weg« dehnte sich eine Wiese aus, auf der sich von Jahr zu Jahr die Büsche vermehrten. Sie reichte bis zum Waldrand, einem südlichen Ausläufer vom Stadtforst.

Gaby zog an ihrer Unterlippe.

Tim trat von einem Fuß auf den andern – wie ein Rennpferd, das den Start nicht erwarten kann.

»Ich bin durch den Garten gelaufen«, sagte M. v. D., »bis zum Zaun hinten. Jogging.«

»Ausgezeichnet!«, lobte Tim. »Ist gesund.«

»Und anschließend schwimme ich.«

»Man sieht es Ihnen an«, meinte Gaby. »Sie sind schlank und fit.«

M. v. D. lächelte. Für einen Moment war der Schreck vergessen.

»Und hinten am Zaun«, sagte Tim, »bemerkten Sie den Wagen, der dort auf dem Weg stand.«

Sie nickte. »Es war ein Kombi. Braun. Ein Braun, wie es die alten Meister verwendeten, wenn sie die Gewänder des niedrigen Volkes darstellten.«

»Sicherlich hat sich die Autofirma daran ein Beispiel genommen«, meinte Tim. »Das Modell kennen Sie nicht? Konnten Sie das Kfz-Kennzeichen zufällig lesen?«

»Doch.«

»Tatsächlich?«

»Es... fiel mir auf, weil es genau meinem Geburtsdatum entspricht. Natürlich war die 19 nicht enthalten.«

»Die brauchen wir nicht«, lachte Tim. »Uns sieht man doch an, dass wir alle aus diesem Jahrhundert sind. Also?«

»Also ein hiesiges Kennzeichen, und dann die Ziffern: sieben, sieben und... eh ... «, verschämt fügte sie hinzu: »siebenundzwanzig.«

»Sie sehen viel jünger aus«, rief Tim. »Herzlichen Dank, Frau van Dorten.«

4. In mieser Gegend

Glockners Leute suchten das Haus ab nach Spuren und Fingerabdrücken. Was sie fanden, war weniger als das Schwarze unterm Daumennagel einer hauptberuflichen Maniküre (ausgebildete Fingernagel-Pflegerin).

Von Tim erfuhr Glockner, dass sich Klößchens Mutter in Pröttlweier befand – bei Dorothea Wipperkahn, der verunglückten Reiterin.

Gaby, Tim und Karl standen dabei, als er mit Erna Sauerlich telefonierte.

Ihm steht kein bisschen Schweiß auf der Stirn, dachte Tim. Alle Achtung! Gabys Vater sieht nicht nur kernig aus. Er hat wirklich was drauf und Nerven wie Taue. Geschickt, geschickt – er bringt es ihr so schonend wie möglich bei.

Sicherlich! Der Kommissar wandte alle Beruhigungsformeln an, die Polizeipsychologen für solche Fälle erarbeitet haben. Dennoch ließ sich nicht vermeiden, dass er Erna Sauerlich mitteilte, ihr dicker Willi sei verschwunden.

Erna fiel nicht in Ohnmacht. Sie hatte auch ihren Schreikrampf schnell unter Kontrolle. Nach kurzem Weinen wurde sie ruhig.

Sie werde Hermann, ihren Mann, gleich anrufen. Der käme dann mit der nächsten Maschine, sei also abends hier. Ob es sich um Entführung handele? Lösegeld aufzubringen – das sei ja das Wenigste.

»...wenn nur dem Willi nichts passiert! Er hat bestimmt schreckliche Angst. Ob er genügend zu essen erhält? Sonst wird er doch unleidlich.«

»Wir müssen abwarten, Frau Sauerlich«, sagte Glockner. »Sie kommen gleich her, ja? Sind Sie in der Lage, selbst zu fahren? Gut! Sie bleiben in der Nähe des Telefons. Meinen Mitarbeiter Hortensen lasse ich hier. Wenn ein Anruf erfolgt wegen Lösegeld, wird er alles auf Band aufnehmen. Ich verfolge unterdessen eine Spur. Tim und Gaby haben sie entdeckt.Ob es wirklich eine Spur ist, wird sich erweisen. Nicht den Mut verlieren, Frau Sauerlich. Eher bald als später ist Willi wieder da.«

Als er aufgelegt hatte, trat Kriminalassistent Hortensen zu ihm.

»Die Kfz-Zulassungsstelle hat zurückgerufen. Der Wagen mit dem hiesigen Kennzeichen 7727 wurde angemeldet von einem gewissen Jörg Fühme. Balsröder Straße 121.«

Glockner schob die Brauen zusammen. »Das ist im Glasscherbenviertel, wie?«

»Hinter dem Industriegelände«, nickte Hortensen.

»Ich sehe mir diesen Fühme mal an.Zu unserem Freund Mätten gehen wir später.«

Tim stupste Gaby in den mittleren Rückenmuskel. Nun los!, hieß das. Er ist dein Vater, nicht meiner. Du kannst die kesse Zunge rollen.

»Wie sagtest du soeben ganz richtig, Papilein«, gurrte sie. »Tim und Gaby, die flinken zwei, haben die Spur, die vielleicht eine ist, entdeckt. Daraus ergibt sich doch, dass TKKG – jedenfalls der verbliebene Rest – erwägt, diesen Fühme zu durchleuchten. Wollen wir’s zusammen machen?«

Hortensen grinste. »Das heißt, Kommissar, die drei wollen mit.«

Glockner nickte. »Meinetwegen. Aber ihr haltet euch gefälligst im Hintergrund. Sonst werde ich allmählich bekannt als der Kommissar, der immer einen Haufen Jugendlicher zu den Ermittlungen mitbringt.«

 

»Braucht dir nicht peinlich zu sein, Papi. Wir sind die Profis von morgen.«

*

Fürwahr eine miese Gegend! Tim sah durch die Seitenscheibe. Glockner hielt in der Balsröder Straße vor Nr. 119.

Das Gebäude war Teil einer Häuserzeile, die von Nr. 115 bis Nr. 123 reichte: ein dreistöckiger Wohnblock, langweilig und grau.

Rostlauben parkten. Ein Penner hatte die Abfallkörbe durchwühlt, bestimmt nichts Brauchbares gefunden und vor Wut alles auf den Boden geworfen.

Glockner stieg aus.

»Mitkommen!«, gebot er lächelnd. »Mit euch im Schlepptau sehen wir nicht wie Polizei aus.«

Das »wir« bezog sich auf ihn und seinen Kollegen Vogt, der noch jung war, eine dickglasige Brille trug und mindestens drei linke Füße hatte. Aber als Theoretiker glänzte er wie ein frisch gewaschener Brillant. Hatte er doch sein Rechtsstudium mit Lob abgeschlossen und zu diesem Examen auch noch das der Staatswissenschaften hinzugefügt.

Alle stiegen aus.

Vogt rückte an seiner Brille und lächelte Gaby zu.

Glockner ging voran zu Nr. 121, wo die Haustür offen stand. Viele Namensschilder waren links des Eingangs angebracht – einige aus Messing, andere aus Pappe. Es gab zahlreiche Klingeln.An einer fehlte der Knopf.

»Fühme – erster Stock«, murmelte Glockner. »J. und H. Fühme. Offenbar Eheleute.«

Tim hörte einen Wagen und blickte zurück.

Ein brauner Kombi rollte heran, hielt an der Bordstein- kante und manövrierte ein bisschen, bis er schön parallel stand.

Der Motor wurde ausgeschaltet. Der Fahrer schnellte ins Freie, wippte elastisch in den Turnschuhen und klappte die Lehne des Fahrersitzes nach vorn, damit auch der Hund herausspringen konnte.

Es war ein großer Münsterländer, schwarzgrau, mit Blauschimmel-Einfärbung. Er war hochbeinig, verspielt und sicherlich jung. Sein Herrchen kraulte ihm den Kopf.

»Na, Alf, war gut, was?«

Worüber sich die beiden verständigten, lag auf der Hand.

Alf hechelte.

Der Mann schwitzte. Er trug einen Trainingsanzug. Um den Hals hatte er sich ein Handtuch gelegt.

Fünf bis acht Kilometer ist er gejoggt, schätzte Tim. War aber zu schnell beim Endspurt. Hat sich noch nicht beruhigt, sein Puls und die Schläfenadern pochten.

Der Mann mochte Mitte zwanzig sein, nahm jetzt Alf am Halsband und kam zum Eingang.

Glockner trat einen Schritt vor.

»Herr Fühme?«

Der junge Mann blickte überrascht. »Ja. Bitte?«