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Inhaltsverzeichnis
 
 

Ein Fall für TKKG
 
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Tim
TIM heißt eigentlich Peter Carsten. Aber tolle Typen haben auch immer einen Spitznamen. Früher wurde Tim von seinen Freunden Tarzan genannt, doch mit dem will er nicht mehr verglichen werden, nachdem er diesen »halb fertigen Bodybuilder« in einem Film gesehen hat. – Tim ist der Anführer der TKKG-Bande, die so bezeichnet wird nach den Anfangsbuchstaben ihrer Vor- oder Spitznamen. Tim ist 14, aber seinem Alter geistig und körperlich weit voraus. Ein braun gebrannter Athlet, besonders veranlagt für Kampfsport und Volleyball. Seit zwei Jahren wohnt er in der berühmten Internatsschule, ist Schüler der 9b. Sein Vater, ein Ingenieur, kam bei einem Unfall ums Leben. Tims Mutter, eine Buchhalterin, müht sich sehr, um das teure Schulgeld für ihren Sohn aufzubringen. Tim ist der geborene Abenteurer, hasst Ungerechtigkeit, mischt sich ein und riskiert immer wieder opf und Kragen.
 
KARL, DER COMPUTER sitzt im Unterricht neben Tim, wohnt aber nicht im Internat, sondern bei seinen Eltern in der nahen Großstadt. Karl Viersteins Vater ist Professor für Mathe und Physik an der Universität; und wahrscheinlich von ihm hat Karl das tolle Gedächtnis geerbt – aus dem man alles abrufen kann wie aus einem Computer. Karl ist lang aufgeschossen und sieht magersüchtig aus, weshalb körperlicher Einsatz nicht seine Sache ist. Er kämpft lieber mit geistigen Keulen und fühlt sich bei den TKKG-Aktionen zuständig für technische und wissenschaftliche Probleme. Wenn ihn was aufregt, putzt er sofort die Gläser seiner Nickelbrille – und das manchmal so heftig, dass er alle paar Monate eine neue braucht.
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Karl
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Klößchen
 
KLÖSSCHEN wird so genannt, weil er so aussieht; und für sein Aussehen gibt es einen Grund: Willi Sauerlich nascht und nascht und nascht. Schokolade ist für ihn Kraftnahrung, auch wenn er davon immer runder wird. Zusammen mit Tim bewohnt er im Internat die Bude ADLERNEST. Klößchens Vater ist Schokoladenfabrikant, und der Sohnemann versteht sich bestens mit seinen Eltern, die im feinsten Viertel der en Großstadt leben. Auch als Fahrschüler könnte Klößchen die Internatsschule besuchen, aber zu Hause in der pompösen Villa hat er sich immer nur gelangweilt; deshalb ist er jetzt hier – und wird von Tim mitgerisen in die vielen haarsträubenden Abenteuer, das Markenzeichen der TKKG-Bande.
 
GABY, DIE PFOTE muss sich als einziges Mädchen gegen drei Jungs behaupten. Aber alle Trümpfe sind auf ihrer Seite: goldblondes Haar, blaue Augen mit dunklen Wimpern, Anmut, Intelligenz und wenn nötig eine kesse Lippe. Für Tim ist seine Freundin das schönste Mädchen der Welt und er fühlt sich als ihr Beschützer – vor allem dann, wenn es gefährlich zugeht: ein sehr häufig wiederkehrender Zustand. Gabriele Glockner wohnt bei ihren Eltern in der Stadt und besucht die 9b der Internatsschule als Fahrschülerin. Gabys Vater ist Kriminalkommissar und ein väterlicher Freund der Jungs. Gabys Mutter – von Tim, Karl und Klößchen hoch verehrt – betreibt ein kleines Lebensmittelgeschäft. Gaby liebt Tiere und lässt sich von Hunden gern die Pfote geben, was zu dem Spitznamen PFOTE geführt hat. Oskar, ein schwarz-weißer Cockerspaniel, schläft auf ihrem Bettvorleger.
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Gaby und ihr Oskar

Stefan Wolf: Ein Fall für TKKG
Die Jagd nach den Millionendieben
Der blinde Hellseher
Das leere Grab im Moor
Das Paket mit dem Totenkopf
Das Phantom auf dem Feuerstuhl
Angst in der 9a
Rätsel um die alte Villa
Auf der Spur der Vogeljäger
Abenteuer im Ferienlager
Alarm im Zirkus Sarani
Die Falschmünzer vom Mäuseweg
Nachts, wenn der Feuerteufel kommt
Die Bettelmönche aus Atlantis
Der Schlangenmensch
Ufos in Bad Finkenstein
X7 antwortet nicht
Die Doppelgängerin
Hexenjagd in Lerchenbach
Der Schatz in der Drachenhöhle
Das Geheimnis der chinesischen Vase
Die Rache des Bombenlegers
In den Klauen des Tigers
Kampf der Spione
Gefährliche Diamanten
Die Stunde der schwarzen Maske
Das Geiseldrama
Banditen im Palast-Hotel
Verrat im Höllental
Hundediebe kennen keine Gnade
Die Mafia kommt zur Geisterstunde
Entführung in der Mondscheingasse
Die weiße Schmugglerjacht
Gefangen in der Schreckenskammer
Anschlag auf den Silberpfeil
Um Mitternacht am schwarzen Fluß
Unternehmen Grüne Hölle
Hotel in Flammen
Todesfracht im Jaguar
Bestien in der Finsternis
Bombe an Bord (Haie an Bord)
Spion auf der Flucht
Gangster auf der Gartenparty
Überfall im Hafen
Todesgruß vom Gelben Drachen
Der Mörder aus dem Schauerwald
Jagt das rote Geisterauto!
Der Teufel vom Waiga-See
Im Schatten des Dämons
Schwarze Pest aus Indien
Sklaven für Wutawia/Gauner mit der »Goldenen Hand«
Achtung: Die »Monsters« kommen!
Wer hat Tims Mutter entführt?
Stimme aus der Unterwelt
Herr der Schlangeninsel
Im Schattenreich des Dr. Mubase
Lösegeld am Henkersberg
Die Goldgräberbande
Der erpresste Erpresser
Heißer Draht auf Paradiso
Ein Toter braucht Hilfe
Weißes Gift im Nachtexpress
Horrortrip im Luxusauto
Spuk aus dem Jenseits
Hilfe! Gaby in Gefahr!
Dynamit im Kofferraum
Freiheit für gequälte Tiere!
Die Schatzsucher-Mafia schlägt zu
Kampf um das Zauberschwert »Drachenauge«
Der böse Geist vom Waisenhaus
Feind aus der Vergangenheit
Schmuggler reisen unerkannt
Die Haie vom Lotus-Garten
Hilflos in eisiger Nacht
Opfer fliegen 1. Klasse
Angst auf der Autobahn
Mörderischer Stammbaum
Im Wettbüro des Teufels
Mörderspiel im Burghotel
Das Phantom im Schokoladenmuseum
Mit heißer Nadel Jagd auf Kids
Die Sekte Satans
Der Diamant im Bauch der Kobra
Klassenfahrt zur Hexenburg
Im Schloss der schlafenden Vampire
Im Kaufhaus ist der Teufel los
Frische Spur nach 70 Jahren
Bei Anruf Angst
Ein cooler Typ aus der Hölle
Der Goldschatz, der vom Himmel fiel
Der Mörder aus einer anderen Zeit
Vergebliche Suche nach Gaby
Im Schlauchboot durch die Unterwelt
Die Gehilfen des Terrors
Die gefährliche Zeugin verschwindet
Stundenlohn für flotte Gangster
Der Meisterdieb und seine Feinde
Auf vier Pfoten zur Millionenbeute
Verschleppt ins Tal Diabolo
Raubzug mit dem Bumerang
Draculas Erben/Todesbiss der schwarzen Mamba
Hinterhalt am Schwarzen Fels
Nonstop in die Raketenfalle

1. Kriminelle Vorgeschichte
Gaby zog einen Schmollmund und blickte auf ihre Füße. Die waren nur 50 cm vom Gesicht entfernt, denn Gaby saß auf dem Teppich, lehnte mit dem Rücken an der Wand, hatte die Knie angezogen und auf ihnen die Unterarme samt Kopf abgestützt. Eine saloppe Haltung – aber hinreißend, wie Tim befand. Doch von ihm weiß man ja – er würde seine Freundin auch entzückend finden mit Knoten in den Beinen und den Armen als Schleife.
Gaby überlegte. Der Schmollmund deutete an, dass sie unschlüssig war.
»Einerseits«, sagte sie, »wäre ein Interview der echte Bringer. Andererseits gibt’s da eine kriminelle Vorgeschichte, die noch nicht zu Ende ist. Das könnte uns vom Thema ablenken.«
»Hört sich stark an«, meinte Tim.
Karl und Klößchen pfiffen durch die Zähne – Klößchen leicht misstönend. Das störte Oskar. Gabys schwarz-weißer Cockerspaniel, der neben seinem Frauchen döste, hob den Kopf.
Gaby streichelte ihren Vierbeiner gedankenverloren. Die Jungs warteten gespannt. Alle hockten auf dem Boden. Gabys Zimmer duftete, als hätte Tims Freundin gerade ihre Haare shampooniert. Dabei war das schon gestern gewesen – und nicht hier, sondern im Bad. Aber ein tolles Mädchenzimmer, dachte Tim, riecht wohl immer so. Oder nach frischem Obst, Gummibärchen und Hamsterkäfig.
Draußen war Juli – und der Sommer afrikanisch. An den Badeanstalten hingen Plakate mit der Aufforderung, dass jeder Besucher Eiswürfel mitzubringen habe, damit das Wasser kühl bleibe. Klößchen zog sich täglich fünf Portionen Schoko-Eis rein, was aber nicht half gegen Sonnenbrand.
Hm, dachte Tim. Vielleicht sollte ich nochmal geistig Strecke legen, damit Pfote klarer sieht. Könnte ihr helfen beim Grübeln.
»Fakt ist«, erklärte er mit gespannter Oberlippe, »dass es sich um die letzte Ausgabe unserer Schülerzeitung handelt in diesem Schuljahr. Sie muss besonders gut werden und sie muss fertig sein vor den Sommerferien. Kein Problem – denn fast alle Textbeiträge und Fotos sind da. Nur der Hit für unsere Job-Serie fehlt noch. Dazu, Pfote, hättest du ne Idee, hast du gesagt.«
Gaby nickte auf ihre Unterarme und aus dem Schmollmund wurde ein Kussmündchen, wovon Tim freilich nichts hatte, denn er saß fünf Schritte entfernt.
Die Job-Serie ist eine ständige Rubrik im HEIMSCHULBEOBACHTER , wie der sperrige Titel der Schülerzeitung lautet. In der Serie werden neuartige und aussichtsreiche Berufe vorgestellt und mindestens einer der ausübenden Profis zur Sache interviewt. Bei den Schulabgängern mit mittlerer Reife und den Abiturienten findet das besonderen Anklang.
»Die Frau heißt Verena Holik«, berichtete Gaby. »Ihre kriminelle Vorgeschichte dürfte ich eigentlich gar nicht wissen. Aber ich war zufällig nebenan, als sich Papi mit Wespe über die Holik unterhielt. Und ich hab doch tatsächlich vergessen, mir die Ohren zuzuhalten.«
Die Jungs grinsten. Mit Wespe war natürlich Inspektor Bienert gemeint, der ausgeflippte Assi und Mitarbeiter von Hauptkommissar Glockner. Wespe – dauerverliebt in Gaby – versteht sich bombig mit TKKG und gibt auch mal Infos raus, die eher topsecret (streng geheim) sind.
»Das Verbrecherische erzähle ich später«, sagte Gaby. »Für uns ist Verena interessant, weil sie als Location-Scout arbeitet.«
»Häh?«, fragte Klößchen. »Sagtest du Location-Scout?«
»Exakt.«
»Und was soll das sein?«
»Denk nach!«,meinte Tim.»Ein Scout ist ein Kundschafter. Das wissen schon die Pampers-Kids. Eine Location ist eine Gegend, eine Lage, ein Drehort. Hab zwar noch nichts gehört von diesem Beruf, aber ich vermute mal, Pfote: Verena späht Drehorte aus für Film und Fernsehen. Denn ob Daily Soap, Krankenhaus-Serie, Beziehungsdrama oder Krimi – wenn immer dieselbe Kulisse abgelichtet wird, schlafen dem Zuseher die Netzhäute ein und die Einschaltquote geht in den Keller.«
»Du hast es mal wieder geschnallt«, nickte Gaby. »Genau so oder so ähnlich arbeitet Verena. Und das ist ein ganz neuer Beruf.«
»Braucht man dafür Abitur?«, feixte Klößchen.
»Eher wohl einen künstlerischen Scharfblick wie ein Kameramann«, vermutete Karl.
»Location-Scout«, murmelte Tim. »Echt super für unsere Serie. Diese Verena nehmen wir uns vor.« Fragender Blick zu Gaby. »Und die Vorgeschichte, die kriminelle?«
Gaby wiegte den goldblonden Kopf. »Offenbar eine ganz heiße Pfanne. Das Meiste weiß ich nur ungefähr, denn ich wollte ja Papi nicht löchern und Wespe war dann gleich unterwegs und nicht greifbar. Jedenfalls liegt der Coup mindestens fünf oder sechs Jahre zurück. Damals haben zwei Typen einen Geldtransport überfallen und fünf Millionen erbeutet. Das war noch zu D-Mark-Zeiten. Heute würde es also – übers Däumchen gepeilt – etwa 2,5 Millionen Euros entsprechen. Der eine heißt Fritz Vonlipp, der andere Bert Nachtwähr. Bert wurde nach ein paar Tagen gefasst, hatte aber null Beute. Gegen Strafmilderung hat er einen Deal angeboten, einen Kuhhandel. Das heißt, er hat Vonlipp verraten. Der war der eigentliche Täter, ein Kotzbrocken hoch hundert. Angeblich hat er Bert zum Mitmachen gezwungen. Na ja, also Festnahme. Aber keine Spur von den Millionen. Und Fritz Vonlipp schweigt wie ein Grab. Behauptet zwar, Bert hätte die Kohle, aber das glaubt nicht mal Vonlipps Anwalt.«
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Gaby machte eine Pause und wickelte eine lange Haarsträhne um den rechten Zeigefinger. Tim blickte zum Fenster. Es war spaltweit geöffnet, aber der Vorhang geschlossen. Ein glutheißer Sommerwind, der keine Erfrischung brachte in den Straßen der Altstadt, bauschte den geblümten hellen Stoff.
»Vonlipps Strafe fiel doppelt so hoch aus. Bert Nachtwähr wurde schon im Juli 2000 entlassen.«
Tim hatte mitgedacht und fragte: »Und mit wem ist oder war Verena Holik verbandelt?«
Gaby lächelte. »Natürlich mit Bert. Eine feste Beziehung. Wohl schon lange. Sie hat auf ihn gewartet. Aber nun ist er tot.«
»Tot?«
»Offenbar wollte er ein neues Leben anfangen – fern der Heimat. Er ging nach Amerika. Verena sollte ihm folgen. Doch bevor es dazu kam, fand Bert in Kalifornien den Tod. Ein gewaltsames Ende. Überfall. Er wurde erschossen. Das war letzten Herbst.«
»Kalifornien kann gefährlich sein«, meinte Karl.
»Da gibt’s Klapperschlangen«, nickte Klößchen.
Tim sah seine Freundin an. »Diese Abfolge der Ereignisse zwingt mir eine Idee auf, nämlich die: Nicht Vonlipp, sondern Bert hatte die Beute. Er oder Verena haben das Geld rechtzeitig gewaschen – also in Euros eingetauscht. Vielleicht über ein Schweizer Konto oder durch den Ankauf von Dollars, als die D-Mark noch Geld war. Jedenfalls hatte er drüben in den USA ein Vermögen in der Tasche. Und das wurde sein Verhängnis.«
Zustimmung bei Gaby. Sie nickte heftig. »Genau das vermutet mein Papi. Aber egal. Das ist nun Schnee von gestern. Und Verena sieht alt aus, hat keinen Liebsten mehr, keine geldliche Grundausstattung und muss jobben.«
»Als Location-Scout«, nickte Klößchen.
»Mit dem künstlerischen Scharfblick eines Kameramannes«, ergänzte Karl.
»Aber es kommt noch schlimmer für sie«, sagte Gaby.
Tim lächelte. »Vonlipp wird aus dem Knast entlassen. Richtig?«
Gaby verdrehte die Kornblumenaugen. »Wozu erzähle ich überhaupt, wenn du ohnehin schon alles weißt.«
»Ich äußere nur Ahnungen, Pfote. Also?«
»Vonlipp ist seit drei Tagen ein freier Mann und hat jetzt eine Adresse hier in der Stadt. Papi schätzt ihn als sehr aggressiv ein. Und rachsüchtig. Der Kerl wird nach Bert Nachtwähr suchen. Wenn der noch leben würde, brauchte er Polizeischutz.«
»Aber ein Toter hat’s da besser«, meinte Klößchen gefühlvoll.
Gaby warf ihm einen Blick zu. Täusche ich mich, dachte Tim, nein, tatsächlich – die Schweißtropfen auf Klößchens Stirn werden zu Eis.
Tim sagte: »Gehen wir mal davon aus, dass Bert die Kohle hatte. Dann fährt Vonlipp jetzt die Kralle aus, will erstens seinen Anteil und zweitens einen Schmerzensgeld-Zuschlag für den Verrat. Frage ist: Glaubt er Verena, dass sie pleite ist? Oder vermutet er einen Sparstrumpf unter ihrer Matratze? Und was denkt dein Vater, Pfote? Was wir denken wollen, entscheiden wir, wenn wir die Frau interviewen. Dann hilft uns der persönliche Eindruck. So oder so – wir haben einen echten Scoop (Sensation) für unsere Postille. Und vielleicht schon sämtliche Finger in einem brandheißen Fall.«
Tim erhob sich aus dem Schneidersitz, ohne die Arme zu gebrauchen. »Pfote, wie geht’s weiter? Wie kommen wir ran an Verena?«
Gaby lächelte ihn an. »Ich habe einen Termin ausgemacht. Morgen Mittag treffen wir sie.«

2. Voll auf Hass
Sie wusste, er würde kommen. Seit Jahren war sie darauf vorbereitet. Aber jetzt, da es in jeder Minute geschehen konnte, hatte sich die Angst hoch geschaukelt. Denn Verena war überzeugt: Einer wie Vonlipp hatte sich im Gefängnis nicht geändert. Jedenfalls nicht zum Besseren. Im Gegenteil. Sicherlich war er noch schlimmer geworden – voller Kälte und Hass.
Ein bleifarbener Himmel über der Millionenstadt. Hitze, Abgase, schwitzende Menschen. Es war früher Nachmittag.
Verena war 36. Aschblondes Haar, eine große Frau mit hübschem, länglichem Gesicht, figürlich Typ Hungerhaken, also schlank Richtung dürr. Sie war sympathisch. Ihre braunen Augen erinnerten an ein verängstigtes Reh.
Als es klingelte, blickte sie durch den Spion ihrer Wohnungstür – und ihr Herz schlug einen Wirbel als müsse Vonlipps Auftritt gewürdigt werden mit einem – lautlosen – Tusch.
Er sah noch härter aus als damals, bleicher und abgezehrt: ein langer, knochiger Kerl mit rasiertem Schädel, Tattoos auf den Armen und spitzen Wangenknochen.
Sie öffnete die Tür.
»Hallo, Verena!« Er starrte sie an.
Sie versuchte zu schauspielern und riss die Augen weit auf. »Fritz! Ja, natürlich. Oh, ist das lange her. Seit wann bist du draußen?«
Er machte eine unbestimmte Bewegung, die alles bedeuten konnte. »Gib dir keine Mühe, Verena. Du weißt es längst. Von den Bullen? Eher wohl nicht. Dann von dem schlauen Anwalt, den Bert damals hatte. Ist ja auch egal.«
Sie schluckte. »Schön, dich zu sehen. Und was willst du?«
»Bert besuchen. Was sonst? Darauf freue ich mich seit sieben Jahren. Davon habe ich jede Nacht geträumt – auf meiner Pritsche.«
»Bert besuchen?« Sie hob eine Hand an den Mund.
»Weißt du denn nicht... Aber komm erst mal rein.«
Im Wohnraum sah er sich um. »Hier fühlt man sich wie im Fotoatelier.«
Die Wände waren von oben bis unten voll gepinnt mit Fotos: Wohnungen, Villen von innen, Gärten, Höfe, Einfahrten, Räume unterschiedlichster Art.
»Das gehört zu meiner Arbeit.«
Er nickte. Dünnes Grinsen, taxierender Blick. Es lag auf der Hand, jetzt zu fragen. Aber Vonlipp fragte nicht.
Er weiß, was ich mache, dachte Verena. Ja, er weiß es. Seit drei Tagen ist er frei – falls Dr. Börns Info zutrifft – und in drei Tagen kriegt Fritz Vonlipp alles raus. Weiß er auch, dass Bert tot ist? Für ihn, Vonlipp, ist das doch das Wichtigste.
»Eine sehr weibliche Bude«, sagte Vonlipp. »Habt ihr euch getrennt?«
»Weißt du denn nicht...«,setzte sie zum zweiten Mal an.
»Wo ist er?«
»Weißt du es wirklich nicht? Bert ist tot.«
Vonlipps Miene fror ein. Sah so Enttäuschung aus? War er wirklich ahnungslos? Verena spürte, wie ihre Haut feucht wurde rechts und links der Nase. Und wieder dieses Herzklopfen. Vonlipps Blick verengte sich. Er sah jetzt aus wie einer, der sich zum zweiten Mal betrogen fühlt.
»Tot? Seit wann?«
Verena ließ sich auf einen Sessel fallen. Ihre Beine trugen sie nicht länger.
»Seit Oktober. Bert wollte weg von hier. Ich glaube, er floh von dir. Er wusste ja, dass du irgendwann entlassen wirst. Er wollte seine Spur verwischen. Also hat er seinen Tabakwaren-Laden verkauft. Mit dem Geld ist er nach Amerika. Ich sollte nachkommen, sobald er Fuß gefasst hat. Ich hatte schon die Koffer gepackt, wollte nur noch die Wohnung auflösen. Dann erhielt ich die Nachricht.«
»Was?«
»Bert wurde umgebracht. Am 21. Oktober. In Kalifornien, in Malibu bei Los Angeles. Täter unbekannt. Ein Raubmord. Alles Geld weg. Aber er hatte meine Adresse in der Tasche. Ich stand plötzlich mittellos da. Nach und nach habe ich mir dann einen Job aufgebaut.«
Rittlings setzte er sich auf einen Stuhl mit hoher Lehne.
»Das habt ihr euch schlau ausgedacht. Aber sag lieber die Wahrheit! Es ist besser für dich. Du weißt, weshalb ich hier bin?«
Sie wandte den Blick ab.
»Ich lüge nicht. Du willst dich rächen, nicht wahr?«
»Er hat mich verraten. Hat mich damals verraten, um die eigene Haut zu retten. Er war Kronzeuge. Hat behauptet, ich hätte das Geld. Aber er hat es! Er! Und du weißt es.«
Sie hob die Schultern. »Ich weiß gar nichts. Über den Coup und das Geld hat er nie mit mir gesprochen. Du erinnerst dich doch, wie er war. Selbstherrlich und ein Macho – wenn’s um Geschäfte ging. Andererseits war er dann wieder sehr lieb. Aber jetzt ist er tot. Wochenlang habe ich geweint um ihn.«
Vonlipp bleckte die Zähne. »Okay, er ist also zur Hölle gefahren. Nehmen wir’s mal an. Aber du warst seine große Liebe. Verrückt war er nach dir. Wieso hat er dir nicht vertraut?«
»Ich glaube, Bert hielt mich für naiv. Und nicht belastbar. Es sei besser, mich aus allem draußen zu halten – hat er mal gesagt. Ob er das Geld wirklich hatte, weiß ich nicht. Wir haben von dem gelebt, was das Geschäft einbrachte.«
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»Wo ist er begraben?«
»In Los Angeles. Die Überführung wäre sehr teuer geworden. Deshalb habe ich verzichtet.«
»Ich will den Totenschein sehen.«
»Wie bitte?«
»Den Totenschein!«
»Fritz, ich schwöre dir: Bert lebt nicht mehr.«
»Den Schein! Die Urkunde! Und wehe, du hast nichts.«
Beinahe hätte sie aufgeatmet. Stattdessen hielt sie den Kopf gesenkt. Klar doch, der Totenschein war echt. Jedenfalls ein echtes Formular. Ausgestellt auf Mr. Bert Nachtwähr. Wer der Tote wirklich war, wusste vermutlich niemand. Ein grausiger Zufall hatte Bert in die Hände gespielt, als er in Malibu in jener Oktobernacht am Strand den Toten fand. Einen Mann in seinem Alter, der ihm verblüffend ähnelte. Opfer eines Raubüberfalls, ausgeplündert von unbekannten Tätern. Bert hatte ihm seine eigenen Papiere samt Aufenthalts-Visa in die Tasche gesteckt und am nächsten Tag Verena angerufen. Sie sollte das Mordopfer als Bert identifizieren. Damit war die Spur endgültig verwischt. Vonlipp würde ins Leere laufen. Die Beute, längst in Dollars verwandelt, lag im Schließfach einer US-Bank. Und in zwei Jahren sollte Verena dann endlich nachkommen. So viel Geduld musste sein, damit niemand Verdacht schöpfte: weder Vonlipp noch die deutsche Polizei.
Verena ging nach nebenan und suchte den Totenschein aus einer Schublade hervor. Vonlipp las.
»Ich hoffe, er war nicht gleich tot. Ich hoffe, er hat gelitten.«
»Bist du so voller Hass?«
»Kluges Mädchen. Ja, ich ersticke daran.«
Sein Blick war furchtbar. Sie fröstelte. Sie konnte Vonlipp nicht ansehen und wurde sehr klein in ihrem Sessel.
»Ich will aber nicht ersticken. Verstehst du? Nein, du verstehst gar nichts. Du kannst dir nicht vorstellen, was das heißt: Sieben Jahre lang habe ich mir Tag für Tag ausgemalt, wie ich mich an ihm räche. Immer wieder. Es war das einzige Ziel, das ich noch hatte. Und nun? Nichts. Er ist nicht mehr da. Ich bin hier und ersticke an meiner Wut, an meinem Hass.«
»Aber das ist doch dein Glück«, rief sie. »Wenn er noch da wäre und du würdest ihm was antun – für ewig kämst du dann hinter Gitter.«
Er verzog das Gesicht. »Das habe ich einkalkuliert. Sogar lebenslänglich. Tut mir Leid, Verena. Der Druck muss weg. An Bert kann ich mich nicht mehr rächen. Aber du warst sein Liebling. Wenn ich mich an dich halte, treffe ich indirekt auch ihn. Du trittst jetzt an seine Stelle.«
Fassungslos sah sie ihn an.»Das... meinst du nicht wirklich. Das wäre Wahnsinn.«
»Mein Wahnsinn«, sagte Vonlipp. »Mir gefällt er.«
Und mit dem Lächeln eines Henkers zog er die Pistole aus der Tasche.

3. Einen Knasti interviewen
»Mit Verena Holik habe ich alles vereinbart«, berichtete Gaby. »Morgen nach der Schule treffen wir sie. Dann gemeinsam zu Albert Wichmann. Dort führt sie uns praxisnah vor, wie sie ihren Job macht. Ausgerechnet bei dem alten Wichmann! Da hat mir der Zufall geholfen, Amigos. Ich kenne nämlich Carina sehr gut. Das heißt, man wird uns dort reinlassen in die klotzige Villa. Es gibt keine Probleme.«
»Wer ist Carina?«, fragte Tim.
TKKG, beschäftigt mit Kriegsrat fürs Interview, bevölkerten noch immer Gabys duftendes Mädchenzimmer. Über der Altstadt verhallten die Glocken des Doms und waren eindeutig lauter als Oskars Schnarchen. Tim war wieder in den Schneidersitz gesunken, schnellte aber hoch, als Gabys Mutter hereinkam. Auch Karl und Klößchen erhoben sich.
»Hallo, Jungs!«
Frau Glockners warmherziges Lächeln, das sie Gaby vererbt hat, ist so echt wie Tims Love für die Tochter. Jeder, dem es gilt, schmilzt dahin. Sicherlich, dachte Tim, ist das auch einer der Gründe, weshalb ihr kleiner Lebensmittelladen so gut läuft. Die Kunden lieben sie, sogar die weiberneidischen Frauen, die anderen nichts gönnen. Ist schon toll, wie sie sich gegen die Super- und Einkaufsmärkte behauptet.
Frau Glockner gab allen die Hand, strich Gaby, die noch an der Wand hockte, über den Kopf und streichelte Oskar, den schwarz-weißen Cockerspaniel.
»Hast du eine Erfrischung angeboten, Gaby?«
»Ich habe das Fenster einen Spalt geöffnet, Mami. Das muss reichen.« Gaby grinste.
Die Jungs lachten und Tim stellte richtig: »Wir haben Ihr köstliches Mineralwasser gezuzelt, Frau Glockner. Und Klößchen hatte eine Portion Schoko-Eis aus dem Kühlschrank. Also beste Versorgung. Pfote wird mal eine so gute Gastgeberin wie Sie – wenn’s auch noch ein weiter Weg ist bis dahin.«
»Unverschämt!« Gaby hatte schon ihren linken Turnschuh in der Hand und warf nach Tim, der aber geschickt auswich. Klößchen, direkt hinter ihm, wurde voll auf den Bauch getroffen.
»Wenn hier Krieg ausbricht, verziehe ich mich«, lachte Margot Glockner. »Komm, Oskar, deine zweite Mahlzeit ist fällig.«
Sie nahm ihn mit. Klößchen zog den Schnürsenkel aus Gabys Schuh und brachte ihr beides.
»Tim würde mich umbringen, wenn ich nach dir werfe. Also räche ich mich so.«
»Den fädelst du ein!«, gebot Gaby. »Es war doch ein Versehen. Dafür muss ich mich nicht mal entschuldigen.«
Klößchen gehorchte.
Tim sagte: »Also zum zweiten Mal: Wer ist Carina? Die Frau vom alten Albert Wichmann?«
»Nein. Seine Enkelin. Sie hat Goldschmiedin gelernt und arbeitet beim Juwelier Glonke, wo du mir das Fußgelenkkettchen gekauft hast, das ich dann leider verloren habe. Allerdings arbeitet Carina nur gelegentlich in ihrer erlernten Kunst. Hauptsächlich ist sie im Verkauf. Da ist mehr zu tun. Ihr Freund Robert ist Student. Kunstgeschichte. Geld wird er damit wohl nie verdienen. Aber er kann ja immer noch Taxis fahren – aushilfsweise. Und dann die Fahrgäste intelligent unterhalten.«
»Ich bin am Montag mit meinem Vater zur Uni gefahren«, erklärte Karl. »In zwei Taxis. Erst bis zum Altbäcker-Platz, wo wir zu ner Behörde mussten, dann weiter. Der erste Fahrer war Chemiker, der zweite Politologe. No Job. Keine Aussicht. Sind alle stinksauer auf die Situation am akademischen Arbeitsmarkt.«
»Offenbar haben wir von allen zu viel«, unkte Klößchen, »auch von den Gebildeten. Aber Schokolade wird immer gegessen. Ich halte fest an meiner künftigen Karriere auf der Genussmittel-Schiene. Zumal ich ja, wenn mein Papa aufhört, gleich als Direktor anfange in unserer Fabrik.«
»Du wirst eine Säule der deutschen Wirtschaft werden«, meinte Gaby, »eine umfangreiche Säule.«
»Dünne Säulen knicken ein.« Klößchen tat beleidigt und machte beim Schnürband-Einfädeln, womit er noch beschäftigt war, absichtlich einen Fehler. Gaby würde nachher alles aufdröseln müssen.
»Und woher kennst du Carina?«, forschte Tim.
»Sie hilft aus im Tierheim. Robert auch. Echte Gutmenschen. Mit Carina verstehe ich mich bestens. Sie ist Total-Waise und beim Großvater aufgewachsen. Sie sagt nichts Schlechtes über ihn, aber der Alte ist wohl ziemlich störrisch. Ich habe ihn noch nicht kennen gelernt.«
Tim nickte, war aber in Gedanken schon zwei Ecken weiter.
»Amigos, die Job-Story für unsere Zeitung ist nicht das Problem. Ich muss dauernd an den Geldraub von damals denken. Millionen verschwinden. Ein Täter ist tot. Der andere und offenbar schlimmere kommt nach Jahren aus dem Knast. Und die Tussi des Toten, unsere Verena Holik, hat jetzt Zoff zu erwarten. Denn dieser Vonlipp wird glauben, dass sie die Knete hat.«
»Falls«, sagte Karl, »noch was übrig ist. Könnte ja auch sein, Verena und Bert haben alles durch den Schornstein gejagt. Was andererseits unwahrscheinlich ist. Es wäre aufgefallen, wenn sie mit Geld um sich schmeißen. Zumal in einem solchen Fall – bei dem ne Riesenbeute verschwindet – die Verdächtigen ziemlich lange im Visier bleiben bei der Polizei. Jetzt vielleicht nicht mehr – nach zig Jahren. Aber anfangs bestimmt.«
Alle nickten.
»Wir kümmern uns«, entschied Tim. »Und zwar sofort. Mit Verena ist Kontakt angesagt. Das läuft. Also sehen wir uns erst mal diesen Fritz Vonlipp an. Von ganz dicht. Ich hab da auch schon ne Idee.«
Gespannte Blicke. Tim überdachte seinen flash (Eingebung) nochmal und hielt ihn immer noch für gut.
»Wir interviewen Vonlipp.«
Gaby stöhnte. »Bist du noch zu retten? Interviewen worüber? Der hat doch keinen Job, ist nichts und niveaumäßig wie diese als Container-Bewohner Eingesperrten im Fernsehen. Bodensatz. Also?«