cover

Stefan Wolf

Auf vier Pfoten
zur Millionen-Beute

Ein Fall für

 

 

 

 

cbj ist der Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

 

www.cbj-verlag.de

 

 

 

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

1. Auflage

© 2006 cbj, München

Alle Rechte vorbehalten

Illustrationen: Reiner Stolte, München

Satz: Uhl+Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-01301-1
V002

 

Datenkonvertierung eBook:

Kreutzfeldt Electronic Publishing GmbH, Hamburg

www.kreutzfeldt.de

Inhalt

Auf vier Pfoten zur Millionen-Beute

1.Der Bankraub vom Freitag 11
2.Dimi und Dickwanst 16
3.Ticket nach Malaga 23
4.Verräterischer Fuffi 28
5.Lappen-Olafs kühner Coup 35
6.Wochenende – ganz privat 47
7.Fußmarsch 52
8.Tritt auf die Leber 55
9.Anruf aus Amsterdam 61
10.50 000 Verstecke 68
11.Bei Caroline und Wuff 77
12.Dog-Napping in eisiger Nacht 80
13.Hochachtung vor Gaby 85

TIM

heißt eigentlich Peter Carsten. Aber tolle Typen haben auch immer einen Spitznamen. Früher wurde Tim von seinen Freunden Tarzan genannt, doch mit dem will er nicht mehr verglichen werden, nachdem er diesen »halb fertigen Bodybuilder« in einem Film gesehen hat. – Tim ist der Anführer der TKKG-Bande, die so bezeichnet wird nach den Anfangsbuchstaben ihrer Vor- oder Spitznamen. Tim ist 14, aber seinem Alter geistig und körperlich weit voraus. Ein braun gebrannter Athlet, besonders veranlagt für Kampfsport und Volleyball. Seit zwei Jahren wohnt er in der berühmten Internatsschule, ist Schüler der 9b. Sein Vater, ein Ingenieur, kam bei einem Unfall ums Leben. Tims Mutter, eine Buchhalterin, müht sich sehr, um das teure Schulgeld für ihren Sohn aufzubringen. Tim ist der geborene Abenteurer, hasst Ungerechtigkeit, mischt sich ein und riskiert immer wieder Kopf und Kragen.

KARL, DER COMPUTER

sitzt im Unterricht neben Tim, wohnt aber nicht im Internat, sondern bei seinen Eltern in der nahen Großstadt. Karl Viersteins Vater ist Professor für Mathe und Physik an der Universität; und wahrscheinlich von ihm hat Karl das tolle Gedächtnis geerbt – aus dem man alles abrufen kann wie aus einem Computer. Karl ist lang aufgeschossen und sieht magersüchtig aus, weshalb körperlicher Einsatz nicht seine Sache ist. Er kämpft lieber mit geistigen Keulen und fühlt sich bei den TKKG-Aktionen zuständig für technische und wissenschaftliche Probleme. Wenn ihn was aufregt, putzt er sofort die Gläser seiner Nickelbrille – und das manchmal so heftig, dass er alle paar Monate eine neue braucht.

KLÖSSCHEN

wird so genannt, weil er so aussieht; und für sein Aussehen gibt es einen Grund: Willi Sauerlich nascht und nascht und nascht. Schokolade ist für ihn Kraftnahrung, auch wenn er davon immer runder wird. Zusammen mit Tim bewohnt er im Internat die Bude ADLERNEST. Klößchens Vater ist Schokoladenfabrikant und der Sohnemann versteht sich bestens mit seinen Eltern, die im feinsten Viertel der nahen Großstadt leben. Auch als Fahrschüler könnte Klößchen die Internatsschule besuchen, aber zu Hause in der pompösen Villa hat er sich immer nur gelangweilt; deshalb ist er jetzt hier – und wird von Tim mitgerissen in die vielen haarsträubenden Abenteuer, das Markenzeichen der TKKG-Bande.

GABY, DIE PFOTE

muss sich als einziges Mädchen gegen drei Jungs behaupten. Aber alle Trümpfe sind auf ihrer Seite: goldblondes Haar, blaue Augen mit dunklen Wimpern, Anmut, Intelligenz und wenn nötig eine kesse Lippe. Für Tim ist seine Freundin das schönste Mädchen der Welt und er fühlt sich als ihr Beschützer – vor allem dann, wenn es gefährlich zugeht: ein sehr häufig wiederkehrender Zustand. Gabriele Glockner wohnt bei ihren Eltern in der Stadt und besucht die 9b der Internatsschule als Fahrschülerin. Gabys Vater ist Kriminalkommissar und ein väterlicher Freund der Jungs. Gabys Mutter – von Tim, Karl und Klößchen hoch verehrt – betreibt ein kleines Lebensmittelgeschäft. Gaby liebt Tiere und lässt sich von Hunden gern die Pfote geben, was zu dem Spitznamen PFOTE geführt hat. Oskar, ein schwarz-weißer Cockerspaniel, schläft auf ihrem Bettvorleger.

1. Der Bankraub vom Freitag

Am 2. Januar war es schweinekalt. Blauer Himmel und Sonnenschein konnten nicht dafür entschädigen, dass Olaf La- dicke eisige Füße hatte. Sein Gesicht war rotgefroren und nahm jetzt langsam eine graue Farbe an. Er befand sich in Brinkmanns Büro. Hier welkten die Topfblumen auf der Heizung. Brinkmann – ein dicker Endfünfziger mit randloser Brille – war Filialleiter der Cento-Bank.

Ladicke lächelte, aber Unsicherheit zitterte in den Mundwinkeln.

Brinkmann blickte ernst. Und so sorgenvoll wie ein Arzt, der ein schlimmes Untersuchungsergebnis mitteilen muss.

»Sie haben uns die Wahrheit verschwiegen, Herr Ladicke. Sie sind arbeitslos seit acht Wochen. Ihre Schulden bei uns haben sich vermehrt auf...«

Sein Blick glitt über den Bildschirm des Computers. Dort oszillierte (schwingen) grünlich die bittere Wahrheit: 44000 Miese – 44000 Euro Schulden.

»Ich weiß.« Ladicke beugte sich vor. »Aber keine Sorge! Morgen beginne ich mit der Rückzahlung.«

»Sie haben Arbeit?«

Ladicke war 35, mittelgroß und stämmig. Kalte graue Augen, kalter Blick. Eine Narbe zwischen linkem Ohr und Mundwinkel. Sie sah aus wie ein Reißverschluss. Trotz der Schulden – Ladickes Demut war gespielt. Brinkmann spürte das, aber es war ihm egal. Ihn interessierte nur, dass dieser faule Kunde sein Konto ausglich.

Ladicke dämpfte die Stimme. »Arbeit? Na ja, das nicht gerade. Jedenfalls nicht offiziell. Sagen wir: Schwarzarbeit. Wird sehr gut bezahlt. Bin natürlich nicht versichert. Und das Finanzamt darf nichts wissen. Aber ich kriege eine größere Summe im Voraus. Und die zahle ich hier ein.«

»Von den Hintergründen will ich nichts wissen. Es geht nur um Ihren Kontostand.«

»Klar doch.«

Brinkmann seufzte.In diesen Tagen tat er sich selbst Leid. Vorn an der Ecke hatte die Konkurrenz eine Filiale eröffnet und lockte mit billigen Krediten und zinsgünstigen Anlagen. Und um dem Stress die Krone aufzusetzen, war am Freitag – kurz vor Jahresende – der maskierte Bankräuber gekommen. Maskiert mit einer Schweinchen-Maske, bewaffnet mit einer schweren Pistole, vermummt mit Anorak und Handschuhen.

Der für die Geldausgabe programmierte Automat beim Kassierer hatte den Coup natürlich erschwert. Aber der Räuber hatte sich eine Kundin als Geisel geschnappt. Ausgerechnet die Frau eines stadtbekannten Kriminalkommissars.

Zum Glück – die aparte Margot Glockner hatte die Nerven behalten und sogar versucht, den Raubtäter umzustimmen. Leider vergeblich. Krupp, der Kassierer, hatte dann – zitternd vor der Mündung der Pistole – 80000 nagelneue Euro über den Schaltertresen geschoben. Und der Maskierte war im Eiltempo geflüchtet. Wobei das eigentliche Unglück geschah: Er rempelte Margot Glockner, seine Geisel, roh wie ein Knochen brechender Eishockey-Spieler im Länderspiel.

Margot stürzte und brach sich den linken Arm. Außerdem verlor sie einen wertvollen Ohrclip.

Daran musste Brinkmann denken, als er jetzt zu Ladicke sagte: »Ich hoffe, Sie halten Ihr Versprechen. Darum muss ich Sie dringend ersuchen.«

*

Tim, den man früher Tarzan nannte, hatte Weihnachten zu Hause verbracht – bei seiner Mutter. Ein schönes Fest war’s gewesen und eine volle Woche Gemeinsamkeit.Am 30. Dezember war Susanne Carsten zurück nach New York geflogen, wo sie sich neuerdings die meiste Zeit befand: Bei ihrem neuen Lebensgefährten, einem deutschen Journalisten, der dort als TV-Korrespondent eines namhaften Senders arbeitete. Susanne war zu seiner Assistentin geworden und sehr unabkömmlich. Tim fand das toll, obschon er seine Mutter jetzt seltener sah. Aber Susanne war endlich wieder glücklich und der TKKG-Häuptling freute sich auf seinen künftigen Stiefvater.

Am gleichen Tage kam Tim per Bahn in die Millionenstadt zurück. Die Weihnachtsferien dauerten bis zum 7. Januar. Die Internatsschule war verwaist, leer bis auf den Hausmeister. Trotzdem hätte Tim im Adlernest, der Internatsbude, wohnen können. Aber das erschien ihm doch zu blöd. Außerdem nahmen ihn Karls Eltern, die Viersteins, wie immer mit offenen Armen auf. Kann doch der TKKG-Häuptling gar nicht mehr abschätzen, wie viele Wochenenden er dort schon verbracht hat.

Silvester wurde allerdings bei Klößchen gefeiert, in der luxuriösen Villa der Sauerlichs. Auch Gaby war dabei. Sie konnte wieder lachen. Der Armbruch ihrer Mutter hatte sich als unkompliziert erwiesen und würde rasch heilen. Um Mitternacht stießen TKKG mit Champagner an – eine bemerkenswerte Ausnahme bei den eingeschworenen Drogenfeinden. Gaby verschluckte sich dann fürchterlich am perlenden Prickelsaft und Tim musste ihr lange und mitfühlend auf den Rücken klopfen.

Heute war der 2. Januar und TKKG versammelten sich in Karls Zimmer bei den Viersteins.

Seit Wochen lag Schnee. Nachts sank die Temperatur bis 20 Grad unter den Gefrierpunkt. Die unteren Schneeschichten hatten sich längst in Eis verwandelt. Eis bedeckte auch die Seen im Umland der Millionenstadt. Autofahrer mit und ohne Winterreifen crashten, als hätten sie ein neues Spiel erfunden. Und Klößchen jammerte, im Freien friere ihm die Schokolade an den Zähnen fest.

Tim hatte seiner Freundin aus der gefütterten Winterjacke geholfen. Wie er in einer Statistik gelesen hatte, taten das nur noch 0,4 % der Jugendlichen und 19,5 % der erwachsenen Männer. Kavaliere sterben aus, dachte er. Begründet wird’s mit der grassierenden Selbstständigkeit von Frauen und Mädchen. Als hätten Manieren damit was zu tun. Auch bei Paaren sieht man jetzt immer: Sie schleppt den prallvollen Rucksack, er latscht nebenher, die Hände in den Taschen. Hm, ich bin einfach gern nett zu Pfote und zeig’s ihr in Kleinigkeiten.

»Wie geht’s deiner Mutter?«, fragte er, als alle saßen. »Eigentlich gut. Aber weil der Arm in Gips ist, kann sie ihre warmen Winterpullover nicht anziehen. Und im Freien wird der Gips ziemlich kalt. Doch irgendwie geht’s.« »Neues vom Schweinchen-Bankräuber?«, fragte Karl. Gaby pustete gegen ihre Ponyfransen und schüttelte gleichzeitig den Kopf.

»Null Spur, sagt Papi. Null Hinweis. Man weiß nicht mal genau, wie der geflohen ist. Ob zu Fuß, mit dem Wagen, mit dem Motorrad oder wie auch immer. Nur eins scheint festzustehen: dass er Mami umgestoßen hat, war keine Absicht. Ein blödes Versehen. Wahrscheinlich hatte er Fracksausen. Und ’ne Flimmerbirne unter der Schweinchenmaske. Da hat er nicht gesehen, wohin er gerannt ist.«

»Schade, dass er nicht gegen eine Wand gerannt ist«, meinte Klößchen. »Oder gegen den Riesenkaktus, der dort neben der Eingangstür steht.«

Tim, der am Tag des Überfalls noch in seiner Heimatstadt gewesen war, wusste: Kommissar Glockner hatte zwar seine verletzte Frau sofort aus der Cento-Bank abgeholt und zum Arzt gebracht. Aber die Untersuchung leitete sein Kollege Wolfgang Oberströter. Gabys Vater ermittelte zurzeit in fünf Aufsehen erregenden Fällen von Schwerkriminalität und der Schlafmangel malte ihm dunkle Ringe unter die Augen. Noch mehr konnte Glockner nicht übernehmen. Oberströter galt als tüchtig. Aber, dachte Tim, die Klasse wie Herr Glockner hat er nicht. Gewissenhaft, sicherlich, aber mit so viel Phantasie wie ’ne Klobürste.

»Ich würde gern wissen«, sagte Tim, »ob Oberströter Manni Bense befragt hat.«

»Wen?«, forschte Klößchen.

»Willi kennt ihn nicht«, meinte Karl, »weil’s dort keine Schokolade gibt.« Und erklärte dann: »Manfred Bense hat eine Kneipe. Bei Manni – nennt sie sich. Liegt schräg gegenüber der Bank. Wenn Tim vom Karate-Training kommt, zieht er sich dort des Öfteren eine Limo rein.«

Tim nickte. »Von Mannis Fenstern hat man vollen Blick auf den Geldverwalterschuppen.«

Gaby hob die Schultern. »Die Ermittlungsberichte habe ich natürlich nicht gelesen. Ich höre nur, was Papi der Mami sagt. Aber bei Oberströter würde ich eher meinen, dass er nicht gefragt hat.«

»Netter Job für uns«, erklärte Tim und stand auf.

»Heißt das etwa«, fragte Klößchen entsetzt, »dass wir uns der grimmigen Kälte aussetzen und zu dieser Kneipe fahren, wo’s keine Schokolade gibt?«

»Es geht um einen Bankraub, bei dem Gabys Mutter verletzt wurde«, sagte Tim. »Also beweg deinen Hintern!«

2. Dimi und Dickwanst

Manni Bense war ein gemütlicher Typ mit Klopsgesicht, Schnurrbart und künstlichen Locken. Tim kannte ihn noch aus einer Zeit, als er die Haare glatt trug. Das war vor einem Jahr gewesen. Die Mitglieder eines Fußballvereins gehörten zu seinen Stammgästen, auch die Angestellten aus den umliegenden Geschäften. An Wochentagen bot er einen preisgünstigen Mittagstisch an, neudeutsch »Business-Lunch« genannt. Sonntags allerdings nie, denn sonntags hatte er geschlossen. Die Kneipe – er bestand auf dieser Bezeichnung – war gemütlich. Berufstrinker und Radaubrüder sah man hier nie.

»...muss es ungefähr 14.50 Uhr gewesen sein«, sagte Tim, »als der Bankräuber getürmt ist. Passanten gab’s wohl zu der Zeit nicht. Jedenfalls hat sich niemand gemeldet. Der Altmeier-Platz samt Altmeier-Straße liegt ja auch ein bisschen abseits. Die Geschäfte sind alle vorn in der Fußgängerzone. Na ja, und wir dachten uns: Vielleicht haben Sie den Typ gesehen. Ihn und seinen Wagen. Man kann annehmen, dass der Kerl die Schweinchenmaske abgenommen hatte. Aber er hielt einen großen Leinenbeutel in der Hand.«

Manni schüttelte den Kopf, dass die Locken wackelten. »Um diese Zeit bin ich immer total mit dem Aufräumen beschäftigt. Da geht kein Blick nach draußen. Meine Frau schimpft in der Küche. Die Serviererin schimpft über die bekleckerten Tischdecken und ich... Halt mal! Jetzt fällt mir ein: Diminivski war noch da. Ich weiß es so genau, weil ich ihn um drei, wenn wir schließen, rausschmeißen musste. An dem Freitag hatte er Blei im Hintern. Nach dem Essen – wir hatten gebratene Scholle mit Speckkartoffeln – ist er sitzen geblieben und hat sich etliche Biere reingeschüttet.«

»Könnte er was gesehen haben?«, fragte Tim.

»Er saß dort am Fenster.Am zweiten.Er sitzt immer dort, wenn er kommt. Jedenfalls meistens. Weil er gern raussieht.«

»Wer ist dieser Diminivski?«

»Hm.« Manni kratzte sich am Kinn.

Tim wartete auf die Fortsetzung.

»Mit Vornamen heißt er Jörg«, erklärte Manni.

»Und sonst?«

»Ich glaube, er hat nur einen Vornamen.«

»Ich meine, was ist mit ihm los?«

»Ich will nichts behaupten. Aber von allen meinen Gästen ist er der, auf den ich am ehesten verzichten würde.«

Ziemlich umständliche Erklärung, dachte Tim. Also, ein Mistkerl. Von denen wimmelt’s ja in der Welt.

»In welcher Beziehung?«

»Meines Wissens ist er nicht vorbestraft. Man könnte das als Wunder bezeichnen. Aber bestimmt ist Dimi höllisch durchtrieben. Er ist so eine Art Torpedo – also einer, der die Dreckarbeit erledigt für die kriminellen Bosse im Hintergrund. Ein Typ fürs Grobe. Dein Vater, Gaby, hat sicherlich von ihm gehört.«

Gaby machte eine Kann-schon-sein-Schnute. Klößchen knabberte an einem eisgekühlten Schoko-Riegel, den er in der Hosentasche transportiert hatte. Karl hatte sich an einen der urigen Tische gesetzt und kramte in seinem Rucksack.

»Wissen Sie, wo Dimi wohnt?«, fragte Tim. »Vielleicht steht er auch im Telefonbuch.«

»Ich kenne seine Adresse«, nickte Manni.

*

 

Stillheimer Weg war eine ganze Ecke entfernt. Ein fast ländliches Viertel mit kleinen Häusern und Gärten, durch die jetzt der Ostwind pfiff. Die Schneepflüge vom Winterdienst hatten die Straßen geräumt, zu beiden Seiten hüfthohe Schneewälle aufgetürmt und sämtliche Garagen- Einfahrten unpassierbar gemacht. Es sei denn, der Hausbzw. Garagenbesitzer hatte Mumm in den Knochen, drei Stunden Zeit und eine Schaufel, mit der er Schnee und Eisschollen zum Nachbarn hinüberschaufeln konnte. Was aber durchaus zu zwischenmenschlichen Problemen führen kann.

TKKG stiegen von ihren Rädern. Nr.15 war ein gelb verputztes Haus mit lappigen Gardinen hinter den Fenstern. Die Haustür war offen. Auf der dreistufigen Treppe davor stand ein Typ, der vermutlich der Hausherr war, also Jörg Diminivski. Er blickte zur Straße, wo sein Besucher eben in einen schwarzen Mercedes stieg, der wie eine Staatskarosse aussah und getönte Scheiben hatte.

Der Mann war schon mit einem Bein hinterm Lenkrad, hielt aber inne, weil er noch was sagen wollte. Wie eine weltbewegende Mitteilung hörte es sich nicht an.

Er rief Dimi zu: »Dafür ist Lappen-Olaf genau der richtige Mann. Glaub mir! Außerdem braucht er Geld.«

Dann stieg er ein, ein feister Typ im Wintermantel mit Persianerkragen. Kein Hut. Speckkopf. Zigarre in der linken Hand. Als er saß, schob er sich den Tabakblatt-Krautwickel zwischen die Goldkronen. Wahrscheinlich brauchte er beide Hände zum Fahren. Der Wagen glitt an TKKG vorbei. Tim merkte sich das Kennzeichen. Dann richteten sich alle Blicke auf Dimi – wie ihn Manni abkürzend genannt hatte.

Fast 190 cm, dachte Tim. Offensichtlich stark, aber langsam. Bewegt sich wie der Urgroßvater aller Nilpferde.

Diminivski war auffallend bleich, das Gesicht eher weich. Aus der Nähe sollte Tim dann feststellen, dass der Blick aus den schwarzen Augen so kalt und gefühllos war wie der eines Ungeheuers. Die dunklen Haare wuchsen bis tief in den Nacken.

Dimi blickte nach rechts und nach links die leere Straße entlang und wollte ins Haus zurücktreten. Aber Tim war schon an der Pforte.

»Hallo! Sind Sie Jörg Diminivski?«

Tim hatte bis zehn zählen können, bevor der Mann antwortete.

»Und wenn?«

»Dann würden wir Sie gern sprechen.«

»Weshalb?«

»Es geht um den Überfall in der Cento-Bank.«

»Was habe ich damit zu tun?«

»Es war am Freitag. Früher Nachmittag. Wie wir von Manni Bense wissen, saßen Sie bei ihm in der Kneipe am Fenster. Möglicherweise haben Sie etwas beobachtet – vielleicht einen Mann gesehen, ohne natürlich zu wissen, dass er der Bankräuber ist.«

Schwarze kalte Augen musterten Tim, dann Gaby, Karl und Klößchen, die sich hinter ihm aufgestellt hatten.

Liebenswerter Zeitgenosse, dachte Tim. Als Torpedo kann ich ihn mir vorstellen – als Schläger. Wenn der jemanden aufmischt, ist er garantiert total cool. Wahrscheinlich überlegt er sich dabei, was er nachher noch einkaufen muss: Seife, Dosenbier, Hühneraugen-Pflaster und Kaugummi.

»Weshalb wollt ihr das wissen?«, fragte Dimi.

»Der Fall ist noch ungeklärt. Wir ermitteln ein bisschen. Ist unser Hobby.«

»Wie wäre es mit Fußball oder Selbstgedrehte rauchen – als Hobby passt das besser zu euch.«

Ich bleibe ganz ruhig, dachte Tim. Ganz ruhig. Schließlich wollen wir was von dieser Gesäßpforte.

»Haben Sie jemanden bemerkt, Herr Diminivski?«

»Nein! Nichts! Ich sehe nie aus dem Fenster. Das Essen war versalzen und ich hatte Durst. Ich habe nur auf mein Bier geachtet.«

»Ein hellwacher Verstand wie Sie ihn besitzen«, schleimte Tim, »merkt trotzdem, was ringsum geschieht. Ein Mann auf dem Altmeier-Platz, zum Beispiel, ein Mann mit Leinenbeutel. Stieg der Typ in einen Wagen oder entfernte er sich zu Fuß?«

»Ich habe niemanden gesehen«, erwiderte Dimi – trat ins Haus und schloss die Tür.

Vom Dach rutschte ein Schneebrett. Wie ein Stück weiße Wand fiel es in den kleinen Garten, der sicherlich auch im Sommer sehr kahl war.

»Er lügt«, sagte Tim. »Er behauptet, er sehe nie aus dem Fenster. Aber laut Manni ist er leidenschaftlicher Fenstergucker.«

»Was nicht zwangsläufig bedeutet, dass er ein guter Beobachter ist«, meinte Gaby.

»Stimmt!«, nickte Klößchen. »Manch einer glotzt, ist aber so mit seinen Gedanken beschäftigt, dass er nicht sieht, wie vor ihm ein Haus einstürzt – weil die Gasleitung explodiert oder wieder mal 11. September ist.«

»Nana!«, sagte Karl. »Auch Träumerei hat ihre Grenzen.«

Tim blickte immer noch auf die geschlossene Haustür. Wer ist Lappen-Olaf?, überlegte er. Wer ist der Fellkragen mit der Nikotin-Roulade?

»Im Moment«, sagte Tim, »müssen wir Lüge und Abfuhr schlucken. Aber ich glaube, Amigos, wir kommen wieder hierher.«