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Stefan Wolf

Der blinde Hellseher

Ein Fall für

 

 

Mit Illustrationen von Reiner Stolte

 

 

 

OMNIBUS

ist der Taschenbuchverlag für Kinder
in der Verlagsgruppe Random House

 

 

 

1. Auflage

Erstmals als OMNIBUS Taschenbuch November 2005

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

© 2004 C. Bertelsmann Jugendbuch Verlag, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagbild und Innenillustrationen:

Reiner Stolte, München

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-01297-7

 

 

Datenkonvertierung eBook:

Kreutzfeldt Electronic Publishing GmbH, Hamburg

 

 

Inhalt

1.Mutprobe
2.Vor 500 Jahren schon mal gelebt?
3.Der Hundefloh
4.Wer ist der Kidnapper?
5.In Marios Restaurant
6.Der arme Lupo
7.Eine glückliche Lösung
8.Unternehmen Vorratskeller
9.Das Liebespaar auf dem Gitter
10.Suzanne, die Pariserin
11.Nachrichten aus dem Jenseits?
12.Bosselt kriegt Keile
13.Überraschung bei Krauses
14.Die Mächte der Finsternis
15.Auf nach Stockhausen!
16.Ein Schlag auf die Rippen
17.Der neue Verdacht
18.Rastplatz Kuckucksruh
19.Wer hätte das gedacht?

TARZAN

heißt in Wirklichkeit Peter Carsten, aber kaum einer nennt ihn so. Er ist der Anführer unserer vier Freunde, der TKKG-Bande. Warum sie so heißen? Weil das die Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen sind: Tarzan, Klößchen (auch das ist freilich nur ein Spitzname), Karl und Gaby. Tarzan, 13 Jahre alt, ist immer braun gebrannt und ein toller Sportler – vor allem in Judo, Volleyball und Leichtathletik, und da besonders im Laufen. Seit zwei Jahren wohnt der braune Lockenkopf in der Internatsschule, geht jetzt in die Klasse 9b. Sein Vater, ein Ingenieur, kam vor sechs Jahren bei einem Unfall ums Leben. Seine Mutter, die als Buchhalterin arbeitet, kann das teure Schulgeld nur mühsam aufbringen. Doch für ihren Sohn ist ihr nichts zu viel. Tarzan dankt es ihr mit guten Zeugnissen. Aber deshalb würde ihn niemand – nicht mal im Traum – für einen Streber halten. Im Gegenteil: Wenn es irgendwo ein Abenteuer zu erleben gibt, ist er der Erste und immer dabei. Ungerechtigkeit kann ihn fuchsteufelswild machen. Und so kommt es, dass er für andere immer wieder Kopf und Kragen riskiert.

KARL, DER COMPUTER

geht in dieselbe Klasse wie Tarzan, in die 9b, wohnt aber nicht im Internat, sondern bei seinen Eltern in der Stadt. Er heißt mit Nachnamen Vierstein und sein Vater ist Professor für Mathematik an der Universität. Wahrscheinlich hat Karl von ihm das tolle Gedächtnis geerbt, denn er merkt sich einfach alles – wie ein Computer. Karl ist lang und dünn, und wenn ihn etwas aufregt, putzt er sofort die Gläser seiner Nickelbrille. Bei einer Prügelei nützt ihm sein Gedächtnis leider wenig. Muskeln wären dann besser. Weil er die nicht hat, bleibt er lieber im Hintergrund und kämpft mit den Waffen seines Gehirns – aber feige ist er nie.

KLÖSSCHEN

ist ein prima Kerl, an dem man nichts auszusetzen hätte, wenn er bloß nicht so vernascht wäre. Eine Tafel Schokolade – und er wird schwach. Noch lieber sind ihm zwei, drei oder gar fünf Tafeln. So bleibt es nicht aus, dass Willi Sauerlich – so heißt er mit vollem Namen – immer dicker und unsportlicher wird. Zusammen mit Tarzan, in dessen Klasse er auch geht, wohnt er im Internat in der Bude ADLERNEST. Klößchens Eltern, die sehr reich sind und in der gleichen Stadt leben, haben nichts dagegen, denn dem Jungen gefällt es bei seinen Kameraden besser als zu Hause. Da ist mehr los, sagt er. Sein Vater ist Schokoladenfabrikant und er hat sogar einen Zwölf-Zylinder-Jaguar. Heimlich wünscht Klößchen sich, so schlank und sportlich zu sein wie Tarzan.

GABY, DIE PFOTE

hat goldblonde Haare und blaue Augen mit langen dunklen Wimpern. Sie ist so hübsch, dass Tarzan manchmal nicht hingucken kann, weil er sonst rot wird. Er mag sie halt sehr gern. Aber affig ist Gaby Glockner deshalb kein bisschen – im Gegenteil: Sie macht alle Streiche mit. Selbstverständlich passen die drei Jungens immer auf sie auf, besonders wenn’s gefährlich wird. Vor allem Tarzan ist dann sehr besorgt. Er gibt es zwar nicht zu, aber wenn es darauf ankäme, würde er sich für Gaby zerreißen lassen. Sie wohnt, wie Karl, bei ihren Eltern in der Stadt, besucht aber auch die Klasse 9b im Internat. Der Vater ist Kriminalkommissar, die Mutter führt ein kleines Lebensmittelgeschäft. Als Rückenschwimmerin ist Gaby unschlagbar und in Englisch hat sie die besten Noten.

Sie ist sehr tierlieb und lässt sich von jedem Hund die Pfote geben, deshalb heißt sie auch »Pfote«. Kein Wunder, dass sie mit großer Liebe an Oskar hängt, ihrem schwarzweißen Cockerspaniel. Leider ist er auf einem Auge blind. Aber er riecht alles, besonders gebratene Hähnchen.

1. Mutprobe

Es war einen Tag vor der Katastrophe und sie warf – wie man so sagt – ihre Schatten voraus.

Allerdings – zu erkennen war das nicht. Nicht mal für einen so findigen und hellwachen Jungen wie Tarzan.

Tief über den Lenker seines Rennrades gebeugt, jagte er über die Landstraße.

Es war früher Nachmittag. Spätherbst. Die Sonne meinte es gut. Über den kahlen Feldern ringsum stand die Luft hell und klar.

Fünf Minuten noch bis zur Eisenbahnbrücke. Tarzan setzte zum Endspurt an. Niemand trieb ihn dazu – nur der eigene Ehrgeiz. Wer schon als 13-Jähriger zu den besten Schülern einer großen Internatsschule gehört, der nutzt eben jede Gelegenheit zum Training. Von nichts kommt nichts.

Bei der Eisenbahnbrücke war Tarzan mit Volker Krause verabredet. Volker, ein Klassenkamerad, wollte endlich sein neues Rad ausprobieren. Er hatte es schon vor einer Woche bekommen, aber seitdem verhinderte pausenloser Regen einen Ausflug in die Umgebung der Stadt.

Tarzan hob den Kopf. Er konnte die Brücke schon sehen.

Sie war 30 Meter hoch und überspannte eine Senke, in der die Bahngleise verliefen. Wenn Züge heranbrausten, konnte man spüren, wie das Geländer vibrierte.

Es war ein schmales Geländer – schmaler als eine Hand. Deshalb traute Tarzan seinen Augen kaum, als er jetzt zur Brücke spähte.

Eine Gestalt balancierte auf dem Geländer. Deutlich hob sie sich gegen den hellen Himmel im Hintergrund ab.

Es war Volker.

Vor Schreck vergaß Tarzan das Treten. Während sein Rad weiter rollte, starrte er mit aufgerissenen Augen zur Brücke.

Um Himmels willen! Was sollte dieser Irrsinn? War Volker übergeschnappt?

Wie ein Seiltänzer hatte der Junge die Arme ausgebreitet. Er lief auf dem Geländer auf und ab, vor und zurück. Der Wind ließ seine braunen Haare flattern und riss an dem Anorak. Wie leicht konnte er die schwankende Gestalt aus dem Gleichgewicht bringen!

Wenn Volker nach links kippte, konnte nicht viel passieren: nur ein Sturz aus Geländerhöhe auf die Straße. Aber wenn er zur anderen Seite fiel...

 

Noch 300 Meter.

Tarzan fuhr so schnell er konnte. Der Fahrtwind biss ihm in die Augen. Aber er senkte den Kopf nicht. Wie hypnotisiert beobachtete er Volker.

Noch 200 Meter.

Was war das? Eine Lokomotive pfiff. Ganz nahe schon klang das. Jetzt hörte Tarzan den Zug, das Rattern, das Stampfen. Ein Schnellzug. Jeden Moment musste er unter der Brücke hindurchbrausen. Dann würde das Geländer zittern und...

Volker!, dachte Tarzan. Spring runter! Los, runter, du Idiot!

Aber Volker dachte nicht daran. Er blieb stehen, wandte sich dem Abgrund zu, ließ die Arme sinken und blickte dem Zug entgegen.

Noch 100 Meter.

Wieder pfiff die Lok. Tarzan fuhr so schnell wie noch nie. Volker stand reglos auf dem Geländer. Wenige Schritte entfernt war sein Rad angelehnt.

»Volker! Runter!«

Tarzan schrie gegen den Fahrtwind an. Volker drehte den Kopf. Er lächelte. Aber es war keine Freude dabei und auch keine Heiterkeit.

Tarzan glaubte, das Zittern des Bodens zu spüren. Nur noch wenige Meter bis zu Volker.

Reifen kreischten, als er bremste. Das Rad rutschte unter Tarzan weg. Er ließ es fallen, hechtete zum Geländer, packte Volkers Jacke und riss den Jungen zu sich herunter.

»Mensch!...« Volker schrie auf, ruderte mit den Armen, landete unsanft auf Tarzan, und beide fielen zu Boden.

Wobei sich Tarzan – der ein erstklassiger Judosportler ist – nicht im geringsten wehtat. Dass man richtiges Fallen beherrscht, gehört bei dieser Disziplin zum kleinen Einmaleins.

Tarzan sprang auf. Sein Gesicht war bleich – vor Schreck und auch vor Empörung.

Volker blieb auf der Straße sitzen. Den Kopf hielt er gesenkt. Mit beiden Händen rieb er sich das linke Knie.

Er war ein gut aussehender Junge. Nur die sehr langen Wimpern hätten vielleicht besser zu einem Mädchen gepasst. Der Ausdruck in Volkers rehbraunen Augen war oft traurig, oft auch teilnahmslos und gleichgültig – so, als öde ihn alles an.

»Sag mal, bist du noch zu retten?«, fragte Tarzan zornig. »Bist du übergeschnappt? Oder lebensmüde? Oder hast du vielleicht Flügel unter der Jacke, mit denen du dann im Gleitflug über dem Abgrund schweben kannst. He?«

»Quatsch!«, sagte Volker. »Weshalb regst du dich denn auf?« »Da fragst du noch!«

Volker zwinkerte, als hätte er was in die Augen gekriegt. Seine Stimme klang belegt. »So eine kleine Mutprobe, Tarzan, tut hin und wieder ganz gut.«

»Ach nee! Wem denn? Außerdem: Das ist keine Mutprobe. Das ist Irrsinn! Kopfüber dort runter – und nichts wäre von dir übrig geblieben. Bist du ein Dreijähriger oder 14? Ich verstehe dich nicht.«

»Ist doch auch egal.« Volker stand auf. Seine Bewegungen waren müde. Er machte auch wieder das muffelige, in sich gekehrte Gesicht wie so oft in letzter Zeit. »Ich wär schon nicht runtergepurzelt. Aber ich glaube, du hast recht. Blöd war’s trotzdem. Tust du mir einen Gefallen?«

»Was denn?«

»Versprich, dass du’s machst! Bitte!«

»Wenn es nicht wieder so was Hirnverbranntes ist – gut, versprochen.«

»Erzähl bitte niemandem davon! Du weißt doch, wie das ist. Die denken dann, man hätte nicht alle. Niemandem! Bitte! Weder Klößchen, noch Gaby, noch Karl! Und auch meinen Eltern nicht. Ja?«

»Gut.« Tarzan nickte.

Volker streckte die Hand aus und Tarzan schlug ein. Damit war das Versprechen besiegelt.

Als Volker dann ein Kaugummipäckchen aus der Tasche holte, geriet ihm der Fotobon zwischen die Finger.

»Könntest du die abholen, Tarzan? Es sind die Bilder von der Klassenparty. Wenn du zu Gaby fährst, kommst du bei dem Foto-Geschäft vorbei. Für mich wäre es ein Riesenumweg. Morgen sind sie fertig.« Er wandte sich zu seinem Rad und murmelte: »Vielleicht sind noch zwei andere Schnappschüsse drauf. Aber – ob die was geworden sind, weiß ich nicht.«

Tarzan, der mit seinen Gedanken noch immer bei Volkers unbegreiflicher Mutprobe war, steckte den Zettel ein. »Gemacht«, sagte er. »Ich hole die Fotos.«

2. Vor 500 Jahren schon mal gelebt?

Wieder nichts!

Tarzan seufzte und starrte das Lexikon an, als wäre es sein persönlicher Feind.

Das war nun schon das fünfte, in dem er nachsah. Aber nirgendwo stand, was er suchte.

Mittagssonne schien zum Fenster herein. Die Schulbibliothek war ein schmaler Raum. Regale, vollgestopft mit Büchern, verdeckten die Wände. Hier roch es immer nach Staub, obwohl die Raumpflegerinnen der Internatsschule bestimmt ordentlich putzten.

Tarzan war allein. Deshalb konnte er sich ungeniert in den Haaren kratzen. Als die Tür aufging, nahm er die Hand vom Kopf.

Dr. Meinert kam herein – mit fünf Büchern unterm Arm und nachdenklich gekrauster Stirn. Nachdenklich war er eigentlich immer. Dass er bei Rot über die Kreuzung lief, wunderte niemanden. Wenn er heil drüben ankam, hatte er bestimmt wieder ein »historisches Problem« gelöst. Denn Geschichtslehrer war er mit Leib und Seele und in Gedanken lebte er nur in der Vergangenheit.

»Na, Tarzan«, sagte er freundlich. »Nicht in der Turnhalle? Holst du dir Lektüre? Nanu, gleich ein ganzes Lexikon?« »Leider gibt’s keine Auskunft, Herr Doktor.«

»Soso. Fehlt eine Seite?«

»Das nicht«, sagte Tarzan und dachte: Ihn sollte ich fragen. Ist ja schließlich sein Fach!

»Was willst du denn wissen?« Meinert war an ein Regal getreten und stellte seine Bücher zurück.

»Es ist was Geschichtliches, Herr Doktor. Ich möchte gern alles wissen über Editha Eleonora von Brabant.«

»Wie bitte?« Meinert drehte sich um und blinzelte wie eine Eule durch die dicken Gläser seiner Hornbrille. »Wer soll denn das gewesen sein?«

»So eine Art... naja, gehobener Adel... Vielleicht so im Rang einer Fürstin.«

»Tut mir leid,Tarzan. Von der habe ich nie gehört. Eine historisch bedeutsame Persönlichkeit war das bestimmt nicht. Wann soll sie gelebt haben?«

 

»Vor ungefähr 500 Jahren.«

»Aha! Sonderbar!« Meinert legte seine Stirn in gleichmäßige Waschbrettfalten. »Im 15. Jahrhundert kenne ich mich gut aus. Wie bist du denn auf diese Editha Eleonora von Brabant gekommen?«

»Gestern Abend, Herr Doktor, habe ich mich lange mit ihr unterhalten. Dabei...«

»Wie bitte? Willst du mich auf den Arm nehmen, du Schlingel?«

Erschrocken sah Tarzan ihn an. Dann ging ihm auf, was er gesagt hatte. Im ersten Moment wusste er nicht, wie er’s erklären sollte. Aber eine Erklärung war nun unbedingt erforderlich.

»Äh... Herr Doktor, ich meine: Nicht mit der Fürstin direkt. Das heißt: Doch! Allerdings...«

»Das muss ja eine recht betagte Dame sein«, sagte Meinert lächelnd. »500-Jährige sind selten. Und noch dazu eine Fürstin. Ich würde sie gern kennen lernen.«

Verzweifelt knetete Tarzan sein linkes Ohr. »Verstehen Sie das bitte so, Herr Doktor: Die damalige Editha Eleonora von Brabant ist wiedergeboren. Jetzt heißt sie zwar nur Edith... Verzeihung, Herr Doktor, aber ich möchte den Familiennamen nicht nennen. Es handelt sich um die Mutter eines Mitschülers und... und... Jedenfalls ist sie überzeugt, dass sie vor 500 Jahren als Editha und so weiter gelebt hat. Darüber erzählt sie uns die tollsten Geschichten. Leider wird sie sofort böse, wenn man die Sache bezweifelt.«

Meinert zog ein rotkariertes Taschentuch hervor und schnäuzte sich. »Aha. Hm. Naja. Weißt du, Tarzan, Wiedergeburten sind zur Zeit sehr modern. Immer mehr Leute behaupten von sich, sie hätten in den interessantesten Epochen unserer Vergangenheit gelebt. Solange die Leute nichts Böses tun, soll man sie gewähren lassen. Ich jedenfalls bin mir ziemlich sicher, dass ich kein römischer Gladiator, kein Neandertaler und auch kein Landsknecht im Dreißigjährigen Krieg war.«

Tarzan lächelte verschmitzt. »Vielleicht waren Sie ein römischer Geschichtsschreiber, Herr Doktor. Oder Kopernikus. Das passt besser zu Ihnen.«

Meinert lachte. »Jetzt reicht’s aber, du Schlingel. In der nächsten Geschichtsstunde werde ich dich über Kopernikus prüfen. Wer war das, he?«

»Ein Astronom«, kam es wie aus der Pistole geschossen. Aber das war alles, was Tarzan im Moment dazu einfiel. Deshalb verabschiedete er sich eiligst.

Als er durch den Flur ging, dachte er: Komisch, dass manche Leute mit ihrem Namen nicht zufrieden sind. Und nicht mit dem, was sie darstellen. Sie heißt nun mal Edith Krause und ist die Frau eines reichen Bauunternehmers. Aber sie träumt davon, sie wäre die Fürstin Editha. Am liebsten hätte sie’s, man würde sie so anreden. Himmel, so ein Blödsinn! Mir ist es egal, ob man mich Tarzan nennt oder Peter.

Peter Carsten – das war sein richtiger Name. Den Spitznamen Tarzan hatte er weg, weil er mit affenartiger Geschwindigkeit am Kletterseil hochturnen konnte.Außerdem – weil er dunkle Locken hatte und immer gebräunt war. Für seine 13 Jahre war er groß. Er besaß blaue Augen, harte Muskeln und war der beste Sportler seines Jahrgangs. Vor allem in Judo, beim Volleyball und im Sprint.

Tarzan verließ das Nebengebäude und ging über den Hof. Es war ein kühler Herbsttag, aber sonnig und klar. Morgens lag Reif auf den Wiesen. Die Bäume im Park hatten das bunte Laub abgeworfen. Abends wurde es oft so dunstig, dass man selbst aus dem zweiten Stock die Stadt nicht mehr sah. Dabei lag die Internatsschule nur etwa 20 Trablauf-Minuten von den letzten Häusern entfernt.

Es war eine Großstadt. Mit Flughafen, U-Bahn und Sportstadion. Eine Zubringerstraße, die durch Felder und Wiesen führte, verband Schule und Stadt. Nur Jungs wohnten im Internat, aber die Klassen waren gemischt – drei, vier Mädchen in jeder. Die Mädchen kamen morgens mit dem Schulbus aus der Stadt – manche auch auf Rädern, jedenfalls im Sommer.

Tarzan betrat das Haupthaus und stieg in den zweiten Stock hoch, wo die Schlafräume lagen. Jede Bude hatte einen Namen. Tarzan wohnte im ADLERNEST. Der Raum war klein, aber sehr hübsch. Platz bot er nur für zwei Betten. Aber belegt war das ADLERNEST, wie Dr. Meinert mal scherzhaft gesagt hatte, mit zweieinhalb Personen.

Diese anderthalbfache Person wurde Klößchen genannt. Tarzan trat ein, schlüpfte aus den Turnschuhen und hockte sich im Schneidersitz auf sein Bett.

Bewundernd sah Klößchen ihn an. »Du bist vielleicht gelenkig, Tarzan. Wenn ich nur versuche, mich so hinzusetzen, platzt mir die Hose.«

»Du sprichst so undeutlich, Willi. Hast du etwa was im Mund?«

»Nur meine Zunge«, sagte Klößchen und schluckte krampfhaft. Aber drei Rippen Schokolade lassen sich nicht auf einmal runterwürgen. Willi Sauerlich, genannt Klößchen, lief rot an. Da er faul auf dem Rücken lag, hätte er sich beinahe verschluckt. Er musste sich aufrichten.

Tarzan sagte: »Es ist zum Heulen. Mit meiner Hilfe hast du nun endlich ein Kilo abtrainiert. Geschworen hast du, täglich höchstens eine Tafel Schokolade zu essen.Aber gestern waren es drei; heute werden es fünf und morgen platzt du. Vor einer halben Stunde haben wir zu Mittag gegessen. Du hattest zwei Teller Suppe und drei Portionen Dampfnudeln. Und jetzt... Mal ehrlich: Wie viel hast du eben verputzt?«

Klößchen zögerte. Eine halbe Tafel hätte er gern unterschlagen. Aber Tarzan war sein bester Freund. Den wollte er nie beschwindeln.

»Also... naja... Zweieinhalb Tafeln waren es.«

»Das kriegen wir schnell wieder hin, Willi. Du machst jetzt 4000 Kniebeugen. Und schon sind die Kalorien verbraucht.«

Klößchens freundliches Mondgesicht wurde blass unter den Sommersprossen.

»4000? Nur? Reichen nicht auch 3800? Dann wäre ich noch vor Mitternacht fertig – falls mir nicht vorher die Beine abbrechen! Aber nein! Ich mache doch lieber 4000. Dann habe ich eine Tafel gut. Und die esse ich jetzt gleich.«

»Untersteh dich! Ich stopf sie dir in die Ohren. Übrigens habe ich den Meinert nach der Fürstin von Brabant gefragt. Kennt er nicht. Auch in den Lexika steht nichts.«

 

»Mann o Mann! Dann hat Volkers Mutter alles erfunden.«

Volker Krause war ihr Klassenkamerad. Ein so genannter Externer, der bei seinen Eltern in der Stadt wohnte und jeden Morgen in die Schule kam. Die 9b machte er zum zweiten Mal – aber trotz der »Ehrenrunde« stand er in den meisten Fächern zwischen vier und fünf. Dabei war er intelligent und auch ein prima Kerl, aber er hatte einfach zu nichts Lust. Er ließ alles schleifen, starrte in letzter Zeit nur noch trübsinnig vor sich hin und konnte manchmal, wenn er sich gepiesackt fühlte, richtig unangenehm werden. Und was er da auf der Eisenbahnbrücke getrieben hatte, dieser Volker, das war doch sehr komisch. Tarzan machte sich Sorgen um seinen Freund.

»Ich glaube, es ist ihm peinlich«, sagte Tarzan.

»Peinlich? Was?«

»Dass seine Mutter so spinnt.«

»Aber er verteidigt sie doch. Wenn man nur ein bisschen grinst, wird er gleich fuchsteufelswild.«

»Eben drum«, meinte Tarzan. »Er verträgt nicht die leiseste Anspielung. Dabei hat keiner was gegen seine Mutter gesagt.«

»Ist ja auch besser.«

Tarzan nickte. »Eine seltsame Familie. Der Vater ist der größte Bauunternehmer der Stadt, schuftet wie ein Pferd und ist nie zu Hause. Die Mutter macht ihren Hokuspokus mit Geisterbeschwörung, Wiedergeburt und Seelenwanderung. Und Volker gammelt. Findest du nicht auch: Die drei passen nicht zusammen.«

»Keiner kann sich seine Familie aussuchen«, erwiderte Klößchen weise. »Und wenn du genau hinguckst – mein Vater hat’s als Schokoladenfabrikant zum Millionär gebracht. Und er sagt: Die Schokolade ist meine Lebensaufgabe – obwohl er nicht ein Stück davon isst. Meine Mutter hat’s mit ihrer Diät. Sie erfindet Rezepte für Brennnesselsoßen und Sauerampfer-Püree. Außerdem leidet sie darunter, dass mein Vater – wie sie meint – mit seiner Schokolade die Menschheit vergiftet. Na, und ich. Ich bin im Internat, weil’s mich zu Hause so langweilt.«

»Aber ihr versteht euch prima!«

Klößchen nickte heftig. »Ich wollte doch nur sagen: Wir sind alle verschieden, aber wir haben uns lieb. Bei den Krauses sind auch alle verschieden. Vielleicht verstehen sie sich trotzdem.«

»Hoffentlich. Ich wünsche es Volker. Übrigens glaube ich nicht, dass er krank ist. Der hat heute nur gefehlt, weil er die Mathe-Arbeit schwänzen wollte.«

Klößchen verzog das Gesicht. »Kann ich verstehen. Au Backe! Von fünf Aufgaben habe ich eine gelöst. Du kriegst sicher wieder einen Einser. Deine Begabung möchte ich haben. Aber bei mir purzeln die Zahlen durcheinander, wenn ich nur ein bisschen nachdenke.«

»Dafür habe ich gestern die Französisch-Arbeit verhauen. Bestimmt ’ne glatte Fünf. Naja, nächsten Sommer will meine Mutter sowieso mit mir nach Rimini fahren. Und in Italien nützt mir Französisch überhaupt nichts.«

»Bis zu den Sommerferien kannst du dich auf eine Eins hocharbeiten«, sagte Klößchen betrübt. »Ich werde wahrscheinlich nur mein Gewicht hocharbeiten. Hach! Ist das schrecklich, wenn man so verschleckt ist!«

»Erwarte nicht, dass ich dich bedauere«, meinte Tarzan und ließ sich aufs Bett sinken. Für einen Moment eilten seine Gedanken nach Hause. Weit entfernt war das.

Vier Stunden musste er mit der Bahn fahren. Aber das Geld dafür hatte seine Mutter nur selten.

Sein Vater, ein Diplom-Ingenieur, war vor sechs Jahren tödlich verunglückt. Damit hatte sich alles geändert. Vor allem für seine Mutter. Sie musste wieder arbeiten gehen, als Buchhalterin, und sie sparte sich jeden Pfennig vom Mund ab, um das Schulgeld aufzubringen. Trotzdem hatte sie die beste Schule für ihren Sohn ausgesucht.Tarzan wusste das. Ohne ein Streber zu sein, tat er alles, um voranzukommen.

Wie sehr er an seiner Mutter hing – daran durfte er manchmal gar nicht denken. Sonst hätte er sich sofort auf sein Rennrad geschwungen und wäre die endlose Strecke zu ihr geradelt. Am traurigsten war es an den so genannten Urlaubs-Wochenenden. Dann fuhren die anderen Heimschüler für zwei Tage nach Hause. Tarzan blieb meistens hier, weil das Fahrgeld zu teuer war. Nur die langen Briefe an seine Mutter trösteten ein bisschen. Sie antwortete mit noch längeren Briefen und manchmal rief sie auch an.

Klößchen – der hatte es bequemer. Sein Elternhaus war hier – im vornehmsten Viertel der Stadt. So oft er wollte, konnte er seine Eltern besuchen. Das tat er auch. Aber nur im Internat fühlte er sich wohl. Weil, wie er sagte, hier immer was los sei.

Als Tarzan jetzt in Schuhe und Windjacke schlüpfte, hob Klößchen den Kopf.

»Fährst du in die Stadt?«

»Du fährst auch.«

»Ich? Wieso?«

»Mann, Willi Sauerlich! Wir sind mit Gaby und Karl verabredet. Fürs Hallenbad. Auf, auf! Keine Müdigkeit vorschützen!«

»Hätte ich doch glatt vergessen.«

Klößchen klatschte sich die flache Hand vor die Stirn. Dass seine Finger voller Schokolade waren, merkte er zu spät.