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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Ein Fall für TKKG
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003
OMNIBUS
ist der Taschenbuchverlag für Kinder in der Verlagsgruppe Random House
 
 
Siehe Anzeigenteil am Ende des Buches für eine Aufstellung der bei cbj und OMNIBUS erschienenen Titel der Serie

004
TARZAN
heißt in Wirklichkeit Peter Carsten, aber kaum einer nennt ihn so. Er ist der Anführer unserer vier Freunde, der TKKG-Bande. Warum sie so heißen? Weil das die Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen sind: Tarzan, Klößchen (auch das ist freilich nur ein Spitzname), Karl und Gaby. Tarzan, 13 Jahre alt, ist immer braun gebrannt und ein toller Sportler – vor allem in Judo, Volleyball und Leichtathletik, und da besonders im Laufen. Seit zwei Jahren wohnt der braune Lockenkopf in der Internatsschule, geht jetzt in die Klasse 9b. Sein Vater, ein Ingenieur, kam vor sechs Jahren bei einem Unfall ums Leben. Seine Mutter, die als Buchhalterin arbeitet, kann das teure Schulgeld nur mühsam aufbringen. Doch für ihren Sohn ist ihr nichts zu viel. Tarzan dankt es ihr mit guten Zeugnissen. Aber deshalb würde ihn niemand – nicht mal im Traum – für einen Streber halten. Im Gegenteil: Wenn es irgendwo ein Abenteuer zu erleben gibt, ist er der Erste und immer dabei. Ungerechtigkeit kann ihn fuchsteufelswild machen. Und so kommt es, dass er für andere immer wieder Kopf und Kragen riskiert.
 
KARL, DER COMPUTER
geht in dieselbe Klasse wie Tarzan, in die 9b, wohnt aber nicht im Internat, sondern bei seinen Eltern in der Stadt. Er heißt mit Nachnamen Vierstein, und sein Vater ist Professor für Mathematik an der Universität. Wahrscheinlich hat Karl von ihm das tolle Gedächtnis geerbt, denn er merkt sich einfach alles – wie ein Computer. Karl ist lang und dünn, und wenn ihn etwas aufregt, putzt er sofort die Gläser seiner Nickelbrille. Bei einer Prügelei nützt ihm sein Gedächtnis leider wenig. Muskeln wären dann besser. Weil er die nicht hat, bleibt er lieber im Hintergrund und kämpft mit den Waffen seines Gehirns – aber feige ist er nie.
005
 
KLÖSSCHEN
ist ein prima Kerl, an dem man nichts auszusetzen hätte, wenn er bloß nicht so vernascht wäre. Eine Tafel Schokolade – und er wird schwach. Noch lieber sind ihm zwei, drei oder gar fünf Tafeln. So bleibt es nicht aus, dass Willi Sauerlich – so heißt er mit vollem Namen – immer dicker und unsportlicher wird. Zusammen mit Tarzan, in dessen Klasse er auch geht, wohnt er im Internat in der Bude ADLERNEST. Klößchens Eltern, die sehr reich sind und in der gleichen Stadt leben, haben nichts dagegen, denn dem Jungen gefällt es bei seinen Kameraden besser als zu Hause. Da ist mehr los, sagt er. Sein Vater ist Schokoladenfabrikant und er hat sogar einen Zwölf-Zylinder-Jaguar. Heimlich wünscht Klößchen sich, so schlank und sportlich zu sein wie Tarzan.
006
 
GABY, DIE PFOTE
hat goldblonde Haare und blaue Augen mit langen dunklen Wimpern. Sie ist so hübsch, dass Tarzan manchmal nicht hingucken kann, weil er sonst rot wird. Er mag sie halt sehr gern. Aber affig ist Gaby Glockner deshalb kein bisschen – im Gegenteil: Sie macht alle Streiche mit. Selbstverständlich passen die drei Jungens immer auf sie auf, besonders wenn’s gefährlich wird. Vor allem Tarzan ist dann sehr besorgt. Er gibt es zwar nicht zu, aber wenn es darauf ankäme, würde er sich für Gaby zerreißen lassen. Sie wohnt, wie Karl, bei ihren Eltern in der Stadt, besucht aber auch die Klasse 9b im Internat. Der Vater ist Kriminalkommissar, die Mutter führt ein kleines Lebensmittelgeschäft. Als Rückenschwimmerin ist Gaby unschlagbar und in Englisch hat sie die besten Noten. Sie ist sehr tierlieb und lässt sich von jedem Hund die Pfote geben, deshalb heiß sie auch »Pfote«. Kein Wunder, dass sie mit großer Liebe an Oskar hängt, ihrem schwarz-weißen Cockerspaniel. Leider ist er auf einem Auge blind. Aber er riecht alles, besonders gebratene Hähnchen.
007

Stefan Wolf: Ein Fall für TKKG
Die Jagd nach den Millionendieben
Der blinde Hellseher
Das leere Grab im Moor
Das Paket mit dem Totenkopf
Das Phantom auf dem Feuerstuhl
Angst in der 9a
Rätsel um die alte Villa
Auf der Spur der Vogeljäger
Abenteuer im Ferienlager
Alarm im Zirkus Sarani
Die Falschmünzer vom Mäuseweg
Nachts, wenn der Feuerteufel kommt
Die Bettelmönche aus Atlantis
Der Schlangenmensch
Ufos in Bad Finkenstein
X7 antwortet nicht
Die Doppelgängerin
Hexenjagd in Lerchenbach
Der Schatz in der Drachenhöhle
Das Geheimnis der chinesischen Vase
Die Rache des Bombenlegers
In den Klauen des Tigers
Kampf der Spione
Gefährliche Diamanten
Die Stunde der schwarzen Maske
Das Geiseldrama
Banditen im Palast-Hotel
Verrat im Höllental
Hundediebe kennen keine Gnade
Die Mafia kommt zur Geisterstunde
Entführung in der Mondscheingasse
Die weiße Schmugglerjacht
Gefangen in der Schreckenskammer
Anschlag auf den Silberpfeil
Um Mitternacht am schwarzen Fluß
Unternehmen Grüne Hölle
Hotel in Flammen
Todesfracht im Jaguar
Bestien in der Finsternis
Bombe an Bord (Haie an Bord)
Spion auf der Flucht
Gangster auf der Gartenparty
Überfall im Hafen
Todesgruß vom Gelben Drachen
Der Mörder aus dem Schauerwald
Jagt das rote Geisterauto!
Der Teufel vom Waiga-See
Im Schatten des Dämons
Schwarze Pest aus Indien
Sklaven für Wutawia/Gauner mit der »Goldenen Hand«
Achtung: Die »Monsters« kommen!
Wer hat Tims Mutter entführt?
Stimme aus der Unterwelt
Herr der Schlangeninsel
Im Schattenreich des Dr. Mubase
Lösegeld am Henkersberg
Die Goldgräberbande
Der erpresste Erpresser
Heißer Draht auf Paradiso
Ein Toter braucht Hilfe
Weißes Gift im Nachtexpress
Horrortrip im Luxusauto
Spuk aus dem Jenseits
Hilfe! Gaby in Gefahr!
Dynamit im Kofferraum
Freiheit für gequälte Tiere!
Die Schatzsucher-Mafia schlägt zu
Kampf um das Zauberschwert »Drachenauge«
Der böse Geist vom Waisenhaus
Feind aus der Vergangenheit
Schmuggler reisen unerkannt
Die Haie vom Lotus-Garten
Hilflos in eisiger Nacht
Opfer fliegen 1. Klasse
Angst auf der Autobahn
Mörderischer Stammbaum
Im Wettbüro des Teufels
Mörderspiel im Burghotel
Das Phantom im Schokoladenmuseum
Mit heißer Nadel Jagd auf Kids
Die Sekte Satans
Der Diamant im Bauch der Kobra
Klassenfahrt zur Hexenburg
Im Schloss der schlafenden Vampire
Im Kaufhaus ist der Teufel los
Frische Spur nach 70 Jahren
Bei Anruf Angst
Ein cooler Typ aus der Hölle
Der Goldschatz, der vom Himmel fiel
Der Mörder aus einer anderen Zeit
Vergebliche Suche nach Gaby
Im Schlauchboot durch die Unterwelt
Die Gehilfen des Terrors
Die gefährliche Zeugin verschwindet
Stundenlohn für flotte Gangster
Der Meisterdieb und seine Feinde
Auf vier Pfoten zur Millionenbeute
Verschleppt ins Tal Diabolo
Raubzug mit dem Bumerang
Draculas Erben / Todesbiss der schwarzen Mamba
Hinterhalt am Schwarzen Fels
Nonstop in die Raketenfalle

1. Sein Erzfeind heißt Rembrandt
008
Tarzan war noch im Waschsaal und putzte sich die Zähne. Wie üblich, war er der Letzte; und damit’s schneller ging, ließ er die Backenzähne aus.
Klößchen, der eigentlich Willi hieß, sah zur Tür herein. »Beeil dich! Rembrandt kommt.«
Na und? dachte Tarzan. Dann kommt er eben. Ist ja schließlich nichts Neues. Seinetwegen reiße ich mir bestimmt kein Bein aus.
Er gurgelte nochmal kräftig und spülte sich den Mund aus.
Rembrandt – wie sie den Zeichenlehrer Dr. Pauling nannten – war sein Erzfeind. Und Tarzan tat alles, damit diese Feindschaft nicht erlosch. Aber heute Abend hatte er was Tolles vor. Daher war es besser, Rembrandt nicht unnötig zu reizen.
Tarzan drückte seinen Waschlappen aus, hängte das Handtuch an den Haken und steckte die Zahnbürste in den Becher.
Die Tür flog auf.
Tarzan sah nicht hin. Er wusste auch so, wer es war.
Das helle Licht der Leuchtröhren spiegelte sich auf Dr. Paulings Brillengläsern. Er hatte ein bleiches Gesicht, das nie lachte, und wenig Haare. Dass er ungerecht und gemein war, wussten alle. Unter den 500 Schülern der Internatsschule war keiner, der ihn mochte.
Rembrandt räusperte sich. Das tat er oft, und es klang jedes Mal, als leide ein Rabe an Halsweh.
»Natürlich! Herr Peter Carsten ist wieder mal nicht fertig. Er möchte wohl eine Extraeinladung? In drei Minuten, mein Lieber, bist du im Bett. Klar?«
»Ich war noch so staubig hinter den Ohren«, sagte Tarzan, »deshalb hat’s länger gedauert.«
Aber Rembrandt hörte nicht hin. Er war schon draußen, um seine Runde durch den zweiten Stock fortzusetzen.
Hier schliefen die 12- bis 14-Jährigen. Für sie war um halb neun Zapfenstreich. So verlangte es die Hausordnung des Internats.
Drei Minuten!, dachte Tarzan. Was der sich einbildet! Ist ja erst Viertel nach acht. Seine Uhr geht wohl vor?
Peter Carsten, der mit Spitznamen Tarzan hieß, war 13 und ziemlich groß für sein Alter. Außerdem war er der beste 100-Meter-Läufer und ein so guter Volleyball-Spieler, dass er demnächst in der Schulmannschaft mitmachen sollte.
Seinen Spitznamen hatte er weg, weil er mit affenartiger Geschwindigkeit am Kletterseil hochturnen konnte. Außerdem vielleicht, weil er dunkle Locken hatte. Und weil sogar im Winter seine Haut die sommerliche Bräune behielt. Er war ein blauäugiger Tarzan, schlank, muskulös und durch und durch sportlich.
Alle Schlafräume im zweiten Stock hatten Spitznamen.
Das ADLERNEST, wo Tarzan wohnte, war ein winziger Raum, gerade groß genug für zwei Betten, zwei Schränke und Klößchens Fressvorräte.
Auch jetzt, nach dem Zähneputzen, saß Klößchen auf seinem Kopfkissen und kaute. Schokolade, natürlich. Ohne Schokolade konnte er nicht leben; und je mehr er davon aß, um so dicker wurde er.
»Hast du deine Kniebeugen gemacht?«, fragte Tarzan.
Klößchen zog schuldbewusst den Kopf ein. »Nur 20.«
»So wirst du nie dünner. Wenn du eines Tages platzt, möchte ich nicht in deiner Nähe sein. Ich wette, du hast nicht Blut, sondern Kakao in den Adern.«
Klößchen wischte sich den Mund ab. Er war einen halben Kopf kleiner als Tarzan, wog aber sechs Kilo mehr. Seine runde Figur wurde einem Kloß immer ähnlicher. Und wenn er beim Turnen zappelnd an der Reckstange hing, ohne einen halben Klimmzug zu schaffen, musste Tarzan ihn hochstemmen – was Schwerarbeit war. Aber Klößchen hatte ein freundliches Mondgesicht. Seine Segelohren und die rotblonden Haare passten dazu. Erstaunt beobachtete er jetzt, wie Tarzan rasch in seine Jeans schlüpfte, die Turnschuhe anzog, das blaue T-Shirt und den gelben Pullover.
»Willst du noch weg?«
»Klar. Ich bin verabredet.«
Tarzan kroch ins Bett. Bis zum Kinn zog er die Decke hoch. Wie er so dalag, sah er aus wie ein Pennematz, den nichts aus den Federn bringt – es sei denn, die Schule brennt.
»Au Backe!« Klößchen wurde blass vor Aufregung. »Und das heute. Wo Rembrandt rumschleicht. Drei Verweise hast du schon. Einen noch, und du fliegst. Bei dir steht’s auf der Kippe. Und da riskierst du so was!«
»Du weißt doch, dass die Verweise alle von Rembrandt sind. Eine haarsträubende Ungerechtigkeit! Nochmal erwischt der mich nicht. Heute kann gar nichts schief gehen. Wenn die Lichter aus sind, haut Rembrandt sich ins Bett. Und ich bin vor Mitternacht zurück.«
»Wäre Mist, wenn du rausfliegst«, sagte Klößchen bekümmert und aß noch rasch ein Stück Nussriegel.
Tarzan schwieg. Der Gedanke an einen vierten Verweis war ihm unheimlich. Trotz guter Zensuren – vor allem in Mathe und Sport – würde er dann die Schule verlassen müssen. Zwar hätte das kein Schüler als Schande empfunden, aber die Eltern dachten da anders.
Seiner Mutter – die Witwe war und hart arbeiten musste, um das Schulgeld für ihn aufzubringen – wollte er das nicht antun. Seit sein Vater vor sechs Jahren auf einer Geschäftsreise tödlich verunglückt war, er hatte als Ingenieur gearbeitet, musste sie sich hart durchs Leben schlagen. Sie war Buchhalterin und lebte in einer anderen Stadt, mehr als vier Zugstunden entfernt. Weil sie sich vor lauter Arbeit nicht um Peter kümmern konnte, aber wollte, dass er eine gute Schulbildung genoss, hatte sie ihn schweren Herzens in das weit entfernte Internat gegeben, das ihr empfohlen worden war.
Tarzan gefiel es in dieser Schule. Daran waren vor allem seine Freunde schuld. Sie hielten eisern zusammen: Karl – der Computer, Gaby mit dem Spitznamen Pfote – weil sie an keinem Hund vorbeigehen konnte, ohne zu sagen: »Gib Pfote!«, und Tarzan. In gewisser Weise gehörte natürlich auch Klößchen dazu. Aber nicht, wenn es um besonders tolle Streiche ging. Denn was die drei sich getrauten, dazu fehlte ihm noch der Mut. Noch …
Karl und Gaby gingen in Tarzans und Klößchens Klasse – die 9b -, wohnten aber nicht im Internat der Schule, sondern bei ihren Eltern drüben in der Stadt.
Es war eine Großstadt mit Flughafen, U-Bahn und Sportstadion. Die Internatsschule lag am Stadtrand. Von hier sah man über Felder und Wiesen zur Autobahn. In der Ferne war Wald. Und wenn im Fußballstadion Bundesligaspiele ausgetragen wurden, hörte man das Geschrei bis in den Speisesaal.
Dr. Pauling kam herein.
»Es ist gleich neun. Gute Nacht!«
Andere Lehrer gaben dabei die Hand. Pauling tat das nie. Er löschte nur das Licht und ging hinaus; und Tarzan hörte, wie seine Schritte sich auf dem Flur entfernten.
»Ihr wollt zum Schützenfest, ja?« Klößchen gab einen schmatzenden Laut von sich. Wahrscheinlich dachte er an Würstchenbuden, an gebrannte Mandeln, an Verkaufsstände mit Schokolade und Nougat.
»Ich habe Gaby versprochen, dass ich ihr einen Schlumpf schieße. Hoffentlich klappt’s.«
»Ach Gott!«, sagte Klößchen, »ich wünschte, ich könnte mitkommen. Ich glaube, ich tät’s, wenn ich nur wieder reinkäme. Aber am Seil hochklettern – nee, das ist nichts für mich. Runter – das ginge noch. Könnten wir nicht eine Strickleiter besorgen, Tarzan? Damit würde ich’s schaffen.«
»Warum nicht gleich einen Fahrstuhl?«, lachte Tarzan. »Nimm lieber ab! Dann schaffst du das Seil. Himmel, was dir so entgeht! Nur weil du futterst und futterst und futterst. Schokolade ist doch nicht alles.«
»Lass das nicht meinen Vater hören! Der sagt immer: Die Schokolade ist mein Leben. Er isst zwar keine, aber er verdient seine Millionen damit.«
Tarzan nickte, was Klößchen in der Dunkelheit natürlich nicht sehen konnte. Seltsam ist das, dachte Tarzan, meine Mutti ist enorm fleißig und verdient doch so wenig. Klößchens Vater, der Herr Sauerlich, ist ein großer Schokoladenhersteller, ein Industrieller mit 1000 Angestellten in seinen Fabriken und unendlich viel Geld. Aber ich wette, er arbeitet nicht halb so viel wie meine Mutti. Ungerecht, so was!
Nach einer Weile stieg er aus dem Bett, zog die Tür einen Spalt auf und horchte. Der Flur war dunkel. Nebenan, in der RÄUBERHÖHLE, murmelten Stimmen.
»Wenn nachher das Fenster zu ist, werfe ich hier einen Stein an die Scheibe«, flüsterte er. »Also, grunz nicht so fest! Tschüss!«
»O Mann! Wäre ich gern dabei!«, jammerte Klößchen.
Tarzan schlich hinaus und den Flur hinunter, an Waschsaal und Toiletten vorbei bis zum Ende, wo ein paar Stufen hinauf und zu einer Schwingtür führten: der Verbindung zum Nachbarhaus. Dort lagen die Klassenräume. Aber die Schwingtür war ab neun Uhr abends verschlossen. Tarzan versuchte es gar nicht, auf diesem Wege ins Freie zu kommen.
Leise öffnete er ein Flurfenster und kletterte hinaus auf den Sims.

2. Tarzan sieht die Bilderdiebe
Kühle Luft traf sein Gesicht. Für einen Augenblick sah er zum fernen Waldrand hinüber. Buttergelb stand der Vollmond über den Tannenspitzen und gerade in diesem Moment zog ein Schwarm Krähen vorbei.
Tarzan tastete nach links, wo in einer Mauerritze das Pappstück versteckt war. Er zog das Fenster zu und klemmte die Pappe dazwischen. Das hielt – wenn nicht plötzlich ein Sturm kam.
Eine Armlänge entfernt sprang die Mauer vor. Hier begann das Nebenhaus. Wilder Wein rankte sich im Winkel -bis hinauf zum zweiten Stock. An einigen Stellen hatte Hausmeister Mandl feste Haken in die Mauer getrieben. Sie hielten das Holzgitter, das die Weinranken stützen sollte.
Außerdem hielt der oberste Haken ein Nylonseil. Es war aufgerollt und unter den Blättern versteckt. Tarzan zog es hervor.
Gewandt turnte er daran hinunter, indem er die Füße gegen die Mauer stemmte, aber Acht gab, dass er die Weinblätter nicht zertrat. Er landete auf sandigem Boden, ließ das Seil hängen und rannte geduckt am Gebäude entlang, bis um die Ecke.
Auf sein Rennrad musste er verzichten. Nachts war der Fahrradkeller abgeschlossen. Mandl vergaß das nie.
Aber im beschleunigten Trab, seiner üblichen Gangart, brauchte Tarzan nur 22 Minuten bis zu Gabys Wohnung, wo sich die drei heute nacht verabredet hatten.
Er mied das Tor – manchmal stand dort ein Pauker oder einer der größeren Schüler -, lief durch den Park, stieg über den Zaun und war aus der Gefahrenzone.
Die Zubringerstraße endete bei der Schule. Um diese Zeit fuhr hier selten ein Wagen. Aber ein Hase hoppelte jetzt über den Asphalt und verschwand im Klee.
Während Tarzan am Straßenrand entlangtrabte, musste er an den Jaguar denken. Himmel, war das komisch gewesen! Der Jaguar, ein Zwölfzylinder, gehörte den Sauerlichs, Klößchens Eltern. Sie lebten in der Stadt, und Klößchen, ein Einzelkind ohne Geschwister, hatte damals bei seinen Eltern gewohnt – noch nicht im Internat. Damit er aber zur Schule kam, hatte ihn jeden Morgen der Chauffeur der Sauerlichs hergebracht. Im großen Jaguar. Peinlich, peinlich für Klößchen! Was der sich hatte anhören müssen! Die Hänseleien waren immer schlimmer geworden. Und Klößchen selbst hatte schließlich seine Eltern bekniet, ihn im Internat anzumelden. Seitdem bewohnte er mit Tarzan das ADLERNEST und war auf den Jaguar nicht mehr angewiesen; und die Hänseleien hörten auf.
Tarzan legte einen Zahn zu. Bald darauf erreichte er die ersten Häuser.
Am Stadtrand lag ein feines Viertel: Villen mit großen Gärten. In den Einfahrten standen oft dicke Brummer mit mindestens 150 PS. Die sportlichen Flitzer wurden von den Besitzern selbst gefahren. Aber zu den großen Limousinen gehörten Chauffeure in blauen oder grauen Uniformen.
Auch die Sauerlichs wohnten hier. Sie hatten die größte Villa, den größten Park, den Jaguar, drei andere Wagen und Georg, den gutmütigen Chauffeur, der Klößchen heimlich mit Schokolade versorgte.
Ich werde Georg ins Gewissen reden, dachte Tarzan, ihm sagen, dass es so nicht geht. Mit dem Schokoladenschmuggel tut er Klößchen keinen Gefallen.
Er sah auf die Uhr. Schon halb zehn. Damit war klar, dass er seine »Hürdenstrecke« nehmen musste. Das hieß: quer durch die Gärten – mit den Zäunen als Hürden.
Natürlich hätte er auch auf der Straße laufen können. Aber viele der parkgroßen Gärten stießen mit den Rückfronten aneinander, ohne dass dazwischen eine Gasse verlief. Das hätte einen Umweg von fast zehn Minuten bedeutet.
Tarzan flankte über den ersten Zaun, rannte über Rasen und durch Büsche, sah die Lichter im Haus, war schon am nächsten Zaun und sprang hinüber, ohne eine Hand aufzustützen.
Hier musste er aufpassen. Manchmal war ein kleiner Foxterrier im Garten. Der verfolgte ihn dann und kläffte wie verrückt. Aber heute hatte er Glück. Das Haus war dunkel, der Foxl nicht da.
Tarzan durchquerte drei weitere Gärten. Hinter keinem der Fenster brannte Licht. Sicherlich waren die Bewohner noch im Urlaub.
Der nächste Garten war sehr unübersichtlich. Um dem großen Schwimmbecken auszuweichen, musste Tarzan etwas näher zum Haus.
Auch dort war alles dunkel.
Als er sich durch die Jasminsträucher zwängte, hörte er das Knirschen. Es kam von der Terrasse her und klang nach Glas, als trete jemand darauf.
Wie angewurzelt blieb er stehen. Nach dem Trab ging sein Atem schnell.
Wieder hörte er das Knirschen.
Er duckte sich. Vorsichtig schlich er zur Terrasse. Sie lag an der Rückfront des Hauses. Die Büsche wuchsen bis zu ihrem Rand. Eine tolle Deckung. Außerdem schob sich jetzt eine dicke Wolke vor den Mond.
Als Tarzan die Zweige auseinander bog, wäre er fast zurückgeprallt.
Keine zwei Schritte entfernt stand eine Gestalt: ein Mann. Er sah zur Terrassentür und drehte Tarzan den Rücken zu. Etwas Viereckiges war auf dem Boden abgestellt und gegen das Knie des Mannes gelehnt.
Ein Geräusch beim Haus. Eine zweite Gestalt tauchte auf.
In dieser Sekunde gab die Wolke den Mond frei. Sein Silberlicht beschien die Rückfront der Villa. Deutlich konnte Tarzan Einzelheiten erkennen.
Die Glasscheibe der Terrassentür war zerbrochen. Splitter lagen auf den Steinfliesen. Was der zweite Mann unter dem Arm trug, war in eine Decke gehüllt. Aber sie verrutschte etwas. Der schwere Rahmen eines sicherlich sehr kostbaren Gemäldes wurde sichtbar.
009
010
Die Bilderdiebe!, schoss es Tarzan durch den Kopf. Millionendiebe wurden sie in den Zeitungen genannt, weil die Gemälde, die sie klauten, Millionen wert waren.
Sein Herz begann gegen die Rippen zu hämmern.
In der Zeitung hatte er darüber gelesen. Seit Monaten machten unbekannte Diebe die Stadt unsicher. In Villen und Kunstgalerien brachen sie ein, stahlen die wertvollsten Gemälde und hinterließen keine Spur.
»Beeil dich!«, knurrte der Dieb, der gewartet hatte. Seine Stimme war heiser. Er trug eine dunkle Windjacke und eine Kappe mit Augenschirm. Der andere war kleiner, bewegte sich plump und trug einen Jeansanzug.
Der Heisere nahm das Paket auf, das an seinem Bein lehnte. Mindestens drei große Gemälde waren das. Wie einen Bauchladen hielt er sie vor sich.
Offensichtlich recht sorglos gingen sie über die Terrasse und folgten dem Weg durch die Büsche. Er führte nach hinten, zum Ende des Gartens.
Von dort – das wusste Tarzan – war es nicht weit bis zu einer Gasse, wo die Diebe sicherlich ihren Wagen geparkt hatten.
Lautlos wie ein Schatten folgte er ihnen.
Was tun? Alarm schlagen? Jemanden zu Hilfe rufen? Das konnte gefährlich werden. Vielleicht waren die Diebe bewaffnet.
Am besten, ich versuche, die Gesichter zu erkennen! Und die Autonummer! Dann gehe ich zur Polizei und …
Er blieb so plötzlich stehen, als wäre er mit der Nase gegen eine Mauer gerannt.
Heiliger Strohsack! Zur Polizei kann ich nicht. Dann käme ja raus, dass ich wieder getürmt bin. Rausfliegen würde ich. Erbarmungslos! Rembrandt würde sich ins Fäustchen lachen. Und nicht mal eine Belobigung durch die Polizei könnte meine Katastrophe verhindern.
Die Gedanken verwirrten ihn. Statt auf die Verbrecher zu achten, trat er hinter den Büschen hervor. Voll fiel das Mondlicht auf ihn. In diesem Augenblick wandte der plumpe Kerl, der hinter dem Heiseren ging, den Kopf.
Tarzan duckte sich blitzartig. Gerade noch rechtzeitig kauerte er sich hinter einen Strauch.
Um Himmels willen!, dachte er. Ich Esel! Das fehlte noch, dass die mich entdecken!
»He, Otto!«, hörte er den Plumpen sagen. »Wart mal! Da war was.«
»Was denn?«
»Weiß nicht. Ein Tier vielleicht. War aber zu groß für eine Katze. Ist dort hinter den Strauch gehuscht.«
»Eine Riesenkatze, was? Hast wohl einen Knick im Auge, Eddi?«
»Wirklich, Otto! Ich hab’s gesehen. Wenn du’s nicht glaubst – pass auf!«
Er kam zurück. Tarzan sah ihn durch die Zweige. Der Schreck verschlug ihm den Atem. Eine Gänsehaut zog sich über seinen Rücken.
»Und wenn’s keine Katze war, Otto?« Eddi redete jetzt noch leiser, blieb stehen, legte seine Beute auf den Weg und griff in die Tasche.
Als er die Hand wieder herauszog, gab es ein schnappendes, metallisches Geräusch. Mondlicht fiel auf die schmale Klinge eines Springmessers.
Alles in Tarzan spannte sich. Sein Hals wurde trocken vor Furcht. Aber das hätte er vor seinen Freunden nie zugegeben. Er stützte die Hände auf, krümmte den Rücken und schob einen Fuß etwas vor. Jetzt kauerte er wie ein 100-Meter-Läufer im Startloch, und wenn dieser Kerl noch einen Schritt näher kam, würde er wie von der Sehne geschnellt losflitzen, abhauen quer durch die Büsche, egal wohin, nur weg von diesen Verbrechern.
Aber Eddi ging nicht weiter. Offenbar hatte er wirklich einen Knick in der Pupille. Der Strauch, gegen dessen Zweige er treten wollte, war gut fünf Meter von ihm entfernt.
Flügelschlagend flatterte ein Nachtvogel auf.
Otto, der Heisere, lachte hämisch. »Du brauchst wirklich’ne Brille, Eddi. Hoffentlich hast du dich bei den Gemälden nicht vertan. Bist du sicher, dass du keine Kalender eingepackt hast?«
»Blödsinn!«, maulte Eddi. »Ich weiß, was ich gesehen habe. Das Vieh ist nur schon weg.«
»Komm jetzt, verdammt nochmal! Sonst schaffe ich’s nie bis Mitternacht zum Bierzelt.«
Eddi brummelte was, steckte das Messer weg und nahm sein Paket wieder auf.
»Weißt du denn genau, dass er kommt?«, fragte er dann.
»Genau wusste er’s selber nicht. Er hat gesagt, um Mitternacht im Bierzelt. Und falls das nicht klappt, dann morgen um 14 Uhr im Zooaquarium. Bei den Tintenfischen.«
011
»Zumutung, so was!«, brummte Eddi. »Demnächst bestellt er uns auf den Friedhof.«
»Wäre doch für dich gar nicht schlecht«, feixte Otto. »Hättest Gelegenheit, endlich mal Gespenster zu sehen. Wenn irgendwo eine Eule fliegt, denkst du, es ist Dracula.«
Sie gingen weiter – ungeniert, als kämen sie von einem Abendspaziergang.
Tarzan wartete, bis sein Herz nicht mehr allzu laut klopfte. Von zehn Jungen seines Alters hätten neun jetzt kehrtgemacht.