cover

001

Inhaltsverzeichnis
 
Widmung
Geleitwort des Dalai Lamas
Vorwort
 
Kapitel 1 – Können wir uns verändern? Das überholte Dogma vom fest verdrahteten Gehirn
Das Dogma der Unveränderbarkeit
Buddhismus und Wissenschaft
Von Uhren und Teleskopen
Das »Mind and Life«-Institut
 
Kapitel 2 – Der verzauberte Webstuhl: Die Entdeckung der Neuroplastizität
Die Kartografen
Flexible Verbindungen
Die Silver-Spring-Affen
Den Blitz hören und den Donner sehen
 
Kapitel 3 – Frische Zellen für alte Gehirne: Die Neurogenese
Ein Familienerbe
Vogelgehirne
Eine anregende Umgebung
Ein kurzer Blick auf die Rechte der Tiere
Neurogenese beim Menschen
Lauf!
Neurogenese und Depression
Das sich verändernde Selbst
 
Kapitel 4 – Ein Kind soll sie führen: Neuroplastizität im kindlichen Gehirn
Das Gehirn, mit dem wir auf die Welt kommen
Mit den Augen hören, mit den Ohren sehen
Was die Blindenschrift-Leser zeigten
Mit den Augen hören
Sprache »sehen«
Blind malen
Neuverdrahtung von Legasthenikern
Aufmerksamkeit ist wichtig
 
Kapitel 5 – Fußabdrücke im Gehirn: Sinnliche Erfahrungen formen die ...
Jugendliche Gehirne
Das Experiment mit verbundenen Augen
Der Preis der Neuroplastizität
Phantomglieder
Besserung nach einem Schlaganfall
Das musikalische Gehirn
Umschulung des sehenden Gehirns
 
Kapitel 6 – Der Geist beeinflusst die Materie: Mentale Aktivität verändert das Gehirn
Der lange Schatten von Descartes
Zwangsstörungen beheben
Depression durch falsches Denken
Achtsamkeit und Depression
Das depressive Gehirn verändern
«Das Denken macht es erst dazu« (Hamlet)
Das buddhistische Gehirn
Bewusste Aufmerksamkeit ist notwendig
 
Kapitel 7 – Natur oder Kultur? Wie man Gene im Gehirn aktiviert
Die Erfahrung einer Mutter
Ratten mit Stress-Thermostat
Lecken und Putzen
Sanftmütige Ratten
Geerbtes Verhalten
Armut geht unter die Haut
Eine schreckliche Altlast
 
Kapitel 8 – Hat Mama Schuld? Die Neuverdrahtung des Gehirns zur Entfaltung von Mitgefühl
Die Bindungstheorie
Drei verschiedene Bindungsmuster
Das Kind ist der Vater des Erwachsenen
Ein neues Bild der Menschheit
Bindung im Labor
Vorlieben, Abneigungen und Unwahrscheinlichkeiten
Die Macht der Bahnung
Nimm meine Tarantel... bitte!
Richtige Kindererziehung
 
Kapitel 9 – Transformation des emotionalen Geistes: Gibt es einen »Sollwert« ...
Auf in die Berge
Das emotionale Gehirn
Ein »Sollwert« des Glücks?
Den Sollwert verändern
Verkabelte Mönche
Freiheit vom Leiden
 
Kapitel 10 – Wie geht es weiter?
Neuroplastizität auf Abwegen
Die Uhr zurückstellen
Das volle Potenzial
Säkulare Ethik
 
Anhang
Anmerkungen
Über die Autorin
Register
Copyright

Für Ned, Sarah und Daniel,
die es mit mir durchgestanden haben.

Geleitwort des Dalai Lamas
Schon fast zwanzig Jahre sind vergangen, seit die erste »Mind and Life«-Konferenz in Dharamsala stattgefunden hat. Einige Persönlichkeiten, die maßgeblich am Zustandekommen dieses Dialogs zwischen dem Buddhismus und der modernen Wissenschaft beteiligt waren, wie Robert Livingston und Francesco Varela, weilen inzwischen nicht mehr unter uns. Dennoch bin ich mir sicher, dass sie ihre Begeisterung mit den herausragenden Wissenschaftlern, Meditationsmeistern, Mönchen und anderen Teilnehmern an diesen Konferenzen teilen und stolz auf das sind, was bislang durch unsere Gespräche erreicht worden ist.
Obgleich die moderne Wissenschaft und die Tradition der buddhistischen Meditationspraxis sehr verschiedene historische, kulturelle und intellektuelle Ursprünge haben, verfügen beide auch über viele Gemeinsamkeiten. Auf die eine oder andere Weise haben beide Traditionen das Ziel, dem Menschen das Leben zu erleichtern. Beide lehnen die Vorstellung absoluter Gegebenheiten ab, sei es als Existenz eines transzendenten Schöpfers oder einer unveränderbaren Seele, und befassen sich stattdessen mit dem realen Leben und den natürlichen Gesetzen von Ursache und Wirkung. Beide Traditionen gehen empirisch an das Wissen heran. Ein grundlegendes buddhistisches Prinzip besagt, dass der menschliche Geist ein ungeheures Potenzial zur Transformation hat. Im Gegensatz dazu war die Wissenschaft bis vor Kurzem noch der Meinung, dass der Geist seinen Sitz und Ursprung im Gehirn hat, das seine Struktur in der frühen Kindheit erhält und sich hinterher nur noch wenig verändert.
Praktizierende Buddhisten, die damit vertraut sind, wie der Geist funktioniert, wissen schon seit Langem, dass er durch Training transformiert werden kann. Neu und aufregend ist, dass Wissenschaftler nun herausgefunden haben, dass geistiges Training auch das Gehirn verändern kann. Das Gehirn entwickelt sich in Reaktion auf wiederholte Aktivitätsmuster, sodass seine Form tatsächlich ein Ausdruck des Lebens ist, das wir führen. Dies hat weitreichende Konsequenzen für die Auswirkungen unserer alltäglichen Gewohnheiten auf unser Leben, zeigt aber auch das positive Potenzial von Disziplin und spiritueller Praxis. Der Beweis, dass wichtige Gehirnabschnitte, wie zum Beispiel die Sehrinde, ihre Funktionsweise bestimmten Lebensumständen anpassen können, offenbart eine erstaunliche Formbarkeit, die nicht für möglich gehalten wurde, solange man die Gehirnaktivität rein mechanistisch interpretierte.
Forschungsergebnisse, die zeigen, dass das Ausmaß mütterlicher Liebe und körperlichen Kontakts mit dem Kind verschiedene genetische Reaktionen hervorrufen kann, machen deutlich, welche Bedeutung die Kindererziehung hat, wenn wir eine harmonische Gesellschaft schaffen wollen. Auf der anderen Seite ist es sehr ermutigend zu wissen, dass therapeutische Methoden denjenigen Menschen helfen können, die aufgrund von Vernachlässigung in der Kindheit Schwierigkeiten damit haben, Wärme und Mitgefühl für ihre Mitmenschen zu empfinden. Wenn darüber berichtet wird, dass die normale Funktion durch Therapie wiederhergestellt werden kann, dann handelt es sich um aufregende, innovative Entdeckungen. Auch gibt es inzwischen eine positive Antwort auf eine Frage, mit der ich mich schon seit Jahren beschäftige. Forscher haben nämlich herausgefunden, dass das, was die Menschen denken, tatsächlich ihr Gehirn verändert.
Wie viele Leser vielleicht wissen, interessiere ich mich nicht nur für die Wissenschaft, sondern bin auch ein leidenschaftlicher Gärtner. Aber die Gartenarbeit ist von vielen Faktoren abhängig. Man kann viel Zeit darauf verwenden, den Boden vorzubereiten, behutsam die Samen in die Erde zu bringen, sie regelmäßig zu gießen und ihr Wachstum zu beobachten. Und doch gibt es Einflüsse, die wir nicht kontrollieren können, besonders nicht an einem Ort wie Dharamsala, wo ich lebe und wo es manchmal sehr heiß und feucht ist und viel Regen fällt. Diese Einflüsse können dazu führen, dass all unsere Mühe vergeblich war. Es ist daher eine besondere Freude, und andere Gärtner werden dies sicherlich bestätigen, wenn die Pflanzen, um die man sich so gesorgt hat, auch tatsächlich blühen und gedeihen. In Bezug auf die Forschungsergebnisse im Bereich der Neuroplastizität (die auf unserer Konferenz vorgetragen und diskutiert wurden und die in diesem Buch festgehalten sind) empfinde ich solch ein Gefühl der Freude, denn wir haben einen Wendepunkt erreicht. Buddhismus und moderne Wissenschaft fangen an, sich gegenseitig zu befruchten, mit großen praktischen Auswirkungen auf das menschliche Wohlergehen.
Ein bedeutender tibetischer Lehrer hat einmal gesagt, eine der erstaunlichsten Eigenschaften des Geistes bestünde darin, dass er transformiert werden kann. Die Forschungsergebnisse, die in diesem Buch präsentiert werden, bestätigen, dass gezieltes Geistestraining das menschliche Gehirn nachweisbar verändert. Die Auswirkungen dieser Erkenntnis werden sich nicht auf unser Wissen über den Geist beschränken. Sie haben eine praktische Bedeutung für unser Bildungs- und Gesundheitswesen und unterstreichen, wie wichtig es ist, ein Leben nach ethischen Grundsätzen zu führen.
Das »Mind and Life«-Institut ist zu einem bedeutenden Netzwerk von Wissenschaftlern, Gelehrten und interessierten Laien geworden, denen daran liegt, eine sowohl kontemplative und mitfühlende als auch streng experimentelle und empirische Wissenschaft des Geistes ins Leben zu rufen. Wir hoffen, dass eine solche Wissenschaft einen positiven Einfluss auf Medizin, Neurowissenschaft, Psychologie, Bildungswesen und die menschliche Entwicklung haben wird. Ich persönlich glaube, dass die Arbeit des Instituts sehr wertvoll ist, und ich danke nicht nur den Wissenschaftlern, die keine Zeit und Mühen gescheut haben, um ihre Forschungsergebnisse vorzustellen, sondern auch denjenigen, die unsere Treffen und Konferenzen organisieren und koordinieren. Ein Teil der Aufgabe des Instituts besteht auch darin, für allgemeinverständliche Publikationen unserer Konferenzprotokolle zu sorgen, sodass das, was als halbprivate Gespräche stattfindet, auch einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann. Ich danke daher an dieser Stelle besonders Sharon Begley dafür, dass sie aus dem Material der Konferenz 2004 ein attraktives Buch gemacht hat, das die Vorarbeiten, Gespräche und Ergebnisse mit großer Genauigkeit wiedergibt. Ich bin zuversichtlich, dass die bahnbrechenden Entdeckungen, über die sie berichtet, großen Einfluss darauf haben, wie wir unsere Zukunft gestalten, und so zu einer positiven Entwicklung der Menschheit beitragen werden.
002
September 2006

Vorwort von Daniel Goleman
Als Tenzin Gyatso, der 14. Dalai Lama, sich im Oktober 2004 für eine Woche mit einer Handvoll von Neurowissenschaftlern an seiner indischen Residenz in Dharamsala traf, ging es um das Thema »Neuroplastizität« – die Fähigkeit des Gehirns, sich zu verändern. Bis vor Kurzem wäre es noch unvorstellbar gewesen, dass dieses Thema Gegenstand einer ernsthaften wissenschaftlichen Diskussion sein könnte. Ein Jahrhundert lang lautete das herrschende Dogma der Neurowissenschaft, dass das Gehirn sich in der frühen Kindheit bildet und später nicht mehr verändert.
Aber durch die Weiterentwicklung der Forschung landete auch diese Annahme, wie schon so viele andere wissenschaftliche »Tatsachen«, im Mülleimer der Geschichte. In der Neurowissenschaft gibt es mittlerweile einen aufblühenden Forschungszweig, in dem untersucht wird, wie sich das Gehirn im Laufe des Lebens immer wieder neu strukturiert. Dieses Buch ist eine hervorragende Einführung in diese neue, vielversprechende Wissenschaft.
Besonders faszinierend an den Gesprächen, die hier wiedergegeben werden, sind ihre Teilnehmer. Viele weltweit führende Wissenschaftler auf dem Gebiet der Neuroplastizität reisten um den halben Globus nach Indien, um ihre Forschungsergebnisse mit dem Dalai Lama zu diskutieren. Der Grund: Die meditative Praxis der buddhistischen Mönche und Meditationsmeister bot den Neurowissenschaftlern die einmalige Gelegenheit, eine natürlich auftretende Form von Neuroplastizität zu untersuchen. Seit Jahrtausenden schon erforschen die Meditationsmeister die Veränderbarkeit des Gehirns. Sie haben das, was sie herausfanden, systematisiert und als Anleitungen und Lehren an zukünftige Generationen weitergegeben, bis auf den heutigen Tag.
Eine der Fragen, die der Dalai Lama stellte, war besonders provokativ und lautete: Kann das Denken das Gehirn verändern? Im Laufe der Jahre hatte er diesen Punkt in Gesprächen mit Wissenschaftlern immer wieder vorgebracht und meistens eine ablehnende Antwort erhalten. Was nicht weiter verwundert, denn eine der grundlegenden Annahmen der Neurowissenschaft besteht darin, dass geistige Prozesse durch die Aktivität des Gehirns zustande kommen. Das Gehirn erzeugt und beeinflusst den Geist und nicht umgekehrt. Aber die Forschungsergebnisse, die in diesem Buch vorgestellt werden, legen den Schluss nahe, dass die Kausalkette in beide Richtungen verläuft und eine systematische geistige Aktivität auch zu physischen Veränderungen in der Gehirnstruktur führt.
Wie weitreichend diese Entdeckung ist, kann bislang niemand sagen. Aber allein die Tatsache, dass Neurowissenschaftler anfangen, diese Möglichkeit anzuerkennen, ist eine zweite Revolution des Denkens in diesem Bereich: Das Gehirn verändert seine Struktur nicht nur unaufhörlich im Verlauf des Lebens, wir können diesen Prozess auch aktiv mitgestalten. Ein weiteres Prinzip der Neurowissenschaft wird damit in Frage gestellt. Es ist die Annahme, dass geistige Vorgänge wie Wahrnehmung und Aufmerksamkeit starren Beschränkungen unterliegen. Der Buddhismus lehrt, dass man diese Beschränkungen durch geeignetes Training überwinden kann.
Wie stark unsere neuralen Systeme verändert werden können, zeigte uns Richard Davidson, Neurowissenschaftler an der Universität von Wisconsin, der diesen speziellen Dialog vorbereitet hatte. Mit Hilfe des Dalai Lamas hatte er eine Anzahl buddhistischer Meditationsmeister (mit 15 000 bis 55 000 Stunden Meditationspraxis) gefunden, die sich in seinem Labor verschiedenen Tests unterzogen. Davidson präsentierte den teilnehmenden Wissenschaftlern seine Forschungsergebnisse. Sie machten deutlich, dass diese Meister während der Meditation über das Mitgefühl Gehirnbereiche aktivierten, die für positive Gefühle und die Bereitschaft zum Handeln verantwortlich sind, und zwar in einem Ausmaß, das noch nie zuvor beobachtet worden war. Die Annahme, dass unser geistiger Apparat festen Beschränkungen unterliegt, ist damit nicht länger haltbar.
Dieses Buch ist das zehnte in einer Reihe von Veröffentlichungen, mit denen die Dialoge des »Mind and Life«-Instituts (für mehr Informationen siehe Anhang und www.MindandLife.org) einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden. Gegründet durch den verstorbenen, aus Chile stammenden Neurowissenschaftler Francesco Varela, der in Paris lehrte, und den amerikanischen Geschäftsmann Adam Engle, arbeitet das Institut bei der Planung seines Programms eng mit dem Dalai Lama zusammen. Ursprünglich bestand die zentrale Aufgabe des Instituts darin, wissenschaftliche Dialoge wie die Konferenz zu organisieren, über die in diesem Buch berichtet wird. Dies ist auch weiterhin eine seiner Hauptaufgaben. Die Aktivitäten des Instituts umfassen inzwischen jedoch auch ein jährlich stattfindendes Seminar für Hochschulabsolventen über die Forschungsinhalte, die in den Dialogen diskutiert werden, hauptsächlich auf dem Gebiet der kognitiven Neurowissenschaft. Das Institut vermittelt auch Forschungsstipendien an junge Wissenschaftler, die in diesem Bereich arbeiten wollen.
Jedes Buch, das eine der »Mind and Life«-Konferenzen zum Inhalt hat, hat seine eigene Form und seinen eigenen Charakter, abhängig von der Art der Gespräche und den Stärken des jeweiligen Autors. Sharon Begley, eine der weltweit führenden Wissenschaftsjournalistinnen, hat ihre einzigartige Begabung eingebracht, um ein aufregendes Forschungsgebiet ins Scheinwerferlicht zu rücken. Sie nutzt die Dialoge als Ausgangspunkt für eine sorgfältige und lebendig geschriebene Untersuchung der wissenschaftlichen Entwicklung auf diesem Gebiet bis hin zu den Forschungsergebnissen, die in Dharamsala vorgestellt wurden. Das Resultat geht weit über das hinaus, was auf dieser Konferenz diskutiert wurde. Begley beschreibt die Entwicklung und den aktuellen Forschungsstand auf dem Gebiet der Neuroplastizität – eine der aufregendsten wissenschaftlichen Revolutionen unserer Zeit.

Kapitel 1
Können wir uns verändern? Das überholte Dogma vom fest verdrahteten Gehirn
Die nordindische Stadt Dharamsala besteht aus einem oberen und einem unteren Stadtteil. Die wolkenverhangenen Gipfel des Dhauladhar-Gebirges (»weiße Berge«) liegen hinter den beiden Stadtteilen wie eine Nackenrolle im Bett eines Riesen, während das Kangra-Tal, das von einem britischen Kolonialbeamten als »Urbild ländlicher Ruhe und Schönheit« beschrieben wurde, sich bis in die Ferne erstreckt. Das obere Dharamsala ist auch als McLeod Ganj bekannt. Gegründet im 19. Jahrhundert zu Zeiten der britischen Kolonialherrschaft als Stützpunkt in den Bergen, wurde die geschäftige kleine Ansiedlung (die nach David McLeod, dem damaligen britischen Vizegouverneur des Punjab, benannt wurde) direkt auf einem Bergkamm errichtet, sodass man auf den steilen, matschigen Pfaden zwischen den Gästehäusern die Trittsicherheit einer Ziege haben muss und besser höllisch aufpasst, sich im Dunkeln nicht den Knöchel zu vertreten oder in einen Abgrund zu stürzen.
Kühe trotten über Kreuzungen, an denen Straßenhändler am Boden hocken vor Tüchern, auf denen sich Gemüse und Getreide stapelt, und Taxis ein Mutprobenspiel mit dem entgegenkommenden Verkehr machen, in dem derjenige seine Mannesehre verliert, der auf der einzigen, nur eine Fahrspur breiten Straße der Stadt zuerst mit seinem Wagen ausweicht. Die Straße schlängelt sich an Bettlern und heiligen Männern vorbei, die kaum mehr als ein Lendentuch tragen und aussehen, als hätten sie seit einer Woche nichts gegessen. Dennoch halten sie jedem Fremden, der vorbeikommt und seine Geschwindigkeit auch nur ein wenig verlangsamt, einen Computerausdruck entgegen, auf dem all ihre Nöte feinsäuberlich aufgelistet sind. Barfüßige Kinder stürzen sich wie aus dem Nichts auf den westlichen Besucher und betteln: »Bitte, Madam, hungriges Baby, hungriges Baby.« Sie zeigen dabei vage auf die vielen Bretterbuden rechts und links der Straße.
Wenn man von der gefliesten Terrasse des Chonor House, eines der Gästehäuser, blickt, liegt einem die ganze Stadt zu Füßen. Sobald die Sonne aufgegangen ist, murmeln die rotbraun gekleideten Mönche ihre Gebete und die heiligen Männer kauern in den Seitengassen und singen Om mani padme hum (»Gepriesen sei der Juwel im Lotus«). Gebetstücher flattern an den Zweigen und tragen die tibetischen Worte Mögen alle fühlenden Wesen glücklich und zufrieden sein in den Wind. Wenn man sie sieht, denkt man: Wohin der Wind auch immer wehen mag, mögen diejenigen, die die Gebete empfangen, von ihrem Leid befreit werden.
Während der untere Stadtteil von Dharamsala fast ausschließlich von Indern bewohnt wird, leben in McLeod Ganj (mit Ausnahme von ein paar westlichen Aussteigern und spirituellen Suchern) fast nur tibetische Flüchtlinge, die Tenzin Gyatso, dem 14. Dalai Lama, ins Exil gefolgt sind. Viele von denen, die in Tibet blieben und nicht selbst fliehen konnten, schmuggelten ihre kleinen Kinder über die Grenze nach Dharamsala, wo sie nun im tibetischen Kinderdorf leben, das nur zehn Minuten oberhalb der Stadt liegt. Der Preis, den die Eltern dafür zahlen, dass ihre Kinder innerhalb der tibetischen Kultur aufwachsen und damit die Tradition und Identität Tibets aufrechterhalten und ihre eigene Geschichte davor bewahren, von der chinesischen Besatzung ausgelöscht zu werden, besteht darin, dass sie ihre Söhne und Töchter niemals wiedersehen.
Nachdem der Dalai Lama den kommunistischen Truppen Chinas entkommen war, die acht Jahre zuvor in Tibet eingefallen waren, ist McLeod Ganj seit 1959 seine Heimat und gleichzeitig Hauptquartier der tibetischen Regierung. Bis heute wird sein Wohnsitz, der gleich an der Hauptverkehrskreuzung liegt, wo Busse wenden und Taxifahrer auf ihre Passagiere warten, rund um die Uhr von indischen Soldaten mit Maschinenpistolen im Anschlag bewacht. Am Eingang befindet sich eine kleine Hütte, deren bescheidenes Äußeres im krassen Gegensatz zum martialischen Auftreten der Wachen steht. Vom Wartezimmer aus, das gerade mal Platz für ein kleines Sofa hat und wo in einem Holzregal und auf einem kleinen Kaffeetisch abgegriffene Publikationen liegen, kommt man durch eine Tür in den Kontrollraum, wo alles, was man bei sich hat (Taschen, Notebooks, Kameras, Tonbandgeräte) durchleuchtet wird, ehe man in eine Kabine muss, die an beiden Seiten Vorhänge hat und in der man von tibetischen Sicherheitsbeamten von oben bis unten abgetastet wird.
Wenn man alle Kontrollen überstanden hat, steigt man auf einem Asphaltpfad aufwärts, bis man auf weiteres indisches Wachpersonal mit Maschinenpistolen stößt, das im Schatten faulenzt. In der weitläufigen Außenanlage wachsen Kiefern und Rhododendronbüsche; aus Keramiktöpfen quillt violette Bougainvillea, und safranfarbene Tagetes umgeben die großzügig geschnittenen Gebäude. Das erste zur Rechten ist ein einstöckiges Haus, in dem sich das Empfangszimmer des Dalai Lamas befindet. Es wird ebenfalls von einem indischen Soldaten mit einer automatischen Waffe beschützt. Dahinter befindet sich die tibetische Bibliothek samt Archiv und weiter bergan das zweistöckige Privathaus des Dalai Lamas, in dem er schläft, meditiert und die meisten Mahlzeiten einnimmt. Zur Linken befindet sich ein alter Palast, in dem der Dalai Lama gewohnt hat, als seine gegenwärtige Residenz noch nicht gebaut war. In dem Palast finden meistens Einweihungen von geistlichen Würdenträgern statt, aber in den nächsten fünf Tagen sollte hier in einem großen Saal ein einzigartiges Zusammentreffen stattfinden. Auf Initiative des »Mind and Life«-Instituts kamen dort im Oktober 2004 führende Gelehrte der buddhistischen und der westlichen wissenschaftlichen Tradition zusammen, um sich mit zwei Fragenzubeschäftigen, die Philosophen und Wissenschaftler schon seit Jahrhunderten bewegen: Kann das Gehirn verändert werden, und welche geistige Kraft kann dies bewirken?

Das Dogma der Unveränderbarkeit

Bis vor wenigen Jahren hatten sich Neurowissenschaftler diese Frage noch nicht einmal gestellt, weil – fast so lange, wie es eine Wissenschaft des Gehirns gibt – in Lehrbüchern, Wissenschaftsseminaren und topaktuellen Forschungsstudien immer die gleiche Idee wiederholt wurde.
Aber kein Geringerer als William James, der Vater der experimentellen Psychologie in den USA, benutzte als Erster den Begriff »Plastizität« im Zusammenhang mit der wissenschaftlichen Erforschung des Gehirns. Er postulierte 1890, dass »organische Materie, besonders Nervengewebe, mit einem außergewöhnlichen Grad an Plastizität ausgestattet zu sein scheint«, und meinte damit »eine Struktur, die anfällig gegenüber Einflüssen von außen ist.«1 Doch James war »nur« ein Psychologe und kein Neurologe, da es vor 100 Jahren noch keine Neurowissenschaft gab. Von daher stieß seine Spekulation ins Leere. Einen weit größeren Einfluss hatte 1913 der große spanische Neuroanatom Santiago Ramon y Cajal, der sieben Jahre zuvor den Nobelpreis für Medizin oder Physiologie gewonnen hatte. In seiner Abhandlung über das Nervensystem erklärte er damals kurz und bündig: »Im Gehirn eines Erwachsenen sind die Nervenbahnen starr und unveränderbar.«2 Seine düstere Behauptung, die Nervenbahnen im lebenden Gehirn würden sich ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr weiterentwickeln, da seine Struktur und Organisation festgelegt seien – wie bei einem leichenblassen, in Formaldehyd eingelegten Gehirn in der Anatomie -, blieb fast ein Jahrhundert lang das vorherrschende Dogma der Neurowissenschaft. In den Lehrbüchern stand, dass das ausgewachsene Gehirn eine feste Form und Funktion hat, sodass wir uns im Erwachsenenalter mit dem begnügen müssen, was wir haben.
Die herkömmliche neurowissenschaftliche Lehrmeinung geht also davon aus, dass im ausgewachsenen Säugetiergehirn keine neuen Nervenverbindungen mehr geknüpft werden und die bereits bestehenden Verbindungen unveränderbar sind. Wenn Gene und Umwelteinflüsse dazu geführt haben, dass diese Anhäufung von Nervenverbindungen dafür verantwortlich ist, die Signale vom Auge an das Gehirn weiterzuleiten, während jene dafür sorgt, dass wir die Finger der rechten Hand bewegen können, dann werden sie dies und nichts anderes auch in aller Zukunft tun – komme, was wolle. Aus gutem Grund sind daher die Funktion, die Größe und die räumliche Anordnung der Gehirnstrukturen in allen aufwändig illustrierten Büchern über das Gehirn als unveränderbar eingezeichnet. Erst 1999 gaben Neurologen in der renommierten Wissenschaftszeitschrift Nature zu: »Uns wird immer noch beigebracht, dass das ausgewachsene Gehirn nicht in der Lage ist, neue Nervenverbindungen zu schaffen und bestehende Verbindungen nach einer ernsthaften Verletzung oder als Antwort auf einen schleichenden Verlust von Nerven im Verlauf einer degenerativen Krankheit des Gehirns wiederherzustellen.«3
Natürlich ist den Wissenschaftler bekannt, dass das Gehirn im Laufe des Lebens verschiedenen Veränderungen unterworfen ist. Da das Gehirn unser Verhalten steuert und der Ort ist, an dem wir unsere Erinnerungen und das abspeichern, was wir lernen, wenn wir uns neues Wissen oder eine neue Fähigkeit aneignen, muss es sich ganz real auf physische Weise verändern, damit dies geschehen kann. Forscher wissen schon seit Jahrzehnten, dass das Gedächtnis seinen physiologischen Ausdruck in der Bildung neuer und der Verstärkung bereits bestehender Synapsen (Verbindungspunkte zwischen den Neuronen) findet. Im Jahr 2000 ging der Nobelpreis für Medizin oder Physiologie sogar an den Wissenschaftler, der die molekularen Zusammenhänge entdeckt hat, die das Gedächtnis bewirken.
Die Veränderungen, die dem Lernen und dem Gedächtnis zugrunde liegen, finden jedoch eher in einem begrenzten Bereich statt – hier und da werden ein paar Synapsen verstärkt, das feine Axon einer Nervenzelle wird ein paar Millimeter weiter ausgestreckt, sodass es sich mit einem entfernteren Axon verbinden kann, ein paar neue Dendriten wachsen, damit mehr Nervenzellen mit ihren Nachbarn sprechen können, so als ob es in einem Haushalt einen neuen Telefonanschluss gibt. Veränderungen in einem größeren Bereich, wie zum Beispiel das Anwachsen der Gehirnregion, die für eine bestimmte mentale Funktion verantwortlich ist, oder der Umbau der Nervenverbindungen zwischen zwei Regionen, wurden für nicht möglich gehalten.
Genauso unmöglich schien es, dass die Grundstruktur des Gehirns auch nur ein Jota von den maßgeblichen Schaubildern abwich, die in den Anatomiebüchern abgebildet waren. Die Sehrinde im hinteren Teil war fest verdrahtet, um den Sehsinn zu gewährleisten; der somatosensorische Kortex, der sich auf der Oberseite des Gehirns entlangschlängelt, warfestverdrahtet, um Berührungsempfindungen wahrnehmbar zu machen; der motorische Kortex war fest verdrahtet, um einen bestimmten Energieimpuls an jede einzelne Muskelzelle zu schicken, und die Hörrinde war fest verdrahtet, um Schwingungsfelder von den Ohren zu übertragen. Im Gegensatz zu der Fähigkeit des sich entwickelnden Gehirns, sich auf signifikante Weise zu verändern, besagte dieses Prinzip, das der klinischen Praxis und der wissenschaftlichen Analyse zugrunde liegt, dass das ausgewachsene Gehirn fest verdrahtet und unveränderbar sei. Es habe die Fähigkeit verloren, die man Neuroplastizität nennt – die Fähigkeit, sich auf grundlegende Weise zu verändern.
In gewisser Hinsicht ist dieses Dogma sogar verständlich. Das menschliche Gehirn besteht aus so vielen Nervenzellen mit so vielen Verknüpfungen untereinander – schätzungsweise 100 Milliarden Nervenzellen mit ungefähr 100 Billionen Verbindungen -, dass es riskant zu sein schien, dieses Gebilde auch nur minimal zu verändern, so als ob man an ein paar Schaltkreisen auf der Festplatte eines Supercomputers herumbastelte. Die Natur würde solch einen Eingriff sicherlich nicht erlauben und Vorkehrungen treffen, dass so etwas gar nicht erst geschehen kann. Aber es ging noch um etwas anderes. Das Gehirn ist der physische Sitz der Persönlichkeit, hier werden Wissen, Charakter und Emotionen, Erinnerungen und Überzeugungen gespeichert. Obwohl Wissen und Erinnerungen im Laufe des Lebens angehäuft werden und sich Persönlichkeit und Charakter immer mehr ausformen, schien es nicht sinnvoll zu sein, davon auszugehen, dass das Gehirn sich grundsätzlich verändern könnte.
Der Neurowissenschaftler Fred Gage, der zu den Forschern gehörte, die vom Dalai Lama eingeladen worden waren, um mit ihm und mit anderen buddhistischen Gelehrten auf der Konferenz im Jahre 2004 über die logischen Schlussfolgerungen der Neuroplastizität zu diskutieren, brachte den Widerstand gegen die Vorstellung, dass das Gehirn in der Lage ist, sich zu verändern, mit folgender Aussage auf den Punkt: »Wenn das Gehirn sich verändern kann, dann können auch wir uns verändern. Und wenn das Gehirn falsche Veränderungen vornimmt, dann würden auch wir uns in die falsche Richtung entwickeln. Es war einfacher zu glauben, dass überhaupt keine Veränderung möglich ist. Auf diese Weise konnte das Individuum so bleiben, wie es war.«
Die Doktrin des unveränderbaren menschlichen Gehirns hat grundlegende Auswirkungen, von denen keine besonders optimistisch ist. Sie hat Neurologen beispielsweise zu der Annahme verführt, dass eine Rehabilitation von Erwachsenen, deren Gehirn durch einen Schlaganfall stark beschädigt war, eigentlich nur Zeitverschwendung sei. Sie hat außerdem dazu geführt, dass der Versuch, pathologische Gehirnstrukturen zu verändern, die psychischen Krankheiten – wie zum Beispiel Zwangsstörungen und Depressionen – zugrunde liegen, als völlig aussichtslos betrachtet wurde. Darüber hinaus besagt diese Doktrin, dass andere vermeintliche Konstanten des Gehirns, wie zum Beispiel der individuelle »Sollwert« des Glücksgefühls, auf den man sich nach der tiefsten Tragödie oder der größten Ekstase immer wieder einpendelt, so starr und unveränderbar sind wie die Erdumlaufbahn.
Aber die Doktrin ist falsch. In den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts stellten ein paar unerschrockene Neurowissenschaftler das Paradigma in Frage, welches besagte, dass das ausgewachsene Gehirn sich nicht mehr verändern kann. Im Gegenteil, sie machten eine Entdeckung nach der anderen und fanden heraus, dass das Gehirn über erstaunliche Fähigkeiten zur Neuroplastizität verfügt. Das Gehirn kann sich neu verdrahten. Es kann den Bereich vergrößern, der für die Bewegung der Finger zuständig ist, und neue Verknüpfungen herstellen, um die Virtuosität eines Geigers noch zu verstärken. Es kann schlummernde Verbindungen aktivieren und neue Drähte einziehen, wie ein Elektriker, der ein altes Haus mit neuen Leitungen versieht, sodass Gehirnbereiche, die einst für das Sehen zuständig waren, nun plötzlich fühlen oder hören können. Es kann bestimmte Schaltkreise lahmlegen, die einst überaktiv waren und zur Depression führten. Es kann pathologische Verbindungen kappen, die dazu geführt haben, dass das Gehirn permanent in einem Gott-irgendetwas-stimmt-nicht-Zustand war, der für Zwangsstörungen verantwortlich ist. Kurzum, das ausgewachsene Gehirn verfügt noch über die gleiche Plastizität wie ein sich entwickelndes Gehirn; es besitzt die Fähigkeit, beschädigte Bereiche zu reparieren, neue Nervenzellen herzustellen, verschiedene Aufgaben verschiedenen Bereichen zuzuordnen sowie jene Schaltkreise zu verändern, durch deren Vernetzung wir überhaupt in der Lage sind, uns zu erinnern, zu fühlen, zu leiden, zu denken, uns etwas vorzustellen und zu träumen. Ja, man wusste: Das Gehirn eines Kindes ist erstaunlich formbar. Aber im Gegensatz zu Ramon y Cajal und anderen damaligen Neurowissenschaftlern kann das Gehirn seine physische Struktur und die Verknüpfung seiner Nervenzellen auch noch im Erwachsenenalter verändern.
Die Revolution im Umdenken beschränkt sich jedoch nicht nur darauf, dass das Gehirn offensichtlich in der Lage ist, sich auch noch im Erwachsenenalter zu verändern und weiterzuentwickeln. Ebenso revolutionär ist auch die Entdeckung, wie sich das Gehirn verändert. Je nachdem, was wir tun, vergrößern oder verkleinern sich verschiedene Gehirnbereiche, schicken wir entweder Strom in stillgelegte Schaltkreise oder fahren die Aktivität in überreizten Bereichen herunter. Für Funktionen, die wir häufiger benutzen, stellt das Gehirn mehr Gewebe zur Verfügung, und es begrenzt den Bereich, der für Aktivitäten verantwortlich ist, die seltener ausgeführt werden. Aus diesem Grund vergrößert das Gehirn eines Geigers den Bereich, der die Fingerfertigkeit kontrolliert. Als Reaktion auf Handlungen und Erfahrungen erhöht das Gehirn in bestimmten Bereichen die Aktivität und dämpft sie in anderen. Es verstärkt die Verbindungen in Schaltkreisen, die ein bestimmtes Verhalten oder Denken steuern, und lockert die Verbindungen in anderen. Das meiste davon geschieht als Folge dessen, was wir in der Außenwelt tun und erleben.
In diesem Sinn ist die individuelle Struktur des Gehirns – also die relative Größe der verschiedenen Bereiche, die Stärke der Verbindung zwischen zwei Bereichen und die Wahrscheinlichkeit, dass der Impuls einer Nervenzelle eine andere Nervenzelle aktiviert – ein genaues Abbild unseres Lebens. Wie Fußabdrücke im Sand, so hinterlassen auch alle Entscheidungen, die wir getroffen haben, alle Fähigkeiten, die wir erlernt haben, und alle Handlungen, die wir ausgeführt haben, ihre Spuren im Gehirn. Es gibt aber auch Hinweise darauf, dass sich unser Gehirn auch ohne Einwirkung der Außenwelt verändern kann, einfach nur durch die Gedanken, die wir denken.
Einige Forschungsergebnisse legen den Schluss nahe, dass Gehirnveränderungen auch durch rein geistige Aktivität bewirkt werden können. Wenn man bloß ans Klavierspielen denkt, bewirkt dies eine messbare, physische Veränderung im motorischen Kortex. Auf die gleiche Weise kann eine bestimmte Denkweise zur geistigen Gesundheit führen. Indem Patienten mit Zwangsstörungen zwanghafte Bedürfnisse willentlich als fehlgeleitete Nervenimpulse betrachten – und nicht als glaubwürdige Mitteilungen darüber, dass etwas nicht stimmt -, können sie beispielsweise die Aktivität in dem Gehirnbereich verändern, der die zwanghaften Gedanken hervorbringt. Indem sie anders mit den Gedanken umgehen, die sie in den Strudel der Verzweiflung zu ziehen drohen, können Patienten mit Depressionen die Aktivität in einem Bereich des Gehirns erhöhen und in einem anderen verringern und so das Risiko eines Anfalls minimieren. Etwas so scheinbar Ungreifbares wie ein Gedanke kann also auf das Gehirngewebe einwirken und die Verknüpfungen der Nervenzellen so verändern, dass Geisteskrankheiten geheilt und ein stärkeres Mitgefühl und eine größere moralische Kraft entwickelt werden.
Dieser Aspekt der Veränderbarkeit des Gehirns – und die Forschungsergebnisse beweisen zweifelsfrei, dass wir uns verändern können – führte fünf Wissenschaftler im Herbst 2004 nach Dharamsala. Seit 1987 trifft sich der Dalai Lama einmal im Jahr an seinem Wohnsitz in Dharamsala für einen einwöchigen »Dialog« mit einer handverlesenen Gruppe von Wissenschaftlern, um mit ihnen über Träume und Emotionen, über Bewusstsein, Genetik oder Quantenphysik zu diskutieren. Der Ablauf der Gespräche ist einfach. Jeden Morgen sitzt einer der fünf eingeladenen Wissenschaftler in einem Sessel neben dem Dalai Lama und beschreibt ihm und den versammelten Gästen – im Jahr 2004 waren es neben ein paar Dutzend Mönchen und Klosterschülern auch die Wissenschaftler, die an früheren Dialogen teilgenommen hatten – seine Arbeit. Die Wissenschaftler halten keine formellen Vorträge, wie sonst auf Konferenzen, wo sie ihre Forschungsergebnisse einem (hoffentlich) begeisterten Fachpublikum vorstellen. Stattdessen schaltet sich der Dalai Lama immer dann ein, wenn etwas einer Erläuterung bedarf – sei es, dass ihm ein Fachbegriff erklärt werden muss oder einzelne Forschungsergebnisse ihn an bestimmte Aussagen der buddhistischen Philosophie erinnern. (Die Wissenschaftler sprechen englisch, was der Dalai Lama gut versteht, aber manch beiläufig eingeworfener Begriff wie Hippocampus oder BrdU führt dazu, dass er sofort seinen Übersetzer anschaut und um Klärung bittet.)
Der Morgen wird durch eine Teepause unterbrochen, in der der Dalai Lama entweder im Raum bleibt und mit den Wissenschaftlern plaudert oder selbst eine Pause macht. Im letzteren Fall gehen dann alle in den großen angrenzenden Raum, wo Tee und Kekse vorbereitet sind. Am Nachmittag antworten der Dalai Lama und die buddhistischen Gelehrten auf das, was ihnen die Wissenschaftler am Morgen präsentiert haben. Sie führen aus, was der Buddhismus zu bestimmten Themen sagt, oder schlagen weiterführende Experimente vor, in denen buddhistische Meditationsmeister ihren Geist und ihre Gehirne der Wissenschaft zur Verfügung stellen.
Zur Konferenz 2004 waren die Wissenschaftler eingeladen worden, die als Pioniere der Neuroplastizität gelten. Fred Gage vom Salk-Institut in La Jolla (Kalifornien) arbeitet mit Labortieren. Erhatbahnbrechende Untersuchungen durchgeführt, wie die Umwelt das Gehirn verändert, und seine Forschungsergebnisse lassen sich auch auf den Menschen übertragen. Er führte auch Studien mit menschlichen Versuchspersonen durch, die das Dogma widerlegten, dass das ausgewachsene Gehirn keine neuen Nervenzellen mehr bildet.
Michael Meaney von der McGill-Universität in Montreal hat die Vorstellung eines genetischen Determinismus über den Haufen geworfen. Er arbeitet ebenfalls mit Labortieren und konnte nachweisen, dass das Verhalten einer Rattenmutter gegenüber ihren Jungen bestimmt, welche Gene im Gehirn ihrer Nachkommen an- und ausgeschaltet werden. Die Gene, mit denen ein Rattenjunges geboren wird, sind nur das Eröffnungsgambit der Natur: Die Charaktereigenschaften eines Tieres – ob es ängstlich oder schüchtern ist, neurotisch oder gut angepasst – werden letztlich durch das Verhalten der Mutter bestimmt. Dieses Forschungsergebnis ist auch aussagekräftig in Bezug auf uns Menschen.
Helen Neville von der Universität von Oregon hat wie kein anderer Wissenschaftler deutlich gemacht, dass Schaubilder vom Gehirn, die zeigen, welcher Bereich welche Funktion erfüllt, schnell zur Makulatur werden können. In ihrer Arbeit mit Blinden und Gehörlosen hat sie herausgefunden, dass die Ereignisse des Lebens grundlegende Auswirkungen selbst auf so scheinbar fundamentale und unveränderbare Gehirnfunktionen wie die Sehrinde und die Hörrinde haben können.
Phillip Shaver von der Universität von Kalifornien in Davis ist einer der führenden Köpfe auf einem Gebiet der Psychologie, das sich Bindungstheorie nennt. Er entdeckte, dass das Bedürfnis der Menschen nach emotionaler Sicherheit, das auf ihren Kindheitserfahrungen beruht, sich im Erwachsenenalter nicht nur stark auf ihre Beziehungen auswirkt, sondern auch Verhaltensweisen und Einstellungen beeinflusst, die nicht in direktem Zusammenhang damit zu stehen scheinen, wie zum Beispiel ihre Gefühle über Menschen anderer ethnischer Abstammung und ihre Bereitschaft, Fremden zu helfen. Für diese vier Wissenschaftler war es die erste Einladung nach Dharamsala und ihre erste Begegnung mit dem Dalai Lama.
Richard Davidson hingegen hatte schon oft an den Dialogen teilgenommen. Seine Forschungen auf dem Gebiet der Emotionen umfassen auch Studien über buddhistische Meditationsmeister, die ihr Leben hauptsächlich in Meditation verbrachten. Der Dalai Lama hat buddhistische Mönche und Lamas dazu ermuntert, die weite Reise zum Labor von Davidson an der Universität von Wisconsin in Madison zu unternehmen, damit er ihre Gehirne untersuchen konnte. Seine Arbeiten zeigten zum ersten Mal, dass die Kraft des Geistes das Gehirn verändern kann. Er moderierte 2004 die Dialoge, indem er am Morgen die Wissenschaftler vor ihren Beiträgen vorstellte und am Nachmittag die Diskussion leitete.
»Von allen Konzepten der modernen Neurowissenschaft hat die Neuroplastizität das größte Potenzial für einen fruchtbaren Austausch mit dem Buddhismus«, sagte Davidson.

Buddhismus und Wissenschaft

Obwohl Wissenschaft und Religion oft als unversöhnliche Gegner und sogar Feinde hingestellt werden, trifft dies nicht auf das Verhältnis von Wissenschaft und Buddhismus zu. Es gibt keine historischen Gegensätze zwischen den beiden, wie es sie in der Vergangenheit zwischen der Wissenschaft und der katholischen Kirche gab (welche die Arbeiten von Kopernikus auf die Liste der verbotenen Bücher setzte) und in der Gegenwart zwischen Wissenschaft und dem fundamentalen Christentum gibt (was in den USA dazu geführt hat, dass die Theorie des Kreationismus dazu benutzt wird, Wissenschaft so hinzustellen, als sei sie »nur« eine Methode unter vielen anderen, um Wissen zu erlangen). Buddhismus und Wissenschaft hingegen streben beide nach der Wahrheit. Für die Wissenschaft ist die Wahrheit immer vorläufig und kann schon im nächsten Experiment widerlegt werden. Und was den Buddhismus – zumindest in der Form, wie ihn der Dalai Lama versteht – anbelangt, so müssen sogar Kernaussagen der traditionellen Lehre verworfen werden, wenn sie wissenschaftlichen Untersuchungsergebnissen nicht standhalten können.
Aber am wichtigsten ist vielleicht, dass in der buddhistischen Lehre Wert darauf gelegt wird, das Wesen der Wirklichkeit zu untersuchen und die Wahrheit sowohl in der Außenwelt als auch im eigenen Bewusstsein zu finden. »Die buddhistische Lehre gründet sich auf vier Bereiche: Rationalität, Empirismus, Skeptizismus und Pragmatismus«, sagt Alan Wallace, der mehrere Jahre als buddhistischer Mönch auch in Dharamsala gelebt hat, bevor er die Roben wechselte und ein buddhistischer Gelehrter wurde, der schon lange an den Dialogen zwischen den Wissenschaftlern und dem Dalai Lama teilnimmt. »Seine Heiligkeit verkörpert diese Prinzipien. Wenn sich herausstellt, dass empirische Beweise bestimmten Ideen im Buddhismus widersprechen, sagt er oft mit großer Heiterkeit: ›Ab in den Müll damit!‹ Er ist felsenfest davon überzeugt, dass der Buddhismus mit dem rationalen Verstand und der empirischen Erfahrung übereinstimmen muss.«
Übereinstimmungen zwischen Buddhismus und Wissenschaft wurden bereits im Jahre 1889 festgestellt, als Henry Steele Olcott im Buddhistischen Katechismus argumentierte, dass der Buddhismus »im Einklang mit der Wissenschaft« steht und es »keinen grundlegenden Widerspruch zwischen Buddhismus und Wissenschaft gibt.« Olcotts Aussage beruht auf der Tatsache, dass der Buddhismus, genauso wie die Wissenschaft, lehrt, »dass alle Wesen dem gleichen universellen Gesetz unterliegen«. Dieser Argumentation folgend, sagt José Ignacio Cabezón, ein ehemaliger buddhistischer Mönch und inzwischen Lehrbeauftragter für Religion und Wissenschaft an der Universität von Kalifornien in Santa Barbara: »Buddhismus und Wissenschaft widersprechen sich nicht, weil beide davon ausgehen, dass es natürliche Gesetze gibt, denen sowohl das Individuum als auch die Welt unterliegt.«4
Auf dem Weltparlament der Religionen im Jahre 1893 in Chicago sprach der buddhistische Würdenträger Anagarika Dharmapala aus Sri Lanka leidenschaftlich davon, dass der Buddhismus und nicht das Christentum die Kluft überbrücken könnte, die Wissenschaft und Religion schon seit Jahrhunderten voneinander trennt. Er gründete seine Hoffnung darauf, dass der Buddhismus eine nicht theistische Tradition sei, die keinen Schöpfergott kennt und, wie Cabezón deutlich macht, »keinen Erklärungsbedarf hat, der über die wissenschaftliche Erkenntnis hinausgeht, und nicht auf Wunder und bloßen Glauben zurückgreifen muss«. Oder wie Alan Wallace es ausdrückt: »Der Buddhismus ist keine Religion, sondern eine Philosophie. Es ist keine östliche Version des Christen- oder Judentums. Beim Buddhismus geht es nicht ums Glauben, wie in den Traditionen Abrahams. Grundlage des Buddhismus ist die Einsicht.«
Manche Gelehrte sind sogar noch weiter gegangen und behaupten, der Buddhismus sei die »Religion der Wissenschaft«. Der Wissenschaftler K. N. Jayatilleke aus Sri Lanka schrieb in seinem Essay Der Buddhismus und die wissenschaftliche Revolution in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts, dass der Buddhismus »mit den Forschungsergebnissen der Wissenschaft übereinstimmt« und »die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Betrachtungsweise betont«, durch die »seine einzelnen Lehren verifiziert werden können«. Wie schon die Wissenschaft, so sei auch der Buddhismus »der kritischen (und nicht dogmatischen) Auseinandersetzung mit den universellen Gesetzen des Daseins verpflichtet«, sagt José Cabezón.
Es soll an dieser Stelle jedoch nicht verschwiegen werden, dass den Bemühungen, Übereinstimmungen zwischen Wissenschaft und Buddhismus zu finden, manchmal auch eine gewisse Einfältigkeit innewohnt. So wurde zum Beispiel behauptet, dass der Buddhismus eine Wissenschaft ist, dass Buddha der Begründer der Psychologie war, dass der Buddhismus die Größe der Elementarteilchen und des Universums entdeckt hat und dass die moderne Physik nur das bestätigt, was buddhistische Weise schon vor Jahrhunderten wussten. Aber während solche Behauptungen über das Ziel hinausschießen, ist eine zunehmende Zahl von Neurowissenschaftlern zumindest offen gegenüber der Vorstellung, dass der Buddhismus fundierte Aussagen über den Geist treffen kann. Wenn dies stimmt, dann können sowohl der Buddhismus als auch die Wissenschaft sich gegenseitig befruchten. »Die Wissenschaft profitiert davon, den Geist oder das Bewusstsein als etwas Nichtmechanisches zu betrachten und sich mit inneren geistigen Zuständen auseinanderzusetzen, die normalerweise nicht in ihren Untersuchungsbereich fallen«, sagt José Cabezón.»Die Buddhisten hingegen profitieren davon, dass sie Zugang zu neuem Wissen über die materielle Welt (den Körper und den Kosmos) haben – Tatsachen, die bislang außerhalb der traditionellen buddhistischen Betrachtungsweise lagen, weil die dafür notwendigen technologischen Mittel fehlten.«
Besonders die Entdeckungen der Neuroplastizität befinden sich im Einklang mit den buddhistischen Lehren, und Neurowissenschaftler, die auf diesem Gebiet forschen, können vom Austausch mit dem Buddhismus profitieren. Der Grund dafür führt zum Kern der buddhistischen Auffassung. »Der Buddhismus definiert eine Person als einen sich ständig verändernden, dynamischen Strom«, sagt Matthieu Ricard, ein aus Frankreich stammender buddhistischer Mönch. Er war schon bei vielen der wissenschaftlichen Dialoge mit dem Dalai Lama dabei und vertrat während der Konferenz im Jahre 2004 die »buddhistische Seite.«
Selbst Wissenschaftler, die nicht an dem Treffen teilnahmen, die aber den Dialog aufmerksam verfolgten, weisen auf Übereinstimmungen zwischen der buddhistischen Lehre und dem Konzept der Neuroplastizität hin. »Es gibt viele Parallelen zwischen neurowissenschaftlichen Forschungsergebnissen und der buddhistischen Lehre«, sagt Francisca Cho, eine buddhistische Wissenschaftlerin an der George-Washington-Universität. »Der Buddhismus lehrt, dass das Leben Leiden ist und wir die Möglichkeit haben, diese Ausgangssituation zu verändern. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse über Neuroplastizität gleichen der buddhistischen Lehre der Erleuchtung, weil sie deutlich machen, dass wir uns verändern können, auch wenn wir tief verwurzelte Denkstrukturen haben und unser Gehirn fest verdrahtet zu sein scheint. Wenn wir uns ständig verändern können, hat das Selbst oder der Geist keine spezielle, von sich aus bestehende Natur, und genau das lehrt der Buddhismus. Stattdessen sind sowohl das Selbst als auch der Geist extrem plastisch. Unsere Handlungen bestimmen, wer wir sind; so wie wir handeln, so werden wir sein. Wir sind ein Produkt der Vergangenheit, aber weil unsere Natur aus sich heraus leer ist und keine bestimmte Form hat, haben wir immer die Möglichkeit, uns neu zu erschaffen.«
Die Entdeckung, dass Gedanken physische Veränderungen im Gehirn hervorrufen können, schafft eine weitere natürliche Verbindung zwischen der Wissenschaft von der Neuroplastizität und dem Buddhismus. Der Buddhismus lehrt schon seit 2500 Jahren, dass der Geist eine unabhängige Kraft ist, die man sich willentlich nutzbar machen kann, um physische Veränderungen zu bewirken. »Die Entdeckung, dass reines Denken genauso eine Wirkung hat wie konkretes Handeln, zeigt eine faszinierende Übereinstimmung mit der buddhistischen Lehre«, sagt Francisca Cho. »Der Buddhismus stellt den herkömmlichen Glauben an eine externe, objektive Welt in Frage. Er lehrt, dass wir die Realität durch unsere eigenen Projektionen schaffen; die Außenwelt jenseits von uns wird durch unser Denken erzeugt. Die Erkenntnisse der Neurowissenschaft stimmen mit dieser buddhistischen Auffassung überein.«
Die buddhistische Lehre fällt auch in anderen Bereichen mit den Entdeckungen der Neuroplastizität zusammen. Wenn wir uns von unseren Gedanken loslösen und unser eigenes Denken nüchtern betrachten, haben wir – der buddhistischen Lehre zufolge – die Möglichkeit, Gedanken zu denken, die es uns ermöglichen, bestimmte Zustände zu überwinden, zum Beispiel den Zustand chronischer Wut. »Wir können uns einer emotionalen Umerziehung unterziehen«, sagt Cho. »Durch Meditation und andere geistige Übungen können wir von uns aus unsere Gefühle, unsere Ansichten und unseren gesamten Denkapparat verändern.«