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Inhaltsverzeichnis
 
 

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Heute und in zehn Jahren
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Immer noch 1 zu 0! Viel zu knapp! Wenn man so drückend überlegen ist, dann muss der Gegner mit einer Packung nach Hause geschickt werden. Aber wieder nur ein Lattenkracher. O Mann! Das Aluminium meint es wirklich gut mit den Gästen.
Aber da – der nächste Angriff, diesmal über links. Was für ein Alleingang! Mit Turbogeschwindigkeit durch die Abwehr.
Und jetzt die Flanke! FLANKE! Na endlich!
Nein!
Ein Weißer kriegt seine Fußspitzen noch an das Leder und spitzelt es raus. Das gibt’s nicht! Hier könnte es locker 5 oder 6 zu 0 stehen. Wäre gut fürs Torverhältnis. Das kann in der Endabrechnung mal sehr wichtig werden. Aber noch immer ist nicht mehr herausgesprungen als der eine Treffer gegen Ende der ersten Halbzeit.
Dabei haben die Weißen gar nichts drauf. Sind ein richtiger Aufbaugegner. Da könnte man mit einem Kantersieg das Selbstvertrauen polieren. Stattdessen gibt es nur Magerkost. Blöd!
Neuer Versuch, aber keine Anspielstation. Dann zieh einfach mal selber ab, Junge! Ja, genauso!
Verdammt, der Keeper! Will der sich ausgerechnet hier für die Nationalmannschaft empfehlen? Der Ball war doch unhaltbar. Aber der kriegt trotzdem die Fäuste noch irgendwie dahinter und schickt das Geschoss ins Feld zurück.
Seine Vorderleute, planlos wie ein Hühnerhaufen, ballern das Leder nach vorne. Ein langer Ball ins Niemandsland. Über diese Spielweise haben sie sich schon in der Steinzeit kaputtgelacht. Ha! Ha! Was sind das nur für Rumpelfüßler!
Aber plötzlich taucht im Niemandsland ein Weißer auf – wo kommt der denn auf einmal her? Hat der heute überhaupt schon mal mitgespielt? Jetzt schnappt er sich die Kugel und marschiert.
Abseits! Ganz klar, das muss einfach Abseits sein. Warum bleibt die Fahne denn unten? Pennt der Linienrichter oder was?
Tormann! TORMANN!
Da kommt er schon, stapft dem Eindringling entgegen.
Der Keeper macht das. Er muss es einfach machen. Er wird sich die Pille schnappen und dann...
Der Weiße lässt es nicht darauf ankommen. Lupft. Der Torwart katapultiert sich hoch, fährt die Arme aus. Die Kugel steigt höher, steigt über ihn hinweg, senkt sich dann wieder, landet im Fünfer und trudelt – vorbei, bitte vorbei... trudelt ganz gemächlich in die Maschen. Erbarmungslos zeigt der Schiri zur Mitte. Moritz sackt in sich zusammen.
»Schöner Mist!«, schimpft Papa neben ihm.
»Außerdem war es Betrug!«, sagt Moritz anklagend. »Der Winkemann am Rand, der braucht’ne Brille. Das war ganz klar Abseits.«
»War es nicht! Der Achter hat den Ball ja noch vor der Mittellinie angenommen. Unsere Abwehr hat einfach geschlafen.«
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»Gar nicht!«, brummt Moritz. Aber eigentlich ist es egal: Schiribetrug oder Schlafmützenabwehr, der Tag ist auf jeden Fall verdorben. Dabei hat Moritz sich so auf den Stadionbesuch gefreut. Das HSV-Spiel sollte der Höhepunkt der Herbstferien sein. Früher ist er mit Papa öfter mal hier gewesen. Der HSV ist nämlich ihr Lieblingsverein. Und von Hulstorf aus, wo Moritz bis vor ein paar Monaten noch gewohnt hat, ist es nicht sehr weit bis ins Stadion. Aber dann haben die Eltern Krach gekriegt und Mama ist mit Moritz zum Großvater gezogen, weit weg von Hulstorf.
In diesen Ferien ist Moritz zum ersten Mal zu Besuch bei Papa gewesen, in der alten Wohnung, in seinem alten Zimmer. Er hat auch die alten Freunde vom SV getroffen, das ist der Fußballverein, für den er früher die Tore geschossen hat. Aber nun sind die Ferien rum und Moritz muss wieder zurück. Ein Sieg des HSV wäre ein Trostpflaster gewesen. Scheiße! Seine Laune ist im Keller.
Nach dem Gegentor waren sogar die Stehplatzfans auf der Nordtribüne für kurze Zeit totenstill. Aber jetzt singen sie wieder unverdrossen.
»Na Hauptsache, die sind gut drauf«, giftet Moritz.
Papa legt den Arm um seine Schulter.»Finde ich eigentlich gut!«, sagt er. »Die zeigen der Mannschaft, dass sie hinter ihr stehen. Gerade wenn es mal nicht so läuft.«
»Hm!« Vielleicht hat Papa Recht. Aber die nerven trotzdem mit ihrer Fröhlichkeit.
Mürrisch lässt Moritz sich nach dem Schlusspfiff im Strom der anderen Besucher zum Ausgang treiben.
Als sie das größte Gedränge und Geschiebe hinter sich haben, versucht Papa ihn aufzuheitern. »Na komm, die verlorenen Punkte holen wir uns einfach am nächsten Spieltag zurück.«
»Und wenn schon!« Moritz bohrt die Fußspitze in den Boden und schaut Papa nicht an.
»Jetzt essen wir erst mal was!«, entscheidet Papa. »Dann sieht die Welt nämlich schon anders aus.« Entschlossen steuert er die Imbissbude an.
Die Bratwurst nach dem Spiel, die war immer ein Muss. Egal wie ihre Mannschaft gespielt hat, selbst nach der bittersten Niederlage haben sie sich diese Stärkung nie entgehen lassen. Aber heute pult Moritz nur lustlos in dem Brötchen herum.
»Bist du traurig?«, fragt Papa. Moritz zuckt die Schultern.
»Weil du heute zurückfahren musst?«
»Ja! – Nein!« So einfach ist das nicht. Es war so schön bei Papa. Moritz wird ihn vermissen, ihn, die Freunde, alles. Und wenn er in Hulstorf bleiben könnte? Das würde auch nicht helfen, denn dann würde Mama ihm fehlen, der Großvater, seine neuen Freunde.
»Bescheuert!«, fasst Moritz seine Gedanken zusammen.
Papa nickt. »Verstehe. Für mich ist das auch nicht so leicht. Aber das Wichtigste ist doch, zwischen uns ändert sich nichts, niemals.« Zur Bekräftigung beißt Papa ein großes Stück von seiner Wurst ab und nuschelt: »In zehn Jahren sitzen wir immer noch zusammen auf der Tribüne und feuern den HSV an.«
»Auf keinen Fall!« Moritz stippt die Wurst in den Senfklecks auf seinem Pappteller, dass die gelbe Pampe spritzt.
»Nicht?« Erschrocken hält Papa im Kauen inne.
»Nein, weil ich in zehn Jahren auf keiner Tribüne mehr sitze. Da bin ich nämlich unten auf dem Rasen und spiele selber. Ein treffsicherer Stürmer, der wird hier dringend gebraucht, das hat man heute doch gesehen.«
»Okay!« Papa grinst erleichtert. »Dann sitze ich alleine auf der Tribüne und schaue zu, wie du dem Gegner die Kiste voll haust. Und wenn du nach dem Spiel mit den ganzen Interviews fertig bist, dann essen wir unsere Bratwurst wie immer. Abgemacht?«
Papa hält Moritz die Hand hin und der schlägt ein. So vieles ist in seinem Leben aus den Fugen geraten. Da ist es gut zu wissen, dass es Dinge gibt, auf die er sich verlassen kann.

Fan-Unterstützung
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Autobahn, noch viele Kilometer liegen vor ihnen. Langweilig! Die Sportschau läuft schon. Ob der Großvater wohl daran denkt?
»Kann ich mal mit Opa telefonieren?«, fragt Moritz.
»Klar!« Papa reicht sein Handy nach hinten. »Grüß ihn von mir.«
Lieber nicht. Der Großvater konnte Papa noch nie richtig leiden. Aber jetzt nach der Trennung der Eltern ist es ganz aus, und wenn von Papa die Rede ist, verwandelt er sich in einen tiefgekühlten Eisblock.
Moritz wählt. Mama meldet sich. »Moritz! Ist alles okay bei dir? Wann kommst du endlich? Ich freue mich so. Nun sag doch auch mal was!«
Wie denn, wenn sie dauernd selber redet? Mit einem Räuspern verschafft Moritz sich Ruhe.»Ich bin okay. Aber die Fahrt dauert noch ziemlich lang. Ist Opa da?«
»Er schaut Fernsehen und wollte eigentlich nicht gestört werden. Aber bei dir macht er sicher eine Ausnahme.«
»Hallo, Moritz!«
»Opa, guckst du die Sportschau?«, erkundigt sich Moritz.
»Natürlich! Was denkst du denn?«
Moritz grinst vor sich hin. Seine Erziehung! Vor ein paar Monaten noch hat der Großvater die Sportschau immer so schnell wie möglich weggeschaltet. Von Fußball hatte er keinen blassen Schimmer. Aber dann hat Moritz die Sache in die Hand genommen und dem Großvater Nachhilfestunden gegeben. Klar, dass die Sportschau dabei zum Pflichtprogramm gehört. Und es hat sich gelohnt. Inzwischen ist der Großvater schon fast ein Fußballexperte.
»Haben sie den HSV schon gezeigt?«, fragt Moritz.
»Nein, das kommt noch.«
»Schau doch bitte mal, ob das Gegentor Abseits war.«
»Abseits? Das ist ziemlich schwer zu verstehen, hast du selber gesagt. Du wolltest mir die verschiedenen Möglichkeiten mal mit den Mensch-ärgere-dich-nicht-Figuren aufbauen.« Der Großvater klingt schuldbewusst wie ein Schulkind, das sich für seine Begriffsstutzigkeit schämt.
»Macht nichts«, tröstet Moritz ihn. »Es war sowieso nicht Abseits. Unsere Abwehr hat einfach gepennt. Papa sagt das auch.«
Mist, jetzt hat er Papa doch ins Spiel gebracht. Schnell fügt er hinzu: »Ich soll dich grüßen.«
Schweigen auf der anderen Seite.
»Opa? Bist du noch da?«
»Dann grüß ihn eben mal zurück!«
Wow, das klingt nicht so übel. Ist immerhin schon mal ein Anfang.
Was die anderen wohl in den Ferien gemacht haben? Das ist eigentlich nicht schwierig zu raten. Sie haben den ganzen Tag auf dem Sportplatz gebolzt. Nein, nicht den ganzen Tag. Mehmet, der Torhüter, ist eine Schlafmütze und kommt freiwillig nicht vor Mittag aus den Federn. Aber gleich nach dem Essen haben sie losgelegt – hundert Pro – und gespielt bis zum Abwinken. Es sind eben Fußballer und die brauchen das.
Durch seinen Umzug in die neue Stadt hat Moritz sie kennen gelernt, die Spieler der E-Jugend von Blau-Gelb. Kurz danach ist er selber ein Blau-Gelber geworden und seither geht er mit den neuen Freunden zusammen auf Torejagd.
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Ob sie sich auch für morgen verabredet haben? Hoffentlich! Am besten erkundigt Moritz sich nachher mal bei Mehmet. Der und sein kleiner Bruder Enes wohnen gleich nebenan.
Aber wenn Moritz daheim ankommt, ist es für Besuche viel zu spät und alle schlafen schon. Mist!
Halt – Alex und sein Handy! Am letzten Schultag hat Alex ihm eingeschärft: »Ruf mich an, wenn du mich brauchst!« Dabei hat er so besorgt geschaut, als läge Hulstorf mitten im Dschungel und würde von tollwütigen Tigern und boshaften Klapperschlangen bedroht.
Jetzt braucht Moritz ihn tatsächlich, auch wenn es dabei nicht um die Rettung vor gefährlichen Bestien geht.
Alex meldet sich sofort. Kein Wunder, ohne sein Handy geht er nicht mal aufs Klo.
»O Mann, wo bleibst du denn so lange?«
»Morgen bin ich wieder da.«
»Das wurde aber auch Zeit! Wir treffen uns am Nachmittag. Bist du dabei?«
»Logisch!«
»Gut! Macht nämlich nur halb so viel Spaß ohne dich!«
»Finde ich auch.« Moritz lacht. »Ohne mich macht es einfach keinen Spaß.«
Zufrieden lehnt er sich zurück. Schon seit einigen Kilometern spukt ihm ein Lied im Kopf herum. Wo hat er das heute schon mal gehört?
Im Stadion! Die Fans auf der Nordtribüne haben es gesungen. Hat sich eigentlich ziemlich cool angehört. Hoffentlich singen sie auch noch in zehn Jahren, wenn Moritz dort spielt. Die Unterstützung der Fans ist nämlich wichtig, besonders wenn es mal nicht so läuft.
Vielleicht sollte er mit Papa das nächste Mal auch auf die Nordtribüne gehen und mitsingen. Ein Lied hat ihm besonders gefallen. Den Text kriegt er nicht mehr zusammen, aber die Melodie hat er noch im Ohr.
Moritz summt vor sich hin, bis sie von der Autobahn abfahren.

Das Ende eines tapferen Verteidigers
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Gleich nach dem Mittagessen klemmt Moritz sich den neuen Ball, den Papa ihm geschenkt hat, unter den Arm. So ausgerüstet klingelt er bei Mehmet. Enes öffnet.