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Inhaltsverzeichnis
 
 

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Freunde fürs Leben
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Moritz dribbelt. Ganz eng führt er das rot-weiße Spielgerät am Fuß. Da lässt er niemanden ran. Egal wie viele Gegenspieler sich ihm in den Weg stellen, Moritz macht sie alle nass.
»Spiel endlich ab!«
Abspielen? Kommt nicht infrage. In entscheidenden Situationen wie diesen muss ein Weltklassestürmer sich auch mal was zutrauen und einen Alleingang wagen. Dieser Spielzug kann die Weltmeisterschaft entscheiden. Moritz schlägt einen Haken und lässt den nächsten Angreifer stehen wie einen lausigen Anfänger. Endlich ist der Weg zum Tor frei. Moritz könnte abziehen.
Nein! Noch nicht! Lieber dieses herrliche Gefühl noch einen Moment länger auskosten. Die Vorfreude im Torschussbein, das Kribbeln, die Spannung...
Nur noch ein paar Schritte. Dann wird er schießen. Im selben Moment wird sich der Keeper abdrücken, er wird durch die Luft fliegen, sich dabei recken, lang und länger werden... Vergeblich. Gegen dieses Geschoss gibt es keine Abwehr. Gleich wird der Jubel der Massen aufbranden.
»Mann, du bist echt fies!«
Stopp, das klingt nicht nach jubelnden Massen, das klingt eher nach...
»Das ist nämlich meine. Ich hab sie gefunden. Und jetzt lässt du mich nicht mal mitmachen!«
Enes! Das Gezeter des Kleinen verwandelt das Spielgerät schlagartig in eine olle, schon etwas verbeulte Coladose. Aus den fintenreich umkurvten Gegenspielern werden Mülltonnen, die nach der morgendlichen Leerung noch auf dem Gehweg stehen. Die Massen schrumpfen gewaltig. Nur noch Niko und Alex. Die beiden hocken vor dem Eingang zum Sportgelände, wo gleich das Training von Blau-Gelb beginnen soll. Sie scheinen sich prächtig zu amüsieren.
»Zeig’s ihm, Enes!«, feuert Alex den Kleinen an.
Enes ist erst in der F-Jugend.Trotzdem lässt er es sich niemals nehmen, seinen Bruder Mehmet zum Training der Großen zu begleiten.
»Lass dir das von diesem Dosenklauer nicht gefallen!«, schlägt sich auch Niko auf seine Seite.
Keine entscheidende Spielsituation! Kein Tor! Keine WM! Nur eine blöde Dose. Die kann Enes sich gerne an den Hut stecken. Da, bitte! Moritz will sie ihm vor die Füße kicken. Aber Enes, wild entschlossen sich sein Eigentum zurückzuholen, hat schon zur Grätsche angesetzt. Damit drischt er das Blech über einen niedrigen Zaun in einen Vorgarten.
Dort macht eine gut gestaffelte Mannschaft von Gartenzwergen die Räume eng. Einer der Innenverteidiger, ein Zwerg mit Schubkarre, klärt mit der Spitze seiner Zipfelmütze und bugsiert die Dose auf den Gartenweg.
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Augenblicklich setzt Enes nach. Er nimmt die Abkürzung über den Zaun, landet in einem Beet und gibt dort ein paar schon ziemlich verblühten Blumen den Rest. Gerade hat er sich wieder aufgerappelt und will zum Sprint ansetzen, da wird die Haustür aufgerissen. Ein Typ mit rotem Wutkopf taucht auf und krakeelt gleich los:
»Unverschämtheit! Zuerst schmeißt ihr euren Müll in meinen Garten. Dann trampelt ihr in meinen Beeten rum.«
»Aber ich... ich wollte doch nur...«
Der Wutkopf schneidet Enes das Wort ab. »Spar dir deine Entschuldigungen und verschwinde!« Er packt die Dose und pfeffert sie in einen Abfalleimer. »Verschwinde, ehe ich böse werde!«
Verschwinden, nichts lieber als das. Aber Enes ist vor Schreck genauso starr wie die Gartenzwerge. Deshalb klettert Mehmet kurz entschlossen hinter dem Kleinen her. Dabei müssen noch ein paar Blumen daran glauben. Mehmet latscht über den Rasen, legt den Arm schützend um seinen Bruder und bringt ihn aus der Gefahrenzone.
»Lasst euch hier ja nicht noch mal blicken!« Mit diesem herzlichen Abschiedsgruß donnert der Wutkopf die Haustür zu.
»Da haben wir ja einen Freund fürs Leben gefunden«, stellt Niko fest.
»Habt ihr mit diesem Herrn der Zwerge schon öfter Ärger gehabt?«, erkundigt sich Moritz.
Alex schüttelt den Kopf. »Der ist wohl erst neu eingezogen.«
»Der soll gleich wieder ausziehen!«,wünscht sich Enes. Er ist immer noch ganz blass.
Alex kramt sein Handy aus dem Rucksack. »Der Kerl ist sicher aus einer Irrenanstalt ausgebrochen«, erklärt er. »Da ruf ich jetzt mal an.«
Mehmet winkt ab. »Lass mal! Nur keinen Aufstand, ein Gestörter – was ist das schon? Am Samstag haben wir es mit vielen Gestörten zu tun.«
Damit spielt er auf das Großereignis des Wochenendes an. Das Derby gegen den Erzrivalen und Lieblingsfeind aller Blau-Gelben, gegen den VfB!
Augenblicklich ist der unfreundliche Gartenbesitzer vergessen.
»VfB, wisst ihr, was das heißt?«
Gespannt schauen alle auf Niko. Der lässt sie noch ein bisschen zappeln, ehe er es schließlich doch verrät: »Ist doch klar: VfB, Verein für Bekloppte!«
Vielstimmiges Gelächter belohnt Niko für seinen Scherz.
Auch Enes geht es wieder besser. Er quäkt voller Vorfreude: »Ha, ha, die Looser! Die hauen wir weg.«
Diese Einschätzung ist etwas gewagt. Der VfB, ein Verein aus der Südstadt, hat bisher nämlich die meisten Begegnungen für sich entscheiden können. Aber vor ein paar Wochen, im Achtelfinale des Kreispokals, haben die Blau-Gelben endlich mal die Oberhand behalten und die VfBer aus dem Wettbewerb geworfen. Nun treffen sie im letzten Spiel der Herbstrunde noch einmal aufeinander. Der VfB hat seinen Gegnern Rache geschworen und so liegt vor den Blau-Gelben eine ganz schwere Aufgabe.
»Die sind doch jetzt besonders heiß«, vermutet Moritz.
»Na und?« Mehmet, der Torhüter, gibt sich selbstbewusst. »Ich lass hinten einfach keinen rein und ihr macht vorne sechs Buden. Fertig.«
Alex lacht. »Gut, dass die Taktik schon mal geklärt ist«, sagt er.
Catrina kommt angedüst und springt aus voller Fahrt vom Rad.
»Na, ihr Stadtmeister? Auch mal wieder Zeit für Blau-Gelb?«, stichelt sie zur Begrüßung.
Enes bemerkt den Spott nicht. Strahlend zeigt er mit jeder Hand ein Sieger-V und will sich feiern lassen. Okay, er hat dazu auch wirklich Grund. Zusammen mit den anderen Kickern der Teufelsgrundschule hat er vor kurzem den Stadtmeister-Titel errungen. Dabei war er der einzige Erstklässler im Team. Aber wie ein ganz Großer hat er beim Elfmeterschießen die Nerven behalten und den entscheidenden Elfer versenkt.Trotzdem ist seine Siegerpose gefährlich. Die Teufelsgrundschüler mussten auf ihrem Weg ins Endspiel Catrina und ihre Mannschaft ausschalten. Das hat die ehrgeizige Abwehrspezialistin ihnen ziemlich übel genommen.
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»Krieg dich wieder ein, Kleiner«, murmelt Mehmet mit besorgtem Seitenblick auf die Freundin.
Aber die winkt gnädig ab. »Schwamm drüber, ich bin ja nicht nachtragend. Aber jetzt muss Schluss sein mit dem Stadtmeister-Getue. Ab jetzt zählt nur noch Blau-Gelb.«
»Versprochen!«
»Logisch!«
»Blau-Gelb oder gar nichts!«
»Gut zu hören!« Norbert, ihr Trainer, ist unbemerkt dazugekommen. »Dann kann ja nichts mehr schief gehen.« Bestens gelaunt schließt er das Tor zum Sportgelände auf.
Eigentlich ist am Donnerstagabend kein Training. Aber Norbert hat eine Sonderschicht angesetzt. Und nach dem Motto: Wer den VfB besiegen will, muss alles geben!, scheucht er seine Spieler über den Platz.
Das Quälprogramm ist schon in vollem Gange, als Olli gemächlich angeschlendert kommt.
»Tut mir Leid, aber meine Mutter konnte einfach nicht eher«, behauptet er. Und Norbert, der Unpünktlichkeit sonst hasst wie Löcher in der Abwehr, kauft ihm das auch noch ab.
»Hauptsache, du kommst überhaupt!«
Nun ja, wie man’s sieht! Wenn es nach Moritz ginge, könnte Olli ruhig bleiben, wo der Pfeffer wächst. Oder wenigstens in Mornshausen. So heißt das Kaff, in dem er wohnt. Es wäre doch für alle besser, wenn er sich dort anmelden würde. Aber leider hat er sich Blau-Gelb in den Kopf gesetzt. Angeblich spielt er dort schon von klein auf. Als Moritz mit seiner Mutter von Hulstorf hierher gezogen ist, da war Olli gerade verletzt. Die Blau-Gelben haben dringend Ersatz gesucht und Moritz hat ihnen gern ausgeholfen. Von Anfang an hat es gut gepasst mit ihm und den Blau-Gelben. Wozu brauchen sie also noch diesen Olli? Aber seit der keinen Gipsarm mehr hat, drängelt er sich wieder in die Mannschaft.
Okay, soll er doch drängeln. An Moritz kommt er sowieso nicht vorbei.Trotzdem – der Kerl ist total unsympathisch.
Olli ist Stürmer, genau wie Moritz. Zumindest nennt er sich Stürmer. In Wirklichkeit ist er so lahm wie eine fußkranke Schnecke. Trotzdem schafft er es immer wieder mal, einen Ball ins Tor zu mogeln. Gegen Tiefenbrück zum Beispiel, da durfte Olli eine ganze Halbzeit ran und der arme Serkan musste so lange draußen stehen. Zweimal hat Olli getroffen, und Papa, der an diesem Tag gerade zu Besuch war, hat nachher behauptet: »Der hat einen guten Torriecher.«
Quatsch! Das war bloß Zufall. Reine Abstaubertore. So ein Strafraumschmarotzer ist doch jedem echten Fußballer ein Gräuel. Oder?

Doppelpass mit einer Schnecke
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Vor dem Trainingsspiel versammelt Norbert seine Leute für eine kleine Ansprache.
»Die Herbstrunde geht ihrem Ende entgegen. Bald beginnt der Budenzauber in der Halle. Aber vorher warten noch zwei echte Knaller auf uns: Das Pokalspiel am Dienstag. Gewinnen wir das, sind wir im Halbfinale und können ganz bequem im Pokal überwintern.«
»Logisch, gewinnen wir das!«
»Wer denn sonst?«
»Aber am Samstag steht erst mal das Derby an. Dazu muss ich wohl gar nicht viel sagen. Gibt es etwas Schöneres, als den VfB zu ärgern, noch dazu in dessen eigenem Stadion?«
»Aus – wärts – sieg! Aus – wärts – sieg!«, ruft Niko. Begeistert fallen alle ein.
Grinsend verschafft Norbert sich wieder Ruhe. »Gefeiert wird erst hinterher. Aber unsere Chancen stehen gar nicht so schlecht. Seit Olli wieder da ist, haben wir im Sturm doch viel mehr Möglichkeiten und für unsere Gegner sind wir um so schwerer auszurechnen.
O nein! Moritz hat es geahnt. Norbert will Olli sogar gegen den VfB bringen. Das ist gar nicht gut. Klar, jeder muss mal spielen, das ist so in einer Mannschaft. Moritz kennt das noch aus seinem alten Verein, dem SV Hulstorf. Da sind die Schwachen auch eingewechselt worden, beim Stand von sieben zu null kurz vor dem Schlusspfiff. Aber doch nicht in so einem Spiel. Da müssen die Besten ran und sonst niemand.
»Serkan muss diesmal unbedingt von Anfang an spielen!«, fordert Moritz.
Serkan, der Stürmerkollege, wirft ihm einen dankbaren Blick zu. Moritz lächelt aufmunternd zurück. Ist doch selbstverständlich, heißt das. Wir beide müssen zusammenhalten.
Olli kratzt gelangweilt Muster in den Boden des Hartplatzes. Wahrscheinlich kriegt er nicht mal mit, dass der Seitenhieb auf ihn gemünzt ist. Nein, mit so einer Schlafmütze im Sturm kann man den VfB sicher nicht erschrecken.
»Schaun wir mal«, sagt Norbert. »Vielleicht gewinne ich jetzt noch ein paar neue Erkenntnisse.
Hoffentlich! Und hoffentlich auch die richtigen.