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Inhaltsverzeichnis
 
 

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Schnell noch eine Extra-Portion Wissen
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J aaa!
Der Weg zum Tor ist frei! Der letzte Verteidiger ist ausgespielt und nur noch wenige Meter trennen Moritz vom nächsten Torerfolg. Der Keeper sieht das Unheil auf sich zukommen. Aber er ist noch unentschlossen, ob er rausläuft oder sich lieber auf der Linie als Krake versucht. So macht er ein paar Schritte vor, ein paar zurück und wedelt dabei hilflos mit den Armen. Auch das kann er bleiben lassen. Denn der Ärmste hat sowieso keine Chance. Dieses Tor ist gebongt. Das spürt Moritz bis in den kleinen Zeh.
Plötzlich spürt er noch etwas anderes. Das fremde Bein, das aus dem Nichts aufgetaucht ist. Es hebelt ihn aus und schickt ihn auf eine lange Rutschpartie über den Hartplatz. Die roten Steinchen stieben. Der herrenlose Ball trudelt Richtung Tor und lässt sich dort vom Keeper aufnehmen.
Der schimpft trotzdem: »Mann, Catrina! Musst du immer so reingehen? Außerdem hätte ich den Ball auch so gehalten.«
Ha, ha! Nie im Leben. Ohne Catrinas Foul hätte es im Kasten gerappelt, hundert Pro.
Catrina ist knallrot geworden. »Ich habe doch nur...«
»... den Ball gespielt!«, beenden die anderen den Satz für sie.
»Genau!«, murmelt Catrina verlegen. Sie ist Verteidigerin bei Blau-Gelb. Eine gute Verteidigerin, aber leider steigt sie manchmal überhart ein. Wenn der Ball rollt, kennt sie keine Freunde. Auch nicht bei einem gemütlichen Sonntagnachmittag-Freizeitkick wie diesem.
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»Tut mir Leid«, murmelt Catrina verlegen und hilft Moritz auf. »Ist es schlimm?«
Moritz begutachtet seine Wunden. Die Hände sind aufgeschabt und das Knie blutet.
»Halb so wild«, gibt Moritz Entwarnung. Wer regelmäßig auf einem solchen Platz spielt, holt sich ein dickes Fell. Früher, in seiner Zeit beim SV Hulstorf, waren Hartplätze der reinste Horror für ihn. »Weißt du, warum die so rot sind?«, hat sein Freund Felix ihm mal erklärt. »Das kommt von dem vielen Blut, das darauf fließt.« Aber als Moritz’ Eltern sich getrennt haben, ist Moritz mit seiner Mutter hierher zum Großvater gezogen. Seither spielt er bei den Sportfreunden Blau-Gelb. Und die haben nun mal einen Hartplatz. Inzwischen kann er über diese verweichlichten Grasplatzheinis nur noch den Kopf schütteln. Jede kleine Abschürfung bejammern sie, als wäre es ein Gegentor in der Nachspielzeit.
»Von mir aus kann’s weitergehen«, sagt Moritz.
»O Mann, endlich!«, seufzt Enes. Der kleine Bruder von Mehmet, dem Torhüter, ist ein leidenschaftlicher Fußballer. Die Verletzungsunterbrechung geht ihm schon gewaltig auf den Keks. Jetzt schnappt er sich das Leder und kickt es Alex vor die Füße. Aber der schiebt es nur lustlos zur Seite. »Ohne Niko macht es gar keinen richtigen Spaß«, brummt er.
»Aber der kommt doch in letzter Zeit ständig zu spät«, mault Enes.
In dem Augenblick raschelt es im Gebüsch. Mit hochrotem Kopf schiebt Niko sich durch die Zweige. »Nur noch bis zu den Herbstferien«, keucht er zur Begrüßung. »Ich sag’s euch! Dann ist Schluss!«
»Was ist Schluss?«, fragt Alex entgeistert. »Von was redest du?«
Aber Niko lässt sich nur auf den Boden plumpsen und japst. Wahrscheinlich hat er den Weg bis zum Sportplatz in Weltrekordzeit zurückgelegt. Für eine Antwort hat er einfach nicht mehr genug Luft. Moritz weiß auch so, was der Freund meint.
Klar, Niko redet von Rebekka. Sicher hat die ihn gerade wieder in der Mangel gehabt.
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Rebekka geht mit Moritz, mit Niko, Alex und Mehmet in eine Klasse. Sie ist eine Quasselstrippe, die alles besser weiß, eine Nervensäge und Einmischerin. Aber einmal war es gut, dass sie sich eingemischt hat. Als Nikos Vater über seinen Sohn Fußballverbot verhängt hatte, weil Nikos Schulnoten total im Keller waren. Dieses Verbot war schrecklich, grausam und unmenschlich. Für Niko, aber genauso für seine Mannschaftskameraden. Denn Niko ist der geniale Spielmacher von Blau-Gelb. Ohne seine zündenden Ideen ist die Mannschaft so harmlos wie eine Kompanie Plüschhasen. Natürlich versuchten die Freunde alles, um Nikos Vater umzustimmen. Vergeblich. An seiner Sturheit bissen sich alle die Zähne aus.
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Aber dann kam Rebekkas großer Auftritt. Sie verhandelte mit Nikos Vater, knallhart wie eine echte Managerin. Und was keiner zu hoffen gewagt hatte, trat ein: Nikos Vater gab nach und hob das Verbot wieder auf. Allerdings nur unter einer Bedingung: Seither muss Niko mit Rebekka büffeln. Kein Problem für sie. Rebekka ist sowieso die Schlauste der ganzen Schule und bringt für ihr Leben gern anderen etwas bei. Aber der arme Niko kommt dabei ganz schön ins Schwitzen. Er ist die Schufterei ja gar nicht gewöhnt. So hofft er immer noch, dass er Rebekka eines Tages entkommt, zum Beispiel mit dem Beginn der Herbstferien. Aber da kennt er Rebekka schlecht. So schnell wird er sie nicht mehr los. Darauf würde Moritz sogar sein HSV-Trikot verwetten.
»Also, was ist mit dir?«, drängt Alex. Er hat die Lage wohl immer noch nicht gecheckt.
»Niko muss sich erst mal ein bisschen erholen«, antwortet Moritz für den Freund. »Er hat gerade wieder eine Extraportion Wissen verschlungen und die muss er erst mal verdauen.«
»Du meinst, er musste mit Rebekka...?«, fragt Alex ungläubig.
»Quatsch!« Mehmet schüttelt den Kopf. »Doch nicht heute! Heute ist Sonntag!«
»Jeden Tag!«, stößt Niko hervor. »Sie verlangt, dass ich jeden Tag mit ihr büffele. Ganz egal was für ein Wochentag. Das hat sie meinem Vater versprochen, sagt sie.«
»Warum lässt du dir das gefallen?«, will Enes wissen. »Sag ihr doch einfach, das machst du nicht mehr mit.«
»He, du Zwerg, denk doch mal nach!«, fährt Mehmet seinem Bruder über den Mund. »Ein Wort von Rebekka zu Nikos Vater und schon ist das Fußballverbot wieder in Kraft.«
Niko seufzt abgrundtief. »Genau so ist es, Leute. Ich bin in den Händen einer gemeinen Erpresserin.«
»Mach mal halblang!«, mischt Catrina sich ein. »Ohne Rebekka hätten wir die VfBer nie im Leben geschrubbt.«
Das ist richtig. In allerletzter Sekunde hatte Rebekka Nikos Vater umgestimmt und so Nikos Spielberechtigung im Pokalspiel gegen den großen Lokalrivalen erreicht. Und nur so war der Überraschungssieg gegen den übermächtigen Konkurrenten möglich geworden.
»Und ohne Rebekka«, fährt Catrina fort, »hätten wir auch im nächsten Derby keine Chance!«
Auch das ist richtig. In der Herbstrunde steht noch ein Punktspiel gegen den VfB an, ein weiteres brisantes Derby. Wieder ist der VfB Favorit. Und ohne Niko könnten die Blau-Gelben die Punkte gleich kampflos abgeben.
»Deshalb finde ich Rebekka richtig nett«, sagt Catrina.
»Du hast leicht reden«, mault Niko. »Du musst sie ja auch nicht dauernd ertragen.«

Pech für den Bundestrainer
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Enes hat nun endgültig genug von dem Geplapper. Er schnappt sich den Ball und dribbelt.
»Auf geht’s, Enes,
schieß ein Tor...«
»Auch das noch!« Niko hält sich die Ohren zu. Catrinas schräger Gesang ist noch gefürchteter als ihre Fouls.
»... schieß ein Tor,
schieß ein Tohohor!«
»Hör sofort auf!«, fordert Alex. »Bei deinem Gejaule zischt uns noch die Luft aus dem Ball.«
Von solchem Genörgel lässt Catrina sich natürlich nicht beirren:
»Auf geht’s, Enes,
schieß ein Tor,
schieß ein Tor,
schieß ein Tohohor!«
Enes nimmt Kurs aufs leere Gehäuse. Er zieht ab, versenkt das Leder in den Maschen und verneigt sich in Catrinas Richtung.
»Puh, überlebt«, seufzt Mehmet in gespielter Erleichterung. »Jetzt lasst uns endlich weiterspielen, ehe Catrina wieder loslegt.«
Sofort springt Niko auf. Er hat sich von seinen Strapazen erholt und bestimmt die Mannschaftseinteilung. »Moritz und ich!«
»Immer ihr zusammen«, mault Alex. »Das ist unfair.«
Ist es nicht. Niko und Moritz müssen einfach zusammenspielen. Nur Niko hat ihn drauf, diesen feinen Pass, den ein hungriger Torjäger wie Moritz braucht. Und weil Moritz Nikos Laufwege kennt, kann er sich manchmal auch mit einem maßgeschneiderten Zuspiel bedanken. Aber so eine Feinabstimmung kommt nicht von ungefähr. Die will trainiert sein. Und deshalb müssen Moritz und Niko in einer Mannschaft spielen.
»Du und Catrina und Serkan, ihr seid zu dritt«, rechnet Niko dem Freund vor. »Und wir sind nur zweieinhalb.«
»Was willste denn damit sagen«, beschwert sich Enes.
Niko legt dem Kleinen den Arm um die Schulter. »Ist doch nur, damit die Ruhe geben«, tröstet er. Aber damit kann er Enes nicht ganz überzeugen. Grummelnd trottet er auf den Platz.
Beide Mannschaften spielen auf ein Tor, das natürlich Mehmet hütet. Gleich den ersten Abschlag erkämpft Niko sich und legt für Enes auf. Der überlistet Mehmet mit einem Lupfer und zeigt, was eine halbe Portion so draufhat. Mit erhobenem Daumen bedankt er sich bei seinem Passgeber. Die Beleidigung ist verziehen.
Das nächste Tor erzielt Niko allein. Im Strafraum spitzelt er Catrina das Leder von der Fußspitze und versenkt es. Zornig tritt die verhinderte Torschützin gegen das Aluminium.
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Mehmets weiten Abschlag ersprintet sich wieder Niko, er bedient Moritz und im nächsten Augenblick muss der Keeper schon wieder hinter sich greifen. Nicht zum letzten Mal in diesem Spiel. Sosehr die andere Mannschaft sich auch bemüht, Niko kriegen sie einfach nicht in den Griff. Er behauptet die Bälle wie ein Verteidiger, er verteilt sie wie ein guter Regisseur und versenkt einige wie ein gelernter Goalgetter. Hoher Sieg für Niko und Co. Wie hoch, weiß niemand so genau zu sagen, denn irgendwann haben sie aufgehört zu zählen.
Enes’ Gesicht glüht vor Anstrengung und vor Stolz. »Ich habe heute...«, er nimmt seine Finger zu Hilfe, wie immer, wenn er eine schwierige Rechenaufgabe zu lösen hat, »also ich habe... habe ganz viele Tore geschossen. Und ich weiß auch warum.« Er strahlt Catrina an. »Nämlich weil du extra für mich gesungen hast.«
Catrina lächelt geschmeichelt. »Soll ich noch mal?«, fragt sie. »Ich kenne noch’ne Menge tolle Fan-Gesänge. Wie findet ihr denn den? Hört mal!«
Catrina holt Luft, doch im letzten Augenblick zieht Mehmet die Notbremse: »Ach nee, du, lass mal! Ein andermal gerne. Aber heute hast du dich schon genug angestrengt.«
»Stimmt eigentlich!« Erschöpft lässt Catrina sich auf den Randstreifen fallen. »Niko hat mich echt schwindlig gespielt.«
Alex grinst. »Dabei war er so schnell, dass du ihn nicht mal foulen konntest.«
Niko lacht. »Das liegt nur an der blöden Büffelei mit Rebekka«, erklärt er. »Dann zappeln meine Beine die ganze Zeit. Und wenn sie dann endlich wieder in Freiheit sind, gehen sie ganz von selber ab wie eine Rakete.«
»Komisch«, wundert sich Moritz. »Eigentlich muss ein Fußballer den Kopf doch frei haben, oder?«
»Klar, weiß doch jeder!«
»Das ist eine ganz alte Fußballerweisheit!«
»Aber vielleicht stimmt die gar nicht«, überlegt Moritz. »Nikos Kopf ist jedenfalls nicht frei. Den hat Rebekka voll gestopft mit Lernwörtern, Rechenaufgaben und lauter so gelehrtem Pipapo.«
»O Mann, das stimmt.«
»Echt mal komisch. Niko platzt fast die Rübe und trotzdem ist er in der Form seines Lebens.«
Nachdenklich kaut Catrina auf ihrer Unterlippe herum. Schließlich wendet sie sich an Alex: »He, hast du dein Handy dabei?«
Klar, hat er. Ohne sein Handy geht Alex nicht mal aufs Klo. Bereitwillig kramt er das Telefon aus seiner Sporttasche. »Wen willste denn anrufen?«, erkundigt er sich.