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001

Inhaltsverzeichnis
 
Spinnst du?
Foul
Blau und gelb schlägt mein Herz …
Catrinas Gruß
Wer fürchtet sich vor Teufeln?
Kindermädchen
Willkommen bei den Sportfreunden
Kein Verlass auf Friedensengel
Wäscheplatz-Gespräche
Gut Freund mit Pony Stupsi
Probetraining
Na, endlich!
Retter aus grauer Vorzeit
Der allerletzte Mist
Blau-haugehelb, oleee!
So was mit Liebe
 
Copyright

003

Spinnst du?
004
Moritz trifft den Ball einmalig. Vollspann. Eine echte Granate! Gleich neben dem Schrank schlägt sie ein. Keine Zeit zum Jubeln. Schon kommt das Geschoss zurück, zwingt zu einem Hechtsprung. Moritz begräbt den Ball unter sich. Tolle Parade für einen, der von Haus aus eigentlich Stürmer ist. Die Fensterscheibe klirrt erbost. Dabei ist sie gut weggekommen. Ohne so ein reaktionsschnelles Eingreifen wäre sie jetzt hinüber.
Neu aufbauen, Ball zurechtlegen, Ziel ins Auge fassen. Diesmal die Tür, rechtes oberes Eck. Jaaa! Linkes Eck! Die Türmitte! Zu hoch! Der Ball bringt die Lampe gefährlich ins Schwanken. Mist, diese Bruchbude ist für Fußball einfach zu klein.Wohin dann mit der Wut?
Vielleicht ein Sportartwechsel: Basketball!
Moritz prellt das Leder auf den Boden, einmal, noch einmal…
»Moritz!«
Der Großvater! Von oben bis unten ein einziger Vorwurf. Sogar die Hausschlappen sehen beleidigt aus.
»Nimm doch mal Rücksicht auf deine Mutter! Du weißt doch, dass sie Kopfschmerzen hat.«
»Ja, ja,’tschuldigung!«
Großvater brummt etwas Unverständliches. Endlich ist er wieder weg. Die Wut ist noch da. Ist noch viel größer geworden. Eine Stinkwut. Riesenwut!
»Aaaaaaaaa!«
Schreien allein hilft nicht.
Moritz reißt das Fenster auf.
005
»Die Blumenbeete sind Großvaters ganzer Stolz«, hat Mama mal erzählt.
Moritz wirft.Wie ein Meteorit fährt der Ball zwischen Großvaters Grünzeug.
Tor!
Kein Grund zur Freude. Das Tor hätte sowieso nicht gezählt. Hand, eindeutig, das hätte auch der blindeste Schiri gesehen. Sogar der, der den SV beim Sommercup verpfiffen hat. Zwei klare Elfer hat er nicht gegeben! Auf Schwalbe entschieden, dabei ist Moritz gelegt worden. So ein Schieber, Betrüger…
Moritz sackt auf der Bettkante zusammen. Mit Schiris wird er nie wieder Probleme haben. Denn soeben hat er seine Karriere beendet. Mit einem irregulären Treffer, erzielt gegen ein paar wehrlose Blumen. Was für ein Ausklang!
Der Koffer wartet unausgepackt vor dem Schrank. Soll er ruhig weiterwarten! Daneben hat jemand die blaue Sporttasche abgeladen. Moritz zieht das HSV-Trikot heraus.
Der HSV, sein Lieblingsverein! Das Trikot hat er immer beim Training getragen.
»Damit du nie vergisst, wo dein Weg mal hingeht«, hat Papa oft gesagt.
Papa! Den braucht niemand mehr. Genauso wenig wie den Krempel aus der Sporttasche.
Moritz rafft die Fußballsachen zusammen und läuft die Treppe hinunter.
Die Mülltonne vor dem Haus ist fast voll. Iii, das stinkt ja widerlich! Gut so, das ist genau der richtige Ort für unnötigen Krempel. Moritz stopft seine Sachen hinein und gräbt sie unter. Ohne sich noch einmal nach ihnen umzudrehen, läuft er auf die Straße hinaus.
Wohin? Egal, hier ist es überall genauso blöd. Neben Großvaters Haus sind Wohnblocks. Vor einem hockt ein Kind auf einem Bobby Car und quengelt.Vergeblich, zwei Frauen unterhalten sich weiter und hören gar nicht hin. Das Kind lässt von den Frauen ab und streckt Moritz die Zunge raus.
Moritz droht dem Kleinen mit der Faust. Der kreischt los wie eine Sirene. Die Frauen schimpfen. Na bitte, wenigstens mal ein bisschen Abwechslung.
Moritz läuft weiter. Ziellos! Hier gibt es nicht viel zu sehen. Die Geschäfte haben am Sonntag geschlossen. Der Parkplatz vor dem Supermarkt ist wie ausgestorben.
Aber plötzlich ein vertrautes Geräusch! Klack! – Klack! – Klack!
Ein Ball! Ein richtiger Fußball, Leder, nicht so ein Plastikding für Babys. Irgendwo in der Nähe drischt jemand auf ihn ein. Nicht nur einer.Wie es sich anhört, bemühen sich mehrere um die Kugel.
Klack! – Klack! – Klack!
Es geht wohl hin und her.Vielleicht ein langer Ball in die Spitze. Keine Anspielstation. Abwehr haut die Kugel raus. Die kommt aber postwendend zurück.
Klack!
Moritz rennt über den Parkplatz.
Stimmen. Rufe.
»Rechts!«
»Geh drauf!«
»Gib doch ab, Mann!«
»Serkaaaan! Zieh doch ab!«
Peng! Aluminium!
Serkan hat abgezogen. Und wie! Sicher wackelt das Gehäuse immer noch.
Ein Zaun mit dichtem Gebüsch versperrt die Sicht. Klack!
Langer Ball! Hat den jemand gestoppt oder ist er watteweich ins Niemandsland gekullert?
Moritz muss unbedingt etwas sehen! Sonst kann er diese Fragen nicht beantworten.
»Mann, das war deiner!«
Irgendwo muss es doch eine Tür geben! Bestimmt sind die Fußballer auch nicht mit dem Ufo auf dem Platz gelandet.
Endlich ein Eingang. Ein hölzerner Rundbogen mit geschnitzten Buchstaben wünscht: Herzlich willkommen bei den Sportfreunden Blau-Gelb.
Das Tor unter dem Bogen ist verschlossen.
Haha! Sehr witzig! Sind wohl Komiker, diese Sportfreunde. Wütend rüttelt Moritz am Drahtgitter. Es nützt nichts, also weiter!
»Jaaaa!«
Mist, jetzt hat er tatsächlich den Treffer verpasst.
Da kann er auch gleich zurückgehen. Nein, stopp! Da ist sie, die Lücke! Ein Loch im Maschengeflecht des Zauns. Die losen Drahtenden sind sorgfältig umgebogen. Ein Durchgang für solche, die Bescheid wissen. Erleichtert schlüpft Moritz hinein. Noch ein paar kratzende Sträucher, dann hat er freie Sicht.
Der Platz sieht aus wie eine Marslandschaft. Das Kampfgetümmel wirbelt rote Staubwolken auf.
Ein Hartplatz. Das riecht geradezu nach Hautabschürfungen. Wie in Steinborn. Die haben auch so einen Schrottplatz. Den halben Oberschenkel hat Moritz dort eingebüßt. Jedenfalls hat es sich so angefühlt und noch tagelang wie die Hölle gebrannt.
»O Mann, spinnst du?«, schimpft ein rothaariges Mädchen.
Unwillkürlich muss Moritz grinsen. Das ist wirklich der perfekte Empfang an so einem Tag!

Foul
006
Eine Hand voll Fußballer, etwa in Moritz’ Alter, jagen dem Leder nach. Zwei Mini-Mannschaften gegen einen Torhüter. Der macht gerade einen weiten Abschlag. Das rothaarige Mädchen fängt den Ball ab und behauptet ihn gegen zwei Angreifer. »Enes!«, ruft sie und spielt steil.
Ein Kleiner hat sich rechtzeitig gelöst und kann den Ball in Empfang nehmen. Donnerwetter, der Zwerg hat was drauf! Geschickt umkurvt er einen Jungen und geht allein aufs Tor. Entschlossen läuft der Tormann aus seinem Kasten. Enes wird langsamer, schaut, zögert, zögert einen Tick zu lange. Schon wirft sich der Tormann dem Kleinen in den Weg und pflückt ihm den Ball vom Fuß. Enes hebt ab, stürzt und kugelt durch den Strafraum. Enttäuscht hämmert er auf den Boden. Dann hält er sich abwechselnd erst das rechte, dann das linke Bein, als könne er sich nicht entscheiden, welches schwerer verletzt ist.
»Foul!«, brüllt er empört. »Mehmet hat mich voll gefoult, ey!« Wie bestellt rinnen die ersten Tränen über sein Gesicht.
»Krieg dich wieder ein«, sagt der Tormann gutmütig und will dem Kleinen auf die Beine helfen.Aber der rollt sich zur Seite und krakeelt: »Das war total gemein und deshalb sag ich’s auch der Mama.«
Mehmet verdreht die Augen. »Du bist echt noch ein Baby und solltest lieber im Sandkasten spielen«, findet er.
»Selber!«, gibt Enes zurück und rappelt sich hoch. Mit dem Handrücken wischt er sich das Gesicht trocken.
007
Eine rote Aschespur bleibt zurück und gibt ihm ein verwegenes Aussehen. Mit einem bösen Blick auf Mehmet humpelt er zur Mitte.
»Aber dein Solo war echt stark«, lobt ein Junge. Da strahlt Enes und setzt sich in Trapp. Seine schwere Verletzung scheint auf wundersame Weise geheilt.
»Und du?«, wendet sich der Junge an Moritz. »Willst du mitspielen?«
»Logisch, will er!«, verkündet das Mädchen, ehe Moritz auch nur den Mund aufkriegt.
»Prima!« Der Junge nickt zufrieden. »Dann spielen wir jetzt Enes, Catrina,Alex und Eddy gegen Serkan, Hendrik, mich und…«
Schnell stellt Moritz sich vor.
»…also gegen Serkan, Hendrik, Moritz und mich. Ich heiße übrigens Niko.«
Niko, aha. Er ist wohl der, der sagt, wo’s langgeht.
»Spielen wir noch mal weiter oder quatschen wir nur rum?«, drängelt Mehmet und legt sich den Ball zurecht.
Moritz orientiert sich nach links. Das ist in Hulstorf immer seine Schokoladenseite gewesen. Mehmets Abschlag geht weit auf die rechte Seite hinaus. Dort bringt Alex den Ball unter Kontrolle und hält Ausschau nach einer Anspielstation. Die braucht er nicht mehr, denn schon hat Niko ihm das Leder vom Fuß gespitzelt. Ein kurzer Blickkontakt, schon flankt er genau in Moritz’ Lauf. Moritz hat Platz und geht die Linie entlang, den Ball eng am Fuß. Das Leder ist zahm und lässt sich streicheln.Was für ein Gefühl! Wie lange hat er das schon vermisst? Hundert Jahre? Mindestens!
Jetzt bloß die Dribbelei nicht übertreiben. Das kommt in keiner Mannschaft gut.
Niko? Ob der mitdenkt? Ja! Als wäre es abgesprochen, orientiert der sich zur Strafraummitte hin. Noch ein paar Schritte, und wenn er dann immer noch anspielbereit ist...
008
Wie ein Kobold fegt Catrina heran. Ein Tritt, Moritz verliert den Halt und rutscht ins Seitenaus.
»Mensch, Catrina!«, empört sich Niko. »Das wären schon wieder 5 Minuten Strafe gewesen. Mindestens! Dabei brummst du doch gerade erst eine Sperre ab.«
»Ich hab doch nur den Ball gespielt«, verteidigt sich Catrina.
Alex grinst. »Der Ball, Catrina, ist das Runde. Das Längliche ist aber meistens ein Bein. In diesem Fall gehört es dem Neuen.«
Mehmet winkt ab. »Lass mal,Alex. Diesen Unterschied wird Catrina nie begreifen.«
»O Mann!«, schnaubt Catrina. Die Farbe ihres Gesichtes könnte jeder roten Karte eines aufgebrachten Schiris Konkurrenz machen.
Catrina brummelt etwas Unverständliches. Sie reicht Moritz die Hand und hilft ihm hoch.
»Bist du wirklich gesperrt?«, fragt Moritz. Kaum zu glauben! Dieses schmächtige Mädchen mit den dürren Beinen sieht eher aus wie die Vorsängerin vom Kinderchor. Einen gefährlichen Rotsünder kauft ihr doch keiner ab.
Catrina grinst schuldbewusst. »Was soll ich machen? Die Schiris haben mich irgendwie alle auf dem Kieker.«
»Versteh ich nicht«, murmelt Moritz und reibt verstohlen sein Bein.
»Siehste!«, sagt Catrina triumphierend. »Ich versteh es nämlich auch nicht.«
Mit einem Freistoß geht es weiter. Serkan auf Hendrik, der verpasst. Mehmet pflückt den Ball aus der Luft. Abschlag.
Niko holt ihn sich, schickt Moritz. In letzter Sekunde kann Alex dazwischengehen. Enes müsste starten. Aber der steht, steht eine Sekunde zu lange, Niko erobert das Leder zurück.
Niko! Der Kerl ist gut. Moritz weiß nichts von ihm, kennt nicht mal seinen Nachnamen. Und doch ist es so, als hätten sie schon hundertmal zusammen gespielt. Blindes Verständnis. Moritz kann es riechen, was der andere mit dem Ball vor hat. Und der scheint eine Spürnase für Moritz’ Gedanken zu haben.
Moritz sprintet los. Und da kommt er schon, der nächste tolle Pass. Leider ist Mehmet ein Torhüter, der mitspielt. Eine Fußspitze vor Moritz ist er am Ball.
Und dann endlich klappt es. Niko zirkelt den Ball herein. Genau im richtigen Moment steigt Moritz hoch und nickt das Leder unhaltbar in die Maschen.
Yeah!
»Sauber!«, lässt der geschlagene Keeper sich vernehmen.
Niko und Moritz klatschen ab. »Passt schon!« Catrina schnaubt. »Jetzt ist aber Schluss mit lustig!«, droht sie.