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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Für Marina

Ich bin Simon, genannt Petrus, der Fels
Ich war der engste Vertraute des Meisters der Liebe zu der Zeit seiner Verkörperung als Jesus von Nazareth. Ich bin eine sehr erdverbundene Seele, und es verging kein Jahrhundert, in dem nicht Seelenanteile von mir inkarniert waren. Die Erde ist meine Heimat. Als Simon wurde ich in das Leben geboren, welches zu dem prägendsten all meiner Inkarnationen werden sollte. Den Namen Petrus gab mir mein Meister. Er gab ihn mir, weil der Samen, den er säte, bei mir nicht auf weichen und fruchtbaren Boden fiel. Ich versuchte, mit dem Kopf zu verstehen, was nur im Herzen begriffen werden kann.
Als Jesus mir den Namen gab und vor allen anderen erläuterte, warum er ihn mir gab, war ich mehr traurig als zornig. Sonst war es umgekehrt. Der Zorn entsprach meinem Naturell mehr als die Traurigkeit. Ich war derjenige seiner Schüler, der sich am meisten echauffierte. Ich war laut und großmäulig und legte Wert darauf, der Erste unter vielen zu sein. Als Jesus mir den Namen Petrus gab, fühlte ich mich gekränkt. Seine Worte trafen mich in der Mitte meines Herzens, und ich wusste, dass sie stimmten. Meine Stärke war das Denken, und meine Schwäche war das Fühlen. Auch später noch floh ich häufig vor meinen Gefühlen und suchte Unterschlupf in meinem Kopf. Doch je bewusster ich wurde, desto weniger gelang es mir. Ich wurde auf meiner Flucht zunehmend langsamer, meine Gefühle holten mich immer schneller ein – und sehr oft schneller, als ich es vertragen konnte.
Den Namen, den ich zunächst als Schmach empfand, trug ich später mit Stolz. Nachdem mich mein Meister zu Boden geworfen hatte, half er mir wieder auf. Er erklärte mir, dass alles zwei Seiten hat. Zwar kann man auf Stein keinen Apfelbaum pflanzen, aber man kann darauf ein Haus bauen. Ein Haus benötigt einen harten Untergrund. Ein Haus auf Fels bleibt stehen. Auf weichem Boden würde es versinken.
»Und auf dir, mein lieber Simon Petrus, will ich mein Haus, meine Kirche bauen«, sagte er.
Und seitdem helfe ich dabei, Stein für Stein, Schicht für Schicht seine Kirche zu bauen. Sie ist noch lange nicht fertig, und sie ist nicht das, was die Menschen unter dem Begriff »Kirche« verstehen. Sie ist kein Gebäude und keine Institution. Die Kirche des Meisters der Liebe wird in den Herzen der Menschen gebaut.
Und zurzeit hilfst du mir dabei.
 
»Warum ich?«, fragte ich erstaunt.
 
Wir beide sind Teil derselben Seele.
 
»Ich dachte, jeder Mensch hat eine unsterbliche Seele. Und zwar seine eigene.«
 
Jede Seele erfährt ihr Leben in der körperlichen und der geistigen Welt zugleich. Immer sind einige Anteile inkarniert und andere nicht. Die einen Anteile leben die körperlichen Aspekte, andere die geistigen Aspekte ihrer gemeinsamen Existenz. Eine ganze Seele ist zu groß für nur einen Körper. Manche nennen die Gemeinschaft der Seelenanteile auch »Seelenfamilie«.
 
»Ich wollte immer schon einmal einen Prominenten in meiner Familie haben. Wenn schon nicht in meiner körperlichen Verwandtschaft, dann wenigstens in meiner seelischen. Immerhin. Und dann direkt einen Heiligen, den die ganze Welt kennt, alle Achtung! Schade, dass du nicht körperlich anwesend sein kannst. Würde dich gern mal meinen Kollegen vorstellen.«
 
Auch körperlich bin ich noch anwesend.
 
»Bitte?«
 
Alle Zeit ist gleichzeitig. Stell dir die Zeit als einen Baum vor. Jeder Ast ist ein Jahrhundert. Aus der Perspektive eines Astes in der Mitte des Baumes sind die Äste unter ihm nicht mehr und die Äste über ihm noch nicht da. In Wahrheit aber existieren alle Äste gleichzeitig. So findet mein Leben damals zur gleichen Zeit statt wie dein Leben heute. Ich erfahre jetzt mein Leben als Schüler des Meisters. Du erfährst jetzt dein Leben als Polizist und Reiki-Lehrer. Aus meiner Perspektive ist dein Leben ein zukünftiges, aus deiner Perspektive ist mein Leben ein vergangenes.
 
»Und damit haben wir das Mittelalter erfolgreich in die Zange genommen.«
 
Diese Zeit ist ebenfalls ausgesprochen lebendig. Einige Anteile unserer gemeinsamen Seele haben sich auch im Mittelalter verkörpert. Andere Anteile wiederum haben sich noch nie inkarniert.
Doch vergiss nie, dass alles im Universum eins ist. Nichts ist in Wahrheit getrennt. Wir sind alle Ausdruck des Einen, das man »Leben« nennt. Die Trennung ist nur Illusion. Wenn sich jeder Seelenanteil über die Existenz jedes anderen Anteils bewusst geworden ist, ist die Trennung überwunden und ein Zustand erreicht, der oft »Erleuchtung« genannt wird.
 
»Und was passiert dann?«, fragte ich.
 
Dann geht es wieder von vorne los. Man trennt sich und macht sich erneut auf die spannende Reise des Lebens.
 
»Wie bitte? Da meditiere ich mir täglich einen Wolf, um erleuchtet zu werden, und wenn ich es dann bin, geht der ganze Zirkus von vorne los?«
 
Warum nicht? Das Leben dient keinem Zweck. Kein Zustand ist besser als ein anderer. Es geht nicht um etwas, man kann nichts gewinnen bei diesem Spiel, man kann es nur genießen.
 
»Dabei sein ist alles.«
 
So ist es. Doch mach dich nicht verrückt. Ich weiß nicht, was nach dem Zustand der Erleuchtung kommt. Ich habe es noch nicht erfahren. Solange du nicht erleuchtet bist, kann ich es auch nicht sein. Da wir miteinander sprechen, leben wir noch in der Illusion der Trennung.
 
»Vielleicht hast du ja Recht mit deiner Theorie, und wir haben es nur wieder vergessen.«
 
Da alle Zeit gleichzeitig ist, ist es unerheblich, ob wir schon erleuchtet waren oder es erst noch werden. Alle Erfahrungen existieren gleichzeitig und sind somit immer gegenwärtig.
 
»Das ist schwer zu verstehen.«
 
Das Leben kann nur gelebt werden, es kann nie verstanden werden. Das Leben bleibt immer ein Mysterium.
 
»Du hast gesagt, ich helfe dir momentan.«
 
So ist es. Jeder Seelenanteil profitiert von jedem anderen Seelenanteil. So hilfst du mir bei meiner Entwicklung, und ich helfe dir bei deiner.
 
»Ich habe nur ein Problem damit.«
 
Welches?
 
»Dass ich niemandem von dir erzählen kann. Man würde mich tatsächlich für verrückt halten.«
 
Du bist Polizist. Du hast Mut. Habe auch den Mut, verrückt zu sein.
Der Meister der Liebe fragte uns Schüler einmal, wie es für uns wäre, vor anderen nackt und bloß dazustehen. Wir konnten ihm darauf keine Antwort geben. Erst später, nach seinem Weggang, haben wir erfahren, wie es ist, seine Wahrheit zu sagen und sich mit ihr nackt und bloß dem Gespött anderer auszuliefern. Habe den Mut, von anderen für einen Spinner gehalten zu werden.
Habe den Mut, ein Narr zu sein.

Zu Beginn
Im Jahr 1981 bestand für Schulabgänger mit Abitur die Möglichkeit, als so genannte Seiteneinsteiger bei der Kriminalpolizei anzufangen, ohne vorher den zuweilen lästigen Dienst bei der Schutzpolizei verrichten zu müssen. So blieb es mir erspart, in einem Kostüm mit aufgenähtem Landeswappen mitten auf einer belebten Kreuzung zu stehen und den Verkehr zu regeln. Während der dreijährigen Ausbildung bei der Kriminalpolizei besuchte ich in der ersten Halbzeit alle möglichen Kommissariate und verbrachte die zweite auf der Schulbank einer Fachhochschule. Meine Faulheit, die treue Seele, hatte mich bei meinem Wechsel vom Gymnasium zur Fachhochschule begleitet. Da die Durchfallquote sehr hoch war, wurden unter den Absolventen der Kommissarsklasse Wetten darüber abgeschlossen, wer es schaffte und wer durchfallen würde. Ich war Spitzenreiter in der Rangliste der zweiten Kategorie. Doch von den Prüfern erkannte mich keiner, und so konnte ich, ausgestattet mit Kriminaldienstmarke und Dienstausweis, ins Ruhrgebiet flüchten, wo ich nun für die nächsten Jahre mithelfen sollte, das tobende Verbrechen zu bekämpfen. Meinem Wunsch entsprechend wurde ich der Fahndung zugeteilt, einer Dienststelle, die sich fast ausschließlich mit der Vollstreckung von Haftbefehlen beschäftigte. Meine Aufgabe bestand nun darin, flüchtige Straftäter zu suchen, aufzuspüren, festzunehmen und mich toll zu finden.
In einem der Kollegen fand ich einen guten Freund. Wir sahen zu, dass wir so oft wie möglich gemeinsam kämpften. Und wir kämpften im wahrsten Sinne des Wortes. Kein Täter war uns zu gefährlich und keine Tür zu stabil. Mit Haftbefehl und erkennungsdienstlichem Foto des Gesuchten machten wir uns auf die Socken. Wir hörten uns in Kneipen um und stellten dumme Fragen in der Nachbarschaft. Als fahrbarer Untersatz diente uns ein hellblauer Passat, den die Polizeiverwaltung im Gegensatz zu den grün-weißen Streifenwagen »Zivilfahrzeug« nannte.
Für die Bevölkerung und erst recht für die Menschen, die aufgrund der von ihnen bevorzugten Hobbys immer mal ein Auge darauf werfen müssen, ob nicht gerade irgendwelche Gesetzeshüter in der Nähe sind, waren Fahrzeuge der Fahndung alles andere als »zivil«. Wer fährt schon einen hellblauen Passat? Generell erkannte man zu dieser Zeit Kripofahrzeuge an der Farbe. Es galt die Formel »Zwei Typen mit harten Gesichtern in einem Auto von einer Farbe, die sich kein Schwein kaufen würde, plus zwei Antennen auf dem Dach gleich Kriminalpolizei«. Uns beide jedoch, meinen Kollegen und mich, störte es nicht. Im Gegenteil: Wir wurden gern erkannt. Denn stell dir vor, du bist ein Held und kein Mensch weiß es …
Die Jahre bei der Fahndung waren die schönsten in meiner polizeilichen Laufbahn. Zusammen mit meinem Freund und Kollegen fuhr ich tagtäglich durch die Stadt und versuchte, Menschen festzunehmen, deren Personalien auf einem Haftbefehl eingetragen waren. Es waren Leute, die sich einem laufenden Strafverfahren entzogen oder aber eine Haftstrafe, zu der sie verurteilt worden waren, nicht angetreten hatten. Viele kleinere Geschichten sind mir aus dieser Zeit in Erinnerung.
 
Einmal suchten wir einen Mann, der als Zuhälter tätig war. Er hatte sich nicht an die Spielregeln des Strafgesetzbuches gehalten. Ein Landgericht sah sich veranlasst, ihn zu einer mehrjährigen Haftstrafe zu verurteilen. Das wiederum veranlasste ihn, rechtzeitig von der Bildfläche zu verschwinden und sich dem staatlichen Zugriff zu entziehen. Offenbar hatte er Besseres zu tun, als den ganzen Tag in einer engen Zelle zu hocken. Seine Lebensplanung in allen Ehren, aber mein Freund und ich hatten aus beruflichen Gründen etwas dagegen einzuwenden.
Wir nahmen die Spur auf und fanden ein Hochhaus, in dem er unter einem falschen Namen eine Wohnung angemietet hatte. Auf der Suche nach einem vertrauenswürdigen Ansprechpartner im Haus trafen wir auf den Hausmeister. Er erzählte, dass der von uns gesuchte Herr X, der für ihn Herr Y war, nur sporadisch zu Hause sei. Über ihn selbst wisse er nichts, der Mann zahle pünktlich die Miete und legte offenbar Wert auf seine Ruhe. Wir zeigten dem Hausmeister ein Bild von Herrn X. Er erkannte ihn als Herrn Y. Damit war alles klar. Wir hinterließen unsere Telefonnummer und baten um einen Anruf, sobald Herr X beziehungsweise Y zu Hause sei.
Einige Wochen später kam morgens die ersehnte Nachricht: »Er ist jetzt da! Heute Nacht habe ich ihn kommen hören«, berichtete unser Vertrauter. »Vielleicht zieht er sich nur um, doch wenn Sie sich beeilen, können Sie ihn festnehmen. Aber halten Sie mich aus der Sache raus. Keiner darf wissen, dass ich Ihnen geholfen habe. Ich bin jetzt auch weg, ich habe einiges in der Stadt zu erledigen.«
»Niemand wird erfahren, dass Sie uns geholfen haben«, erklärte ich. »Ich werde es höchstens Jahre später in einem esoterischen Fachbuch erwähnen.« Das beruhigte ihn.
Sofort machten wir uns auf die Socken. Den Zugang in das Treppenhaus verschafften wir uns mithilfe eines Drahtes. Mein Freund hatte immer ein Mäppchen mit verschiedenen Drähten dabei. Er war sehr geschickt darin, Türen zu öffnen. Wir stiegen die Treppe hoch, schellten an der Tür. Wie wir erwartet hatten, machte keiner auf. Mein Kollege sah mit fachmännischem Blick auf die Tür: »Da ist mit Draht nicht viel zu machen«, stellte er fest. »Die Tür werden wir wohl eintreten müssen.«
Ich war deswegen nicht wirklich enttäuscht. Obwohl nur beruflich ausgeübt, war das Eintreten von Türen für mich mittlerweile zu einem Hobby geworden. Irgendwie machte es Spaß, ab und an mit höchstrichterlicher Erlaubnis ordentlich herumzurandalieren … Unverzüglich machten wir uns ans Werk. Oft genügen zwei bis drei saubere Tritte, bevor die Tür aufspringt. Nur diese hier weigerte sich hartnäckig. Sie wollte nicht aufgehen. Wir traten mal mit und mal ohne Anlauf, mal fachmännisch gezielt an die Stelle neben dem Türschloss, dann wieder ungezielt, egal wohin, Hauptsache Tür und rohe Gewalt. Nichts geschah. Außer fürchterlichem Krach brachte die Aktion kein nennenswertes Ergebnis.
»Was ist das denn für ein Lärm da unten?«, schallte es plötzlich von oben durch das Treppenhaus. »Gleich komme ich runter, und dann gibt’s Ärger«, erklärte eine Stimme, die den Eindruck erweckte, es ernst zu meinen.
Wir schauten hoch. Auf dem Treppenabsatz über uns stand wutentbrannt und in drohender Haltung ein Mann, den wir anhand unseres liebevoll geführten Fotoalbums unschwer als den Adressaten unseres Besuches ausmachten.
Der von uns gesuchte Zuhälter wohnte eine Etage über der Wohnung des Hausmeisters, dessen Eingangstüre wir gerade demolierten …
 
In meiner Freizeit trainierte ich in einem Fußballverein eine Jugendmannschaft. Das machte mir Spaß, und ich engagierte mich dabei ebenso wie in meinem Beruf. Mein Leben bestand aus Polizei und Fußball. Diese Zeit dauerte sieben Jahre.
Dann wechselten mein Freund und ich die Dienststelle. Nun waren wir Angehörige des »Mobilen Einsatzkommandos«. »MEK« wird die Filiale der Firma im Fachjargon genannt. Eine Dienststelle mit geheimen Autos und geheimen Büros und geheimen Polizisten. Sie sind immer da, wo man sie nicht vermutet. Stell dir weites, flaches Land vor. Mittendrauf ein böser Bube. Meilenweit und in alle Richtungen kann er das Gebiet einsehen. Weit und breit kein Haus, keine Scheune, kein Auto, keine Kühe, nichts. Urplötzlich jedoch liegt er mit dem Gesicht auf dem Acker und bekommt seine Rechte vorgelesen. Im wahrsten Sinne des Wortes wird ihm »schlag-artig« klar: »Ich bin nicht allein!« Sonst eigentlich eine beruhigende, für unseren Buben jedoch diesmal eine erschreckende Botschaft. Sofern es ihm gelänge, einen Blick vom Boden nach oben zu richten, könnte er Massen von breitschultrigen Männern mit kurzen Haaren und wichtigen Gesichtern erkennen, die den Kontakt mit der Zentrale durch Sprechen in Richtung ihres Hemdkragens aufrechterhalten.
Das waren dann wir. Sichtbar und unsichtbar. Je nach Wunsch. Spezialagenten eben. Jungs, die in den Krimis immer dann auf dem Bildschirm erscheinen, wenn die spannende Musik erklingt und Oma vor der Flimmerkiste zum Nägelkauen ansetzt. Jungs, die nach vielen Überstunden spätabends nach Hause kommen, den Schmauch von der Mündung der Pistole wegpusten und die Freundin fragen: »Na, Schatz, und wie war dein Tag …?«
Bei so einem Haufen war ich nun gelandet. Vorbei war es mit dem Training meiner Jugendmannschaft. Die unregelmäßigen Dienstzeiten ließen das nicht mehr zu. Außerdem heiratete ich und bezog mit meiner Frau eine neue Wohnung. In kurzer Zeit hatte sich mein Leben grundlegend geändert. Ich übte eine neue berufliche Tätigkeit aus, lebte in einer neuen Wohnung, war mit einer Frau zusammen und machte keine Jugendarbeit mehr. Zudem hatte eine chronische Nebenhöhlenentzündung auf der rechten Seite meines Schädels ein neues Zuhause gefunden. Ich wäre fast explodiert vor Glück. Oder anders ausgedrückt: Ich war körperlich wie seelisch ziemlich durch den Wind.
Ich zweifelte an mir selbst und sah keinen Sinn mehr in dem, was ich tat. Doch war es nicht die Arbeit mit Jugendlichen, die mir nun fehlte; das war vorbei, damit hatte ich abgeschlossen. In diesem Bereich hatte ich viel erlebt und war an einen Punkt gekommen, an dem sich Bekanntes öfter wiederholte, als Neues geschah. Auch mein Wechsel innerhalb der Polizei war nicht das, was mir zu schaffen machte. Ich trauerte weder meiner früheren Arbeit noch den Kollegen nach. Ich hatte mich bei ihnen wohl gefühlt, doch die neuen Mitstreiter waren genauso in Ordnung. Ich war zwar bei der Ausübung der neuen Tätigkeit nicht zufrieden, doch zurück wollte ich auch nicht. Ich wusste nicht, was mit mir geschah. Während ich im Einsatz war, sehnte ich mich nach Hause, und zu Hause fühlte ich mich nicht ausgelastet. Ich hatte keine Ahnung, wie ich das ändern könnte. Ich hatte mein Selbstbild verloren. Ich konnte mich nicht mehr mit dem »Polizisten« identifizieren. Aber genauso wenig hätte ich sagen können, warum. Ein anderes Selbstbild gab es nicht.
Viele Menschen, die im Beruf ihr Ego nicht ausreichend bestätigt sehen, suchen sich eine ehrenamtliche Tätigkeit in einem Verein oder einer Organisation. Dort können sie dann die Karriere machen, die ihnen im Job verwehrt bleibt. Die Menschen streben im Allgemeinen danach, »jemand« zu sein. Mensch sein allein reicht offensichtlich nicht aus, um glücklich zu werden. Und wer glaubt, in seinem Beruf nichts Besonderes darzustellen, wird eben Leiter der Turnabteilung seines Sportvereins oder verwaltet die Sterbekasse in der Ortsgruppe seiner Gewerkschaft.
Nicht, dass man mich falsch versteht: Ich verurteile das nicht. Die Menschen tun viel Gutes dabei. Aber, und das verleugnen sie oft, sie tun es nur für sich. Zwar stellen manche es so dar, als ginge es ihnen allein um die Sache, doch das ist nur die halbe Wahrheit. Wie gesagt, daran ist nichts Schlechtes.
Aber in meinem Fall bestand darin weder das Problem noch die Lösung. Es gab scheinbar keinen Ausweg für mich. Ich hatte keine Rolle mehr, durch die ich mich definierte, und wollte auch gar keine haben. Ja, ich entwickelte sogar eine Abneigung gegen Rollen insgesamt. Mir wurde fast schlecht, wenn ich Leute herumstolzieren sah, denen man das Wort »wichtig« in Leuchtschrift auf die Stirn tätowiert hatte. Und gerade in der Dienststelle, in der ich jetzt war, begegnete ich ständig Menschen, die ihren Selbstwert voll und ganz aus ihrer beruflichen Tätigkeit schöpften. Spezialagenten. Jeder für sich ein Weltmeister. Aber auch jenseits der Polizei begegnete ich ständig solchen Zeitgenossen. Es ist natürlich klar, dass ich damals genau das in anderen sah, was ich in mir bekämpfte. Man wird im Außen ständig mit den Themen konfrontiert, an denen man in seinem Inneren arbeitet. Und ich arbeitete heftig!
Auch die Nebenhöhlenentzündung machte mir zu schaffen. Für die Mediziner war klar, dass eine Operation die einzige Möglichkeit der Heilung sein konnte. Doch das wollte ich nicht. Ich hatte gehört, dass viele Menschen nach einem operativen Eingriff mehr Theater in ihren Nebenhöhlen hatten als vorher. Davor hatte ich Angst. Ich versuchte es mit den verschiedensten Medikamenten, ließ mir chinesische Nadeln in den Körper stoßen, massierte meine Schläfen, doch nichts geschah. Eine Heilpraktikerin erzählte mir etwas von Blockaden. Damals verstand ich nicht, was sie meinte. Und heute halte ich darüber Seminare ab. Ich glaube, ich werde die Tage mal bei ihr reinschauen und sagen: »Hey, erinnerst du dich noch an mich? Ich bin der unglückliche Bulle mit dem verstopften Nasenloch. Der Kanal ist nicht nur frei wie sonst was, ich kann jetzt sogar mit meinen Händen heilen.« Ich glaube, sie wäre stolz auf mich …

Der erste Schritt
Ein bekannter Spruch lautet: Alles beginnt mit dem ersten Schritt. Das Problem besteht nur darin, dass man oft nicht weiß, wohin der Weg führt. Das Leben kann nur nach vorn gelebt und »nach hinten« betrachtet werden. So weiß ich heute, dass ich 1997 den ersten Schritt auf meinem Weg zum Reiki-Lehrer machte.
Ich hatte in der Zwischenzeit das MEK verlassen und war nun mit einer Aufgabe betraut, die »Zielfahndung« genannt wird. Ich musste wieder Leute suchen. Im Gegensatz zu meiner früheren Fahndungszeit jedoch war für einen Straftäter schon mindestens ein internationaler Haftbefehl mit Flucht ins Ausland nötig, um in den Genuss zu kommen, von mir gesucht, gefunden und schließlich festgenommen zu werden. Ein Bagatelldelikt mit lieblos ausgewähltem Versteck irgendwo in der Stadt, womöglich noch bei sich zu Hause, reichte nicht mehr aus, mich aus dem Drehstuhl im Büro zu vertreiben.
In einer Sommernacht fuhr ich mit 1,2 Promille im Blut von einer dienstlichen Feier nach Hause. Nachdem es mir noch gelungen war, drei Streifenwagen abzuhängen, musste ich beim vierten passen. Mein Führerschein lag anschließend neun Monate beim Straßenverkehrsamt. Nun war ich ein Zielfahnder ohne Führerschein und musste den Weg von meiner Wohnung zur Arbeitsstelle mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewältigen. Ich stand während der Rushhour mit Menschen in Bus und Bahn, die ich freiwillig nicht in mein Auto gelassen hätte. Ich lernte, Nähe zuzulassen. Zugleich war mir ein Teil meiner Maske heruntergerissen worden. Aus dem Typen, dem keiner was kann, war für den Moment ein kleiner Wicht geworden, der darum bettelte, auch ohne Führerschein weiter bei der Zielfahndung arbeiten zu dürfen.
Bei all den unangenehmen Gefühlen wusste ich aber, dass dies der Beginn von etwas Neuem war. Tatsächlich war es meine erste Einweihung. Einweihung bedeutet »Öffnung«. Bis dahin war ich eher verschlossen als offen, mehr arrogant als freundlich und mehr zynisch als humorvoll. Ich war der harte Bulle, dienstlich und privat. Ich trug einen äußeren Gefühlspanzer, der mich erfolgreich vor der Liebe anderer Menschen schützte.
 
In diesem Sommer 1997 erhielt ich das erste Anmeldeformular für ein Reiki-Seminar. Ich sandte es nicht zurück. Ich wusste nicht, was Reiki war; und ehrlich gesagt war es mir auch vollkommen egal. Meine spätere Reiki-Lehrerin ließ nicht locker und sandte mir ein paar Wochen später eine weitere Einladung. Diesmal folgte ich artig und meldete mich an.
Zwar konnte ich mit dem Begriff »Reiki« immer noch nichts anfangen, spürte aber, dass ich es machen sollte, was immer es auch sei. Ich beschloss, bis dahin auch keine Erkundigungen über Reiki einzuziehen. Ich wollte mich überraschen lassen.
Einige Tage nachdem ich das Formular zu dem Seminar »Was immer es auch sei« abgeschickt hatte, stand ich im Rahmen einer Dienstreise im Hauptbahnhof von Fulda. Ich sah mich nach einer Zeitung für die Rückfahrt um. Dabei fiel mein Auge auf ein Reiki-Buch. Ich nahm es, schlug es auf und – schlug es zu. Ein erster Blick in das Innere des Buches hatte genügt, mich für Sekunden um Fassung ringen zu lassen. Heilen durch Handauflegen … Ach, du Scheiße …!
Das Seminar fand in einem kleinen Dorf mitten im Westerwald statt, und ich überlegte, wie ich dorthin kommen sollte. Eine Fahrt mit dem Auto ohne Führerschein war mir zu riskant. Ich hatte wegen meiner Trunkenheit am Steuer dienstlich keine Schwierigkeiten bekommen. Man war mir freundlich und verständnisvoll begegnet. Dafür bin ich meinen Kollegen und Vorgesetzten heute noch dankbar. Eine erneute Dummheit jedoch hätte mir dienstlich das Genick gebrochen. Mit dem Zug wäre ich knapp hundert Jahre unterwegs gewesen. Da es von Duisburg aus keine Direktverbindung gab, hätte ich mehrfach umsteigen müssen. Ich brauchte also jemanden, der mich mit dem Auto hinfahren würde. Ein Freund erklärte sich dazu bereit.
Während der zweistündigen Fahrt unterhielten wir uns über dies und das. Unvermeidlich war die Frage, was ich denn im Westerwald zu tun hätte. Die Wahrheit, »Ich nehme an einem Reiki-Seminar teil …«, kam mir nicht über die Lippen. Noch war ich nicht in der Lage, mich als esoterisches Weichei zu outen. So viel Maske vom harten Bullen war noch da. Stattdessen erzählte ich von einem Klassentreffen der Ehemaligen: »Abi einundachtzig, machen wir alle zwei Jahre …«
Da ich das Haus meiner Reiki-Lehrerin nicht kannte und ich nicht wusste, was uns dort erwarten würde, ließ ich mich sicherheitshalber am Rande einer Hauptstraße absetzen. »Von hier aus kommst du einfacher wieder auf die Autobahn, ohne dich zu verfahren«, erklärte ich meinem Chauffeur. So verhinderte ich eine mögliche Begegnung der dritten Art. Wer weiß, nachher springen vor dem Haus lauter orange gekleidete Esoteriker mit Vollglatze herum und singen Hare Krishna, dachte ich. Die Frage meines Kumpels, »Auf welcher Schule warst du denn …?«, wäre in diesem Fall nur schwer zu beantworten gewesen.

Kontakt zu JJ
In dieser Phase meines Lebens meldete sich JJ bei mir. Ich war gerade von einer Dienstreise zurückgekommen und wollte das Ergebnis meiner Ermittlungen schriftlich zusammenfassen. Das Schreiben von Berichten, Vermerken und Vernehmungen gehört zum Alltag eines Kriminalbeamten. Im Gegensatz zu den Darstellungen in Fernsehkrimis besteht die Arbeit der meisten Kommissare zu 80 Prozent aus Schreibtischtätigkeiten.
An diesem Tag im Sommer 1997 aber erschien ein anderer Text auf dem Monitor: »Also, sprach JJ …«, lauteten die ersten Worte.
Es folgten Sätze mit religiösem Inhalt. Ohne Frage kein Polizeibericht, stellte ich fest. Zwar war ich derjenige, der da schrieb, auf der anderen Seite aber war ich es doch nicht. Der Text hatte weder etwas mit meiner Dienstreise noch mit meinem Wissen zu tun. Denn von dem, was geschrieben wurde, verstand ich nichts. Mit Religion und Kirche hatte ich bis dahin nichts am Hut.
Während meiner Vorschulzeit besuchte ich einige Male den Kindergottesdienst. Einmal fragte die Leiterin, ob wir Kinder denn wüssten, wo Gott wohne. Die Antwort wusste ich. Ich war mir absolut sicher: »Im Himmel«, rief ich.
»Falsch«, sagte die Lehrerin triumphierend. »Gott wohnt überall.«
Zwar war ihre Erkenntnis, wie ich heute weiß, so verkehrt nicht, aber damals hat sie mich persönlich getroffen. Die Frau benutzte mich als rhetorischen Stichwortgeber, und damit kränkte sie mich tief. So schloss ich bereits als Kind den Aktendeckel mit der Aufschrift »Religion« und wandte mich weltlichen Dingen zu. Auch meine Eltern hatten ein eher gespanntes Verhältnis zu Kirche und Religion. Wenn das Thema mal zur Sprache kam, wurde mehr über die Pfaffen geschimpft als zu Gott gebetet.
Nun saß ich also dreißig Jahre später in einem Polizeibüro und schrieb über Gott und Jesus. JJs Gedanken flossen in meine Hände. Sobald ich eine Frage stellte, kam die Antwort. Es funktionierte über Gedanke und Gegengedanke. Dieser Vorgang war mir nicht neu. Einen gedanklichen Austausch mit einem geistigen Wesen hatte ich zuvor schon einmal kennen gelernt: Es begann mit einem Buch von Jane Roberts. Es heißt Überseele Sieben und handelt von der Ausbildung einer Seele durch ihr Höheres Selbst. Jane Roberts war eine Schriftstellerin, die neben ihren eigenen Arbeiten Botschaften einer Wesenheit namens »Seth« durchgab. Zu diesem Zweck versetzte sie sich in Trance.
Menschen mit diesen Fähigkeiten wurden zu Zeiten des Alten Testamentes »Propheten« genannt. Heute heißen sie »Medien«. Nachdem ich Überseele Sieben gelesen hatte, kaufte ich in den nächsten Jahren alle von Seth diktierten Bücher und las jedes von ihnen mehrmals. In mir wuchs der Wunsch, einmal mit einer solchen Wesenheit zu sprechen. Ich dachte mir, so ein persönliches Gespräch mit einem geistigen Wesen kann recht nützlich sein. Es kann mir sagen, wer ich in meinem früheren Leben war, woher meine körperlichen Beschwerden kommen, wie alt ich werde und was in meinem Leben noch passiert. Professionelle und kompetente Lebenshilfe also. Schließlich hat so ein Höheres Selbst einen besseren Überblick. Während wir Erdenmenschen uns auf dem Spielfeld des Lebens abrackern müssen, sitzt das Höhere Selbst auf der Tribüne und sieht, ob wir in unser Glück oder unser Verderben laufen. Eines Tages hörte ich von einer Frau, die in Trance eine Wesenheit namens »Vikarosch« channelte. Sie gab sowohl Gruppen- als auch Einzelsitzungen. Ich rief die Frau an und bekam einen Termin für eine Einzelsitzung.
Ich sollte eine Audiokassette mitbringen, da die Sitzung aufgezeichnet würde. Denn, wie Christa, das Medium, sagte: »Die reden manchmal ohne Punkt und Komma, das kann man gar nicht alles im Kopf behalten …«
Ich kaufte also eine Kassette und fuhr zum vereinbarten Zeitpunkt dorthin. Ich wurde freundlich begrüßt und eine Etage höher in einen kleinen Raum geführt. Es folgte ein kurzes Gespräch, in dem ich bedacht war, nichts Wesentliches von mir preiszugeben. Als ausgebuffter Bulle war ich schließlich darin geschult, niemals mehr Informationen als nötig zu geben. Man kennt ja den Spruch aus den schlechten Krimis, in denen der Kommissar sein Gegenüber mit den Worten »Hier stelle ich die Fragen!« anraunzt.
Nach kurzem Vorgeplänkel ging es endlich ans Eingemachte. Christa begab sich in Trance. Dabei wird die Schwingung des Mediums erhöht, während gleichzeitig die Wesenheit, die durch das Medium sprechen will, ihre eigene Schwingungsfrequenz herunterfährt. Nachdem dies also geschehen war, begrüßte mich in einer Stimme, die sich von der Stimme Christas deutlich unterschied, eine Wesenheit, die mich offensichtlich schon seit sehr langer Zeit kannte. Sie kannte mich in meiner Essenz, sie war mit meinen Gedanken und Gefühlen bestens vertraut.
Christas telefonische »Warnung« war berechtigt. »Ohne Punkt und Komma.« Mein tiefstes Inneres war ein offenes Buch für Vikarosch. Vorbei war es mit meiner Fassade, ich konnte sie nicht mehr gebrauchen, sie erfüllte ihren Zweck nicht mehr.
Als ich zu Hause die Kassette einlegte, die ich extra für die Sitzung neu gekauft hatte, waren darauf die ersten Takte eines Liedes der Kelly Family zu hören: »An Angel«.
Die Kellys hatten Recht: Ich hatte mit einem Engel gesprochen...
 
Die Sitzung bei Vikarosch hinterließ in mir einen nachhaltigen Eindruck. Und es hallte in meinem Inneren wahrhaftig nach. Offenbar war Vikarosch nicht auf ein Medium angewiesen, denn der Kontakt wurde auch nach der Sitzung weiter aufrechterhalten. Ich konnte mit ihnen – Vikarosch bezeichnet sich selbst als »Seelenkollektiv« – Kontakt aufnehmen, wann immer ich wollte. Es funktionierte über Gedanke und Gegengedanke.
Bei der zweiten Sitzung bei Christa ein halbes Jahr später fragten sie mich: »Na, hast du uns in deinem Kopfbereich wahrgenommen?«
Ich durfte bejahen und fand das riesig. Endlich hatte ich eigene mediale Erfahrungen und nicht nur theoretisches Wissen aus Büchern.
Ich war in der Tat ein sehr kopflastiger Mensch, der viel dachte, plante und grübelte. Ich litt unter Kontrollsucht, musste alles verstehen und alles vorhersehen können. Mein Dilemma bestand darin, dass das Leben veränderlich ist und man nicht weiß, was passieren wird. Meine Krankheit war die Denksucht, die mich innerlich zerstörte und äußerlich unausstehlich machte. Ich konnte und wollte meine Gefühle nicht zulassen. Außerdem hatte ich keine Ahnung, wie man das macht. Aber ich wollte heraus aus dem Kopf, ich wollte das Denken überwinden. Mir war klar geworden, dass darin auch die Ursache für meine Nebenhöhlenbeschwerden lag. Es wird auf Dauer zur Qual, wenn man ständig nachdenkt. Jeden Gedanken ständig auseinander pflückt und wieder zusammensetzt.
Vikarosch hatte mir geraten, einen Platz in der Natur zu suchen, der mir gefällt. Dahin sollte ich gehen, wenn ich Kraft oder eine Botschaft bräuchte. Mein Platz war in Friesland an der Nordsee. Es gibt dort eine Stelle, an der das Meer eine Kurve macht. Besser gesagt, die Küste macht eine Kurve, und das Wasser macht mit. Wasser ist sehr »flexibel« … An der Spitze dieser Kurve mitten im Watt war und ist auch heute noch mein Kraftort.
Eines Tages in einem Urlaub, als ich mich wieder mit meinem Denken selbst folterte, ging ich an meinen Platz und bat Vikarosch darum, mir etwas über mein Denken zu erzählen.
Die Antwort kam sofort: »Über das Denken können wir dir nichts erzählen. Darin bist du der Fachmann. Wir können dir nur etwas über das Fühlen erzählen.«
In diesem Moment brach in mir ein Damm. Gefühle kamen hoch, lang unterdrückte Gefühle kamen mit einer solchen Macht an die Oberfläche, wie ich es bis dahin noch nie erlebt hatte. Ich lief im Watt herum wie ein angestochenes Schwein und weinte, was das Zeug hielt. Ich weinte, schrie, heulte und schluchzte. In diesem Moment war mir völlig egal, ob mich dabei jemand sah oder nicht.
Die Zeit, in der ich den gedanklichen Kontakt mit Vikarosch aufnehmen konnte, war nur von kurzer Dauer. Eines Tages war es vorbei. Die Verbindung zu JJ besteht bereits seit sieben Jahren und dauert immer noch an. Doch im Gegensatz zu Vikarosch meldet sich JJ nicht, wenn ich es möchte. Er entscheidet selbst über den Zeitpunkt – immer dann, wenn er es möchte.
Am Anfang wusste ich nicht, was ich mit den Botschaften anfangen sollte, die ich nun erhielt. Schließlich war ich Polizist und kein Priester. Mittlerweile bin ich auch Reiki- und Meditationslehrer. Das Schreiben von Texten und Meditationen ist seitdem Bestandteil meiner Arbeit. Immer wieder gibt JJ seinen Senf dazu. So entstand dieses Buch.
Eines seiner körperlichen Leben verbrachte JJ vor zweitausend Jahren. Er hatte damals das Glück und die Bürde, den Meister der Liebe, Jesus von Nazareth, zu begleiten. Er war einer der Jünger Jesu. Dieses Leben auf der Erde war nicht sein erstes und auch nicht sein letztes. Er lebte viele Male vorher und viele Male nachher. Zurzeit macht er wieder einmal Pause von den Anstrengungen, die so ein körperliches Leben mit sich bringt. Wer jemals regelmäßig um vier Uhr dreißig aufstehen musste, weiß, wovon ich rede.
JJ entspricht nicht dem Bild eines Heiligen im klassischen Sinne, der von Gläubigen verehrt wird. Es besteht also kein Grund, aufzustehen und Hosianna zu rufen. Zunächst wollte ich seinen wirklichen Namen nicht preisgeben. Es sollte offen bleiben, welcher von den Jüngern er war. Schließlich ist nicht entscheidend, wer etwas sagt, sondern nur, was jemand sagt. Aber vielleicht hätte ein Rätselraten um seine Identität die Konzentration von der Botschaft noch mehr auf die Person gelenkt. Somit spielt es keine Rolle, ob ich seinen Namen nenne oder nicht.
Ich gebe zu, dass ich mich auch selbst schützen wollte. Ich glaubte, wenn ich sagte: »Ich stehe mit einem der Jünger Jesu in Kontakt, ich sag aber nicht, mit welchem …«, träfe mich der Bannstrahl derer, die mich für esoterisch-durchgeknallt hielten, nicht ganz so stark. JJ selbst hatte kein Problem damit, seine Identität in diesem Buch zu offenbaren. Er stand schon immer gerne im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.
»Habe den Mut, ein Narr zu sein«, sagte er zu mir. Also gut, so soll es sein: Seine Freunde nannten ihn »Simon«, bekannt wurde er unter dem Namen »Petrus«.
Für mich ist er »JJ«.

Also, sprach JJ
Du bist also ein Ordnungshüter.
 
»So kann man es nennen.«
 
Wie kommt eine Seele dazu, sich eine Inkarnation als Ordnungshüter auszusuchen?
 
»Es hat sich einfach so ergeben. Ich hätte auch etwas ganz anderes machen können.«
 
Und warum hast du es nicht getan?
 
»Der Wunsch, Polizist zu werden, entstand in mir, als ich zwölf oder dreizehn Jahre alt war. Andere wollen Lokomotivführer oder Feuerwehrmann werden. Kinder spielen Rollen, mit denen sie sich identifizieren können. Und die Rolle des Guten im Kampf gegen das Böse ist nun einmal sehr attraktiv. Der Polizeiberuf ist eine Alternative zu den ausgestorbenen Jobs wie Cowboy oder Indianer.«
 
Du brauchst dich nicht dafür zu rechtfertigen, dass du einen Beruf gewählt hast, bei dem man Schusswaffen durch die Gegend trägt und wildfremden Menschen die Hände auf dem Rücken fesselt.
 
»Mir ist klar, dass es eine geringe Diskrepanz zwischen diesen Tätigkeiten und dem Heilen durch Handauflegen gibt. Verdammt nochmal, ich war ein kleiner Junge, ich wusste es nicht besser«, antwortete ich etwas gereizt.
 
Also bist du als kleiner Junge zur Polizei gegangen? Donnerwetter, dann musst du ja einer der dienstältesten Beamten des Landes sein.
 
Ich stand kurz davor, das Gespräch mit JJ zu beenden. Wollte er mich provozieren? Verlangte ich etwa von ihm eine Erklärung für die Hexenverbrennungen im Mittelalter? Aber ich wollte es noch einmal im Guten versuchen und erzählte weiter.
»Aufgrund meiner in vierzehn Jahren hinreichend bewiesenen Lernfaulheit hatten mir mein Vater und sämtliche Lehrer der Welt von einem Universitätsstudium abgeraten. Also schickte ich ein halbes Jahr vor dem Abitur mehrere Bewerbungen durch die Gegend. Eine davon zur Polizei.
In den letzten Wochen meiner Schulzeit aber traf ich die Entscheidung, alle Ratschläge in den Wind zu schießen und Sozialpädagogik zu studieren. Dummerweise war jedoch meine Bewerbung bei der Polizei mit Wohlwollen aufgenommen worden. Das Land Nordrhein-Westfalen brannte darauf, meine Dienste in Anspruch nehmen zu können. Am 1. November 1981 sollte ich im Polizeipräsidium Köln erscheinen. Doch mein Entschluss war unumstößlich: Da gehe ich nicht hin! Die Polizei muss auf meine Mitarbeit verzichten. Ich werde Sozialpädagoge!
Als ich meinen Eltern diese frohe Botschaft unterbreitete, brachen sie in Jubelstürme aus. Sie umarmten mich und priesen Gott, dass ich nun endlich zur Vernunft gekommen war und den sicheren Beamtenjob mit Kündigungsschutz und Pensionsanspruch gegen ein Studium eintauschen wollte, deren Absolventen auf der Straße standen und ihren kümmerlichen Lebensunterhalt als Fisch-Mäc-Bräter bei McDonald’s verdienten. Nur mit Mühe konnte ich meine Eltern davon abhalten, auf der Stelle und spontan ein großes Fest mit vielen Gästen zu veranstalten, bei dem der Champagner in Strömen fließen und Kaviar bis zum Abwinken gereicht werden sollte.
Gegen diese Feier wären die biblischen Feste anlässlich der Rückkehr des verlorenen Sohnes und der Hochzeit von Kanaan zu Schweigemärschen verblasst. Zur Preisung meiner Weisheit sollten Künstler von Weltklasseformat engagiert werden, die mit ihren Darbietungen selbst die Speisung der Fünftausend, die ihr damals im Programm hattet, in den Schatten gestellt hätten«, wandte ich mich direkt an JJ.
 
Mit unserem Auftritt wäre euch die Party allerdings billiger gekommen. Einen Kasten Wasser gekauft und Wein in Mengen ausgeschenkt. Und auch mit unseren Gagenforderungen waren wir damals ziemlich zurückhaltend.
 
»Ihr wart in jeder Beziehung ausgesprochen preiswert«, bestätigte ich. »Wenn man bedenkt, was heute die Heilung eines Aussätzigen kostet. Mit dieser Nummer wärt ihr der Renner auf jedem Ärztekongress.«
 
Falsch. Wir wären eine Gefahr für ein Gesundheitssystem, das an Krankheiten verdient und daher kein Interesse an Gesundheit hat. Da haben es Menschen, die heilen wollen und auch heilen können, schwer. Deshalb werden Heilern außerhalb der Ärzteschaft in dem Staate, dessen Ordnungshüter du bist, vom Gesetz her Steine in den Weg gelegt. Der Staat bezeichnet diese Steine als Schutz für die Kranken vor möglichen Scharlatanen. In Wahrheit ist es ein Schutz vor möglichen Heilungschancen. Aber ich schweife ab. Ich nehme an, du hast ein wenig übertrieben bei der Beschreibung der Freudentänze deiner Eltern.
 
»Ein wenig«, gab ich zu. »Ich muss ein paar Abstriche dahin gehend machen, dass ich nach einem intensiven Gespräch mit meinem Vater am 1. November nach Köln fuhr und mich weisungsgemäß um neun Uhr bei der Ausbildungsleitung des Polizeipräsidiums meldete.
Auf einem Spaziergang am Abend vorher hatte mir mein Vater deutlich und bestimmt erklärt, dass mich mein Abitur dazu berechtigt, jederzeit ein Studium zu beginnen, hingegen die Chance, Kriminalkommissar zu werden, in meinem Leben nur einmal, und zwar jetzt bestünde. ›Geh einfach mal hin‹, sagte er, ›schau dir den Laden an, und wenn es dir nicht gefällt, haust du eben in den Sack und fängst an, zu studieren.‹ Das war logisch, das sah ich ein; und so kam es, dass ich meinem Verstand gestattete, die Entscheidung meines Herzens zu korrigieren. Mein Vater baute darauf, dass mich die Arbeit der Kriminalpolizei gerade in den ersten Tagen faszinieren würde und deshalb ein Abbruch meiner Laufbahn nach einer Woche äußerst unwahrscheinlich wäre.«
 
Er hatte Recht.
 
Ich nickte. »Er hatte Recht.«
 
Dann ist also dein Vater schuld, dass du jetzt bei der Polizei bist?
 
»Nein, nein«, winkte ich ab.
So einfach wollte ich es mir nun wirklich nicht machen. Schließlich wusste ich ja, dass jeder Mensch für sein Leben selbst verantwortlich ist. Das gilt sogar für die Geburt. Es ist kein Zufall, dass ein Mensch zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort geboren wird …

Lektionen
Jede Seele stellt sich vor ihrer Geburt eine persönliche Aufgabe, nimmt sich vor, an bestimmten Lebensthemen zu arbeiten, die sie in ihrer Entwicklung weiterbringen. Sie sucht sich Verhältnisse aus, die eine Arbeit an dem jeweiligen Thema möglich machen. Eine Seele zum Beispiel, die auf ihrem bisherigen Weg die Freude am Einfachen und Wesentlichen verlernt hat, kann es sich zur Aufgabe machen, diese Freude zurückzugewinnen. Dafür könnte sie ein Leben in einem armen Land wählen, in dem Eltern morgens nicht wissen, wovon ihre Kinder tagsüber satt werden sollen. Die Seele erfährt so den Wert des Einfachen. Sie lernt, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Für Seelen mit anderen Lebensthemen wären solche Umstände nur hinderlich. Der ständige Gedanke an Nahrungsbeschaffung würde die gewünschten Lernerfahrungen unmöglich machen. Die Energie wird anderweitig gebraucht. Sie benötigen soziale Sicherheit.
Der Ort und die Zeit der Inkarnation sind abhängig von der Lektion, die gelernt werden soll. Manche werden in politisch unruhige Verhältnisse hineingeboren, andere wiederum in stabile. Einige in Diktaturen, wo sie den Freiheitskämpfer in sich ausbilden, andere in Demokratien, in denen sie sich als Künstler frei entfalten können.
Das Elternhaus bietet dem Kind die erste Gelegenheit, an seinem Seelenthema zu arbeiten. Die Eltern sind als Wegbereiter Hilfe und Handicap zugleich. Hilfe, weil sie dem Kind Begleitung, Führung und Geborgenheit geben, Handicap, weil sie mit ihren Überzeugungen prägend einwirken.
Die Lernaufgaben beider Elternteile stehen in Zusammenhang mit der des Kindes. Dennoch unterscheiden sie sich. Zwar ist jedes Lebensthema mit anderen vergleichbar, aber niemals gleich. Deshalb erleben Eltern, denen das Lebensthema des Kindes ja noch weniger bewusst ist als ihm selbst, oft Enttäuschungen. Sie meinen es gut mit ihren Ratschlägen, wollen dem Kind im guten Glauben den leichten Weg bereiten und müssen mit ansehen, wie es den steinigen wählt: »Mein Sohn sollte es einmal besser haben als ich. Auch für ihn habe ich die Firma aufgebaut, und jetzt schlägt er alles in den Wind …« Es war der Weg der Eltern, es wird nicht der Weg des Kindes sein. Doch so, wie die Kinder die Hilfe der Eltern brauchen, so benötigen sie auch das Handicap. Das Überspringen einer Hürde erfordert die Hürde selbst.
 
Die Wahl der Seele betrifft auch den Körper. So kann es für eine Lektion notwendig sein, sein Leben in einem behinderten Körper zu verbringen. Menschen, die als geistig behindert gelten, leben viel intensiver im Hier und Jetzt als die meisten anderen.
Eine solche Seele hat vielleicht in den vergangenen Leben den Schwerpunkt auf den Verstand gelegt, ihn zur Mauer umfunktioniert und damit das Herz ausgegrenzt. Und nun bestand die Wahl zwischen vielen Inkarnationen ohne geistiges Handicap, um diese Mauer Stein für Stein abzubauen, und einem Crashkurs innerhalb nur einer Verkörperung, quasi das Wegsprengen der Mauer mit Dynamit.
Fragt man Menschen: »Was kannst du besser – geben oder nehmen?«, antworten die meisten: »Ich kann besser geben.« Sie halten das für einen guten Charakterzug, fühlen sich prima dabei. Und so ist es tatsächlich: Sie fühlen sich gut, wenn sie geben. Dafür jedoch fühlen sie sich schlecht, wenn sie nehmen; es sei denn, sie haben das Gefühl, es stünde ihnen zu. Viele, die ein Geschenk erhalten, ohne vorher eine Gegenleistung erbracht zu haben, überlegen sofort, wie die nun entstandene »Schuld« getilgt werden könnte. Dahinter verbirgt sich der Drang nach Kontrolle. Ein Mensch, der gibt, entscheidet selbst, wem und wie viel er gibt. Er ist in der Position des Königs. Er hat die Kontrolle. Der andere ist in der Position des Bettlers. Er ist auf die Gnade des Königs angewiesen. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als zu danken.
Die Erfahrung von Hilflosigkeit in einem behinderten Körper kann daher eine Lektion für eine Seele sein, die sich vom Zwang der Kontrolle befreien will. Bisher hat sie geglaubt, sich selbst und die anderen kontrollieren zu müssen, hat geglaubt, dass ein Leben ohne Kontrolle unmöglich wäre. Dabei hat sie gelernt, zu befehlen. Nicht gelernt hat sie, zu bitten. Wer bittet, begibt sich für den Augenblick in die Hand eines anderen, erteilt diesem die Macht, der Bitte nachzugeben oder sie abzulehnen. Nun aber ist die Seele im Körper eines behinderten Menschen auf Hilfe angewiesen. Sie lernt, auch für die kleinen, sonst selbstverständlichen Dinge zu bitten. Dieser Weg führt zurück zur Dankbarkeit.
Es sind mutige Seelen, die sich Intensivlektionen verordnen. Die weniger Mutigen kommen langsamer vorwärts. Die Steine in ihren diversen Leben sind kleiner. Dafür sind es mehr.
Jede Seele trinkt vor der Geburt den Becher des Vergessens. Eine Aufgabe in der Schule hat nur Sinn, wenn die Lösung nicht daneben liegt. Aber sie ist auch nur dann von Wert, wenn sie gelöst werden kann. Kein Erstklässler bekommt Abiturklausuren vorgesetzt. Und so nimmt sich auch keine Seele Aufgaben mit in das körperliche Leben, welche sie nicht bewältigen kann.
Jede Seele geht freiwillig in die Körperlichkeit. »Freiwillig« heißt nicht immer »gern«. Oft entscheidet sich die Seele bewusst für ein nicht so langes Leben. Sie will den Aufenthalt auf der Erde so kurz wie möglich halten. Sie weiß, die Konfrontation mit diesem oder jenem Thema ist wichtig für ihr Wachstum. Und nur in der Körperlichkeit kann sie sich mit dem Thema auseinander setzen.
»Aber«, so bittet sie die Angehörigen ihrer Seelenfamilie, die in der geistigen Welt bleiben und von oben Hilfestellung leisten, »garantiert mir, dass ich bald wieder zu euch zurückkehre.«
Die Seelenfamilie sagt: »Mach dir keine Sorgen. Wenn du vierzehn Jahre alt bist, schicken wir dir ein Auto, von dem du überfahren wirst. Dann bist du wieder hier.«
Die Seele sagt: »Gut, wenn das so ist, mach ich es.«
Schnell einen Schluck aus dem Becher des Vergessens getrunken, und ab geht’s nach unten in die Grobstofflichkeit. Ein toller Junge, gesund, sportlich, agil und intelligent. Mit vierzehn wird er vom Auto überfahren. Bei der Beerdigung sagen die Leute: »Was für ein junger Mensch! Er hatte doch noch sein ganzes Leben vor sich …«
Die Seelenfamilie lässt »von oben« Situationen zufallen, um dem verkörperten Angehörigen auf der Erde den Weg zur Lösung seiner Aufgabe zu weisen. Sinnvollerweise werden die Abwürfe aus der geistigen Welt »Zufall« genannt. Wenn die Situationen dann unten auf der Erde »liegen«, heißen sie »Gelegenheiten«. Oft aber umkurven die Menschen die für sie bestimmten Gelegenheiten und lassen sie hinter sich liegen.
Dann ist die Seelenfamilie wieder am Zug: »Es muss schon etwas Größeres sein, das wir abwerfen, sonst sieht er es wieder nicht«, sagen sie und lassen erneut etwas von oben zufallen. Und wieder geht der Mensch wie von Blindheit geschlagen an der Gelegenheit vorbei. Immer größer und schwerer werden die Abwürfe, bis sie eines Tages die Größe eines Kühlschrankes haben und nicht mehr vor, sondern auf den Menschen fallen. Dann hat der Zufall einen neuen Namen: »Schicksalsschlag«.
Jetzt kann der Manager, der sich Tag und Nacht bis zum Herzinfarkt um seine Firma gesorgt hat, die Lektion der Besinnung auf der Intensivstation lernen. Dann endlich, im Angesicht der Angst, lernt er, sich über die Anwesenheit seiner Kinder, seiner Ehefrau, seiner Eltern zu freuen. Dann endlich lernt er, wie schön es ist, die Vögel im Frühling singen zu hören. Die Lektion bleibt die gleiche. Geändert hat sich nur der Klassenraum.
Der Körper spricht, wenn man der Seele(nfamilie) lange nicht zugehört hat.

JJ über das Sammeln von Bildern
Ein Kind wird geboren. Es hat sein ganzes Leben vor sich. Ein Kind kann nur nach vorn blicken. Jeder Augenblick ist eine neue Erfahrung. Das Kind verändert sich. Es wächst heran zum Teenager, dann zum Erwachsenen. Die Erinnerungen werden mehr. Der Mensch sammelt innere Bilder. Mit jedem Tag kommen neue hinzu. Ab einem bestimmten Zeitpunkt ist die Anzahl der Bilder, die gesammelt wurden, dann größer als die, die noch kommen werden.
Je älter du wirst, desto mehr Vergangenheit hast du hinter dir. Die Vergangenheit ist unveränderlich. An deinen alten Geschichten kannst du nichts mehr ändern. Du kannst es nur in Zukunft anders machen. Je mehr Vergangenheit du hinter dir hast, desto mehr Unveränderliches hast du zu tragen. Viele alte Menschen leben überwiegend in der Erinnerung. Sie schauen mehr nach hinten als nach vorne. Deshalb wandeln sie sich nicht mehr. Wandlung kann es allein in der Zukunft geben. Wer nur noch nach hinten schaut, kann sich nach vorne nicht mehr verändern. Er wird wie Frau Lot.
 
»Die zur Salzsäule wurde«, bemerkte ich.
 
»Dreh dich nicht um«, sagte man ihr, als sie aus ihrem persönlichen Sodom und Gomorrha herausging. »Sonst wirst du zur Salzsäule erstarren.« Sie ignorierte den Ratschlag.
 
»Frauen sind neugierig. Sie wollte wissen, was aus Sodom und Gomorrha wird.«