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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Buch
Was verbindet die Astrologie mit der Welt der Märchen? Und wie kann man diese Verbindung für die individuelle Entwicklung, für den eigenen Lebensweg nutzen?
Claus Riemann beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Tierkreis und Planeten als Urbildern für unsere innere Welt. Für jedes Tierkreiszeichen findet er Mythen, Fabeln, Märchen und Legenden, die die archetypische Struktur des jeweiligen Zeichens genau ausdrücken. So können wir im Märchen vom tapferen Schneiderlein die Gewitztheit und Schläue des Zwillings erkennen oder Widder-Charakteristiken in der Erzählung von den roten Schuhen. Claus Riemann verfügt über einen reichen Schatz an Erfahrung für die Interpretation der jahrhundertealten Bilder als Spiegel unserer Seele. Die Beschreibungen der zwölf Tierkreiszeichen-Lebensthemen bieten jedem Leser eine Fülle von Anknüpfungspunkten, sich wiederzufinden und auf neue Entwicklungsmöglichkeiten zu stoßen.

Autor
Claus Riemann, geboren am 17. 3. 1951 in München, wurde stark von seinem Vater, dem Psychologen Fritz Riemann, beeinflusst. Claus Riemann studierte Psychologie in München und Kiel und arbeitete als Familientherapeut bei pro familia und in Frauenhäusern. Seit 1976 unterrichtet er Astrologie. Jahrelang nahm er als Gastdozent an den Internationalen Tiefen psychologischen Tagungen in Lindau teil, wo er über die Verbindung von Tierkreiszeichen, Mythen und Märchen referierte. Er bietet Tierkreiszeichenseminare und Einzelberatungen an. Neben der psychologisch-therapeutischen Arbeit bewirtschaftet er seine Olivenbäume in der Toskana.

Einführung
»Teilen Sie die Vorliebe Ihres Vaters für Astrologie?«, wurde ich im Rahmen der Diplomprüfung gefragt. »Ja«, antwortete ich. Der Professor lächelte mitleidigverständnisvoll und sagte: »Aha. Doch noch nicht abgenabelt.« Das war 1976.
Mein Vater, der als Psychotherapeut und Autor des Klassikers »Grundformen der Angst« anerkannt und geschätzt war, hatte ein Buch über Astrologie geschrieben, und viele seiner Anhänger reagierten verwirrt. Er selbst meinte zuweilen scherzhaft: »Die denken vermutlich, jetzt wird der alte Mann senil.« Dass er schon Jahrzehnte Psychoanalyse und Astrologie gleichzeitig betrieb, dass eine seiner Visionen war, die Astrologie (wohlgemerkt: eine seriöse Astrologie) werde eines Tages Einzug in die Universitäten halten, wussten nur wenige.
Als ich seinerzeit in Kiel begann Psychologie zu studieren, erklärte ein Professor uns zunächst, was Psychologie überhaupt sei. In seinem Vortrag wimmelte es von Wörtern wie »wissenschaftlich, empirisch, messen, Tests« usw. Als ich die Frage stellte, welcher Platz in dieser Psychologie dem Thema Individualität zukomme, bekam ich als Antwort: »Individualität taucht im Test als Fehlervarianz auf, sie ist das, was man nicht messen kann.« Ich kann mich nicht erinnern, dass in irgendeiner der Vorlesungen, die ich damals hörte, einmal das Wort »Seele« gefallen wäre. Eines der für mich wichtigsten Bücher war damals »Der Weg zur Individuation« von Jolande Jacobi, einer Schülerin von C. G. Jung. Allein der Name Jung löste bei meinen Lehrern Augenrollen aus, von Astrologie ganz zu schweigen. Von derlei »unwissenschaftlichen« Dingen möge man sich doch bitte fernhalten, wenn man ein guter Psychologe werden wolle.
Ich wurde nie ein guter Psychologe. Mit dem Diplom in der Tasche kehrte ich nach München zurück und wusste nur, was ich nicht wollte: mich als Psychologe anstellen lassen. Also setzte ich eine Annonce in die Süddeutsche Zeitung: »Organist sucht Tanzkapelle.« Ich war schon immer leidenschaftlicher Musiker gewesen und hatte seit dem Gymnasium in verschiedenen Bands gespielt, meist in Richtung Rock und Blues. Neben der Tanzmusik arbeitete ich auf Honorarbasis in Beratungsstellen, machte eine Ausbildung in Familientherapie und zog mit meinem Zigeunerpferd, das ich auf einer dänischen Insel gekauft hatte, ins Erdinger Moos, nahe bei München. Ich hatte damals nicht vor, als Astrologe zu arbeiten, und mein Vater war viel zu weise, als dass er mir Botschaften in diese Richtung gegeben hätte. Ich weiß allerdings, wie sehr er sich freute, als er in den letzten Jahren seines Lebens die Geburt meiner Astrologiekurse miterlebte.
Diese kamen, wie alle wichtigen Dinge in meinem Leben, »einfach so« zustande. Mitarbeiter(innen) der Familienberatungsstelle, bei der ich gerade arbeitete, wurden neugierig, als ich ihnen hin und wieder von der Astrologie erzählte, und baten mich, ihnen einen Kurs zu geben, da dieses astrologische Wissen doch auch für die Beratungsarbeit hilfreich sein könne. Erst nahm ich diese Idee gar nicht ernst, als aber die Interessenten drängten, sagte ich zu. Ich machte mir ein Konzept für einen Einführungskurs, basierend vor allem auf Skripten meines Vaters und dem Werk des seltsamerweise relativ unbekannten Oskar Adler »Das Testament der Astrologie«. Damals, 1977, begannen in dem Häuschen im Moor die ersten kleinen Astro-Gruppen, und ich erinnere mich noch gut, wie die Teilnehmer sich oft stundenlang durch den dichten Herbstnebel kämpften auf der Suche nach meinem Haus oder an die Sitzungen im Sommer an dem Holztisch neben der Pferdekoppel.
Damals zog auch meine Frau Laura zu mir, und eines Tages sagte ich bei einem Winterspaziergang zu ihr: »Diese Arbeit macht mir so viel Freude. Wenn es doch nur möglich wäre, davon zu leben!« Seitdem bin ich vom Wert einer Vision überzeugt, so verrückt sie auch erscheinen mag. Immer mehr Leute aus dem Münchner Raum, vor allem solche, die beruflich mit Menschen arbeiteten, also Sozialarbeiter, Therapeuten oder Mediziner, riefen an und wollten bei mir Astrologie lernen. In kurzer Zeit entstanden zehn Gruppen, die wöchentlich für zwei Stunden ins Moor kamen, und bald konnte ich wirklich von der Astrologie leben.
Seitdem habe ich fast 25 Jahre lang Ausbildungen in psychologischer Astrologie geleitet. Durch die Begegnungen mit vielen Menschen, durch die Geschichten, die sie mir über sich und ihr Leben erzählt haben, ist die Grundlage dessen entstanden, was in diesem Buch zu lesen ist.
In die Erdinger-Moos-Zeit fiel auch meine Auseinandersetzung mit dem Thema Guru. Mein Vater war 1979 gestorben, und ich, oft verträumt, chaotisch und hochgradig verletzbar, fand mich nun immer häufiger selbst in der Vaterrolle wieder. Ich war noch keine dreißig Jahre alt und permanent umgeben von Menschen, die meinen Rat suchten. Ich dagegen hatte keinen Vater mehr, den ich hätte fragen können.
Nun ergab es sich, dass Kursteilnehmer, die einen neuen Namen angenommen hatten, in orangener Gewandung und mit der so genannten Mala um den Hals, darin das Bild des indischen Meisters Bhagwan Shree Raineesh, der sich später Osho nannte, zu mir kamen. Der Autor des Films »Ashram in Poona«, dem damaligen Domizil des Meisters, kam zur astrologischen Beratung. Er schenkte mir das Buch von H. J. Elten alias Satyananda: »Ganz entspannt im Hier und Jetzt«. Ein Paar, mit dem ich therapeutisch arbeitete, war im Begriff, sich zu trennen, weil die Frau nach Poona wollte. Kurzum, wohin ich auch sah, überall kam mir das Thema Bhagwan bzw. Indien entgegen. Die Häufung dieser Hinweise sowie meine Sehnsucht nach einem Vater machten mich nachdenklich. Hieß das, ich sollte auch nach Indien gehen? Die Antwort auf diese Frage kam von innen: Ich träumte, mein Auto sei auf dem Parkplatz des Ashrams von Poona geparkt, versehen mit einem Strafzettel wegen Falschparkens. Ich blieb in Bayern.
1981 zogen Laura mit unserer Tochter Lisa im Bauch und ich auf den alten Bauernhof in Niederbayern, auf dem wir noch heute leben. Einige Jahre später hatte ich fast zeitgleich zwei Begegnungen, die meine Arbeit stark beeinflussten. Zunächst lernte ich den Therapeuten Frank Moosmüller kennen, bei dem Laura und ich einige Zeit körperorientierte Selbsterfahrungsgruppen besuchten. Es war, als ob sich uralte Indianerfreunde wiederbegegneten, und aus Freundschaft wurde Zusammenarbeit.
Über viele Jahre leiteten wir gemeinsam Selbsterfahrungsgruppen zum Thema »Astrologie und Körper«. Jahrelang fand in bayerischen Seminarhäusern in jedem Monat ein Wochenende statt zum aktuellen Tierkreiszeichen. Im ersten Frühlingsmonat, dem Widder-Monat, ein »Widder-Wochenende«, im darauf folgenden Monat ein »Stier-Wochenende« usw. Die Idee war, auf verschiedenen Wegen das jeweilige archetypische Prinzip anzusprechen, es sozusagen in den Gruppenraum zu holen, u. a. durch Bioenergetik, geführte Fantasiereisen, Meditationen, Astrologie. Die Resonanz auf diese Gruppen war enorm, und ich erinnere mich besonders gerne daran, wie Frank und ich voneinander lernten: Wir standen in den Arbeitspausen oft lange vor der »Galerie« der Teilnehmerhoroskope – jeder Teilnehmer hatte einen Ausdruck seines Geburtshoroskops mitgebracht. Ich erzählte ihm dann, welche Schwerpunkte ich in den Horoskopen sah, und er erzählte mir, was er in den Körpern der Teilnehmer las. (Ein guter Körpertherapeut sieht den Körper an und erzählt dem Betreffenden sein Leben; er kann die verkörperte Lebensgeschichte lesen, z. B. was die Schultern über Belastung erzählen, was der Kiefer erzählt, was die Knie erzählen usw.) Es war sehr spannend zu sehen, wie wir auf unterschiedlichen Wegen fast immer zu gleichen oder ähnlichen Aussagen kamen.
In dieser Zeit entwickelte sich in mir ein Verständnis von Psychotherapie, dem ich mich noch heute verpflichtet fühle. Es geht nicht darum, jemanden fit zu machen für das Haifischbecken, jemandem beizubringen, wie man problemlos funktioniert. Ein – in meinen Augen – guter Therapeut hilft anderen, den Bezug zu ihrem inneren Gesetz, der inneren Führung (wieder) zu finden, er unterstützt andere bei ihrer Reise zu sich selbst und der dazugehörigen Fährtensuche. Wege und Hilfsmittel gibt es dabei viele, und eines ist mir besonders wichtig geworden. Es hat mit Begegnung Nummer zwei zu tun.
Ende der Achtzigerjahre fand die Jahrestagung der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie in Lindau zum Thema »Der Mann im Umbruch« statt. Es ging also um das Männerbild des alten und des neuen Zeitalters. Da ich seit Jahren als Seminarleiter zu dieser Tagung eingeladen war, kam ich auf die Idee, meine astrologischen Vorträge diesmal unter das Motto »Zwölf Gesichter des Mannes« zu stellen. Bei der Vorbereitung war mir ein alter Freund, der Psychotherapeut Helmut Remmler, behilflich, an den ich mit folgender Bitte herantrat: ob er bereit sei, mir mit seinem reichen Wissen über Mythen und Märchen bei der Materialsammlung für die Vorträge zu helfen.
Helmut hatte einige Jahre meine Astrologieseminare besucht, im Gegenzug durfte ich von ihm viel über Jungsche Psychologie, Mythologie und psychologische Märcheninterpretation lernen. Wir verbrachten viele für mich unvergessliche Stunden in seinem Wohnzimmer, umgeben von unzähligen Büchern, beide zunehmend begeistert von den Verbindungen zwischen den Welten, die sich auftaten. Wir stellten uns etwa die Frage: Gibt es ein typisches Widder-Märchen oder ein Stier-, ein Zwillinge-Märchen? Und welche Aufgaben und Prüfungen muss der typische Widder-Held bewältigen, um etwa König zu werden und seine Prinzessin, also den Weg zur Liebe, zu finden? Die Ergebnisse unserer gemeinsamen Entdeckungsreisen sowie meiner persönlichen Arbeit mit Märchen, die damals geboren wurde, sind in den folgenden Kapiteln dargestellt. Ich habe inzwischen viel mit Märchen experimentiert, habe ihre »Hebammenwirkung« schätzen gelernt. Höre ein Märchen mit geschlossenen Augen und erspüre, welche Szene in der Geschichte »deine« ist, welche Gestalt dir am wichtigsten ist und was diese Szene bzw. Gestalt erzählen kann über dich und dein Leben, wohin sie dich führen will und wie alt das betreffende Thema in deinem Leben ist – es ist persönliche Detektivarbeit, spannend wie ein Krimi. Allerdings: Das Märchen schenkt sich nur dem, der sich auf es einlässt.
Vor etwa fünf Jahren fühlte ich mich wie der alte, müde König am Anfang eines Märchens. Ich habe einmal ausgerechnet, dass ich damals bis zu 100 Tage im Jahr Gruppen leitete (mehrere Astrologie-Ausbildungen parallel, Selbsterfahrungsgruppen mit Schwerpunkt Märchenarbeit, die Arbeit mit Frank). Besonders die Astrologiekurse fielen mir zunehmend schwerer: Ich hatte vieles einfach zu oft gesagt, ich konnte mich selber nicht mehr reden hören. Schweren Herzens entschloss ich mich, diesen Lebensabschnitt zu beenden und keine neuen Ausbildungen mehr anzubieten. Meine Sehnsucht nach Rückzug und Introversion wurde immer größer, es zog mich immer mehr zu dem Stück Wildnis, das wir uns in der südlichen Toskana, der Maremma, gekauft hatten: fünf Hektar Land mit alten Eichen, Olivenhain und Wiesengrund und einem kleinen Natursteinhaus, das inzwischen sogar bewohnbar war. Da ich mir selbst aber nicht das Recht auf diesen »Eremiten in mir« zugestand – schließlich hatte mein Vater noch in hohem Alter täglich bis zu zehn Stunden Praxis gemacht! -, war ein Schicksalsschlag in Form eines Schlaganfalls nötig. Ohne diese Leidenszeit beschönigen zu wollen – es war das Beste, was mir passieren konnte. Noch im Krankenhaus hatte ich geradezu euphorische Momente: Jetzt habe ich das Recht auf Rückzug, auf mein Leben! Oft sagte ich auch halb ernst, halb scherzhaft: Jetzt werde ich Weltmeister im Neinsagen.
So saß ich also in den letzten Jahren – unverschämt privilegiert – des öfteren unter meiner Lieblingseiche im Süden und besprach Kassetten für astrologisch Interessierte, leitete hin und wieder kurze oder wenige längere Selbsterfahrungsgruppen auf unserem niederbayerischen Hof oder in toskanischen Seminarhäusern. Einen großen Teil meiner astrologischen Vorträge hatte ich auf CDs gesprochen, sodass ich das Gefühl hatte, meiner »geistigen Verantwortung« nachgekommen zu sein.
Nun ist es im richtigen Leben wie im Märchen: Ein quasi paradiesischer Zustand, eine gemütliche Idylle darf nicht ewig dauern, der Wandlungscharakter des Lebens verbietet das. Ich hatte mich innerlich seit langem von dem Gedanken verabschiedet, ein Buch zu schreiben. Anregungen, auch Angebote verschiedener Verlage hat es viele gegeben, aber spätestens seit dem »Schlag«, von dem ich erzählte, lebte ich in entspannter Narrenfreiheit. Dann jedoch ließ sich dieses Universum Folgendes einfallen: Es schickte eine Lektorin in eine meiner Märchengruppen, die meine CD zum Tierkreiszeichen Krebs kannte und für die ich schon eine Horoskopbesprechung auf Band angefertigt hatte. Viktoria, diese Lektorin, war von meiner Arbeit sehr angetan und erzählte ihrem Verleger davon. Dieser Verleger ist ein Namensvetter von mir, Gerhard Riemann, und wir kennen uns von einer Begegnung vor über 15 Jahren in einem Münchner Café. Damals schon bot er mir an: »Wenn du mal etwas schreibst, wende dich an mich!« Ich lehnte dankend ab. Heute ist es so weit.
Der Inhalt dieses Buches ist im Wesentlichen identisch mit dem der CDs, die ich zu den zwölf Tierkreiszeichen besprochen habe. Viktoria brachte den Text der CDs in lesbare Form, ich ergänzte manches, und gemeinsam überarbeiteten wir die Kapitel. Der Leser wird bemerken, dass nicht alle Kapitel gleich strukturiert sind – so erzähle ich z. B. beim Widder viel über therapeutische Aspekte, im Waage-Kapitel sind dagegen überdurchschnittlich viele Märchenbeispiele zu finden. Das war nicht unbedingt beabsichtigt, es hat sich einfach so ergeben. Das Thema »Astrologie und Therapie« oder »Astrologie und Märchen« ausführlich zu behandeln ergäbe Stoff für mehrere Bücher, eine Auswahl musste aber sein!
Mein Anliegen ist es, einen Zugang zur »Seele der zwölf Tierkreiszeichen« zu ermöglichen – das ist für mich psychologische Astrologie, deshalb werden in diesem Buch so viele Geschichten erzählt, daher die sehr bildhafte Sprache, die mir mehr liegt als tote Begriffe. Weil aber die theoretischen Grundlagen der Astrologie sicherlich auch für viele Leser interessant sind, gibt es am Schluss Antworten auf grundsätzliche Fragen: Was haben die Planetenstände des Horoskops mit uns Menschen zu tun? Was ist eigentlich ein »Aszendent«? und vieles mehr. Dieser Teil kann natürlich auch zuerst gelesen werden.
 
Jetzt wünsche ich Ihnen eine gute Reise durch den Tierkreis!

Widder
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Neubeginn

Ich möchte meine Reise durch den Tierkreis mit Bildern und Geschichten zum Tierkreiszeichen Widder beginnen. Eines vorweg: Wenn jemand sagt »Ich bin ein Widder«, dann heißt das im Grunde nur, dass er im ersten Frühlingsmonat geboren ist. In diesem Zeitraum durchläuft die Sonne jenen Himmelsabschnitt, den wir Widder nennen. Über die anderen Planetenstände einschließlich des Mondes ist damit nichts ausgesagt. Umgekehrt kann man auch Widder-Einflüsse im Horoskop haben, wenn man nicht am Frühlingsbeginn geboren wurde, etwa durch den Stand des Mondes, der Venus oder des Mars oder durch den Stand des Aszendenten. Will man feststellen, in welchen Tierkreiszeichen sich diese befinden, braucht man ein individuelles Geburtshoroskop.
Ich beziehe mich hier auf das Urprinzip Widder, das sich nicht auf den Stand der Sonne reduzieren lässt. Jeder, dessen Horoskop eine starke Betonung dieses Tierkreiszeichens aufweist, kann sich davon angesprochen fühlen.
Der einfachste, direkteste Zugang zur Seele eines Tierkreiszeichens ist seine Entsprechung in der Natur. Die Widder-Seele, die Energie des Widder-Archetyps, kann man am besten nachvollziehen, indem man sich in die Stimmung der Natur im ersten Frühlingsmonat hineinversetzt. Nach unserer Definition betritt die Sonne den Himmelsabschnitt, den wir Widder nennen, zum Zeitpunkt der Frühlings-Tagundnachtgleiche. Die Energie der Natur ist geprägt von Aufbruch und neuer Geburt. Die Tagundnachtgleiche symbolisiert den Sieg des Lichten über die Finsternis, daher gibt es zahlreiche alte Zuordnungen, in denen als Leitmotiv des Widders der Held, der Sieger, der Krieger, der Pionier genannt wird. Unter dem Aspekt des Naturgeschehens hat das damit zu tun, dass bei Eintritt der Sonne ins Zeichen Widder der Tag wieder länger wird als die Nacht. Der Winter ist besiegt, und das Klischee vom »rücksichtslosen Widder« hängt mit dem Naturgeschehen insofern zusammen, als man im Frühling nicht sehnsüchtig auf den Winter zurückblickt, sondern sich freut, wie das neue Leben aufsteigt, wie die Pflanzen an die Erdoberfläche drängen, und den Blick nach vorne richtet.

Der Kopf

Es gibt ein Modell, nach dem jedes Tierkreiszeichen eine Entsprechung im menschlichen Körper hat. Für Widder ist es der Kopf, der in diesem Zusammenhang weniger für das Denken steht als für das Thema Geburt. Mit dem Kopf kommt in der Regel ein kleines Baby durch den Geburtskanal, und das ist der erste große Sieg des Lichten über die Finsternis für uns Menschen. Studien über Geburt und Tod haben ergeben, dass der Geburtsvorgang von einem kleinen Wesen als absolute Herausforderung erlebt wird. Wenn ein kleines Kind sich schließlich durch den Geburtskanal, diesen Tunnel, hindurchgekämpft hat und das Licht der Welt erblickt, dann hat es den ersten großen Kampf in seinem Leben gewonnen.
Geburt hat aber auch noch einen anderen Aspekt, den der schmerzhaften Trennung, des Ausgestoßenwerdens. Aus dieser Symbolik ergibt sich die Aufgabe eines Widder-betonten Menschen: für neue Geburten sorgen, Pionier sein, das Alte, das dem Leben nicht mehr dient, mit dem Schwert der Trennung abschneiden. Auch die Geburt ist in gewisser Weise eine EntScheidung, und diese erste Trennung ist ein Symbol für viele weitere Entscheidungen und Geburten im späteren Leben, die notwendig sind, damit wir lebendig bleiben, damit wir nicht versteinern. Es geht hier auch um Abschied, denn der erste große Abschied, den wir erfahren, ist die Geburt. Widder sein heißt deshalb immer auch, »abschiedlich« zu leben, zu wissen, dass es im Leben – in unterschiedlichen Formen – immer wieder um Aufbruch geht.
Therapeutische Erfahrungen zeigen übrigens Parallelen auf zwischen dem ersten Abschied, der Geburt, und späteren: Menschen, die zum Beispiel im Taxi geboren wurden, es eilig hatten bei der Geburt, trennen sich in der Regel auch im späteren Leben schneller als »übertragene« Kinder oder Zangengeburten.
Im Märchen gibt es den so genannten »heiligen Frühling«, den Moment, in dem der Held sein altes Reich verlassen muss. Das alte Königreich steht für das Reich des Vertrauten, des bereits Bewussten. Jung hat gesagt, was lange bewusst ist, wird schal und unlebendig, wie der alte, graue König am Anfang eines Märchens, dem das Wasser des Lebens fehlt. Der Impuls, der neues Leben bringt, befindet sich immer im Universum nebenan, in der anderen, unbekannten Welt, deswegen müssen die Helden im Märchen ins Unbekannte, ins Neuland gehen, mit aller Angst und Lust, die das mit sich bringt. Das muss nicht eine Reise nach Australien bedeuten, es kann auch ein Aufbruch in geistiges Neuland sein.
Kein Zeichen weiß so viel von diesem Abschied, der immer wieder erfolgen muss, wie Widder. Diese Energie ist nicht dazu geeignet, Burgen zu bauen und Wurzeln zu schlagen (dieser Impuls dominiert im folgenden Tierkreiszeichen Stier).

Der Pionier

Ein Begriff aus dem Zen-Buddhismus erscheint mir besonders geeignet, um Widder-Weisheit zu formulieren: Der Anfängergeist, der unterschieden wird vom Geist des Experten. Der Anfängergeist entspricht einer Lebenshaltung, die jeden Moment so angeht, als hätte man keine Erfahrung, als wäre man ein unschuldiges, neugeborenes Kind. Der Expertengeist hingegen ist das, was wir alle mehr oder weniger gut beherrschen: Wir hören, was wir wissen, und wir sehen, was wir wissen, und alles, was uns eigentlich neu berühren könnte, wird in alte Erfahrungsschubladen gesteckt. Jemand, der diese Widder-Weisheit im Comic verkörpert, ist Hägar der Schreckliche, der das Pech hat, als kriegerischer Wikinger einen Sohn zu haben, der ständig Bücher liest und ausgerechnet Hamlet heißt. In einer dieser Geschichten ertappt er seinen Sohn wieder einmal beim Bücherlesen und sagt die wunderbaren Worte zu ihm: »Pass mal auf, mein Lieber, du brauchst nicht zu glauben, dass dein Bücherwissen dich irgendwie weiterbringt, weil: Unwissenheit ist die Mutter aller Abenteuer.« Das könnte ein Widder-Leitsatz sein.
Noch ein Wort zur Entscheidung, die ein zentraler Begriff der Widder-Philosophie ist. Sie steht für die Fähigkeit und Notwendigkeit, das trennende Schwert zu gebrauchen, entweder – oder zu sagen, Polaritäten zu akzeptieren, auch selbst zu polarisieren. Don Juan, der alte Schamane und Lehrmeister von Carlos Castaneda, sagt: »Ein Krieger trifft eine Entscheidung und akzeptiert dann, was passiert.« Ein sehr einfacher und sehr tiefer Satz. Der Krieger ist überhaupt nicht negativ zu verstehen, er symbolisiert einen Menschen, der mit aller Entschiedenheit das tut, was sein Herz ihm sagt. Eine Entscheidung zu treffen, deren Konsequenzen nicht abzusehen sind, nicht im Sinne einer Um-zu-Haltung oder einer Kosten-Nutzen-Kalkulation, das ist Widder-Qualität. Wenn ich weiß, was eine Entscheidung für Konsequenzen hat, tue ich mich leicht.
Die Unschuld, die den Widder so stark kennzeichnet, und seine Affinität zu unbekannten Situationen passen sehr gut zu der Haltung, wie sie Don Juan formuliert hat. Der weise Widder akzeptiert die Folgen seiner Entscheidung, wie auch immer sie ausfallen mögen. Wenn er mit seinem Job unzufrieden ist, wartet er nicht, bis er sicher sein kann, einen besseren oder einen mindestens gleich guten Job zu finden. Wenn sein Herz ihm sagt, dass diese Arbeit nicht die richtige ist, dann macht er sie einfach nicht mehr. Vielleicht wird er lange Zeit keinen Job finden oder schon übermorgen einen besseren, wer weiß das schon. Die Widder-Haltung kommt aus der Entschiedenheit des Herzens, des eigenen, tieferen Wollens: »Ich will« ist sein Leitsatz.
Ich las einmal von der Begegnung eines Psychologen mit einem Fischer an einem kalifornischen Strand. Als der Fischer vernahm, dass sein Gegenüber Psychologe sei, lachte er schallend und meinte: »An mir könntest du keinen Cent verdienen!« Der Psychologe fragte, warum. »Weil ich der glücklichste Mensch der Welt bin«, war die Antwort. »Wieso?« – »Ganz einfach: Ich habe mein Leben lang nur das getan, was ich wollte. Hatte zum Beispiel eine Kneipe meine Biersorte nicht, bin ich eben in eine andere gegangen, die meine Biersorte hatte.«

Das Widder-Symbol

Auf den ersten Blick scheint das Symbol für Widder Hörner darzustellen. Ursprünglich ist es jedoch aus einer alten Rune entstanden, einem Strich mit zwei nach oben gestreckten Armen, und dieser Mann mit erhobenen Armen, diese so genannte Mahn-Rune, bedeutet so viel wie Geburt, Osten, aufsteigendes Leben. Wir finden also auch hier wieder eine Entsprechung zum Naturgeschehen. Der Widder als Tier steht ja nicht deswegen mit dem Jahreszeitenabschnitt in Verbindung, weil das Sternbild Widder die Form eines Widders hätte, sondern weil die Energie dieses Tieres die Aufbruchsstimmung der Natur besonders gut wiedergibt.

Der Bursche, der sich vor nichts fürchtet

Ein Märchen, das sehr viele, auch sehr tief gehende Widder-Motive enthält, ist Der Bursche, der sich vor nichts fürchtet. Das ist ein norwegisches Märchen, aber davon gibt es mehrere Versionen. Eine bei uns bekannte ist das Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen. Die Aussage dieser Geschichten ist immer dieselbe: Es ist unmenschlich, keine Furcht zu kennen. Man sagt ja auch, wahre Tapferkeit setzt Angst voraus, sonst ist es Naivität oder Dummheit.
Der Bursche in diesem Märchen wird dem ganzen Dorf unheimlich, weil er sich vor nichts gruselt, und deswegen wird er fortgejagt. Auf seiner Reise durch die Welt besteht er unglaubliche Abenteuer. Er gerät zum Beispiel in eine Art Spukschloss, wo nachts die Teile eines Gespensts durch den Kamin kommen, doch dieses Gespenst, das da in drei Teilen vor ihm liegt, macht ihm überhaupt keine Angst. Er sagt nur: »Komm, setz dich mal zusammen, tu irgendwas, mir ist langweilig.« Danach kämpft er mit dem Gespenst und gewinnt. Erst gegen Ende der Geschichte kommt er in die entscheidende Situation. Er hat Freunde gefunden, die in den Bergen wohnen, und sie müssen jeden Tag gegen fremde Krieger kämpfen, die, auch wenn sie getötet werden, am nächsten Morgen wieder lebendig sind. So beginnt der »Kampf ums Dasein«, von dem Charles Darwin sprach, jeden Tag aufs Neue. Der Bursche findet schließlich heraus, was es damit auf sich hat: Wenn die getöteten Krieger nachts mit abgeschlagenen Köpfen auf dem Schlachtfeld liegen, kommt eine Fee aus einem Hügel. Sie bestreicht die Rümpfe der getöteten Krieger mit einer Zaubersalbe und setzt ihnen dann die Köpfe wieder auf. Der Bursche tötet die Fee, nimmt die Salbe an sich, und nun können die feindlichen Krieger endgültig unschädlich gemacht werden. Aber da wird es den Kumpanen langweilig, und aus purem Übermut kommen sie auf die Idee, mit der Zaubersalbe zu spielen, indem sie sich gegenseitig die Köpfe abschlagen und wieder aufsetzen. Das ist ungeheuerlich: Mit dem Tod ein solches Spiel zu veranstalten ist eine völlig unreife Haltung der Vergänglichkeit gegenüber. Sie schlagen sich also munter die Köpfe ab und setzen sie wieder auf, und dann passiert das Drama. Man setzt dem Burschen aus Versehen den Kopf falsch herum auf, und als er das erste Mal sein Hinterteil erblickt, da überkommt ihn das große Grauen: Er hat zum ersten Mal Angst – damit ist die Geschichte zu Ende.
Was bedeutet »sein Hinterteil sehen« symbolisch? Es ist die Rück-Sicht. Woher kommen wir? Aus dem Leib der Mutter, aus dem Reich des großen Weiblichen. Das große Weibliche hat wie alles zwei Seiten: Einerseits ist es Leben spendend, auf der anderen Seite hat es den Aspekt der Todesmutter. Die Nacht ist die Leben spendende Mutter, die jeden Morgen das Tageslicht aus ihrem Bauch entlässt, doch jeden Abend kommt sie als schreckliche dunkle Mutter zurück und frisst das Tageslicht wieder auf. Diese Sichtweise findet sich bei vielen Naturvölkern. Wir werden aus dem Leib der Mutter geboren, und wenn wir sterben, kehren wir zur Mutter Erde zurück. Da Widder den Monat der neuen Geburt symbolisiert, ist die Vorstellung von Vergänglichkeit seiner Weltsicht völlig fremd. Zur Ganzheit gehört jedoch genau dieser Gegenpol: Der Widder-Held, egal ob er in einem Mann oder in einer Frau wohnt, muss den Gegenaspekt von Vergänglichkeit akzeptieren, er muss »Rücksicht« erfahren.
Ein anderes großes Thema in diesem ausgesprochen männlichen Märchen ist der Umgang mit der Fee. Unser Held tötet die Fee, ohne sich überhaupt mit ihr zu beschäftigen, das heißt, die männliche, marsische Haltung des Widder-Prinzips ist dem Weiblichen gegenüber völlig ignorant. So ist zum Beispiel auch Jason aus der griechischen Mythologie ein Widder-Held. Jason, der das goldene Vlies – übrigens ein Widder-Fell – erobert hat. Dazu bediente er sich des Weiblichen, nämlich der Hilfe von Medea, der gegenüber er sich nach vollbrachter Tat undankbar und rücksichtslos verhielt, indem er sie betrog und verließ. Das war der Auslöser für das Drama, bei dem Medea zur Rächerin wurde.
Da Widder symbolisch ein urmännliches Prinzip ist, das allerdings genauso gut in Frauen leben kann, besteht für Widder die große Gefahr, mit dem Weiblichen so umzugehen, wie es der Bursche in unserem Märchen tut und wie Jason es getan hat. Ignoriert man das große Weibliche, sei es in einer Beziehung, sei es im Umgang mit dem Unbewussten, dann kann es zur Rachegöttin werden.
Kollektiv ist hier auch der rücksichtslose Umgang mit Mutter Erde, mit der Natur, ein Thema. Wir machen uns die Erde untertan, anstatt im Einklang mit ihr zu leben, und provozieren so ihre Rache, zum Beispiel in Form von Naturkatastrophen.

Die roten Schuhe

Wir leben in einer Kultur, in der es bis vor wenigen Generationen noch üblich war, Kindern den Willen zu brechen. In den Handbüchern der schwarzen Pädagogik war zu lesen, dass der Eigenwille die schlimmste und negativste Eigenschaft eines Kindes sei und dass vernünftige Eltern die Pflicht hätten, ihn so früh wie möglich zu brechen. Das Motiv des gebrochenen Willens ist für ein kleines Widder-Kind besonders dramatisch. Als kleines Kind ist man sehr lange abhängig von Vater und Mutter; wenn die Mutter ihr Kind nicht nährt und liebt, ist das wie ein Todesurteil. Für die freiheitsliebenden Widder-Kinder ist allein schon die Abhängigkeit von den Eltern eine ständige Quelle der Ohnmacht. In unserer deutschen Tradition, speziell in der preußischen, die das Prinzip des gebrochenen Willens verherrlichte, finden wir in den Generationen unserer Eltern, Großeltern und Urgroßeltern viele Widder, denen man »die Hörner gestutzt hat«. In ganz besonderem Maße haben Frauen diese Frustration erlebt.
Damit kommen wir zu dem Märchen Die roten Schuhe. (Ich würde übrigens allen Widder-betonten Frauen ans Herz legen, das Buch Die Wolfsfrau zu lesen, und zwar speziell das Kapitel, in dem das Märchen von den roten Schuhen behandelt wird.) In diesem Märchen geht es um ein kleines Mädchen, ein wildes Naturkind, das materiell sehr arm ist, sich aber reich fühlt, weil es sich selbst – wohlgemerkt selbst – aus irgendwelchen Fetzen rote Schuhe gemacht hat. Symbolisch gesehen hat es sich eine Lebenshaltung zurechtgezimmert, die der Farbe Rot entspricht, der Farbe von Mars und Widder, der Farbe des Eigenwillens, des Blutes, der Leidenschaft. Dann passiert das, was in der Erziehung vieler Widder-Mädchen immer wieder passiert: Eine Kutsche mit einer feinen Dame fährt vorbei, und diese Dame verkörpert all das, was wir Konvention nennen, somit auch ein Stück »Mutter Kirche«. Die Dame erblickt voller Entsetzen das verwilderte Naturkind und lässt es in die Kutsche laden. Sie nimmt es mit nach Hause, und dort werden zunächst die roten Schuhe verbrannt. Das Mädchen wird herausgeputzt, zum Püppchen gemacht, in weiße Kleidchen gesteckt. Man könnte sagen, es wird zum Marienkind gemacht, denn Weiß ist bekanntlich die Farbe der Maria, der Unschuld.
Dieses kleine Mädchen, ich nenne es jetzt einfach mal das »Widder-Mädchen«, verliert aber die Sehnsucht nach seinen roten Schuhen nicht und besorgt sich heimlich bei einem Schuster Ersatzschuhe. Eines Tages geht sie mit diesen Schuhen in die Kirche. Und auf einmal hört kein Mensch mehr dem Pfarrer zu, die Heiligenbilder an den Wänden wackeln entsetzt, und alle starren wie gebannt auf die roten Schuhe. Auch das Mädchen selbst ist ganz verliebt in die roten Schuhe und kann überhaupt nicht mehr weggucken. Sofort wird der feinen Dame gemeldet, was das böse Kind angestellt hat. Das Mädchen wird geschimpft und gedemütigt, die roten Schuhe werden ihr wieder weggenommen und versteckt. Aber immer wieder findet sie sie und zieht sie heimlich an, sie ist wie besessen davon. Schließlich passiert das Drama: Die Schuhe beginnen mit ihr zu tanzen, und sie kann nicht mehr aufhören, bis sie in ihrer abgrundtiefen Erschöpfung zum Haus des Scharfrichters tanzt, der ihr die Füße abschlägt. Die Füße tanzen dann in den Wald und verschwinden mitsamt den Schuhen. Man könnte sagen, das Mädchen ist für sein Lebtag bestraft, nach dem Motto »Übermut tut selten gut«.
Genau das passiert symbolisch gesehen immer wieder mit vielen Widder-Mädchen, ganz gleich, ob sie beispielsweise Widder-Mond oder Widder-Sonne haben. Ich spreche hier von allen Frauen und Mädchen, die von diesem Archetyp stark beeinflusst sind. Dieses Frauenbild hat in unserer Kultur ganz einfach keinen Platz, und in der Mutter Kirche sowieso nicht. Die einzige »Göttin«, die in der christlichen Kirche Platz hat, ist keine rote Göttin, sondern eine weiße Göttin, Maria – die Frau ohne Unterleib, wenn man es drastisch ausdrücken will. Ihre Hexenschwester, die vitale, kräftige, mächtige Seite des Weiblichen, haben wir auf den Scheiterhaufen gepackt, und das ist für wilde Mädchen, wie Widder-Mädchen es von der Anlage her sind, verhängnisvoll. Heute noch gibt es viele depressive Widder-betonte Frauen, die ihre Kraft gar nicht kennen und sehr früh schon gelernt haben, dass sie nur dann überleben können, wenn sie Kreide fressen, wenn sie ganz nett und brav werden, weiße Kleidchen tragen und zu Marienkindern werden. Ihre wilde Seite, den inneren Tiger, die innere Wölfin, haben sie schon lange vergessen oder vielleicht auch nie kennen gelernt. Ich habe von vielen Frauen mit Widder-Energie gehört: Dieses Märchen, das ist mein Leben. Als ich ein kleines Mädchen war, drei, vier oder fünf Jahre alt, da hatte ich diese Kraft noch. Damals hatte ich keine Lust, mit Puppen zu spielen, da war ich im Dschungel, habe mit den Jungs gespielt, bin mit blutenden Knien nach Hause gekommen, und es war immer aufregend und spannend. Wenn ich Kindheitsfotos anschaue, dann ist irgendwann, mit sieben, acht, neun Jahren, spätestens in der Pubertät, diese Energie weg, dann sehe ich blass und unglücklich und gehemmt aus. Dann sind die roten Schuhe verbrannt worden.
Clarissa Pinkola Estés, die das Buch Die Wolfsfrau geschrieben hat, richtet deshalb den Appell an die Frauen, die von diesem Thema betroffen sind: Macht euch euer zweites Paar rote Schuhe selbst, findet zurück zu dieser Autonomie, zur Amazonenkraft, zur Energie der Wolfsfrau. Das ist eine sehr wichtige Botschaft, die nur bedingt mit dem Horoskop zu tun hat, sondern sich auf unsere traditionellen Rollenvorstellungen, unsere kulturellen Vorgaben bezieht.

Das Fische-Zeitalter

Ein weiteres kollektives Problem für Widder ist sicherlich, dass die vergangenen zweitausend Jahre das Fische-Zeitalter waren. Das heißt, dass sich der Frühlingspunkt von der Erde aus gesehen etwa zweitausend Jahre lang in der Nähe des Sternbildes Fische befunden hat. Nun ist Fische das rücksichtsvollste Zeichen des Tierkreises und stellt damit ein Gegenprinzip zu Widder dar. Die Fische-Thematik trifft sich mit der Lehre des Christentums, die die letzten zweitausend Jahre unseren Kulturkreis geprägt hat und deren Maxime ist: Denk an dich selbst zuletzt, und wenn dir jemand etwas tut, halte die andere Wange hin. Das Motiv des Leidens bis hin zum Märtyrertum spielt in unserer Kultur eine große Rolle; wir beten keinen lachenden Buddha an, sondern einen leidenden Mann am Kreuz. Und so wunderbare, stimmige Motive das Christentum hat – wie alle Religionen dieser Welt -, so schwierig ist dieses Erbe für Widder-betonte Menschen, die oft unter großen Schuldgefühlen leiden, wenn es um Eigenwillen, um Egoismus, um kriegerische Energien geht. Wenn Widder zu Schafen umerzogen werden sollen, die in der Herde eines Pastors brav funktionieren und in der Masse jede Individualität verlieren, dann steht das in extremem Widerspruch zu ihrem inneren Auftrag.

Widder und Therapie

Ich will zunächst einmal unterscheiden zwischen dem gebrochenen und dem ungebrochenen Widder. Normalerweise hat ein ungebrochener Widder überhaupt kein Bedürfnis nach therapeutischer Hilfe, er lacht über Menschen, die so etwas »nötig haben«. Sein Motto ist »Ich komme allein zurecht, ich brauche niemanden« und nicht etwa »Hilf mir«. Der gezähmte Widder dagegen, der das Opfer einer Erziehung ist, die seinen Willen erfolgreich gebrochen und die roten Schuhe verbrannt hat, auf welche Weise auch immer, für den ist die Suche nach der verlorenen Kraft eine Notwendigkeit.
Um diese Kraft, diese Urvitalität, dieses Urfeuer wieder zu entfachen, eignen sich am besten therapeutische Verfahren, die den Körper einbeziehen und bei denen der Schwerpunkt in der Energiearbeit liegt: Bioenergetik, Atemarbeit bis hin zu Encounter-Gruppen, in denen auch Aggressionen und Sexualität ausdrücklich thematisiert werden, das Tier im Menschen mit einbezogen wird, um wieder an neue Energien zu gelangen.
Eine Anmerkung zum Wort »primitiv« ist hier angebracht: Dieses Wort kommt von primus (lateinisch: der Erste). Die helle Seite dieses Begriffs ist in der unschuldigen Ursprünglichkeit des neugeborenen Kindes ausgedrückt, das mit großen Augen völlig unverstellt in die Welt blickt. Die biblische Aufforderung »Ihr sollt werden wie die Kinder« entspricht dieser Primitivität. Die Schattenseite dieses Begriffs bedarf wohl keiner Erklärung.
Die Psychoanalyse als therapeutisches Verfahren ist hier aus zwei Gründen nicht empfehlenswert. Erstens, weil Widder ein zukunftsorientiertes Thema ist und die Psychoanalyse sich so ausführlich mit der Vergangenheit beschäftigt. Heute gibt es einen neuen Trend in der Psychotherapie, der die Bedeutung der Vergangenheit eher gering veranschlagt. Die Botschaft heißt stattdessen: Alles ist möglich! Du musst nur in deinen inneren Computer neue Programme eingeben, positiv denken lernen, deiner Vision Kraft geben. So naiv diese Einseitigkeit meiner Ansicht nach ist, als Gegenbewegung zur Vergangenheitsverliebtheit mancher therapeutischer Verfahren ist sie mit Sicherheit wichtig. Feuerbetonte Menschen wie Widder haben sicher eine Affinität zu dieser Sichtweise, sei es als Klient oder Therapeut. Der zweite Aspekt, der meines Erachtens die Psychoanalyse für Widder problematisch macht, ist, dass man dabei sehr lange still auf einer Couch liegen muss. Gerade das Stillhalten ist jedoch das Problem der gebrochenen Widder, die früh schon gelernt haben, sich zu kontrollieren, sich zu beherrschen. Deshalb kann es passieren, dass sie die Situation der Psychoanalyse als eine Wiederholung dieses Stillhaltens empfinden: Wieder liege ich brav auf der Couch, wieder darf ich mich nicht rühren, wieder darf ich nicht laut sein.
Auch andere gesprächsorientierte Verfahren, welchen Wert sie grundsätzlich auch haben mögen, sind hier nicht ausreichend, schließlich geht es vor allem um die Frage: Wie komme ich wieder an meine Energien, an mein Kraftpotenzial? Es genügt nicht zu wissen, warum ich diese Kraft nicht zur Verfügung habe, wichtig ist vor allem, sie wieder zu wecken. Einem gefangenen Tiger nützt es nichts, wenn er weiß, warum er gefangen ist oder wer ihn in den Käfig gesteckt hat; was er braucht, ist ein Ausweg aus dem Käfig.
Noch ein paar Worte zum ungebrochenen Widder. Auch da gibt es natürlich Probleme und Schattenseiten, nur sehen sie schwerpunktmäßig anders aus. Ein ungebrochener Widder, das gilt vor allem bei Männern, wird in der zweiten Lebenshälfte oft sehr einsam. Ein Leben nach dem Grundsatz »Ich will« macht auf die Dauer einsam, wenn in diesem Lebenskonzept nicht irgendwann ein »Du« oder »Wir« auftaucht. Es sei denn, man versteht unter »wir«: Du sollst tun, was ich will. Ein in diesem Sinne orientierter Widder müsste sich spätestens in der zweiten Lebenshälfte auf seinen Gegenpol im Tierkreis beziehen, auf Waage, das Zeichen der Liebesgöttin Aphrodite, in dem es um die Versöhnung der Gegensätze geht. Das, was Widder mit dem Schwert der Entscheidung trennt, wird im Gegenprinzip Waage wieder versöhnt und ins Gleichgewicht gebracht. Letztlich wäre dieses Sich-Beziehen auf den Gegenpol Waage der Weg zur Liebe, der Weg zum »Du«. Das heißt nicht, dass man seine Widder-Qualität ablegen soll, aber jedes Zeichen muss sich irgendwann auf den Gegenpol beziehen, sonst entsteht eine Einseitigkeit, die auf Dauer nicht gesund sein kann.
Für einen Widder würde das auch heißen, eine gesunde Version von »Ich brauche dich« zu entwickeln. Ein bekannter Widder, nämlich Erich Fromm, hat einmal gesagt, dass ein großer Unterschied besteht zwischen der Einstellung »Ich liebe dich, weil ich dich brauche« und »Ich brauche dich, weil ich dich liebe«. Sich das »Ich brauche dich« im guten Sinne einzugestehen, das allgemein menschliche Bedürfnis nach Liebe zuzugeben ist eine große psychische Heldentat für einen Widder.
In diesen Zusammenhang gehört auch eine andere sehr schwierige Aufgabe: hören lernen, aufnehmen lernen, akzeptieren lernen, nicht gegen den Fluss des Lebens anschwimmen und ankämpfen, sondern sich vom Leben auf die Schulter nehmen lassen, sich tragen lassen, so mutig sein, sich fallen zu lassen. Hierin besteht die große Chance, zu einer Kraft vorzudringen, die tiefere innere Führung bedeutet und die viel mächtiger und schöner ist als die des trotzigen Eigenwillens. Man könnte ihr die Überschrift geben »Dein Wille geschehe«, und das ist es, was die klassischen Widder-Helden im Märchen lernen: Von der Haltung »Ich kann alles, wozu ich Lust habe« hinzufinden zum »Dein Wille geschehe«. Bei dieser Fügsamkeit kann sich das bewusste Ich anschließen an das, was die Jungianer das »Selbst« nennen, die transpersonale göttliche Kraft, angesichts derer das Ego, der Eigenwillen, seine Herrschaft aufgeben muss.

Don Juan

Don Juan, der weise alte Schamane, hat seinem Schüler Carlos Castaneda einmal erzählt, wie er als junger Mann auf einer Farm arbeitete, wo es einen Vorarbeiter gab, der Indianer hasste. Don Juan konnte diesem Mann damals nur mit Mühe und Not entkommen, indem er schwer verletzt floh, und überlebte diese Flucht nur knapp. Statt diesem Mann böse zu sein, sagte er als alter Weiser lächelnd und heiter zu Carlos Castaneda: »Ich bin diesem Mann sehr dankbar. Durch seine Grausamkeit und Hinterhältigkeit hat er mich gezwungen, meinen inneren Krieger zu entwickeln.« Im selben Zusammenhang sagte er auch: »Wenn im Leben etwas schwierig wird für dich, dann hast du immer zwei Möglichkeiten. Möglichkeit Nummer eins: dich als Opfer zu sehen, zu klagen und zu jammern und zu zetern. Möglichkeit zwei, zu sagen: Wohin gehe ich von hier aus?«
Die Lehre des Kriegers, wie Don Juan sie formuliert, bedeutet, alles, was einem im Leben begegnet, als Herausforderung zu sehen. Das wäre eine weise Widder-Haltung. Die weniger reife oder weise Widder-Haltung wäre die des Anklägers: Die Welt (der Vater, die Mutter, die Politiker, die Männer, die Frauen) ist an allem schuld. Ein reifer Widder hingegen braucht keine Sündenböcke mehr. Sheldon B. Kopp, ein alter, weiser, verrückter Therapeut, der vor kurzem gestorben ist und selbst Widder war (er hat unter anderem das Buch Triffst du Buddha unterwegs geschrieben), prägte den Satz: »Es ist sehr wichtig, alle Sündenböcke abzuschaffen.« Das wäre eine große Heldentat für Widder.
Wer so stark von seinem eigenen Willen bestimmt ist, der wird Mitmenschen zwangsläufig als Rivalen und Konkurrenten empfinden. Widder ist dazu geboren, Erster zu sein, nicht umsonst ist es das erste Zeichen im Tierkreis. Cäsar, auch ein Widder, soll einmal gesagt haben, als er und seine Heerscharen an einem kleinen Dorf vorübereilten: »Lieber in diesem Dorf der Erste als in Rom der Zweite.« Erster oder Zweiter sein, gewinnen oder verlieren, Sieg oder Niederlage, stark oder schwach, das sind Maßstäbe, die im Widder-Prinzip zu Hause sind.
Die Frage, was Stärke und was Schwäche ist, erfordert meiner Ansicht nach in der zweiten Lebenshälfte eine andere Definition. Manchmal bin ich stark, wenn ich schwach bin, und umgekehrt. Wenn ich nur an einem traditionellen Stärkekonzept festhalte und mir niemals gestatte, zusammenzubrechen, zu verzweifeln, mich fallen zu lassen, dann kostet das die Seele und den Körper auf Dauer unglaublich viel Energie. Da ist es sehr viel gesünder für Körper und Seele, loszulassen, wie der Phönix aus der eigenen Asche wieder aufzuerstehen und von vorn anzufangen.
Ein »erleuchteter« Widder ist Prentice Mulford, der unter anderem das wunderbare kleine Buch Der Unfug des Lebens und des Sterbens geschrieben hat. Er war ein angesehener Journalist, der irgendwann genug von der zivilisierten Welt hatte und beschloss, ein Leben zu führen, wo ihn, wie er sagte, keiner »begutachten und beschlechtachten« konnte, wo er in jedem Moment das tun konnte, was er wollte, und frei war, seine eigenen Erfahrungen zu machen. Also kaufte er sich mit seinem letzten Geld ein Sumpfgrundstück in New Jersey und baute sich dort, obwohl er keine Ahnung davon hatte, eine Hütte, die auch gleich beim ersten Windstoß zusammenfiel. Er baute sie nach dem Prinzip von »Versuch und Irrtum« wieder auf und wurde schließlich ein primitiver Wilder im positiven Sinne, der zu seinen Ursprüngen und zur Natur zurückfand. Über diese Erfahrung schrieb er höchst intelligente Bücher. Er schaffte es, seine geistige Welt wieder in Einklang zu bringen mit der ursprünglichen Wildheit der inneren und äußeren Natur.

Mond in Widder

Das innere Mutterbild, das uns der Mond zeigt, geht hier in Richtung der Kriegerin, einer dominanten, kraftvollen, feurigen Mutter. Mond steht immer auch für das Urmütterliche, unsere erste Umwelt, und deshalb spielt er auch für das innere Kind zeitlebens eine wichtige Rolle. Egal wie alt wir sind, wenn wir das innere kleine Mädchen, den inneren kleinen Jungen in uns sprechen lassen, ist das die Sprache des Mondes und nicht die Sprache der Sonne. Wenn ich als erwachsener Mensch meinem inneren Kind den angemessenen Platz im Leben geben möchte, ihm Seelennahrung und ein Zuhause geben will, in welcher Form auch immer, dann brauche ich dazu das Verständnis der Mondsprache.
Für einen kleinen Widder-Mond, dieses Helden- oder Amazonen-Kind, ist es prinzipiell ärgerlich, klein und von der Mutter abhängig zu sein. Bedürftigkeit ist mit dem Widder-Prinzip schwer zu vereinbaren. Viele Mütter berichten von ihren kleinen Kindern mit Widder-Mond, dass ihr erstes Wort nicht etwa »Mama« oder »Papa« war, sondern »leine«, das heißt »Ich kann’s alleine« oder »Ich will’s alleine machen, ohne deine Hilfe und Einmischung«.
Hier sind Mütter von vornherein Gestalten, an denen man seine eigene Kraft erprobt. Wer ist stärker, wer bestimmt, wer gewinnt? Eine Mutter, die ein Widder-Mond-Kind hat, muss sich von vornherein auf eine Herausforderung einstellen. Ist sie nicht fähig, ihrem Kind auch als Kriegerin zu begegnen, dann hat sie schnell verloren. Viele Mütter von Kindern mit Widder-Mond haben sehr früh schon das Gefühl, gegen ihr Kind keine Chance zu haben. Ich habe Mütter erzählen hören, dass diese Kinder für sie große Lehrmeister waren, indem sie ihnen beigebracht haben zu kämpfen; hätten sie das nicht gelernt, wären sie in der Beziehung untergegangen.