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Inhaltsverzeichnis
 
 

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DIE AUTORIN
 
Regina Rusch wurde 1945 in Hamburg geboren und studierte dort u. a. Literaturwissenschaft. Heute lebt Regina Rusch in Frankfurt. Sie hat zahlreiche Kinderbücher veröffentlicht und führt mit Kindern Erzählprojekte, Schreibwerkstätten und literarische Projekttage durch. 1988 richtete sie den ersten deutschen Literaturpreis mit einer reinen Kinderjury ein, die »Kalbacher Klapperschlange« (). Für ihr Engagement erhielt sie das Göttinger Lesezeichen und das Bundesverdienstkreuz, da sie »in ihren Büchern für ein offenes und tolerantes Miteinander« eintritt.

KOHLDAMPF
 
Sogar der Apfel wird im Wasser leichter. Nicht wirklich natürlich, das weiß Vivi auch. Aber er kommt immer wieder hoch, egal wie tief man ihn nach unten drückt.
Vivi taucht unter dem grasgrünen Apfel durch. Das Wasser im Swimmingpool ist warm und klar. Fetzige Musik tönt aus den geöffneten Fenstern der Villa. Auf dem kleinen Glastisch neben dem Pool steht ein Tablett voller Früchte – Ananas, Kiwi, süße Trauben. Flauschige Badetücher liegen am Beckenrand, lässig ausgebreitet und einladend. Eine langhaarige, schneeweiße Katze sieht Vivi zu, wie sie schwimmt und taucht.
Da klingelt es, schrill und hässlich. Vivi blickt nur kurz auf. Maria wird schon öffnen. Es klingelt wieder, länger als beim ersten Mal. Maria soll an die Tür des großen Hauses gehen und nachsehen, wer da ist. Es ist Marias Aufgabe, das zu tun. Die Klingel schrillt jetzt in immer kürzer werdenden Abständen. Warum öffnet Maria nicht? Hört sie nicht? Vielleicht ist sie in der Wäschekammer oder sie bereitet Vivis Mittagessen vor.
Es klingelt jetzt ununterbrochen, laut und fordernd. Vivi seufzt. Sie steigt aus dem Wasser.
»Ich komm ja schon!«, rief Vivi in den Flur. Ihr Kopf stieß schmerzhaft gegen das klobige Ablagebrett über der Badewanne.
»Au, verflixt!« Vivi hängte sich das grünbunte Handtuch um und lief mit nassen Füßen in den Flur. Wer konnte das sein? Um diese Zeit? Mama war zur Arbeit, Papa musste sich auf dem Arbeitsamt melden und Niko war in der Schule. Sie zog das Handtuch fester zusammen und lauschte.
»Mach endlich auf!«, brüllte es von draußen.
Vivi schob den Sicherheitsriegel zurück.
»Wieso schließt du dich ein?« Ihr Bruder stieß ungehalten die Tür auf.
Vivi flitzte zurück ins Badezimmer, zurück zum Swimmingpool, zur weißen Katze und den Früchten. Zurück zu ihrem Traum.
»Wieso bist du überhaupt zu Hause?«, rief Niko aus dem Flur.
Weg. Der Traum war weg. Vivi hielt ihr Gesicht nah an den beschlagenen Spiegel. Wieso war Niko nicht in der Schule?
»Warum bist du nicht in der Schule?«, fragte Niko.
Bescheuert, dachte Vivi, diese Frage ist völlig bescheuert! Sie machte eine abwehrende Armbewegung, dann wischte sie unwillig mit der flachen Hand über das Spiegelglas.
»Eh, was ist los?«, rief Niko von draußen.
Vivi ließ das Badewasser ablaufen und sah zu, wie der schrumplige Apfel obenauf hin und her dümpelte. Dass sie zu Hause war, hatte einen einsehbaren Grund. Dass sie nicht in der Schule war, geschah gewissermaßen mit allerhöchster Erlaubnis. »Ich bin krank«, sagte sie.
Niko schlug mit der flachen Hand gegen die Badezimmertür. »Krank?« Er lachte ungläubig, beinahe abfällig. »Gestern Abend warst du noch putzmunter!« Der Schrumpelapfel geriet in den Strudel über dem Abfluss, drehte sich wild in immer kleiner werdenden Kreisen, bis er schließlich auf der runden Öffnung liegen blieb, in der das Badewasser gurgelnd abfloss.
»Ich hab Fieber«, sagte Vivi unbeirrt, während sie sich anzog, »und Schüttelfrost.« Von Niko war nichts zu hören. »Womöglich bekomme ich Scharlach«, sagte Vivi laut, damit Niko im Flur es verstehen konnte. Sie wickelte das abgeschabte Handtuch wie einen Turban um ihren Kopf.
»Scharlach? Ehrlich?« In Nikos Stimme schwang ein Anflug von Mitleid.
Da öffnete Vivi die Tür und grinste ihn an.
»Ausflugs-Scharlach«, sagte sie. »Vielleicht auch nur einfaches Klassenfahrt-Bauchweh...«
Niko grinste viel sagend zurück. »Und ich hab schon angefangen, mir Sorgen zu machen«, sagte er. »Wo sollte es denn hingehen?«
»In den Hessenpark, du weißt schon – dieses Freilichtmuseum mit den alten Bauernhäusern und so.« Vivi rubbelte an ihren Haaren herum. »Also Busfahrt, Eintritt, Imbiss und so weiter.«
»Wie viel?«, fragte Niko knapp.
»Sieben Euro«, antwortete Vivi ebenso knapp, »Essen und Trinken noch zusätzlich.« Sie schüttelte die Haare über dem Waschbecken, dass die Tropfen flogen. Sieben Euro! Einfach so zwischendurch. Das war zu viel.
»Scheiß Geld«, sagte Niko und hielt ihr einen Schokoriegel hin. »Hier, nimm! Kleiner Trost für dich.«
Vivi schnappte sich den Schokoriegel und sagte schnell: »Ich brauch keinen Trost.« Dann zog sie mit einem Ruck die Badezimmertür zu.
Keinen Trost – das war glatt gelogen. Ein bisschen Trost könnte sie gut gebrauchen. Sie trat mit dem Fuß gegen den überquellenden Korb mit schmutziger Wäsche. Mist! Verdammter Mist! Sie hatte sich so auf den Klassenausflug gefreut. Als Mama heute früh in der Schule angerufen hatte und ihre Tochter »wegen Krankheit leider, leider entschuldigen« musste, wäre Vivi beinahe in Tränen ausgebrochen.
»Was soll’s«, murmelte sie vor sich hin, während sie die Verpackung aufriss. Gierig biss sie in die weiche Schokolademasse und stopfte alles auf einmal in den Mund. Zehn Stück könnte sie davon locker verschlingen! Oder noch mehr. Den letzten Kontakt mit einem Schokoriegel, gefüllt mit wunderbar bröckeligen Kokosraspeln, hatte ihre Zunge vor zwei Wochen gehabt. Zwei Wochen! Eine unvorstellbar lange Zeit. Das einzig Süße, das Vivi in diesen zwei Wochen geschmeckt hatte, war der labbrige Zitronentee aus der Zweiliter-Vorratspackung, den Mama jetzt immer kaufte. Seit Papa seinen Arbeitsplatz bei der Brumme AG verloren hatte, war das Wichtigste beim Einkaufen der Preis. Genauer: Der niedrigste Preis, der weit und breit im Angebot war. Und den Zitronentee gab es seit Wochen zum Dauerniedrigpreis.
Vivi leckte genüsslich über ihre Lippen. In Wahrheit kam Nikos süßer Trost gerade recht, auch wenn sie es nicht zugeben wollte. Sie betrachtete ihr Spiegelbild. Besonders trostlos sah es eigentlich nicht aus. Eher lustig. Lustig und rotbäckig. Im Moment allerdings eher schokoladenbäckig. Und im Mundwinkel hing noch ein klebriger Faden der Karamellfüllung. Vivis Zunge ließ ihn blitzschnell verschwinden.
Hinter ihr wurde jetzt die Badezimmertür einen Spaltbreit geöffnet. Eine Hand schob sich herein und winkte Vivi im Spiegel zu. »Willste noch mehr?«, fragte Niko und wedelte mit einem weiteren Schokoriegel. »Ich hab ganz viele.«
Vivi konnte das Papier gar nicht schnell genug aufreißen. Kauend und schmatzend fragte sie: »Woher hast du das Zeug?«
Niko lachte nur. Er wühlte in den ausgebeulten Taschen seiner Jacke und holte nacheinander eine Packung Lakritzkonfekt, eine Minitafel Schokolade, zwei Rollen Pfefferminzbonbons und mindestens fünf Päckchen Kaugummi hervor.
»Eh«, rief Vivi begeistert, »bist du ein Zauberer? Oder wer hat dir das in die Taschen gehext?«
Niko lächelte. »Gehext ist gut! Das hier hab ich alles höchstpersönlich...«, sagte er und stockte. Dann steckte er sich zwei Streifen Kaugummi in den Mund und redete weiter. »Also, das hab ich... von Marlene.«
Vivi kannte keine Marlene. Aber es war ihr auch egal. Die Pfefferminzbonbons brannten richtig schön scharf auf der Zunge. Vivi lutschte sie vorsichtig, bis die süßen Scheiben so dünn wurden, dass sie zerbrachen.
»Was ist mit dem Mittagessen?«, fragte Niko übergangslos. »Ist irgendwas im Haus?«
Vivi folgte ihm in die Küche. »Kartoffeln«, zählte sie auf, »Spiralnudeln, drei Brühwürfel und eine halbe Tube Tomatenmark.«
»Du hast die beiden Zwiebeln vergessen«, meinte Niko grimmig und warf die Kühlschranktür zu. Er schob sich ein weiteres Kaugummi in den Mund. »Nicht mal Kohldampf kann man in diesem Haus haben«, sagte er, »weil dazu nämlich Kohl gehört. Aber selbst der ist nicht vorhanden.«
»Das ist völlig unlogisch«, sagte Vivi. Gedankenverloren strich sie über die glatte Kunststoffplatte des Küchentischs. Niko murmelte etwas Unverständliches vor sich hin, ging ins Wohnzimmer und stellte den Fernseher an. Vivi öffnete den Kühlschrank und begutachtete den Inhalt.
 
Das Wasser läuft ihr im Mund zusammen. Leckerer Wurstaufschnitt und Schinken, eingewickelt in glänzendes Cellophan, drei Sorten Käse, Packungen mit Fischsalat und Shrimps, ein dickes Bratenstück. Und die vielen Jogurt- und Puddingbecher! Vivi greift nach der Colaflasche in der Tür. Der frisch gepresste Orangensaft in der Flasche daneben ist auch nicht schlecht. Den Tomatensaft wird sie ganz sicher nicht nehmen. Tomatensaft kann Vivi nicht ausstehen. Aber der ist sowieso für Mama reserviert. Genau wie die ölig glänzenden Oliven mit Mandelkernen und Paprikafüllung. Für Papa sind mindestens sechs Flaschen Bier kalt gestellt und im Gemüsefach liegen knackige Tomaten und Möhren, die aussehen, als wären sie gerade erst aus der Erde gezogen. Vivi holt schnell das kleine Schälmesser aus der Schrankschublade. Frische, zarte Karotten – mmhh!
»Nicht schälen!«, ruft plötzlich eine Stimme. Vivi schlägt vor Schreck die Kühlschranktür zu.
 
»Mach doch einfach Pellkartoffeln«, sagte Niko, der in die Küche gekommen war.
»Pellkartoffeln?« Vivi starrte abwechselnd auf den leise brummenden Kühlschrank und das Messer, mit dem sie sich eine Karotte hatte schälen wollen. »Ach so, ja klar. Pellkartoffeln.«
Sie brauchte einen Moment, bis sie wieder in der Wirklichkeit gelandet war. Die Wirklichkeit sagte ihr, dass sich sechs Stunden nach dem Frühstück Hunger im Bauch breit machte. Egal, ob etwas zu Essen im Haus war oder nicht. Egal, ob man gerade zwei Schokoriegel und drei Pfefferminzbonbons verspeist hatte oder nicht.
»Ich schau mal, ob ich noch irgendwas zu den Kartoffeln organisieren kann«, sagte Vivi und angelte die kleine Bonbondose mit dem Einkaufsgeld vom Regal. Sie schüttelte sie. Viel war nicht drin, aber für Margarine würde es wohl reichen, vielleicht sogar für eine dünne Scheibe Leberkäse. Hoffentlich dachte Mama daran, etwas zum Abendessen einzukaufen. Bei Papa war nicht damit zu rechnen. Papa kaufte nicht mehr ein. Er sagte, es mache ihn verrückt, die vielen guten Sachen zu sehen und sie nicht bezahlen zu können.
Vivi lief aus der Wohnung. Alles machte Papa verrückt: Die Menschen, die – anders als er – morgens unterwegs waren, um an ihre Arbeitsplätze zu kommen. Die Rentner, die im Park Schach spielten und sich nicht mehr um Löhne und Gehälter kümmern mussten. Die Jugendlichen, die in teuren Designer-Klamotten herumliefen. Die Kinder, die gedankenlos halb aufgegessene Jogurts oder Bananen in den Müll warfen.
»Mann, reg dich doch ab«, hatte Niko ihn neulich angeschrien, »du bist ja nur neidisch!« Beinah hätte Papa ihm eine runtergehauen, aber dann hatte er sich doch zurückgehalten. Er hatte wieder diesen schrecklichen Blick gehabt. Vivi fand es furchtbar, wenn Papa so guckte. Er sah dann aus, als wäre er weit fort und von einer Mauer umgeben, die ihn einschloss und abschloss von allen anderen. Niemand konnte dann mehr mit Papa reden, nicht mal Vivi.
Im Treppenhaus roch es nach Kohl. Vivi hielt sich am Geländer fest und hüpfte die Stufen bis in den nächsten Stock hinunter. »Kohl-dampf, Kohl-dampf«, wiederholte sie bei jeder Stufe. Im dritten Stock roch es nach Bratkartoffeln, im zweiten nach widerlichem Farblöser und im ersten Stock nach gar nichts. Im Parterre fiel Vivi ein, dass sie den Wohnungsschlüssel vergessen hatte. Egal, dachte sie, Niko war ja da und konnte ihr aufmachen.
Der Supermarkt war gleich um die Ecke. Unmittelbar neben dem übernächsten Eingang des großen Häuserblocks begannen die hohen, mit Reklameschildern vollgeklebten Schaufenster. Vivi musste nur um die überdachten Abstellplätze für die Einkaufswagen herumlaufen, dann war sie schon am Eingang. Mama fand es äußerst praktisch, einen Supermarkt direkt am Haus zu haben, Papa dagegen fand es mal wieder zum Verrücktwerden. Als sie vor einigen Wochen ihre neue Wohnung in der Hochhaussiedlung besichtigt hatten, wäre er fast wieder umgekehrt. »Was meint ihr, wie laut das ist!«, hatte er geschimpft. »Das An- und Abfahren der Autos, die Anlieferung mit Lastwagen in aller Herrgottsfrühe, das Zusammenrasseln der Einkaufswagen... Hier können wir nicht einziehen!«
Vivi und Niko hatten nichts gesagt, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Niko, weil er ausnahmsweise Papa einmal zustimmte. Nicht wegen des Supermarkts, sondern weil er fand, dass man nicht in eine kleine Sozialbauwohnung einziehen konnte, wenn man gerade noch in einer großzügigen Vierzimmerwohnung mit eigener Terrasse und ausgebautem Partykeller wohnte. Vivi hatte eher vor Aufregung geschwiegen. Sie war so gespannt, wie ihr künftiges Zuhause aussah, dass ihr Supermärkte und Einkaufswagen ziemlich egal waren.
»Georg«, hatte Mama mit verhaltener Wut gesagt, »jetzt nimm dich mal zusammen. Du weißt genau, dass es keine Alternative gibt.« Papa hatte wieder seinen verschlossenen Blick bekommen und Mama hatte noch einen draufgesetzt. »Du kannst froh sein über diesen Supermarkt! Oder wie stellst du dir unsere Einkäufe künftig vor?« Mama hatte eine besonders lange Pause gemacht. »Ohne Auto.« Das saß. Das Auto war Papas besonders wunder Punkt. Genau genommen, das Auto, das sie nicht mehr hatten. Oder noch genauer, das Auto, das sie zwar noch besaßen, das aber mit Motorschaden und ohne Zulassungsschilder bei Mergentheimers auf dem Hof abgestellt war. Nicht mal Papa konnte sein geliebtes Gefährt reparieren und das wollte etwas heißen – schließlich war er Kfz-Mechaniker. Aber die nötigen Ersatzteile waren einfach zu teuer.
Papa hatte seit Mamas Rüffel kein einziges Wort mehr gesagt. Auch der Hauswart, der ihnen die Wohnung im fünften Stock aufgeschlossen hatte, war nicht besonders gesprächig gewesen.
»Keine Kinderwagen im Treppenhaus. Keine Fahrräder im Kellergang. Waschkeller-Benutzung und Flurreinigung genau nach Plan«, hatte er am Ende des Rundgangs heruntergeschnarrt und Mama dann die Schlüssel für Wohnung, Haustür, Keller und Briefkasten übergeben.
Mama und Niko waren ebenfalls ziemlich wortkarg gewesen. Die enge Küche, das etwas vergammelt wirkende Badezimmer, vor allem aber das winzige Kinderzimmer hatte ihnen die Sprache verschlagen. Selbst Vivi brauchte eine Zeit lang, bis ihre Phantasie es schaffte, aus der normalen, sehr schlichten Etagenwohnung ihr künftiges Zuhause zu machen.
»Habt ihr schon den Balkon gesehen?«, hatte sie gefragt. »Ich meine den Blick vom Balkon?« Der Blick fiel in die Krone einer mächtigen Kastanie, die der Bauwut der Stadtplaner standgehalten hatte. »Wer kann schon eine Kastanie von oben betrachten?« Um sich und die anderen aufzumuntern, hatte Vivi immer weiter geredet und war vom Kinderzimmer auf den winzigen Balkon getreten. »Nur Vögel können das. Und wir.« Sie hatte sich vorgebeugt, um eine der kerzenartigen Frühlingsblüten der Kastanie zu berühren, aber der Baum stand doch zu weit weg.
Vivi warf einen sehnsuchtsvollen Blick auf die knackigen Kirschen in der Obst- und Gemüseabteilung. Und falls es auch so etwas wie sehnsuchtsvolles Schnüffeln gab, so hielt sie jetzt ihre Nase in Richtung Brotbackofen und sog den Geruch nach frischen, warmen Semmeln ein. Vivis Magen knurrte. An der Fleisch- und Wursttheke reichte die Verkäuferin einem kleinen Mädchen ein Stück Wurst über den Tresen. Vivi seufzte leise. Noch vor ein paar Jahren hätte sie als kleines Mädchen ebenfalls eine Scheibe Wurst bekommen. Aber mit elf Jahren war man dafür natürlich schon zu groß!
»Magst du auch?«, hörte sie eine Stimme.
Vivi fühlte sich ertappt. »Äh... ich?«, stotterte sie. Die zweite Verkäuferin hatte Vivi offensichtlich beobachtet. Sie spießte eine große Scheibe Fleischwurst auf eine Gabel und hielt sie Vivi hin. »Emine«, sagte die Verkäuferin lächelnd. »Mutter von Emine!« Sie zeigte auf sich.
Vivi biss ein Stück von der Wurst ab. »Danke«, sagte sie. Und dann: »Von Emine? Ach so, Emine.« Emine war in ihrer Klasse, aber Vivi kannte sie nicht näher.
»Ist die Fahrt schon zu Ende?«, fragte Emines Mutter.
Die Fahrt? Welche Fahrt? Vivi schluckte den letzten Bissen Fleischwurst hinunter. Emines Mutter schnitt Salami an der Wurstschneidemaschine und schichtete sie zu Stapeln in die Auslage.
»Die Fahrt zum Hessenpark«, sagte sie und lächelte.
Ach du Schande, dachte Vivi, sie meint den Klassenausflug. Wie sollte sie erklären, warum sie nicht mitgefahren war? Vermutlich kam die Klasse erst gegen 18 Uhr zurück und damit auch Emine. Die Ausrede mit dem Scharlach konnte sie Emines Mutter auf keinen Fall erzählen, schließlich war Scharlach ziemlich ansteckend und man durfte nicht einfach so durch die Gegend laufen.
»Mein Bruder«, fing Vivi an und überlegte schnell, was Niko wohl gehabt haben könnte, damit Vivi bei ihm hatte bleiben müssen. »Bauchweh«, sagte sie dann, »er hatte Bauchweh und ihm war übel.« Emines Mutter wusste ja zum Glück nicht, ob Niko ein großer oder ein kleiner Bruder war. Sie machte ein ernstes Gesicht und es sah aus, als wollte sie noch etwas sagen. Aber sie schien es sich anders zu überlegen und sah Vivi nur an. Da trat zum Glück eine ältere Kundin an den Tresen und verlangte zwei Steaks.
»Ja, dann«, sagte Vivi und winkte Emines Mutter kurz zu, »danke noch mal.« Sie war froh, nicht weiter lügen zu müssen. Auf dem Sonderstand mit aussortierten Waren fand sie eine Packung mit zwei Leberkäsescheiben. Das Mindesthaltbarkeitsdatum lief erst heute ab, der Preis war aber schon um fast die Hälfte heruntergesetzt.
Vivi stellte sich in die Warteschlange an der Kasse. Vier Kunden standen vor ihr. Eine dicke Frau mit einem bis an den Rand gefüllten Einkaufswagen, ein Junge, etwa in Nikos Alter, der ein viel zu weites Hemd und eine ebenso unförmig weite Hose trug, die Mutter mit dem Kind, das eben die Wurstscheibe bekommen hatte und sie noch immer ohne abzubeißen in der Hand hielt, und ein Mann mit einer speckigen Baseballkappe. Vivi betrachtete die Süßigkeiten in den Körben und kleinen Regalen an der Kasse. Sie strich über die glänzende Verpackung der Schoko-Nuss-Pralinen, die Mama so gern mochte. Sie ließ unterschiedliche Päckchen Kaugummi durch ihre Finger gleiten und legte sie dann ordentlich zurück. Sie nahm Rollen, Stangen und Tütchen mit Bonbons und anderem Naschkram in die Hand und ließ sie zurückfallen in die Ständer, Regale und Angebotskörbe.
»Mama, Bombom!«, quengelte das kleine Mädchen und grapschte nach einem Beutel Gummibärchen. Die Mutter reagierte nicht, sondern fuhr fort, ihre Waren auf das Fließband zu packen.
 
Vivi greift mit beiden Händen in den großen Korb voller Süßigkeiten. Sie darf sich nehmen, so viel sie will. Mama ruft mit Marktschreier-Stimme: »Bonbons! Kostenlose Bonbons!« Wenn sich der Korb leert, füllt Niko ihn wieder auf. Er öffnet immer neue, schier unerschöpfliche Kartons und Packungen und schüttet den Inhalt in Mamas Korb. »Kommt, Kinder!«, ruft Mama. »Bedient euch! Es kostet nichts!«
»Ich mag am liebsten Fruchtgummi«, ruft ein Mädchen. »Ich hätte gern Karamellbonbons«, ruft ein anderes. »Und ich Lakritze«, bittet ein schlaksiger, großer Junge. Brausepulver, Schokolade, Lollis, Zuckerstangen, Schleckmuscheln – Mama teilt mit vollen Händen aus. Vivi ist stolz auf ihre Mama, weil sie so großzügig ist und keinen vergisst. Jeder bekommt, was er möchte, so viel er möchte.
»Bombom, Bombom!«, quäkt eine Kleine. Sie versucht, eine Tüte Gummibärchen aufzureißen. »Mama, Bombom!«, brüllte das kleine Mädchen von der Fleisch- und Wursttheke. Sie schnappte sich eine Packung Kaubonbons und rannte zum Ausgang. Dort schleuderte sie die Wurstscheibe auf den Boden und begann auf dem Bonbonpapier herumzukauen.
Da brach plötzlich das totale Chaos aus: Eine dünne, schwarzweiße Katze stürzte sich auf die Wurst. Das Kind schrie. Die Katze schoss vor Schreck in den Supermarkt und wieder nach draußen, die eroberte Wurstscheibe fest im Maul. Die Mutter lief hinter dem Kind her, schlug ihm auf die Finger und rief schrill: »Nein!« Gleichzeitig drückte der Kassierer auf den Alarmknopf und sprang auf.
Der Mann vor Vivi schlug mit seiner Baseballkappe nach dem Jungen mit den weiten Hosen und packte ihn hart am Arm. Vivi zuckte zusammen. Warum schrillte die Alarmklingel? Was war passiert?
»Hab ich dich endlich erwischt!«, zischte der Kappen-Mann. »Mit Ladendieben kennen wir kein Pardon.« Er stieß den Jungen vor sich her und blickte grimmig, aber triumphierend in die Runde. Glücklicherweise hatte endlich jemand die grässliche Klingel abgestellt. Stattdessen kreischte jetzt das Kind, weil es die Katze entdeckt hatte, die gierig den letzten Rest Wurst verschlang.
Vivi trat ein paar Schritte zurück bis vor das Büro des Filialleiters. Durch die geöffnete Tür konnte sie hineinschauen. Der Mann mit der Kappe schien eine Art Detektiv zu sein. Drohend stand er in seiner ganzen Größe vor dem Jungen, der zusammengesunken auf einem Bürostuhl saß. Vivi stellte sich so, dass der Detektiv sie nicht sah, sie selbst aber alles beobachten konnte. Zu verstehen war leider nichts.
Jetzt zeigte der Detektiv auf den Tisch, klopfte auf die Platte und verschränkte dann abwartend seine Arme vor der Brust. Der Junge rührte sich nicht. Er hatte immer noch beide Hände in den Hosentaschen. Plötzlich riss der Mann ihn grob hoch, griff ihm unters Hemd und zog eine Packung Pralinen hervor. Er durchsuchte die Hemdtaschen und beförderte Schokoriegel, eine Rolle Drops und mehrere Packungen Kaugummi auf den Tisch.
Vivi schluckte. Sie starrte auf das, was im Büro des Supermarkt-Leiters vor sich ging, als wäre es eine Szene aus einem Film. Einem Film, den sie schon einmal gesehen hatte. Der Junge hatte seinen Widerstand jetzt offensichtlich aufgegeben. Mit trotzigem Gesichtsausdruck leerte er seine Hosentaschen. Unglaublich, was da alles zusammenkam! Pfefferminzbonbons, Lakritzkonfekt – Vivi zog vor Aufregung die Nase hoch – Schokolade, Lollis. Niko, schoss es ihr durch den Kopf, immer wieder: Niko. Er hatte vorhin die Süßigkeiten genau so aus seinen Jackentaschen gezogen und sie vor Vivi ausgebreitet. Genau so wie dieser Junge hier vor dem Supermarkt-Detektiv!

PIRATEN
 
Kein Wort hatte Vivi gesagt. Nicht eine Bemerkung, keine Andeutung, nichts. Sie hatte so getan, als hätte sie keinen Verdacht, woher Nikos Süßigkeiten stammten.
»Eh, Schwesterchen, so schweigsam? Hat dir unterwegs jemand die Wörter geklaut?«, hatte Niko gescherzt, als sie schweigend die Kartoffeln pellte, die er in der Zwischenzeit gekocht hatte.
Da konnte Vivi nicht anders. Sie musste antworten. »Wer klaut schon Wörter«, hatte sie gesagt und den Leberkäse in die Pfanne gelegt.
Niko hatte gelacht. »Für dich würd ich das glatt tun. Welches Wort darf es sein, meine Gnädigste?«, hatte er gefragt und sich vor ihr verbeugt wie ein Diener.
»Scheiß Margarine«, hatte Vivi gedankenverloren vor sich hingemurmelt, weil der kostbare Leberkäse schon anfing anzubrennen. Ganz ohne Fett konnte man schließlich selbst in einer beschichteten Pfanne nicht braten. Für Margarine hatte das Geld aber nicht gereicht. Daraufhin hatte Niko etwas auf einen Zettel gekritzelt, den Zettel in der Mitte durchgerissen und Vivi beide Teile unter die Nase gehalten. »Bitte, sehr – stets zu Diensten!«, hatte er gerufen. Auf dem einen Zettel stand ›Scheiße‹, auf dem anderen ›Margarine‹. »Was darf ich wohin liefern?«, hatte Niko seine Dienerrolle weitergespielt.
Da hatte Vivi losgeprustet vor Lachen. Sie hatte den ›Margarine‹-Zettel in die Pfanne flattern lassen und den Leberkäse darüber geschoben. Fast wäre der völlig verbrannt, weil beide vor Kichern die Pfanne nicht rechtzeitig von der Herdplatte genommen hatten und ein Stück Papier auch dann nicht das Bratfett ersetzt, wenn ›Margarine‹ darauf steht. Den anderen Zettel hatte Vivi in die Bonbondose zu den letzten beiden Centstücken getan. »Zur Erinnerung«, hatte sie gemurmelt. Niko war danach ziemlich schnell verschwunden und hatte sie mal wieder mit dem Abwasch allein gelassen.