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Inhaltsverzeichnis
 
 

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DIE AUTOREN
Andrea Paluch (*1970) und Robert Habeck (*1969) debütierten 2001 mit »Hauke Haiens Tod«. Sie haben Literaturwissenschaft und Philosophie in Deutschland, Dänemark und England studiert, in Hamburg promoviert und leben jetzt mit ihren Kindern auf dem Land an der dänischen Grenze. »Wolfsspuren« ist ihr erstes Kinderbuch.

Die Nacht schneit Sterne und die Erde knarrt.
TED HUGHES, Das Heulen der Wölfe

Zwischen den dichten Stämmen steht die Stille. Nur der gefrorene Schnee klirrt leise. Der Vollmond gießt ein farbloses Licht über Himmel und Erde. Der Wald verschließt sich hinter einer schwarzen Mauer aus Kiefern.
Lautlos wie die Nacht tritt der Wolf aus der Dunkelheit ins Mondlicht. Sein drahtiges Fell schimmert blau über dem Schnee. Er hebt das Haupt und saugt die kalte Luft ein. Er kann den Fluss riechen. Ein Schaudern läuft über seinen Körper.
Seine knochigen Beine brechen nicht in den Schnee ein, als er losrennt. Sehnen, Muskeln und Fell fallen in einen Trab. Ohne zu zögern springt der Wolf auf den zugefrorenen Fluss. Er schlittert. Dann finden seine Krallen im Eis Halt.
In der Mitte ist das Wasser noch offen. Der Wolf schwimmt und die treibenden Eisschollen weichen vor ihm aus. Als er aus demWasser kommt, klebt das Fell an seinem Körper. Er ist mager. Er hat lange nichts gefressen.

1
Seit November herrscht klirrender Frost.
Über der Tür der Sparkasse hängt eine Digitalanzeige, auf der abwechselnd die Uhrzeit und die Temperatur erscheinen. In roten Leuchtziffern strahlt die Kälte durch die Dunkelheit. Ich schließe mein Fahrrad los. Es ist acht Grad unter null und dabei hat die Nacht gerade erst angefangen. Die Minuten leuchten auf den Schnee, der sich hier am Marktplatz zu hohen, verharschten Bergen türmt. Beim Anblick des spröden Eises muss ich an die Bonbons denken, die ich im Sommer mit Olaf gemacht habe. Olafs Eltern sind Mitte Mai in ein Neubaugebiet am Stadtrand gezogen. Jetzt sieht es da aus wie in jedem Neubaugebiet. Aber im Mai lag noch alles voll Bauschutt, Klinker und der ausgehobenen Erde für die Keller. Es war kein Problem, Steine für einen Ofen aufzutreiben. Wir haben einen Kamin gebaut, um Karamell zu kochen. Mit einem Bündel Altpapier haben wir Feuer gemacht, Milch und Zucker in einem Topf gekocht und dann den Sirup auf eine Zeitung gegossen. Als er hart wurde, hatten wir 1-a-Karamellbonbons. Beim zweiten Mal haben wir zu viel Milch genommen, und mitten im Kauen meinte Olaf plötzlich, dass das Karamell ziemlich nach aufgeweichter Zeitung schmeckt. Und tatsächlich haben wir das in Milch getränkte Papier gegessen. Danach war uns der Appetit vergangen und wir haben ein paar Bündel Zeitungen für die nächsten Abende versteckt. Darunter ist uns aus Versehen auch ein Paket mit Altkleidern geraten. Es hat höllisch nach Gummi gestunken, als wir das verbrannten, und alle Eltern kamen sofort aus ihren Neubauten und haben sich mächtig aufgeregt, dass wir mit Feuer spielen. An der Stelle, wo unser Kamin stand, steht jetzt der Carport für das Auto von Olafs Eltern.
So wie die Zeitung geschmeckt hat, so sieht der Schnee vor der Sparkasse auf dem Marktplatz aus. Aber weiter draußen, auf den Feldern, ist er unverdorben und umwerfend rein.
Ich fahre durch die Fußgängerzone. Wie jedes Jahr haben die Geschäfte weißen Kunstschnee an ihre Scheiben gesprüht. Aber diesmal ist es echt überflüssig und der Schnee aus der Dose sieht so künstlich aus wie die Haare von Antonias Barbie-Puppe. Antonia ist meine kleine Schwester. Und ihretwegen bin ich noch unterwegs. Sie hat nämlich morgen Geburtstag, drei Tage vor Weihnachten. Irgendwie hat sich in ihrem Kopf festgesetzt, dass sie vom Schicksal benachteiligt wurde, weil an ihrem Geburtstag angeblich alle im Weihnachtsstress sind und sie weniger Geschenke bekommt. Dabei überschlagen sich unsere Tanten förmlich mit Antonias Geburtstag und vergleichen sie sogar mit dem Christkind. Meiner Meinung nach ist an einem Geburtstag gar nichts dran. Ich zum Beispiel habe am 14. Mai Geburtstag. Genau wie Camilla, ein Mädchen aus meiner Klasse. Das einzig Erwähnenswerte daran ist, dass ich mit Camilla sonst überhaupt nichts gemeinsam habe und auch nicht haben will.
Antonia darf sich zu ihrem Geburtstag jedes Mal den größten Mist ausdenken und er wird gemacht. Für morgen ist eine Schnitzeljagd geplant, als wäre es der höchste Hochsommer. Meine Mutter hat mich am Nachmittag in die Stadt geschickt, um Süßigkeiten für ein Überraschungspaket zu kaufen, das ich jetzt im Wald verstecken soll, damit es morgen von Antonias Barbie-Puppen-Freundinnen gefunden und aufgefuttert werden kann. Der Laden mit dem meisten Kunstschnee an den Fensterscheiben ist ein Pralinenladen. Und dort habe ich für fast zwanzig Euro Marzipanschweine gekauft. Erstens, weil Antonia Marzipan nicht mag, und zweitens, weil ich finde, dass Schweine für eine Schnitzeljagd die passenden Tiere sind.
Es gab zwölf Schweine in dem Laden, ich brauchte aber nur zehn. Die Verkäuferin fragte mich, ob ich die anderen beiden nicht auch nehmen wollte. Und in der Tat war der Anblick von zwei verlassenen Marzipanschweinen in einer Holzkiste nicht schön. Noch bevor ich antworten konnte, nahm die Verkäuferin die Tiere aus ihrem Pferch und legte sie zu den anderen.
»Ich schenke sie dir«, sagte sie, »soll ich sie dir als Geschenk einpacken?« Und ich sagte »Bitte« und »Danke« und steckte mir eine Hand voll echter Karamellbonbons ein, die neben der Kasse standen.
Als ich aus dem Pralinenladen trat, wartete Olaf auf mich. Er hatte mein Fahrrad erkannt, als er zufällig vorbeifuhr. Wir sind ins Kino gegangen. Es gab einen »Krieg der Sterne«-Film. Er war nicht schlecht und die Bonbons haben ebenfalls okay geschmeckt. Nach dem Kino ist Olaf nach Hause gefahren, und ich habe meine Mutter angerufen, dass ich bei Olaf bin, damit sie sich keine Sorgen macht. Aber es war zu spät.
»Hast du das Paket schon versteckt?«, fragte sie.
»Klar, beim alten Kastanienbaum«, log ich.
»Gott sei Dank. Ich dachte schon, du bist immer noch im Wald. Bei der Dunkelheit und Kälte.«
»Nee, nee«, sagte ich.

2
Als Erster über ein verschneites Feld zu laufen ist so ähnlich, wie im dunklen Kino zu sitzen. Außer Olaf und mir wollte nur ein Liebespaar den Film sehen. Als die Türen zugingen, habe ich mich in den Sessel gedrückt, die Füße angezogen und gegen den Vordersitz gestemmt. Ich fühlte mich ganz klein. Die paar Augenblicke, bevor die Werbung anfing, hörte man absolut nichts. Und der große leere Kinoraum war wie ein schwarzes Loch im All, durch das man aus der Galaxie fällt.
Auch jetzt, hier draußen, im Dunkeln und bei der Kälte, ist der Raum unüberschaubar. Erst verliert man das Gefühl für die Entfernung und dann auch für die Zeit. Ich höre nur das Stapfen meiner Schritte, wenn die verharschte Schneedecke unter mir bricht und mein Fuß in den Pulverschnee unter der Eiskruste einsinkt. Dunkel, wie meine Mutter gedacht hat, ist es nicht. Am Wochenende war Vollmond und nur ein paar vereinsamte Wolken huschen über den Himmel. Die Nacht ist hell, aber farblos. Das Licht scheint von unten nach oben. Der Schnee leuchtet hellblau.
Vor knapp einer Woche fing es an zu schneien. Das Thermometer an der Sparkasse zeigte an, dass es wärmer wurde. Und bei minus drei Grad staubten die ersten Flocken vom Himmel. Ein samtiges Rieseln wie sich auflösende Materie in einer Zeitmaschine.
Tatsächlich wurde es aber kälter. Jedenfalls hat das Camilla gesagt und sich mächtig mit unserem Erdkundelehrer angelegt. Und obwohl ich meistens von Camillas ständigem Widersprechen und Besserwissen genervt bin, muss ich zugeben, dass sie diesmal Recht hat. Was nützt ein Thermometer, das anzeigt, dass es wärmer wird, wenn die Kälte, die davor trocken und gut zu ertragen war, auf einmal wie mit Nadelspitzen durch alle Ritzen dringt. Man kann nicht mehr Fahrrad fahren, weil einem das Gesicht vor Schmerzen abfällt, und in den großen Pausen drängeln sich alle vor dem Eingang, weil jeder der Erste sein will, der wieder reindarf. Seit gestern ist die Luft endlich wieder kälter geworden – und besser auszuhalten.
Es ist eine komische Vorstellung, dass die Luft, die ich gerade einatme, schon mal in Sibirien war. Das behauptet jedenfalls unser Erdelehrer. Er meint sogar, dass die Kälte etwas mit der Klimaveränderung zu tun hat. Olaf hat nachgefragt, wie es denn sein kann, dass es kälter wird, wenn sich die Erde doch erwärmt. Der Erdelehrer hat erklärt, dass die Eisberge am Nordpol schmelzen, wenn es zu warm wird. Und dann verteilt sich das ganze Schmelzwasser im Meer und macht den Golfstrom nieder, der von Amerika kommt und dafür sorgt, dass es hier keine Mammuts mehr gibt. Ohne Golfstrom kühlt Europa aus wie eine gigantische Gefriertruhe. Ich denke an meinen Vater. Der hat neulich rausgefunden, dass in Deutschland die Einwohnerzahl pro Jahr um eine halbe Million zurückgeht. Er ist Volkswirt und rechnet immer die unmöglichsten Dinge aus. In seinem Arbeitszimmer steht ein Computer. Manchmal darf ich ein bisschen mit ihm spielen und im Internet surfen, aber meistens sitzt er selbst daran und schaut sich seitenweise Statistiken an. Als ich ihm das mit der Klimaverschiebung erzählt habe, hat er gelacht und gesagt: »Vielleicht wird Deutschland ja wieder zur Steppe.« Aber ich schätze, er hat Unrecht. Ein Teil des Landes säuft ab, der andere wird zu einer riesigen Schneewüste. Wenn es dann allerdings aussieht wie hier auf dem Feld, ist das nicht das Schlechteste.
Ich gehe jetzt langsamer und stelle mir vor, ich habe schon eine lange Wanderung hinter mir. Meine Schuhe sind Reiterstiefel, aber mein Pferd ist schon längst geschlachtet und von mir und meinen Kameraden aufgegessen worden. Ich streiche mir über das Kinn und fühle einen zotteligen Bart, an dem Eiszapfen hängen. Seit vierzehn Tagen habe ich mich nicht mehr rasiert und seit doppelt so langer Zeit nicht mehr geschlafen. Der Rucksack auf meinem Rücken ist ein Tornister. Oben darauf ist eine löchrige Decke geschnallt, die ich in einer Scheune gefunden habe. Die war bis zum Dach eingeschneit und ich musste die Dachluke als Tür benutzen. Unter dem Tornister baumelt ein Kochtopf, in dem meine Männer und ich Schnee einschmelzen, um mal was Warmes zu trinken. Gegessen haben wir, nachdem das Pferdefleisch alle war, nichts mehr.
Weiter rechts taucht jetzt der Waldrand auf, wo ich die Marzipanschweine verstecken will. Ein leichter Wind weht mir von dort entgegen. Ich schnaube mir mit dem Finger die Nase aus. Und plötzlich fängt vor mir in einer Bodensenke die Erde an zu leben. Für einen Moment wuselt alles wild durcheinander. Dann prescht ein Rudel Rehe davon. Ich ducke mich in den Schnee und die fliegenden Punkte verschwinden im Wald.

3
Ich erreiche den Wald. Der Mondschatten der Bäume schluckt das Licht. Die kahlen Zweige krallen sich in meine Jacke, als ich durch das Unterholz krieche, um auf den Waldweg zum Kastanienbaum zu kommen. Ein Ast verheddert sich im Träger meines Rucksacks. Ich fluche leise, befreie den Rucksack und trage ihn den Rest des Weges in der Hand. Nun ist es doch ein wenig unheimlich. Auf dem Feld sah man wenigstens, dass man alleine war. Aber hier auf dem Weg zwischen den gefrorenen Stämmen ist alles bedrohlich. Düster, reglos, stumm und tot. Ich fange an zu joggen, um es schnell hinter mich zu bringen. Ich will nach Hause und habe Eisklumpen als Füße. Für einen Moment überlege ich umzudrehen. Ich könnte morgen Englisch schwänzen und dann das Fresspaket in aller Ruhe bei Tageslicht verstecken. Ich bleibe stehen, weil ich nicht weiß, was ich machen soll. Allmählich gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit.
Quer auf dem Weg in etwa zwanzig Meter Entfernung liegt ein dickes Holzstück. Vielleicht ist es auch ein Stein. Ich laufe direkt darauf zu. Es ist nicht mehr weit bis zur Kastanie.
Plötzlich wird der Stein auf dem Weg lebendig. Er macht einen Satz zur Seite. Starr vor Schreck bleibe ich stehen. Für ein Reh ist das Tier zu klein. Ich kneife die Augen zusammen. Es ist ein Hund. Ein riesiger Schäferhund. Jetzt erkenne ich seinen Schwanz und auch den Kopf mit den Ohren. Er hat mir das Gesicht zugewandt und rührt sich nicht. Mir bricht Angstschweiß aus und in meinem Nacken zieht sich der Muskel zusammen. Ich habe lange genug Zeitungen ausgetragen, um vor solchen Kötern einen Höllenrespekt zu haben. Um mir Mut zu machen, rede ich mir ein, dass dies ein ganz armseliger kleiner Kläffer ist, der bei dem leisesten Anzeichen von Gegenwehr den Schwanz einkneift. Also gehe ich weiter. Einen Schritt, dann noch einen. Der Hund rührt sich nicht von der Stelle. Aber ich höre nun sein Knurren. Und ich kann ihn riechen. Er stinkt wie ein verlauster Bettvorleger. »Hau ab«, rufe ich. Statt abzuhauen legt der Hund die Ohren zurück und bleckt seine Zähne. Eine sehr lange Zunge hängt aus seiner Schnauze. Aus dem Maul dampft es. Ich stehe jetzt nur noch wenige Schritte von ihm entfernt und kann sein Gebiss deutlich sehen. Die Reißzähne sind spitz und lang wie ein Finger. Sein Gesicht sieht merkwürdig schlitzäugig aus. Schräg und eng beieinander stehen die Augen und die Backen wirken durch das struppige Fell wie aufgeplustert.
Der Schäferhund ist kein Schäferhund. Vor mir steht ein Wolf. Meine Knie schmelzen unter mir weg. Mir wird schlecht und die Panik schlägt dumpf in meinem Kopf um sich. Das Knurren des Wolfes wird zu einem rasselnden Zischen. Aus den Augenwinkeln schiele ich nach etwas, mit dem ich mich verteidigen kann, einem Stein, einem Knüppel. Aber da ist nur der umrisslose Weg. Nichts was ich in den Bruchteilen von Sekunden erreichen könnte, die mir blieben, bevor der Wolf mich niederreißen würde. Einzig den Rucksack mit den Marzipanschweinen halte ich noch immer in der Hand. Ich packe ihn fest und schleudere ihn mit aller Kraft gegen den Wolf. Dabei stoße ich einen Schrei aus, wie ich ihn noch nie von mir gehört habe.
Durch den Wolf fährt ein Ruck. Schneller als ich sehen kann, wirft er sich herum und hetzt in den Wald. Auch meine Erstarrung löst sich. Ich spurte den Waldweg zurück, renne, so schnell ich kann. Die kalte Luft beißt mir in die Lungen. Aber ich bleibe nicht stehen. Nur einmal stolpere ich über eine Wurzel und schlage mir das Knie an einem Stein an, rapple mich sofort wieder auf und renne weiter.
Der Waldweg führt mich in das nächste Dorf. Als ich die ersten Häuser erreiche, bleibe ich keuchend stehen und japse nach Luft. Ich drehe mich um und blicke zurück. Hinter mir liegt der Wald, schwarz, schweigend und weiß eingefasst von den Feldern.
Aus den Fenstern der Häuser fällt Licht, Fernseher flimmern blau. Noch nie kam mir der alberne Weihnachtsschmuck so tröstlich vor.

4
Mein Fahrrad steht drei Kilometer weiter weg am Feldrand, wo ich es an einen Zaun geschlossen habe. Mein Fahrradschlüssel ist im Rucksack.