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Monika Renz
Hinübergehen
Was beim Sterben geschieht
Annäherungen an letzte Wahrheiten
unseres Lebens
KREUZ

© KREUZ VERLAG

in der Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2011

Alle Rechte vorbehalten

www.kreuz-verlag.de

 

Datenkonvertierung eBook: le-tex publishing services GmbH

 

ISBN (E-Book) 978-3-451-33694-2

ISBN (Buch) 978-3-451-61029-5

Einleitung

Was ist gutes Sterben?

Die Formulierung ist riskant. Können wir beurteilen, was gutes Sterben ist? Gut zu sterben ist für viele zum selbstverständlichen Anspruch im Bedürfniskatalog des Ichs oder zur letzten Pflichtaufgabe in der To-do-Liste des Lebens geworden. Ob am Schluss eines genussreichen oder am Ende eines von Entbehrungen geprägten Lebens, zu guter Letzt erhofft man für sich noch das gute Sterben.

Doch worin besteht es? Ist es der plötzliche Tod nach einem Unfall oder bei Herzversagen? Monate todkranken Daseins und Leidens bleiben einem so erspart. Umso unerbittlicher trifft es die Angehörigen, die keine Chance erhielten, sich zu verabschieden. – Oder ist gutes Sterben langsames Gehen und Sich-Verabschieden, das zugleich viel Leiden und Mit-Leiden zumutet? Stirbt gut, wer bis zum Schluss verdrängt? Oder ist gutes Sterben zugleich bewusst durchlebtes Leiden und Abschied nehmen?

Gutes Sterben sei, so die einen, wenn man möglichst viel im Leben gesehen und erlebt habe, und dies selbst noch unter dem Vorzeichen einer illusionären Hoffnung auf Genesung.

Gutes Sterben sei, wenn es gut aufhöre, sagen andere.

Gutes Sterben sei »einverstandenes Sterben«, meinte eine Patientin, der ich diese Frage einmal stellte. Gemeint war ein Sterben im Einverständnis mit sich selbst, was voraussetzt, dass Körper und Seele reif sind für diesen Schritt.

Gutes Sterben sei »erlebtes Sterben«. Auch diese Antwort begegnet mir immer wieder, etwa im Gegenüber von Patienten, die es trotz Schmerzen ausdrücklich ablehnen, medikamentös in Schlafzustände versetzt (»sediert«) zu werden. Sie wollen wachen Sinnes auf ihren Tod zugehen. Eine Frau formulierte, sie wolle »dabei sein, wenn es geschieht«.

Gutes Sterben sei schmerzloses Sterben, sagen wiederum andere, die sich am liebsten möglichst frühzeitig und dauerhaft sedieren lassen möchten. Mit dem Risiko freilich, dass Angehörige sie in diesem Zustand nicht mehr erreichen können; und auch auf die Gefahr hin, dass ein seelischer Prozess unterbrochen wird und sie deshalb vielleicht wochenlang gerade nicht sterben können.

Einmal schwingt Angst, Verzweiflung oder eine letzte Hoffnung mit; dann brauchen Menschen sachkundige Information. Ein andermal aber muss hinter Sterbewünschen eine Geisteshaltung der Ansprüchlichkeit und darin ein unausgesprochenes Besitz- und Machtdenken sichtbar gemacht werden. Sterben wird dann nämlich fälschlicherweise der Kategorie des Habens und Bestimmens zugeordnet, während ein Sterben in der Regel einfach geschieht, wenn der Körper reif ist und Menschen angekommen sind in einer Kategorie des Seins. Haben oder Sein, Macht versus ein tiefes Bezogensein – das ist die Alternative menschlicher Existenzweise, beim Sterben nicht anders als im Leben (vgl. Renz 2008).

Was also ist gutes Sterben? Kann die Frage nach dem guten Sterben aus der Sicht ichbezogenen Denkens und Wünschens überhaupt beantwortet werden? Steht die so gestellte Frage nicht im Widerspruch zu dem, was Sterben natürlicherweise ist: etwas unserem Wollen Vorenthaltenes, das dem sterbereifen Ich schlussendlich geschenkt wird? Jedes Sterben ist individuell, Zumutung und Erlösung in einem. In gewisser Hinsicht zu früh und in anderer zugleich zu spät. Immer bleibt etwas halb ausgesprochen oder halb abgeschlossen zurück, immer ist da – neben allem Ergreifenden – in irgendeiner Hinsicht auch ein emotionaler Abbruch. Sterben ist Bruch. Der Tod beendet Leiden und gleichzeitig kulminiert das Leiden der trauernden Angehörigen. Sterben ohne Leiden gibt es – ehrlich gesagt – nicht.

Was geschieht im Zugehen auf das Sterben?

Sterben ist ein Prozess. Können wir verstehen, was Menschen hier durchleben? Können wir unterstützen, wo das Leid zu groß ist oder der Prozess aus unbekannten Gründen stockt? Was müssen wir – über das Medizinische und Pflegerische hinaus – wissen? Welche Empathie braucht es, um im Unfassbaren solcher Not adäquat begleiten und unterstützen zu können? Kann ich mich als Begleiterin in äußerstem Respekt gegenüber einem letzten Geheimnis mit-ergreifen lassen von dem, was sich an dieser Todesgrenze ereignet?

Palliativmedizin und Palliativpflege haben sich in den letzten Jahren sehr entwickelt, vor allem im Menschlichen, in der Kommunikation und in der Symptomkontrolle (vgl. Pantilat 2009, Pellegrino 2002, Ferrell 2008). Ärzte nehmen die Gefühle der Patienten ernst, ihre Hoffnungslosigkeit ebenso wie ihre Hoffnung, ihre Weltanschauung, ihre Sehnsucht nach Spiritualität. Würdezentrierte und familienzentrierte Therapiekonzepte sind entstanden (vgl. Chochinov 2005, Gaeta 2010, Price 2010).

Trotzdem bleibt der Blick einseitig fokussiert auf die formulierbaren und somit auch mehr oder minder bewussten Bedürfnisse Sterbender. Sterbebegleitung wird aus der Optik des sehenden, des rationalen und selbstbestimmten Ichs heraus festgelegt. Das erweckt den Anschein, als könne Sterben »gestaltet« werden. Zahlreiche nonverbale Signale, eigentliche Prozesse und Veränderungen im Erleben Sterbender bleiben dabei freilich unberücksichtigt. Und komplexe Situationen wie »total pain« (totaler Schmerz) werden zwar gesehen, aber, wenn aus ich-bezogenem Blickwinkel betrachtet, oft nicht verstanden.

Was fehlt, ist der Sinn für den Sterbeprozess als ein Ganzes, einschließlich der Frage des Wovonher und Woraufhin und damit des energetischen Ausgerichtet-Seins dieser Menschen. Notwendig wäre eine Sichtweise, welche nicht primär Dogmen und Weltanschauungen gegeneinander ausspielt, sondern Fragen stellt: Fragen an die Sterbenden und ihre Innenwelt, an ihre Wesenszüge und Ungelöstheiten, Fragen an ihre Verzweiflungen ebenso wie an ihr unbeschreibbares Glücklichsein, Fragen auch ans letzte – offen bleibende – Geheimnis.

Meine zwölf Jahre Sterbebegleitung am Kantonsspital St. Gallen lehrten mich, dass trotz allem letztlichen Nicht-Wissen ein Verstehen dessen, was im Seelisch-Geistigen in Todesnähe geschieht, für eine kompetente Sterbebegleitung grundlegend ist. Ein solches Verstehen gehört mit zur Basis für eine adäquate Palliativmedizin und -pflege. Es bewahrt ebenso vor einem Zuwenig an Betreuung wie vor dem Zuviel, das manchmal bis hin zu Wellnessangeboten geht, welche den Bedürfnissen Sterbender nicht mehr entsprechen. Nur ein Verstehen der Komplexität der Symptome und ein respektvolles Sich-Annähern auch an die Innenwelt Sterbender ermöglicht eine indikationsorientierte Sterbebegleitung. Zu erkennen, was diese Menschen wahrnehmen und fühlen, hilft auch den Angehörigen in ihrer oft schwierigen Gratwanderung zwischen Mitgehen und Loslassen. Verstehen trägt auch dazu bei, dass Verzweiflung und Gefühle von Ohnmacht abnehmen und dies zugunsten von seelischer Kompetenz und einer Haltung des Staunens.

Ziel dieses Buches ist es zum einen, mein »Wissen« rund um den Sterbeprozess einer breiten Öffentlichkeit vorzulegen. Es möchte Fachleute – Ärzte, Pflegende, Therapeuten, Seelsorger – ebenso ermutigen wie Angehörige und interessierte Laien. Es formuliert wichtige Fragen und Thesen mit Blick auf die weiterführende Forschung. Und es verschließt sich nicht den für alle Theologie und Religion wichtigen letzten Fragen – der Eschatologie. Eschatos, griechisch, bedeutet das Letzte, auch Letztliche; hier geht es also um die Lehre der letzten Dinge. Das Buch geht einer solchen nach anhand der »Bilder von Sterbenden und für Sterbende«. Damit ist die Absicht verbunden, sowohl uraltes apokalyptisches Gedankengut von Kulturen und Religionen zu beleben, als auch letzte Fragen offenzuhalten.

In all dem will das Buch Anstöße vermitteln zu einer breiteren Bewusstseinsbildung rund um die Frage, was gutes, im wahrsten Sinne des Wortes menschen-würdiges Sterben sei. Unsere Kultur hat einmal eine »ars moriendi« (Kunst des Sterbens) ausgebildet; und die Fähigkeit, mit Tod und Sterben human und würdig umzugehen, gehört zu den immateriellen »Gütern« unserer Kultur, die wir nicht mutwillig aufs Spiel setzen sollten. Ein Anliegen dieses Buches ist auch, die Sensibilität für dieses schützenswerte Kulturgut zu vertiefen und damit auch das Staunen über das Großartige, das sich an der Grenze ereignet.

Ich danke den vielen Helfern im Hintergrund. Mein erster Dank geht an PD Dr. Florian Strasser, Palliativmediziner und Onkologe, St. Gallen, der begeistert von meiner Art, Sterbende zu begleiten, auch verstehen wollte, was ich da tat und warum. Über ein ganzes Jahr hinweg stellte er mir Fragen über Fragen und kritisierte unklare Formulierungen. Er wollte, dass es gelinge, das Wichtigste in Kürze zu sagen. Und er unterstützte meine Fachkompetenz auch auf der Station. Ebenso sehr danke ich Dr. Daniel Büche, Palliativmediziner, St. Gallen und Wien, der dieses Manuskript im Detail studierte und kritisierte und mir äußerst hilfreiche Rückmeldungen und Anregungen gab. Diesen beiden verdanke ich den Mut, mich überhaupt nochmals zu äußern. Der dritte große Dank geht an Dr. Miriam Schütt, Research Assistent, für Recherchen und Korrekturen und ihren unermüdlichen Einsatz im Dienste der Sache. Meinem Chef, Prof. Dr. Thomas Cerny, Onkologie St. Gallen, danke ich sehr für den mir großzügig gewährten Raum für die wissenschaftliche Forschung.

Mein Dank geht ferner an Dr. med. Gisela Leyting, Supervisorin, Psychiaterin und Psychoanalytikerin, an meine Kollegen Rolf Kirsch und Michael Péus, an die Ärzte Dr. Urs Hess, Direktor Dr. Daniel Germann, Prof. Dr. Beat Thürlimann, PD Dr. Silke Gillessen und Dr. Dieter Köberle, an Prof. Dr. Ursula Renz, Philosophie Klagenfurt, und an Prof. Dr. Patrick Renz, Leiter der Stiftung Aid Governance für Entwicklungszusammenarbeit1, an Mona Mettler und Marlis

Haas, Palliativ- und Onkologie-Pflegende, und insbesondere an meine Mutter Helen Renz, Psychologin und Theologin, für ihre wiederkehrenden Fragen und Denkanstöße zum Thema. Ein ganz spezieller Dank gebührt allen Patienten und Angehörigen, die mir ein Stück ihres Weges anvertrauten und zur Publikation einstimmten. Mein herausragender Dank gilt dem Cheflektor des Verlags Herder, Dr. Rudolf Walter, und seiner Frau, Dr. Karin Walter, der Programmleiterin des Kreuz-Verlags, die begeistert vom Konzept und hellhörig für die Dringlichkeit der Sache sich für eine umgehende und auch schöne Publikation einsetzten. Mein letzter und persönlichster Dank geht an meinen Mann Jürg!

 

St. Gallen, im Oktober 2010

Monika Renz

 

 

1 Webseite: www.aidgovernance.org

1. Was geschieht im Sterbeprozess?

Die Quintessenz meiner zwölf Jahre Sterbebegleitung am Kantonsspital St. Gallen kann in nachfolgender These zusammengefasst werden. Sie ist hervorgegangen aus einer Fülle von Erfahrungen mit ca. 800 Sterbenden. Ihr liegen phänomenologische Beobachtungen von Zuständen, Aussagen und nonverbalen Signalen Sterbender zugrunde, auch von Reaktionen auf meine Interventionen, sowie deren wissenschaftliche Auswertung in drei Forschungsprojekten2. Die These lautet:

 

Im Zugehen auf den Tod lässt sich bei vielen Sterbenden ein sog. Übergang beobachten, der wesentlich in einer Wandlung ihrer Wahrnehmungsweise besteht (dying as a transition and a transformation of perception). Alles Ichhafte: was ICH wollte, dachte, fühlte, alle auf das Ich bezogene Wahrnehmung und alle Bedürfnisse im Ich treten in den Hintergrund. Eine andere Welt, ein anderer Bewusstseinszustand, andere Sinneserfahrungen und dementsprechend eine andere Erlebnisweise rücken näher – all dies unabhängig von Weltanschauung und Glaube. Sterben ist ein Prozess.

Nähere Ausführung

Der Tod als Tor hinein in einen Bereich, über den wir nichts wissen, scheint bereits im Vorfeld des Todes wirksam zu werden und eine fundamentale Wandlung der menschlichen Persönlichkeitsstruktur und des menschlichen Bewusstseins voranzutreiben. Das Geheimnis des Todes ist, den Reaktionen Sterbender zufolge, ebenso anziehend wie furchtauslösend und vor allem unumgänglich. Sterben ist mehr als ein körperliches Ableben, mehr auch als ein seelisch-geistiger Zerfall. Hier geschieht ein nochmals Anderes, etwas, das sich dem Auge des Zuschauenden entzieht.

Genauer betrachtet scheint ein »Ich-Tod« (St. Grof) dem eigentlichen Tod vorauszugehen. Mit Ich-Tod ist der Untergang im Ich gemeint: Nicht nur geht das Ich verloren, sondern auch alles, was an dieses Ich gebunden war und zu diesem Ich gehörte. Alles auf ein Ich bezogene Wahrnehmen (ich sehe, ich höre), alles Empfinden als ein Ich (ich habe Angst, Freude, Hunger), alles Mitteilen und Differenzieren als ein Ich (ich spreche, ich unterscheide, ich will) kommen an ein Ende. Das kann man sich nicht umfassend genug vorstellen: Das Ich als Subjekt aller Wahrnehmungen und alles Denkens, als zentrale Steuerungsinstanz im Menschen, wird unwesentlich. Stattdessen taucht der auf sein Sterben zugehende Mensch ein in Zusammenhänge und Wahrnehmungen von ganz anderer, ganzheitlicher Art. Das Wort ›ganzheitlich‹ darf dabei nicht verkürzt – etwa reduziert auf das Ganze von Körper, Geist und Seele – begriffen werden, sondern meint das Ganze schlechthin, welches Materie und Energie, Schöpfer, Schöpfung und Geschöpf umfasst. Diese Annäherung ans Ganze geschieht nicht kontinuierlich, sondern – wie jeder seelisch-geistige Prozess – sprunghaft, meist in mehrfachem Hin und Her, Vor und Zurück. Dieser Prozess führt durch Krisen hindurch (krisis, griechisch, bedeutet »Meinung«, im Sinne einer mit einer problematischen Umwendung verbundenen Entscheidung). Er führt manchmal auch an den Tiefpunkt, zu einer eigentlichen Katastrophe. Doch der Sterbeprozess bleibt dort nicht stehen, gerade nicht, sondern führt von innen heraus in ein Neues, Künftiges. Das entspricht dem ursprünglichen Wortsinn: Katastrophe meint eine radikale Hindurchwendung, Umwendung (kata, griechisch, heißt: herab, nieder, völlig, über, hindurch).

Es sind die Sterbenden, welche uns eine Ahnung davon vermitteln, was jenseits dieser unsichtbaren Bewusstseinsschwelle und ausserhalb der Zone des Ichs geschieht – ja, dass da offenbar überhaupt etwas geschieht. Einige künden staunend von etwas Unbeschreibbarem: »ohhh«. Andere formulieren oder bestätigen kognitive Worte wie »Durchgang«, Dritte erleben in Bildern wie etwa »Ich falle« oder in apokalyptischen Dimensionen: »Das Schwarz frisst mich auf« und später: »Jetzt wird das Schwarz vom Hellen und seinen Engeln besiegt«. Viele Sterbende werden irgendwann – unverstehbar – einfach friedlich. Selten einmal geht ein inneres Leuchten von ihnen aus. Ich spreche in all dem von einer spirituellen Öffnung.

 

Was in solchermaßen ich-fernen Zuständen geschieht, so mein Fazit, hat am ehesten mit dem Phänomen der Wahrnehmung zu tun. Etwa können sich die Dimensionen von Zeit und Raum/Ort so stark verändern, dass das Ich weder folgen noch verstehen kann. Es gibt Erfahrungen von Gleichzeitigkeit und Zeitlosigkeit, von der Überwindung aller räumlichen Begrenzung, aber auch vom Gefangensein in engen bis verzerrten Raumverhältnissen, insgesamt Erfahrungen von grosser Freiheit, überpersonaler Sinnfindung, aber ebenso grosser existenzieller Angst und Verwirrung (vgl. Moody 1988, Parnia 2006). »Unverständlich!« kommentiert ein Sterbender seinen eigenen Versuch, dies zu beschreiben. »Hier musst Du Deine Augen schließen«, träumen Patienten. Oder sie hören innerlich Worte wie »Hier musst Du Dein Gewand ablegen«. – Hier gelte es, die Schuhe auszuziehen, das Gesicht zu verhüllen, lehren uns die heiligen Schriften des Alten Testamentes (Ex 3,4–6. 1 Kön 19,13). Ein Gebot also, das nicht an ein über-ich-haftes »Muss« gebunden ist, sondern ein Geschehen von unbedingter Art umschreibt und die Nähe zum Heiligen charakterisiert: Hier ereignet sich eine Transformation menschlicher Wahrnehmungsweise. Hier geht es um einen Übergangsprozess vom Ich zum Sein, von der Eigenmacht zum Angeschlossen-Sein.

Die sich verändernde Wahrnehmung, dieser Übergang scheint der primäre seelisch-geistige Prozess im Sterben zu sein. Ob Menschen wollen oder nicht, »es« ereignet sich. Alle tiefere Kraft der Sterbenden ist unsichtbar fokussiert auf das Bestehen dieses Geschehens. Andere Aspekte von Sterben wie Abschiednehmen, Wortfindung, Angst und Verzweiflung sind als »Daraufhin oder Davonher« zu begreifen. Sie sind wichtig und doch irgendwann erstaunlich sekundär (vgl. mehr dazu Kap. 6).

Das Übergangsgeschehen kann kaum vorsichtig genug ins Wort gebracht werden. Alle Worte sind Metaphern, Versuche, das Unfassbare zu fassen. Wir können uns hier – so nahe beim Geheimnis – kaum respektvoll genug ausdrücken. Zurückhaltung ist angesichts der bleibenden Individualität jedes Menschen aber auch angebracht. Sterben ist individuell, das Geheimnis jeder Person und damit ihre ureigene Annäherung ans letzte Geheimnis nicht minder.

 

 

2 Renz, M. (2000, 2008b): Zeugnisse Sterbender. Todesnähe als Wandlung und letzte Reifung. Paderborn: Junfermann. – Hier geht es um Fragen wie: Was erleben Menschen in Todesnähe? Welche Signale kommen uns entgegen? Worauf reagieren sie, wie können wir helfen?
Renz, M. (2003): Grenzerfahrung Gott. Spirituelle Erfahrungen in Leid und Krankheit. Freiburg: Herder. Überarbeitete Neuauflage 2010: Freiburg: Kreuz. – Wichtige Fragen sind: Wie erleben heutige Menschen Spiritualität? Was bedeutet, auch begrifflich, Spiritualität? Auch die Frage von Gott im Leid.
Renz, M. (2008): Erlösung aus Prägung. Botschaft und Leben Jesu als Überwindung der menschlichen Angst-, Begehrens- und Machtstruktur. Paderborn: Junfermann. – Hier geht es primär um das Aufschlüsseln einer Prägung der condition humaine. Botschaft und Leben Jesu werden daraufhin bezogen hinterfragt und gedeutet. Prägung, so der Inhalt des dritten Forschungsprojektes, zeigt sich wesentlich an der Schwierigkeit, loszulassen, und dies selbst auf den Tod hin.
Forschungsmethode der teilnehmenden Beobachtung, der partizipierenden, auch evaluierenden Forschung.

2. Davor – Hindurch – Danach: drei Stadien im Sterbeprozess

2.1 Wandlung ist mehr als Weg

E. Kübler-Ross, Pionierin im Bereich Sterbebegleitung, spricht von fünf Sterbephasen: Nicht-wahrhaben-wollen, Zorn, Feilschen, Depression, Zustimmung. Der Sterbeprozess scheint nach Kübler-Ross wie der Trauerprozess ein Durchgang durch Aufbäumung und Gefühlsintensität zu sein, bis schließlich so etwas wie Einwilligung geschieht. Soviel kann ich aus meinen Erfahrungen bestätigen. Darin – wie auch im Mut, mit Sterbenden zu kommunizieren – erkenne ich einen bleibenden Wert in den Werken von E. Kübler-Ross. Dennoch bleibt eine solche Sicht für mich hinter dem Geheimnis des Sterbens zurück. Kübler-Ross beschreibt nicht das, was spezifisch auf das Sterben hin geschieht, sondern einen inneren Weg bis zur Einwilligung, wie er nach jedem Diagnoseschock und Schicksalsschlag ansteht, wo immer es um den Verlust von Leben und Liebe oder eines geliebten Menschen geht.

Vor dem Sterben ereignet sich aber mehr als nur dies, nämlich Wandlung. Weg und Wandlung sind zweierlei. Ein Weg ist für das Ich nachvollziehbar, vom Ich her »begehbar«. Er verläuft trotz allem Auf und Ab linear. Anders Wandlung: Hier stößt das Ich in solchem Ausmass an Grenzen, dass es aufhören muss zu denken, zu verstehen, zu erwarten, zu lenken. Es muss sich selbst als Ich preisgeben. Wandlung vor bzw. im Sterben steht am Übergang vom Linearen des Lebens zum Runden des Seins. Sie führt in ungeahnte Dimensionen hinein. In diese Wandlung und ein Loslassen wirklich einzuwilligen, darin liegt für mich eine der Schwierigkeiten im Sterbeprozess. Einwilligung ist eine Facette des Prozesses (vgl. 6.3). Bedingung, damit »es« sich ereignet, und zugleich Ausdruck des Ereignisses. Denn wenn Menschen Ja sagen können, ist das für sie bereits wie von innen geschenkt.

Was aber ist das Charakteristische im Sterbeprozess? Es ist die Radikalität, die dem Ende unseres Daseins als Ich innewohnt. Der Körper als Verkörperung (auch Verdichtung, Verstofflichung) dieses ich-bezogenen Subjekts stirbt! Und mit ihm – und das Sterben einleitend – verliert sich die Wahrnehmung im Ich und das Erleben als ein Ich. Sterben ist gekennzeichnet durch das sich verändernde menschliche Bewusstsein rund um dieses Ende herum.

Der Sterbeprozess, wie ich ihn verstehe, kann modellhaft in drei Stadien gegliedert werden. Demnach durchläuft der Mensch im Übergang dreierlei Zustände oder Befindlichkeiten, und dies nicht selten mehrfach. Ich spreche von einem Davor (vor einer inneren Bewusstseinsschwelle), einem Hindurch (über diese Schwelle) und einem Danach (nach dieser Schwelle), welches aber nicht als ›Jenseits‹ zu begreifen ist, sondern als äußerster Zustand noch im Diesseits.

Über ein ›Jenseits‹ wissen wir aus phänomenologischer Sicht nichts, selbst nicht bei all unserem Wissen über die Geschehnisse in Todesnähe. Über die Frage nach dem Jenseits wird im Glauben, in den Religionen gesprochen. Wo wir aber begrifflich von »Glaube« sprechen, ist das Eingeständnis, dass wir etwas nicht wissen, bereits gegeben. Dieses Buch möchte genau in dieser Doppelgesichtigkeit eine Annäherung ans ewige Geheimnis wagen: zwischen dem radikalen Ernst-nehmen der Zeugnisse Sterbender und der metaphorischen Aussagen von Religionen über Eschatologie (Lehre der letzten Dinge) einerseits und dem Wissen, dass wir nichts wissen, andererseits. Die Aufrechterhaltung dieser letzten Ehrfurcht scheint mir für einen würdigen Umgang mit Sterbenden und ihren letzten Fragen besonders wichtig zu sein. Wichtig auch im mündigen Umgang mit unserem vom aufgeklärten Geist geprägten Wissensdrang. In erster Linie finden in diesem Buch Aussagen über die Todesnähe, und zwar betrachtet als Schwellensituation, ihren Platz. Dementsprechend lassen sich auch die Sterbestadien – wie nachfolgend erläutert – näher nachvollziehen.

2.2