Ryōfū Pussel    Buddha-Café, Lovehotel und 88 Tempel

Ryōfū Pussel

Buddha-Café,
Lovehotel und
88 Tempel

Meine Pilgerreise in Japan

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Vollständige E-Book-Ausgabe der bei

© Theseus

Layout/Satz: Ingeburg Zoschke, Berlin

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ISBN E-Book: 978-3-89901-488-4

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Inhalt

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Karte von Japan und der Insel Shikoku mit den 88 Tempeln.

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Die ganze Pilgerreise ist ein über 1400 km langer Rundweg.

NAMO TASSA BHAGAVATO ARAHATO
SAMMĀ-SAMBUDDASSA

Ehre sei dem Arahat, dem Verwirklichten,
dem vollkommen aus sich selbst Erleuchteten

Ich nehme Zuflucht zum Buddhismus,
um zum Wohle aller Vollkommenheit zu erlangen.
Dies geschieht durch rechtes Verständnis,
rechte Gedanken, rechtes Handeln,
rechten Lebensunterhalt, rechtes Bemühen,
rechte Achtsamkeit und rechte Konzentration –
hier und jetzt.

Einleitung

8. Januar: Die Neujahrsfeierlichkeiten hier in Japan waren nun vorbei. Die geschäftigste Woche des ganzen Jahres wurde plötzlich von vollkommener Stille abgelöst. Ich erlebte diese plötzliche Stille sehr intensiv und erfreute mich daran. So beschloss ich, diese kommenden Tage und Wochen ganz ungestört zu verbringen, um an einem Buch über meine Pilgerreise zu schreiben. Ich möchte meine Erfahrungen mit Ihnen, verehrte Leserin, verehrter Leser, teilen.

So fragte ich den Oberabt des Klosters, in dem ich gerade praktizierte, ob es dort nicht einen Rückzugsort für mich gebe. Und ja, es stand der Raum der Nonne Yamashita zur Verfügung. Diese wunderbare alte Dame praktizierte mit uns, lebte aber neben dem Kloster, da der Schlafsaal und das Bad den Mönchen vorbehalten war. Sie war nach den Festlichkeiten bis auf Weiteres wegen Familienangelegenheiten zurück in ihr Heimatdorf gegangen, und so konnte ich dort für ein Weilchen unterkommen.

Es war ein viereinhalb tatami-Matten großes Zimmer mit einer Ziernische und einem kleinen Altar. Das war mehr als im Kloster: Da steht uns Mönchen jeweils nur eine tatami-Matte zu, also etwa 1,80 mal 0,90 Meter. Darauf meditieren, studieren, essen und schlafen wir. Mein Tagesablauf würde dem des Klosters ähnlich sein, und für die drei Mahlzeiten und das Bad würde ich ins Kloster kommen.

Nun hatte ich also ein neues Zuhause für die Zeit, in der ich dieses Buch schreiben würde. Ich wollte es in einem Stück schreiben, dabei aber auch zazen praktizieren. Es war eine alte Klause ohne Heizung. Das Fenster ließ, dieses frostigen Winters würdig, den eiskalten Luftzug durch, denn über die Zeit hatten die Fensterrahmen sich etwas verzogen. Ich verstopfte alle Ritzen mit Zeitungspapier, so gut ich konnte. Eine kleine tragbare Ölheizung stellte ich in die Mitte des Zimmers. Obendrauf kam eine Blechkanne, in der das Wasser erhitzt wurde. So hatte ich immer heißes Wasser für Tee, und die trockene Luft wurde gleichzeitig etwas befeuchtet.

»Der Winter ist kalt – aber dafür gibt es wenigstens keine Spinnen oder anderes Ungeziefer wie auf der Pilgerreise«, so baute ich mich selbst moralisch auf. Aus der schönen Lüneburger Heide stammend, war es mir einfach nicht möglich, mich mit Moskitos, Kakerlaken und Konsorten anzufreunden. Und so versuchte ich auf diese Weise, auch an diesem unangenehm kalten Winter etwas Gutes zu finden.

Ich zündete ein Räucherstäbchen an und verbeugte mich drei Mal vor dem Rollbild mit dem Bildnis des Buddha in der Ziernische. Ich verbeugte mich vor Buddha, vor mir und vor Ihnen. Ich bin dankbar für dieses Leben und auch dafür, dass ich meine Erfahrungen und Gedanken mit Ihnen teilen kann. Der helle Rauch stieg langsam empor.

Alle Religionen haben einen Begriff, um das allmächtige »ES« zu beschreiben. Die Christen nennen dies »Gott«, die Hebräer nennen den Schöpfer des Universums »Elohim«, der Islam nennt es »Allah«, die Römer hatten deren gleich mehrere, beispielsweise »Apollo«, »Mars«, »Jupiter«, die Hindus verehren »Brahma«, »Vishnu«, »Shiva«, Kühe und anderes …, aber was sind schon Begriffe. Der Buddhismus hatte schon immer etwas gegen Kategorisierungen. Unabhängig, welchen Glauben Sie pflegen: Ich schreibe dieses Buch mit dem Wunsch, dass wir uns des wunderbaren Geistes der Schöpfung bewusst werden. Wir Menschen haben verlernt, EINS zu sein mit uns selbst, mit den Menschen um uns herum, mit der Natur und mit der kosmischen Ordnung. Dieser Planet ist wunderbar – nur manche Menschen sind es nicht. Manchmal kommt es einem so vor, als herrschten nur Egoismus, Lüge, Gemeinheit und schlechte Gedanken. Dabei ist die Welt um uns herum so wunderschön. Lernen wir wieder, sie zu schätzen. Die grandiosen Schwingungen des Universums, die harmonische Einheit von allem – all dies war schon immer in uns. Aber, wie man im Zen-Buddhismus sagt, man muss den verstaubten Spiegel gründlich putzen, vom Staub befreien, um das ursprüngliche Gesicht darin widergespiegelt zu sehen. Dazu ist es notwendig, zu meditieren. Jeden Tag fünf Minuten – das ist zunächst schon ausreichend. Es muss aber eine tägliche Praxis sein. Wenn Sie jeden Tag meditieren, werden Sie innere Ruhe, Harmonie und Seelenfrieden erfahren. Dies wird sich auf Ihre Umwelt auswirken, Ihre Familie, Ihre Freunde, auf die Menschen, die Sie gar nicht kennen, die Sie aber trotzdem treffen: auf dem Weg zur Arbeit, in der Mittagspause … Der strahlende Diamant Ihres Herzens wird Ihre Umgebung erleuchten. Ihre Meditation wird selbst die tiefsten Schatten erhellen. Dann verstehen Sie: Es gibt keinen Grund, vor Sorgen nicht schlafen zu können. Es kann alles gut werden. Sie brauchen nicht schlecht gelaunt zu sein. Tag für Tag ein neuer Tag. Tag für Tag ein guter Tag.

Mein Augenarzt hier in Tōkyō hat ein Aquarium im Wartezimmer. Er stellte es zur Eröffnung seiner neuen Klinik dorthin. Alle Fische darin sind klein und bunt und schwimmen lustig vor sich hin. Ein Fisch aber wurde immer größer, länger und dicker. Er konnte nur in eine Richtung im Kreis schwimmen und musste dazu letztendlich immer seinen Körper krümmen. Armer Fisch. Obwohl er anfangs genauso wie alle anderen Fische war, entwickelte er sich weiter, und ihm wurde das Aquarium zu klein. Verstehen Sie, was ich meine? Fühlen Sie auch manchmal, dass Ihnen Ihr »Aquarium« zu klein geworden ist? Sie haben sich durch Ihre fleißige Praxis weiterentwickelt, aber Ihre soziale Umgebung hat sich nicht so sehr verändert. Mein Augenarzt setzte den Fisch in ein größeres Aquarium. Manchmal ist es notwendig, sich ein größeres Schwimmbecken zu suchen. Hören Sie auf Ihr Gefühl! Sagt Ihnen Ihre innere Stimme: »Es ist Zeit, aus dem Gewohnten auszubrechen«? Loslassen mag anfangs wehtun. Aber keine Angst: Am Ende wartet auf Sie das Geschenk des wunderbaren Geistes der Schöpfung. Sie finden zu sich selbst zurück. Das ist der wertvollste Diamant. Sie erhalten alles.

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Das Innere der Insel Shikoku

Glücklichsein wird einem aber nicht geschenkt. Sie müssen dazu eine bewusste Anstrengung machen. Karma bedeutet nicht, dass wir darauf warten, dass uns die guten Dinge in den Schoß fallen. Wir müssen unaufhörlich an uns arbeiten. Zazen-Meditation hilft dabei, uns ohne Vorbehalt zu betrachten. Dadurch können wir unseren »Diamanten« polieren. So bringen Sie den kostbarsten Edelstein zum Vorschein: Ihre eigene Buddha-Natur.

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Zeitsprung zurück: Ich lebte seinerzeit in Tōkyō, in der shitamachi. Das bedeutet auf Deutsch wörtlich »Unterstadt« und ist also eine Gegend der einfachen Leute. Meine Umgebung, mein »Aquarium«, engte mich im Laufe der Zeit zu sehr ein. Ich blieb aber nicht darin stecken. Ich hatte einen Traum. Dadurch verstand ich, dass es an der Zeit war, aus dem Gewohnten auszutreten. Ich bin dankbar, dass ich dazu die Kraft hatte. Meine Übung half mir auf meinem Weg. Deswegen glaube ich von tiefstem Herzen an das Gute, das uns das zazen schenkt.

Ich wollte mein Leben sich frei entfalten lassen. Ungehindert und vorbehaltlos. Was mochte wohl auf mich warten? Zazen lenkte mein karma aus Tōkyō heraus und hin zu einer Pilgerreise. Eine Reise zu den 88 buddhistischen Tempeln auf der Insel Shikoku in Japan wartete auf mich.

 Zu den Sanskritbegriffen bzw. japanischen Wörtern im Text finden Sie ein Glossar im Anhang.

Der Morgenstern am Kap Muroto

Früh am Morgen. Der Morgenstern schien hell am Firmament. Tränen des Glückes strömten über mein Gesicht. Eine unbeschreibliche, stille Freude erfüllte mich. Ich war eins mit dem wunderbaren Geist der Schöpfung, in Harmonie mit den Schwingungen des Universums. Nach vielen Stunden der Meditation: eins mit meinem ursprünglichen Selbst.

Die Wellen des Pazifiks brachen sich an der steilen Küste, an den Steinen links und rechts von mir. Ein lautes Getöse. Ich nahm es gar nicht richtig wahr, obschon ich mir meiner Umgebung ganz bewusst war. Doch dass ich völlig durchnässt und erschöpft war, verlor an Bedeutung. Und wieder brach sich eine Welle an einem Stein, auf dem ich saß. Und wieder durchdrang mein Bewusstsein eine weitere Stufe. Am Ende, beim Strahlen des Morgensterns, kam ich bei nichts an. Es gab nichts mehr, was zu durchdringen war: Ich war bei meinem ursprünglichen Selbst angekommen. Diesen unbefleckten Geist haben wir alle in uns. Nur sind wir uns dessen meistens nicht gewahr. Schon täglich fünf Minuten Meditation helfen uns, diesen Geist zu verwirklichen und zu reinigen.

Die ganze Nacht hatte ich hier in zazen-Meditation gesessen. Am Abend war ich am 24. Tempel der 88-Tempel-Pilgerreise auf der Insel Shikoku angekommen. Dieser Tempel heißt Hotsu-Misaki-ji, der Tempel am Kap Muroto. Der Name bezieht sich also auf seine Lage an eben diesem Kap. Hier, am südlichsten Punkt der Ostspitze der Insel, brechen sich die Wellen des Pazifiks an den Klippen und Felsen. Auf einem dieser Steine hatte im Jahre 792, in seinem 19. Lebensjahr, auch Kōbō Daishi gesessen und das buddhistische gumonjihō-Ritual praktiziert. Das erfolgreiche Bestehen bekräftigte seinen Entschluss, Mönch zu werden. Im folgenden Jahr ließ er sich dann ordinieren. Gumonji-hō ist das Morgenstern-Ritual. Während dieses Rituals wird das mantra des überirdischen Bodhisattva Kokūzō Bosatsu rezitiert. Ein mantra ist eine geheime Klangformel. Ein Bodhisattva ist ein Mensch, der hier in unserer Welt zum Wohle aller nach Erleuchtung strebt. Ein überirdischer Bodhisattva ist ein Wesen, das die Entwicklungsstufe eines Menschen überschritten hat. Es hat diese Welt transzendiert. Es steht uns bei und hilft uns Menschen. Es gibt deren 15, die uns auf dieser Pilgerreise unterstützen. Für eben diesen Bodhisattva lautet das mantra: »Nōbō akyasha kyarabaya om ari kyamari bori sowaka.« (Auf Deutsch etwa: »Verehrter Übermittler der kosmischen Ordnung, der eine Blumengirlande, eine Lotusblüte und eine mit Juwelen besetzte Krone trägt, Ehre sei Dir, Om.«) Während des Rituals rezitiert man dieses mantra und sitzt dabei in zazen-Meditation, bis der Morgenstern erscheint.

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Nachmittag am Kap Muroto

Zum Zeitpunkt, als Kōbō Daishi den Morgenstern erblickte, erlebte er völlige Erleuchtung. Die Legende sagt, dass er 100 Tage in zazen gesessen und dabei das mantra eine Millionen Mal rezitiert hatte. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Es symbolisiert aber seinen Fleiß und die Strapazen dieses Rituals.

Und genauso wie er vor über 1200 Jahren, in der gleichen Kleidung, saß ich nun auch auf einem Felsen in meiner schwarzen Mönchskutte. Ich meditierte. An derselben Stelle. Ich praktizierte ebenfalls dasselbe Ritual. Ununterbrochen rezitierte ich: »Nōbō akyasha kyarabaya om ari kyamari bori sowaka.« Unverändert wie seit Abertausenden von Jahren brachen sich die Wellen an den Steinen des Kliffs. Unverändert wie seit Anbeginn der Welt erschien pünktlich der Morgenstern. Er erstrahlte vor meinen Augen. In diesem Moment durfte ich vollkommene Harmonie und inneren Frieden erleben.

Der Sonnenaufgang über dem Pazifik war dann unbeschreiblich schön. Ich war dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte. Ist es nicht wunderbar, was das Leben bereithält, wenn man es sich nur frei entfalten lässt? Ich saß noch kurze Zeit in stiller Einkehr. Dann machte ich mich auf, zurück zum Tempel. Frühstücksreis wartete dort. Ich würde ihn im Garten des Tempels einnehmen. Dank des heißen, subtropischen Klimas war ich zwar nass, aber mir war nicht kalt. Auch wehte ein leichter Wind. Meine Kleidung trocknete schnell. Der Geist der Schöpfung denkt an alles. Alles ist gut und in Harmonie.

Außerdem würden in ein paar Stunden, pünktlich ab sieben Uhr morgens, die ersten Busse mit Scharen von japanischen Touristen und Pilgern ankommen. Denn dieser Tempel ist nicht nur berühmt, sondern auch umgeben von schöner grüner Natur, und der Blick auf das blaue Meer ist grandios. Der nächste Tempel, Nummer 25, wartete schon auf mich. Ein guter Grund, mich vor dem Eintreffen der Menschenmassen auf den Weg zu machen. Tempel Nummer 25 war sechs Kilometer entfernt. Dazu braucht man zu Fuß nur etwa zwei Stunden. Das war sehr nah. Zwischen Nummer 23 und 24 lagen fast 77 Kilometer. Dazu braucht man, wenn man ohne Pause pilgert, ca. 22 Stunden zu Fuß.

Mein Traum

Haben Sie schon einmal erlebt, dass Sie einfach etwas tun müssen? Dass kein Weg darum herumführt, etwas zu tun? Dass jede Faser Ihres Körpers Sie dahin zieht? Dass sich Ihre ganze Seele danach sehnt? Dann geht es Ihnen genauso wie mir mit dieser Pilgerreise.

Schon lange lebe ich hier in Japan und praktiziere den Weg des Zen. Zunächst erhielt ich 1992 eine Laienordination. Und im Jahre 2000 dann die volle Mönchsordination. Danach kamen viele der im Zen üblicherweise vergebenen Lizenzen, und im Jahre 2003 schloss ich meine »Ausbildung« ab. Mein japanischer Meister machte mich zu seinem Nachfolger. Somit sind viele Jahre der Praxis ins Land gegangen. Über diese erfüllten, aber auch teilweise schwierigen Zeiten berichtete ich in meinem ersten Buch. Ich möchte mich hier also nicht wiederholen. Eine der Hauptsäulen der täglichen Praxis in unserem Kloster ist die zazen-Meditation. Durch diese unaufhörliche Übung lernt man sich selbst kennen. Mein Meister sagte uns Mönchen immer wieder:

»Ihr erblickt durch eure unaufhörliche Übung euer ursprüngliches Gesicht,

das wahre Gesicht, das ihr hattet, noch bevor ihr geboren wurdet.«

Ohne mein willentliches Zutun geschah es, dass ich in Zeiten intensiver Meditation eine Art Rückführung in eines meiner vorherigen Leben erfuhr. Warum? Ich kann mir vorstellen, dass das Gehirn durch zazen tiefer und tiefer in Schichten vordringt, in denen sonst kaum zugängliche Bilder und Informationen gespeichert sind. Wenn sich der Geist während zazen reinigt und leer wird, treten diese dann an die Oberfläche des Bewusstseins und können so wahrgenommen werden. Diese Bilder zogen wie Wolken vor meinen Augen vorbei. Das ist keine wissenschaftliche Erklärung. Es ist aber das, was ich erfahren habe. So sah ich viele Szenen, von denen ich annehme, dass sie aus einem vorherigen Leben stammen. Aus diesen Szenen ergab sich ungefähr folgende Geschichte: Ich hatte auf der Insel Shikoku in der Präfektur Awa (heute heißt sie Tokushima) als Süßkartoffel-Bauer gelebt und hatte mein Herz an eine junge Dame des Nachbardorfes verloren, und sie ihres an mich. Da sie aber sozial höher stand, willigte ihre Familie in unsere Heirat nicht ein. Wir konnten nicht zusammenkommen. So war das früher. Ich war am Ende. So entschloss ich mich, meine tiefe Herzensqual durch eine Pilgerreise zu den 88 Tempeln meiner Insel zu beruhigen. Ich kleidete mich in die traditionelle weiße Pilgeruniform – Strohsandalen, weiße Beinschützer aus Baumwolle um die Unterschenkel gewickelt, weißer Kimono, Strohhut, weiße Unterarmschützer, ein Glöckchen am Gürtel hängend – und trug einen Wanderstab und hatte einen kleinen Kasten als »Rucksack« auf dem Rücken festgezurrt.

Früher durfte man nicht ohne die schriftliche Genehmigung des örtlichen Herrschers seinen Wohnort verlassen. Er stellte mir diese Art »Reisepass« ohne Probleme aus, denn die herzzerreißende Geschichte von mir und der jungen Dame war in der Gegend wohlbekannt. Dieser »Reisepass« musste in jeweils einem Tempel in jeder der vier Präfekturen der Insel Shikoku vorgelegt werden. So waren die Tempeleine Art Passkontrollstelle. Alle Ein- und Ausreisenden wurden registriert. Ich pilgerte allein. Zunächst besuchte ich einige Tempel in meiner Heimatpräfektur. Doch damals waren es gefährliche Zeiten, voller Unrast und Streitigkeiten unter den Klans. Es gab viele Kriege in jener Zeit. An einem Regentag im Sommer kam ich durch Zufall in solch einen Kampf. Es goss in Strömen. Der Lehmboden wurde zu einem weichen Brei. Links von mir die eine streitende Gruppe, rechts die andere. Ich versuchte, dem Geschehen zu entfliehen. Ich war doch nur ein einfacher Pilger. Doch ohne Erfolg. Ich wurde von Pfeilen durchbohrt, wand mich vor Schmerzen und starb dort auf dem matschigen Boden. Das war ca. im Jahre 1527. Meine letzten Gedanken galten dem Wunsch, dass ich meine Pilgerreise im nächsten Leben beenden könne.

Zeitsprung. Fast 500 Jahre später. Heute. Nachdem ich diese Rückführung erlebt hatte, erschien mir eine Gestalt im Traum. Es war ein buddhistischer Mönch, in das traditionelle Gewand gekleidet, mit dem kesa-Umhang über der linken Schulter, auf dem übergroßen Stuhl der Patriarchen in zazen sitzend, einen kleinen dorje (Donnerkeil) in der rechten Hand haltend und ein juzu (eine Art buddhistischer Rosenkranz mit 108 Perlen) in der linken; dazu seine Pantoffeln vor dem Stuhl und ein Gefäß mit heiligem Wasser rechts daneben. Er sagte zu mir: »Dōgyō ninin!« Ich wusste nicht, wer dieser Mönch war, noch, was dieser Satz bedeutete. So fragte ich meinen Meister. Ich erzählte ihm von meinem Traum und auch von meiner Rückführung. Er antwortete:

»Ryōfū, ich kann dir nichts dazu sagen. Nur du selbst kannst die Wahrheit erfahren. Niemand kann dir diese Verantwortung abnehmen. Finde mehr über die Insel Shikoku heraus. Dōgyō ninin bedeutet ‹zwei Buddhisten gehen zusammen›. Gehen kann auch Pilgern bedeuten. Mehr sage ich nicht. Meditiere darüber!«

Warum müssen sich diese alten japanischen Meister nur immer so wortkarg verhalten und geheimnisvoll tun? Nun ja, ich hatte ihn am Telefon befragt und hatte es damit vielleicht an Höflichkeit fehlen lassen. Eine persönliche Vorsprache wäre wohl besser gewesen. Japaner sind nun einmal kompliziert in solchen Sachen. Aber er hielt sich zu der Zeit in Hiroshima auf, und ich hatte ihn von Tōkyō aus angerufen. Ich entschloss mich, meine Freunde in Tōkyō über die Insel Shikoku zu befragen. Meine Umfrage dauerte nicht lange, denn jeder sagte das Gleiche:

»Shikoku?«

Denkpause …

»Ist das nicht die Insel im Süden?«

Weitere Denkpause …

»Da gibt es keine touristischen Attraktionen.«

Japaner denken praktisch …

»Ich glaube, diese Insel ist ganz arm, da gibt es nichts Interessantes.«

Wunderbar. Jetzt wusste ich auch nicht mehr über die Insel. So musste die örtliche Bücherei herhalten. Ich lieh mir ein Buch mit Fotos der Insel aus. Man sah grüne, unbewohnte Berge. Das Buch zeigte ich meinen Freunden, die auch dann noch keine große Reaktion an den Tag legten:

»Sieht aus wie Brokkoli.«

Weitere Forschungen – ohne meine Freunde – erbrachten, dass die Insel, auf der ich wohl mein letztes Leben verbracht hatte, die viertgrößte Insel Japans ist. Sie liegt im Süden, unterhalb von Kyōto und Ōsaka. Sie ist etwa 18 000 Quadratkilometer groß. Etwa vier Millionen Menschen leben auf ihr, meist an der Küstenlinie, wo Fischfang betrieben wird. Es werden auch Süßkartoffeln in Tokushima angebaut. Es ist eine arme Insel, und sie gilt als rückständig. Der Fortschritt des Hauptlandes ist an ihr vorübergegangen. Aber vielleicht gerade deshalb gelten die Menschen dort als sehr freundlich. Ich stellte mir vor, dass Japan vor ca. 100 Jahren so gewesen sein könnte.

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Wanderweg zum Tempel Nummer 45, Iwaya-ji, dem Tempel der Berghöhlen

Die Insel ist oval und wie eine Torte in vier fast gleich große Präfekturen geteilt: Tokushima, Kōchi, Ehime und Kagawa. Früher hießen diese: Awa, Tosa, Iyo, Sanuki. Die Berge reichen bis an die Küste heran und sind dicht bewachsen. Sie sind teilweise nahezu 2 000 Meter hoch. Es herrscht hier ein interessantes Klima: Unten an der Küste ist es oft sonnig und heiß, doch oben in den Bergen liegt Anfang April noch immer Schnee. Ich habe das selbst erlebt. Die Regenzeit, die die Berge oft unbegehbar macht, ist im Juni und Juli. Es gibt in dieser Zeit viele Taifune. Die Bergwege werden dann durch Sturm und Regen oft teilweise zerstört.