Eine Welt
oder keine

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Hans Jecklin

Umschlaggestaltung,

Eine Welt oder keine

Typografie/Satz: Wilfried Klei

©J. Kamphausen Verlag &

Foto Jecklin: Christian Helmle, Thun

Distribution GmbH, Bielefeld 2007

Druck & Verarbeitung Printausgabe:

Westermann Druck Zwickau GmbH

Datenkonvertierung E-Book:

Lektorat: Nadja Rosmann

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

ISBN E-Book: 978-3-89901-501-0

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Hans Jecklin

Dem Herzen vertrauen

Eine Welt
oder keine

Plädoyer für einen globalen
Bewusstseinswandel

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Geleitwort von Willigis Jäger

Unser Weg in eine für uns so wertvolle Individualität hat uns zugleich auch in die Isolation geführt. Obwohl in uns allen ein tiefes Bedürfnis nach Gemeinschaft besteht, schaffen wir es scheinbar nicht, in einer Völkergemeinschaft zu leben. Es klingt wie Ironie in dieser postmodernen Gesellschaft, dass es uns nicht gelingt, harmonische Beziehungen zueinander herzustellen. Wir halten unser aufgeblasenes und überzogenes Ich für unsere Mitte, so wie wir einmal die Erde für die Mitte des Weltalls gehalten haben. Dem Ego eine transpersonale Sichtweise zu vermitteln, scheint noch schwerer zu sein, als Menschen die unbedeutende Stellung des Staubkorns Erde am Rande der Galaxis klar zu machen.

Viele Länder dieser Welt verwenden horrende Summen ihres Staatshaushaltes für mörderische Waffen. Ein Drittel dieses Geldes würde ausreichen, allen Menschen eine ausreichende Ernährung zu garantieren. Unsere Nachwelt wird uns einmal als das Zeitalter bezeichnen, in dem die Menschen sich gegenseitig skrupellos umbrachten.

Die archaische Angst um unseren Fortbestand war es offensichtlich, die uns so egozentrisch werden ließ. Unser Gehirn war notgedrungen stark auf einen Überlebensmodus ausgerichtet. Wir besitzen auch heute noch diese archaisch-defensive Geisteshaltung. Sie ist auf Abwehr und Selbsterhaltung ausgerichtet. Sie beinhaltet ein konservatives Element, das sich gegen jeden Fortschritt wendet. Es sind uralte Muster, die sich heute noch als das einzig Wahre und Richtige tarnen und sich als „gesunder Menschenverstand“ ausgeben. Diese Defensivität entstammt sehr alten und mächtigen Feldenergien, die immer die Unterstützung der Masse, der Herde haben werden. Es ist sehr schwierig, diese defensive Haltung zu erkennen und zu spüren, wo sie uns hindert und wo sie regressiv wirkt. Dieser Überlebensmodus ist es, der uns egoistisch macht und gleichsam wie eine Negativschleife ständig in unser Bewusstsein zurückkehrt.

Worum es jedoch wirklich geht ist die Entdeckung der Einheit und Ganzheit, auf der das ganze Universum aufgebaut ist. Der Weg in eine höhere Verbundenheit führt nicht über die übliche Moral. Sie wird uns seit unserer Menschwerdung von Priestern und Lehrern gepredigt, hat uns aber keinen wesentlichen Schritt weitergebracht und wird uns auch nicht weiterbringen. Die Ebene des Überlebens liegt in einer Bewusstseinserweiterung, wie sie uns die spirituellen Wege aller Religionen lehren.

Das ganze Universum folgt einem inneren holistischen Gesetz, das wir rational nicht begreifen können. Uns diesem Gesetz mehr zu öffnen, scheint der einzige Weg aus der schwierigen Situation zu sein, in die wir hineingeraten sind. Es gibt eine Dynamik des Einen und Ganzen im Menschen, die nicht aus den Eigenschaften der Teile resultiert. Jeder Teil steht in einem untrennbaren Netz von Beziehungen. Wenn die Spezies sich nicht selbst vernichten will, muss sie Wege aus ihrer Ich-Eingrenzung finden. Dann begreifen wir, dass wir alle Maschen in einem untrennbaren Netz sind. Es geht darum, von dieser allzeit gegenwärtigen Einheit und Ganzheit nicht nur zu wissen, sondern sie auch zu erfahren. Das mag manchen als Utopie erscheinen, doch es ist die einzige Möglichkeit, die Ich-Isolierung des Menschen zu durchbrechen.

Neue naturwissenschaftliche Forschungen widersprechen Darwin. Nicht seine Abstammungslehre wird in Frage gestellt, jedoch seine Ideologie „Struggle for life“ – Kampf ums Dasein. Der Neurobiologe Joachim Bauer hat in seinem Buch „Warum ich fühle, was du fühlst“ darauf hingewiesen, dass das Kernmotiv der Natur Kooperation ist. Es gibt das „egoistische Gen“ nicht, das Richard Dawkins gefunden zu haben meint. Die neuesten Erkenntnisse der Physik sagen uns, dass am Beginn der Evolution eine phänomenale Kooperation steht. Die Evolution setzt Kooperation geradezu voraus. Mensch sein heißt daher kooperativ sein. Denn es ist das Biotop, das überlebt hat. Es gilt, im Menschen das Bedürfnis nach Selbsttranszendenz zu stärken. Selbsttranszendenz ist ein natürliches Wachstumsmotiv und resultiert aus einer eingepflanzten Sehnsucht nach der Einheit und Ganzheit, aus der wir letztlich kommen.

Das Buch von Hans Jecklin versucht uns genau diese Gedanken zu vermitteln. Es kommt aus einer tiefen Erfahrung und nicht aus abstrakten Spekulationen. Das gibt ihm seine Bedeutung. Denn es zeigt, dass es uns Menschen möglich ist, neue Bewusstseinsräume zu erschließen, die uns aus unserem Narzissmus heraus und in die Einheit führen können.

Willigis Jäger

Stimmen zum Buch

Hans Jecklin untersucht meisterhaft die tieferen Gründe der vielfältigen und verflochtenen Krisen, mit denen wir alle global wie lokal konfrontiert sind und die uns oft mit Sorge erfüllen. Doch er bleibt hier nicht stehen, sondern zeigt Auswege auf, die sich aus einem umfassenderen Bewusstsein ergeben. Wege, die wir im Kleinen wie im Großen gehen können. Hans Jecklin ist eine Stimme, die Mut macht.

Matthias zur Bonsen,
all in one spirit, Oberursel, Deutschland

Ein inspirierendes, hochaktuelles Buch, welches die brennendsten Fragen unserer Zeit in all ihren Facetten aufgreift und diese tiefgründig, mit liebevoll zugewandter Herzkraft ganzheitlich beleuchtet.

Annette Kaiser, Villa Unspunnen, Wilderswil, Schweiz

Umfassend in der Analyse der fortschreitenden Globalisierung der Gewalt, zwingt dieses Buch hinzuschauen und die Resignation zu verlassen. Wer dieses Buch liest, muss irgendwann erkennen: Ich bin Teil des globalen Konflikts, ich bin aber auch Teil einer möglichen Lösung. Der Autor lässt keine Zeit, sich in Schuldgefühlen zu vergraben, er führt die Leser behutsam auf Wege, die aus der Ohnmacht in die allumfassende Liebe führen.

Sabine Lichtenfels, Friedensdorf Tamera, Portugal

Dies ist ein im Wortsinn notwendiges Buch. Es macht deutlich, dass eine Globalisierung, die nur die Ausweitung der Märkte und die Erleichterung des Zugangs zu den ausbeutbaren geologischen und menschlichen Ressourcen zum Ziel hat und nicht auch die Ausdehnung der Verantwortung für alle Menschen, ja alle Schöpfung beinhaltet, zum Scheitern verurteilt ist. Es zeigt ohne viel Federlesens, mit gefühlter Gründlichkeit und nachvollziehbarer Dringlichkeit, die Not auf, in die wir uns hinein beschleunigen, und den kollektiven Bewusstseinswandel, der sie wenden könnte, wenn – ja, wenn wir das Bewusstsein entwickeln wollten, dass wir einander und unserer Mutter Erde ebenso viel zurückgeben müssen, wie wir nehmen.

Wolf Büntig, ZIST, Penzberg, Deutschland

Vorwort

Über Monate habe ich mögliche Titel für dieses Buch mit mir herumgetragen. Die Idee, es unter die Frage „Kollaps oder Wende?“ zu stellen, stand am Anfang, noch bevor ich den ersten Satz niedergeschrieben hatte. Doch wurde mir im Verlauf des Schreibens immer klarer, dass es für die Zukunft der Menschheit nur „Eine Welt oder keine“ gibt; und so wurde dieser Titel zum Favoriten. Dann, während eines Spaziergangs durch das schon fast winterliche Zürich, war es mit einem Mal klar: „Eine Welt oder keine“ sollte zum Hauptitel, „Kollaps und Wende“ hingegen zur Überschrift des ersten Teils werden.

Aus dem oder in der ersten Titelvariante ist dabei ein und geworden. Ohne Kollaps wird sich nichts wenden können; schon gar nicht zur Einen Welt, in der die Menschheit im Frieden mit sich und der Erde lebt. Im günstigeren Fall werden es innere Strukturen sein, die durch eine Metamorphose gehen müssen: Jene Gebilde der Angst, die Menschen, Völker und Nationen in Eigennutz und Machtstreben einkapseln. Widersetzen sie sich dem Wandel, wird es ihre Verlängerungen im Außen treffen: Sei es als Zusammenbruch der illusionär aufgeblähten Finanz- und Wirtschaftsstrukturen, als Vernichtung sozialer, kultureller und materieller Werte durch Terrorismus und Kriege oder als Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen für große Teile der Menschheit.

Die Wende zur Einen Welt setzt bewussten Wandel voraus. Ein Wandel, der nur geschehen kann, wenn wir sterben lassen, was nicht mehr lebensfähig ist. Also gilt es, schonungslos, aber mit wissendem Herzen zu ergründen, was sterben will, was in uns – individuell wie gesellschaftlich – der Geburt des Neuen im Wege steht. Dies kann kein einfacher Befreiungsakt sein, geht es doch um nicht weniger als um die Verlagerung des Ortes unser tiefsten Aufgehobenheit und Sicherheit von den äußeren Gebilden zum Urgrund unseres Seins.

Aus einer neuen Freiheit von den urtümlichen, seit jeher in uns wirkenden Überlebensimpulsen und ihren Konditionierungen, ohne die wir nicht wären, was wir sind, wird es leichter sein, sich eine Weltgemeinschaft vorzustellen, deren Wohlergehen die Basis für das Wohlergehen aller einzelnen Menschen, Völker und Nationen bildet.

Es liegt ja schon heute nicht daran, dass wir nicht wissen, was zu tun wäre, sondern daran, dass wir es nicht tun. Das notwendige Wissen über Handlungsweisen, Technologien oder politische Strukturen ist immens; was sich noch erst in Ansätzen zeigt, wird sich mit der Bereitschaft zum Wandel konkretisieren. Doch eben: Wandel macht Angst; sogar dann, wenn wir ihn selbst herbeiwünschen.

So ist es nur natürlich, wenn uns bei der Vorstellung, was globale Solidarität für uns – persönlich oder als Nation – konkret bedeuten könnte, Schwindel befällt: Sei es in Bezug auf materielle Privilegien, die einmal in Frage gestellt werden könnten, oder auch bei unseren Vorstellungen über die letzten Dinge. Wir tun gut daran, uns diesem Schwindelgefühl liebevoll zuzuwenden, damit wir mit seinem Wesen vertraut werden, und um nicht gerade dann auszuscheren, wenn der Wandel uns ganz persönlich, mit all unseren lieb gewordenen Abhängigkeiten meint. Täuschen wir uns nicht: Der alles entscheidende Schritt zur Einen Welt hin ist kein kleiner. Er kann allein gelingen, wenn wir „Dem Herzen vertrauen“ – aus einer unerschütterlichen, im Ewigen beheimateten Beherztheit. Deshalb habe ich diese Worte dem Buchtitel vorangestellt.

Für unsere Fähigkeit, zu wandeln und zu handeln, können wir auch selbst etwas tun. Im Anhang finden Sie einige Anregungen zur spirituellen Praxis, die ich selbst als hilfreich empfinde.

Bevor ich Sie nun einlade, mit mir zur inneren Reise durch dieses Buch aufzubrechen, will ich kurz innehalten: Zum Dank an das Wunder des Seins, das mich geschaffen und mit einer Vielfalt von Leben umgeben hat, die mich trägt, nährt und fördert – auf eine Weise, die mein Verstehenkönnen weit übersteigt.

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Man soll die Nacht nicht fürchten;
denn wenn wir sie ertragen,
wird sie uns einen neuen Morgen,
ein unverwechselbares Frühlicht
schenken.

Prolog – Mut zur Veränderung

Elend auf engstem Raum. Hunger. Gestank und Rauch aus den umgebenden Abfallbergen. Greller Wohlstandsmüll aus Lautsprechern und Bildschirmen. Dumpfe Flucht in Spiel und Alkohol. Hoffnungslosigkeit. Gewalt an Kindern und Frauen. Diese Eindrücke haben mich bis heute, nach über zehn Jahren, nicht losgelassen.

Mit einigen anderen, die gemeinsam besser verstehen wollten, was globales Bewusstsein wirklich bedeuten könnte, war ich für einige Wochen in die Philippinen gereist. Nun fand ich mich wieder: Mitten in einem der Slums von Manila. Mit leeren Händen – ohne eigenes Geld oder Geschenke – sahen wir uns ungeschützt der Gewalt der Eindrücke ausgesetzt; eine weise Rahmenbedingung, die uns vor den guten Taten bewahrte, mit denen wir uns sonst oftmals zu billig vor der eigenen Betroffenheit schützen.

So übten wir, uns mit leeren Händen von der schmerzhaften Wirklichkeit berühren zu lassen; zu erfahren, wie äußere Geschehnisse innere Wunden in uns selbst aufreißen; aber auch: Wie eine von aufgewühlten Emotionen verschleierte Sicht sich zu klären beginnt, wenn Schmerz, Wut und Ratlosigkeit am offenen Herzen zur Heilung und Ruhe kommen. Schicht um Schicht eröffneten sich so tiefere und weitere Zusammenhänge; bis wir realisierten, wie alle Beteiligten – Opfer, Täter, nicht anders als wir selbst – in ihre menschlichen Bedingtheiten verstrickt sind: In ein Gewebe von globaler Dimension mit vielen, auch grauenerregenden Gesichtern.

Mit dem Blick in die Tiefe und Weite wuchs das erst nur leise sich regende Mitgefühl zu einem kraftvollen, die Welt in ihrem So-Sein ganz umfassenden Strom an. Die unverstellte Schau auf dieses World Wide Web und seine Bedürfnisse führte uns allen schnell und klar vor Augen, wo und in welcher Form unsere individuellen Gaben wirkungsvoll zur Veränderung beitragen können: Zum Wohl der globalen Gemeinschaft wie für uns selbst.

Damals, im Slum, erschien mir spontan das Bild der Erde mit ihren Bewohnern: Ein lebendiger Organismus, übersät mit unendlich vielen Geschwüren. Sie sind alle äußere Symptome begrenzter Denk- und Handlungsweisen, die den Anforderungen der Gegenwart nicht mehr genügen. Unser kollektives Wertebewusstsein, unser Verständnis von Mitgefühl und sozialer Verantwortung, verlangt nach Erweiterung: Über die Grenzen von Ethnien und Nationen hinaus, in die globale Dimension. Dies ist die Wende, deren Teil ich sein will und zu der dieses Buch inspirieren soll.

Safranski, Rüdiger: Nietzsche. Biographie seines Denkens, Frankfurt 2002, S. 223

I KOLLAPS
UND

WENDE

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1 Ich bin der Weg

Ein neuer, wunderbarer Sommertag ist angebrochen. Kühl der Morgen; im Laufe des Tages wird es wärmer werden. Weit reicht der Blick aus dem Fenster in die Freiburger Landschaft hinein, die letzten sanften Hügel, die im Westen jäh zum Genfer See abfallen. Über dem bewaldeten Mont Gibloux zeichnen sich erste Wolkengebäude ab; noch sind sie ganz weiß, doch bis zum Abend mögen sie sich wieder zu dunklen, blitzenden und grollenden Türmen aufbauen. Gegenüber, am Hang, liegt ein friedliches Dorf in der Sonne, unten im Tal mäandert das Flüsschen Glâne glitzernd durch die Auenlandschaft. Direkt unter mir, über den hellgrünen Trieben der Eibenhecke tanzen die Insekten; davor das von uns, seiner lediglich vom Plätschern des kleinen Springbrunnens belebten Stille wegen, so benannte Gartenzimmer.

Schon am frühen Morgen habe ich mir aus dem Internet die neuesten Nachrichten hereingeholt: Krieg im Nahen Osten, Kriegsdrohungen anderswo, Geiselnahmen, Bomben, Raketen, Luftangriffe, Tote und Verletzte, Flüchtlinge vor rauchenden Trümmern. Politiker reden, schachern, verurteilen, warnen, drohen, rechtfertigen. Die Wirtschaft hat Aussicht auf Wachstum: Waffen, Wiederaufbau, Handelsfreiheit (zumindest für die Starken). Umweltzerstörung, Klimawandel, Feinstaub: Nur kein Zwang zu einschneidenden Maßnahmen; sie könnten die Stimmung verderben und Arbeitsplätze kosten – und wer sollte denn das alles zahlen können, wenn nicht eine prosperierende Wirtschaft?

Da sitze ich nun, brüte, sitze da, mitten in Wohlbehaltenheit und Fülle zwar, und doch mit kläglich leeren Händen. Leer. Einfach leer. Unendlich leer und stumm. Zaghaft wollen sich Worte formen. Sie sind mir nicht neu: „Ich bin der Weg.“ Der Suchende in mir, der ewige Sucher des Weges hat sie erstmals wirklich vernommen, als er erschöpft aufgab und sich danach sehnte, Einer zu sein, der nicht mehr zu suchen braucht. Das Jesuswort, er sei der Weg, die Wahrheit und das Leben, war seinerzeit, im Konfirmandenunterricht, ungehört an mir vorbei gegangen. „Ja“, höre ich es in mir antworten, „ich bin der Weg“. – „Hast Du einen Anfang und ein Ende?“ fragt die Stimme weiter. „Gibt es etwas, das Du nicht bist?“ und schließlich „Kann man Dich das Eine Sein nennen?“ Meister Eckhart, fährt es mir durch den Sinn: „Hier ist Gottes Grund mein Grund und mein Grund Gottes Grund. Hier lebe ich aus meinem Eigenen, wie Gott aus seinem Eigenen lebt.“ Es ist, wie wenn all’ diese Worte in mich herein fielen, wie Tropfen in den Teich, und sich in alle Richtungen ausbreiteten.

Noch immer sitze ich an meinem Tisch, vor dem Fenster; es ist weit geworden um mich, mein Wesen reicht unendlich viel weiter als die Sicht meiner Augen. „Bist Du auch die Eine Liebe?“ meldet sich die Stimme wieder und insistiert: „Gibt es etwas, das in Dir keinen Platz hat?“ Mein Herz klopft und vibriert. Die Brust ist weit offen, Platz für das ganze Universum. Meine Wahrnehmung fliegt durch die Tiefe des Raums, zwischen Sonnensystemen und Sternen, auf den blauen Planeten zu. Immer neu vermag dieses Bild mein Herz zu berühren und eine tiefe Liebe zu diesem Organismus Erde zu wecken. Und zugleich weiß ich: Hinter diesem Bild von Schönheit und Harmonie liegt anderes, das im Näherkommen zu Tage treten wird. Bilder von ruchloser Zerstörung tauchen auf, von Terror, Krieg und Mord, von Wunden und Verletzungen der Natur und der Seele, von Abgründen der Angst und Not – und da ist sie wieder, diese Leere: Schmerzende Ratlosigkeit.

Ja, alles ist Shiva“, höre ich den Bramahnen sagen. „Auch das extremste Dunkel, der äußerste Schmerz!“ Dies sei keineswegs naiv, bestärkte er mich, als ich ihn vor vielen Jahren über die Natur Gottes befragte. „Ja, das Herz ist immer stärker. Stärker als das äußerste Böse. Doch sieh’ Dich vor: Die Gesichter Gottes können grauenerregend sein. Und wenn sich Dein Herz vor ihrem Angesicht verschließt, wirst du zum hilflosen Spielball.“ – „Die Frage ist somit nicht“, schloss er, „ob das Licht Deines Herzens stärker sei als das Dunkel, sondern einzig, ob Du Dein Herz offen zu halten vermagst – unter allen Umständen, was immer auch geschehe.“

Seit diesem Gespräch bin ich auf meinem Herzensweg, mit wachsendem Vertrauen in die Wandlungskraft und Weisheit des Herzens; von ihnen weiß ich inzwischen, dass sie dann unversiegbar sind, wenn sie dem Einen, dem eigenen Grund, entspringen.

So will ich mich in den folgenden Abschnitten unserem Heimatplaneten nähern, indem ich Schale um Schale, wie bei einer Zwiebel, ablöse, und jede Schicht mit offenem Herzen nach ihren Lebensbedürfnissen befrage, auch wenn dabei die Augen brennen und tränen werden.

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2 Luft, Wasser und Erde – unser Lebensraum

Seit den späten sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts kennen wir das Bild der Erde aus der Perspektive des Weltraums: Die bläulich schimmernde Kugel vor der Tiefe des glitzernden Sternenteppichs. Ein Wunder, das unser Herz immer wieder und immer wieder neu zu berühren vermag. Unmittelbar und durch eine Qualität von Liebe, die nichts für sich will, die einfach ist, bedingungslos.

In der Annäherung lassen sich zuerst Luft, Wasser und Erde erkennen. Sie bilden unsere Lebenssphäre: Eine zart und zerbrechlich wirkende Hülle, die mit ihren 20 bis 30 Kilometern an Tiefe im Vergleich zum Erdradius von annähernd 6.400 Kilometern etwa so dünn ist, wie die Farbschicht eines Modellglobus. Bereits aus einer Entfernung von 10.000 Kilometern wird verständlich, dass Luft, Wasser und Erde im Spiel mit der Schwerkraft des Planeten und unter dem Einfluss der aus dem Raum wirkenden Strahlung der Sonne ein untrennbares System bilden; einen Organismus, unter dessen einzigartigen und relativ stabilen Bedingungen sich Leben bilden und entfalten konnte – Einzeller, Pflanzen, Tiere – und schließlich ein menschliches Bewusstsein, dessen Differenzierung uns heute den Blick auf das Werden des Universums gestattet. Ein hoch entwickeltes Bewusstsein, das im Zustand eindimensionaler Machttrunkenheit und der damit einhergehenden Blindheit für die subtilen Zusammenhänge auch das Potenzial besitzt, die fragile Ordnung unserer Lebenssphäre erheblich zu stören oder zu großen Teilen zu zerstören.

Die Auswirkungen der menschengeschaffenen Verschmutzung von Luft, Wasser und Erde sowie des Abholzens der großen Waldflächen, zeigen sich im Abschmelzen der Gletscher, dem Absinken der Grundwasserstände, dem Verlust an fruchtbarer Erde durch Versalzung und Verwüstung sowie dem Verschwinden der Lebensvielfalt in den großen Seen, Flüssen und Ozeanen. Wissenschaftler warnen davor, dass dies nicht nur das Aussterben von Pflanzen- und Tierarten zur Folge hat, sondern über die Vergiftung der Nahrungsmittelkette Gesundheit und Leben großer Teile der Menschheit bedroht; langfristig steht – über die Mutation der Gene – sogar die Fortpflanzungsfähigkeit der Menschen in Frage.

Wenn wir davon ausgehen, dass das Lebensziel der meisten Menschen in einem glücklichen und langen Leben besteht – was immer sie darunter verstehen – stellt sich auch gleich die Frage, wie dies durch die verschiedenen Bereiche menschlicher Tätigkeit und ihre Einrichtungen zu leisten sei: Durch Wirtschaft, Gesundheitspflege, Technologie, Erziehung und Ordnungspolitik, alle im Rahmen der unterschiedlichen kulturellen Wertvorstellungen. Wie immer wir es auch drehen: Nur unter enormer Steigerung der ökologischen Effizienz kann es mittelfristig gelingen, für immer mehr Menschen die äußeren Voraussetzungen für glückliche und lange Leben zu schaffen.

Längerfristig betrachtet stehen uns dazu nur jene Ressourcen und Materialien zur Verfügung, die innerhalb unserer Lebenssphäre – im Zusammenwirken mit Sonne, Luft, Wasser und Erde – sich laufend erneuern oder neu geschaffen werden. Sind sie einmal erschöpft, vergiftet oder abgebaut, so wachsen Luft, Wasser und Erde nicht mehr nach. Wohl können sie sich in einem großen Maß regenerieren, sofern ihnen die dafür notwendige Schonzeit eingeräumt wird. Die Dauer der Verfügbarkeit endlicher Rohstoffe spielt in diesem Zusammenhang eine untergeordnete Rolle: Für das Überleben unserer Art auf diesem Planeten sind die Grenzen der Belastbarkeit von Luft, Wasser und Erde entscheidend.

Kollaps oder Wende?

Während sich derzeit das Umweltbewusstsein der Menschheit tatsächlich exponentiell verbessert, entwickelt sich, zu unserem Unglück, das Maß der Übernutzung noch um Vieles schneller. Das Dilemma ist fast unlösbar, muss uns doch die Verbesserung der teils grauenvollen Lebensumstände in den Entwicklungs- und Schwellenländern ein dringliches Anliegen sein. Dass sich die Not leidenden Menschen dabei eine Art von Wohlstand vorstellen, wie wir ihn ihnen vorleben, ist verständlich. Wie sollen ausgerechnet wir ihnen glaubhaft erklären können, dass alle Anstrengungen, ihre Lebensqualität nach unserem Muster zu verbessern, unweigerlich zum beschleunigten Kollaps der globalen Lebenssphäre führen werden? „Wenn China den Standard der Industrieländer erreicht, werden sich Ressourcenausbeutung und ökologische Schäden auf der ganzen Welt ungefähr verdoppeln“, schreibt Jared Diamond in seinem Buch „Kollaps“. „Dabei ist schon zweifelhaft, ob auch nur die derzeitige Ressourcennutzung und die ökologischen Eingriffe auf lange Sicht haltbar sind. Irgendwo muss es zum Rückgang kommen. Das ist der wichtigste Grund, warum Chinas Probleme automatisch zu Problemen der ganzen Welt werden.“ Diamond führt uns eindrücklich die bisherige Unfähigkeit der Menschheit vor Augen, auf die Bedrohung ihrer Lebensbasis angemessen zu reagieren. Stattdessen betreibt unsere Gesellschaft ihr zerstörerisches Geschäft weiter. Um beim Beispiel China zu bleiben: Allein in Peking werden täglich um die 3.000 Autos neu in Betrieb genommen, im ganzen Land sollen es täglich über 20.000 sein: Autos, die in Zusammenarbeit mit den Produzenten der westlichen Industrieländer hergestellt werden; nach Konstruktionsprinzipien, welche der prekären Schadstoffund Energiesituation kaum noch Rechnung tragen. Das Auto, die Mobilität, scheint auf den chinesischen Mittelstand eine magische Anziehungskraft auszuüben, die alle anderen Überlegungen dominiert.

Eben so wenig lassen sich die hiesigen Konsumenten von den Nachrichten über die verheerenden Umweltschäden beeinflussen. Als Arbeitnehmer beklagen sie die Produktionsverlagerungen in die asiatischen Schwellenländer und profitieren gleichzeitig vom Preisvorteil der dort hergestellten Produkte. Dass dabei Luft, Wasser und Erde vergiftet werden, dass ein Strom wie der Gelbe Fluss über Monate hinaus kein Wasser mehr an die Mündung bringt, vermag auf Distanz nur wenige ernsthaft zu beeindrucken.

Die erste Fühlungnahme mit dem Leben in China – in den Großstädten und auf dem Land – hat mein Vertrauen auf die Nähe einer globalen Wende über alles Erwarten hinaus tief erschüttert. Es schmerzt unendlich zu sehen, wie in diesem riesigen Land ein Drittel der Bevölkerung die Luft materiellen Wohlstandes wittert und im Streben danach kostbare Ressourcen verschleudert und ökologische Schäden ungeheuren Ausmaßes in Kauf nimmt. Ebenso erschreckend ist die soziale Spannung zwischen den Superreichen, mit dem ihnen nacheifernden Mittelstand im Schlepptau, und der Mehrheit von 600 Millionen in trostlosen Verhältnissen lebenden Armen.

Der Optimismus, den die chinesischen Funktionäre und Wirtschaftsführer auf der von mir zu Beginn meines Aufenthalts besuchten Nachhaltigkeitskonferenz ausstrahlten, ist mir ein Rätsel. Die Aufgabe ist so riesig und die Situation so vielschichtig verstrickt, dass auch die Verfügungsgewalt des diktatorischen Regimes die notwendige Kursänderung nicht wird herbeizwingen können. Angesichts der wirtschaftlichen Morgenröte und ihrer Glücksverheißungen erscheint mir ein so radikales Umdenken auf breitester Basis als kaum vorstellbar.

So bleibt mir im Augenblick nur das Hinschauen und Annehmen. Die Hände zucken unter den hilflosen Handlungsimpulsen. Auf den ersten Blick gibt es nichts, das ich tun könnte, und auch nicht auf den zweiten. Nichts als hinzuschauen, mit offenem Herzen. Dort ist jedoch nur stechender Schmerz, und hilflose Wut rumort im Bauch. Ich weiß: Sie gehören beide zu mir. Ohnmacht zu ertragen, fällt mir schwer, und doch ahne ich, wie wesentlich es gerade jetzt ist, ihr nicht durch Ratschläge oder Aktivität ausweichen zu können.

Ich erlebe Ohnmacht als lähmendes Ungeheuer; nichts kann meinen Zorn mehr steigern als sie. Doch im Ausharren mit dem grauen Dämon erwärmt sich langsam das Herz. Nach und nach steigt jene weiche innere Stärke auf, die ich aus anderen Begegnungen mit meinen ungeliebten Seiten kenne. Ich beginne, die Bedrohung unserer Lebenssphäre nüchterner und zugleich in einem vorher nie wahrgenommenen Ausmaß zu verstehen: Ohne kollektiven Bewusstseinswandel, ohne die tiefe Einsicht, dass das Wohlergehen des Einzelnen von der Gesundheit unser aller Lebenssphäre abhängt, wird sich nichts nachhaltig verändern. Weder neue Technologien noch griffigere Gesetze allein vermögen die Wende zu bringen.

Die Ruhe und die warme Liebe, die mich jetzt angesichts grösster Bedrohung tragen, sind der Ariadnefaden, auf den ich mich im Weiter- und Tiefergehen verlassen mag.

Der „(un)happy Planet Index

Eben erst bin ich auf den erstmals publizierten „(un)happy Planet Index“ aufmerksam geworden; eine erfrischende Alternative zum herkömmlichen wirtschaftlichen Denken. Ganz anders als die Kennzahlen, mit denen die Prosperität der Länder üblicherweise gemessen und verglichen wird, beruht der neue Index nicht auf wirtschaftlichem Wachstum, Produktivität oder Konsum. Dafür stellt er den Bezug her zwischen Werten, die uns vor allen anderen interessieren: Die von der jeweiligen Bevölkerung empfundene Lebenszufriedenheit sowie die durchschnittliche Lebenserwartung werden der ökologischen Effizienz gegenübergestellt, mit der diese Lebensziele erreicht werden.

Die Resultate dieser Gegenüberstellung von lebenswerten Zielen und für sie aufgewendeten Ressourcen vermögen uns nicht wirklich zu überraschen: Wirtschaftswachstum und Lebensfülle sind zweierlei.