image

Originalausgabe:
Jaimal Yogis,
Saltwater Buddha, A Surfers Quest to find Zen on the Sea

Vollständige E-Book-Ausgabe der bei
J.Kamphausen Verlag & Distribution GmbH
erschienenen Printausgabe

Jaimal Yogis:

Satz: KleiDesign

Surfing Buddha

Cover: Philip Pascuzzo /

© J. Kamphausen Verlag &

Klei Design

Distribution GmbH, Bielefeld 2010

Druck & Verarbeitung Printausgabe:

Übersetzung:

Westermann Druck Zwickau GmbH

Frances Hoffmann

Datenkonvertierung E-Book:

Lektorat: Dirk Grosser

Bookwire GmbH

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über abrufbar.

ISBN E-Book: 978-3-89901-517-1
ISBN Printausgabe: 978-3-89901-292-7

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und
sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe
sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

JAIMAL
YOGIS

SURFING
BUDDHA

Der Ozean
und die Welle
des Zen

image

 

 

 

 

PROLOG

Das Meer ist immerfort im Fluss und wenn du viel Zeit in ihm verbringst, dann wirst du zu einer Art Flaschenpost, die eine Botschaft enthält; du weißt, dass du irgendwohin treibst, spürst, dass du so etwas wie ein Ziel hast, aber ebenso ist dir bewusst, dass du von den Winden und der Strömung abhängig bist und dass das Beste, was du tun kannst, in schlichter Hingabe besteht.

In letzter Zeit bin ich viel gesurft. Und das Leben im Salzwasser ist doch etwas vollkommen Anderes. Man wird irgendwie schlaff wie Seetang, aber gleichzeitig auch beweglich wie ein Aal. Ich schätze, man wird allmählich dem Wasser selbst immer ähnlicher. Im Tao Te King steht geschrieben: „Nichts auf der Welt ist so geschmeidig und nachgiebig wie das Wasser. Doch wenn es angreift, kann niemand seiner Macht und Kraft standhalten. Es gibt keine Möglichkeit, dies zu ändern.“

Dieses Buch ist ein Loblied auf das Wasser. Oberflächlich betrachtet, ist es eine Sammlung kurzer Erzählungen über meine Begegnungen mit dem Meer und meiner Zen-Praxis. In der Tiefe aber ist es einfach eine Predigt über das Wasser – jene Substanz, die das Leben erhält.

Ich bin weder ein Zen-Experte, noch bin ich ein professioneller Surfer. Aber ich unterhalte eine stete Liebesbeziehung zum Ozean, den ich im Laufe der Jahre, begleitet von zahlreichen Meditationen, inzwischen durch so etwas wie eine Zenfarbene Brille betrachte. Sollte ich also eine Botschaft in diesem leeren Gefäß tragen – und sollte sie sich nicht inzwischen im hereinfließenden Salzwasser aufgelöst haben – dann findest du sie in diesem Buch. Mögen die Winde sie an all jene Ufer spülen, an denen sie von Nutzen sein wird.

EINLEITUNG

Im Wasser sind alle Dinge „gelöst“.

Mircea Eliade

Ein Mensch, der unterwegs ist, lässt sich vor allen Dingen nirgends häuslich nieder. Die weißen Wolken sind verzückt von den grünen Bergformationen. Der widerscheinende Mond liebt es, sich von fließenden Wassern tragen zu lassen.

Hung-Chih

Ua ka ua, kahe ka wai.

Der Regen regnet, das Wasser fließt.

Hawaiianisches Sprichwort

Im Zen gibt es nichts zu erklären, nichts zu lehren, das dein Wissen bereichern wird. Solange es nicht aus dir selbst erwächst, kann kein Wissen dir je wahrhaftig von Nutzen sein, fremde Federn schmücken nicht.

D.T. Suzuki

Vor zwei Wochen bezog ich das Segelboot des Vaters meiner Freundin in Sausalito. Das Boot heißt Dulce. Sie ist 9 Meter lang, fast ganz weiß und die Fenster sind von einer lackierten Holzverkleidung umrahmt. Ihre Segel sind aus smaragdgrüner Leinwand.

Zuerst fand ich, dass die Dulce zu sehr schaukelte. Aber inzwischen wiegt sie mich in den Schlaf. Das Bett ist winzig; wenn ich mich darin einrolle und die Wellen gegen die Schiffshülle schwappen, ist das, als wäre ich wieder im Mutterleib: Nicht, dass ich mich an den Mutterleib erinnere, aber ich stelle es mir ungefähr so vor, wie das Schlafen im Bauch eines Segelbootes.

Ich segle eigentlich gar nicht. Mir geht es nur darum, auf dem Wasser zu leben. Nach einigen Jahren im Binnenland, in denen ich immer zur Küste fahren musste, um zu surfen, ist das Leben auf einem Boot für mich wie nach Hause kommen. „Wenn du zum Ozean zurückkehrst“, schreibt Thomas Farber in On Water, „dann erlebst du eine deiner wichtigsten Erinnerungen noch einmal neu, etwas, das dir einstmals sehr vertraut war – und dir wird klar, dass du dich ein Leben lang zu erinnern versucht hast.“ Ich finde gut, dass Farber schreibt „dir wird klar, dass du dich ein Leben lang zu erinnern versucht hast“ und nicht „dir wird klar, an was du dich ein Leben lang zu erinnern versucht hast“. Darin ruht die schlichte Wahrheit, dass du, sobald du dich vom Meer entfernst, nur allzu schnell vergisst, wonach du Heimweh hast. Doch die Spuren dessen sind stets präsent. Und wenn du zurückkehrst, sind da die salzige Luft, das unablässige Rauschen der Wellen, das, was Mark Twain als „die klaren Tiefen“ bezeichnet.

Basho, ein Zen-Mönch des siebzehnten Jahrhunderts, sagt in einem Haiku:

Mutter, die ich nie gekannt

Jedes Mal, da ich den Ozean erblicke

Jedes Mal

Vielleicht ist es unumgänglich, dass wir, die wir uns aus wasserhaltigen Amöben entwickelt haben und auch heute noch zu zwei Dritteln aus Wasser bestehen, eine so enge Verbindung zum Ozean spüren.

Vielleicht sind wir gar ein Teil im großen Plan des Wassers. Tom Robbins meint, dass Menschen (ebenso wie jedes andere Lebewesen) „vom Wasser geschaffen wurden, damit es sich selbst von Ort zu Ort transportieren kann.“

Farber erinnert uns daran, dass wir gar nicht so sehr vom Meer abgetrennt sind, wie wir vielleicht denken: Unsere Haut ist so glatt wie die eines Delfins oder eines Wals; wir können schwimmen; wir sind stromlinienförmig gebaut und von einer subkutanen Fettschicht umhüllt; sogar unser Blut entspricht der Beschaffenheit von Meerwasser. Und wie in den letzten Jahren von Freitauchern bewiesen wurde, sind wir sogar in der Lage, unsere Herzfrequenz genau wie Delfine und Wale derartig zu verlangsamen, dass wir in große Tiefen vordringen können – tiefer als 120 Meter ganz ohne Sauerstoff.

Der Ausblick vom Boot ist eindrucksvoll: Lichtpunkte flackern über der Bucht wie aufgehende Sterne. Das goldene Gras auf Angel Island erzittert unter den ersten Sonnenstrahlen. Ganz im Süden erhebt sich die Skyline von San Francisco, sanft gekrönt von einer Glocke aus Nebel – „eine Stadt, wie in einer Schneekugel“, wie es Anne Lamott einmal ausdrückte. Im Norden stellt sich der Mount Tamalpais wie eine grüne Pyramide den Winden entgegen und erschafft damit diesen heiligen Platz: Hier findet man eine Reihe der teuersten Wassergrundstücke dieses Planeten – teuer aber nur, wenn man nicht gerade auf dem Segelboot des Vaters seiner Freundin lebt.

Wie an vielen Morgen am Meer ist da ein schwacher Nebelstreifen zu sehen – Wasser in seiner geheimnisvollsten Inkarnation –, der sich über die Berge hinweg windet, um sie herum und durch sie hindurch und alles in ein uraltes und ungelöstes Licht taucht. Ich klettere wieder hinunter in die Kabine, einen engen Raum, in dem ich kaum aufrecht stehen kann, und setze mich auf die kleine Bank, verschränke meine Beine im Lotussitz: den linken Fuß auf den rechten Oberschenkel, den rechten Fuß auf den linken Oberschenkel. Der heutige Tag beginnt, wie die meisten meiner Tage, mit Zazen, einer kleinen Zen-Meditation.

Zen – dieses Wort ist heutzutage weit verbreitet und wird scheinbar meist zu Werbezwecken verwendet, wie in der aktuellen Werbekampagne für MP3-Player – „Find Your Zen“ – oder es dient als Name für Restaurants wie in San Francisco – Hana Zen, Now and Zen. Leider sind die meisten Menschen völlig ahnungslos, was Zen eigentlich bedeutet. Manchmal kommt es mir so vor, als wüsste ich es selbst nicht. Natürlich weiß ich, was das Wort bedeutet. Im wörtlichen Sinne ist Zen der japanische Ausdruck für einen Begriff aus dem Sanskrit, Dhyana, was sich frei als „Meditation“ übersetzen lässt. Besser übersetzt, bedeutet Dhyana allerdings „Konzentration in ihrer Vollkommenheit“, wie ich von einem meiner wissenschaftlich versiertesten Meditationslehrer erfahren habe, eine Konzentration also, die vielmehr umfassend ist als einschränkend.

Der Zen-Buddhismus entstand in China etwa im vierten Jahrhundert nach Christus, als ein südindischer buddhistischer Mönch namens Bodhidharma angeblich die Lehre des „Nur-Geist“ einführte und damit eine neue Linie im Buddhismus begründete. Durch ihre Einfachheit, Strenge und ihren Esprit konnte diese Tradition gedeihen und verbreitete sich schließlich in großen Teilen Asiens und erreichte im vergangenen Jahrhundert endlich auch Amerika.

Zen ist allerdings mehr als nur eine Strömung, mehr als einfaches Stillsitzen. Es ist weitaus mehr als ein ästhetischer Ausdruck und sicherlich mehr als ein Marketingkonzept. Und seine Definition ist möglicherweise ebenso unmöglich zu beschreiben wie seine Kernlehre. Einer der größten Vorreiter des Zen in Amerika, Shunryu Suzuki Roshi, sagte oft, Zen erkläre sich am besten selbst, wenn man einfach nur dasitzt.

Meiner bescheidenen Erfahrung nach ist Zen-Praxis so etwas wie die Rückkehr zum Wasser, es ist wie das Hinauspaddeln in die Brandung nach vielen Tagen ohne Wellen. Matthieu Ricard, der französische Biologe, der unter dem Dalai Lama ordinierte, beschreibt die Stufen der Meditation: „Schließlich wird der Geist wie das Meer bei ruhigem Wetter. Ab und zu kräuseln kleine Wellen abschweifender Gedanken seine Oberfläche, in der Tiefe aber herrscht ungestörte Stille.“ Wenn ich ganz still im Zazen oder auf meinem Surfbrett sitze, wird mir bewusst, dass ich irgendwie viel zu lange von mir selbst entfernt war, dass ich viel öfter dorthin zurückkehren sollte.

Für mich macht es durchaus Sinn, dass Surfen und Buddhismus einander in handfester Gestalt begegnen sollten, in Form eines Buches. „Das Surfen ist vor allen Dingen ein Glaube“, sagte Sam George, der frühere Herausgeber des Magazins Surfer. Und Surfer klingen oftmals wie Buddhisten, wenn sie von ihrer Kunst erzählen. „Und dann löste die Welt sich in Luft auf“, schreibt Steven Kotler in seinem Buch über das Surfen, West of Jesus. „Da war kein Selbst mehr, kein Anderer. Für einen Augenblick konnte ich nicht mehr sagen, wo ich aufhörte und wo die Welle begann.“ Das Foto, auf dem die Profisurfer Dick Brewer, Gerry Lopez und Reno Abellira am Fuße des Mount Tantalus mit gekreuzten Beinen neben ihren Surfbrettern sitzen und meditieren, hat sich wohl jedem Surfer tief eingeprägt. In der jüngeren Vergangenheit wurde der meditierende Profisurfer Dave Rastovich („Rasta“) zu einer Art Schutzpatron seines Sports: Er lehrt andere Surfer verschiedene Formen der Meditation und hilft in seiner Freizeit bei der Rettung von Delfinen und Walen.

Auf der anderen Seite benutzten viele buddhistische Lehrer den Vergleich mit dem Wasser, um Buddhas Lehren verständlich zu machen: Unbeständigkeit („Die Myriaden von Welten sind wie der Schaum des Meeres“, schrieb der chinesische Meister Yung-Chia im achten Jahrhundert), Karma und Reinkarnation (die Lebenskraft eines Menschen wird „das nächste Leben hervorbringen, so wie eine Welle die nächste Welle hervorbringt. Diese Energie wird niemals verschwinden, sondern sich immerfort in neue Leben ergießen“, heißt es im zwanzigsten Jahrhundert bei Meister Hakuun Yasutani) und die grundlegende Buddha-Natur im Wesen eines Jeden von uns (sie „ist wie das Meer und jedes Individuum ist wie eine Welle an der Oberfläche des Ozeans“, sagt Yasutani).

Mein absolutes Lieblingszitat zum Thema Zen und Surfen stammt jedoch von Suzuki Roshi, einem der Menschen, die dem Zen via Kalifornien – wo auch sonst? – den Weg nach Amerika bereitet haben. Suzuki gründete das Tassajara Zen Centre in Big Sur (in der Nähe eines der besten Surfgebiete an der Westküste) und mir gefällt der Gedanke, dass er wohl an Surfer gedacht haben könnte, als er Gedankenwellen mit den Wellen des Ozeans verglich. Er sagte: „Auch wenn die Wellen sich erheben, bleibt die Essenz des Geistes doch rein … Wellen sind die Bewegung des Wassers. Wenn du von Wellen ohne Wasser sprichst, ist das ebenso irreführend, als sprächest du von Wasser ohne Wellen.“

Genau: Genug geredet von seichten, ruhigen Teichen, in denen sich das Mondlicht spiegelt. Reden wir lieber von Wellen, von der spiegelglatten Meeresoberfläche und wie sie lebendig wird durch die wogende Dünung. Wenn Wellen die Bewegung des Wassers sind und Gedanken die Bewegung des Geistes, wäre es dann nicht herrlich, wenn jeder von uns Surfen lernte?

Es gibt Menschen, die sagen, das „Ziel“ des Buddhismus sei es, selbst zum Buddha zu werden – also zu erwachen. Und eine der allerersten Lehren des historischen Buddha, wie sie im Avatamsaka Sutra aufgezeichnet ist, besagt: „die Erde erklärt Dharma“, was, wie ich glaube, bedeutet, dass allein schon die Welt, in der wir leben, uns zeigt, wie Erwachen funktioniert. Und da der größte Teil der Erde vom Ozean bedeckt ist, glaube ich, dass es nicht übertrieben ist zu behaupten, dass du mit der richtigen Absicht und dem richtigen Bewusstsein beim Spiel mit den Wellen zum Buddha werden kannst.

Ich wurde von meinen Eltern in die Welt des Buddhismus eingeführt. Aber ich verliebte mich in ihn, als ich auf der High-school war und mich mit der Beat-Generation beschäftigte. Ich weiß noch genau, wie ich Kerouacs Gammler, Zen und hohe Berge las und fast weinte vor Freude, als Japhy (nach dem Vorbild des Beat-Dichters Gary Snyder) zu Jack sagt: „Ich lerne meine Bodhisattvas immer auf der Straße kennen!“ Ich konnte ja wohl kaum eine religiöse Tradition ergründen, in der ich die Wahrheit ganz allein finden sollte, ganz von selbst. Bald schon fand ich heraus, dass der historische Buddha betonte, dass ich sie sogar ganz allein finden musste. Sicher konnte ich Hilfe erwarten von den Drei Juwelen: Buddha, Dharma (den Lehren) und Sangha (der Gemeinschaft der Praktizierenden). Aber letztendlich hält uns Buddha dazu an, alles selbst auszuprobieren und eigene Schlüsse zu ziehen.

Die letzten Worte, die Buddha auf seinem Sterbebett sprach, lauteten: „Nichts, was ist, ist von Dauer. Sei fleißig und finde für dich heraus, worin dein Seelenheil besteht.“

So lächerlich es auch sein mag, ich glaube, dass ich genau das tue, wenn ich auf den Wellen reite und über den Saum unserer blauen Welt gleite.

TEIL 1

FORT VON DAHEIM

Als ich noch jung war, ein schwarzhaariger junger Mann in der Blüte seiner Jugend, in den besten Jahren seines Lebens, rasierte ich mein Haar und meinen Bart ab, legte die ockerfarbene Robe an und verließ – obschon meine Mutter und mein Vater es anders wünschten und viele Tränen vergossen – mein Zuhause und machte mich auf in die Heimatlosigkeit.

Buddha

Man fühlt sich wahrhaftig mikroskopisch klein und der Gedanke daran, in einen Ringkampf zu geraten mit diesem Meer, lässt den Nervenkitzel düsterer Vorahnungen aufsteigen, beinahe schon Angst. Immerhin sind sie eine Meile lang, diese Monster mit ihrem gewaltigen Schlund und sie wiegen tausend Tonnen und eilen weitaus schneller dem Strande zu, als ein Mensch laufen kann. Welche Chance hat man da schon? Überhaupt keine Chance, ist das Urteil des schrumpfenden Egos.

Jack London, als er über Wellen und seine erste Surfstunde berichtet

1. Als ich drei Jahre alt war, stationierte man meinen Dad auf einer Luftwaffenbasis der USA auf der Insel Terceira vor der Küste Portugals. Wir flogen in einem Militärfrachter dorthin, die Ohren verstöpselt zum Schutz gegen den Motorenlärm. Wir bezogen eine Wohnung in einem Lehmziegelhaus über einem Schuhladen, wo Männer in Wollpullovern Zigarren rauchten und streunende Hunde zum Betteln vorbeikamen.

Das war, bevor meine Eltern anfingen, sich zu streiten, einige Jahre vor ihrer Scheidung, und so waren wir noch eine vierköpfige Familie. Eine schöne runde Zahl, habe ich oft gedacht, ein gute Zahl.

Meine ältere Schwester, Ciel, und ich ergötzten uns unaufhörlich an den vielen Neuheiten der Insel: die Stierkämpfe auf den Pflasterstraßen, das Flickwerk aus Lavagestein, das die Berge zierte, die gezackten Klippen, gespickt mit alten Fischersleuten, die spuckenden Lamas. Wir adoptierten vierzehn Hundewelpen und fütterten sie mit Haferbrei. Wir bauten Burgen aus Schlamm. Wir erklommen die nebelverhangenen Berge auf der Suche nach Zauberern. Aber am meisten liebten wir den Strand.

Der praia – wie wir ihn nannten, um uns ein wenig wie Einheimische zu fühlen – lag direkt am Ende der Straße, ein Fußweg von zwei Minuten. Wir konnten ihn jederzeit hören und riechen. Der Strand war vollkommen von Müll übersät; die kleine Grenzmauer war getränkt mit Graffitis und Urin. Aber der Sand war weich und der Ozean Dank des Golfstroms herrlich warm.

Mein Dad brachte uns das Body-Surfen bei. Als Teenager war er als Surfer in New York gewesen (er gehörte zu den wenigen Dreisten, die in Jeans und Wollpullover mitten im Winter am Jones Beach surften) und später auf Hawaii, als er während des Vietnamkriegs auf Oahu stationiert war. Er erzählte uns oft nostalgische Geschichten von riesenhaften Wellen und wie er beinahe ertrunken wäre, Heldengeschichten eben. Dann lehrte er uns, wie man die Wellen beobachten muss, wie man genau im richtigen Moment aus dem Sand springen muss, damit die Welle einen auffangen kann wie ein Baseballhandschuh und wie auf einer Achterbahn weiterträgt.

In meiner Erinnerung ist der Atlantik tintenschwarz und rau wie zerknüllte Alufolie. Die inneren Wellen jedoch, auf denen wir ritten, waren von einem durchscheinenden bräunlichen Grün, voller Schlamm und gummiartigem Seetang. Die Wellen waren Furcht einflößend. Aber zusammen mit meinem Dad fühlten wir uns sicher. Er konnte uns hochheben und über das Wasser halten oder uns Halt geben inmitten der stärksten Strömungen.

Wenn endlich eine gute Welle heranrollte, lachten und kreischten wir. Dann drehten wir uns um und tauchten mit dem Gesicht unter, die Augen fest geschlossen, und hielten uns bei den Händen.

Wenn wir ordentlich durchgerüttelt waren, rannten wir zurück zu der großen gelben Decke, auf der Mom meistens lag und ein Buch las. Wir wärmten uns auf. Und dann redeten wir alle gemeinsam über die Inseln, erzählten uns Geschichten über ihre Fremdartigkeit und Magie.

Drei Jahre später wurde mein Dad wieder versetzt, diesmal zur McClellan Luftwaffenbasis vor den Toren Sacramentos, zwei Stunden entfernt vom nächsten Strand.

Es war gar nicht so übel dort im Tal. Ich schloss neue Freundschaften. Ich bekam ein BMX-Rad und ein Variflex-Skateboard. Mom arbeitete als Tagesmutter und so waren immer ein paar schreiende Kinder um uns herum, mit denen wir spielen konnten. Dann und wann fuhren wir vier an den Strand nahe San Francisco und redeten darüber, wie schön es doch wäre, wieder am Meer zu leben, wenn wir es uns nur leisten könnten. Irgendwann vielleicht.

Aber wir konnten es uns nie leisten. Nach einigen Jahren in der Vorstadt ließen meine Eltern sich scheiden. Und da waren wir nur noch drei – und das jedes Wochenende in einer anderen Kombination. Dann wandelte sich die Zahl der unmittelbaren Familienmitglieder: sechs, dann vier, dann wieder drei. Aber das war nicht schlimm. Es war einfach normal. Wir wuchsen ganz normal auf: mit Fußball und dem Schwimmteam, Bierpartys am Fluss, Feuerwerk und Football. Eine völlig normale amerikanische Kindheit. Ich kann mich nicht beschweren.

Aber das Meer ließ mir keine Ruhe. Ich konnte es nicht loslassen. Oder es ließ mich nicht los. Vielleicht auch beides.

2. Liebe Familie,

bitte macht euch keine Sorgen. Ich treibe mich irgendwo in der Weltgeschichte herum und rufe euch an, sobald ich angekommen bin. Ich hatte ein paar Träume, die mich glauben ließen, dass ich eine Veränderung brauche und sie hier nicht finden würde. Es tut mir Leid. Ich habe mir etwas Geld von Moms Kreditkarte genommen und entschuldige mich dafür. Ich habe vor, es zurückzuzahlen, sobald ich mich niedergelassen habe. Ich liebe euch sehr.

Jaimal

Als meine Mom diese Nachricht auf dem Kopfkissen in meinem Zimmer fand, war ich bereits mit einem One-Way-Ticket unterwegs nach Hawaii. Ich war in der Junior Highschool und hatte mir mit Rasenmähen und dem Verkauf von alten Baseball-Karten ein paar Hundert Dollar zusammengespart. Zusammen mit den 900 Dollar, die ich von der Kreditkarte meiner Mom gestohlen hatte (und die ich tatsächlich zurückzahlte), besaß ich gerade genug, um ein herrliches neues Leben im Paradies zu beginnen.

Während des ATA-Fluges bereiteten uns Filme von Wasserfällen und Frauen in Hula-Röcken auf die Inseln vor. Je weiter wir uns vom Festland entfernten, desto deutlicher spürte ich, wie die Fesseln der Jugend sich von mir lösten. Ich las gerade ein Buch über das Leben Buddhas, über den ich schon eine Menge wusste, dank der Tatsache, dass ich bei so genannten „New-Age“-Eltern groß geworden war. (Die Bibliothek bei uns zu Hause könnte locker einen Buchladen füllen.) Aber ich las das Buch noch einmal, denn durch die Geschichte Buddhas fühlte ich mich etwas besser angesichts meines Davonlaufens. Ich betrachtete mich als einen, der – ganz ähnlich wie Prinz Siddhartha – sein Zuhause hinter sich zurücklässt, um die Wahrheit zu finden.

Siddharthas Geschichte begann folgendermaßen: Geboren wurde er als Prinz im heutigen Nepal vor ungefähr 2500 Jahren. Bei seiner glückverheißenden Geburt sagte ein Wahrsager zu seinen Eltern, dass Siddhartha entweder ein großer spiritueller Lehrer sein und dafür sein Königreich aufgeben oder aber ein gewaltiges Gebiet erobern und ein starker Herrscher sein würde. Sein Vater hoffte auf Letzteres, darum versuchte er die Leiden der Welt vor seinem Sohn zu verbergen – Alter, Krankheit, Tod. Er fürchtete, wenn sein Sohn das Leiden kennenlernte, würde ihn das zu einer spirituellen Suche führen. Also veranlasste der König, dass sein Sohn im Palast ausschließlich von Schönheit und Jugend umgeben war und versuchte ihm weiszumachen, die Welt sei ein Rosengarten. Natürlich erkannte Siddhartha, der ein ungewöhnlich schlauer junger Mann war, schon sehr bald, dass all das gelogen war, und als er zum ersten Mal das Leiden außerhalb des Palastes erblickte – Leichen, Lepra, Hunger und asketischer Verzicht –, war er überwältigt von Mitgefühl und leistete einen Eid, etwas zu unternehmen.

Vermutlich ahnte er da bereits, dass Leiden im Geiste entstand und auch im Geiste enden konnte. Aber er wollte auf Nummer sicher gehen. Er gab sein Königreich auf, verzichtete auf alle Annehmlichkeiten, um als wandernder Bettelmönch das Ende des Leidens im Inneren zu finden.

Ich liebte die Geschichte Siddharthas. Viele Meilen über dem Pazifik dachte ich darüber nach, wie ähnlich wir uns waren, der Prinz und ich. Meine Eltern hatten die ihnen anerzogenen Religionen, Katholizismus und Judentum, hinter sich gelassen und auch Ciel und mich dazu erzogen, die Hindu-Tempel zu besuchen. Da ich mitten in der Hochphase der Hippiezeit meiner Eltern geboren wurde, bekam ich sogar den Namen eines indischen Heiligen: Baba Jaimal Singh. Und es konnte wohl auch kaum ein Zufall sein (so glaubte ich), dass der Name meiner litauischen Großeltern auf Yogis abgekürzt wurde. Meinem Empfinden nach, war es mir genau wie Siddhartha bestimmt, zu spiritueller Größe zu gelangen.

Indem ich von Zuhause weglief, vereinten sich schließlich alle Elemente. Ich gab all die Annehmlichkeiten des Palastes auf. Ja gut, ich lief nicht weg, weil ich überwältigt war vom Mitgefühl für alle Wesen und unser Haus mit den vier Schlafzimmern in Sacramento war auch nicht unbedingt ein Palast. Aber immerhin besaßen wir einen Pool und einen Whirlpool. Meiner Meinung nach lebten im modernen Amerika die meisten Menschen ebenso luxuriös wie der Prinz vor 2500 Jahren. Und ich gab ja doch einiges auf: Fernsehen, Radio, meine Freunde. Und genauso wie Siddhartha die Nase voll hatte vom Zyklus von Geburt und Sterben, hatte ich die Nase voll vom endlosen Zyklus der vorstädtischen Trivialität – besonders von der nächtlichen Ausgangssperre.

3. Bevor ich jedoch weiter meine Version der Geschichte Buddhas erleben konnte, musste ich mich entscheiden, auf welcher der sieben Inseln ich mich niederlassen wollte. Oahu war mir zu sehr wie Disneyland. Die große Insel: zu vulkanisch. Von Kauai hatte ich noch gar nichts gehört. Ich hielt Ausschau nach einem spirituellen Zeichen. In der Bordzeitschrift hieß es, Maui sei die „Insel der Liebe“. Gleich hatte ich Bilder vor Augen, wie ich mit einem hawaiianischen Model am Strand entlang spazierte. Ich ging nach Maui.

4. Meine Eltern verständigten die Polizei.

„Unser Sohn ist weggelaufen“, weinte meine Mom.

„Aha“, meinte der Polizist. „Und wie kommen Sie darauf?“

„Er hat eine Nachricht hinterlassen.“

„Aha. Tja, Ma’am, wir können ihn leider nicht als vermisst erklären, solange er nicht mindestens eine Woche lang verschwunden ist.“

„Eine Woche! In einer Woche könnte er tot sein!“

„Aha. Nun, wenn es Sie tröstet: Wir erleben das jeden Tag. Er sagt Ihnen, er läuft weg, in ein weit entferntes Land, aber wahrscheinlich sitzt er irgendwo bei Freunden und spielt Videospiele.“

„Er spielt keine Videospiele.“

„Aha…“

5. Mein wichtigstes Ziel war, das Surfen zu lernen. Natürlich steckte noch anderes hinter dieser Absicht: der Kampf um Unabhängigkeit, Rebellion gegen die Leblosigkeit der Vorstadt, die ersten Lichtpunkte eines spirituellen Weges, das Bedürfnis meine Eltern zu schockieren, vor allem meinen Dad, von denen ich mich entfernt hatte, seit sie sich hatten scheiden lassen.

Aber das Surfen übertraf einfach alles. Es gab da Träume, die nach einer Antwort verlangten: Träume von Wellen und Surfbrettern und Delfinen und Kokosnüssen und vom Atmen unter Wasser und Schwimmen mit Schwanzflosse. Ich erwachte aus derlei Träumen immer mit dem Gefühl, das alles sei möglich – das konnte ich von einem Leben in der staatlichen Highschool nicht behaupten.

Mir war schon seit einiger Zeit klar gewesen, dass ich aus der Stadt raus musste, weg von blechernen Einkaufsmeilen, Geländewagen und vor allem weg von meinen Freunden. Ich hatte eine Menge Freunde und sie waren auch keine schlechten Kerle. Die meisten von uns waren zusammen aufgewachsen. Wir alle stammten aus netten Mittelklasse-Familien. Wir trugen Designerklamotten und schleppten eine Hardcore-Skate-Ausrüstung mit uns rum: Think, Plan B, Shorty’s. Wir waren beliebte Jungs mit hübschen Freundinnen und kreuzten auf vielen Partys auf. Wir tranken nur die besten einheimischen Biere, rauchten nur das beste Gras. Meine Freunde, die alle wesentlich reicher waren als ich, fuhren schicke neue Autos, mit denen wir durch die Vorstadtstraßen jagten, als wäre das Leben etwas, das man einfach im Katalog bestellen kann.

Wahrscheinlich hört sich das alles gar nicht so schlimm an. Wahrscheinlich war es das auch nicht. Aber tief im Inneren waren wir zutiefst gelangweilt. Wir hatten an allem etwas auszusetzen. Wir fälschten Entschuldigungen für die Schule und schwänzten den Unterricht und soffen uns in den Vollrausch. Wir randalierten ohne Sinn und Verstand. Wir logen andauernd unsere Eltern an, weil es uns einfach egal war. Wir benahmen uns, als wäre alles in Ordnung. Aber eigentlich, glaube ich, fühlten wir uns wie der Dunst, der von den Küsten ins Binnenland weht und in einem Tal hängen bleibt. Wir saßen fest.

Ich war immer schon der Meinung, dass dem Leben unter der Dunstglocke irgendeines Tales etwas fehlt. Ich spürte auch, dass etwas klarer wurde, wenn ich an die Küste kam oder verschneite Gipfel erklomm. Aber dann kehrte ich immer wieder unter die Dunstglocke zurück – und vergaß alles.

Seit der Scheidung meiner Eltern war ich in einer rebellischen Phase gefangen. Es fing an mit Pyromanie (meistens jagte ich Actionfiguren und Barbiepuppen in die Luft) und endete damit, dass meine Eltern mich vom Lake Tahoe Polizeirevier abholen mussten, wo ich betrunken und in Handschellen auf einem Holzstuhl saß, nachdem man mich wegen Alkohols am Steuer festgenommen hatte.

Mit diesem „Riesenproblem“, in das ich mich da hinein geritten hatte, begann eine sechsmonatige Bewährungsstrafe. Und meine Eltern reagierten darauf wie vermutlich alle anderen Eltern auch: Sie nahmen mir den letzten Rest an Freiheit, der mir noch geblieben war, was mich nur noch ruheloser werden ließ.