HARDCORE ZEN

Originalausgabe:
Brad Warner,
Hardcore Zen, Punk Rock, Monster Movies
& the Truth About Reality
Wisdom Publications,
Somerville MA 02144, USA.
© 2003 Brad Warner

Vollständige E-Book-Ausgabe der bei
J.Kamphausen Verlag & Distribution GmbH
erschienenen Printausgabe

Brad Warner:
Hardcore Zen
© Aurum in J. Kamphausen Verlag &
Distribution GmbH, Bielefeld 2010
Übersetzung: Rainer Scholz
Lektorat: Dirk Grosser

Cover: Subsonic Media, Bielefeld
Satz: Klei Design, Bielefeld
Druck & Verarbeitung Printausgabe:
Westermann Druck Zwickau GmbH
Datenkonvertierung E-Book:
Bookwire GmbH

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über abrufbar.

ISBN E-Book: 978-3-89901-500-3
ISBN Printausgabe: 978-3-89901-294-1

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und
sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe
sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

BRAD WARNER

HARDCORE ZEN

PUNK ROCK,
MONSTERFILME
& DIE WAHRHEIT
ÜBER ALLES

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PROLOG

Bei mir war es so: Ich drehe mich mitten im Winter in einer verdreckten Kellerbar in Ohio von ’nem überlaufenden Klo weg; draußen grölt gerade eine Horde Affen in Lederjacken im Chor, während ein weiterer Affe in Stretchhosen auf die Imitation einer Les Paul Gitarre eindrischt, die über ’nen schrottreifen Marshall-Amp läuft. Das Licht, der Lärm, das Mädchen an der Bar, durch deren verschwitztes T-Shirt ich beinahe hindurchschauen kann… Urplötzlich trifft mich der Schlag angesichts der Sinnlosigkeit, der Absurdität, der schier überwältigenden Verrücktheit von all dem.

Was ist das für ein Ort? Dieses Dasein – allein schon die Tatsache meines Seins – was ist das? Wer bin ich? Was ist dieses Ding, dieser Körper, dessen Ohren vom Lärm dröhnen, dessen Augen vom Rauch tränen und dessen Magen sich umdreht von der Pissbrühe, die hier als Bier verkauft wird?

JENE NACHT SETZTE ZWAR ALLEM DIE KRONE AUF, aber dies waren schon immer die Fragen gewesen, die am Kern meines Seins nagten, seit ich alt genug war, um zu denken. Nicht Fragen wie „Was ist der Zweck des Daseins? Was ist der Sinn des Lebens? Woher kommen wir?“ – denn das war mir immer zu indirekt.

Bedeutung oder Sinn – sowas ist zu weit entfernt vom wirklichen Dasein. Und Zweck beschäftigt sich mit Zielen, Orientierung und Sachen, die in der Zukunft passieren werden. Wo auch immer wir hergekommen sein mögen, die Vergangenheit ist längst aus und vorbei.

Für mich trifft das nicht den Kern. Es packt die Dinge nicht an der Wurzel. Ich will wissen, was das hier ist – dieser Ort genau hier, dieser Geisteszustand genau jetzt.

Was ist das?

Oder anders gesagt: Was für sich betrachtet ist die Wahrheit? Was ist das für eine Sache, die sich Wirklichkeit nennt?

JETZT, NACH JAHREN GRÜNDLICHEN HINTERFRAGENS, habe ich das Gefühl, etwas zu sagen zu haben – und mehr als das, ich empfinde es beinahe als meine Pflicht, es zu sagen.

Warum solltest du mir zuhören? Wer zur Hölle bin ich? Wer ist dieser Kerl, der behauptet, dass er dir hier den Abriss zur „Wahrheit über die Wirklichkeit“ hinlegen wird, als ob er ’ne Autorität auf dem Gebiet sei? Niemand. Absolut niemand.

Tatsache ist, dass ich dir, obwohl ich dir sagen kann, wer ich bin und was ich getan habe, keine echten Gründe dafür geben kann, warum du mir zuhören solltest. Dafür gibt’s keine Gründe. Hier geht’s nicht um Gründe.

Fürs Protokoll erwähne ich mal, dass ich ein ordinierter buddhistischer Priester bin, der Shiho, die „Dharma-Übertragung“, innerhalb einer weit zurückreichenden Linie buddhistischer Lehrer empfangen hat. Dabei soll’s sich um die symbolische Bestätigung handeln, dass ich den gleichen Grad von Erleuchtung „erlangt“ habe wie der Buddha vor etwa 2.500 Jahren. Aber wenn ich du wäre, würde ich dieser Sache nicht allzu viel Bedeutung beimessen. Typen, die die Dharma-Übertragung empfangen haben, gibt’s heutzutage in Japan wie Sand am Meer, und in Amerika und Europa gibt’s davon mittlerweile auch jede Menge.

Ganz großes Ding also.

Bevor ich ein buddhistischer Priester wurde, war ich Teil der frühen Hardcore-Punk und Independent-Musikszene. Ich spielte Bass bei Zero Defex, einer Hardcore-Punk-Band aus Ohio, deren einzig nennenswerte veröffentlichte Aufnahme der Song „Drop the A-Bomb on Me“ war, der auf einem Sampler namens P.E.A.C.E./War veröffentlicht wurde. Dieses Doppelalbum, auf dem die Dead Kennedys, die Butthole Surfers, MDC, und eine ganze Schar anderer Hardcore-Legenden versammelt sind, ist im Laufe der letzten zwanzig Jahre etliche Male wieder neu aufgelegt worden, und aus diesem Grund ist unsere kleine Band heute wesentlich bekannter, als sie’s zu der Zeit war, als wir noch spielten.

Außerdem habe ich einen Vertrag mit dem New Yorker Label Midnight Records abgeschlossen und dort fünf Alben Syd Barrett-inspirierter Neo-Psychedelia unter dem Bandnamen Dimentia13 veröffentlicht (wobei auf drei dieser Alben die „Band“ tatsächlich nur aus mir bestand). Diese Alben haben sich gut genug verkauft und genügend Leute beeinflusst, um mir ewige Anerkennung in der Geschichte des Alternative Rocks in Gestalt meiner eigenen kleinen Fußnote zu sichern – na ja, falls du die richtigen Bücher besitzt.

Was meinen heutigen Broterwerb anbelangt, so stehe ich in der hochgeschätzten Linie derer, die an japanischen B-Monsterfilmen arbeiten. Du weißt schon: Zwei arbeitslose Sumo-Ringer zwängen sich in Dinosaurierkostüme aus Gummi und kloppen sich in einem aus Balsaholz und Modell-Eisenbahn-Bausätzen bestehenden Miniaturmodell von Tokyo gegenseitig die Birne weich.

Die Firma, für die ich arbeite, wurde von dem großartigen, verstorbenen Herrn Eiji Tsuburaya gegründet, jenem Mann, der in sämtlichen klassischen Godzillafilmen der fünfziger und sechziger Jahre für die Spezialeffekte sorgte.

Heutzutage produzieren wir eine Serie namens Ultraman, bei dem es sich um die vielleicht beliebteste Superheldenfigur in der halben Welt handelt – wobei es gut sein kann, dass du von Ultra-man noch nie was gehört hast, wenn du auf der amerikanischen Hälfte zu Hause bist.

Nichts von alldem belegt, dass es irgendeinen Wert haben könnte, mir zuzuhören – wie du mir sicher schnell zustimmen wirst. Doch Wahrheit ist Wahrheit. Und wenn Worte wahr sind, wen juckt es dann, ob der Typ, der sie geschrieben hat, Shiho, göttliche Inspiration oder die Power hat, schneller zu fliegen als ein Hochgeschwindigkeitsgeschoss?

Wenn es dich also interessiert, was ich zu sagen habe, lies weiter. Wenn du etwas findest, eine Kleinigkeit, die nachhallt und dir in deinem Leben vielleicht etwas Gutes tut, super. Wenn du das Ende dieses Buches erreichst (oder die Mitte oder Seite 27, zweiter Absatz von oben) und das Buch scheiße findest, dann lass es in der U-Bahn liegen und vergiss es. Kein Problem.

Doch bevor du das tust, stell dir nur diese eine Frage:

Wer bist du?

Und ich meine hier nicht deinen Namen, deinen Job oder die Anzahl der Haare an deinem Hintern. Wer zur Hölle bist du wirklich? Und was ist diese Sache in Wirklichkeit, die du so voller Zuversicht dein Leben nennst?

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Den Leuten von der Plattenfirma zuliebe möchte ich gerne erwähnen, dass ich noch immer auf meine Kohle warte.

Anm. des Übersetzers: Mittlerweile spielt Brads Band wieder!

GIMME SOME TRUTH

Manchmal tut die Wahrheit weh.
Und manchmal tut sie richtig gut.

Henry Rollins

NICHTS IST HEILIG. Zweifel – an allem – ist absolut notwendig. Alles, ganz egal wie großartig, fundamental, schön oder wichtig es auch sein mag, muss in Frage gestellt werden.

Denn nur dann, wenn Menschen denken, ihre Überzeugungen seien über jeden Zweifel erhaben, können sie wirklich so schrecklich sein, wie sie es unserem Wissen nach können. Glaube ist die Kraft hinter allem Übel, das die Menschheit jemals angerichtet hat. In der Geschichte der Menschheit findet sich keine einzige richtig üble Tat, die nicht dem Glauben entspringt – und je stärker ihr Glaube, desto schlimmer können Menschen sein.

Hier ist eine meiner Überzeugungen: Alles ist heilig. Jeder Grashalm, jede Küchenschabe, jedes Staubkorn, jede Blume, jedes Schlammloch vor einem Graffiti besprühten Lagerhaus ist Gott. Jeder Gegenstand ist ein der Verehrung würdiges Objekt. Wenn du dich nicht vor einem überfahrenen Tier auf der A3 verbeugen kannst, das bereits verwest, hast du kein Recht, in Leder gebundene Wälzer und Marmor-Ikonen in bunten Glaskästen zu verehren.

Und hier ist noch eine: Alles ist profan. „Den Planeten retten“ ist reine Zeitverschwendung und die Umwelt zu erhalten Energievergeudung. Blumen stinken und Vogelgezwitscher ist nervtötender Lärm.

Andererseits ist nichts heilig und auch nichts profan. Nicht mal dein erbärmlicher Arsch. Sobald wir irgendetwas für heiliger halten als alles andere, fahren wir auf dem schnellsten Weg der Hölle entgegen. Und mit „irgendetwas“ meine ich alles – unsere Familie, unsere Freunde, unser Land, unseren Gott. Wir können diese Dinge, im Vergleich zu allen anderen Dingen, denen wir in unserem Leben begegnen, nicht als heiliger ansehen oder wir sind dem Untergang geweiht. Es geht mir hierbei nicht um den dramatischen Effekt. Der Akt, überhaupt irgendeiner Sache mehr Respekt entgegenzubringen als einer anderen, ist der erste Schritt hinunter auf dem kurzen und glitschigen Pfad zur vollständigen Vernichtung der gesamten Menschheit.

Und was passiert, wenn wir diesem gefährlichen Pfad bis zum Ende folgen? Es gab ja schon zahlreiche Hinweise, die uns ’ne Vorstellung davon gegeben haben sollten. Sie klingen düster in unserer kollektiven Erinnerung nach: die Attentate auf Martin Luther King Jr. und John F. Kennedy, die Bombardierung von Pearl Harbor, die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, die so genannte „Endlösung“, der „11. September“. Wir mögen zwar fähig sein die Daten dieser furchtbaren Ereignisse herunterzurasseln – aber die Lektion haben wir bis heute nicht kapiert. Und bis wir sie wirklich gelernt haben, werden Kinder im Geschichtsunterricht immer wieder neue Daten zum Auswendiglernen bekommen.

Wenn du etwas als heilig ansiehst, versuchst du, dieses Etwas vom Rest des Universums zu trennen. Aber das lässt sich nicht machen. Nichts kann von allem Übrigen getrennt werden. Rot ist nur deshalb rot, weil’s nicht grün, gelb oder blau ist. Heavy Metal ist Heavy Metal, weil’s nicht Polka oder Barbershop ist. Nichts im Universum verfügt über eine selbstständige, von allem Übrigen losgelöste, eigene Existenz. Das Gute ist nur dann gut, wenn man es dem Bösen gegenüberstellt. Du bist nur deshalb du, weil du nicht jemand von den anderen bist. Aber nach dieser Art von Trennung funktioniert das Universum nicht.

Du kannst Gott unmöglich ehren, wenn du nicht dazu fähig bist, jede Einzelne seiner Erscheinungsformen zu ehren. Jemanden in Gottes Namen zu töten ist lächerlich. Wenn wir das tun, töten wir Gott und töten die Wahrheit.

Doch was ist die Wahrheit? Was ist Gott? Wie kannst du diese erhabenen Ideen sehen, hören, riechen, schmecken, anfassen?

Die Wahrheit schreit dir von Reklametafeln mit Kippenwerbung ins Gesicht. Gott singt zu dir in Dudelversionen von Barry-Manilow-Songs. Die Wahrheit kündigt sich an, wenn du eine rumliegende Dose Dominikaner-Pils wegkickst. Die Wahrheit regnet vom Himmel auf Euch herab, und Gott formt sich in Pfützen zu deinen Füßen. Du isst Gott und scheidest vier Stunden später die Wahrheit aus. Schnupper mal – was für einen lieblichen Duft die Wahrheit doch hat! Die Wahrheit ist die Wirklichkeit selbst. Gott ist die Wirklichkeit selbst. Erleuchtung ist übrigens auch die Wirklichkeit selbst. Und hier ist sie.

Und nur zu deiner Info: Auch wenn du läufst und läufst und ewig weiterläufst, du kannst der Wirklichkeit auf keinen Fall entkommen. Du kannst die Existenz einer ultimativen Wahrheit oder des Göttlichen leidenschaftlich leugnen, aber die Wirklichkeit ist immer genau hier und starrt dir ins Gesicht. Und du kannst noch so lange nach Erleuchtung suchen, du wirst immer nur die Wirklichkeit finden.

Du wirst nicht dadurch die Erleuchtung finden, dass du dir Pilze einschmeißt oder echt erstklassiges Gras rauchst. Erleuchtung steckt auch nicht in Büchern. Nicht mal in dem hier.

Einige Leute denken, Erleuchtung sei so ’ne Art superspezieller Zustand jenseits von Fragen und Zweifeln, so ’ne Art absolutes Vertrauen in deinen Glauben und die Richtigkeit deiner Wahrnehmungen. Das ist nicht Erleuchtung. Tatsächlich ist genau das die allerschlimmste Form der Verblendung. Und nur um das von Anfang an klarzustellen, lass mich mal eben zu Protokoll geben, dass ich nicht „die Erleuchtung erlangt habe“. Hab’ ich niemals und werde ich auch niemals. Und doch gibt’s da etwas. Und obwohl diese Erfahrung absolut nichts verändert, verändert sie doch alles.

Zu „wissen“, dass das, woran du glaubst, absolut und zu hundert Prozent jetzt-und-für-immer voll und ganz wahr ist, ist die kränkste, abartigste und ekelhafteste Perversion von allem Erstrebenswerten am Menschsein. Wahrheit kann sich nie in bloßem Glauben finden. Glaube ist beschränkt. Die Wahrheit ist grenzenlos.

Die Wahrheit macht kein Theater, und sie schert sich nicht um deine Meinung. Es juckt sie nicht, ob du an sie glaubst, sie leugnest oder ignorierst. Ihr geht’s am Arsch vorbei, welcher Religion du angehörst, aus welchem Land du kommst, welche Hautfarbe du hast, was oder wer sich zwischen deinen Beinen befindet oder wie viel du in Investmentfonds angelegt hast. Nichts von dem banalen Schrott, mit dem sich die meisten Leute den größten Teil ihrer Zeit rumschlagen, hat für die Wahrheit auch nur die klitzekleinste Bedeutung. Ach ja, und noch was: Die Wahrheit lässt nicht mit sich verhandeln – nicht mit mir, nicht mit dir, nicht mit dem Führer der Freien Welt oder der moralischen Mehrheit. Die Wahrheit ist einfach.

GERADE JETZT STECKT DIE WELT TIEF IN DER SCHEISSE. Das Einzige, was uns überhaupt vor der von uns selbst verursachten Zerstörung retten könnte, ist die direkte Erkenntnis der Wahrheit. Und das sage ich ohne die geringste Zurückhaltung. Die Menschheit kann nicht überleben, solange die Wahrheit nicht in jedem Einzelnen von uns zu dämmern beginnt – und zwar von innen. Keine politische Lösung, ob kriegerisch oder friedlich, wird uns jemals retten können. Kein Gesetz. Kein Pakt. Kein Vertrag. Kein Krieg.

Wir haben die Fähigkeit entwickelt, uns sowohl selbst als auch gegenseitig vollständig auszulöschen, und diese Tatsache wird nie mehr verschwinden. Alles, was wir jetzt tun können, ist, die Fähigkeit zu entwickeln, einzusehen, dass wir diese Macht niemals benutzen dürfen – und das müssen wir nicht nur individuell, sondern kollektiv einsehen, als die menschliche Rasse selbst, als das Leben selbst, und zwar vom Kern unseres kollektiven Seins aus.

Die lahmarschigen „Lösungen“, die wir uns von politischen Führern, aufgeblasenen Aktivisten, Predigern, Kriegstreibern, Pazifisten, Baumbesetzern und Bibelverfechtern anhören müssen, sind – ohne die klare Sicht der Wahrheit dahinter – alle bedeutungsloser, jammernder Lärm. Zu versuchen, dieses ganze Geseier zu verstehen, macht in etwa so viel Sinn wie der Versuch, das Gekreische von Lou Reed’s Metal Machine Music als subtile Abhandlung über die Natur des Seins zu interpretieren.

Diese Laberköppe versuchen alle, sich die Wahrheit zu krallen und sie in ihre selbst gemachten Kategorien zu quetschen. Es ist, als ob sie einen Eimer voll Meerwasser schöpfen würden und dann behaupteten, dass sie nun, wo sie’s hübsch im Eimer hätten, komplett verstehen würden, was das Meer wirklich ist. Na sicher.

Bevor wir sinnvoll über irgendwas von all dem reden können, müssen wir die eigentlichen Fragen ansprechen: Was ist das hier alles? Wer bin ich? Wer bist du? Warum leiden wir? Worum geht es?

Ich persönlich hab mich nie für zuckerüberzogene Imitationen der Wahrheit interessiert, süße kleine Pseudo-Wahrheitspillen, die ich dreimal täglich zu den Mahlzeiten nehmen und mit ’nem Bier hätte runterspülen können. Und für mich scheint es bestenfalls genau das zu sein, was all die Religionen, Philosophien und politischen Sichtweisen anzubieten haben.

Religionen, diese angeblich institutionalisierten Schatzkammern des menschlichen Verständnisses der tieferen Geheimnisse des Universums, haben mir nie mehr anzubieten gehabt als ausgeklügelte Methoden, der Wahrheit aus dem Weg zu gehen, und sich umfangreiche Fantasien als Ersatz für die Realität aufzubauen. Meiner Meinung nach verdunkeln Religionen die Realität eher, als sie in ein klareres Licht zu rücken. Anstelle der Antworten auf die wahren und entscheidenden Fragen, die tief in uns brennen, tischen sie uns hohle Phrasen auf. Hübsche Gebäude voller Leute mit erloschenen Augen und gefriergetrockneten Gehirnen, die allesamt vortäuschen, einander zuzustimmen, dass die hohlen Worte des Typen da vorne in dem komischen Kostüm tatsächlich irgendwas bedeuten – von etwas Nützlichem mal ganz zu schweigen – diese ganze Szene hat’s für mich echt nie gebracht. Religionen bieten Autoritätsfiguren an: Vertrau den Ergüssen der gelehrten, weisen Leute und dir wird’s gut gehen. Ah ja.

Und die Philosophie, die akademisch gesegnete Staatsreligion der westlichen Welt, ist auch nicht besser. Philosophien bieten clevere Spekulationen an, die sich in große Worte kleiden. Sicher, Philosophie kann zu der einen oder anderen tiefgehenden Einsicht führen. Kann auch sein, dass du mal ’nen orgastisch wichtigen philosophischen Gedanken hast und dich in seinem Glanze sonnst, während du dich selbst beglückwünschend eine Zigarre paffst und ihn für eine Zeitschrift niederschreibst – doch sobald du dich wieder in der Welt umguckst, wirst du bemerken, dass sie sich noch immer im selben chaotischen Scheißzustand befindet wie zuvor.

Politik? Politiker können nicht mal das Problem lösen, ihren eigenen Arsch mit beiden Händen und ’ner Taschenlampe zu finden, von Problemen, die ein wenig komplexer und subtiler sind, mal ganz zu schweigen.

Ruhm, Erfolg, wirklich toller Sex – vielleicht würde ja das all Eure Leiden heilen. Nur sind schöne berühmte Leute mit einem Haufen Geld genauso verwirrt und unglücklich wie alle anderen auch. Verbring dein ganzes Leben damit, Ruhm und Reichtum hinterherzulaufen, und alles, was du am Ende bekommen wirst, sind blutende Magengeschwüre und Herzprobleme. Du kannst multiorgastischen Wundersex nach tantrisch-yogischer Art meistern und wirst trotzdem allein sterben. Da muss es noch etwas anderes geben.

MEINE EIGENE SUCHE nach Wahrheit begann, weil ich wusste, dass es irgendeinen Weg geben musste, die Wahrheit zu sehen, zu dem es nicht gehörte, all den anderen Rindviechern zum Schlachthaus nachzutrotten. Es musste einen Weg für mich geben, die Wahrheit klar zu sehen – ohne mich auf jemand anders verlassen zu müssen, der die Welt für mich interpretiert. Es musste einen Weg geben, das Chaos zu durchdringen, in dem ich lebte, und zu sehen, was zur Hölle eigentlich mit dem Chaos los war, dass sich Ich nennt.

In meiner Suche nach etwas Wahrem entdeckte ich den Zen-Buddhismus. Bevor ich herausfand, was das wirklich war, hatte ich den Buddhismus schon ein paar Mal übergangen. Alles, was ich über den Buddhismus so las, ließ mich denken, es ginge darum, mit verknoteten Beinen rumzusitzen, während Bilder hübscher Blumen und flauschiger weißer Wölkchen durch meinen Geist tanzten. Klar, dachte ich mir, als ob sowas jemals irgendein Problem lösen würde.

Es ist eine verdammte Schande, dass so viele so genannte buddhistische Bücher scheinbar absichtlich die Funktion spiritueller Fahrstuhlmusik übernehmen. Misch einfach ein wenig Schlafliedstyle-Geschreibsel mit ein paar gut abgedroschenen buddhistischen Klischees – oder Zitaten von Yoda („ Lass die Macht durch Dich fließen!“) und dem Typen, den David Carradine in Kung-Fu gespielt hat („Geduld, Grashüpfer!“), falls Du keine echten buddhistischen Zitate kennst. Packe alles in ein heiteres Cover mit einem Bild von plätscherndem Wasser und – Hey! Du machst Buddhismus!

Ich hatte das Glück, in einem vergleichsweise jungen Alter auf einen echten buddhistischen Lehrer (und nicht ’nen bloßen Poser) zu treffen. Ich war damals neunzehn und er war fünfunddreißig – ein wenig jünger als ich jetzt bin. Der Buddhismus, den er mich lehrte, war nicht im Geringsten wie eine der Religionen oder Philosophien, über die ich davor etwas gelesen hatte; er war etwas völlig anderes.

Das Letzte, das Buddha seinen Schülern sagte, bevor er starb, war dies: „Stellt Autorität in Frage“. Falls du das tatsächlich nachschaust, kann es sein, dass du es als „Seid euch selbst ein Licht“ übersetzt findest. ’Ne ganze Menge der Leute, die solch ein Zeug übersetzt haben, sind ziemlich auf den Sprachstil der Lutherbibel abgefahren. Der Punkt bleibt aber, dass eine Lampe etwas ist, womit du dir den Weg durch die Dunkelheit bahnst. „Seid euch selbst ein Licht“ heißt: Sei dein eigener Herr, halte deine eigene Lampe. Glaub’ nicht irgendwas, nur weil dein Held, dein Lehrer, oder gar Buddha selbst es gesagt hat. Schau selber nach. Sieh für dich selbst, mit deinen eigenen Augen. Die Anweisung „Seid euch selbst ein Licht“ ist nichts als eine andere Art, „Stell’ Autorität in Frage“ zu sagen.

Und es gibt da noch etwas, was im Zen einzigartig ist: Während das Christentum lehrt, dass der Mensch aus dem Garten Eden vertrieben wurde, lehrt Zen, dass wir gerade eben jetzt im Paradies leben, sogar inmitten der ganzen Scheiße, die hier so abläuft. Diese Welt hier ist das Reine Land. Diese Welt hier ist das Paradies. Tatsächlich ist sie sogar besser als das Paradies – doch das Einzige, was wir tun, ist jammern und klagen, und uns nach etwas Besserem den Hals verdrehen.

Aber nicht nur „Buddhismus“ oder „Zen“ erzählen dir das. Auch ich sage dir das, und zwar genau jetzt. Und ich werde es noch einmal sagen: Diese Welt ist besser als das Paradies, besser als jedes Utopia, das du dir vorstellen kannst. Ich sage das trotz Krieg und Hunger, Selbstmordattentaten und Terrorwarnungen. Diese Welt hier ist besser als Utopia, weil – und folge diesem Punkt ganz genau – du niemals in Utopia leben kannst. Utopia ist immer irgendwo anders. Genau das ist die Definition von Utopia.

Vielleicht kannst du dich auf ’ne paradiesische Insel zurückziehen, weit entfernt von deinem Boss, deinen Rechnungen und allem sonst, dem du entkommen willst, aber schon bald wirst du dich darüber beschweren, dass du dauernd Sand in der Arschritze hast, der Cola-Automat Deine Euros frisst oder die verdammten Einsiedlerkrebse dir ständig die Badeschlappen klauen. Egal wo du bist, du wirst immer irgendwas finden, das dir nicht passt, weil es mit deiner Vorstellung, wie es sein „sollte“, niemals ganz übereinstimmen wird.

Du kannst nicht ins Paradies gehen. Nicht jetzt und auch nicht, nachdem du deine erste Million gemacht hast. Nicht nachdem du gestorben bist. Und auch nicht, wenn du immer brav deinen Teller leer isst und wirklich ganz doll lieb bist. Niemals. Das, was du „Ich“ nennst, kann niemals die Pforten des Himmels betreten, ganz egal, mit wie viel Überzeugung du daran glaubst. Der Himmel und das Paradies liegen nicht in der Zukunft, denn du hast keine Zukunft. Es gibt keine Zukunft für dich. Es gibt für niemanden eine Zukunft. Es gibt überhaupt keine Zukunft. Die Zukunft ist nichts als eine Idee.

Du kannst nicht im Paradies leben – aber du lebst genau hier. Mach’s zu deinem Paradies oder mach’s zu deiner Hölle. Die Wahl liegt ganz bei dir. Wirklich.

Was also ist echtes Zen und wie kann jemand, der nicht viel über den Buddhismus weiß, das Echte von den Büchern trennen, die sich um entrückte Glückszustände und Acid-Trip-artige Erfahrungen drehen, welche gewisse traurige, fehlgeleitete Gestalten „Erleuchtung“ nennen? Tja, auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort. Aber halte nach dem E-Wort Ausschau. Erwarte nicht zu viel davon. Und nimm dich in Acht vor den Leuten, die dir erzählen wollen, sie hätten sie (die Erleuchtung) und du nicht. Und hüte dich ganz besonders vor denjenigen, die behaupten, sie könnten sie dir geben. Die beste Faustregel ist immer noch, die Fähigkeit zu kritischem Denken zu nutzen, die man dir in der Schule beigebracht hat. Ob du Vorkenntnisse in buddhistischen Studien hast oder nicht, ist völlig irrelevant. Tatsache ist, dass es schwer ist, eine andere Gruppe von Leuten zu finden, die den Buddhismus gründlicher missverstehen als buddhistische Gelehrte. Und oft ist es leider so, dass du fast schon damit rechnen musst, dass der bekannteste Gelehrte meist derjenige ist, der seinen Kopf am tiefsten im eigenen Arsch stecken hat. Hinterfrage, was du liest und hörst, bohre tief und ständig nach. Akzeptiere nichts, nur weil andere Leute es glauben oder es schön ausgedrückt ist oder weil es schon seit zwanzig, zweihundert oder zweitausend Jahren die Runde macht. Und hinterfrag das hier definitiv auch. Aber geh mit deinen Fragen den ganzen Weg zu Ende: Hinterfrag’ deine Schlüsse, deine Urteile und deine eigenen Antworten. Schau’ dir deinen eigenen Glauben, deine eigenen Vorurteile, deine eigenen Meinungen an – und sieh sie als das, was sie sind.

Wenn du das nicht tust, kann die Wahrheit nie erscheinen. Und wenn sie nicht auf eine Weise erscheint, in der du sie persönlich und ohne Vorbehalt ergreifen kannst, dann hat diese Welt nicht die geringste Chance.

Doch wenn du wirklich gewissenhaft alles hinterfragst, wenn du deine Fragen lange und ehrlich genug verfolgst, wird eine Zeit kommen, in der dir die Wahrheit vor den Kopf klatscht und du’s wissen wirst.

Aber lass mich dir eine Warnung geben, wobei es dir, wie bei allem anderen, was ich sage, völlig frei steht, sie zu ignorieren: Die Wahrheit wird nicht das sein, was du dir darunter vorgestellt hast. Nicht einmal annähernd. Und vielleicht wirst du dir wünschen, sie nicht so lange verfolgt zu haben. Doch wenn du sie einmal gefunden hast, wirst Du nie wieder in der Lage sein, vor ihr davonzulaufen oder dich vor ihr zu verstecken. Du wirst keine andere Wahl haben, als ihr ins Gesicht zu sehen.

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Anm. d. Übersetzers: „Gimme Some Truth“ (Raus mit der Wahrheit) ist ein Protestsong, verfasst und eingespielt von John Lennon auf seinem Album „Imagine“ (1971).

DER TROTTEL
UND DIE GOTTHEIT

Mein gesamtes Leben habe ich damit verbracht,
mich zu fragen, wer sich wohl
hinter meinem Gesicht verbirgt.

„Original Me“ von All
vom Album Breaking Things

AUTOBIOGRAPHIEN NERVEN. Sie entwickeln sich überaus gern zu selbstbezogenen, egozentrischen Übungen in Selbstgefälligkeit. Und lässt man das mal beiseite, so unterstützen Autobiographien außerdem die äußerst unbuddhistische Sichtweise, dass menschliche Wesen individuelle Gebilde seien, die losgelöst vom Rest des Universums handeln. Das ist Unsinn. Du denkst bloß, du hättest einen eigenen Geist, mein Freund. Doch so was gibt’s nicht.

Aber manchmal haben ein paar autobiographische Details einfach ihren Platz in einem größeren Bild und darum werde ich nun ein paar davon mit dir teilen. Wie wär’s damit, wenn ich mit einer kleinen, herzerwärmenden Geschichte von einem spirituellen Meister beginne, den ich mal kannte?

Damals in den frühen Achtzigern war ich der typische pickelgesichtige College-Trottel im ersten Semester an der Kent State University – ein Campus, dessen fragwürdiger Ruhm sich darauf gründet, dass die Ohio National Guard dort 1970 während einer Antikriegsdemo vier Studenten niedermetzelte. Wie viele Leute in meinem Alter war ich auf der Suche nach einem spirituellen Weg.

Eines Tages wurde ich auf einen Flyer aufmerksam, der ankündigte, dass die Hare-Krishnas kostenlos vegetarische Kochstunden auf dem Campus anboten. Nun ja, ich war seit meinen frühesten Highschool-Zeiten ein Beatles-Fan und wusste, dass George Harrison es echt mit den Hare-Krishnas hatte. Ich besaß sogar ein Exemplar des Buches Krishna: Der höchste persönliche Gott vom Gründer der Internationalen Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein, A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada – weil George Harrison das Vorwort dazu geschrieben hatte. Und daher kannte ich die Geschichte, wie Prabhupada, ein armer aber frommer indischer Mönch, in den frühen Sechzigern nach Amerika kam und im gesamten Westen eine große Anzahl Anhänger für seine charismatische Sorte Hindu-Mystizismus gewann. Beatle-George hatte zugunsten der Krishnas die transzendentale Meditation an den Nagel gehängt. Ich wusste also, dass ich die Jungs mal antesten musste.

Der Typ, der die Kochstunden gab, war zufällig der Vorsitzende des Hare-Krishna-Tempels in Cleveland. Er war ein Anglo-Amerikaner, hatte aber einen „spirituellen“ indischen Namen, an den ich mich nicht erinnern kann. Doch ich erinnere mich daran, dass er uns erzählte, wie sein „spiritueller Name“ von seinem spirituellen Meister ausgewählt worden war, weil er ähnlich klang wie sein „Karma-Name“, und der war Terry. Ich war von diesem Typen echt beeindruckt. Er hatte die safranfarbenen Roben, den rasierten Kopf und diese sanfte spirituelle Art zu reden, die einen wissen ließ, dass man es mit jemandem zu tun hatte, der wahrhaftig einen außerordentlichen Zustand des inneren Bewusstseins erreicht hatte. Ich weiß noch, wie ich zu seinen Füßen gesessen habe und dachte „Oh Mann, ich könnte einfach ewig hier bleiben und so viele wundervolle Dinge lernen.“ Er hatte all das, was einen heiligen Mann aus einer mystischen östlichen Tradition ausmachen sollte.

Ein Jahr später sah ich Terrys Foto in der Zeitung. Er war auf der Flucht vor den Bullen, die ihn im Zusammenhang mit einem bizarren Mord in West Virginia suchten.

DANACH HABE ICH DAS INTERESSE AN HEILIGEN LEUTEN AUFGEGEBEN. Guck dir doch die Führer all der großen Todes- und Verdammniskulte an: Al Qaida, Aum Shinri Kyo, Heaven’s Gate, die Branch Davidians. Sie alle haben ihre hübschen Klamotten und diese ruhige, bedächtige Art zu sprechen. Sehr trostspendend, sehr beruhigend. Kein Wunder, dass so viele Leute diese Typen so sehr liebten, dass sie bereit waren, ihr Leben dafür zu geben, den geistesgestörten apokalyptischen Visionen einer neuen und besseren Zukunft zu dienen.

Ich bin auf diesen Betrug im College reingefallen, und ’ne ganze Menge Leute fallen da immer noch jeden Tag drauf rein. Es ist eine Schande, wie einfach die Leute darauf reinfallen. Aber das geht jetzt schon seit Tausenden von Jahren so, also muss es wohl in einem tiefen, allen Menschen gemeinsamen Bedürfnis wurzeln. Ich hege keinerlei Zweifel, dass die großen Fanatiker vergangener Zeiten genauso schmierig und korrupt waren wie die Cadillacs sammelnden, rumhurenden Parasiten unserer Zeit. Die Vorfahren der heutigen spirituellen Bauernfänger haben eine lange, lange Geschichte.

Daher war ich, als ich zum ersten Mal mit echtem Buddhismus in Kontakt kam, sehr erstaunt zu erfahren, dass im Gegensatz zu jenen Typen Buddha von seinen Schülern niemals verlangte, irgendetwas, dass er sagte, zu akzeptieren, nur weil er es gesagt hatte. Er erzählte niemals jemandem, dass da irgendeine Art von Belohnung nach dem Tod warten würde, falls man ihm glauben würde, oder eine Strafe, falls man ihm nicht glauben würde. Er erzählte den Leuten nur, was er aus seiner eigenen Erfahrung gelernt hatte, und lud die anderen dazu ein, es selbst auszuprobieren, weil sie es möglicherweise nützlich finden könnten.

Er lehrte eine Methode, durch die das Individuum die Wahrheit unmittelbar erfahren konnte. Das Wort, das Buddha für diese Methode verwandte, war Dhyana; in Japan nennen wir es Zazen oder einfach nur Zen. Dhyana wird manchmal als „Meditation“ übersetzt, aber es ist nicht das, was du vielleicht denkst.

TERRY WAR ZWAR GANZ OFFENSICHTLICH EIN BAUERNFÄNGER, doch meine eigene Suche hatte bereits sehr lange vor meiner Begegnung mit ihm begonnen, und ich hatte nicht vor, die ganze Sache so einfach hinzuschmeißen. Seit dem dritten Schuljahr war ich von dem Problem, die Wahrheit zu finden, besessen. Als Kind kam ich mit allen möglichen Arten bizarrer Theorien daher (und verwarf sie): Was, wenn ich bloß ein Gehirn in einem Glas wäre, das elektrisch stimuliert wird zu glauben, es gäbe da draußen eine echte Welt, mit der ich interagieren könnte? Aber diese Theorie ging der Sache nicht auf den Grund. Vielleicht war ich ja ein Außerirdischer, der von menschlichen Eltern aufgezogen wurde – da meine Art zu denken dermaßen weit entfernt von der meiner Altersgenossen und meiner Familie zu sein schien. Aber ohne spitze Ohren, ohne Antenne und ohne von der gelben Sonne verliehene Superkräfte musste ich diese Theorie aus Mangel an Beweisen fallenlassen.

Ich war ein spirituell veranlagtes Kind – und hatte außerdem beeindruckend vorstehende Zähne. Aufgrund der ersten Eigenschaft neigte ich dazu, recht still zu sein, und aufgrund der zweiten, von den coolen Kindern in der Schule gehänselt zu werden. Ich selbst war nicht cool, und meine Freunde waren es ebenso wenig. Während ich heranwuchs, lernte ich, wem ich trauen konnte, und auch, dass die meisten Leute alle Arten mieser, verletzender Dinge tun würden, nur um von der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Mit jener Gesellschaft wollte ich nichts zu tun haben, und ich hatte nie vor, mich irgendwelchen gesellschaftlichen Einrichtungen anzuschließen – und das galt auch für Religionen.

Selbst heute bezeichne ich mich nur mit großem Zögern als „einen Buddhisten“ – obwohl ich mich nun seit gut zwanzig Jahren mit Buddhismus beschäftige. Meine Definition von Buddhist hat absolut nichts mit all den gesellschaftlichen Institutionen am Hut, die sich selbst mit diesem Namen bezeichnen. Zen-Buddhismus ist direktes Aufzeigen der Wahrheit. Es geht dabei darum, sich durch die Scheiße zu säbeln und den Dingen, wie sie wirklich sind, auf den Grund zu gehen. Darum, alle Täuschung loszuwerden und zu sehen, was tatsächlich jetzt hier ist.

So ziemlich der ganze Rest von dem, was die Leute so „Buddhismus“ nennen – die Tempel, die Rituale, die komischen Klamotten und die Zeremonien – ist nicht das Wichtige. Das ist nur Deko. Dieser Kram ist manchmal ganz nützlich, um ’ne Art thea-tralischer Atmosphäre zu schaffen, die die Leute anlockt, aber er ist kaum dafür nötig, um die Wirklichkeit zu sehen, auf die die Lehren des Buddha deuten.

Religion und gesellschaftliche Einrichtungen mal beiseitegelassen, hatte ich immer einen Drang zu verstehen, wie die Dinge sind. Es ist schwer für mich zu sagen, warum. Tatsächlich hat’s mich immer weitaus mehr verwundert, dass die meisten Menschen diesen starken Drang zu wissen nicht haben. Die meisten Leute, die behaupten, sie wollten diese Sachen verstehen, scheinen sich mit Erklärungen zufriedenzugeben, die, soweit ich das beurteilen kann, die Dinge ungefähr genauso toll erklären wie meine kindischen Ideen vom Hirn im Glas oder dem Außerirdischen.

Eine Menge religiöser Erklärungen erinnert mich an den alten Witz von dem Typen, der glaubt, die Welt sei flach und ruhe auf dem Rücken einer riesigen Schildkröte. Als ihn irgendwer fragt, was denn unter der Schildkröte sei, antwortet er selbstbewusst „noch ’ne Schildkröte.“ Gefragt, was denn dann unter der Schildkröte sei, grinst er und sagt: „Damit kannst Du mir kein Bein stellen. Da gibt’s Schildkröten bis nach ganz unten!“ So gut wie jede religiöse Erklärung, die mir je über den Weg gelaufen ist, scheint mir in irgendeiner Variation von „Da gibt’s Schildkröten bis nach ganz unten“ zu gipfeln.

Ich konnte niemals eine Version der Wahrheit, die mir von jemand anderem vorgesetzt wurde, akzeptieren, und ich finde nicht, dass irgendjemand sonst das sollte. Wenn der Sinn des Lebens, des Universums und des ganzen Rests in ein paar Definitionen gepresst werden könnte, der jedermann und -frau auf Erden jetzt und auf alle Ewigkeit zustimmen könnten, dann hätte irgendwer die mittlerweile wahrscheinlich schon herausgefunden und niedergeschrieben. Aber selbst wenn jemand das getan hätte, wäre es immer noch nur die Wahrheit von jemand anderem – und nicht deine. Sollte es so erscheinen, als ob ich dich auf diesen Seiten dazu drängen würde, meine Version der Wahrheit anzunehmen, so möchte ich mich hiermit dafür entschuldigen, dass ich mich so unbeholfen ausdrücke.

Wie dem auch sei, nach meiner Erfahrung mit Terry, und auch wegen dieser ganzen Schildkröten-Geschichte, hatte ich Religion als Weg zur Wahrheit so gut wie abgeschrieben. Also dachte ich eine Weile über Wissenschaft nach. Die Idee, dass es da eine vernünftige mathematische oder wissenschaftliche Lösung geben könne, die wir einfach noch nicht ganz herausgefunden haben, erschien schon recht verlockend. Aber als ich mich etwas näher damit beschäftigte, wurde deutlich, dass es die wissenschaftlichen Antworten auch niemals wirklich bringen würden, denn das Beste, was Wissenschaft jemals hoffen kann zu tun, ist die Wirklichkeit in irgendeiner Weise zu repräsentieren. Aber das reicht nicht. Wahrheit muss größer sein als Theorien, größer als Erklärungen, größer als Symbole. Die Wahrheit kann nicht einfach alles erklären. Sie muss alles einschließen. Sie muss alles sein.

Das erste Mal, dass ich meine eigenwillige Philosophie zurückließ und mich mit etwas beschäftigte, das mit einer spezifischen Weltreligion zu tun hatte, war, als ich in Afrika lebte. 1972, als ich acht Jahre alt war, nahm mein Vater eine Versetzung vom Firestone-Reifen-Hauptquartier in Akron zu deren neuer Fabrik in Nairobi in Kenia an, wo wir bis 1975 blieben. In der vierten Klasse sah ich den Film Jesus Christ Superstar in einem Autokino in Nairobi, und direkt danach sah ich die nairobische Produktion des Films Godspell. Da war ich grade elf, und Mann, war dieser Jesus-Typ cool! Ich versammelte all meine Freunde und wir machten unsere eigene Version von Jesus Christ Superstar, die wir Die Mod-Bibel nannten. Ich, als Autor und Regisseur, spielte selbstverständlich Jesus. Mein bester Freund Tommy Kashangaki spielte Petrus und sein Bruder James spielte Judas Iskariot. Mein Dad filmte das alles auf Super-8 – das ist Super-8-Film, Kids, das war lange vor Heimvideo.

Ich zucke immer noch zusammen, wenn er dieses Relikt rauskramt, um irgendwem zu zeigen, wie ich so tue, als ob ich an ein Holzkreuz genagelt werden würde, während meine Schwester als Maria Magdalena fröhlich zur Kreuzigung hopst. An einer Stelle kommen ein paar afrikanische Frauen während meiner Todesszene vorbei, als ich gerade dramatisch „den Geist aufgebe“. Gott weiß, was die sich gedacht haben, als sie sahen, wie ein kleiner weißer Junge so tat, als werde er an ein Stück Holz genagelt und sterbe dabei theatralisch.

Doch selbst damals, als ich meine eigene Kreuzigung vortäuschte, glaubte ich nicht wirklich an Religion. Es ist überall das Gleiche – wir tun nur so als ob, aber es bedeutet überhaupt nichts, weil unser Glaube nicht an die Wurzel der Wirklichkeit reicht. Wir nehmen unseren Glauben (und unseren Nicht glauben übrigens genauso) als gegeben hin, aber nur äußerst selten werfen wir mal einen gründlichen Blick darauf, was Glauben eigentlich wirklich ist.

Im College kam ich mal an ’nem Stand vorbei, der von so ’ner Art christlicher Gruppe im Studentenzentrum betrieben wurde. Die hatten ein großes Poster, das das damalige Filmposter zu Indiana Jones und der Tempel des Todes parodierte (mal ganz nebenbei bemerkt: Mann, war das ein grottenschlechter Film!). In riesigen gelben Lettern im Stile des Filmlogos stand dort: BEREUE und wende Dich zu Gott. Der Typ vom Stand bemerkte, wie ich mir das Poster anschaute, und fragte mich nach meinem Glauben und meiner Beziehung zu Gott. Ich sollte vielleicht anmerken, dass ich in jenen Tagen so sehr Punk war, dass ich sogar gegen Punk selbst rebellierte, indem ich nicht wie ein Punk aussah und stattdessen den verwegenen Look eines überzeugten Kiffers zur Schau stellte. Ich hatte langes blondes Haar und trug ausschließlich aus der Mode geratene Schlaghosen und zerfetzte schwarze T-Shirts. Der Typ vom Stand war wie geleckt, mit sauber geschnittenen Haaren und ’nem netten Konservativen-Anzug mit der obligatorischen blauen Krawatte. Ich muss für ihn wie ’n echtes Geschenk ausgesehen haben. Ich bin mir sicher, der dachte, wenn er einen so offensichtlichen Heiden wie mich bekehren könne, bekäme er dafür von Gott auf jeden Fall ein Fleißkärtchen.