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Titel der Originalausgabe:
Against the Stream
erschienen bei HarperCollins Publisher
© by Noah Levine 2007

Vollständige E-Book-Ausgabe der bei
J. Kamphausen Verlag & Distribution GmbH
erschienenen Printausgabe
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Noah Levine:

Lektorat: Dirk Grosser

Gegen den Strom

Umschlag-Gestaltung,

Übersetzung:

Typografie/Satz: Wilfried Klei

Frances Hoffmann

Coverfoto: Richard Ballard

© Deutsche Ausgabe: Aurum Verlag

Druck & Verarbeitung Printausgabe:

in J. Kamphausen Verlag &

Westermann Druck Zwickau GmbH

Distribution GmbH, Bielefeld 2010

Datenkonvertierung E-Book:

Bookwire GmbH

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über abrufbar.

ISBN E-Book: 978-3-89901-522-5
ISBN Printausgabe: 978-3-89901-363-4

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und
sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe
sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

    NOAH LEVINE    

GEGEN
DEN STROM

EIN BUDDHISTISCHES HANDBUCH
FÜR SPIRITUELLE REVOLUTIONÄRE

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GEWIDMET ALLEN WESEN AN ALLEN ORTEN.

MÖGEN DIESE WORTE MEHR VERSTEHEN UND WENIGER VERWIRRUNG IN DIE WELT BRINGEN.

 

 

 

 

 

 

 

VORWORT

Es ist mir eine seltsame Freude, dass unser Sohn mich darum gebeten hat, einen Kommentar zu seiner hart erkämpften Klarheit zu schreiben, die er in diesem Buch voller großartig formulierter Anleitungen und Hilfestellungen mit einer Generation teilt, die im Begriff ist, zu ihrem beachtlichen Potenzial zu erwachen.

Jede Generation hat ihre eigenen starken Stimmen und ihre eigene Sprache, um den Prozess der Einsicht und der Entdeckungsreise einer solchen spirituellen Revolution zu beschreiben. Noah hat seine Stimme gefunden; während er aus dem Herzen heraus erzählt, berührt er jenes Herz, das uns allen gemeinsam ist. Wir fühlen uns gesegnet, dass wir ihn kennen.

Gegen den Strom ist eine Landkarte für die Reise stromaufwärts. Die gewöhnlichen Strömungen wiegen uns in den Schlaf und lassen uns erschöpft flussabwärts treiben, bis wir auf steiniges Ufer treffen oder uns ratlos auf dem Sterbebett wiederfinden. Buddha redete von der „Arbeit, die getan werden muss“ und hinterließ uns die Werkzeuge, um aus der Stumpfheit unseres konventionellen Denkens und unserer konventionellen Werte zu erwachen. Ihm widerstrebte alles, was nicht vollkommen aufrichtig und absolut gegenwärtig war. Er warnte davor, außerhalb unserer Selbst nach Gnade zu suchen. Aus eigener Erfahrung wusste er, dass Gnade ein Teil unserer wahren Natur ist.

Einer meiner hochgeschätzten Lehrer sagte immer, meine Gedanken seien alt und schal. Dass altes Denken meine Praxis und meine Lebenskraft behindere. Er sagte, wir müssten über die alten Denkmuster hinauswachsen, wenn wir erfahren wollen, was real ist, und uns in Erinnerung rufen, dass jenes, wonach wir streben, nicht irgendeine eingebildete Perfektion ist, sondern die Freude der Erlösung. Also fütterte er mich mit einer ganzen Reihe bemerkenswerter buddhistischer Abhandlungen und wunderbarer Kommentare, so wie Noahs fantastisches Manifest zur Revolution des Geistes – ein Aufruf, uns den Mächten entgegenzustellen, die uns unbewusst, gegen unseren Willen und entgegen besseren Wissens stromabwärts ziehen. Ein Aufruf, der den Geist empor hebt und großartige neue Gedankenwelten eröffnet.

In diesem Buch geht es um den Unterschied zwischen Theorie und Praxis, zwischen die Dinge wissen und die Dinge tatsächlich auch umsetzen. Mein Lehrer sagte immer, es sei an der Zeit, aufzuwachen. Noah ruft uns klugerweise in Erinnerung, dass es an der Zeit ist, damit aufzuhören, vor uns hin zu sterben und Wasser zu treten und uns endlich die Mühe zu machen, unser eigenes Leben zu retten. Er ruft uns von stromaufwärts her zu, dass ein klarer Blick den Geist erhebt.

Noah spielt hier deinen Kompass und deutet auf die Möglichkeit der Erlösung hin. Genau wie Buddha bittet dich Noah um nichts, was du nicht auch erreichen kannst (Genau wie Buddha? Als er noch ein Teenager-Monster war, hätte ich nie geglaubt, dass ich so etwas einmal sagen würde). Wir alle geben unser Möglichstes und es gibt wohl niemanden, der auf dem Weg nicht ein bisschen Hilfe gebrauchen könnte. Wäre ich als verstörter Teenager jemandem wie Noah begegnet, hätte ich schneller Heilung finden können.

Einst hielt Buddha vor seinen versammelten Mönchen eine Blume hoch, um herauszufinden, wer wirklich imstande war, zu sehen. Die meisten Mönche sahen nur bestürzt drein. Nur einer von ihnen „hat es geschnallt“ und verstanden, dass Worte die Weite des Geistes, die unser Geburtsrecht ist, einfach nicht beschreiben können. Was dort geschah, war eine stille Übertragung, ein Geistessprung vom einen zum anderen.

Noahs Worte und Warmherzigkeit können dir so viel geben und in der stillen Übertragung von dem Raum zwischen den Zeilen hin zu dem Raum zwischen deinen Gedanken werden große Wahrheiten hindurchschimmern.

Stephen Levine, 2007

EINLEITUNG

EINE EINLADUNG
ZUR REVOLUTION

Gegen den Strom ist mehr, als einfach nur ein weiteres Buch über buddhistische Meditation. Es ist ein Manifest und ein Wegweiser für die vorderste Front der Revolution. Es ist der Höhepunkt von fast zwei Jahrzehnten meditativer Dissonanz der nächsten Generation westlicher Buddhisten. Es ist ein Weckruf für die schlafenden Massen.

Wacht auf! Die Revolution hat längst begonnen; sie nahm ihren Anfang vor rund 2.500 Jahren, als Sid (Siddhartha Gautama, kurz: Sid) siegreich aus der Schlacht mit seinem eigenen Geist hervorging und endlich das Leiden überwunden hatte. Doch wie bei allen Dingen, die mit der Zeit gehen wollen, wurden auch jener spirituellen Revolution, die Sid ins Leben gerufen hatte und die wir heute als Buddhismus bezeichnen, genau diejenigen Aspekte menschlichen Seins wieder aufgebürdet, von der Sid sie eigentlich befreien wollte. Die Grundlagen des Leidens und der Verwirrung in der Gestalt von Gier, Hass und Verblendung verderben weiterhin die Menschen und haben sich sogar einen Weg in die Lehren dieses revolutionären Pfades erschlichen.

Dieses Buch ist mein persönlicher Versuch, eine Einführung zu diesem radikalen Pfad des Erwachens vorzulegen, so wie er meines Erachtens ursprünglich einmal gedacht und angelegt war. Ich habe mir alle Mühe gegeben, über all die dogmatischen und kulturell verzerrten Anschauungen hinauszublicken, die ein wesentlicher Bestandteil der zeitgenössischen Auslegung des Buddhismus geworden sind.

Nun, da dies gesagt ist, muss ich auch gestehen, dass durch meine eigenen verzerrten Wahrnehmungen und konditionierten Erfahrungen das Geschriebene mit Sicherheit von unerleuchteten Ansichten und Meinungen gefärbt ist, die meine Fähigkeit, klar zu sehen, noch immer trüben. Ich habe nicht versucht, in meinen Interpretationen immer akkurat oder historisch korrekt zu sein; vielmehr habe ich mir die Freiheit genommen, hier den Weg des Erwachens darzulegen, wie ich ihn praktiziere und mit Leib und Seele erlebe.

Ich bin überzeugt, dass dieses Buch zum größten Teil mit den ältesten erhaltenen Lehren Buddhas, der Theravada-Tradition, wie sie in Sri Lanka, Burma (Myanmar) und Thailand bis heute bewahrt und praktiziert wird, übereinstimmt. Viele dieser Lehren erhielt ich direkt von der ununterbrochenen klösterlichen Abstammungslinie, die den ganzen weiten Weg bis zu Buddha selbst zurück reicht. Doch viel wichtiger ist, dass ich diese Lehren und die transformative Kraft dieses Pfades im Laufe von etwa zwei Jahrzehnten Meditationspraxis am eigenen Leib erfahren und erlebt habe. Es ist nicht meine Absicht, die Seiten dieses Buches mit all der Weisheit und dem Mitgefühl Buddhas vollzupacken; vielmehr habe ich mein Bestes gegeben, hier über all die Lehren und Techniken zu sprechen, von denen ich glaube, dass sie zu einem unmittelbaren Erleben von Buddhas mitfühlender Weisheit führen werden.

Gegen den Strom ist mein Versuch, den Pfad zur Freiheit zu beleuchten, wie Buddha ihn sich meiner Meinung nach vorgestellt hatte: als radikale und subversive persönliche Rebellion gegen alle Ursachen des Leidens und der Verblendung. Wir besitzen die Gabe, eine großartige, positive Veränderung in der Welt herbeizuführen und können damit beginnen, dass wir unseren eigenen Geist trainieren und uns von irreführenden Konditionierungen befreien. Erwachen ist kein selbstsüchtiges Streben nach Glück; es ist eine revolutionäre Einstellung, die dein ganzes Wesen durchströmt, zum Wohle aller existierenden Wesen.

Mögen die Lehren und Techniken aus diesem Buch dich inspirieren, den edlen Wahrheiten der Großzügigkeit, der Güte und der Dankbarkeit zu dienen und die Lügen der Selbstsucht, der Böswilligkeit und der Eifersucht zu überwinden. Mögen alle Wesen meditieren und die Ursachen des Leidens in Form von innerer und äußerer Unterdrückung und Ignoranz zerstören. Und möge die innere Revolution dich mit der Frucht der Freiheit beschenken, die du ins Leben geholt hast!

DER PFAD DER DHARMA PUNX

Auf diesen Pfad gelangte ich aus einem Zustand tiefer Verwirrung und großen Leidens heraus. Seine Lehren sind in meinen Augen weder theoretisch noch philosophisch; vielmehr habe ich sie selbst erlebt. Zwar habe ich in meinem Buch Dharma Punk bereits ausführlich darüber berichtet, wie ich zu jenen Praktiken gekommen bin und sie angewendet habe, doch für all jene, die mit meiner persönlichen Geschichte noch nicht vertraut sind, will ich sie hier kurz zusammenfassen.

Im Jahr 1988 erwachte ich eines Tages in einer Gummizelle, ich war drogenabhängig und führte ein Leben voller Kriminalität und Gewalt und ich wollte nur noch sterben. Vor diesem Tag hatte ich mich selbst immer als Rebellen betrachtet, als einen Punkrock-Revolutionär. Schon seit meiner Kindheit hatte ich immer wieder illegale und gesetzeswidrige Dinge getan. Mir kommt es so vor, als hätte ich immer schon gewusst, dass die materielle Welt von Unterdrückung und Ignoranz beherrscht wird und die einzig mögliche Lösung bestand für mich in der Rebellion, im Schwimmen gegen den Strom. Und ich war auch recht erfolgreich darin, mich gegen die kulturellen Normen der gesellschaftlichen Gesetze und Strukturen aufzulehnen – jedenfalls äußerlich. Ich hatte mich für den dauerhaften Punkrock-Nihilismus entschieden und für eine antiautoritäre Einstellung in Gestalt von drogeninduzierter Selbstzerstörung.

Schon von frühester Kindheit an war ich selbstmordgefährdet. Ironischerweise waren es ausgerechnet die Drogen und die Punk-Moral, die mich heil durch meine Pubertät gebracht haben. Die Drogen schenkten mir eine temporäre Freiheit von den Leiden und der Verblendung des Lebens. Im Punkrock fand ich einen Sinn, eine Gemeinschaft und eine Möglichkeit, meine Unzufriedenheit zum Ausdruck zu bringen. Zunächst versprachen diese Dinge Freiheit und Sinn, doch als ich zum Teenager wurde, verlor ich alle Hoffnung und tauschte meine Punk-Moral gegen ein Leben, das von Kriminalität und Drogen bestimmt war. Diese Jahre der Verblendung und eines Lebens, in dem ich dem übersteigerten Verlangen und dem Zorn meines Geistes nachgab, führten zu wiederholten Inhaftierungen und auf immer tiefere Ebenen des Leidens.

Als ich siebzehn war und in der Gummizelle des Jugendgefängnisses aufwachte, gelang es mir schließlich nicht mehr, die Welt für meine Probleme verantwortlich zu machen. Stattdessen erkannte ich, dass ich selbst das Problem war. Ich war derjenige, der Diebstähle beging, Drogen nahm und andere Menschen verletzte. Im Gefängnis saß ich wegen eben dieser Taten, nicht, weil irgendwer anders daran schuld war. Jetzt konnte ich niemandem mehr Vorwürfe machen, außer mir selbst. Ich war schier überwältigt von dem Schmerz und dem Leid, das meinen Absturz immer weiter vorantrieb. Mein ganzes Leben war zu einem einzigen Streben geworden, der Realität zu entkommen.

Doch an diesem Tag im Jugendgefängnis war etwas anders. Ich konnte sehen, wo ich hier war und es machte mir Angst. Plötzlich war es viel realer und zum ersten Mal in meinem Leben wurde mir bewusst, dass ich selbst die Verantwortung dafür trug, wo ich gelandet und was aus mir geworden war. Bisher hatte ich die Schuld immer den anderen gegeben: den Bullen, dem System, der Gesellschaft, meinen Lehrern, meiner Familie – allen, nur mir selbst nicht. Ich war ein Opfer meiner Umgebung, ein Produkt meiner Umwelt. Aber das funktionierte jetzt nicht mehr. Mit erschreckender Klarheit erkannte ich, dass mein bemitleidenswerter Zustand eine Folge meiner Drogensucht war: Das passiert nun einmal mit diebischen Drogenabhängigen wie mir.

Ich war ganz unten angelangt. Ich hatte alle Hoffnung verloren; der Tod war alles, was noch vor mir lag. Am Telefon erzählte ich meinem Vater von all der Reue und der Angst, die ich empfand. Er meinte, dass ein paar einfache Meditationstechniken den Schmerz, den ich empfand, vielleicht ein wenig lindern könnten. Er erklärte mir die Grundlagen der Meditation und erzählte mir, dass ein Großteil des Problems, das ich gerade durchlitt, darin bestand, dass ich Ereignisse aus der Vergangenheit wieder aufleben ließ und mir Vorstellungen über eine mögliche Zukunft machte. Er rief mir in Erinnerung, dass ich im gegenwärtigen Moment etwas zu essen hatte, ein Bett, in dem ich schlafen konnte, und Kleidung am Leib trug.

Mein Dad hatte mir schon mein ganzes Leben lang solche Dinge erzählt, aber bis zu jenem Tag hatte ich ihn nie wirklich gehört. Für mich war Meditation nichts als Zeitverschwendung, ein Hobby von Hippies und den komischen Kauzen der New-AgeÄra. Ich konnte einfach keinen Sinn darin erkennen, einfach nur still dazusitzen und zu meditieren. Für mich gab es immer viel zu viel zu tun, zu viel zu erleben und vielleicht auch zu viel Schmerz und Verblendung, die ich dann hätte anschauen müssen. Obwohl ich zitterte vor Angst, den Rest meines Lebens im Gefängnis verbringen zu müssen, und obwohl mein ganzer Körper von dem Missbrauch schmerzte, den ich mit mir selbst betrieben hatte, erkannte ich endlich, dass er recht hatte. Ganz tief im Inneren wollte ich leben und etwas in mir wusste, dass das Meditieren meine letzte Hoffnung auf Überleben war.

Mein Vater sagte: „Am Anfang ist die beste Art, den Geist im gegenwärtigen Moment zu halten, auf den eigenen Atem zu achten.“ Er gab mir die folgende einfache Anweisung: „Richte deine Aufmerksamkeit auf deinen Atem, indem du dich auf das Gefühl des Atmens konzentrierst. Versuche, bei dem Gefühl eines jeden Atemzugs zu bleiben, indem du jedes Ein- und Ausatmen zählst. Versuche, bis zehn zu zählen – Einatmen, eins; Ausatmen, zwei und so weiter. Wann immer dein Geist zu Gedanken an die Zukunft oder die Vergangenheit abschweift, hole ihn sanft zurück zu deinem Atem und fang noch einmal von vorn an. Wenn du es schaffst, bis zur Zehn bei deinem Atem zu bleiben, beginne wieder bei Eins.“

Dies war der Beginn einer Meditationspraxis, die zu einem der wichtigsten Dinge in meinem Leben werden sollte.

Ich blieb bis kurz nach meinem achtzehnten Geburtstag in Haft, also ungefähr neun Monate. Das Meditieren war hilfreich, doch in den ersten Jahren meditierte ich nur hin und wieder. Nach wie vor glaubte ich, dass vielleicht doch die Drogen das eigentliche Problem waren. Nachdem ich aber fast zwei Jahre drogenfrei und absolut nüchtern gewesen war, sah ich allmählich ein, dass die Gründe für das Leid in meinem Leben tief unter den oberflächlichen Manifestationen der Sucht begraben lagen.

Ich erkannte, dass das Einzige, was mir je die Verwirrung und das Leiden in meinem Leben erleichtert hatte, das Meditieren war. Und so begann ich, nach einer spirituellen Lösung für meine Lebenskrise Ausschau zu halten. Eines der wichtigsten Erlebnisse meiner frühen spirituellen Forschungen war das Zwölf-Schritte-Programm, das mich von Alkohol und Drogensucht befreite. Obwohl ich bereits mehrere Jahre drogenfrei gewesen war und weiterhin regelmäßig an den Treffen des Zwölf-Schritte-Programms teilnahm, hatte ich doch niemals ernsthaft versucht, die Prinzipien der zwölf Schritte, die alle zusammen einen spirituellen und psychologischen Prozess in Gang setzen, zu verinnerlichen. Erst im Jahr 1990 begann ich damit, das zu tun, wozu in dem Entzugsprogramm geraten wurde: Gebete, Meditation, persönliche Bestandsaufnahme und die Änderung von Gewohnheiten.

Gleichzeitig begann ich, an buddhistischen Meditations-Retreats teilzunehmen und das alte Wissen der spirituellen Traditionen des Ostens zu studieren. Das war sehr hilfreich für mich, denn es war mir immer schwer gefallen, die Existenz einer außenstehenden „höheren Macht“ zu akzeptieren, von der im Zwölf-Schritte-Programm die Rede ist. Nachdem ich mich ein paar Jahre lang im spirituellen Supermarkt der vom amerikanischen New Age geprägten spirituellen Interpretationen des Buddhismus, Hinduismus und der Sufi-Tradition des Ostens eingedeckt und einen kurzen Abstecher zu einem verirrten und korrupten Kult gemacht hatte, kam ich schließlich zu der Erkenntnis, dass mich die Lehren Buddhas, wie sie ursprünglich gelehrt wurden (also noch vor dem Mahayana-Buddhismus), am meisten ansprachen.

In den letzten fünfzehn Jahren habe ich mich dazu verschrieben, den Weg Buddhas zu studieren und zu praktizieren. In der Praxis bedeutete das zahlreiche Schweige-Meditations-Retreats von einer Woche bis hin zu drei Monaten. Außerdem führte mich dieser Weg mehrfach in die Klöster Südostasiens und an die Pilgerstätten des alten Indien.

Nach ungefähr zehn Jahren Praxis begann ich, in eben jener Jugendstrafanstalt Meditation zu unterrichten, in der ich selbst gesessen und in der mein spiritueller Weg seinen Anfang genommen hatte. Nachdem ich als Jugendlicher die Schule geschmissen hatte, begann ich nun auch, am örtlichen Junior College zu studieren und arbeitete mich bis zu einem Bachelor-Abschluss und schließlich auch zu einem Master in beratender Psychologie hoch.

Im Jahr 2000 lud mich einer meiner Lehrer, Jack Kornfield, dazu ein, mich einer kleinen Gruppe buddhistischer Lehrer anzuschließen, die über einen Zeitraum von vier bis fünf Jahren ausgebildet werden sollte. Dieses Erleben von Praxisanleitung, Ausbildung, Unterstützung und Anregungen sollte auf mich äußerst transformativ wirken und war von entscheidender Bedeutung dafür, meine Fähigkeiten dahingehend auszuweiten, dass ich meine persönlichen spirituellen Erfahrungen in Worte zu fassen und andere durch den Prozess des Erwachens zu begleiten vermochte. Meine Praxis und meine Studien mit Jack und anderen Lehrern verbinden mich mit einer ununterbrochenen Linie praktizierender Buddhisten, die sich bis zu Sid zurückverfolgen lässt.

In den letzten Jahren war ich in lehrender, schreibender und beratender Tätigkeit beschäftigt. Mein Ziel ist es, meine frühen Erfahrungen dahingehend zu nutzen, um Jugendlichen in Jugendstrafanstalten, Menschen im Gefängnis und meiner Generation auf den Straßen und in der Gesellschaft damit zu dienen und mein Bestes dazu beizutragen, dass die Praktiken Buddhas für alle zugänglich und verfügbar werden, die sich dafür interessieren. 2003 erschien meine Autobiografie Dharma Punk. Dieses Buch beschreibt meine persönlichen Erfahrungen darüber, wie spirituelle Praxis und der Dienst am Nächsten meine Einstellung zum und meinen Blick auf das Leben vollkommen verändert haben.

In diesem Buch möchte ich dir den Weg näherbringen, den ich gehe, den Weg des spirituellen Revolutionärs.

Noah Levine
NYC/LA/SF-2006

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DEN STROM

TEIL EINS

BASISTRAINING

GESCHICHTE UND GRUNDLAGEN
DER INNEREN REVOLUTION

Der Weg des spirituellen Revolutionärs ist ein langer und stufenweiser Weg zum Erwachen. Falls du auf der Suche nach einer schnellen und einfachen Lösung bist, kannst du auch gleich wieder umkehren, wieder in die Matrix eintauchen und deine verblendete Existenz fortführen. Das hier ist ein Weg für Rebellen, für Unzufriedene und welche, die nach der Wahrheit suchen. Die Weisheit und das Mitgefühl Buddhas sind für jeden von uns zugänglich, aber die Reise in die Freiheit ist mühsam. Sie fordert ein unbeirrbares Streben nach Wahrheit von dir und zuweilen auch ein Handeln, das gegen deine Instinkte geht.

Du besitzt alles, was du brauchst, um dich auf diese Reise zu begeben. Es gibt nur eine einzige Bedingung: Den Willen, die Arbeit anzupacken, dem Weg auch durch die finstersten Ecken deines Geistes und deines Herzens zu folgen und auch angesichts von Angst und noch so großem Widerstand weiter in Richtung Freiheit zu streben. Wer dazu bereit ist, dem stehen alle Möglichkeiten offen.

Buddha ist weder ein Gott noch ein göttliches Wesen, das man zu verehren hat. Er war ein Rebell und ein Umstürzler, der Zerstörer der Ignoranz, der große „Mediziner“, der den Pfad zur Freiheit vom Leiden gefunden hat. Buddha hinterließ uns ein Vermächtnis der Wahrheit, das wir nun selbst erfahren dürfen. Die Praktiken und Prinzipien seiner Lehren führen zum unmittelbaren Erleben von Freiheit. Dabei handelt es sich nicht um eine glaubensorientierte Philosophie, sondern vielmehr um eine erfahrungsorientierte. Bei der spirituellen Revolution geht es nicht darum, wie man zu einem guten Buddhisten wird, sondern darum, ein weises und mitfühlendes menschliches Wesen zu werden, aus einem Leben der Selbstgefälligkeit und der Ignoranz zu erwachen und selbst zum Buddha zu werden. Willst du das erreichen, wird es dir eine Hilfe sein, etwas über das Leben und die Lehren des ursprünglichen Rebellen zu erfahren, über Sid – den Buddha.

SID – DER HEILIGE REBELL

Kehren wir also zurück zu den Anfängen dieser Lehren und der Tradition – kehren wir zurück zum Buddha, Siddhartha Gautama. Wie kann es sein, dass wir heute noch lernen und praktizieren, was er vor über 2.500 Jahren auf der anderen Seite des Globus erlebt hat?

Geboren wurde er unter dem Namen Siddhartha Gautama, aber um dem Frevel und der Kürze genüge zu tun, werde ich ihn einfach „Sid“ nennen, bis wir an dem Punkt in der Geschichte angelangt sind, an dem er erwacht – also an dem Punkt, da er die Erleuchtung findet und zum Buddha wird.

Sids Vater war der Herrscher eines kleinen Königreichs im Norden Indiens (im heutigen südlichen Nepal). Sids Mutter, die erste Frau jenes Herrschers, starb schon bald nach Sids Geburt. Daraufhin heiratete sein Vater die Schwester seiner verstorbenen Frau und Sid wurde von seinem Vater und seiner Tante erzogen.

Dann gab es da einen Heiligen, wahrscheinlich einen Wahrsager oder Astrologen, der zur Geburt anreiste und verkündete, er habe eine Vision gehabt: Er hatte die Ankunft eines in der Zukunft erleuchteten Wesens gesehen. Der Heilige sagte voraus, dass dieses Baby zu eben jenem Wesen heranwachsen würde und prophezeite, dass er entweder ein großer, erleuchteter spiritueller Lehrer oder aber ein mächtiger Kriegerkönig werden würde.

Sids Eltern legten keinen gesteigerten Wert darauf, dass ihr Sohn sie verlassen und ein spiritueller Meister werden würde, denn spirituelle Meister neigen in der Regel nicht dazu, besonders viel Zeit mit ihren Familien zu verbringen oder das Familiengeschäft zu übernehmen. Er war ihr einziger Sohn und sie wollten ihn gern behalten. Sie wollten, dass er irgendwann die Familiendynastie weiterführen und Herrscher werden würde. Und da sie sich vor der Wahrheit der Prophezeiung jenes Heiligen fürchteten, schotteten sie Sid von seiner Umwelt ab. Die Familie besaß drei Paläste und nur selten bestand die Notwendigkeit, dass er diese verließ. So wuchs er in diesen Palästen auf und war stets nur von jungen und schönen Menschen umgeben. Niemals bekam er jemanden zu Gesicht, der alt war, krank war oder im Sterben lag. Seine Eltern gaben sich alle Mühe, alles so einzurichten, dass er niemals einen Grund finden würde, die wirklich großen Fragen des Lebens zu stellen und durch spirituelle Praktiken nach deren Antworten zu suchen. Wenn er nur glaubte, das Leben sei perfekt, gäbe es schließlich keinerlei Gründe für ihn, nach einer transzendenten Weltsicht zu streben, nicht wahr?!

Eine Zeitlang funktionierte ihre Strategie ganz gut. Allerdings gab es da eine Ausnahme: Es heißt, eines Tages während seiner Kindheit habe er sich ein wenig unwohl gefühlt und darum beschlossen, sich unter einem Baum auszuruhen und seinem Vater zuzusehen, der gerade ein Feld pflügte oder vielleicht auch die Aufsicht über ein echt innovatives Ritual führte. Entspannt beobachtete er also seinen Vater und ihn überkam ein spontanes Empfinden von innerer Ruhe. Er war ein Kind von gerade einmal acht oder neun Jahren und erlebte einen überwältigenden Zustand des Friedens. Zwar änderte sich danach nichts an der Art und Weise seines Heranwachsens, doch später erinnerte er sich an dieses Erlebnis geistiger Stille, das sich meiner Meinung nach am besten als ein Zustand vollkommener Zufriedenheit beschreiben lässt – das Gefühl, dass nichts auf der Welt anders sein sollte.

Wie es heißt, beherrschte er als Jugendlicher alles einfach hervorragend. Da sein Vater ein König aus einer Kriegerkaste und Sid selbst der Prinz war, ist es sehr wahrscheinlich, dass er ein recht verwöhntes Kind gewesen ist. Es gab Zeiten in seinen frühen Jahren als Erwachsener, da er ausschließlich von wunderschönen Frauen umgeben war; in seinem Teil des Palastes war er der einzige Mann. Es heißt, er habe damals ein Leben unablässiger Freuden geführt. Später dachte er über diese Zeit nach und sagte, er habe bereits damals das Gefühl gehabt, dass irgendetwas fehlte.

Zwar bemühten sich Sids Eltern, seine Abschottung so diskret wie möglich zu gestalten, aber schließlich erkannte er dennoch, dass es ihm nicht gestattet war, den Palast ohne Begleitung zu verlassen. Was seine körperlichen Bedürfnisse anbelangte, so hatte er alles, was er brauchte, doch niemals durfte er in der Stadt umherstreifen, ohne dass ein Gefolge von Wachen und Höflingen ihn begleitete. Darüber hinaus veranlasste sein Vater bei jeder Gelegenheit, da er von Palast zu Palast oder durch die Stadt gelangen musste, dass Wachen die Straßen von allem und jedem säuberten, das auch nur im Geringsten unangenehm sein könnte. Als er schließlich zum ersten Mal ohne königliche Eskorte unterwegs war, erlebte Sid das, was die Buddhisten heute „die Vier Botschafter“ nennen.

Der erste Botschafter waren Krankheit und Siechtum. Zum ersten Mal in seinem Leben sah Sid Menschen, die an Krankheiten litten; da er bislang isoliert gelebt hatte, hatte er auch noch nie Siechtum gesehen. Die meisten von uns wachsen heran und wissen um ein gewisses Maß an Krankheit und Siechtum oder erleben es am eigenen Leib. Es ist ein ganz gewöhnlicher Bestandteil unseres Lebens. Du kannst dir also vorstellen, wie schockierend es sein muss, wenn man erst als Erwachsener zum ersten Mal einen kranken Menschen sieht. Sid fragte also seinen Begleiter, ob diese Schwächung, die er dort sah, auch ihm geschehen könne, und der Begleiter antwortete ihm, dass dies allen Menschen zustoße.

Wir alle werden irgendwann krank oder erleben Siechtum; dies ist die Natur des Körpers.

Der zweite Botschafter begegnete ihm in Gestalt einer sehr alten und gebrechlichen Person, deren Körper im Verfall begriffen war, deren Haut vom Leib herabhing und deren Haar ausfiel. Sid fragte seinen Begleiter, was dort geschah, und sein Begleiter antwortete, dass es nichts weiter sei als das, was allen Menschen geschehe. Eine weitere schockierende und mächtige Enthüllung für den über die Maßen behüteten Sid.

Wir alle werden alt; dies ist der natürliche Lauf des Lebens.

Der dritte Botschafter, dem sie begegneten, war ein Leichnam. Sid hatte vom Tod bislang weder gehört, noch ihn gesehen oder auch nur darüber nachgedacht. Er war so gut behütet gewesen, dass ihn angesichts des toten Körpers nacktes Entsetzen packte. (Denk’ daran, dass es sich um einen Leichnam vor der Einbalsamierung handelte, der nicht etwa in einem hübschen Sarg lag; es handelte sich um einen Leichnam am Straßenrand, bei dem bereits die Verwesung begonnen hatte.) Sid fragte, ob dies auch mit ihm und seiner Familie geschehen würde und verlangte zu wissen, ob es eine Möglichkeit gäbe, dies zu verhindern. Man teilte ihm mit, dass der Tod unumgänglich sei. Aber nicht nur das, man sagte ihm auch, dass dies wieder und wieder und wieder geschehe. Reinkarnation, an die zur damaligen Zeit jeder glaubte, besagt, dass beim Tod des Körpers die Essenz des Menschen schließlich in einem anderen Körper wiedergeboren wird. Ein Kreislauf von Leben und Sterben.

Jeder Mensch muss sterben, das Leben aber besteht weiter.

Sid war, gelinde gesagt, ziemlich aus der Fassung gebracht und wahrscheinlich auch stinksauer, dass man all das über so lange Zeit von ihm ferngehalten hatte.

Dann begegneten sie dem vierten Botschafter, einem Wanderer auf spiritueller Suche. Auch einen solchen Menschen hatte Sid bisher noch nie zu Gesicht bekommen und er fragte seinen Begleiter, was der Kerl in dem langen Gewand da tue. Sein Begleiter klärte ihn darüber auf, dass er ein Sadhu sei – also jemand, der sich dazu verschrieben hat, die Natur von Leben und Sterben zu begreifen. Ein Mensch also, der die Wirklichkeit zu verstehen sucht. Und in genau diesem Moment beschloss Sid, dass er nun wüsste, was er zu tun habe. Sobald er den Mann auf spiritueller Suche erblickt hatte, gab es einen neuen Hoffnungsschimmer in seinem Leben und er vertraute darauf, dass er die Erlösung aus diesem endlosen Kreislauf von Leben und Sterben finden würde.

Er schwor sich, das Leiden zu überwinden und für die Wahrheit zu erwachen.

Da du dieses Buch liest, nehme ich an, dass auch du nach Antworten suchst. Welches war das erste Ereignis, das dich dazu trieb, einen spirituellen Weg zu beschreiten? Für Sid war es der Anblick von Krankheit, Alter und Tod und schließlich der Anblick eines Mannes, der spirituellen Praktiken folgte. Aber jeder von uns hat eine andere Erfahrung gemacht, die ihn auf diesen Weg geführt hat.

Jedenfalls war Sid zum Zeitpunkt dieser Enthüllungen gerade frisch vermählt und seine Frau hatte ihm gerade erst ein Kind geboren. Allerdings handelte es sich um eine von den Familien abgesprochene Vermählung und es ist nicht klar, ob wahre Liebe im Spiel war. Da aber seine spirituelle Entschlossenheit stärker war als sein Pflichtgefühl gegenüber seiner Familie, beschloss er, die Familie zu verlassen und nach Antworten zu suchen. Er dachte sich, da er selbst und seine Familie ohnehin krank und alt werden und schließlich sterben würden, sollte er doch lieber losziehen und zusehen, dass er eine Wahrheit entdeckte, die über Krankheit, Alter und Tod hinausging. Er war motiviert, nicht nur für sich selbst die Freiheit zu finden, sondern auch zum Wohle seiner Familie und aller existierender Wesen. Seine Suche hatte keineswegs einen eigennützigen Hintergrund, wie es manchen vielleicht scheinen mag; er brachte ein altruistisches Opfer zum Wohle der gesamten Menschheit.

Die meisten Menschen sind zunächst einmal verwirrt oder sogar erschreckt darüber, dass er seine Frau und sein Kind zurückgelassen hat. Ich selbst verstehe es auch nicht so ganz. Stell dir nur mal vor, du verlässt dein neugeborenes Kind mit der Absicht meditieren zu gehen, um nicht eher zurückzukehren, bis du die Befreiung gefunden hast! Aber am Ende war es dennoch die richtige Entscheidung – und später kehrt er durchaus zu seiner Familie zurück und sein Sohn wird ebenfalls Mönch und findet Erleuchtung. Vielleicht erfordert die Suche nach der Wahrheit diese Art von Bereitschaft und Verpflichtung, wenn schon nicht im wörtlichen, dann doch zumindest im übertragenen Sinne.

Also machte sich Sid auf den Weg. Sein Begleiter brachte ihn bis zum Rande der Stadt, dort aber schickte Sid ihn fort. Sid rasierte sich den Schädel, legte all seinen Goldschmuck und seine feinen Gewänder ab, schlang ein paar Lumpen um seinen Körper und machte sich zu Fuß auf die Reise mit nichts im Sinn, als seinem Streben, die Freiheit zu finden.

Er suchte alle spirituellen Meister seiner Zeit auf. Er lernte bei einigen großen Hindu-Meistern und erlernte alle Praktiken und alles Wissen, die sie anzubieten hatten. Während dieser Lehrzeit machte er einige angenehme spirituelle Erfahrungen.

In dieser Phase lehrte man ihn vor allen Dingen Konzentrationsübungen wie Yoga und Mantras – Wiederholungsübungen für Körper und Geist, die zu einer Einsgerichtetheit des Geistes führen. Man lehrte ihnen verschiedene Theorien der Existenz, die vom Eternalismus (der ewigen Existenz) bis zum Nihilismus (der Nicht-Existenz nach dem Tode) reichten.