Ruth Ewertowski

Der Leib Gottes

Menschwerdung von oben
und von unten

Verlag Freies Geistesleben

Inhalt

Vorwort

Jordantaufe – Menschwerdung im Wort

Christus betet – Zwiesprache mit dem Anderen seiner selbst

Die Ohnmacht Gottes am Kreuz

Selbsterniedrigung und Souveränität Christi

Der Herr der Himmelskräfte auf Erden

Die mystische Tatsache

Im Leib liegt die Freiheit des Geistes

Die Freiheit des Anfangs – Geburt und Initiative

Die drei Jahre des Kindes und die drei Jahre Christi

10 Menschwerdung von unten und von oben Jesus – der Leib Christi

Nachwort

Anmerkungen

Impressum

Vorwort

So schwer das Leben auch manchmal sein mag, bei der Frage, mit welchem anderen Menschen man denn gerne tauschen würde, wird man – auch wenn es anderen entschieden besser geht – nicht wirklich sagen: mit der oder dem. Was dabei unseren Leib betrifft, so hat man vielleicht an vielen Einzelheiten oder auch an seiner Konstitution etwas auszusetzen und hätte ihn gerne anders, aber wer will tatsächlich im Leib eines anderen stecken. Ja, eigentlich kann man gar nicht in einem Leib «stecken», so als wäre er nur die Hülle, die einen seelisch-geistigen Kern enthält, auf den allein es ankommt. Unser Leib gehört nicht zufällig zu uns. Er ist uns nicht einfach nur äußerlich, und dennoch hat er immer wieder auch etwas Fremdes, etwas Objekthaftes, das uns durch den Unterschied, den wir zu ihm erleben, erst zu einem Bewusstsein von uns selbst verholfen und damit auch zur Freiheit gebracht hat. Nur im Leib sind wir frei, und zugleich setzt er uns die Grenzen. Es sind die Einheit und der Unterschied, die wir in ihm erleben: Leibliches und Seelisch-Geistiges durchdringen sich und sind tätig getragen in ein und derselben Geschichte. Und diese Geschichte will man nicht tauschen, weil man sich dann selbst aufgeben würde.

Im menschlichen Leib, in dem sich Physisches und Geistiges durchdringen, sind die zwei Welten, die wir in der sogenannten «Metaphysik» trennen – die Welt der Sinne und die des Geistes – innig miteinander verbunden. Diese Durchdringung ist eine bewegliche. Sie geschieht in der Zeit, in der weder der Leib noch der Geist fertig ist, sondern beide zusammen die Geschichte der jeweiligen Person schreiben.

Wie nun lässt sich das für ein göttliches Wesen denken? Denn das ist ja das Zentrum des Christentums, dass Gott ganz und gar, also bis in den Leib, Mensch geworden ist. Christus hat sich inkarniert, hat unsere Gestalt angenommen. Auch für ihn bedeutet diese Verbindung das Eintreten in die Geschichte. Diesem Mysterium geht schon eine lange Geschichte der Menschheit voran. Durch die Menschwerdung Christi erfährt sie einen neuen Anstoß, eine Umwendung. Christus hat drei Jahre lang jene Durchdringungsarbeit geleistet, seine Menschwerdung im Tod vollendet und in der Auferstehung erneuert. Er ist den Weg zu einem Höheren gegangen, das nicht deshalb höher ist, weil es geistig ist, sondern weil es schließlich die Trennung überwindet. Er ist der Einzige, der «getauscht» hat, nämlich mit uns, und mit dem wir deshalb auch «tauschen» können, ohne uns aufzugeben. Dass er in uns sein möge, das ist unser Höchstes.

Es ist ein riesiges Thema, dem man kaum gerecht werden kann. Die folgenden kleinen Aufsätze reißen hier nur das eine oder andere im Umfeld der Frage nach dem Leib Gottes, der auch unser Leib ist, an. Sie sind die überarbeitete Fassung einer Reihe, die 2016 in der Zeitschrift Die Christengemeinschaft erschienen ist.

Ruth Ewertowski

im Juli 2017

Jordantaufe –
Menschwerdung im Wort

Die Menschwerdung Gottes bis in den physischen Leib hinein ist ungeheuerlich. Damit unterscheidet sich das Christentum radikal von seinen beiden Geschwisterreligionen, dem Judentum und dem Islam. Für beide ist die Annahme einer irdischen Gestalt Gottes eine Sünde – nämlich die der Vielgötterei und des Götzendienstes. Mit Christus kommt ein zweiter Gott ins Spiel, der dem Gebot «Du sollst keine anderen Götter neben mir haben» widerspricht. Und darüber hinaus steht eine sinnliche Gestalt Gottes dem Bilderverbot, mit dem man seinem unaussprechlichen Wesen gerecht zu werden sucht, entgegen. – Das muss man sich bewusst machen: dass genau diese «Sünde» im Zentrum des Christentums steht: eine zweite Gestalt Gottes, eine, die sich inkarniert, also in die Sinneswelt eintritt.

Die Menschwerdung als Durchdringung der ganzen Leiblichkeit bis hinein in die Knochen Jesu, das ist der Kern der Gewissheit, dass sich Gott ganz und gar mit den Menschen und der Erde verbunden hat. – Sicher, in dieser Konkretheit teilen nicht alle Christen die Eigentümlichkeit der Inkarnation. So wird sie nicht selten abgeschwächt zu einer metaphorischen Bedeutung, in der schließlich der besondere Mensch Jesus von einer göttlichen Instanz dazu ausersehen wurde, Gott auf Erden zu repräsentieren, das heißt, sein Stellvertreter zu sein. Dann ist Jesus der Stellvertreter Gottes auf der Erde. Dennoch bleibt auch damit noch ein eklatanter Unterschied, denn Jesus Christus ist mehr als ein Prophet, Seher und Offenbarer, als den ihn auch der Islam anerkennt, er ist die Offenbarung selbst.

Ein Gefühl für diesen Unterschied bekommt man, wenn man die Textgeste des Korans neben die des Neuen Testaments hält. Im Koran spricht Allah in eigener Person. Alles ist seine Rede. Wenn er in der dritten Person oder in der Wir-Form spricht, so ist das Ausdruck seiner Majestät. Er gibt Belehrungen, Gebote, Selbsterklärungen, Verheißungen, Geschichten. All dies hat sein Prophet Mohammed aufgeschrieben, der den Text durch den Erzengel Gabriel vermittelt («diktiert») bekommen hat. In den Evangelien hingegen erzählen vier verschiedene Menschen von Leben, Taten, Tod und Auferstehung Jesu Christi. Sie erzählen vom Selben, aber doch mitunter recht verschieden. Für den Literaturwissenschaftler Gerhard Kaiser gehört genau dieser Umstand mit zur Menschwerdung Gottes: «Gott spricht im Neuen Testament durch Menschen, die in Menschenrede zu Menschen sprechen.»1 Er gibt sich auch im Wort ganz den Menschen und ihrer individuellen Perspektive anheim. Und nicht nur das: Es gibt ja noch mehr Evangelien als die vier kanonischen. Das heißt, es wurde ausgewählt, und außerdem wurde das Ausgewählte noch bearbeitet – wiederum von Menschen, Menschen mit Tendenzen und Irrtümern und den Bedingtheiten ihrer jeweiligen Leben. Gott hat sich in seiner Offenbarung an all dies ausgeliefert und uns auch damit bis ans Ende der Zeiten die immense Aufgabe der vielfältigsten Suche nach ihm gegeben – z. B. indem wir versuchen, Urtexte aus ihren Verschüttungen freizulegen und im Nebeneinanderhalten der Perspektiven wiederum eine neue zu finden, unsere eigene, unterstützt von Gebet und innerer Forschung. Die Wege sind so verschieden wie die Menschen, und doch suchen sie alle das eine Zentrum.

Gott handelt und leidet

Und noch etwas Entscheidendes ist anders: Während Allah als der Allbarmherzige, Allmächtige und Allsehende die konstante Größe eines «unbewegten Bewegers» (Aristoteles) zeigt, hat der jüdisch-christliche Gott seine Geschichte mit den Menschen. Gott handelt mit historischer Wirkung. Im Alten Testament befreit er sein Volk durch seinen «Mittelsmann» Moses aus der Gefangenschaft in Ägypten. Und im Neuen Testament führt er alle Menschen aus der Verstrickung in ihre Selbsthaftigkeit in die Freiheit. Dabei – und das ist eben das Ungeheuerliche – tritt Gott im Menschen Jesus selbst in die Geschichte ein, und zwar als Fleisch gewordenes Wort und nicht allein in der übersinnlichen Präsenz dessen, der in Ewigkeit mit sich unterschiedslos identisch ist. Gott selbst durchläuft Wandlungen: Seine Geburt auf Erden, seine Verklärung, sein Tod und seine Auferstehung sind umwälzende Taten und Leiden Gottes. Davon berichten Menschen je auf ihre Weise.

Vor diesem Hintergrund bekommen zwei Stellen im Neuen Testament eine besondere Bedeutung, nämlich die, in denen Gott selbst in der ersten Person der Trinität spricht. Es sind genau zwei, mehr nicht. Sie finden sich jeweils in leichten Variationen in den synoptischen Evangelien, nämlich bei der Jordantaufe und bei der Verklärung auf dem Berg. Hier bezeugt Gott selbst in wörtlicher Rede die Sohnschaft Jesu Christi: «Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe» (Mt 3,17; Mt 17,5; Mk 1,9; Mk 9,7; Lk 3,21; Lk 9,35). Es sind die Stellen, bei denen aus dem offenen Himmel bis ins Physische hinein eine Verwandlung geschieht: In der Taufe taucht Jesus im Wasser des Jordan unter und ersteht als Jesus Christus mit einem vom Gottesgeist durchdrungenen Leib auf. Bei der Verklärung wird er von einem überirdischen Licht durchflutet: «Sein Antlitz strahlte wie die Sonne und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.» Fand die Jordantaufe im Element des Wassers statt, so gehört die Verklärung in das des Lichts.

Vielleicht kann man sagen, dass bei der Verklärung das Leibliche noch in einer tieferen Schicht durchdrungen wurde: Es ist der Ätherleib, dem hier eine besondere Bedeutung zukommt. Bei der Jordantaufe lag der besondere Akzent der Inkarnation noch eher auf dem Astralleib, was auch dadurch zum Ausdruck kommt, dass unmittelbar nach der Taufe die auf der Ebene der Begehrlichkeiten des Astralleibes geschehenen Versuchungen in der Wüste abgewehrt werden. Auf dem Berg der Verklärung erscheint Jesus Christus hingegen in der Unfehlbarkeit des strahlenden Lichtes – unschuldig wie eine Pflanze. Und am Kreuz auf Golgatha schließlich vollendet sich die Inkarnation in der vollen Durchdringung des physischen Leibes, für den mit dem Tod auch der Knochenmann steht. Erst jetzt teilt Christus die Sterblichkeit mit den Menschen bis in die letzte Faser seiner physischen Existenz hinein. Zugleich aber besiegt er den Tod eben dadurch, dass er die volle Herrschaft über das Knochensystem hat. Christus rettet mit ihm die Gestalt des Menschen. Das ist – so Rudolf Steiner – der Grund dafür, dass ihm bei der Abnahme vom Kreuz nicht die Beine gebrochen werden durften.2 Nur so wird die Form des physischen Leibes in der Auferstehung in ein neues Leben gerettet.

In der Verlassenheit am Kreuz als dem Endpunkt der Inkarnation tönt nun keine göttliche Stimme mehr – da gibt es kein «Dies ist» oder «Du bist mein geliebter Sohn …». Er ist ganz allein. – Und doch gibt es ein Zeugnis der Gottessohnschaft. Einer der Dabeistehenden spricht es aus: ein Mensch, der das, wovon er jetzt Zeugnis gibt, zuvor nicht geglaubt hat. Gott stirbt, und der Vorhang zerreißt. «Der Hauptmann, der dabeistand, ihm gegenüber, und sah, dass er so verschied, sprach: ‹Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!›» (Mk 15,39).

«… heute habe ich ihn geboren»

Nun findet sich das Zeugnis Gottes von seinem Sohn und seine Ermächtigung zum König auf Erden – die sich bei der Verklärung noch in dem angehängten «den sollt ihr hören» ausdrückt – schon in einem Psalm des Alten Testaments. Es ist der Psalm 2,7, der im Neuen Testament offensichtlich wieder aufgenommen wird.3 Hier allerdings stoßen wir nicht, wie in der gängigen Überlieferung und Übersetzung des Evangeliums, auf das bloße «Wohlgefallen»   gegenneka4 eudokesa