image

Für meine geliebte Familie

und alle,

die sich angesprochen fühlen

Nina Senegal

Unter meinem weiten Himmel

Von einer, die auszog, das Fürchten zu verlernen

© tao.de in J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld

1. Auflage 2017

Autorin: Nina Senegal

Umschlagfoto: privat

Umschlaggestaltung: Karin Frauenfelder www.grapx.ch

Verlag: tao.de in J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld, www.tao.de, eMail: info@tao.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN Paperback: 978-3-96051-636-1

ISBN Hardcover: 978-3-96051-637-8

ISBN e-Book: 978-3-96051-638-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und sonstige Veröffentlichungen.

Mögen Sie Märchen?

Also, ich eigentlich nicht, auch wenn mein Leben mir zunehmend märchenhaft erscheint. Schon als Kind wollte ich lieber Klartext hören, erfahren, wie die Dinge wirklich sind. Und ich empfand es als eine gemeine Zumutung, dass die Königstöchter oder Schusterjungen immer erst so einen Mist erleben müssen, bis sie dann klug geworden sind, reich belohnt werden, den König oder die Prinzessin heiraten dürfen. Ein langer Weg zu dem Satz: Und wenn sie nicht gestorben sind … Vor allem aber waren mir Märchen prinzipiell zu gruselig für mein zartes Gemüt.

Der Hammer war da: „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen!“ Ich wäre ja so froh gewesen, keine Angst zu haben und dann beschreiben die Brüder Grimm ausführlich die Gruseltour eines dummen Jünglings, der nichts kann, außer keine Angst haben, und der nur ein Ziel hat: Sich endlich auch mal zu fürchten.

Mit meinem erwachsenen Verstand verstehe ich Märchen schon besser. Wie tröstlich, zu erkennen, dass das hässliche Entlein in Wirklichkeit ein Schwan vor der Pubertät ist; dass man das richtige Rudel finden muss, um seine Kraft leben zu können; dass es die Unschuld eines Kindes ist, die ihm den Mut gibt, laut auszusprechen, dass der Kaiser in seinen neuen Kleidern ja nackt ist. Auch in dem Märchen übers Fürchten habe ich für mich eine Parallele gefunden:

Ich empfinde mich auch nicht wirklich als „normal“, kann manches nicht, was ich gerne können würde oder meine, können zu müssen. Aber auch ich habe mich aufgemacht, mein „Zuhause“ verlassen und so am Ende zahlreicher herausfordernder Erfahrungen mein Ziel erreicht:

Ich habe das Fürchten verlernt.

„Handreichung“

Man soll die Leserin/den Leser an die Hand nehmen, habe ich gelernt. Und das tue ich jetzt, auch wenn das vielleicht nicht ganz so gemeint war: In meinen Gedanken reiche ich Ihnen die Hand und geleite Sie durch das Auf und Ab meiner Entwicklungsgeschichte.

Vorwort

Das 1. Kapitel führt uns von einem Einblick in das Paradies meiner Kindheit, über die Ängste meines jungen Erwachsenenlebens und erste Nöte mit meinem Gottesbild, bis zu einem nicht nur für meine kleine Familie sehr denkwürdigen Tag.

Heiße Schokolade für Frau Jedöhns

Die Angst der 80er Teil I

Nie wieder – oder doch?

Die Angst der 80er Teil II

Besinnung am Abend

Laterna Magica – ein Sommertraum

Herbstminiatur

Was für ein Tag!

Im 2. Kapitel bin ich abwechselnd verzagt und ein bisschen verrückt. Die Familie ist komplett, ich habe eine Notwendende Idee und mache eine magische Erfahrung.

„Sumpflocke“

Die Krankheit braucht einen Namen

Wenn du Mutter bist

Trilogie 1: Musenkuss um Mitternacht

Flurfunk

Meine unbescheidene Herzensbitte

Das 3. Kapitel hat es in sich! Glauben Sie mir: Das Schicksal, zur ungläubigen und doch irgendwie frommen Zweiflerin zu werden, habe ich mir nicht ausgesucht. Ich musste da durch und vielleicht gibt es noch viel mehr Menschen da draußen, die an Ihrem Glauben krank geworden sind und sich irgendwann fühlen, wie das Kind in dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“, das als einziges sieht: Der hat ja gar nichts an! Beziehungsweise: Es ist doch alles ganz anders!

Bitte – Danke – Amen

Lektion

Bekenntnis

Ein kleines Licht

Ermutigungen

Im falschen Film

Karfreitag

Brudermord

Erntedankfestgedanken

An Argula

Auf der Suche nach dem Weihnachtsgedanken

Einsicht

4. Kapitel: Das Schlimmste ist überstanden! Nach ein paar depressiven Irritationen ist endlich Besserung in Sicht.

Trilogie 2: Samantha Grübelstirn im Niemandsland

Elfchen gegen Depressionen

… und wenn du meinst, es geht nicht mehr

Millennium – Das fängt ja gut an!

Frühling

Zwischenbilanz

Ein Lastwagen aus Italien

Angekommen

Im 5. Kapitel gibt es viel Raum für sinnliche Erfahrungen und Phantasien sowie Einblicke in die größte Herausforderung und das höchste Glück der Zweisamkeit.

Papierstreicheln

Rhabarber

Halbe-Halbe

Breath Hammer Lightning

Beispielhafte Kommunikation

Eiszeit

Komm, sprich mit mir!

Nachtgebet einer Mimose

Das Experiment

mittwochs

Immer im Mai

Song of Joy

Märchenhaft

Das 6. Kapitel beweist: Im Grunde meines großen Herzens habe ich ein etwas sentimentales Naturell. Das, was mich hier bewegt, könnte fast nach altersweiser Lebensschau klingen, landet aber dann doch wieder ganz aktuell im Hier und Jetzt.

Wegweisend

… und unseren kranken Nachbarn auch

… außer danken, dass du warst

Wintererde

Wieder einen Winter älter

Hoffnung

Endlich eine „Diagnose“

So kann es gehen

Deutsch für mich

Aus dem Boot auf die Bühne

August '16

Trilogie 3: Schildkröte, Aszendent Schmetterling

7. und letztes Kapitel. Ganz im Sinne C.G. Jungs* habe ich mich schon sehr zeitig mit meinem Lebensende beschäftigt. Das soll gesund sein und tut gar nicht weh. *C.G. Jung: „Seele und Tod“ in Wirklichkeit der Seele – dtv 1990 Verabschieden möchte ich mich bei Ihnen, meiner geduldigen Leserin/meinem geduldigen Leser, mit einem Appell für den Frieden, dessen erste Worte mir eines frühen Morgens auf Englisch einfielen. Ich übersetzte sie dann ins Deutsche – und im Französischen reimt es sich sogar.

Gott ist eine gute Idee

Singen

Wenn ich einmal nicht mehr bin

Prae morte oder Vorletzte Worte

Sternschnuppe an alle

Message from a shooting star

Prière d’une étoile filante

Nachwort

Dank

Empfehlungen

„Das Leben ist kein Problem,

das es zu lösen,

sondern eine Wirklichkeit,

die es zu erfahren gilt.“

Siddhartha Gautama (Buddha)

Vorwort

„Wer bin ich, wo ist meine Grenze? Was kann, was muss ich sein, weil ich hier und jetzt bin und ganz da sein will?“

Vor dem Hintergrund dieser Fragen erkenne ich als meine ganz persönliche Lebenswirklichkeit das Thema Beziehung als Geschenk, das Thema Glauben als existentielle Prüfung und das Thema Ausdruck als Sehnsucht meines Herzens.

Mein Lebensweg führte mich ins Dasein einer sog. „Hausfrau“. So hatte ich die nötige Zeit, mich nach schlechten Erfahrungen mit professioneller Hilfe umso intensiver selbst mit meinen seelischen Nöten auseinanderzusetzen. Auch oder gerade als Familienfrau konnte und musste ich meinen Horizont erweitern – Kommunikation üben, Beziehungen pflegen, das Puzzle meiner Persönlichkeit zusammensetzen, meine Sinnlichkeit entdecken – und schreiben. Das Schreiben wurde mir zur existenziellen Überlebenshilfe.

Im Zentrum meiner persönlichen Entwicklung, und somit auch dieses Buches, steht der unfreiwillige aber überlebensnotwendige Bruch mit dem herkömmlichen Gottesbild. Eine Erfahrung, die bei mir zu enormen Schuldgefühlen und einer grundlegenden Existenzangst führte.

Durch den schmerzhaften Prozess des Erwachsenwerdens, der weltanschaulichen Auseinandersetzung und dem damit verbundenen Ringen um seelische Gesundheit, gewann ich eine große innere Freiheit, neues Vertrauen und sehr viel Lebensfreude und Lebenslust.

Meine Seele möchte singen, tanzen, malen – ich möchte mich spüren, über mich hinauswachsen. Mein Verstand und mein Gemüt aber neigen zu Vernunft und Schwermut. Ein Schmetterling im Schildkrötenpanzer hat es nicht leicht. Neben der Erfahrung der Liebe ist es das Schreiben, das meiner Seele Flügel verleiht.

In einer Art „Tagebuch-Therapie“ konnte ich Worte finden für das, was mich bewegt, Gedanken sortieren und loslassen. Das mag paradox sein: Gedanken schriftlich festzuhalten, hilft gleichzeitig, sie loszulassen.

Ich lernte, mir Fragen zu stellen, eine hilfreiche Strategie in emotionalen Turbulenzen. Zum einen, weil die Formulierung einer Frage schon etwas verändert, zum anderen weil ich tatsächlich Antworten bekomme. Woher?

Aus meinem Bewusstsein, meiner Seele, meinem höheren Selbst? Es geschieht beim Schreiben, aber auch unter der Dusche oder in der Badewanne, dass ich eine Antwort höre oder mit einem „Aha!“ fast körperlich spüre, wie der Groschen endlich fällt – und dann erst merke, dass ich ja eine Frage gestellt habe. Das ist wohl meine Art zu beten.

Wir Menschen sind so verschieden in Charakter, Begabung und Bestimmung – und ich möchte jetzt endlich meiner ganz eigenen Bestimmung folgen:

Im Laufe meines Lebens hatte ich immer wieder das Gefühl, meine Erfahrungen nicht nur für mich alleine zu machen und meine Texte nicht nur für mich selber zu schreiben.

So nehme ich jetzt all meinen Mut zusammen und zeige mich sehr persönlich, sehr offen und verletzlich mit der Geschichte meiner persönlichen Entwicklung; wohl wissend, dass ich damit für einige Menschen Grenzen und Tabus verletze, dass meine Ansichten nicht nur Verständnis oder Zustimmung finden werden.

Aus Dankbarkeit und Staunen über das Leben möchte ich anderen Menschen Mut machen, sich selbst besser kennenzulernen, sich von Zwängen zu befreien, die ihnen nicht gut tun.

Lachen und Weinen – Wiedererkennen oder Abgrenzung – Impulse, Trost und Ermutigung empfangen oder sich einfach nur gut unterhalten – das wünsche ich meinen Leserinnen und Lesern!

Nina Senegal

März 2017

Das 1. Kapitel führt uns von einem Einblick in das Paradies meiner Kindheit, über die Ängste meines jungen Erwachsenenlebens und erste Nöte mit meinem Gottesbild, bis zu einem nicht nur für meine kleine Familie sehr denkwürdigen Tag.

Heiße Schokolade für Frau Jedöhns

Die Angst der 80er Teil I

Nie wieder – oder doch?

Die Angst der 80er Teil II

Besinnung am Abend

Laterna Magica – ein Sommertraum

Herbstminiatur

Was für ein Tag!

 

Heiße Schokolade für Frau Jedöhns

Frau Jedöhns – das war ich. Früher, manchmal, abwechselnd mit meiner Schwester, wenn wir bei Oma Mimi übernachten durften, in ihrem kleinen Häuschen, das extra für sie an unser Elternhaus angebaut worden war. Unser Garten war ein Paradies, in dem der Osterhase die bunten Eier zwischen roten Tulpen und gelben Narzissen versteckte und meine Tante Gummibärchen aus der weißen Blütenpracht unseres Kirschbaumes zauberte.

In unserem damals schon alten Haus lebten außer meinen Eltern, meiner jüngeren Schwester und unserem kleinen Bruder, noch der Onkel meines Vaters mit seiner Frau und Vaters unverheiratete Tante.

Onkel Herrmann, Tante Lina und Tante Minchen, wie wir sie nannten, obwohl sie für uns ja eher wie Großeltern waren, bildeten ein ganz besonderes Trio.

Die liebe Tante Lina war immer freundlich und warmherzig. Ihr Lieblingswort war „lieb“ und je älter sie wurde, desto lieber wurde alles, was ihr begegnete. Nie ließ sie uns ohne Mütze oder gar mit offenem Kragen aus dem Haus gehen, wenn sie uns noch eben erwischte auf dem Weg in die liebe Jugendstunde. Sie war herzensgut und mit ihrem etwas einfachen Gemüt gut aufgehoben bei ihrem Herrmann, einem geduldigen und feinsinnigen Menschen. In seiner Freizeit spielte er Harmonium und dirigierte den Chor unserer freikirchlichen Gemeinde.

Tante Minchen war in unserer heilen und frommen Lebensgemeinschaft so etwas wie – nun ja – es gab da eine verblüffende Ähnlichkeit mit der Illustration der „kleinen Hexe“ von Ottfried Preußler. Wir hatten Respekt vor ihr, der hageren, gebückten Frau mit den meist zerzausten weißen Haaren und den schnellen kleinen Schritten. So trippelte sie in ihren Überziehschuhen aus durchsichtigem Gummi mit einer Kanne voll Kaffeesatz bis zum Gartentor, überquerte die damals noch holprige Straße und schüttete die braune Brühe schwungvoll in den mit Unkraut bewachsenen Abflussgraben. Auf dem Weg zurück sperrte sie das Gartentor wieder sorgfältig zu, damit wir nur ja nicht mit den „Straßenkindern“ spielen könnten, setzte sich in der Veranda auf ihren Stuhl und tauschte die Gummischuhe gegen riesig erscheinende Pantoffeln. Sie träufelte sich fürchterlich aussehende gelbe Flüssigkeit in die Augen, hantierte mit Haarnadeln und Ohrenschmalz und verschwand in ihrer Wohnung, einem dunklen Reich mit imposanten Möbeln – und einer Keksdose hoch oben auf dem Küchenschrank.

Tante Minchen tropfte gelb aus den Augen, Onkel Herrmann tropfte feucht aus der Nase und auf unserer Kellertreppe tropfte der Wasserhahn...

„Jedöhns“, das steht so nicht im Duden. Auch nicht als „Gedöhns“ vor „gedungen“ und „gedunsen“. „Getue“ heißt es und das war so schön daran: Da wurde ein Getue um einen gemacht. Man stand einfach mal im Mittelpunkt und wurde wie eine Prinzessin behandelt. Frau Jedöhns hatte das Privileg auf dem größeren Sofa zu nächtigen, bekam das Frühstück ans Bett gebracht, wurde verwöhnt und hofiert. Dieses Spiel machte so viel Spaß, dass es – fast – egal war, ob ich gerade Frau Jedöhns oder nur das Dienstmädchen war.

An Nachmittagen in der Winterzeit baute Oma Mimi mit uns kleine Schiffchen aus Nussschalen, die wir mit winzigen Kerzen in einer Spülschüssel voll Wasser schwimmen ließen.

Und wenn es draußen schon kalt und dunkel war, brachte sie uns einen großen Suppenteller voller köstlich duftender heißer Schokoladensuppe, in der herrliche, aufgeweichte Weißbrotwölkchen schwammen. Ja, die Stunden bei Oma waren gemütlich.

Andererseits hatte sie auch eine ungemütliche Seite. Ich mochte es zum Beispiel gar nicht, wenn sie mich schickte irgendjemand zu begrüßen, der gerade an unserem prachtvollen Garten vorbei die Straße entlang ging. Das war mir zu peinlich. Oder wenn sie uns beauftragte, die vom Baum gefallenen Äpfel aufzulesen, die meist schon faul waren. Das war mir zu eklig.

Oma Mimi konnte sehr resolut sein. Es war wohl ihr rheinisches Temperament, das in unserem kleinen hessischen Vorort, in unserer gutherzigen und bescheidenen Familie sowohl einschüchternd als auch erfrischend wirkte.

Ein sentimentales Gefühl lässt mich frösteln und legt sich wie ein Nebel auf das eben noch so bunte Bild meiner Kindheit. Aber da war doch unser wundervoller Garten, voller Obst und Gemüse, mit Schaukel und Zelt unter dem Apfelbaum.

Da war das Glockenläuten am Samstagabend, immer pünktlich zu der Zeit, da wir der Badewanne entstiegen waren und unsere Haare geföhnt wurden, bevor wir gemeinsam mit unseren Eltern im Radio ein Hörspiel oder ein Quiz verfolgten. Noch heute sind für mich alle Glocken am Samstagabend um 19 Uhr Badewannenglocken.

Da waren die wunderschönen großen Betten und verzierten Spiegelschränke in Tante Linas Wohnung. Diese sehe ich mit Tante Minchen in ihrer Küche sitzen, eine eingeschworene Gemeinschaft nach Onkel Herrmanns plötzlichem Tod.

Rotbrauner Zwetschgensaft rinnt über ihre Finger und verfärbt ihre Hände. Vor ihnen stehen Schüsseln und Einmachgläser voller Obst. Ich steuere zu diesem Idyll ein paar Lieder auf der Blockflöte bei.

Wenige Jahre später, als auch Tante Minchen gestorben war, besuchte ich fast jeden Abend Tante Lina, die nun mit ihrer Schwester Mathilde bei uns wohnte. Nun machten sie die Musik, indem sie sehr innig und sehr schräg zweistimmig zu Gottes Lob sangen. Sie lasen mir aus den lieben Briefen von lieben Menschen vor, dazu aßen wir Nüsse und Apfelstückchen. Dieses Ritual begleitete mich auf dem Weg des Erwachsenwerdens.

Nie werde ich das Weihnachtsfest vergessen, an dem mir bewusst wurde, dass etwas vorüber war und begann, sich umzukehren. Nun waren es nicht wir Kinder, die gespannt vor der Türe warteten, bis das Glöckchen klingelte, mit dem ein paar Stunden feierlicher Weihnachtszauber eingeläutet wurden. Diesmal warteten unsere geliebten alten Tanten vor der Türe und kamen mit vor Freude roten Bäckchen vorsichtig und gespannt herein, als ich auf dem Klavier „Ihr Kinderlein kommet“ spielte. Vorbei die Zeit des Staunens eines kleinen Mädchens vor einem riesigen Berg auf einem Tisch aufgetürmter Geschenke, hoch oben auf einem hölzernen Stühlchen, wie auf einem Thron sitzend, eine Puppe mit Porzellankopf und echtem Haar von Tante Minchen. Eine Puppe für mich.

Ach, so vieles mehr gehörte zu meiner glücklichen Kindheit. Unser jüngerer Bruder, eine Lieblingscousine, die Großeltern in der Stadt.

Basteln und Klavierstunden. Schlittenfahrten und eingefrorene Zehen.

Eine einzige wunderbare Schlammschlacht im damals noch vorhandenen Straßengraben, die besonders viel Spaß machte, weil sie zum Entsetzen unserer alten Nachbarin auch noch von unserer Mutter ausdrücklich erlaubt war.

Viele Stunden verbrachten meine Schwester und ich als hingebungsvolle Puppenmuttis oder wir verkleideten uns mit alten Schätzen aus unserer großen Verkleidungskiste.

Später vergnügten wir uns beim Kirschkernweitspucken mit der Jugendgruppe im Garten und veranstalteten Disco-Abende in unserer Diele, weil wir im Jugendraum des Gemeindehauses nicht tanzen durften.

Traumhaft war die Zeit im Rollschuhclub, wenn ich mich zu schöner Musik austoben konnte.

Heimlich und nur in meiner Phantasie verwandelte ich mich an unserem Putztag in einen Showstar: Immer mal einen Blick in den Spiegel werfend, wirbelte ich singend mit dem Staubtuch durch die Gegend, tanzte staubsaugend 16 Treppenstufen rauf und runter und träumte vom Fliegen.

Ganz allmählich werde ich gewahr, dass ich wohl kein Showstar mehr werde, geflogen bin ich tatsächlich auch noch nie. Und Kindheitserinnerungen sind mehr als süße Brotstückchen, die man aus einem Teller kuschelig warmer und heimelig duftender Schokolade fischt.

Schon früh war ich von Lebensgeschichten fasziniert, von Ursprüngen und Lebenswegen. Durch die Arbeit meiner Eltern wusste ich von Waisen, von Adoption, Scheidung und Jugendstrafvollzug.

Aus irgendeinem Grunde trotzig und gleichzeitig voller Dankbarkeit wiederholte ich in mir: „Aber ich habe eine glückliche Kindheit! Wenn ich erwachsen bin, will ich mich erinnern: Ich hatte eine glückliche Kindheit!“

Mehr als die Hälfte meines bisherigen Lebens habe ich gebraucht, um den schweren Weg, der mich aus dem Paradies hinausführte, zu bewältigen. Eine Macht in meinem tiefsten Herzen hatte mich gezwungen, die heile Welt unserer religiösen Gemeinschaft zu verlassen – und damit alle Freunde, allen Glauben und den Traum von ewiger Geborgenheit.

Vor allem aber verlor ich mein Selbstbewusstsein. So erlebte ich die Jahre als junge Erwachsene, als Ehefrau und Mutter wie unter einem Schatten. Dem Schatten der Vergangenheit, weil meine Wurzeln verletzt waren. Abgeschnitten durch den verzweifelten Versuch, dem Gottesbild eines liebenden Vaters, der seinen Sohn zum Tode verurteilt hat, zu entkommen.

Wie vergiftet war meine Seele von der engen Moral in der Gemeinde – die doch wie eine große Familie und mein Zuhause gewesen war – und dem unentrinnbaren Schuldgefühl, dass der „liebe Herr Jesus“ für meine Sünden so schrecklich am Kreuz sterben musste.

Doch eben diese Macht in meinem Herzen, die mich zwang meine Brücken abzubrechen, war es, die mir half, zu überleben. Immer wieder musste ich Hilfe suchen. Jetzt endlich ist der vergiftete Stachel aus meiner Seele verschwunden. Und das, was ich heute als göttlich erfahre, ist ganz anders und viel größer als der Gott meiner Jugend. Das Leben ist wunderbar und spannend, voller Entwicklung, voller Liebe und – Erinnerung!

Ich kann mich wieder erinnern: An die Geborgenheit meiner glücklichen Kindheit, an heiße Schokolade für Frau Jedöhns.

Frau Jedöhns, das war ich. Früher. Manchmal. Dann wurde ein Getue um mich gemacht, dann stand ich einfach mal im Mittelpunkt.

Im Mittelpunkt meiner Familie, meiner kleinen frommen Welt, meines Universums – in dem Lachen, Neugier, Angst und Liebe durcheinanderwirbelten, in dem sich fast alles um den Glauben an Gott zu drehen schien, in dem ich meinen Platz suchte unter der faszinierenden Weite des Himmels.

Und die Erinnerung lässt meine Wurzeln neu ausschlagen, macht mich stark für meine Zukunft und schenkt mir eine Ahnung, dass ich einen Platz im Universum habe.

 

Die Angst der 80er – Teil I