DANIEL PITTET

Pater, ich

vergebe Euch!

Missbraucht,
aber nicht zerbrochen

Unter Mitarbeit von 
Micheline Repond

Übersetzung aus dem 
Französischen von Antje Peter

Meinem Freund Georges,
der zu früh von uns gegangen ist

Meiner Frau Valérie
und unseren sechs Kindern
Grégoire, Mathilde, Ludovic, Simon,
Anne Léa, Édouard

Allen Menschen,
die mich über all die Jahre
unterstützt haben

Allen Opfern, die nie
darüber sprechen konnten

Originalausgabe

© Éditions Philippe Rey, 2017

This edition is published by arrangement with the

Éditions Philippe Rey in conjunction with its duty appointed

agents L’Autre agence, Paris, France. All rights reserved.


Vorwort Papst Franziskus

© Libreria Editrice Vaticana, 2017


Deutsche Ausgabe

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2017

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de


Umschlagmotive: Portrait © Martine Wohlhauser 

Hintergrund (Collage) © RomeoLu/iStock.com

E-Book-Konvertierung: wunderlichundweigand


ISBN Print 978-3-451-37914-7

ISBN E-Book 978-3-451-81198-2


Inhalt

Vorwort von Papst Franziskus

Das Chaos meiner Kindheit

Von Familie zu Familie

Der Abstieg in die Hölle

Von Mönchen gerettet

Ich gründe meine eigene Familie

Beten bezeugen

Die Anzeige

Nachwirkungen und Unsicherheiten

»Lieben heißt alles geben«

Ein aufrechter Mann

Pater, ich vergebe Euch

Gespräch

Danksagungen

Vorwort von Papst Franziskus

Es ist eine große Herausforderung für die Opfer pädophiler Gewalt, das Wort zu ergreifen und davon zu berichten, was sie aushalten mussten zu beschreiben, wie die traumatischen Erlebnisse von einst noch Jahre später sie quälen. Aus diesem Grund ist das Zeugnis von Daniel Pittet so notwendig, so kostbar und so mutig.

Ich habe Daniel Pittet im Jahr 2015, im Jahr des geweihten Lebens, im Vatikan kennengelernt. Daniel war damals mit großem Eifer dabei, ein Buch mit dem Titel Lieben heißt alles geben zu verbreiten. Für das Buch wurden Zeugnisse von religiösen Männern und Frauen, Priestern und Ordensleuten zusammengetragen. Dass dieser so leidenschaftlich glaubende Christ ausgerechnet von einem Ordenspriester sexuell missbraucht worden war, konnte ich kaum fassen. Doch genau das berichtete er mir. Seine Leidensgeschichte hat mich tief bewegt. Ich habe begriffen, was für einen furchtbaren Schaden sexueller Missbrauch hervorruft und wie lang und schmerzvoll der Weg ist, der vor den Opfern liegt.

Ich bin froh, dass Daniels Zeugnis nun auch anderen Menschen zugänglich gemacht wird, damit wir alle begreifen, wie tief das Böse selbst in das Herz eines Dieners der Kirche eindringen kann.

Wie aber kann es sein, dass ein Priester, der sich Christus und seiner Kirche geweiht hat, an dem Punkt angelangt, so viel Unheil anzurichten? Wie kann es dazu kommen, dass dieser Mensch, dessen Aufgabe es doch ist, die Kinder zu Gott zu führen, ein solches Kind in einem – wie ich einmal gesagt habe – »diabolischen Opfer« verschlingt, bei dem nicht nur das Kind verletzt wird, sondern auch das Leben der Kirche? Einige Opfer haben sich am Ende sogar das Leben genommen. Diese Toten lasten auf meinem Herzen ebenso wie auf meinem Gewissen und dem der gesamten Kirche. Ihren Familien möchte ich meine Liebe und meinen Schmerz zum Ausdruck bringen und sie voller Demut um Vergebung bitten.

Es handelt sich hier um eine absolute Ungeheuerlichkeit, eine schreckliche Sünde, die allem widerspricht, was die Kirche lehrt. Jesus richtet strenge Worte gegen diejenigen, die Kindern Leid zufügen: »Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals im tiefen Meer versenkt würde« (Matthäus 18,6).

Wie ich in meinem Apostolischen Schreiben vom 4. Juni 2016 Wie eine liebende Mutter gemahnt habe, ist es Aufgabe unserer Kirche, für die Schwächsten und Hilfsbedürftigsten Sorge zu tragen und sie zu behüten. Ich habe erklärt, dass wir jenen Priestern, die ihre Mission verraten haben, mit der größten Strenge begegnen werden. Dies gilt auch für Bischöfe oder Kardinäle, wenn sie diese Priester – wie es in der Vergangenheit wiederholt geschehen ist – unter ihren Schutz gestellt haben.

In all seinem Unglück konnte Daniel Pittet gleichwohl auch eine andere Seite der Kirche für sich entdecken. Eine Seite, die es ihm ermöglicht hat, nicht an den Menschen und an Gott zu verzweifeln. Dies gilt zum Beispiel für die Kraft des Gebets, die ihn niemals verlassen und die ihn in seinen dunkelsten Stunden aufgerichtet hat.

Er beschloss, seinen Peiniger vierundvierzig Jahre später aufzusuchen und diesem Mann, der ihn bis in die Tiefe seiner Seele verletzt hat, in die Augen zu sehen – und seine Hand zu ergreifen. Das verletzte Kind ist heute ein aufrechter Mann: verwundbar, aber aufrecht. Seine Worte haben mich sehr bewegt: »Viele Menschen können nicht verstehen, dass ich keinen Hass gegen ihn hege. Ich habe ihm verziehen und mein Leben auf dem Fundament dieses Verzeihens aufgebaut.«

Ich möchte mich bei Daniel bedanken, denn Zeugnisse wie seines machen es möglich, das bleierne Schweigen angesichts der Skandale und Leiden zu überwinden, bringen sie doch Licht in ein schreckliches Dunkel, das sich im Leben der Kirche verbirgt. Sie öffnen den Weg für eine angemessene Wiedergutmachung, einen Weg hin zur Gnade der Versöhnung. Darüber hinaus tragen sie auch dazu bei, dass sich die pädophilen Gewalttäter über das schreckliche Ausmaß ihrer Taten bewusst werden.

Ich bete für Daniel und all jene, die wie er in ihrer Unschuld verletzt wurden. Gott möge sie wieder aufrichten und ihnen Heilung vergönnen. Möge er uns allen verzeihen und barmherzig sein.

Papst Franziskus, 6. Dezember 2016

Das Chaos meiner Kindheit

Am 10. Juni 1959 versucht mein Vater, meine Mutter umzubringen. Er hält ein großes Messer in der Hand und verletzt sie damit am Hals. Voller Panik fleht sie ihn unter den angsterfüllten Blicken meiner älteren Schwester an, sie in Ruhe zu lassen. Vergebens. Mein Vater lässt das Messer fallen, nimmt eine Rasierklinge und ritzt ein Andreaskreuz in ihren Bauch. In den Bauch seiner Frau, in dem ich in diesem Augen­blick lebe, in dem ich mich bewege. Meine Mutter ist im achten Monat schwanger. Ihr Bauch, das bin ich.

Am 10. Juli 1959 erblicke ich das Licht der Welt. Es ist ein schlechter Start ins Leben. Durch den Angriff meines Vaters bin ich für immer gezeichnet. Schon jetzt bin ich ein Überlebender.

Meine Eltern sind ein ungleiches Paar. Mein Vater ist ein kräftiger Mann, er ist Maurer und ein Arbeitstier. Von seiner Familie weiß ich so gut wie nichts. Meine Mutter ist eher intellektuell veranlagt, feinfühlig und wohlerzogen. Ihre Mutter Alice ist französischer Abstammung, sie kommt aus einer Gutsbesitzerfamilie, die über eine gewisse Bildung verfügte. Durch den Krieg war die Familie verarmt, sie hatten Frankreich verlassen müssen. Sie hatten sich in Genf niedergelassen, wo mein Urgroßvater eine Anstellung als einfacher Landarbeiter fand. Meine Großmutter fühlte sich deswegen herabgesetzt in ihrem Stand.

Gleichwohl hatte die Familie die guten Manieren und das tadellose Benehmen ihrer Vorfahren übernommen. Meine Großmutter war stets gepflegt und hatte eine vornehme Ausstrahlung. Sie erzog uns streng, war auf Bildung bedacht. Das Essen wurde in ausgesuchtem Geschirr serviert, wir benutzten Silberbesteck, von dem wir uns immer fragten, wo es herstammte. Zu Tisch saßen wir aufrecht, die Hände korrekt platziert.

Nachdem meine Großmutter geheiratet hatte, verließ sie Genf. Das Paar ließ sich in Romont im Kanton Fribourg nieder. Mein Großvater Élie, Alices Ehemann, war ein Bauernsohn. Wie es damals gang und gebe war, kam auch er aus einer vielköpfigen Familie mit zehn Kindern. Als die Eltern starben, waren die Kinder noch minderjährig. Sobald mein Großvater das entsprechende Alter erreicht hatte, wurde er Fahrer in der Firma seines Onkels. Er kutschierte alle möglichen Leute umher und liebte es, die dabei aufgeschnappten Anekdoten zum Besten zu geben. Doch wie seine Eltern starb auch er jung und ließ meine Großmutter und die drei Kinder ohne jedes finanzielle Polster zurück. Doch in der Familie meiner Mutter waren alle immer sehr solidarisch untereinander. So sagte ihr ein Verwandter irgendwann: »Mach ein Geschäft auf, ich leih dir das nötige Geld!« ­Da­raufhin ließ sie sich beraten und eröffnete einen Schreibwarenhandel, der es ihr zumindest ermöglichte, sich und ihre Kinder durchzubringen.

Mein Großvater Élie hatte eine Schwester, die in den Orden der Paulus-Schwestern eingetreten ist, der gemeinhin Œeuvre de Saint-Paul genannt wird. Sie sollte eine entscheidende Rolle in meinem Leben spielen. Jene Ordensgemeinschaft versteht ihr Apostolat so, dass sie Verkündigung stark über die Medien betreibt, und arbeitet dabei eng mit Laien zusammen. Deshalb hat diese Gemeinschaft den Ruf, sehr weltoffen zu sein. Wie meine Tante, so wollte auch meine Mutter ihr Leben eigentlich der Religion weihen. Sie trat ins Kloster ein und verbrachte etwa ein Jahr bei den Paulusschwestern. Während dieser Zeit lernte sie meinen Vater kennen und verfiel seinem Charme. Sie erzählte ihrer Mutter davon, die sich beim Pfarrer der Gemeinde, aus der der junge Mann stammte, Rat holte. Es war durchaus üblich, sich beim Pfarrer zu informieren. Dieser hatte nichts zu beanstanden und erinnerte sich vielmehr daran, dass mein Vater ein guter Messdiener gewesen sei, was in den Augen meiner Großmutter eine sehr fromme Eigenschaft war. So erteilte sie meiner Mutter die Erlaubnis, das Kloster zu verlassen und zu heiraten. Meine Mutter überkamen jedoch Zweifel an ihrer Entscheidung, als sie sich ihrer Schwester anvertraute. Was zu dieser Zeit noch keiner ahnte: der junge Mann, der einmal mein Vater werden würde, war psychisch krank. So heiratete das Paar, meine Schwester und mein Bruder wurden geboren, und ein paar Jahre später zogen meine Eltern nach Genf.

Jahre später, am 10. Juni 1959. An dem Tag, an dem wie eingangs geschildert mein Vater über meine im achten Monat schwangere Mutter mit dem Messer herfällt. Irgendwann trifft der Rettungswagen ein, bringt meine Mutter in Sicherheit, während mein Vater für mehrere Monate in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wird. Es heißt, er leide unter Paranoia. Schockiert und traumatisiert, beschließt meine Mutter, Genf zu verlassen und wieder bei meiner Großmutter in Romont zu leben. Als mein Vater aus der Klinik entlassen wird, kommt er nach – zur großen Verzweiflung meiner Großmutter. In einem Steinmetzbetrieb ganz in der Nähe findet er eine Anstellung. Meine Mutter bekommt noch zwei weitere Kinder von ihm. Kurze Zeit später findet er Arbeit in Lausanne.

Ich habe nur verschwommene Erinnerungen an diese Zeit, da ich noch sehr klein war. Ich erinnere mich, dass mein Vater ein Zimmer in der Nähe seiner Arbeitsstelle hatte und dass er am Sonntagnachmittag zu uns kam, am selben Abend jedoch wieder nach Lausanne zurückfuhr. Wir waren gern mit ihm zusammen. Zwar unternahmen wir nicht viel mit ihm, aber er ging mit uns oft nach Romont, wo wir ein Glas Saft zusammen tranken und dann nach Hause zurückkehrten. Ich mochte diese wenigen Augenblicke, die wir mit ihm verbrachten, weil ich meinen Vater lieb hatte.

Meine Großmutter hatte meinen Vater nicht liebt, im Gegenteil: Sie wollte am liebsten, dass er aus unserem Leben verschwand. Wenn wir von unserem Spaziergang zurück waren, verbrachten wir eine ganze Weile damit, all ihre Fragen zu beantworten. Sie wollte wissen, was wir gemacht hatten und was er gesagt hatte, und sie kommentierte und kritisierte unsere Antworten. Ich fand diese Gespräche sehr unangenehm, weil ich als Kind nicht begriff, dass mein Vater psychisch krank war. Ich hatte ihn einfach lieb, weil er mein Vater war. Noch heute erinnere ich mich daran, wie ich insgeheim immer an ihn dachte.

Im Jahr 1965, ich bin gerade fünfeinhalb, erkranke ich so schwer, dass meine Mutter jeden Tag nach der Arbeit mit mir zu Fuß ins Krankenhaus geht. Ich habe Urämie und muss regelmäßig zur Bluttransfusion. Ich bin ein schmächtiges, schwächliches Kind, und alle sagen, dass ich nicht weit kommen werde. Eines Tages höre ich zufällig eine Unterhaltung zwischen meiner Mutter und dem Arzt. Sie sprechen über mich und mir wird klar, dass ich sterben werde. Ich kann mich nicht erinnern, dass diese Neuigkeit ein Schock für mich gewesen sei. Vielmehr hilft sie mir, mich selbst vorzustellen, wie ich von Engeln umgeben im Paradies bin. Überhaupt bin ich gern im Krankenhaus, weil alle nett zu mir sind. Der Arzt hat mich gern und auch das Pflegepersonal kümmert sich sehr um mich. Fast sechs Monate lang liege ich auf Station. Eines Tages bin ich wieder gesund und kann nach Hause gehen. Mit Dr. Lang, der mich über die vielen Monate hinweg gepflegt hat, bleibe ich in Verbindung. Diese Zeit im Krankenhaus hat uns irgendwie zusammengeschweißt. Er hat mich ins Herz geschlossen und auch bei seiner Familie bin ich stets willkommen. Jeden Mittwoch darf ich zu ihm nach Hause kommen und eine Kindersendung im Fernsehen anschauen. Das sind fantastische Momente, denn meine Familie besitzt in dieser Zeit keinen eigenen Fernseher. Nur die wohlhabenden Familien können sich das leisten. Oft steckt mir mein Wohltäter einen Fünf-Francs-Schein zu. Dieser Mann hat mir viel bedeutet, ohne dass er es wusste, denn er hat mir gezeigt, wie viel ich ihm bedeutete. Als wir Romont unter dramatischen Umständen verlassen mussten, dachte ich, dass ich ihn niemals wiedersehen würde.

Bis zu einem Sonntag, dreißig Jahre später. Ich bin damals in der Messe in der Zisterzienserabtei La-Fille-Dieu in Romont und setze mich neben einen älteren Herrn. Beim Hinausgehen verabschiede ich mich und wünsche einen »schönen Sonntag«. Der ältere Herr lacht und antwortet: »Schönen Sonntag, heute ist mein Geburtstag!« Überrascht sehe ich ihn an: »Was für ein Zufall! Ich habe auch Geburtstag heute! Wie heißen Sie denn?« – »Ich bin Dr. Lang aus Romont.« – »Dr. Lang? Und ich bin Daniel Pittet!« Die Überraschung steht ihm ins Gesicht geschrieben. »Daniel Pittet? Der kleine Daniel?« Wir umarmen uns. Es ist genau der richtige Moment, sich bei ihm für all das zu bedanken, was er für mich getan hat. An diesem Tag kommt es mir so vor, als wäre er hundert Jahre alt. Dabei ist er erst fünfundsiebzig! Das Wiedersehen auf der Kirchenbank war wundervoll. Es war das letzte Mal, dass ich ihm begegnet bin. Zwei Jahre später erfahre ich von seinem Tod.

Zurück in meiner Kindheit, ich bin noch immer klein und schmächtig. Meine jüngste Schwester wird geboren und mein Vater verhält sich sehr merkwürdig. Er geht ins Bistro, trinkt ein paar Gläser zu viel und verbreitet ein ungeheuerliches Gerücht: Er verkündet, dass seine Kinder nicht von ihm seien. Jedes Kind stamme von einer angesehenen Persönlichkeit der Stadt. Meine älteste Schwester sei vom Pfarrer, mein Bruder vom Anwalt, ich selbst vom Doktor, mein kleiner Bruder stamme vom Sohn des Besitzers des Hauses, in dem meine Großmutter wohnt, und meine Schwester sei die Tochter des Oberamtmanns. Er bezeichnet diese Männer zugleich als die Geliebten meiner Mutter und die Väter seiner Kinder – mein Vater ist ein rebellischer Mann, ein kranker Rebell.

Diese aberwitzige Behauptung stürzt unsere Familie in die Katastrophe. Man fordert uns auf, Romont zu verlassen, da das Gerede eine zu große Belastung sei. »Sie können nichts dafür, Madame, aber Sie müssen aus Romont weg. Sie können nicht länger hier bleiben«, so die Worte des Oberamtmanns. Weggehen? Was für ein Schock! Meine Mutter und meine Großmutter haben schon immer in Romont gelebt. Wo sollen sie hin? Und womit sollen sie einen solchen Umzug bezahlen? Meine Großmutter lebt seit eh und je von ihrem Schreibwarenhandel, sie kann nicht ohne ihre Kundschaft fortgehen! Wovon soll sie leben? All diese Fragen kreisen in ihrem Kopf, sie ist verzweifelt. Soll sie ihrer Tochter und ihren Enkeln folgen? Wir werden vertrieben! Wegen eines haltlosen Gerüchts werden wir an den Rand der Gesellschaft gedrängt! Es ist unvorstellbar, wir werden aus unserer eigenen Stadt gejagt! Ich glaube nicht, dass man so eine Erfahrung einfach so wegsteckt. Und so ist es auch für uns. Bei meiner Großmutter jedenfalls sitzt der Schock tief. Sie ist eine Geschäftsfrau, jeder kennt und respektiert sie. Doch auch wenn sie riskiert, alles zu verlieren, beschließt sie, mit uns zu gehen.

Zur selben Zeit verschwindet mein Vater aus unserem Leben, wir schreiben das Jahr 1967. Ganz offiziell wird vor dem Oberamtmann das entscheidende Dokument unterzeichnet: Meine Eltern sind von Rechts wegen geschieden. Eine Zeit lang müssen meine Geschwister und ich regelmäßig nach Lausanne und uns dort einem Psychotherapeuten vorstellen, um herauszufinden, ob die schrecklichen Ereignisse Spuren bei uns hinterlassen haben. Schließlich wird das Urteil gefällt: »Die Kinder dürfen ihren Vater nicht mehr sehen. Er schadet ihrer Gesundheit.« Meine Großmutter und meine Mutter erklären, dass wir ihn nicht wiedersehen werden. Ich bin acht Jahre alt. Inzwischen heißt es, mein Vater sei tot. Das ist einfacher, als die ganze absurde Geschichte zu erklären. Anfangs weiß ich schon, dass er noch lebt. Doch nach und nach glaube ich der Einfachheit halber selbst daran, dass er tot sei.

Das Überraschendste an dieser ungewöhnlichen Situation ist, dass man uns zugleich ausschließt und beschützt. Zuerst heißt es, wir werden nach Bern geschickt. Doch Bern liegt am anderen Ende der Welt. Und meine Familie besitzt kein Auto oder ein anderes Transportmittel. Nach Bern zu gehen, hieße also, der französischen Schweiz endgültig den Rücken zu kehren und in einer für uns vollkommen fremden Umgebung neu anzufangen. Bern ist die Hauptstadt der Schweiz und noch dazu eine deutschsprachige Stadt. Die Leute reden Schweizerdeutsch und keiner von uns beherrscht diese Sprache. Doch wie gesagt: Die Familie meiner Mutter ist solidarisch und so eilt zum Glück meine Großtante zu Hilfe. Als Mutter Oberin beim Œuvre de Saint-Paul hat sie einen gewissen Einfluss in diesem sozialen Milieu, in dem Politik und Religion noch vollkommen miteinander verwoben sind. Dank ihrer Beziehungen schafft sie es, uns nach Fribourg zu bringen, in die zweisprachige Hauptstadt des Kantons. Die Idee gefällt allen, denn die Stadt ist groß genug und keiner kennt uns hier. So werden wir nicht auffallen. Man besorgt uns eine billige Wohnung. Noch heute sage ich »man«, denn ich habe keine Ahnung, wer wirklich hinter diesem Umzug steckte und wer sich danach um die Formalitäten und die finanziellen Angelegenheiten gekümmert hat.