Richard Rohr

Werde,
wer du wirklich bist

Aus dem Amerikanischen
von Ulrike Strerath-Bolz

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Impressum

Als deutsche Bibelübersetzung ist zugrunde gelegt:

Die Bibel. Die Heilige Schrift

des Alten und Neuen Bundes

Vollständige deutschsprachige Ausgabe

Bibel-Logo

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2005

Titel der amerikanischen Originalausgabe

Immortal Diamond. The Search for our True Self.

© Richard Rohr 2013. Alle Rechte vorbehalten.

Veröffentlicht von Jossey Bass. A Wiley Imprint, San Francisco/USA

Für die deutschsprachige Ausgabe

Das Wahre Selbst. Werden, wer wir wirklich sind

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2013

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2017

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: wunderlichundweigand

Umschlagmotiv: iStock

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book): 978-3-451-81213-2

ISBN: 978-3-451-06415-9

Inhalt

Einladung
Der unsterbliche Diamant des Wahren Selbst

Einleitung

Erstes Kapitel
Was ist das «Wahre Selbst»?

Zweites Kapitel
Was ist das «Falsche Selbst»?

Drittes Kapitel
Was stirbt und wer lebt?

Viertes Kapitel
Die Messerschneide der Erfahrung

Fünftes Kapitel
Das bist du

Sechstes Kapitel
Wenn es wahr ist, dann muss es überall wahr sein

Siebtes Kapitel
Erzwungene Erleuchtung

Achtes Kapitel
Intimität mit allem

Neuntes Kapitel
Liebe ist stärker als der Tod

Epilog

Anhang A
Das Wahre und das Falsche Selbst

Anhang B
Ein Mosaik von Metaphern

Anhang C
Totenwache: Haltungen fürs Gebet

Anhang D
Vom Kopf ins Herz: Das «Heiligste Herz»

Anhang E
Adams Atem: Gebet aus dem Lehm

Anhang F
Zwölf Arten, Auferstehung jetzt zu üben

Anmerkungen

Literaturhinweise

Bibelstellenverzeichnis

Personen- und Sachregister

Falle anheim dem überbleibenden Wurm; Wildfeuer der Welt, lasse du nichts als Asche:

In einem Blitz, auf einen Stoß der Posaune

Bin ich sogleich was Christus ist, weil er war was ich bin, und

Dieser Hans-Narr, armer Scherben, Flicken, Holzspan, unsterblicher Diamant,

Ist unsterblicher Diamant.

Gerard Manley Hopkins

Einladung

Der unsterbliche Diamant des Wahren Selbst

Die Tatsache, dass Leben und Tod «nicht zwei» sind, ist äußerst schwierig zu erfassen, nicht weil es so schwierig zu verstehen wäre, sondern weil es so einfach ist.

Ken Wilber

Wir verpassen die Einheit von Leben und Tod, sobald unser gewöhnlicher Geist darüber nachzudenken beginnt.

Kathleen Dowling Singh

Wo der Text des Markusevangeliums – des ältesten Evangeliums – das erste Mal endet oder eher abbricht, begegnen wird einer sehr enttäuschenden und deshalb wohl wahren Bemerkung: «Da gingen sie hinaus und flohen vom Grab; denn Angst und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich» (Markus 16,8). Was für eine seltsame Reaktion, nachdem sie gerade mit einem Engel gesprochen hatten, der ihnen sagte, sie sollten sich nicht fürchten.

Die Flucht vor der Auferstehung, wie sie in diesem frühen Text berichtet wird, ist eine Art Prophezeiung für das Christentum – ebenso wie für die meisten anderen Religionen. Ich sehe darin die menschliche Versuchung, nicht nur vor der Gegenwart Gottes zu fliehen und sie zu leugnen, sondern auch vor unserem Wahren Selbst, vor unserer Seele, unserem inneren Schicksal, unserer wahren Identität. Das Wahre Selbst ist jener Teil von uns, der weiß, wer wir sind und zu wem wir gehören, wenn auch zu einem Großteil unbewusst. Unser Falsches Selbst entspricht dem, was wir zu sein denken. Aber Denken macht uns nicht zu dem, der wir sind.

Wir sind für die Transzendenz, für endlose Horizonte gemacht, aber unser kleines Ego steht uns normalerweise im Weg – bis wir seine kleinlichen fixen Ideen durchschauen und uns endlich auf die Suche nach einer tieferen Wahrheit machen. Es ist wohl wie bei der Suche nach Diamanten. Wir müssen tief schürfen und zögern doch, schrecken womöglich davor zurück. Bemerkenswerterweise ist selbst im später hinzugefügten Ende des Markusevangeliums noch drei Mal die Rede davon, dass die Jünger nach wie vor nicht an die Auferstehung glaubten (16,11–15). Jesus «schalt ihren Unglauben und die Härte ihres Herzens» (16,14). Das ist kein harmonischer Schlussakkord, kein Happy End am Beginn einer neuen Religion! Die Jünger waren nicht die «wahrhaft Glaubenden», die wir heute gern sein würden. Man kann daraus nur schließen, dass es sich hier um eine historische Wahrheit handelt, sonst hätten sie es nicht zugegeben. (Oder ist es vielleicht die Erkenntnis, dass der Zweifel der notwendige Widerpart des wahren Glaubens ist?)

Die Frage der drei Frauen in diesem ersten Augenblick, da die Frage nach der Auferstehung sich stellt, liegt auch uns auf den Lippen: «Wer wird uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?» (16,3). Wer wird uns helfen, nach unserem Wahren Selbst zu suchen? Was kostet es mich, mein Wahres Selbst zu finden? Und woher weiß ich überhaupt, dass es einen «unsterblichen Diamanten» gibt unter der steinigen Oberfläche meines Egos, meiner besonderen Lebenserfahrung und meiner Kultur? Bislang war es üblich (ohne dass es uns wirklich wehgetan hätte), intellektuell zu argumentieren oder schlicht zu glauben, dass der Körper Jesu tatsächlich «auferstehen» konnte. Das war viel einfacher, als zu fragen, ob wir uns tatsächlich verändern oder auferstehen können. Wir haben uns immer davongestohlen, haben uns davor gedrückt, erwachsen zu werden und uns ernsthaft auf die Suche nach unserem Wahren Selbst zu machen.

Wie so viele in der «ewigen Tradition»1 auf die eine oder andere Weise gesagt haben: Wenn die «falsche Person» die richtigen Mittel benutzt, werden selbst die richtigen Mittel auf falsche Weise wirken. Aber wenn die «richtige Person» die falschen Mittel benutzt, wird sie begreifen, wann sie unterwegs Kurskorrekturen anbringen muss. Ich würde immer lieber mit dem zweiten Menschen arbeiten. Das «Selbst» muss in Ordnung sein! Sonst wird auch gutes, moralisches Handeln einen engen, kleinlichen und zersetzenden Charakter haben. Dagegen kann das richtige «Selbst» sogar falsche Dinge tun, und es wird immer noch irgendwie in Ordnung kommen. Das kennen Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung. Wir müssen wissen, wer es ist, der handelt, wer es ist, der nachdenkt. Ist es «Ihr» Selbst? Das göttliche Selbst? Oder nur ein Chamäleon? Diese Frage ist grundlegend für eine reife Spiritualität, gleich welcher Ausrichtung.

Und ein Zweites müssen wir beachten: Markus sagt auch, Jesus habe sich «in anderer Gestalt» gezeigt (16,12). Ist vielleicht die radikale Veränderung durch die Auferstehung das Problem? Ich glaube, ja, und sie ist auch unser erster richtiger Hinweis bei unserer Suche nach dem Wahren Selbst.

Wir sind nicht besonders vertraut mit der auferstandenen Gestalt von Dingen, obwohl es jedes Jahr Frühling wird, obwohl wir körperliche Heilung erlebt haben, obwohl es zehntausend neue Formen gibt, in jedem Ereignis und in jedem Leben. Die Todesseite der Dinge lockt unsere Fantasie und fasziniert uns – wie es Angst und Negatives leider immer tun. Wir müssen erst lernen, wie man nach etwas Unendlichem, Positivem oder Gutem sucht, und das ist aus irgendeinem Grund viel schwieriger. Jahrhunderte der Philosophie haben wir damit verbracht, das «Problem des Bösen» zu «lösen», und doch glaube ich, das «Problem des Guten» ist viel verblüffender und erstaunlicher. Welche Erklärung haben wir für all die geschenkte reine Güte in dieser Welt? Wir würden viel bessere Ergebnisse erzielen, wenn wir diese Frage angingen.

Irgendwie ist die Auferstehung – die ich mit der Offenbarung unseres Wahren Selbst gleichsetze – tatsächlich ein Risiko und eine Bedrohung für die Welt, wie wir sie errichtet haben. Wenn unser Wahres Selbst «aufersteht», werden wir in viele Gruppen nicht mehr hineinpassen, auch nicht in eine religiöse Gesellschaft, die dem Falschen Selbst oft schmeichelnd und nachgiebig begegnet – weil sie nichts anderes kennt.

Ob Menschen es zugeben oder nicht: Wir sind alle versessen auf den Status quo oder die Vergangenheit, wie Verliebte oder Abhängige, selbst wenn sie uns umbringt. Die Auferstehung bietet uns eine Zukunft an, fast möchte ich sagen: eine dauerhafte Zukunft. Aber es ist eine unbekannte und deshalb Furcht einflößende Zukunft. Menschen finden es einfacher, ihre Energie auf Tod, Schmerz und Probleme zu konzentrieren als auf Freude. Ich kenne das selbst. Aus irgendeinem traurigen Grund unterschätzen wir die Freude und greifen nach der Opferrolle.

Das Wahre Selbst und seine Auferstehung sind immer eine Bedrohung. Wenn wir von der Auferstehung des Christusleibs sprechen, ist nicht von der Wiederbelebung einer alten Sache die Rede, sondern vom Auferstehen von etwas ganz und gar Neuem. Bei der Auferstehung geht es nicht einfach darum, dass ein einzelner Mann in seinen Körper zurückkehrt, sondern ebenso sehr um einen universellen Menschen, der uns in eine universelle Zukunft führt – und der das tut, indem er die gesamte Vergangenheit ergreift und sie verwandelt, transformiert! (Epheser 4,15–16). Bedenken Sie, dass in allen Auferstehungsberichten der vier Evangelien dieselben großartigen Bilder vorkommen: Da wird gerannt, geeilt, da gibt es Aufregung, Freude, Essen, einen großen Fischfang, da springen Leute nackt und frei ins Wasser. Freiheit für die Zukunft, weil die Vergangenheit vorbei ist, vergangen, ganz und gar vergeben.

Die Klärung und Wiederentdeckung dessen, was ich hier das Wahre Selbst nenne, legt eine solide Grundlage – und ein klares Anfangsziel – für jede Religion. Sie können kein ernst zu nehmendes spirituelles Haus bauen, wenn Sie nicht erst einmal etwas Festes, Grundlegendes finden – in Ihnen selbst. «Gleich und gleich gesellt sich gern», lautet das Prinzip. Gott in uns kennt Gott, liebt und dient Gott – in allem anderen. Wir müssen nur noch mit beiden Füßen «an Bord springen». Ich nenne das Bewusstheit, und ich glaube, der auferstandene Christus ist die Ikone der vollständigen Bewusstheit. Im menschlichen Geist Christi erkennt sich jeder Teil der Schöpfung als (1) göttlich gezeugt, (2) von Gott geliebt, (3) gekreuzigt und (4) am Ende wiedergeboren. Er trägt uns hinüber, versichert uns, dass alles gut ist, und gibt uns auf diese Weise ein Beispiel für die ganze Reise und die schlussendliche Richtung der Bewusstheit.2 Das ist das Wichtigste, was ich darüber sagen kann, wie Jesus «uns erlöst».

Die «ewige Tradition», die mystische Tradition, auf der ich hier auf baue, geht davon aus, dass es in allen Menschen eine Fähigkeit zur göttlichen Wirklichkeit gibt, eine innere Ähnlichkeit mit ihr, eine Sehnsucht nach ihr. Und wir sind, was wir suchen. Genau darum behauptet Jesus: Wir werden es finden (Matthäus 7,7–8). Die ewige Tradition kommt unausweichlich zu dem Schluss, dass wir am Anfang nicht sehen können, wonach wir suchen, weil wir ja gerade nach diesem Sehen suchen. Gott ist nie ein Objekt, das wir finden oder besitzen können, sondern er teilt mit uns unsere tiefste Subjektivität, unser «Selbst». Üblicherweise sprechen wir von «Seele», die Religion von der «göttlichen Einwohnung».

Ich glaube, dass der Christus das archetypische Wahre Selbst in der Geschichte ist, der Ort, an dem Materie und Geist endlich zusammenwirken, an dem das Göttliche und das Menschliche endlich in einem Gefäß zusammenkommen, an dem es «nicht mehr Juden und Griechen, Sklaven und Freie, Mann und Frau» gibt (Galater 3,28). Dieser Christus geht uns voraus in ein neues Land, nach «Galiläa», in die vergessenste Ecke des Römischen Reichs und der jüdischen Religion. «Du bist bestimmt auch einer von ihnen. Schon deine Sprache verrät dich ja», bekommt Petrus zu hören (Matthäus 26,73). «Forsche nach und du wirst sehen, dass aus Galiläa kein Prophet kommen kann», sagen die Mitglieder des Hohen Rats (Johannes 7,52). Und doch: «Dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat» (Markus 16,7). Vielleicht wird das Wahre Selbst – und das vollständige Christusmysterium (das nicht gleichzusetzen ist mit dem organisierten Christentum) – immer in den vergessenen Ecken der großen Reiche und in den tiefen Schächten der Religionen leben.

Einige werden denken, dass ich auf eine selbstüberschätzende Weise davon rede, «persönlich göttlich» zu sein, und diese Art, über Auferstehung zu sprechen, eifrig als Häresie, Arroganz oder Pantheismus verwerfen. Aber das Evangelium ist viel subtiler! Jesu Leben und sein auferstandener Leib sagen uns vielmehr, dass die Entdeckung unserer eigenen göttlichen DNA die einzige, vollständige und endgültige Bedeutung des Menschseins darstellt! Das Wahre Selbst ist nicht «Gott», aber auch nicht «menschlich». Das Wahre Selbst ist beides zur gleichen Zeit. Und beides ist reines Geschenk.

Etwas so radikal Neues ist bedrohlich, selbst wenn es sich in dem ältesten, wahrsten und tiefsten «Selbst» offenbart, das wir sind. Die Auferstehung Jesu war die radikale Verweigerung, sich mit der Opferrolle zu identifizieren oder als Vergeltung irgendwelche Opfer zu schaffen. Wir haben es hier mit einem ganz und gar neuen Drehbuch für die Geschichte zu tun. Im Gegensatz zur Auferweckung des Lazarus (Johannes 11,1–44) ist die Auferstehung Jesu dauerhaft und endgültig, was die Menschheitsgeschichte angeht. Er steht stellvertretend für uns alle.

In dem folgenden Auszug aus ihrem Gedicht Sie haben uns mit Auferstehung gedroht drückt die guatemaltekische Dichterin Julia Esquivel sehr schön aus, wonach ich greifen möchte:

Etwas in uns lässt uns nicht schlafen,

lässt uns nicht ruhen,

wird nicht zu pochen auf hören

tief in uns drin.

Es ist das stille, warme Weinen

der Indio-Frauen, die ihre Männer vermissen,

es ist der traurige Blick der Kinder,

erstarrt irgendwo jenseits der Erinnerung …

Was uns nicht schlafen lässt,

ist ihre Drohung mit Auferstehung!

Denn an jedem Abend,

obwohl der Morde so müde,

des endlosen Verzeichnisses seit 1954,

lieben wir immer noch das Leben

und akzeptieren ihren Tod nicht!

… denn in diesem Marathon der Hoffnung

gibt es immer andere, die uns erlösen,

die stark genug sind,

die Ziellinie zu erreichen,

die jenseits des Todes liegt.

Haltet mit uns diese Nachtwache,

und ihr werdet wissen, wovon zu träumen ist!

Dann werdet ihr erkennen, wie wunderbar es ist,

mit der drohenden Auferstehung zu leben.

Im Wachen zu träumen,

Ausschau zu halten im Schlaf,

im Sterben zu leben

und zu wissen,

dass wir schon auferstanden sind.3

Nur unser Wahres Selbst kann allen Ernstes so sprechen. Für das Falsche Selbst – das Selbst, das vom Ego und seinen eingeschränkten Sorgen getrieben wird – ist eine solche Dichtung nur und ausschließlich Dichtung, ein billiger Grußkartentext, schnell vergessen, ein ärmlicher Versuch, im Dunkeln zu pfeifen. Aber es gibt ein Wahres Selbst, eine auferstandene Gegenwart, und sie ist das, «was uns nicht schlafen lässt». Deshalb lassen Sie uns jetzt versuchen, den Stein wegzuwälzen, den Schutt wegzuräumen und damit zu beginnen, das Wahre Selbst auszugraben. Sie werden einen Diamanten finden.

Einleitung

Weil ihr es aber abweist und euch selbst des ewigen Lebens nicht wert erachtet, wenden wir uns an die Heiden.

Paulus und Barnabas, Apostelgeschichte 13,46

Ich schreibe dieses Buch für nicht-religiöse Suchende und Denkende, für Glaubende und Nicht-Glaubende gleichermaßen und für die riesige, desillusionierte Gruppe derer, die sich erst einmal von der Religion erholen müssen. Überraschenderweise sind gerade diese Menschen oft eher bereit, das Geheimnis zu sehen, als viele religiöse Leute. Ich kann nicht mehr auf die vielen Christen warten oder ihnen falschen Trost versprechen, die noch immer dabei sind, ihre «persönliche Beziehung» mit einem sehr kleinen Jesus zu vertiefen – der ihnen selbst schrecklich ähnlich sieht. Viel lieber würde ich für Leute wie Jane Fonda schreiben, die vor Kurzem gesagt hat: «Ich spüre eine Präsenz, eine in mir summende Ehrfurcht, die schwer auszudrücken war und ist.» Also gut, Jane, wir werden versuchen, dieses Summen in diesem Buch auszudrücken und zu klären.

Denn viel zu viele religiöse Menschen verfolgen diese «summende Ehrfurcht in ihnen» nicht ernsthaft. Sie erkennen nicht, dass etwas in ihnen ihr tiefes Vertrauen braucht und dass sie vielen Dinge erlauben müssen, zu sterben – nicht weil diese Dinge schlecht sind, sondern weil sie sie vielleicht nicht dorthin bringen können, wohin sie unterwegs sein wollen. Spiritualität hat mehr mit Verlernen als mit Lernen zu tun. Und wenn Asche und Schlacken weggeräumt sind, wird das, was unsere Ehrfurcht weckt, da sein und auf uns warten.

Viele religiöse Menschen scheinen zu glauben, dass Gott aus irgendeinem ganz und gar unerklärlichen Grund die Vergangenheit des Menschen (normalerweise vor allem die jüngste Vergangenheit der eigenen Gruppe) liebt und nicht die Gegenwart oder die Zukunft der ganzen Schöpfung. Wie Jaroslav Pelikan es vor vielen Jahren so treffend ausgedrückt hat: «Tradition ist der lebendige Glaube der Toten. Traditionalismus ist der tote Glaube der Lebenden, und ich sollte wohl hinzufügen, dass es der Traditionalismus ist, der der Tradition einen so schlechten Ruf verschafft.»4 Wir können es eigentlich viel besser, wir müssen tatsächliche Gotteserfahrung nicht durch bloßen Traditionalismus ersetzen.

Unsere Identifikation Gottes mit der Vergangenheit tut der Gegenwart und der Zukunft keinen Gefallen. Alte Fehler sind immer noch Fehler, und wir brauchen sie nicht ständig zu wiederholen. Für einen Großteil der Welt stellt sich die Beschäftigung mit der Vergangenheit als göttliche Zustimmung zum Tod aller anderen dar (der Nicht-Christen, Ketzer, Ureinwohner, Sünder, Frauen, Armen, Sklaven usw.), nur nicht zum eigenen Tod! Viele Menschen haben jedes Interesse an dem, was wir Großes über Spiritualität sagen, und an unseren heiligen Schriften verloren, weil sie zu oft von Menschen benutzt werden, die selbst noch so klein sind, so sehr in dem feststecken, was ich Falsches Selbst nenne. Es bringt gar nichts, wenn wir leugnen, dass wir darin feststecken, aber es bringt auch nichts, sich arrogant darüberzustellen, als hätten wir nicht alle Teil an der einen großen Kreuzigung der Wirklichkeit, dem einen «Weltschmerz», wie es im Deutschen heißt. Wir Christen sprechen in unserem Glaubensbekenntnis von der «Gemeinschaft der Heiligen», aber ich denke, wir sollten auch an die «Gemeinschaft der Sünder» glauben. Denn wir sind voll und ganz Teil beider Gruppen.

Ich hoffe sehr, dass dieses Buch für Sie drei Dinge klären und vor allem in der eigenen Erfahrung bestätigen wird, die auf alle Menschen zutreffen, ganz gleich, welcher Religion sie angehören, und auch, wenn sie keiner Religion angehören. Ich werde religiöse Sprache gebrauchen, weil nach wie vor 95 Prozent der Welt und 99 Prozent der Geschichte diese Sprache teilen, aber ich vermute, Sie werden mir zustimmen: Was ich über Gnade, Tod und Auferstehung sage, trifft auf jeden Menschen zu und braucht keine besondere religiöse Sprache.

Die folgenden drei Gedankengänge kamen mir in großer Klarheit in sehr kurzer Zeit in den Sinn, als ich während meines Rückzugs in der Fastenzeit 2012 am Meer spazieren ging. Auf mancherlei Weise fassen sie schon zu Beginn das ganze Buch zusammen:

Die Güte Gottes erfüllt alle Klüfte des Universums, ohne Unterschiede oder Vorlieben. Gott ist der Geschenkcharakter von absolut allem. Der Leerraum zwischen den Dingen ist überhaupt kein Raum, sondern Geist. Gott ist der «Klebstoff der Güte», der die dunkle und die helle Seite aller Dinge zusammenhält, die freie Energie, die alles Tote über die große Schwelle trägt und in Leben verwandelt. Wenn wir sagen, dass Christus «unsere Schuld ein für alle Mal bezahlt hat», dann meinen wir damit schlicht und einfach, dass es an Gott ist, alle Mängel des Universums auszugleichen. Was sonst sollte Gott tun? Gottes Vorname ist «Gnade», und vermutlich ist es auch sein Nachname. Gott erhält mit seiner Gnade alles, was er erschaffen hat, in der Liebe und am Leben – für alle Zeit. Gnade ist Gottes offizielle Arbeitsplatzbeschreibung. Gott schenkt keine Gnade, er ist Gnade. Wenn wir den ersten Zeugen glauben dürfen, dann ist eine unerklärliche Güte im Universum am Werk. (Einige von uns nennen dieses Phänomen Gott, aber das Wort ist nicht unbedingt nötig. Tatsächlich steht das Wort der Erfahrung manchmal im Wege, weil zu viele Leute das Wort «Gott» für etwas anderes verwendet haben als für Gnade.)

Im Tod geht es nicht nur um das körperliche Sterben, sondern darum, in die Tiefe zu gehen, bis auf den tiefsten Grund, jenseits dessen, was unter meiner Kontrolle ist, ganz und gar darüber hinaus, wo ich jetzt bin. Kein Wunder, dass uns das Angst macht. Tod bedeutet «niedergefahren zur Hölle», wie es im alten christlichen Glaubensbekenntnis und anderen Quellen heißt, der Abgrund, die dunkle Nacht, die Scheol oder der Hades. Wir alle sterben, wir haben keine andere Wahl. Aber es gibt Stufen des Todes vor dem endgültigen körperlichen Sterben. Wenn wir ehrlich zu uns sind, anerkennen wir, dass wir unser Leben lang sterben, und wenn wir achtsam sind, können wir etwas daraus lernen: Gnade findet sich in den Tiefen und im Tod von allem. Nach diesen kleineren Toden wissen wir, dass es nur eine «Todsünde» gibt: das Schwimmen auf der Oberfläche der Dinge, wo Gott und die Liebe niemals zu sehen, zu finden oder auch nur zu ersehnen sind. Und das gilt auch für die Oberfläche der Religion, die vielleicht sogar am gefährlichsten ist. Wir müssen uns also nicht davor fürchten, zu fallen, zu scheitern, hinabzusteigen.

Wenn Sie ganz in die Tiefe und in den Tod hinabsteigen, vielleicht sogar in die Tiefen Ihrer Sünden, kommen Sie auf der anderen Seite wieder heraus – und das nennen wir Auferstehung. Etwas oder jemand baut eine Brücke für Sie, die nur von der anderen Seite zu erkennen ist, eine Brücke, die Sie hinüberträgt, wenn Sie wollen – und auch, wenn Sie nur teilweise wollen. Niemand ist darüber mehr überrascht und erfreut als der oder die Reisende selbst, wenn wir den angesehenen, verlässlichen Quellen (Mystikern, Schamanen, Menschen mit Nahtoderfahrungen) glauben dürfen. Etwas oder jemand scheint die tragische Lücke zwischen Tod und Leben auszufüllen, aber erst an dem «Punkt ohne Wiederkehr». Niemand von uns kann diese Brücke aufgrund eigener Anstrengungen oder Verdienste, aufgrund eigener Reinheit oder Vollkommenheit überschreiten. Wir alle werden von einer unerschaffenen, unverdienten Gnade hinübergetragen: Papst und Präsident, Fürstin und Bäuerin. Unsere Würdigkeit ist keine Eintrittskarte, nur die tiefe Sehnsucht, und die Sehnsüchtigen bekommen sie geschenkt. Das Grab ist am Ende immer leer. Es gibt keine Ausnahme in Sachen Tod, und es gibt keine Ausnahme in Sachen Gnade. Und ich glaube – gut begründet –, es gibt auch keine Ausnahme in Sachen Auferstehung.

In dieser Betrachtung von Wahrem Selbst, Falschem Selbst, Auferstehung und Verwandlung werde ich mich auf die Evangelien des Neuen Testaments beziehen, außerdem auf die Briefe des Paulus und Johannes und die Apostelgeschichte, aber wenn die Heilige Schrift für Sie keine natürliche Autorität besitzt, lassen Sie die Zitate einfach außer Acht. Ich hoffe, die spirituellen Vorstellungen und Ideen können auch für sich stehen, ohne die Bibel. Wenn ich die Heilige Schrift zitiere, dann um zu zeigen, dass ich mir das alles nicht «ausgedacht» habe. Ich stehe auf dem Boden der jüdisch-christlichen Tradition, und in diesem Licht beziehe ich mich auch auf Gelehrte und Heilige, Theologen und Dichter, um uns den ewigen Wahrheiten näherzubringen, die alle Religionen gemeinsam haben.

Die «Methode», der ich zu folgen versuche, umfasst die drei Größen Heilige Schrift, Tradition und inneres Erleben, die sich wechselseitig ausbalancieren und bestätigen, wenn alle drei mit Wertschätzung und Respekt in Beziehung zueinander gesetzt werden. Persönliche Erfahrung ist für mich das unterentwickelte «Dritte», das wir brauchen, um den erschöpften dualistischen Wettstreit zwischen dem katholischen «Traditions»-Prinzip und dem protestantischen «Bibel»-Prinzip (sola scriptura») zu überwinden. Kritischer Verstand ist das Regulativ, um die drei Prinzipien Schrift, Überlieferung und Erfahrung auf faire Weise in Einklang zu bringen.5

Im Anhang: Praktische Erfahrungen

Seit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts gibt es wenig Interesse für spirituelle Praktiken und Wege, auf denen man Heiliges und Wahres selbst erfahren könnte. John Wesley, der Vater der methodistischen Tradition, hat mit seinen «Methoden» einen Versuch in dieser Richtung unternommen, aber offensichtlich wurden nicht so viele Herzen davon so sehr «erwärmt» wie sein eigenes. In der katholischen Kirche gab es nach wie vor die wunderbaren «kontemplativen Orden», aber selbst sie hatten die alten Traditionen – das Ruhegebet und das Gebet jenseits der Worte – verloren.6 Katholiken, Orthodoxe und Anglikaner haben ihre Sakramente und Liturgien, aber sie wurden allzu oft zu leeren Wiederholungen und förderten Bewusstlosigkeit anstelle von Bewusstheit, vor allem bei vielen, die streng an sie gebunden waren. Es scheint, als fände das Ego immer eine Möglichkeit, die Macht zu übernehmen, vor allem in der gefährlichen Welt der Religion, und oft übernimmt es sie auch in ausgesprochen schlauen Maskierungen. Wie es die Zen-Meister so schön sagen: «Vermeide Spiritualität, wenn es möglich ist; sie ist eine Beleidigung nach der anderen.» Sie wissen, dass jede wahre Religion unser Ego «beleidigt» und keinen billigen Trost spendet.

Bis heute werden wir mehr von äußeren Autoritäten getrieben («Sünde ist, wenn du nicht …» oder «Die Kirche lehrt …»), als dass wir uns von der ruhigen, liebevollen inneren Autorität des Gebets, der Übung und inneren Erfahrung (dem uns innewohnenden Heiligen Geist) ziehen ließen. Dabei würden wir auf diese Weise viel eher unserem Wahren Selbst begegnen und es kennenlernen. Aus ganz praktischen Gründen ist dieser Identitätswechsel die wichtigste, geradezu erdrutschartige Verschiebung von Motivation und Bewusstheit, die in einer reifen Religion mit gutem Recht «Bekehrung» genannt wird. Sie bildet das Herzstück jeder religiösen Verwandlung.7 Und ohne sie ist Religion nur ein System der Zugehörigkeit, das unser Bewusstsein oder unsere Motivation nicht radikal verändern kann.

Wir müssen zu einer Spiritualität zurückkehren, die auf praktischen Erfahrungen beruht und bei der sich der Blickwinkel verschiebt: Nicht mehr der Blick auf Gott steht im Vordergrund, sondern der Blick Gottes. Das wird hoffentlich klar und einladend im Verlauf dieses Buches vermittelt und in den verschiedenen Übungen im Anhang noch einleuchtender. Im Christentum geht es viel mehr ums Tun als ums Denken. Oder, wie Thomas von Aquin, nicht gerade ein katholisches Leichtgewicht, gesagt hat: «Prius vita quam doctrina – Das Leben steht vor der Lehre.»8

Alles, was ich in diesem Buch zu sagen versuche, dient einem einzigen Zweck: Leben, und zwar Leben «in Fülle» (Johannes 10,10). Für alle Menschen. Das Leben in der ganzen Vielfalt seiner Formen ist, solange wir davon wissen, ein Geschenk jenseits von Religionen, Nationen, Volkszugehörigkeit, Zeit und Ideologie, und es gehört nicht nur den Menschen.

Meine einzige Aufgabe – und Ihre ebenso – besteht darin, Gott in seiner Liebe zum Leben nachzueifern.9 Und wenn Gott seine Gnade und das Leben so reichlich und breit verschenkt (Apostelgeschichte 11,22), «wer bin ich, dass ich vermocht hätte, Gott zu hindern?» (Apostelgeschichte 11,17). Das Beste, was wir tun können, ist zu unterstützen, was offensichtlich bereits geschieht. Vollkommene Spiritualität ist nichts anderes als die Nachahmung Gottes.

Erstes Kapitel

Was ist das «Wahre Selbst»?

An diesem hohen Ort

ist es ganz einfach:

Lass alles, was du weißt, hinter dir.

Geh auf die kalte Oberfläche zu

sprich das alte Gebet schlichter Liebe

und breite die Arme aus.

Die mit leeren Händen kommen,

werden staunend in den See blicken,

dort im kalten Licht,

im Widerschein des reinen Schnees:

die wahre Form deines eigenen Gesichts.

David Whyte: Tilicho Lake10

Konservative suchen nach absoluter Wahrheit. Liberale suchen nach etwas Echtem, Authentischem. Ehepartner suchen nach einer Ehe, die andauert, «bis dass der Tod uns scheidet». Gläubige suchen nach einem Gott, der sie niemals enttäuscht. Wissenschaftler suchen nach der Weltformel. Sie alle sind mit der gleichen Mission unterwegs. Wir suchen alle nach einem unsterblichen Diamanten. Nach etwas ganz und gar Verlässlichem. Nach Wahrheit und Treue. Nach etwas, auf das wir uns immer verlassen können. Unvergesslich und leuchtend. Für alle diese Menschen gibt es eine Einladung in dem sehr kurzen zweiten Brief des Johannes. Dort schreibt er von der «Wahrheit, die in uns bleibt und die bei uns sein wird in Ewigkeit» (2 Johannes 2). Aber die meisten von uns wissen nur wenig davon, und so enden wir, wie es Augustinus in seinen Bekenntnissen zugibt: «Spät habe ich dich geliebt, du alte und immer neue Schönheit. Spät habe ich dich geliebt! Du warst in mir, aber ich war nicht dort.»11

Irgendwann geben wir es auf – oder fangen gar nicht erst damit an –, diese Wahrheit zu suchen, und ziehen uns in uns selbst zurück, als wollten wir ganz allein unser Bezugspunkt sein: das weit verbreitete Problem des Individualismus und der Egozentrik. Ich glaube, beides gehört zusammen. Wir spalten uns auf und ziehen uns in uns selbst zurück. Aber wir kommen unweigerlich zu unserem Ego (unserem kleinen Selbst oder Falschen Selbst), weil wir nichts anderes kennen. Dies ist die allgemeine Standardposition, wenn auch großenteils unbewusst. Aber sie übernimmt die Macht, und weil unsere Spaltung so tiefgreifend ist, macht sie alle normalen Lebensweisen einschließlich der Ehe, dauerhafter Freundschaften und der meisten Formen von Hingabe weitgehend unmöglich. Dieser Rückzug in das Selbst des eigenen Ego ist gleichzeitig absolut richtig und entsetzlich falsch. In diesem Buch gebe ich mir Mühe zu zeigen, woran das liegt.

Es ist richtig, dass wir uns nach innen wenden, denn sonst verirren wir uns in dem äußerlichen, rotierenden Spiegelkabinett, von dem Augustinus spricht. Die Frage ist nur: Welches «Innen»? Ich spreche von unserem Wahren Selbst und Falschen Selbst, denn viele Leute finden diese Begriffe recht hilfreich. Es ist sehr gut und auch notwendig, dass wir uns in unser Wahres Selbst zurückziehen, aber es läuft auf eine ziemliche Katastrophe hinaus, wenn wir uns zu lange in unser Falsches Selbst zurückziehen oder es – noch schlimmer! – niemals verlassen. Beide, Wahres Selbst und Falsches Selbst, fühlen sich an wie ein «Selbst», und das löst die Verwirrung aus. Das eine könnte man auch als wahre «Zentrierung» bezeichnen, das andere als die viel weiter verbreitete «Egozentrik», die Grundlage des Problems.

Deshalb macht Jesus ebenso wie die meisten großen geistlichen Lehrer sehr deutlich, dass es ein Selbst gibt, das wir finden müssen, und dass es ein Selbst gibt, das wir loslassen oder gar aufgeben müssen (Markus 8,35; Matthäus 10,39 und 16,25; Lukas 9,24; Johannes 12,26). Der Buddhismus gestattet keinerlei Kompromiss oder Aufweichung bei dieser grundlegenden Botschaft. Das ist der Grund, warum sich so viele Menschen von seiner radikalen Ehrlichkeit angezogen fühlen.

Die Stimmen der ewigen Tradition sind sich vollkommen klar darüber, dass es zwei Arten des Selbst gibt, obwohl sich die Sprache von Gruppe zu Gruppe unterscheidet. Die wichtige Frage lautet: Woran erkennen wir den Unterschied? Diejenigen, die einen heiligen Ursprung des Universums («Gott») leugnen, haben keine Möglichkeit, etwas «wahr» zu nennen, und müssen deshalb auf Psychologie, Philosophie und kulturelle Normen zurückgreifen, um etwas Gültiges zu finden. Und sie sind sehr gut – so weit ihre Mittel eben reichen.

Diejenigen von uns, die von sich behaupten, dass sie an Gott glauben, leugnen eher die Tatsache, dass wir bereits «Kinder Gottes» sind (1 Johannes 3,1), als sie zu bekennen, und erschaffen willkürliche Reifen, durch man springen soll – was nur wenigen ganz gelingt, wenn wir ehrlich sind. Mein moralisches Selbst, das sich ständig verändert, wird also zum Maßstab, und schon ist jeder absolute Maßstab verloren. Es scheint, als wäre es dem Falschen Selbst lieber, nur ganz wenige «gewinnen» zu lassen, als dass Gott mit allen gemeinsam gewinnt. Nach einem Leben, in dem ich in vielen Kirchen auf vielen Kontinenten gearbeitet habe, ist das meine traurige Schlussfolgerung frei nach Matthäus: «Viele sind berufen, aber nur wenige erlauben es sich, auserwählt zu sein» (Matthäus 22,14). Jedenfalls verstehe ich diesen von den meisten Predigern und Übersetzern so oft hinterrücks ermordeten Vers so.12

Wir werden auf viele Weisen über die beiden Arten des Selbst sprechen. Nach der Methode des Sokrates werden wir sie in diesem Buch immer wieder umkreisen. Die Suche nach der Seele ist heute ein wenig klarer geworden, indem wir Worte gefunden haben, die dem modernen, eher psychologisch denkenden Verstand zugänglich sind. Wir könnten das Falsche Selbst jetzt auch unser kleines Selbst oder Ego nennen, das Wahre Selbst unsere Seele. Wenn das Wahre Selbst Ihnen klarer wird – und das wird bei den meisten von Ihnen der Fall sein –, dann werden Sie Ihre Spiritualität auf ihre erste, grundlegende Aufgabe zurückführen können und damit den besten Beratungsdienst aller Zeiten beschäftigen. Ich sage gern: «Sie haben gerade 10.000 Dollar unnötiger Therapiekosten gespart!» Warum? Weil Sie, wenn Sie Ihr Wahres Selbst finden, einen absoluten Bezugspunkt haben, der ganz und gar in Ihnen und gleichzeitig ganz und gar jenseits Ihrer selbst liegt. Und damit gründet sich die Seele in einer großen, verlässlichen Wahrheit. «Mein tiefstes Ich ist Gott!» Mit diesem Ausruf rannte die heilige Katharina von Genua durch die Straßen. Dasselbe hatte der Kolosserbrief schon Juden und Heiden zugerufen: «Christus unter euch – die Hoffnung auf Herrlichkeit» (Kolosser 1,27).

Und dann kann die gesunde innere Autorität des Wahren Selbst ausbalanciert werden durch die äußere Autorität der Heiligen Schrift und der reifen Tradition. Mit anderen Worten: Ihre Erfahrung ist nicht nur Ihre Erfahrung. Das macht Sie gewiss, dass Sie nicht verrückt sind. Gott ist gleichzeitig absolut jenseits von mir und ganz und gar in mir: Dieses großartige Gleichgewicht erreicht Religion nach meiner Auffassung nur selten. Aber das Gesetz ist sowohl in Steintafeln gemeißelt als auch in Ihr Herz (Deuteronomium 29,12–14), und der alte Bund hat sich zu Recht in den neuen verwandelt (Jeremia 31,31–41), so wie es von heiligen Juden bereits verstanden und gelebt wurde. Jesus steht für dieses ideale jüdische Gleichgewicht. Vergessen Sie nicht: Jesus war kein «Christ»!

Menschen, die diese Ganzheit finden, sind im Gleichgewicht und neigen dazu aufzublühen, im Gegensatz zu bloßen Konformisten oder bloßen Rebellen, die bei allem ständig Partei ergreifen – ohne die erforderliche Weisheit. Denken Sie an den armen Galileo Galilei, der unter dem Druck der Kirche, zu widerrufen, dass sich die Erde um die Sonne dreht, vor seinem Tod ganz ruhig sagt: «Und sie bewegt sich doch.» Er war klug genug, in einem totalitären System zu überleben, und bis heute gilt er als Vater der modernen Wissenschaft, und die modernen Päpste haben ihn rehabilitiert. Beides ist wahr: Sie sind der Leib Christi, und Sie sind nur ein Teil des Leibes Christi. Sie sind der Mittelpunkt der Welt, und Sie sind ihr äußerster Zipfel. Oder, wie der heilige Bonaventura sagte: «Die Mitte ist jetzt überall und der Umkreis nirgendwo.»

Gerade Ihre Erfahrung, «auserwählt» zu sein, macht es Ihnen möglich, diese Erfahrung an andere weiterzugeben, wie sowohl Jesaja als auch Paulus sagen (Jesaja 2,1–5; 56,1–7; Römer 11,16–17). Äußerliches spirituelles Wissen neigt zu Aussagen im Sinne von «nur hier» oder «nur dort», während das echte innere Wissen eher «immer und überall» sagt. Wir fangen elitär an und enden egalitär. Und Ken Wilber fügt mit Recht hinzu: «Immer!» Was wir umsonst empfangen haben, das geben wir auch umsonst weiter (Matthäus 10,8). Die äußere Autorität hat uns gesagt, dass wir wirklich etwas Besonderes sind (anders kann es nicht anfangen), aber die reifende innere Autorität öffnet uns die Augen dafür, dass alle etwas Besonderes sind, auch wenn wir dafür eher in der zweiten Lebenshälfte angekommen sein müssen. Junge Zeloten denken immer, alles drehe sich um sie.13

Ich verspreche Ihnen: Die Entdeckung des Wahren Selbst wird sich anfühlen, als würde Ihnen eine tonnenschwere Last von den Schultern genommen. Sie müssen Ihr idealisiertes Selbstbild nicht mehr auf bauen, schützen oder voranbringen. Das Leben im Wahren Selbst ist viel glücklicher, auch wenn es uns niemals 24 Stunden am Tag gelingt. Aber immerhin haben Sie jetzt einen Ort, an den Sie gehen können. Sie haben endlich eine Alternative zu Ihrem Falschen Selbst, Sie sind wie Jakob, der aus dem Schlaf erwachte und in den Chor der Mystiker aller Zeiten einstimmte: «Wahrlich, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!» (Genesis 28,16). Er weiht den Stein, auf den er seinen Kopf bettete, als es geschah, und nennt ihn Bet-El, «das Haus Gottes und die Pforte des Himmels» (Genesis 28,17–18).14