Papst Franziskus

Die Weisheit der
Mönche

Schätze aus dem Ordensleben

Aus dem Spanischen
von Claudia Campisi

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Impressum

Titel der Originalausgabe:

Meditaciones para religiosos, Ediciones Mensajero, 2014

© Grupo de Communicación Loyola, S.L.U., Bilbao – España

Für die deutschsprachige Ausgabe wurde nur der 2. Teil

der Originalausgabe übersetzt.

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2017

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: wunderlichundweigand, Stefan Weigand

Umschlagmotiv: © photocase

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN Print 978-3-451-31129-1

ISBN E-Book 978-3-451-81077-0

Inhalt

Einleitung

Der Herr, unser Anfang und Grund, Er gründet uns

Unser Glaube

Die Sünde

Die Sünde und der Verlust der Hoffnung

Der Geist der Welt

Das Reich Christi

Gott ist unser Licht

Die Unterscheidung der Geister

Anfechtungen

Drei Arten von Menschen

Die Freude

Die Salbung

Das Kreuz des Herrn

Der Friede

Das Gedächtnis

Die Braut des Herrn

Schlusswort

Anmerkungen

Einleitung

ZU BEGINN dieser geistlichen Einkehr wollen wir inständig darum beten, dass der Heilige Geist, der alles Gute prägend ins Herz hineinzuschreiben vermag, uns die Gabe der Hoffnung schenkt und wir diese bereitwillig empfangen.

Hoffnung ist weit mehr als Optimismus: Sie macht kein Geschrei, sie wächst furchtlos im Stillen und geht tief, wie der Lebenssaft von Pflanzen im Winter, wenn er sich in die Wurzeln zurückzieht. Sie hält fest und ist sich gewiss. Denn aus der Wahrheit geboren, unterscheidet die Hoffnung zwischen Gut und Böse: Sie vergöttert nicht das Beste (verfällt nicht dem Optimismus) und rechnet nicht mit dem Schlimmsten (ist nicht pessimistisch). Diese zwischen Gut und Böse unterscheidende Hoffnung ist kämpferisch. Sie kämpft offenen Auges, unerschrocken und beharrlich, wie jemand, der weiß, dass er einem sicheren Ziel entgegeneilt, ganz im Sinne des biblischen Autors, der hoffnungsvoll schreibt: »Da wollen auch wir alle Last und die Fesseln der Sünde abwerfen … und mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der uns aufgetragen ist« (Hebr 12,1)1.

Um diese kämpferische Hoffnung wollen wir nun beten. Und da sie eben auch mit Unterscheidung zu tun hat, könnte es sich lohnen, einmal jene von Hoffnungslosigkeit geprägten Einstellungen zu überdenken, die sich im Herzen der Institutionen eingenistet haben, zu denen wir gehören. Diese Einstellungen folgen den Stufen des Anti-Reiches: Am Anfang mangelt es ihnen an Armut, eitel schreiten sie voran und enden voll Hochmut.

Am Anfang mangelt es ihnen an Armut: Damit meine ich bestimmte sub angelo lucis 2 versteckte Arten mangelnder Armut. Nehmen wir als Beispiel den spürbaren Rückgang an Jesuiten in unserer Provinz. In Anbetracht des spärlichen Nachwuchses sehen wir unsere berechtigte Hoffnung momentan als bedroht. Und wie oft wehren wir uns gegen diesen gemeinsamen und normalen Schmerz. Statt ihn zu erdulden, verschwenden wir unsere Energie mit der Suche nach einem Sündenbock als vermeintliche Lösung für diese Katastrophe. Oder wir verabsolutieren unsere Situationsdiagnose und verteidigen sie wie einen Schatz, an dem unser Herz hängt (Lk 12,34). So aber geben wir dem Geheimnis der Freiheit und Gnade wenig Spielraum, jenem Geheimnis, das uns gehorsam und arm macht.

Auch in Bezug auf andere schmerzliche Umstände innerhalb von Kirche oder Staat tarnen wir die Armut der zur Verfügung stehenden Lösungen als Reichtum und merken oft gar nicht, wie rostig unsere Schätze sind, weil sie nur aus Krittelei bestehen. Damit aber wählen wir den Reichtum des Negativen. Dann wiederum übertreiben wir die Umstände schmerzlicher Tatsachen, als ob wir uns lieber eine Tragödie im Theater ansehen würden, statt Hand anzulegen und ein Familienproblem zu lösen. Dem könnte man sicher noch einige Beispiele hinzufügen, aber nun gut.

Bringen wir unsere Anhänglichkeit an den Reichtum im Gebet vor den Herrn und bitten wir ihn darum, dass er uns von den Reichtümern der Hoffnungslosigkeit befreit und uns daran erinnert, dass die Hoffnung des Himmelreiches mit Schmerzen geboren wird.

Eitel schreiten sie voran: Denn auf einem vom Schmerz ungepflügten Boden ist die Frucht zur Unbeständigkeit verdammt (Lk 8,13). Wir werden ja von allerlei Eitelkeiten heimgesucht, aber die häufigste ist – so paradox dies erscheinen mag – die des Defätismus. Wer lieber General eines Verliererheeres ist als ein einfacher Soldat in einer Truppe, die, obwohl dezimiert, immer weiterkämpft, der ist wirklich eitel. Und wie oft gleichen wir einem besiegten General, der von Expansion träumt! Dabei ist die Geschichte der Kirche doch gerade aufgrund ihrer Opfer, Alltagskämpfe und Hoffnungsgeschichten so ruhmreich. Denken wir zum Beispiel an die ersten fünfzehn Jahre der Gesellschaft Jesu unter der Leitung ihres Gründers, dem heiligen Ignatius von Loyola, als sich die Hoffnung trotz der sehr niedrigen Mitgliederzahl und dem Auf und Ab einer noch recht unbeständigen Institution einen Weg bahnte. Immer wieder wurde das Noviziat der Jesuiten geschlossen und wiedereröffnet, bis es schließlich endgültig etabliert wurde – ohne dass die Brüder je den Mut verloren. Denn die Hoffnung ist eben doch stärker als alle Widerstände.

Und enden voll Hochmut: Vom Hochmut angestachelt, verachten wir manchmal die demütigen Mittel aus dem Evangelium. Ignatius möchte seine Gefährten in ihrem apostolischen Auftrag bestärken und schreibt in den Satzungen der Gesellschaft Jesu: »Da die Gesellschaft [ Jesu] sich nicht auf menschliche Mittel gründet, kann sie sich auch nicht durch dieselben erhalten und vergrößern, sondern nur durch die Gnade der allmächtigen Hand Christi, unseres Gottes und Herrn; auf Ihn allein soll man die Hoffnung setzen, dass er dieses Werk, das Er zu Seinem Dienst und Lob und zum Beistand der Seelen zu beginnen geruhte, erhalten und voranbringen möge. Dieser Hoffnung gemäß wird das vorrangige und am besten geeignete Mittel aus Gebeten und Opfern bestehen, die im Sinne dieser heiligen Intention jeden Tag, jeden Monat und jedes Jahr an allen Wohnorten der Gesellschaft angeordnet werden« (…) »Wirksamer als die Mittel, die dafür sorgen, dass man für Menschen verfügbar ist, sind die Mittel, die das Werkzeug mit Gott verbinden und es so bereiten, dass es sich nach Seiner Vorsehung richtet: beispielsweise die Güte und die Tugend, besonders aber die Nächstenliebe, die reine Absicht des Gottesdienstes, die Vertrautheit mit unserem Herrgott in den geistlichen Übungen der Andacht sowie der aufrichtige Seeleneifer, der ausschließlich an der Verherrlichung des Schöpfers und Erlösers interessiert ist. Man muss sich also darum bemühen, dass alle Mitglieder der Gesellschaft sich mit Hingabe den soliden und vollkommenen Tugenden und den geistlichen Dingen widmen, welche mehr Wert haben als die Wissenschaften und andere irdische und menschliche Gaben. Denn es sind die inneren Mittel, die die äußeren Mittel für das Erreichen des erstrebten Zieles erst wirksam machen«3.

Wenn der Herr uns gewährt, worum Ignatius bittet, werden wir uns nicht wie Hausherren, sondern wie treue Verwalter fühlen und so eine Demut erlangen, die sich von Schmach und Verachtung nährt.

Ich nehme an, dass die ignatianische Anweisung, um »Schmach und Verachtung« zu bitten, uns allen manchmal ziemliche Schwierigkeiten bereitet. Wie wir wissen, haben sich die geistlichen Lehrer sehr darum bemüht, unsere Vorstellungen von Schmach und Verachtung von ihren eitlen Formen zu befreien. Dazu fallen mir die klugen Jungfrauen aus dem Evangelium ein und meine Intuition sagt mir, dass das ein lehrreiches Beispiel sein könnte. Sie erinnern sich: Die klugen Jungfrauen wollen ihr Öl nicht mit den anderen teilen. Wer das unachtsam liest, zieht voreilige Schlüsse und verurteilt die Jungfrauen als geizig und egoistisch (bedeckt sie mit Schmach). Bei gründlicherer Lektüre erkennen wir jedoch die Würde ihres Verhaltens. Sie teilen nämlich nicht, was nicht geteilt werden darf und riskieren nicht, was nicht riskiert werden darf: die Begegnung mit dem Herrn und den Wert dieser Begegnung. Auch wir werden mit Schmach und Verachtung bedeckt – sogar in der Kirche –, weil wir um der Nachfolge Christi willen darauf verzichten, uns mit Ochsengespannen zu beschäftigen, zu heiraten und Äcker zu kaufen (vgl. Lk 14,18 –20).

Die Nachfolge des Herrn macht unsere Demut arm. Denn wenn wir wissen, worauf es wirklich ankommt, was nützt und was schadet, werden wir nicht blindlings in die Fallen des Reichtums tappen. Und weil die Gegenwart Gottes, die in uns wohnt, für uns kein Luxusartikel, sondern unser täglich Brot ist, wollen wir sie mit Gebet hegen und mit Buße pflegen. Dieser anbetende und bußfertige Geist bewirkt, dass wir dem Weg Gottes selbst dann hoffnungsvoll entgegensehen, wenn er voller Hindernisse ist. Denken wir an die Situation, als die Jesuiten aus Argentinien vertrieben wurden und ihr Vater, der Provinzial Domingo Muriel, zu den Brüdern sagte: »Ich vertraue darauf, dass der Geist des heiligen Ignatius in diesem Zweig weiterlebt, der Zweig also nicht vertrocknet ist, sondern aufgrund der stürmischen Zeiten nur momentan begraben ist und in seinem Frühling noch blühendere und fruchtbarere Knospen treiben wird als jemals zuvor … Wir wissen nicht, was uns bevorsteht. Gott weiß es und das genügt. Worauf es ankommt und was uns zusteht, ist, dass wir den Geist unseres Lebens bewahren, selbst im Tod und sogar dann, wenn unser Leib zerschlagen und seine Gebeine über die Ebenen und Kreuzungen dieses Lebens verstreut liegen … Gott wird sich hören lassen, und kraft seines Wortes wird die Gesellschaft Jesu mit neuem Geist wiederauferstehen … Man versucht, sie zu zerstören, aber vielleicht greift Gott auf dieses Mittel zurück, um sie wieder neu aufzubauen. So fasse ich zumindest dies auf … Bewahrt seinen Geist in der Hoffnung ihrer Wiederauferstehung!«

Möge uns der Heilige Geist in diesen Exerzitien begreifen helfen, was die Hoffnung alles zu erreichen vermag!

Der Herr, unser Anfang und Grund, Er gründet uns

»WAS VON ANFANG an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens. Denn das Leben wurde offenbar; wir haben gesehen und bezeugen und verkünden euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns offenbart wurde. Was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt. Wir aber haben Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus« (1 Joh 1,1–3).

1. »Was von Anfang an war …« Was vor und nach mir und den Dingen war, der Herr der Zeit, »das Alpha und das Omega, der ist und der war und der kommt« (Apg 1,8) … »der Erste und der Letzte, der die sieben Sterne in seiner Rechten hält und mitten unter den sieben goldenen Leuchtern einhergeht« (2,1), »der tot war und wieder lebendig wurde« (2,8), »der das scharfe, zweischneidige Schwert trägt« (2,12), »der Sohn Gottes, der Augen hat wie Feuerflammen und Beine wie Golderz« (2,18), »der die sieben Geister Gottes und die sieben Sterne hat« (3,1), der Heilige, der Wahrhaftige, der den Schlüssel Davids hat, der öffnet, so dass niemand mehr schließen kann, der schließt, so dass niemand mehr öffnen kann« (3,7), »das Amen, der treue und zuverlässige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes« (3,14).

Betrachten wir diesen Herrn der Zeiten, des Anfangs und des Endes, mithilfe dieser prägnanten Visionen seines Geheimnisses (1,10 –18; 4,1–11). Und beten wir ihn dabei schweigend und mit Worten an: »Würdig bist du, unser Herr und Gott, Herrlichkeit zu empfangen und Ehre und Macht. Denn du bist es, der die Welt erschaffen hat, durch deinen Willen war sie und wurde sie erschaffen« (4,11). Oder rufen wir den Herrn mit derselben Geste der Anbetung bei den Namen an, die seine erwartungsvolle Kirche ihm gibt: O Weisheit, O Adonai und Fürst des Hauses Israel, O Spross aus der Wurzel Jesse, O Schlüssel Davids, O aufstrahlendes Licht aus der Höhe, O König der Völker, den sie alle ersehnten, O Immanuel, du König und Meister …

2. »Was von Anfang an war« führt uns zu dem grandiosen Anfang von Allem: »Im Anfang war das Wort« ( Joh 1,1); »Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde« (Gen 1,1). »Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung … Er ist vor aller Schöpfung, in ihm hat alles Bestand« (Kol 1,15 –17). Rufen wir uns im Lichte dieses Anfangs unsere eigenen »Anfänge« ins Gedächtnis: den Anfang in Gott, den Anfang unseres christlichen Lebens, den Anfang unserer Berufung. Spüren wir den Blick des Herrn, der auf diese Anfänge unseres Lebens gerichtet ist, diesen Blick, der gründet, aufbaut und festigt.

3. Zu Beginn seiner Geistlichen Übungen stellt Ignatius uns vor Jesus Christus, unseren Herrn, Schöpfer und Erlöser: »Der Mensch ist dazu geschaffen, um Gott unseren Herrn zu loben, ihn zu ehren und ihm zu dienen, und auf diese Weise seine Seele zu retten; die anderen Dinge auf dem Antlitz der Erde sind für den Menschen geschaffen, damit sie ihm beim Verfolgen des Ziels, für das er geschaffen wurde, helfen mögen. Folglich soll der Mensch sie soweit gebrauchen, als sie ihn an sein Ziel bringen, und sich davon trennen, wenn sie ihn dabei behindern. Deshalb ist es nötig, dass wir uns darum bemühen, allen erschaffenen Dingen, das heißt allem, was wir frei wählen dürfen und was uns nicht verboten ist, grundsätzlich offen zu begegnen; sodass wir nicht mehr Gesundheit als Krankheit, nicht mehr Reichtum als Armut, nicht mehr Ehre als Verachtung wünschen sowie nicht lieber länger als kürzer leben wollen, und folglich mit allen anderen Dingen genauso verfahren. So wünschen und wählen wir einzig das, was uns am ehesten an das Ziel führt, für das wir geschaffen sind« (Ejercicios Espirituales 23, im Folgenden abgekürzt mit EE).

An diesem Anfang, auf diesem Prinzip und Fundament, wo uns der heilige Ignatius die inneren Einstellungen erklärt, die uns als Erlöste und nach Erlösung Strebende eigen sein sollten, schauen wir unter seiner Anleitung auf Christus, unseren Schöpfer und Retter. Und mit dem Konzept der grundsätzlichen Offenheit, der abwägenden Großzügigkeit bei der Wahl der Option, »die uns am ehesten an das Ziel führt«, erleben wir »Christus, der stets größer ist«, den »Deus semper maior«, den »intimior intimo meo«.4

4. Für den ersten Exerzitientag schlage ich Folgendes vor: Nehmen Sie Ihren Sendungsauftrag an, betrachten Sie sich dadurch als eingesetzt und vertrauen Sie wieder darauf, dass derselbe Herr, der Sie geschaffen und erlöst hat, Sie jetzt dazu beruft, »offen zu bleiben« und innerhalb Ihres Sendungsauftrags nach der abwägenden Großzügigkeit des größeren Dienstes zu streben.

In dieser Betrachtung werden Sie das Bedürfnis verspüren, sich persönlich mit Ihrer Berufung auseinanderzusetzen: mit den Gefühlen der Hoffnung und der Hoffnungslosigkeit, der Illusion und der Desillusion, der Mutlosigkeit, und mit Ihren Vorurteilen. Diese möchte ich Ihnen nun anhand einiger Beispiele für »typische Phrasen aus dem pastoralen Alltag« veranschaulichen. Ich schlage vor, dass Sie sie vor den Herrn bringen und überprüfen, ob sie auf Sie zutreffen. Gerne können Sie aus Ihrem eigenen unveröffentlichten Repertoire weitere Beispiele hinzufügen, so wie sie der Herr Ihnen im Gebet eingibt:

Trösten wir uns mit der Erinnerung an die besondere Beziehung zwischen dem Herrn und seinen Gesandten: Keiner fühlte sich dem Auftrag des Herrn gewachsen, alle hielten sich für unzulänglich. Mose: »Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehen und die Israeliten aus Ägypten herausführen könnte?« (Ex 3,11). Jesaja: »Weh mir, ich bin verloren. Denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen« ( Jes 6,5). Jeremia: »Ach, mein Gott, ich kann doch nicht reden, ich bin ja noch so jung« ( Jer 1,6). Johannes der Täufer: »Ich müsste von dir getauft werden und du kommst zu mir?« (Mt 3,14). Und denken wir an Josef, der beschloss, sich heimlich von Maria zu trennen (vgl. Mt 1,19 –20).

Dieser anfängliche Widerstand, die Unfähigkeit, die Größe des Rufs zu erfassen, die Angst vor der Sendung – all diese Reaktionen sind Zeichen des guten Geistes, vor allem dann, wenn die Berufenen nicht an diesem Punkt stehenbleiben, sondern zulassen, dass die Kraft des Herrn sich ihrer Schwäche annimmt, ihnen Beständigkeit verleiht und sie auf festen Boden stellt: »Ich werde bei dir sein und als Zeichen dafür soll dir dienen: Wenn du das Volk aus Ägypten herausgeführt hast, werdet ihr Gott an diesem Berg verehren« (Ex 3,12). »Das hier hat deine Lippen berührt: Deine Schuld ist getilgt, deine Sünde gesühnt« ( Jes 6,7). »›Sag nicht: Ich bin noch so jung.‹ Wohin ich dich auch sende, dahin sollst du gehen, und was ich dir auftrage, das sollst du verkünden. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin mit dir, um dich zu retten« ( Jer 1, 7– 8). »Lass es nur zu! Denn nur so können wir die Gerechtigkeit ganz erfüllen« (Mt 3,15). »Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist« (Mt 1,20).

Indem uns der Herr den Auftrag erteilt, gründet er uns. Er macht uns beständig, aber nicht rein funktionell, wie jemand, der irgendeine Beschäftigung oder Arbeit vergibt, sondern er stattet uns mit der Tapferkeit seines Geistes aus, welcher uns so an unsere Sendung bindet, dass sie unsere Identität dauerhaft prägt. Sich mit etwas zu identifizieren bedeutet, dass man dazugehört und dazu zu gehören bedeutet, dass man an dem, was Jesus gründet, teilhat. Und Jesus gründet uns in seiner Kirche, in seinem heiligen Volk der Gläubigen, zur Ehre des Vaters. Mag sein, dass unsere pastoralen Phrasen (s.o.) auf den gleichen Widerstand zurückgehen, den Mose, Jesaja, Johannes und andere gegen ihren Auftrag empfanden. Lassen wir doch zu, dass der Herr mit uns spricht und dass er unsere Angst, Kleinmütigkeit und egoistischen Haltungen wieder auf realistische Dimensionen zurückschraubt!

5. Jesus hat das Reich Gottes ins Leben gerufen und mit seinem Wort und seinem Leben unwiderruflich gegründet: Diese wertvolle Einladung, ihm anzugehören, können wir auf keinen Fall ausschlagen. Dazu hat er uns als Hirten seines Volkes begründet: Dies ist sein Wille für uns. In Bezug auf unser Fundament dürfen wir diese pastorale Dimension unseres Lebens nicht außer Acht lassen. Ich denke, dass uns bei der Betrachtung ein Text helfen würde, der buchstäblich dazu aufruft, sich als Hirte von Christus, unserem Herrn, neu aufbauen zu lassen. Daher lege ich Ihnen einige Passagen aus dem apostolischen Schreiben »Evangelii nuntiandi« von Papst Paul VI. ans Herz5 . Lassen wir uns davon erleuchten und denken wir in diesem Licht einmal über uns selbst nach.

Auch Jesus hat eine Mission: »Von Stadt zu Stadt, vor allem den ärmsten, zur Aufnahme oft bereitesten Menschen die Frohbotschaft von der Erfüllung der Verheißungen und des Bundes zu bringen, der von Gott angeboten wird, das ist die Aufgabe, für die Jesus nach seinen eigenen Worten vom Vater gesandt worden ist. Alle Gesichtspunkte seines Mysteriums – die Menschwerdung selbst, die Wunder, die Unterweisungen, die Sammlung von Jüngern, die Aussendung der Zwölf, das Kreuz und die Auferstehung, das Verbleiben seiner Gegenwart inmitten der Seinigen – zielen auf diese vorrangige Tätigkeit: die Verkündigung der Frohbotschaft« (Evangelii nuntiandi 6, im Folgenden abgekürzt mit EN). Und damit verkündet Christus »an erster Stelle ein Reich, das Reich Gottes, das von solcher Bedeutung ist, dass im Vergleich zu ihm alles ›der Rest‹ wird, der ›hinzugegeben wird‹. Nur das Reich also ist ein absoluter Wert und relativiert alles andere« (EN 8).

Der Herr gründet das Himmelreich. Besinnen wir uns als Nächstes darauf, wie unterschiedlich Jesus »das Glück« beschreibt, »diesem Reich anzugehören; ein widersprüchlich erscheinendes Glück, das aus Dingen erwächst, die die Welt verschmäht; die Forderungen des Reiches und seine »Magna Charta«, die Herolde des Reiches, seine Geheimnisse, seine Kinder, die Wachsamkeit und die Treue, die von jedem gefordert werden, der seine endgültige Ankunft erwartet« (EN 8).

Der Herr gründet uns in seinem Reich, sein Geist lässt uns das Glück der Zugehörigkeit empfinden, die mit dem Geheimnis unserer Identität übereinstimmt.