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Titel der Originalausgabe:

Übersetzung:

Pointers from Nisargadatta Maharaj

Bernadette Donath

© Ramesh S. Balsekar, 1982

Lektorat:

Published by Chetana (P) Ltd., Bombay

Hans-Jürgen Zander

© Deutsche Ausgabe

Umschlag-Gestaltung, Satz:

J. Kamphausen Mediengruppe GmbH,

Wilfried Klei

Bielefeld 1999

E-Book Gesamtherstellung:

info@j-kamphausen.de

Bookwire GmbH, Frankfurt a. M.

www.weltinnenraum.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN Print 978-3-933496-44-7

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Ramesh S. Balsekar

Pointers

Wegweisende Gespräche
mit Sri Nisargadatta Maharaj

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Vorwort

Ich hatte nicht die Absicht, ein Buch über die Lehre von Sri Nisargadatta Maharaj zu schreiben. Das in diesem Buch veröffentlichte Material tauchte ganz spontan auf. In ‚feinsinniger Raserei‘, welche mein Sein überkam, wurde es von einer zwingenden Kraft, die sich nicht zurückweisen ließ, vorgegeben. Es gab keine andere Möglichkeit als zu schreiben und das reine Verständnis für die Worte des Meisters auf der beschränkten, verbalen Ebene auszudrücken. Eigentlich war es mehr ein Hören als ein Schreiben, auch wenn meine Feder auf dem vor mir liegenden Papier Worte und Sätze formte.

Als das erste Stück, das jetzt ein Kapitel des Buches ist, niedergeschrieben war, erlebte ich, dass meine Gedanken dem Schreiben weit vorauseilten. Was ich schrieb, legte ich in einem Ordner ab, ohne es noch einmal durchzulesen oder zu korrigieren. Ich erwartete nicht, dass noch mehr derartigen Schreibens geschehen würde, geschweige denn mehr als fünfzig weitere Kapitel. Jedes Mal sollte mich dieses Gefühl überkommen, dieser Zwang, ein bestimmtes Thema, über das Maharaj gesprochen hatte, schriftlich niederzulegen – und jedes Mal wurde die Niederschrift in einem Ordner abgelegt, ohne noch einmal überarbeitet zu werden.

Als auf diese Art und Weise etwa fünfzehn Kapitel entstanden waren, geschah es, dass Keki Bunshah, ein begeisterter Mitschüler aus Hongkong, bei mir zu Hause anrief. Während wir einen bestimmten Punkt diskutierten, erwähnte ich, dass genau zu diesem Thema am Tag zuvor ‚Schreiben geschehen sei‘. Natürlich ließ Keki, interessiert wie immer, nicht locker und bestand darauf, den Aufsatz lesen zu dürfen. Natürlich wollte er dann auch noch alle anderen lesen und er veranlasste, dass sie getippt wurden – selbstverständlich mit einer Abschrift für sich selbst!

Zu dieser Zeit befand ich mich in einer misslichen Lage, da ich Maharaj nichts von diesem intuitiven Schreiben erzählt hatte. Tatsächlich hatte ich überhaupt niemandem irgendetwas davon erzählt, nicht einmal meinem engen Freund und Gefährten Saumitra Mullarpattan, der schon lange bevor auch ich von Maharaj dazu aufgefordert wurde, die Reden Maharajs übersetzt hatte. Als ich Mullarpattan von diesem intuitiven Schreiben und meiner misslichen Lage erzählte, waren schon über fünfundzwanzig dieser Niederschriften geschehen. Die Inspiration dazu schien dabei in recht unregelmäßigen Zeitabständen aufzutreten. Manchmal brachte ich wie unter Zwang fünf oder sechs Kapitel auf einen Schlag zu Papier, dann wiederum einige Tage lang gar nichts.

Eines Morgens nach der üblichen Zusammenkunft unternahmen Mullarpattan und ich mit Maharaj einen Ausflug im Auto, als Mullarpattan plötzlich von diesen Aufsätzen zu sprechen begann. So wie ich wusste auch er, dass Maharaj seinen Schülern normalerweise davon abriet, über seine Lehre zu schreiben oder Vorträge zu halten. Dafür gab es vermutlich zwei Gründe:

a)der betreffende Schreiber könnte das Thema vielleicht nicht tief genug verstanden haben. Vielleicht hatte er es nur oberflächlich verstanden, vielleicht auch gar nicht. Und

b)er könnte versucht sein, sich selbst als Pseudoguru einzusetzen und so beträchtlichen Schaden anrichten.

Deshalb ging Mullarpattan mit viel Feingefühl an die Sache heran und machte es besonders deutlich, dass all diese Niederschriften völlig spontan entstanden seien. Er betonte, dass ich mich nicht absichtlich mit Feder und Papier an den Tisch setzte, um mich über bestimmte Themen auszulassen. Schon allein die enorme Geschwindigkeit, mit der die Worte herausströmten, würde beweisen, dass das Schreiben nicht ersonnen und entworfen sei. Ich saß auf dem Vordersitz, Mullarpattan neben Maharaj auf der Rückbank. Während Mullarpattan all dies erzählte, gab es keine irgendwie geartete Reaktion von Maharaj. Er gab nicht einen Laut von sich. Ziemlich bestürzt drehte ich mich um und sah Maharaj völlig entspannt in seinen Sitz zurückgelehnt. Er hatte die Augen geschlossen und ein glückliches Lächeln lag auf seinen Lippen. Die Botschaft war klar; er wusste bereits von diesen Niederschriften, er musste davon wissen. Und, was noch viel wichtiger war, er freute sich darüber.

Als Mullarpattan geendet hatte, setzte sich Maharaj auf und sagte: „Lass die Niederschriften weitergehen, so viele wie von selbst entstehen. Der wesentliche Punkt dabei ist Spontaneität. Beharre nicht darauf und widerstehe nicht.“ An diesem Punkt schlug Mullarpattan vor, dass die Aufsätze veröffentlicht werden sollten. In dem Bewusstsein, dass ich nur ein Instrument für dieses Schreiben war, schlug ich vor, dass es unter einem Pseudonym geschehen könnte.

Maharaj war sofort damit einverstanden, dass die Niederschriften veröffentlicht werden sollten, aber er bestand darauf, dass der Name des Autors deutlich erwähnt werden müsse, „auch wenn ich sehr wohl weiß, dass ihr euch beide darüber im Klaren seid, dass alles Schreiben seinen Ursprung im Bewusstsein hat, dass es Schreiben gibt, aber keinen Schreibenden.“

Für mich war es eine enorme Erleichterung, dass Maharaj nun nicht nur davon wusste, sondern sogar darüber erfreut war und es gutgeheißen hatte.

Der Inhalt des Buches

1.Die Wiedergabe von Maharajs Lehre in diesem Buch ist keine Reproduktion von Aufzeichnungen, die während der Reden mitgeschrieben oder mitgeschnitten worden wären.

2.Im Wesentlichen sind es Themen, die während der Zusammenkünfte erörtert wurden, wenn entweder Mullarpattan als Übersetzer eingesetzt war und ich zuhörte oder wenn ich selbst übersetzte.

3.Das Thema jedes Kapitels wurde hier ausführlicher behandelt, als es im Fall einer nur wortgetreuen Übersetzung von Maharajs Reden ins Englische gewesen wäre. Der größte Teil eines Kapitels gibt zwar wieder, was während einer bestimmten Zusammenkunft dargelegt wurde, doch habe ich auch weiteres Material aus anderen Gesprächen und Reden herangezogen, in denen das gleiche Thema besprochen wurde, um die wesentlichen Punkte noch mehr zu verdeutlichen. Ohne diese Freiheit hätte es manchmal an Tiefe und Ausführlichkeit gefehlt, die nun hoffentlich gegeben ist.

4.Keine Übersetzung in eine andere Sprache kann die genaue Bedeutung, die Wucht und die Auswirkungen der ursprünglichen Worte Maharajs in Marathi wiedergeben. Die Übersetzung von Maharajs Reden in diesem Buch ist daher nicht wortgetreu, sondern beinhaltet notwendigerweise eine Interpretation dessen, was die bildhafte, gewaltige, manchmal knappe, doch stets kraftvolle Sprache Maharajs ausdrücken sollte.

5.Vielleicht mag der Leser das Gefühl haben, ich hätte es vermeiden können, viele der Aussagen Maharajs, die in verschiedenen Kapiteln immer wieder auftreten, so oft zu wiederholen. Doch solche Wiederholungen konnten nicht vermieden werden, da

a)Wiederholungen das sind, was Maharaj ‚Hammerschläge‘ auf die enorm starken Konditionierungen, die stattgefunden haben, nennt. Diese Konditionierungen sind es, die dazu führen, dass Individuen sich selbst mit getrennten Wesenheiten identifizieren, was sie davon abhält, die Wahrheit zu erkennen. Und

b)Maharaj uns immer wieder daran erinnern möchte, uns nicht im Gestrüpp der Zweige zu verfangen und darüber die Wurzel zu vergessen. Deshalb versucht er uns zurück zur Wurzel und Quelle zu bringen, indem er ständig wiederholt: „Was waren Sie, ehe Sie ‚geboren‘ wurden?“ Und schließlich

c)das Buch nicht dazu gedacht ist, wie ein Roman oder eine andere Unterhaltungslektüre in einem Zuge durchgelesen zu werden, sondern jedes Kapitel soll für sich vollständig und abgeschlossen sein.

Hier möchte ich zudem auf eine häufige Bemerkung Maharajs verweisen, dass das klare und tiefe Verstehen einer einzigen seiner Aussagen zum Erfassen der ganzen Wahrheit führen würde. In diesem Zusammenhang muss auch an die oft ausgesprochene Warnung erinnert werden, dass jedes Erfassen der Wahrheit nur dann von Wert und Gültigkeit ist, wenn dieses Erfassen selbst verschwindet – das soll heißen, wenn der Suchende selbst als getrennte Wesenheit verschwindet. „Jedes Wissen“ sagt er, „kann nur innerhalb des Bewusstseins erlangt werden, und dieses Bewusstsein selbst muss als das erkannt werden, was es ist: ein Konzept. Mit anderen Worten, die Grundlage allen ‚Wissens‘ ist ein Konzept!“

Zunächst schien es notwendig, diesem Buch eine kurze Biographie Maharajs anzufügen, doch ich ließ diesen Gedanken nach einiger Überlegung wieder fallen, nicht nur, weil es sich nicht besonders lohnt, die wenigen bekannten Ereignisse aus Maharajs einfachem und geradlinigem Leben zu beschreiben, sondern vor allem, da Maharaj selbst es nicht schätzte: „Das ist totes Material – so tot wie die Asche einer ausgebrannten Feuerstelle. Ich bin nicht daran interessiert. Warum sollten Sie es sein?“ Auf diese Art wies er jedes Bemühen, etwas aus seiner Vergangenheit zu erfahren, zurück. „Gibt es überhaupt eine Vergangenheit?“ fragte er dann. „Warum gehen Sie nicht zur Wurzel der Dinge und erforschen die Natur der Zeit selbst, anstatt Ihre Zeit mit solch nutzlosen Beschäftigungen zu verschwenden? Wenn Sie das tun, werden Sie herausfinden, dass Zeit als solche keine Substanz hat, sondern nur ein Konzept ist.“

Bevor ich mit diesem Vorwort zu Ende komme, möchte ich noch meinem Freund Keki Bunshah danken. Er hat mich, nachdem er die ersten Abschnitte gelesen hatte, mit seiner herzlichen Art nahezu verfolgt, ihm Kopien von weiterem ‚spontanen Schreiben‘ zu überlassen. Ebenfalls danken möchte ich einem Mitschüler P.D. Kasbekar, I.A.S., dem ehemaligen Chefsekretär des Regierungsbezirkes Maharashtra für seine nützliche Hilfe und seinen Rat und vor allem meinem lieben Freund Saumitra Mullarpattan, der nicht nur die ganze Angelegenheit Maharaj unterbreitet hatte und so dessen Segen und Wohlwollen für dieses Buch sicherte, sondern der mich mit konstruktiven Bemerkungen im weiteren Verlauf beständig unterstützte und ermutigte.

Mein besonderer Dank geht auch an Sudhakar S. Dikshit, dessen kritisches Lektorat in den Endzügen noch einige Verbesserungen brachte. Dikshit, ein glühender Bewunderer von Maharajs Lehre, leitet das Verlagshaus von Chetana, dem Herausgeber der englischen Ausgabe des Buches Ich bin. Als er davon hörte, dass ich etwas über Maharaj geschrieben hatte, sprach er mich darauf an und bot mir nach einem kurzen Blick auf das Manuskript an, es zu veröffentlichen. Ich bin glücklich, mein Manuskript in so guten Händen zu wissen. Dikshits ungeheuer große Erfahrung und Fachkenntnis als Verleger besonders auf dem Gebiet der Philosophie ist wirklich enorm und nicht umsonst international bekannt und angesehen.

Bombay, im Februar 1982
Ramesh S. Balsekar

Vorwort des indischen Herausgebers

Einen neuen Autor von echtem Wert zu entdecken ist, wie wenn man einen neuen Planeten oder Stern in der grenzenlosen Ausdehnung des Himmels findet. Während ich diese Zeilen schreibe, kann ich mir vorstellen, wie sich William Herschel gefühlt haben muss, als er den Uranus entdeckte.

Ramesh S. Balsekar erscheint als neues, hell strahlendes Licht am Himmel der wirklich bedeutsamen spirituellen Literatur, auch wenn er selbst seinem eigenen Glanz recht gleichgültig gegenübersteht. Als ich ihn – nach einem flüchtigen Blick auf das Manuskript, das mir ein gemeinsamer Freund gebracht hatte – traf und ihm sagte, wie beeindruckt ich sei, starrte er mich ungläubig an. „Ich bin kein Autor“, sagte er, „was ich geschrieben habe, ist nicht zur Veröffentlichung gedacht, sondern geschah lediglich für mich selbst – um die Lehre des Meisters klar zu erfassen, mich selbst besser zu orientieren und zu meinem eigenen Vergnügen.“ Es war schwierig ihn davon zu überzeugen, dass das, was er zu seinem eigenen Vergnügen geschrieben hatte, vielen anderen Menschen nutzen könnte, wenn es als Buch veröffentlicht würde. Er hörte mir mit einem undurchschaubaren Lächeln freundlich, aber völlig unverbindlich zu, ohne zu antworten.

Er ist von ansprechendem Äußeren, gutaussehend und liebenwürdig, doch von Natur aus ziemlich schweigsam. Wenn er sich zu sprechen entscheidet, tut er das mit der Umsicht und Distanziertheit eines Bankdirektors im Gespräch mit einem Kreditnehmer. Es faszinierte mich sehr, als ich später erfuhr, dass er tatsächlich ein Bankier gewesen und als höchster leitender Angestellter einer der größten Banken Indiens pensioniert worden war.

Ich muss ein äußerst hartnäckiger ‚Kreditnehmer‘ gewesen sein, da es mir, einem Bewunderer von Maharajs Lehre, gelang, für einige Tage das Manuskript zu meiner eigenen Erleuchtung auszuleihen.

Als ich es durchlas, stellte ich fest, dass es meine kühnsten Erwartungen übertraf. Ohne auch nur einen Moment zu zögern, rief ich ihn an und machte ihm das Angebot, das Manuskript zu veröffentlichen. Nach einer kurzen Pause gab er – recht unberührt – seine Zustimmung.

Ich studierte das Manuskript noch einmal sehr sorgfältig als zutiefst interessierter Leser und hielt meine Neigungen als Herausgeber im Hintergrund. Während ich las, erfuhr ich für einen Moment in einem plötzlichen Aufblitzen meine eigene wahre Identität, völlig verschieden von dem, was ich gewöhnlich zu sein denke oder scheine. So eine Erfahrung hatte ich niemals zuvor gemacht. Als ich vor einigen Jahren das Glück hatte, die Gespräche von Sri Nisargadatta Maharaj unter dem Titel Ich bin herauszugeben, fühlte ich die Wucht seiner kreativen Orginalität und seiner sokratischen Argumentationsweise, doch ich hatte nicht wie jetzt einen – wenn auch nur flüchtigen – Einblick in die Wahrheit, die Realität, meine wahre Natur erhalten. Durch dieses Manuskript wurde es möglich, da Balsekar in seinen Niederschriften nicht lediglich Maharajs Worte wiederholt, sondern sie mit vollkommener Einsicht und Klarheit und tiefstem Verständnis interpretiert. Er schreibt mit einer Kraft und inneren Autorität, die sich gleichsam von Maharaj selbst ableitet. Er argumentiert nicht, er verkündet. Seine Äußerungen sind wie Erklärungen im Namen des Meisters.

Ich war niemals ein regelmäßiger Besucher bei Maharaj, aber ich nahm, so oft es mir meine Arbeit erlaubte, an den Gesprächen teil. Saumitra Mullarpattan, ein hingebungsvoller Devotee von Maharaj, sehr versiert sowohl in Marathi als auch Englisch, fungierte normalerweise als Übersetzer. An manchen Tagen jedoch übersetzte ein mir unbekannter Mann und ich war beeindrucht von der Autorität, mit welcher er Maharajs Antworten an die Zuhörer übermittelte. Er saß mit geschlossen Augen da und versprühte die weisen Worte des Meisters mit dessen charakteristischer Endgültigkeit. Es war, als ob Maharaj selbst in Englisch sprechen würde.

Auf mein Nachfragen hin erfuhr ich, dass der Übersetzer ein neuer Devotee von Maharaj war und Balsekar hieß. Am Ende der Zusammenkunft, als sich die Leute zerstreut hatten, stellte ich mich ihm vor und lobte ihn für seine hervorragende Übersetzung. Er blieb ohne Reaktion, als ob er mich gar nicht gehört hätte. Durch diese unnahbare Haltung zurückgewiesen, entfernte ich mich und dachte nicht mehr an ihn, bis ich ihn in Verbindung mit diesem Buch wiedertreffen sollte. Ich erkannte nun, wie kläglich falsch mein Urteil über ihn gewesen war. Es hätte mir auffallen müssen, dass er auf einer anderen Ebene von Existenz lebte, jenseits der Reichweite von Lob und Tadel. Ich hätte verstehen müssen, dass er in Einheit mit dem Meister war und für ihn nichts anderes zählte. Dass es so war, beweist auch dieses Buch, wo wir auf jeder Seite Maharajs Präsenz spüren – seine außergewöhnliche geistige Beweglichkeit, seine exakten, logischen Schlussfolgerungen, sein umfassendes Denken und seine vollständige Identität mit der Einheit, die als Vielheit erscheint.

Es ist interessant an dieser Stelle anzumerken, dass Balsekar seine Urheberschaft für dieses Manuskript fast leugnet. Er sagt, das in diesem Buch veröffentlichte Material sei völlig spontan aufgetaucht. In ‚feinsinniger Raserei‘, die sein Sein überkommen habe, wäre es von einer zwingenden Kraft, die sich nicht zurückweisen ließ, vorgegeben worden. Ich denke, Sie werden mir zustimmen, wenn Sie es lesen, da dieses Buch nichts enthält, was als Selbst-Projektion des Autors angesehen werden könnte. Es enthält keine Improvisationen, keine auswendig gelernten Zitate aus den Schriften und keine irgendwie gearteten fremden Lorbeeren. Die von Balsekar dargelegten Gedanken tragen die stille Handschrift des Meisters. Sie scheinen einem leuchtenden Wissen zu entspringen, dem funkelndem Glanz der Wahrheit, die ihn erfüllt.

Dieses Werk Pointers von Nisargadatta Maharaj ist durch und durch Maharaj selbst. Es ist in der Tat eine Art ‚Postgraduierten-Kurs‘ für diejenigen Leser, die schon in sich aufgenommen haben, was im Ich bin dargelegt wird. Es umfasst die endgültige Lehre des Meisters in seiner reinsten Form und geht weit über das hinaus, was er in früheren Jahren gelehrt hat. Ich wage sogar zu sagen, dass es tatsächlich kein höheres Wissen geben kann als das, was dieses Buch beinhaltet. Und ich behaupte zudem, dass kein anderer als Balsekar dieses Wissen hätte darlegen können, da keiner der nahen Schüler Maharajs seine Lehre so tiefgreifend verstanden hat wie Balsekar.

Einige der mir bekannten Devotees von Maharaj besuchten die Gesprächsrunden zwanzig Jahre oder mehr, aber ihr Geist blieb unverändert und sie waren noch immer die gleichen Wesenheiten wie zuvor. Balsekars persönliche Beziehung zu Maharaj dauerte dagegen nur drei Jahre, doch eine solche Beziehung kann nicht durch zeitliche Maßstäbe gemessen werden, falls das überhaupt möglich ist. Wichtiger als die Dauer der Beziehung ist diese besondere Art von Empfänglichkeit, die Balsekar besonders auszeichnet. Ich habe nicht den geringsten Zweifel daran, dass ‚Maharajs Mantel auf seine Schultern gefallen ist‘. Um es noch besser auszudrücken, könnte ich vielleicht sogar sagen, dass Balsekar das lebende Alter Ego des Meisters ist, auch wenn er keinen Hang dazu hat, die Rolle eines Lehrers zu spielen. In diesem Buch wird mehr als deutlich, dass er vom Jnana, das ihm Maharaj vermittelt hat, völlig durchdrungen ist. Und doch möchte ich die Aufmerksamkeit des Lesers insbesondere auf die Niederschrift mit dem Titel ‚Das Herz der Lehre‘ lenken, wo die einzigartige Philosophie Maharajs in all ihren Facetten dargestellt wird (Anhang 1), und ebenso möchte ich ihn auf die Abhandlung über das verwirrend schwierige Thema Bewusstsein hinweisen (Anhang 2). Kein Leser sollte versäumen, diese beiden Kapitel zu lesen.

Bevor ich ende, möchte ich noch von dem amüsanten Zwischenfall berichten, wie der Herausgeber in mir und der Autor in Balsekar aufeinanderprallten. Seine Distanziertheit und Gleichgültigkeit stimmten mich immer etwas ärgerlich. Er hat seine Studien an der Universität in London abgeschlossen und spricht bestes Englisch, so konnte ich kaum einen Fehler in seiner Sprache finden. Trotzdem versuchte ich hier und da seinen Stil und seine Ausdrucksweise zu verbessern, denn dazu ist ein Herausgeber verpflichtet. Er nahm diese ungebetenen ‚Verbesserungen‘ zur Kenntnis und schwieg in seiner üblichen Indifferenz. Es war klar, dass er aus seiner Schweigsamkeit – ebenso wie ich aus meiner Beredsamkeit – eine Tugend gemacht hatte. Wir vertraten zwei gegensätzlich Pole. Da ich mich jedoch nach einer Verbindung mit ihm sehnte, wollte ich ihn irgendwie aus seiner Reserviertheit hervorlocken und griff zu einer List. Ich kritisierte seine Auslegung eines Punktes von Maharajs Lehre (obwohl ich in Wirklichkeit mit ihm übereinstimmte) woraufhin er explodierte. Sein Gegenzug war vernichtend und ich war glücklich, dass das Eis gebrochen war. Als ich ihm ohne weitere Umstände zustimmte, war er schnell wieder besänftigt. Seine Augen strahlten freundlich und seine übliche Vorsicht und Distanziertheit wich einem neuen Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen uns. Danach arbeiteten wir gemeinsam an dem Buch, er ließ mir alle Freiheiten mit dem Manuskript und zeigte sich nie unwillig, die Hinzufügungen und Änderungen, die ich vorgenommen hatte, anzuschauen. Wir entwickelten eine sehr wertvolle, von mir hochgeschätzte Verbindung zueinander. Gelegentlich warf er einen kurzen Blick auf die endgültigen Vorlagen, bevor sie in den Druck gegeben wurden, und er schien recht glücklich damit.

Ich fragte ihn, ob er ein weiteres Buch über die Lehre von Nisargadatta Maharaj schreiben würde. Er lächelte leise und ich glaubte ein kaum wahrnehmbares Nicken erkannt zu haben.

Bombay, im März 1982
Sudhakar S. Dikshit
Herausgeber des englischen Orginals

ANMERKUNG ZUR DEUTSCHEN AUSGABE

Wenn im Text von „Subjektivität“ und „Objektivität“ die Rede ist, sind diese Ausdrücke im Sinne von SUBJEKTHAFTIGKEIT (Subjekt = zum Noumenon gehörig) und OBJEKTHAFTIGKEIT (Objekt = zur Phänomenalität gehörig) zu verstehen.

Kapitel 1

STOLZ AUF DIE EIGENE LEISTUNG

„Ich habe viel gearbeitet und halte mich selbst nun für einen sehr erfolgreichen Mann. Ich muß zugeben, dass mich das, was ich erreicht habe, mit Befriedigung und auch mit einem gewissen Stolz erfüllt. Ist daran etwas falsch?“

Mit diesen Worten wandte sich eines Abends ein ausländischer Besucher an Sri Nisargadatta Maharaj. Er war Mitte vierzig und wirkte selbstgefällig, selbstbewusst und auch ein wenig aggressiv.

MAHARAJ: Bevor wir darüber nachdenken, was ‚richtig‘ und was ‚falsch‘ ist, sagen Sie mir bitte, wer diese Frage stellt.

FRAGE (ein wenig überrascht): Warum? ‚Ich‘ natürlich.

MAHARAJ: Und wer ist das?

FRAGE: Ich. Dieses ‚Ich‘, das hier vor Ihnen sitzt.

MAHARAJ: Und Sie denken, dass Sie das sind?

FRAGE: Sie sehen mich. Ich sehe mich. Wo liegt der Zweifel?

MAHARAJ: Sie meinen dieses Objekt vor mir? Was ist Ihre früheste Erinnerung an dieses Objekt, von dem Sie denken, daß Sie es sind? Denken Sie so weit wie möglich zurück!

FRAGE: (nach ein bis zwei Minuten): Meine früheste Erinnerung ist wohl die, von meiner Mutter gestreichelt und gehätschelt zu werden.

MAHARAJ: Sie meinen als kleines Kind. Würden Sie sagen, dass der erfolgreiche Mann von heute das gleiche hilflose Kind ist, oder ist er jemand anders?

FRAGE: Zweifellos ist er der Gleiche.

MAHARAJ: Gut. Wenn Sie nun weiter zurückdenken – würden Sie zustimmen, dass dieses Kind, an das Sie sich erinnern, das gleiche Baby ist, welches Ihre Mutter zur Welt gebracht hat und das damals sogar zu hilflos war um wahrzunehmen, was denn da passierte, als sein kleiner Körper seine natürlichen Funktionen erfüllte, und das nur schreien konnte, wenn es hungrig war oder Schmerz fühlte?

FRAGE: Ja, ich war dieses Baby.

MAHARAJ: Und ehe das Baby seinen Körper erhielt und geboren wurde, was waren Sie da?

FRAGE: Ich verstehe nicht.

MAHARAJ: Sie verstehen. Denken Sie! Was passierte im Leib Ihrer Mutter? Was entwickelte sich in einem Zeitraum von neun Monaten in einen Körper mit Knochen, Blut, Mark, Muskeln etc.?

War es nicht eine männliche Samenzelle, die mit einer weiblichen Eizelle verschmolz, so dass ein neues Leben begann, das in seinem weiteren Fortgang unzähligen Gefahren ausgesetzt war? Wer schützte dieses neue Leben in dieser gefährlichen Zeit? Ist es nicht diese winzig kleine Samenzelle, die jetzt so stolz ist auf ihre Errungenschaften? Und wer hat speziell nach Ihnen verlangt? Ihre Mutter? Ihr Vater? Wollten Ihre Eltern gerade Sie als Sohn? Und hatten Sie irgendetwas damit zu tun, genau bei diesen Eltern geboren zu werden?

FRAGE: Ich fürchte, auf diese Weise habe ich es noch nie betrachtet.

MAHARAJ: Richtig. Betrachten Sie es auf diese Weise. Dann werden Sie vielleicht eine Idee Ihrer wahren Identität bekommen. Später überlegen Sie dann, ob Sie stolz sein können auf das, was Sie ‚erreicht‘ haben.

FRAGE: Ich glaube, ich fange an zu verstehen, auf was Sie hinauswollen.

MAHARAJ: Wenn Sie diese Sache noch weiter bedenken, werden Sie feststellen, dass die Quelle des Körpers – der männliche Samen und die weibliche Eizelle – letztendlich aus der Nahrung besteht, welche die Eltern verzehrt haben. Sie werden feststellen, dass die physische Form durch die fünf Elemente, aus denen die Nahrung besteht, gebildet und aufrechterhalten wird, wie auch der Körper eines Lebewesens oft zur Nahrung eines anderen wird.

FRAGE: Aber ich als solches muss doch sicherlich etwas anderes sein als ein aus Nahrung aufgebauter Körper?

MAHARAJ: Das sind Sie in der Tat, aber Sie sind kein ‚Etwas‘. Finden Sie heraus, was es ist, das einem fühlenden Wesen Empfindungsfähigkeit verleiht, ohne die Sie nicht einmal wissen würden, dass Sie oder gar die äußere Welt existieren. Gehen Sie schließlich noch weiter und prüfen Sie, ob dieses Sein, dieses Bewusstsein selbst dann nicht zeitgebunden ist.

FRAGE: Sicherlich muss ich diese verschiedenen Fragen, die Sie aufgeworfen haben, erforschen. Ich bin zugegebenermaßen niemals zuvor in diese Gebiete vorgedrungen und mir wird fast schwindlig angesichts meiner Ignoranz in Bezug auf diese neuen Horizonte, die Sie vor mir aufgetan haben. Ich werde Sie wieder besuchen!

MAHARAJ: Sie sind stets willkommen. image

Kapitel 2

BEWUSSTSEINDAS EINZIGE ‚KAPITAL

Maharaj betont immer wieder, dass das Bewusstsein das einzige ‚Kapital‘ ist, mit dem ein fühlendes Wesen geboren wird. So hat es zumindest nach außen hin den Anschein. In Wirklichkeit jedoch ist das, was geboren wird, Bewusstsein, welches einen Organismus braucht, um sich selbst darin zu manifestieren, und dieser Organismus ist der physische Körper.

Was ist es, das einem fühlenden Wesen Empfindungsfähigkeit verleiht – die Fähigkeit, wahrzunehmen und auf Reize zu reagieren? Was ist es, das eine lebende Person von einer toten unterscheidet? Es ist natürlich das Gefühl von Sein, das Wissen zu existieren, das Bewusstsein, der aktivierende Geist, welches das physische Körperkonstrukt mit Leben erfüllt.

In der Tat ist es Bewusstsein, das sich selbst in individuellen Formen manifestiert und ihnen scheinbare Existenz verleiht. In der Folge entsteht in den Menschen das Konzept eines getrennten ‚Ich‘. In jedem Individuum wird das Absolute als Gewahrsein reflektiert, und so wird Reines Gewahrsein zu Selbstgewahrsein oder zu Bewusstsein.

Das objektive Universum ist in stetigem Fluss, ständig unzählige Formen projizierend und wieder auflösend. Wann immer eine Form geschaffen und mit Leben (Prana) erfüllt wird, erscheint durch die Spiegelung des Absoluten Gewahrseins in der Materie zugleich das Bewusstsein (Chetana). Das Bewusstsein, das muss klar verstanden werden, ist eine Reflexion des Absoluten Gewahrseins an der Oberfläche der Dinge und bringt das Gefühl von Dualität mit sich. Im Gegensatz dazu ist reines Gewahrsein, der Absolute Zustand, ohne Anfang und Ende, und es braucht keinerlei Unterstützung oder Bestätigung außer sich selbst. Gewahrsein wird nur dann zu Bewusstsein, wenn es ein Objekt gibt, in dem es gespiegelt wird. Zwischen reinem Gewahrsein und als Bewusstsein reflektiertem Gewahrsein gibt es eine Lücke, die der Verstand nicht überqueren kann. Die Reflexion der Sonne in einem Tautropfen ist nicht die Sonne!

Das manifestierte Bewusstsein ist zeitgebunden, da es ja verschwindet, sobald das physische Konstrukt, in dem es wohnt, zu seinem Ende kommt. Nichtsdestoweniger ist es – wie Maharaj sagt – das einzige ‚Kapital‘, mit dem ein fühlendes Wesen geboren wird. Das manifestierte Bewusstsein ist seine einzige Verbindung mit dem Absoluten, und so ist es das einzige Werkzeug, durch das dieses fühlende Wesen hoffen kann, eine illusorische Befreiung von dem ‚Individuum‘, das es zu sein glaubt, zu erlangen. Indem es mit seinem Bewusstsein eins ist und es als seinen Atma, seinen Gott, betrachtet, kann es hoffen zu erreichen, was es für unerreichbar hält.

Was ist die eigentliche Substanz dieses lebensspendenden Bewusstseins? Offensichtlich muss es das physische Material sein, da es in Abwesenheit der physischen Form nicht überleben kann. Das manifestierte Bewusstsein kann nur so lange bestehen, wie seine Wohnung, der Körper, sich in einem gesunden und bewohnbaren Zustand befindet. Obwohl das Bewusstsein eine Reflexion des Absoluten ist, ist es doch zeitgebunden und kann nur durch stoffliche Nahrung (bestehend aus den fünf Elementen, aus denen der physische Körper zusammengesetzt ist) aufrechterhalten werden. Das Bewusstsein bewohnt einen gesunden Körper und gibt ihn auf, wenn er alt wird und stirbt. Die Reflexion der Sonne kann man nicht in einem trüben, sondern nur in einem klaren Tautropfen sehen.

Maharaj sagt oft, dass wir die Natur und die Funktion des Bewusstseins in unserer täglichen Routine von Schlaf-, Traum-, und Wachzustand beobachten können. Im Tiefschlaf zieht sich das Bewusstsein in seinen ursprünglichen Zustand der Ruhe zurück. Wenn das Bewusstsein abwesend ist, gibt es kein Gefühl einer eigenen Existenz oder Anwesenheit, geschweige denn der Existenz einer Welt und ihrer Bewohner oder irgendwelcher Vorstellungen von Bindung und Befreiung. Dies ist so, da das zentrale Konzept von ‚Ich‘ abwesend ist. Im Traumzustand beginnt sich ein Stückchen Bewusstsein zu regen, und im Bruchteil einer Sekunde wird in diesem Stückchen Bewusstsein die gesamte Welt von Bergen und Tälern, Flüssen und Seen, Städten und Dörfern mit Gebäuden und Menschen verschiedenen Alters einschließlich des Träumers selbst geschaffen. Und was noch wichtiger ist: Der Träumer hat keine Kontrolle über das, was die geträumten Gestalten tun! Mit anderen Worten, eine neue lebende Welt wird im Bruchteil einer Sekunde durch eine einzige Bewegung in diesem Stückchen Bewusstsein aus der Erinnerung und Vorstellungskraft geschaffen. „Stellen Sie sich da die außerordentliche Kraft dieses Bewusstseins vor“, sagt Maharaj, „wenn ein bloßes Stückchen davon ein gesamtes Universum projizieren und beinhalten kann. Sobald der Träumer erwacht, verschwindet die Traumwelt mit ihren Gestalten.“

Was geschieht, wenn der Tiefschlaf und auch der Traumzustand vorüber sind und sich das Bewusstsein erneut erhebt? Das unmittelbare Gefühl ist das von Existenz und Anwesenheit, nicht ‚meine‘ Anwesenheit, sondern Anwesenheit als solche. Bald jedoch übernimmt der Verstand die Führung und erschafft das Konzept eines ‚Ich‘ und das Körper-Bewusstsein.

Maharaj sagt uns wiederholt, dass wir so daran gewöhnt sind, von uns zu denken, wir seien Körper, die ein Bewusstsein haben, dass wir es sehr schwierig finden, die Wirklichkeit zu akzeptieren oder auch nur zu verstehen. Tatsächlich ist es Bewusstsein, das sich in unzähligen Körpern manifestiert. Deshalb ist es wichtig wahrzunehmen, dass Geburt und Tod nur Anfang und Ende eines Stromes von Bewegung im Bewusstsein sind und als Bewegung in Raum und Zeit interpretiert werden. Wenn wir das klar verstehen, sollten wir auch verstehen, dass wir in unserem ursprünglichen, ungetrübten Zustand reines Sein-Gewahrsein-Glückseligkeit und im Kontakt mit dem Bewusstsein lediglich das Bezeugen der verschiedenen Bewegungen im Bewusstsein (und völlig verschieden davon) sind. Dies ist eine unbestreitbare Tatsache, da wir ganz offensichtlich nicht das sein können, was wir wahrnehmen: Der Wahrnehmende muss verschieden vom Wahrgenommen sein. image

Kapitel 3

IM ANGESICHT DES TODES

FRAGE: Vor einigen Tagen starb mein einziger Sohn bei einem Autounfall, und es ist mir unmöglich, seinen Tod mit Gleichmut und Fassung zu akzeptieren. Ich weiß, dass ich nicht als Erster solch einen schmerzhaften Verlust erleide und ich weiß auch, dass jeder von uns eines Tages sterben muss. Ich habe auf jede erdenkliche Art und Weise, mit der man sich selbst und andere in solchen Situationen normalerweise beruhigt, versucht für mein Herz Trost zu finden, und doch komme ich immer wieder zu der tragischen Tatsache zurück, dass ein grausames Schicksal meinen Sohn schon so frühzeitig allem beraubte. Warum? Warum? Ich frage mich immer wieder warum, und es gelingt mir nicht meinen Kummer zu überwinden.

MAHARAJ: (nachdem er etwa eine Minute mit geschlossenen Augen dagesessen hatte): Es ist völlig sinnlos, zu sagen ‚ich bin bekümmert‘, da in der Abwesenheit ‚meiner selbst‘ (des individuellen ‚Ich‘) keine ‚anderen‘ existieren und ich mich selbst in jedem von ‚ihnen‘ widergespiegelt sehe. Ganz offensichtlich sind Sie nicht nur zu mir gekommen, weil Sie Anteilnahme von mir erwarten, welche Sie sicherlich reichlich von Ihren Verwandten und Freunden erhalten haben. Sehen Sie, wie man Jahr für Jahr durch das Leben geht, die üblichen Freuden genießt und die üblichen Schmerzen erleidet, ohne jemals das Leben aus seiner wahren Perspektive betrachtet zu haben. Und was ist die wahre Perspektive? Es ist diese: Es gibt weder ein ‚Ich‘ noch ein ‚Du‘, solche getrennten Wesenheiten kann es einfach gar nicht geben. Jeder Mensch sollte dies verstehen und den Mut haben, diesem Verstehen entsprechend sein Leben zu leben. Mein Freund, haben Sie diesen Mut? Oder wollen Sie sich weiterhin in Ihrem Kummer vergraben?

FRAGE: Maharaj, verzeihen Sie, ich verstehe das, was Sie gesagt haben, nicht ganz, aber ich bin sehr überrascht und erschüttert. Sie haben das Innerste meines Seins offengelegt und was Sie so zutreffend gesagt haben, erscheint wie der goldene Schlüssel zum Leben. Bitte erklären Sie das, was Sie soeben gesagt haben, noch genauer. Was genau soll ich tun?

MAHARAJ: Tun? Tun? Absolut nichts. Sehen Sie lediglich das Vergängliche als vergänglich, das Unwirkliche als unwirklich, das Falsche als falsch, und Sie werden Ihre wahre Natur erkennen. Sie haben von Ihrem Kummer gesprochen. Haben Sie jemals dem ‚Kummer‘ ins Gesicht geschaut und versucht zu verstehen, was er wirklich ist?

Jemanden oder etwas zu verlieren, den oder das man innig geliebt hat, ruft natürlicherweise Trauer hervor. Und da der Tod mit absoluter Endgültigkeit die völlige Auslöschung bedeutet, ist die damit verbundene Trauer nicht zu mildern. Aber selbst diese überwältigende Trauer kann nicht von Dauer sein, wenn man den Fall analytisch betrachtet. Gehen Sie zum Anfang zurück. Haben Sie und Ihre Frau mit irgendjemandem eine Vereinbarung getroffen, einen Sohn zu haben – einen ganz bestimmten Körper mit einem ganz bestimmten Schicksal? War nicht die Empfängnis selbst ein glücklicher Zufall? Es war ein weiterer Zufall, dass der Fötus die vielen Gefahren im Mutterleib überlebte. Es war ein weiterer Zufall, dass das Baby ein Junge wurde. Mit anderen Worten: Was Sie Ihren ‚Sohn‘ nennen, war lediglich ein zufälliges Ereignis, ein Geschehen, über das Sie zu keiner Zeit auch nur die geringste Kontrolle hatten, und dieses Ereignis ist nun beendet.

Worüber genau grämen Sie sich? Sind es die wenigen angenehmen und vielen schmerzlichen Erfahrungen, die Ihrem Sohn in den kommenden Jahren entgangen sind? Oder sind es vielmehr die Annehmlichkeiten und die Freude, die er Ihnen bereitet hätte und die Sie nun nicht mehr erhalten werden? Seien Sie sich klar darüber, dass all dies von einem falschen Standpunkt aus betrachtet wird! Nichtsdestotrotz – konnten Sie mir soweit folgen?

FRAGE: Es tut mir leid, ich bin noch immer völlig fassungslos. Sicherlich konnte ich dem, was Sie gesagt haben, folgen. Aber was haben Sie gemeint, als Sie sagten, dass all dies von einem falschen Standpunkt aus betrachtet sei?

MAHARAJ: Ah! Lassen Sie uns nun also zur Wirklichkeit, zum Wahren kommen. Bitte verstehen Sie unter Wirklichkeit, kein Individuum, keine ‚Person‘ zu sein. Die Person, die man zu sein glaubt, ist lediglich ein Produkt der Vorstellung, und das Selbst ist das Opfer dieser Illusion. Eine ‚Person‘ kann nicht aus sich selbst heraus existieren. Es ist das Selbst, das Bewusstsein, das fälschlicherweise glaubt, es gäbe eine Person, die sich ihrer Existenz bewusst ist. Ändern Sie Ihre Sichtweise! Betrachten Sie die Welt nicht als etwas außerhalb Ihrer selbst. Sehen Sie die Person, die Sie zu sein glauben, als Teil der Welt – tatsächlich einer Traumwelt –, welche Sie als Erscheinung in Ihrem Bewusstsein wahrnehmen und betrachten Sie das ganze Drama von außen. Erinnern Sie Sich! Sie sind nicht der Verstand, der nur der Inhalt des Bewusstseins ist. Solange Sie sich selbst mit dem Körper-Verstand identifizieren, sind Sie anfällig für Kummer und Leid. Außerhalb des Verstandes ist nur reines Sein. Sie sind nicht Vater, nicht Sohn, nicht dies und nicht das. Sie sind jenseits von Raum und Zeit und nur an dem Punkt von hier und jetzt damit in Berührung, im Übrigen jedoch zeitlos, raumlos und von keiner Erfahrung beeinflussbar. Verstehen Sie dies und hören Sie auf sich zu grämen. Wenn Sie einmal verstanden haben, dass es auf dieser Welt nichts gibt, was Sie Ihr Eigen nennen könnten oder müssten, werden Sie es von außen betrachten, so wie Sie sich ein Schauspiel oder einen Spielfilm anschauen – bewundernd und genießend, vielleicht leidend, aber tief innen völlig unbewegt. image

Kapitel 4

DAS MANIFESTIERTE UND DAS UNMANIFESTIERTE SIND EINS

Ist das ‚Ich‘ eine immer-präsente Wesenheit, die auf verschiedenen Ebenen – manifestiert und unmanifestiert – erscheint? Immer wieder taucht diese Frage auf und wird auf unterschiedliche Art und Weise und von verschiedenen Leuten an Maharaj gerichtet. Der Kern der Frage ist dabei jedoch stets der Gleiche. Die Mutigeren unter den Besuchern stellen sie manchmal schon zu Anfang, wenn Maharaj, wie es öfter geschieht, erwähnt, dass seine Zuhörer immer daran denken sollten, dass er nicht als Individuum zu einem anderen Individuum spricht, sondern als Bewusstsein zu Bewusstsein über die Natur von Bewusstsein.

Laut Maharaj kann das ‚Ich‘ auf der Ebene des Verstandes unter drei Aspekten betrachtet werden:

1.Das Unpersönliche – Avyakta (unmanifestiert), das Absolute ‚Ich‘, jenseits aller Sinneswahrnehmungen oder Erfahrungen und sich seiner selbst nicht gewahr.

2.Das Überpersönliche – Vyakta (manifestiert), welches als ‚Ich bin‘ die Spiegelung des Absoluten im Bewusstsein ist und

3.Das Persönliche – Vyakti, ein Konstrukt der physischen und vitalen Vorgänge, der psychosomatische Apparat, in dem sich das Bewusstsein manifestiert.

Jedoch weist Maharaj immer wieder darauf hin, dass eine solche Unterscheidung rein begrifflich sei und in Wirklichkeit nicht existieren kann. Eigentlich gibt es zwischen dem Manifestierten (Vyakta) und dem Unmanifestierten (Avyakta) keinen Unterschied, ebenso wie es zwischen Licht und Tageslicht keinen Unterschied gibt. Das Weltall ist voller Licht, aber dieses Licht kann erst gesehen werden, wenn es an einer Oberfläche als Tageslicht gespiegelt wird; und was dieses Tageslicht zum Vorschein bringt, ist die individuelle Person (Vyakti). Das Individuelle in der Form des menschlichen Körpers ist immer das Objekt. Bewusstsein (als Zeugesein) ist das Subjekt. Ihre Beziehung gegenseitiger Abhängigkeit (Bewusstsein kann sich nicht ohne den körperlichen Organismus zeigen und der Körper kann ohne das Bewusstsein keine Empfindungsfähigkeit haben) ist der Beweis ihrer grundlegenden Identität mit dem Absoluten. Beide sind das gleiche Bewusstsein, das eine in Ruhe, das andere in Bewegung – und jedes ist sich des anderen bewusst.

Maharaj erklärt, dass das gesamte manifestierte Universum nur innerhalb des Bewusstseins existiert. Er stellt den Ablauf – als Konzept – folgendermaßen dar: Das Bewusstsein erscheint im Reinen Sein, einfach deshalb, da dies seine Natur ist – wie Wellen an der Oberfläche des Ozeans. Die Welt erscheint und verschwindet im Bewusstsein. Jeder von uns ist berechtigt zu sagen: „Alles, was existiert, ist ‚Ich‘, alles, was existiert, ist ‚mein‘; bevor alles beginnt und nachdem alles endet, ‚Ich bin‘, um zu bezeugen, was auch immer geschieht. ‚Ich‘, ‚du‘ und ‚er‘ sind nur Erscheinungen im Bewusstsein – letztlich sind alle ‚Ich‘.“

Nicht, dass die Welt nicht existieren würde: Als Erscheinung im Bewusstsein ist die Welt die Gesamtheit des uns Bekannten im Potential des uns Unbekannten. Die Welt erscheint, aber sie ist nicht. Die Dauer der Erscheinungen unterscheidet sich natürlich gemäß den unterschiedlichen Zeitmaßstäben. Abgesehen von der Tatsache, dass die Welt im Tiefschlaf verschwindet und im Wachzustand wieder erscheint, schwankt die Dauer ihrer Erscheinung entsprechend der jeweils zugeteilten Lebenszeit – einige Stunden für ein Insekt und Äonen für die Dreiheit von Brahma, Vishnu und Maheshwara. Was es auch immer sein mag, letztendlich muss jede Erscheinung innerhalb des Bewusstseins enden und kann keinerlei wirkliche Substanz haben.

Die Art, in der Maharaj dieses höchste Wissen darlegt, läßt einen ob der ungeheuren Vielfalt von Aspekten wirklich staunen. Trotzdem verliert er dabei niemals das zentrale Thema aus den Augen. Er sagt, dass das Gewahrsein vom Absoluten (Avyakta) kommt und das innere Selbst (Vyakta) durchdringt. Das äußere Selbst (Vyakti) ist der Teil des eigenen Seins, dessen man sich nicht gewahr ist, denn es ist ja möglich, nicht gewahr zu sein, obwohl man bewusst ist (da jedes empfindungsfähige Wesen Bewusstsein hat). Mit anderen Worten: Das äußere Selbst (Vyakti) wird durch den physischen Körper dargestellt, das innere Selbst (Vyakta) durch das Bewusstsein, und nur in Reinem Gewahrsein ist es möglich, mit dem Höchsten (Avyakta) in Berührung zu kommen.

Es kann niemals eine ‚Erfahrung‘ als solche vom Absoluten geben – aus dem einfachen Grund, weil es niemals etwas Objektives vom Absoluten geben kann, das ja seinem Wesen nach reine Subjektivität ist. Es ist das innere Selbst-Bewusstsein, das als erfahrendes Medium jegliche Erfahrung vermittelt. Das Absolute ist das Potential, welches die Erfahrung möglich macht, das Selbst sorgt für die Verwirklichung.

Die Verbindung der individuellen Person mit dem Gewahrsein des Absoluten kann nur geschehen, wenn der Verstand ‚fastet‘, da dann der ständige Vorgang, Konzepte zu entwerfen, aufhört. Wenn der Verstand still ist, spiegelt er die Wirklichkeit wider. Wenn der Verstand absolut bewegungslos verbleibt, löst er sich auf und es bleibt die Wirklichkeit zurück. Deshalb ist es – Maharaj sagt es immer wieder – notwendig, mit dem Bewusstsein eins zu sein. Wenn der Verstand ‚schwelgt‘, wird die Wirklichkeit verhüllt, wenn der Verstand ‚fastet‘, tritt die Wirklichkeit hervor.

Maharaj macht dies noch auf andere Weise deutlich: Wenn Gewahrsein mit einem Objekt, einer physischen Form in Berührung kommt, wird es ‚Zeugesein‘. Wenn zur gleichen Zeit die Selbst-Identifikation mit dem Objekt stattfindet, wird dieser Zustand eine ‚Person‘. In Wirklichkeit jedoch existiert nur ein einziger Zustand. Wird er durch die Selbst-Identifikation verfälscht und befleckt, mag er vielleicht eine Person (Vyakti) genannt werden. Wird er gefärbt durch das Gefühl zu sein, wird das entstehende Bewusstsein zum ‚Zeugesein‘. Verbleibt es in seiner ursprünglichen Reinheit, unbefleckt und ungefärbt, ist es das Höchste, das Absolute.

Maharaj warnt immer wieder, dass es – auch wenn es nur Begriffe sind – wichtig ist, sich über den Unterschied zwischen dem Gewahrsein des Absoluten und dem Bewusstsein, in welchem das Universum erscheint, klar zu sein. Das eine ist nur die Reflexion des anderen. Aber die Spiegelung der Sonne in einem Tautropfen ist nicht die Sonne. In der Abwesenheit jeglicher Objektivierung wie in tiefem Schlaf existiert das manifestierte Universum nicht, aber wir sind. Dies ist so, da wir sind, was das manifestierte Universum ist und umgekehrt – dual in Anwesenheit, nicht dual in Abwesenheit, unvereinbar getrennt in der begrifflichen Vorstellung, doch jenseits der Vorstellung untrennbar eins. image

Kapitel 5

GEWAHRSEIN UND BEWUSSTSEIN

Das herausragende Merkmal von Maharajs Gesprächen mit seinen Besuchern ist die völlige Spontaneität, die sie spürbar durchdringt. Die Themen werden niemals zuvor ausgewählt, sondern Maharajs Äußerungen sind von einer einzigartigen Direktheit, was ihnen jedesmal aufs Neue eine anregende Frische verleiht. Man staunt umso mehr, wenn man bedenkt, dass er ohne jegliche Vorbereitung spricht – zweimal täglich, jeden Tag der Woche einschließlich sonntags, und dies seit vielen Jahren. Und dabei amüsiert er sich selbst mit einem leisen Lachen: „Über was spreche ich denn? Immer über das eine Thema, immer über das Gleiche – das Du und Ich, die äußere Welt und Gott.“

Im Allgemeinen kümmert sich Maharaj nicht darum, auf seine Zuhörer zu warten, bevor er das Gespräch mit dem, was ihm gerade in den Sinn kommt, eröffnet. Manchmal füllt sich sein kleines Dachzimmer in einer knappen Viertelstunde bis zur Grenze seines Fassungsvermögens, andere Male sind kaum vier oder fünf Leute anwesend, wenn er zu sprechen – man könnte fast sagen: laut zu denken – beginnt. Aber für ihn macht das keinen Unterschied. Wenn er sich dafür entscheidet, spricht er sogar zu einem einzelnen Suchenden und erklärt ihm mit Hingabe die Grundlagen seiner Lehre, setzt sie zueinander in Bezug und zeigt sie in ihrer richtigen Perspektive. Sein Verstand ist vollständig und heil und geht über jeden Pragmatismus hinaus, sein Denken ist ganzheitlich und umfassend.

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