Titel der Originalausgabe:

Resurrecting Jesus

Copyright © 2014 by Adyashanti. This translation
is published by arrangement with Sounds True.



© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2017

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de


Als deutsche Bibelübersetzung ist zugrunde gelegt:

Die Bibel. Die Heilige Schrift

des Alten Bundes und Neuen Bundes.

Vollständige deutschsprachige Ausgabe

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2005


Umschlaggestaltung: wunderlichundweigand, Stefan Weigand

Umschlagmotiv: © Marina Demidova/shutterstock.com


E-Book-Konvertierung: post scriptum, Vogtsburg-Burkheim / Hüfingen


ISBN Print 978-3-451-37689-4

ISBN E-Book 978-3-451-81161-6

Inhalt

Danksagungen

Vorwort des Herausgebers

Prolog: Jesus, der spirituelle Revolutionär

Teil 1
Jesus begegnen

Kapitel 1: Meine Verbindung mit Jesus

Verliebt in die heilige Therese

»So liebe ich dich und so sollst du
alle Dinge lieben.«

Die christliche Präsenz

Kapitel 2: Der Jesus der Evangelien

Die gute Botschaft lesen

Das Markus-Evangelium

Matthäus, Lukas und Johannes

Das Johannes-Evangelium

Das Thomas-Evangelium

Wenn Jesus heute leben würde

Kapitel 3: Die tiefe Wahrheit der Mythen

Der Gottesmensch

Das Bild der Kreuzigung

Das spirituelle Mysterium, das wir sind

Kapitel 4: Eine Landkarte des Erwachens

Der Ruf

Das Erwachen

Prüfungen und Leiden

Beständige Ruhe

Die Verklärung

Loslassen

Die Verwandlung

Die Erlösung Ihrer menschlichen Inkarnation

Teil 2
Die Geschichte von Jesus

Kapitel 5: Geburt und Taufe

Die Bedeutung der jungfräulichen Geburt

Der Ruf an Jesus

Das Tor zwischen zwei Welten

Eintritt ins Mysterium

Die Übertragung des Erwachens

Kapitel 6: Prüfungen und Leiden

Die erste Versuchung

Die zweite Versuchung

Die dritte Versuchung

In die Verbundenheit kommen

Die richtige Orientierung finden

Kapitel 7: Die Mission des Heilens

Der Aussätzige

Spirituelle Kräfte

Den Zweck verfehlen

Die Kraft der Vergebung

Alle Grenzen zerstören

Vertrauen in das Unsichtbare

Kapitel 8: Ich heiße Legion

Von Dämonen besessen

Der Schmerzkörper

Zorn und Liebe

Sich zurückbesinnen auf göttliches Sein

Kapitel 9: Lehren in Gleichnissen

Übertragung und Schülerschaft

Gleichnisse und Koans

Das Gleichnis vom Sämann

Zwei Kategorien des Seins

Kapitel 10: Wunder und Verklärung

Wunder überall um uns herum

Jesus beruhigt den Sturm

Die Verklärung

Der Ursprung allen Lebens

Das Licht von allem

Der Lauf Ihres Lebens

Den Machthabern die Wahrheit sagen

Kapitel 11: Das letzte Abendmahl und der Garten

Ihr werdet alle zu Fall kommen

Der Garten von Getsemani

Die Gefangennahme

Die Verleugnung des Petrus

Kapitel 12: Der Prozess gegen Jesus

König der Juden

Kapitel 13: Die Kreuzigung

Der Tod von Jesus im Markus-Evangelium

Jesus und die Verbrecher

Der Tod von Jesus im Johannes-Evangelium

Kapitel 14: Die Wiederauferstehung

Das Mysterium der Wiederauferstehung

Das Leben nach der Wiederauferstehung

Teil 3
Jünger des Ewigen

Kapitel 15: Archetypen der Jesus-Geschichte

Verkörperte Göttlichkeit

Der Archetyp des Petrus

Der Archetyp des Judas

Der Archetyp des Pontius Pilatus

Der Archetyp der Maria Magdalena

Der Archetyp des Johannes

Kapitel 16: Den Christus leben

Uns selbst die Geschichte zu eigen machen

Die Gegenwart universeller Liebe

Über den Autor

Danksagungen

Dieses Buch ist das Ergebnis der Liebe und Hingabe vieler Menschen. Ich verbeuge mich tief vor Mitchell Clute. Deine enthusiastische Unterstützung dieses Projekts und dein geschicktes Lektorat waren ein wahres Geschenk. Nach jedem unserer Gespräche verließ ich dich mit einem Lächeln. Ich bin auch Tami Simon zutiefst dankbar. Deine unerschütterliche Integrität, Neugier und Hingabe an die Wahrheit sind immer ein Atemzug frischer Luft, und deine Freundschaft ist eines der großen Geschenke dieses Lebens.

Ich möchte auch einigen der christlichen Autoren danken, die mich in all den Jahren am meisten inspiriert haben: Meister Eckhart, einer der wahren Giganten in der Geschichte der christlichen Mystik, für seine brillanten und erleuchteten Predigten über das Mysterium Christi. Dem Heiligen Johannes vom Kreuz für seine großartigen Einsichten in die mystische Reise und für seine Poesie. Thomas Merton danke ich dafür, dass er mir als Erster die Augen für die tiefere Bedeutung der christlichen Reise geöffnet hat. Joseph Campbell danke ich für seine wunderbaren Erläuterungen des mythologischen Gehalts in den großen Erzählungen der Welt. Und John Carroll dafür, dass er mir die Bedeutung des Markus-Evangeliums vermittelt hat und mich mit einigen der kraftvollsten Schriften bekannt gemacht hat, die mir je begegnet sind.

Vorwort des Herausgebers

Der Jesus, dem Sie in »Jesus, der Zenmeister« begegnen werden, ist ein spiritueller Revolutionär, ein Beispiel erwachter Menschlichkeit in Aktion, jenseits der begrenzten Vorstellungen irgendeiner Religion oder Theologie. Dieser Jesus ist nicht an Zeit und Historie gebunden; er verweist uns auf den zeitlosen Bereich des Geistes. Dennoch ist er weder fern noch transzendent; seine Geschichte ist eine Einladung, den Geist in der Gegenwart zu verkörpern, in uns selbst.

Als ich Adyashantis Lehren über Jesus zum ersten Mal hörte, war ich fasziniert von seinen unerwarteten Einsichten in Jesus als erleuchtetes Sein. Seine Vorträge machten Jesus für mich auf eine Weise lebendig, die ich nie zuvor erfahren hatte. Ich entdeckte, dass Adyas Auslegungen der Evangelien eine alljährliche Weihnachts-Tradition waren, an der er sichtlich Freude hatte.

Als es an der Zeit war, ein neues Projekt mit Adya zu planen, schlug ich vor, ihn zu bitten, über Jesus zu lehren. Wie sich herausstellte, bereitete er bereits ein einwöchiges Retreat über das Leben und die Lehren von Jesus vor, und er war begeistert von der Idee, ein Buch und ein Audio-Programm über das Thema zu machen.

Also fuhr ich im Frühjahr 2013 mit Tami Simon, der Verlegerin von Sounds True, nach Kalifornien, um das Material aufzunehmen, aus dem schließlich »Jesus, der Zenmeister. Eine spirituelle Entdeckungsreise« wurde. Wir verbrachten vier Tage in einem komfortablen Studio, das tief in den Wäldern über Santa Cruz lag, und hörten gespannt zu, als Adya die tiefere Bedeutung der Jesus-Geschichte beleuchtete.

Während Adya sprach, war ich immer wieder begeistert davon, was für eine großartige Geschichte die Evangelien erzählen – vor allem das Markus-Evangelium, der Text, der den Kern von »Jesus, der Zenmeister« bildet. Von dem Moment an, in dem Jesus an den Jordan kommt, um getauft zu werden, bewegt sich die Geschichte schnell und unerbittlich auf die Kreuzigung zu und durchläuft auf ihrem Weg Freude und Triumph, Kummer und Verrat. In Adyas Lehren erscheint ein Jesus, der zutiefst menschlich ist, vollkommen göttlich und absolut unerwartet.

In diesen Vorträgen benutzte Adya zwei verschiedene Bibel-Übersetzungen, die Neue Internationale Version (NIV) und die Englische Standard Version (ESV). Für jedes Zitat wählte er die Version, die in jenem Kontext am besten funktioniert; bei jedem Zitat wird die entsprechende Bibel-Quelle zusammen mit dem Kapitel und dem Vers angegeben. (In der deutschen Übersetzung wird die Herderübersetzung benutzt, Anm. d. Übers.) Der andere Schlüsseltext hier ist das gnostische Thomas-Evangelium, eine in koptischer Sprache verfasste Sammlung von Aussprüchen, die Jesus zugeschrieben werden.

Während ich Adya im Studio lauschte und später beim Lektorieren des Manuskripts dieses Buches begann ich zu sehen, wie diese Lehren den Abstand aufheben, der zwischen uns und Jesus besteht, zwischen uns und dem Göttlichen. Adyas Jesus ist eine revolutionäre Figur, und »Jesus, der Zenmeister« ist ein revolutionäres Buch – ein Buch, das unsere konventionellen Interpretationen herausfordert und unsere Erwartungen bei jeder neuen Wendung unterläuft. Die Jesus-Geschichte, wie Adya sie erzählt, ist eine Blaupause für den Prozess des Erwachens, eine Lehre, die uns zeigt, wie wir göttliches Sein in menschlicher Form verkörpern könnten – wie es auch Jesus tat.

Ja, Adya lehrt, dass Jesus der Sohn Gottes ist – und dass auf dieselbe Weise jeder von uns Sohn oder Tochter Gottes ist. Jeder von uns ist das Fleisch gewordene Wort. Was also bedeutet es, Jesus wiederauferstehen zu lassen, ihn von den Überlagerungen zu befreien, die Geschichte, Theologie und Glauben ihm zugefügt haben? Was bedeutet es für Sie, die Jesus-Geschichte in Ihnen selbst lebendig werden zu lassen? Finden Sie es heraus! Das ist die Einladung von »Jesus, der Zenmeister«.

Mitchell Clute

Herausgeber und Produzent, Sounds True

Boulder, Colorado

April 2014

Prolog:
Jesus, der spirituelle Revolutionär

Jesus ist der stille Koloss, der die westliche Kultur für mehr als zweitausend Jahre bestimmt hat. Er ist die zentrale Figur im kollektiven Traum der westlichen Kultur. In den letzten Jahrzehnten hat die Wissenschaft versucht herauszufinden, welche Teile der Jesus-Geschichte historischen Tatsachen entsprechen und welche nicht. Mit anderen Worten: Was ist in Judäa vor zweitausend Jahren wirklich passiert? Das wissenschaftliche Interesse an Jesus galt dem, was Jesus wirklich sagte im Gegensatz zu dem, was er nicht sagte. Nach meiner Meinung werden wir das nie mit Sicherheit wissen. Wir können nicht wissen, was geschehen ist und was nicht geschehen ist oder wie groß der historisch wahre Anteil ist und wie groß der mythologische. Diese Suche nach dem historischen Jesus geht am entscheidenden Punkt vorbei, auch wenn sie interessant und sogar faszinierend ist. Der Kernpunkt ist die Geschichte, der kollektive Traum.

In der westlichen Kultur haben wir weitgehend die Kraft der Geschichte vergessen; die Kraft des Mythos, Wahrheit in sich zu tragen und zu vermitteln – grundlegende Wahrheit, spirituelle Wahrheit. Der Mythos spricht zu unseren Seelen. Die mythologische Sprache verbindet uns mit unserem Unbewussten und erweckt eine Ahnung von Ewigkeit, von einem Leuchten, das durch die Welt von Zeit und Raum schimmert. Der Mythos ist letztendlich eine Weise, über das zu sprechen, was nicht gesagt werden kann, und das zu enthüllen, worüber nicht geschrieben werden kann. Deshalb meine ich, dass die Jesus-Geschichte erst dann vollkommen lebendig wird, wenn wir die Versessenheit auf die Historie und das, was geschah oder nicht geschah, aufgeben.

Letzten Endes ist es nicht wirklich wichtig, ob wir die Bibel als akkurate Historie und Tatsache lesen oder ob wir die Geschichte mythologisch und metaphorisch auffassen, als etwas, das unserem bewussten und unbewussten Sein Wahrheiten über das Göttliche vermitteln kann und uns hilft, etwas zu erkennen, das von Fakten nicht berührt werden kann. Es gibt viele Möglichkeiten, diese Geschichte und den Charakter von Jesus zu betrachten. Hoffentlich sieht jeder von uns die Geschichte auf seine eigene Weise, sodass sie zu uns spricht. In diesem Buch betrachte ich die Geschichte von Jesus auf besondere Weise. Meine interpretatorische Linse fokussiert sich darauf, Jesus als spirituellen Revolutionär zu enthüllen: Jesus als eine Präsenz göttlicher Strahlung und Erleuchtung, welche die Grenzen und Trennungslinien durchbricht, die uns einschränken – ob diese Trennungslinien nun kulturell bedingt sind, zwischenmenschlich, rassisch oder einfach durch unsere Psychologie.

Für mich vermittelt Jesus, der Revolutionär, in einzigartiger Weise das Leuchten des Geistes, und deshalb möchte ich in diesem Buch diese besondere Sichtweise anbieten. Aber letztendlich wird jeder von uns die Jesus-Geschichte auf die Weise interpretieren, die für ihn am sinnvollsten ist, und genau so soll es sein. Tatsächlich muss das so sein, denn wenn wir uns nur an die Interpretation von jemand anderem halten, wenn wir die Geschichte nur durch eine Linse betrachten, blockiert das unsere eigene einzigartige Kreativität. Wenn ich also die Jesus-Geschichte als die Geschichte von Jesus, dem Revolutionär, interpretiere, ist es wichtig, dass jeder von uns in diese Geschichte so eintaucht, dass sie für ihn lebendig wird.

Die Jesus-Geschichte durch die Linse von Jesus, dem Revolutionär, zu betrachten, ist ein Mittel, die Geschichte ganz lebendig werden zu lassen. Indem ich durch diese Linse blicke, spüre ich, wie Leben in die Geschichte zurückkehrt. Sie wird lebendig auf schöne und gleichzeitig sehr herausfordernde Weise, denn Jesus, der spirituelle Revolutionär, hat die Fähigkeit, uns aus unserem eigenen individuellen Traum der Trennung und Isolation aufzuwecken.

In der westlichen Kultur haben die meisten von uns sich angewöhnt, Jesus als die Verkörperung der höchsten Form von Ethik und Moral zu sehen – er ist der gute Hirte, wir sind die Herde, und er zeigt uns den Weg. Das ist der Jesus der Kirche; die Kirchen sind sehr angetan von Jesus als ethischem und moralischem Priester. Das macht Sinn, denn die ethische und moralische Dimension ist Teil dessen, was jede Religion am Leben hält, was sie entwickelt und in die Kultur hinein vermittelt. Aber wenn das alles ist, was wir in der Jesus-Geschichte sehen, werden wir blind für die darunterliegende Transzendenz, für das Strahlen der Präsenz von Jesus. Ohne dieses transzendente Strahlen wird Jesus nur eine weitere Figur in der langen Geschichte moralischer und ethischer Propheten.

Wir wissen, dass die Art, in der die gesamte Kultur die Jesus-Geschichte definiert und interpretiert hat, heute nicht mehr die Herzen der Menschen in der Tiefe erreicht. Die Gottesdienste sind immer schlechter besucht. Im letzten Jahr fuhr ich nach Europa und sah erstaunliche Kathedralen, die zum Teil über tausend Jahre alt sind. Diese Kathedralen sind der Beweis, dass es eine Zeit gab, in der die Geschichte von Jesus höchst lebendig war und die Gesellschaft erreichte. Aber die meisten dieser Kirchen sind heute leer, und das sagt uns etwas Wichtiges. Es sagt uns, dass die gesamte Kirche dabei versagt hat, die Geschichte neu zu interpretieren und die Botschaft aktuell und lebendig zu halten als etwas, das zu unseren Herzen spricht, das die geheimnisvollen Regungen in uns anspricht und uns erlaubt, uns dem Mysterium unseres Seins anzuvertrauen.

Deshalb denke ich, wir sollten uns die Geschichte neu anschauen. Wenn wir beginnen, die Jesus-Geschichte mythologisch zu interpretieren, suchen wir nach ihren Metaphern und Symbolen. Wir beginnen zu fragen: »Was meinen die Metaphern für mich? Was bedeutet mir Jesus?« Wenn wir Jesus nicht nur als historische Figur ansehen, die geboren wurde und gelebt hat, auf der Erde wandelte, lehrte, seine Botschaft verkündete und schließlich am Kreuz starb, sondern Jesus auch als eine zeitlose lebendige Gegenwart betrachten, als eine Metapher für die Ewigkeit in uns selbst, können wir beginnen, den inneren Raum zu betreten, in dem wir die Söhne und Töchter von Gott werden. Dann wird die Geschichte wiederbelebt. Dann kann die Jesus-Geschichte auf eine Weise lebendig werden, die wirklich Bedeutung für uns hat. Natürlich könnte das für manche Menschen ziemlich herausfordernd sein. Für manche könnte es sogar blasphemisch erscheinen, der Geschichte eine so konkrete Form zu geben, wie ich das vorschlage. Aber ich meine, die Einladung, genau dies zu tun, ist in der Geschichte selbst enthalten. Wenn ich dem, was die Geschichten zu sagen haben, wirklich lausche, ist es, als würde Jesus sagen: »Komm, komm ins Himmelreich. Das Himmelreich befindet sich auf der Erde, und Männer und Frauen verstehen es nicht.« Mir scheint, dass Jesus eine lebendige Verkörperung der Ewigkeit ist, eine Verkörperung dessen, was in uns selbst existiert.

Die Jesus-Geschichte ist ein Spiegel, der uns hilft, uns selbst klarer zu sehen. Die wichtigste Funktion der mythischen Erzählung ist es, das Leben durchlässig zu machen für die Transzendenz, die an seinem Grund liegt und hindurchscheint. Das ist die Kraft des Geschichtenerzählens. Das Erzählen von Geschichten lädt uns ein, in eine schöpferische Beziehung zur Geschichte zu treten. Wir können nicht distanzierte Beobachter bleiben; wir müssen in die Geschichte eintreten und selbst zu ihren Figuren werden. Wir müssen uns erlauben, das Leben mit den Augen von Jesus, den Augen von Christus, zu sehen, und die Welt durch die Augen der Jünger zu betrachten und durch die Augen jener, die geheilt und erlöst wurden durch die Gegenwart Christi.

Wie ich sagte, wird jeder von uns die Jesus-Geschichte auf seine eigene Weise betrachten. Ich möchte eine besondere Sichtweise anbieten, die ich für sehr machtvoll, wirksam und wichtig für unsere Zeit halte. Aber wenn wir uns nun miteinander in die Geschichte vertiefen, möchte ich Sie auch ermuntern, Ihre eigene kreative Beziehung zur Geschichte zu finden. Halten Sie Ihre Ohren offen und finden Sie heraus, wie jeder Teil der Geschichte zu Ihnen spricht. Wenn wir auf diese Weise lauschen, wird die zweitausend Jahre alte mythische Reise von Jesus zur Reise in unser Inneres, führt uns zur Offenbarung Gottes in uns selbst und letztendlich zu der Erkenntnis, wer und was wir wirklich und wahrhaftig sind.

Adyashanti

Los Gatos, California

April 2014

Teil 1

Jesus begegnen

Kapitel 1
Meine Verbindung mit Jesus

»Ich kann mich allein von der Wahrheit ernähren.«
Heilige Therese von Lisieux

Wie kommt es, dass sich ein spiritueller Lehrer mit einem zen-buddhistischen Hintergrund für die Geschichte von Jesus interessiert? Nun, seit ich mich erinnern kann, war ich fasziniert von der Geschichte Jesu. Als Kind sah ich »Die Zehn Gebote« und all die anderen spirituellen Epen, die es damals im Fernsehen und im Kino gab.

Als ich klein war, hatten wir Glasschiebetüren an unserer Badewanne, und ich pflegte in der Wanne zu sitzen und Kreuze mit Kreisen in den Dampf auf dem Glas zu malen. Immer, wenn ich ein Stück Papier hatte, kritzelte ich Kreuze, die von großen Kreisen umgeben waren. Ich sah sie nicht als christliche Symbole und verband mich nicht bewusst mit der Jesus-Geschichte, aber meine Notizbücher von der Grundschule bis zum College sind gefüllt mit Kreuzen. Im Nachhinein denke ich, dass die Jesus-Geschichte und das Bild und Symbol des Kreuzes in der Tiefe meines Unbewussten ruhten. Etwas sehr Tiefes in mir war hochinteressiert an diesem Zeichen.

Ich wuchs nicht in einer besonders religiösen Familie auf und war nicht wirklich interessiert an organisierter Religion. Als ich vielleicht acht oder neun war, beschlossen meine Eltern, uns Kinder eine Zeit lang mit in die Kirche zu nehmen. Natürlich wurde ich in der Sonntagsschule abgegeben, während meine Eltern in das gingen, was ich den »Großen Raum« nannte, um dem Priester zuzuhören. Nachdem ich zwei- oder dreimal in der Sonntagsschule war, sagte ich zu meinen Eltern, dass ich dort nicht mehr hingehen wolle. Der Lehrer in der Sonntagsschule ließ uns Jesusbilder in einem Buch ausmalen und sang mit uns Lieder, und ich war mehr interessiert an dem, was im Großen Raum vor sich ging, wo der Priester und all die Erwachsenen waren. Nach ein paar Wochen gingen wir nicht mehr hin, und das war’s.

Meine Familie war nicht besonders religiös im konventionellen Sinn, aber es gab viele religiöse und spirituelle Unterhaltungen zwischen meinen Eltern und meinen Großeltern. Ich hatte Großeltern von zwei Seiten, die sehr nah bei mir wohnten, dazu Tanten und Onkel und Cousins, und wir alle kamen ziemlich oft zusammen. Nicht selten wandte sich die Unterhaltung verschiedenen religiösen und spirituellen Themen zu. Beide Großeltern-Paare waren Kirchgänger, und einer meiner Großväter war, was ich einen »wahren Christen« nennen würde; er verkörperte den christlichen Geist der Großzügigkeit und Liebe auf eine Weise, wie ich sie seitdem selten gesehen habe. Seine Freunde nannten ihn »der Dekan«, weil er so viel Zeit damit verbrachte, Dekan in seiner Kirche zu sein.

Diese Unterhaltungen hatten großen Einfluss auf mich. Ich fand dieses Reden über Gott und Geist und Jesus geheimnisvoll und fesselnd und saß als Kind einfach da und lauschte mit einer Art Ehrfurcht. Ich verstand nicht alles, aber es erzeugte in mir ein tiefes Gefühl für das Mysterium des Lebens, für eine transzendente Präsenz, die ich erspüren konnte. Zum Glück wurde die Diskussion immer sehr offen und in weitem Geist geführt, nicht dogmatisch. Niemand versuchte, die anderen von seiner Sichtweise zu überzeugen; es war mehr eine Art Erforschen, ein tiefes Betrachten dieser Dinge.

Schon als ich sehr jung war, hatte ich verschiedene Arten dessen, was ich heute spirituelle Erfahrungen nennen würde, und als ich Gespräche über Religion oder Spiritualität hörte, stellte ich eine Verbindung her zwischen diesen Erfahrungen und einigen der Themen, die von den Erwachsenen diskutiert wurden. Und obwohl, wie ich sagte, wir keine religiöse Familie waren, waren Religion und Spiritualität seit ich mich erinnern kann Teil meines Lebens.

Seit jeher liebte ich Weihnachten. Nun ja, ich denke, jedes Kind liebt Weihnachten mit all den Geschenken, dem Baum, den Lichtern und diesen Feiertagssendungen im Fernsehen, die speziell für Kinder gemacht sind. Ich mochte all dieses Zeug auch, aber für mich war Weihnachten auch eine heilige Zeit. Jedes Jahr im Oktober ergriff mich eine bestimmte Art von Anwesenheit – eine transzendente, schöne, reiche, innige Präsenz. Ich assoziierte das mit der Jesus-Geschichte, und das ist natürlich das, worum es bei Weihnachten wirklich geht.

Dieses Gefühl des Heiligen ergriff mich mehrere Monate vor Weihnachten. Je näher ich Weihnachten kam, umso mehr überwältigte mich diese Empfindung des Heiligen. Es kam mit einem Empfinden großer Bedeutung und tiefer Innigkeit. Für zwei oder drei Monate in jedem Jahr lebte ich buchstäblich in einem Zustand der Gnade, und das fügte all den Weihnachtsfeiern eine heilige Dimension hinzu, die weit über die Päckchen und Lichter und das Geglitzer von Weihnachten hinausging. Weihnachten und die christliche Botschaft fanden also immer in mir einen tiefen Widerhall; die Jesus-Geschichte war immer bedeutsam für mich.

Irgendwann in meinen Teenager-Jahren nahm ich an der Kommunion in einer katholischen Messe teil. Ich wusste nicht, dass man an der Kommunion nicht teilnehmen sollte, wenn man nicht in die katholische Kirche aufgenommen ist. Im Rückblick bin ich froh, dass ich das nicht wusste, denn ich tat es in kindlicher Arglosigkeit, und als ich die Hostie nahm und den Wein trank, fand ich das stille Ritual außerordentlich bedeutsam. Ich hatte das nicht erwartet; ich war mit einer anderen Familie zur Messe gegangen und wollte nur teilnehmen, um zu sehen, wie das war. Auch das trug dazu bei, mich wieder einmal mit der Geschichte von Jesus zu verbinden.

Verliebt in die heilige Therese

In meinen späten Jugendjahren begann ich, mich für eine tiefere Form der Spiritualität zu interessieren. Zu jener Zeit dachte ich nicht an das Christentum. Ich begann spirituelle Bücher zu lesen, und in einem Buch über Zen-Buddhismus begegnete mir das Wort Erleuchtung. Das Wort Erleuchtung rief eine tiefe Reaktion in mir hervor. Ich musste einfach herausfinden, was das Wort bedeutet. Man könnte sagen, dass dies der Moment war, in dem ich ein spiritueller Sucher wurde: Ich suchte nach der Erleuchtung, von der ich in jenem Zen-Buch gelesen hatte.

In einem Adressbuch fand ich eine Zen-Lehrerin, die tatsächlich nur fünfzehn Minuten entfernt von dem Ort lebte, an dem ich aufgewachsen war, was erstaunlich war, denn zu jener Zeit gab es sehr wenige Zen-Zentren oder Tempel in den USA. Ihr Name war Arvis Justi, und sie hatte ein langes Training mit ihrem eigenen Lehrer durchlaufen. Sie lehrte in ihrem eigenen Haus. Ich war etwa zwanzig, als ich sie fand, und studierte und meditierte mit ihr über zehn Jahre. Als ich dreiunddreißig war, bat sie mich schließlich zu lehren.

Zen-Training konzentriert sich auf das, was du tust – mit anderen Worten, wie du dich einer Praxis widmest, die dich für die tieferen Dimensionen öffnen kann, die tieferen Wirklichkeiten des Mysteriums von uns allen. Und so engagierte ich mich im Zen und meditierte viel. Die Praxis bestand hauptsächlich aus dem Sitzen im Schweigen, was eine sehr wichtige Erfahrung für mich war. Es war der Weg, auf dem ich meine spirituelle Suche wirklich verfolgen konnte.

Aber nach einigen Jahren gab es etwas im Zen, zu dem ich keine Verbindung herstellen konnte; es begann sich ein wenig trocken anzufühlen. Auf der emotionalen Ebene fühlte ich mich nicht angesprochen. Und ohne mir dessen wirklich bewusst zu sein, folgte ich einfach meinen Interessen und meiner Intuition und begann erneut zu suchen, vor allem durch Lesen. Eines Tages fand ich in einem winzigen spirituellen Buchladen in Palo Alto in Kalifornien die Autobiografie der heiligen Therese von Lisieux. Die heilige Therese war eine katholische Nonne des 19. Jahrhunderts, die sehr jung gestorben ist. In den letzten Jahren ihres Lebens schrieb sie auf Bitten ihrer Oberin ihre Lebensgeschichte auf. In dem Laden blätterte ich durch ihre Autobiografie, und etwas in ihrer Frömmigkeit fesselte mich. Ich kaufte das Buch und nahm es mit.

Ich las ihre Lebensgeschichte und war völlig eingenommen von ihr. Ihre Unschuld und Hingabe an Gott berührten etwas Tiefes in mir. Ihre Beziehung zu Gott war sehr aufrichtig und ganz schlicht, und diese Einfachheit und Aufrichtigkeit ihrer Hinwendung berührte etwas in mir, das sehr aufrichtig und einfach war. Zu meiner großen Überraschung verliebte ich mich buchstäblich in diese Heilige, die seit langer Zeit tot war. Und wenn ich sage, ich verliebte mich, dann meine ich wirkliches Verliebtsein, wie wenn du auf der Highschool für jemanden schwärmst und völlig von dieser Person besessen bist. Ich las drei oder vier verschiedene Fassungen ihrer Autobiografie, ich las Erläuterungen zu ihrem Leben und Schreiben und war etwa zwei Jahre lang absolut überwältigt von dieser Liebesaffäre des Herzens. Ich war dieser unerwarteten Erfahrung so ungeschützt ausgeliefert, dass ich nicht wusste, wie ich damit umgehen sollte.

Was tatsächlich geschah, war, dass mein Herz geöffnet wurde. Etwas in der Art, in der sie ihre Liebe zu Gott offenbarte, war zutiefst mit dem Herzen verbunden, und das ließ mein Herz weit aufbrechen. So begann ich in mir das zu entdecken, was ich für die Übertragung des Christentums und der Jesus-Geschichte halte, der tiefen, offenen, ungeschützten Innigkeit der Liebe.

Ich fuhr fort mit meiner zen-buddhistischen Praxis, suchte meine Lehrerin auf, meditierte, aber mit meinem weit geöffneten Herzen war es eine ganz andere Erfahrung als vorher. Diese Liebe war das fehlende Element gewesen, das ich in meiner Zen-Praxis nicht gefunden hatte. Natürlich sehe ich im Rückblick, dass es da war; es war nur nicht so da, dass ich mich damit hätte verbinden können. Das ist verständlich, denn ich wuchs nicht in einer buddhistischen Kultur auf; deshalb war es schwierig für mich, mich mit ihren Bildern, Geschichten und ihrer Symbolik zu verbinden. Sie sind mir ein wenig fremd. Für mich hatte Zen damit zu tun, mich einer spirituellen Praxis in Form von tiefem Erforschen zu verpflichten. Aber durch die Geschichte von Jesus und durch die heilige Therese begann ich das Herz der heiligen Liebe zu erfahren. Die heilige Therese war für mich das Tor, durch das ich tiefer in die Wahrheit und den innersten Kern des Christentums eintauchen konnte.

»So liebe ich dich und so sollst du
alle Dinge lieben.«

Kurz nach meiner Begegnung mit der heiligen Therese hatte ich eine tief gehende Erfahrung während eines Zen-Retreats. Zen-Retreats sind sehr anstrengend, mit bis zu fünfzehn Meditations-Perioden zu je vierzig Minuten am Tag, also gab es eine Menge stilles Sitzen und sehr viel Verweilen im Schweigen. Ich war schon früher auf Zen-Retreats gewesen, und als ich zu diesem Sieben-Tages-Retreat eintraf, war ich der Meinung, das ganz gut zu können. Ich freute mich wirklich darauf, aber im Verlauf des Retreats geriet etwas in Unordnung. Das Ganze entwickelte sich zu einem Albtraum. Ich hatte ein intensives Gefühl des Unbehagens und keine Ahnung, warum das geschah. Ich fühlte mich eingesperrt wie ein Tier im Käfig und wollte ausbrechen.

Nun, zu jener Zeit wusste ich, wie ich mit allen möglichen unterschiedlichen Geisteszuständen und Emotionen sitzen konnte, und seit Langem hatte ich erkannt, dass man manchmal einfach dieses Unbehagen im Sitzen aushalten muss. Aber dies war eine Herausforderung. Ich fühlte mich gefühlsmäßig zutiefst verstört, hatte heftige Angstzustände und wusste nicht, ob ich kämpfen oder fliehen sollte. Es kam der Moment, an dem ich es buchstäblich nicht mehr aushielt. Ich brach einfach zusammen. Es war niederschmetternd, ich fühlte mich zutiefst gedemütigt. Also schrieb ich eine kurze Nachricht und erklärte, dass ich gehen würde, und während alle anderen meditierten, heftete ich den Zettel an die Tür des Lehrers. Es war nicht erlaubt, ohne persönliche Rücksprache mit dem Lehrer zu gehen, aber ich war so gedemütigt, dass ich ihm einfach nicht gegenübertreten konnte. Ich hinterließ die Nachricht, stieg in meinen Wagen und fuhr heim.

Ich war so niedergeschmettert, dass ich tatsächlich glaubte, dies sei das Ende meiner Suche. Ich dachte: »Gut, du hast ihr fünf oder sechs Jahre gewidmet, du hast dich wirklich ganz und gar engagiert, aber du hast versagt. Du bist für so was nicht gemacht, wirf das Handtuch.« Ich war fünfundzwanzig Jahre alt und sicher, absolut sicher, dass dies das Ende meiner spirituellen Suche war. Also fuhr ich nach Hause in dem Gedanken, dass alles vorbei war, aber als ich in meine Hauseinfahrt bog, sagte eine kleine Stimme in meinem Kopf: »Geh einfach durch die Haustür und hinaus durch die Hintertür, setz dich in deine Meditationshütte und meditiere.« Ich hatte in den Jahren gelernt, dieser noch kleinen Stimme in meinem Kopf zu trauen. Es erschien mir sinnlos, denn ich war sicher, dass dies das Ende meiner spirituellen Suche und alles vorbei war, aber ich tat einfach, was die Stimme sagte. Ich ging tatsächlich vom Wagen aus durch die Haustür, geradeaus durch das Haus, zur Hintertür hinaus und in meine Meditationshütte.

Kaum hatte ich mich niedergesetzt, explodierte buchstäblich das spirituelle Herz – das Herz der Liebe, das ich zuerst beim Lesen der heiligen Therese erfahren hatte. Es wäre nicht richtig zu sagen, es dehnte sich aus – es war vielmehr wie eine Explosion in meiner Brust. Ich fiel aus einem Zustand der Mutlosigkeit – ich war sicher, dass meine ganze spirituelle Suche am Ende war und ich versagt hatte – in diese Unermesslichkeit der Liebe, in ein Wohlgefühl, das alles übertraf, was ich je erfahren hatte. Und dann hörte ich diese Worte in meinem Geist, als ob der Gott der Bibel sprach, und die Stimme sagte: »So liebe ich dich, und so sollst du alle Wesen und alle Dinge lieben.« Es fühlte sich wirklich an wie die Stimme Gottes, und diese Explosion des Herzens veränderte alles.

An jenem Abend rief mich der Lehrer des Zen-Tempels an und fragte: »Also, was ist passiert?« Ich sagte: »Ich weiß es nicht!« Er fragte: »Warum kommst du nicht zurück?«, und ich sagte: »In Ordnung, ich komme morgen wieder.« Das war das Ende des Gesprächs; es war tatsächlich so kurz, denn es machte mir überhaupt nichts aus, zurückzugehen. Ich hatte nicht unbedingt das Gefühl, dass mein spirituelles Leben wieder wie vorher funktionierte, aber in dieser unermesslichen Liebe, die ich erfahren hatte, fühlte ich mich wie eine Feder im Wind. Zurückgehen? In Ordnung, ich gehe zurück.

Also fuhr ich wieder zum Tempel, und als ich gerade die Meditationshalle betreten wollte, sah ich den Leiter des Retreats, der für das Einhalten der Regeln verantwortlich war. An der Tür zur Halle sah mir dieser Mönch geradewegs in die Augen und sagte: »Du hättest nicht gehen sollen, und du hättest nicht zurückkommen dürfen.« Und, wissen Sie, das waren die besten Worte, die er hätte sagen können, denn ich sah, dass sich nicht das Geringste in mir veränderte, während er sprach – diese Liebe wurde nicht geringer, zog sich nicht in sich zusammen, bewegte sich nicht ein Jota. Am liebsten hätte ich ihn in die Arme genommen und geküsst, denn er zeigte mir, dass nichts das verändern konnte, was ich gerade erfuhr.

Wenn sich mein Herz nicht geöffnet hätte und jemand gesagt hätte: »Du hättest nicht gehen sollen, und du hättest nicht zurückkommen dürfen«, wäre ich niedergeschmettert gewesen. Stattdessen machte mir das Erlebnis nur die Unermesslichkeit und Intensität der Liebe klar, die ich erfuhr. Ich ging einfach durch die Tür hinein und hatte ein wunderbares Retreat.

Was begonnen hatte mit einer christlichen Heiligen, die mein Herz in völlig unerwarteter Weise öffnete, fand seinen Höhepunkt in diesem weit aufgesprengten Herzen in einem Augenblick großer Verzweiflung. Wieder einmal gab die Jesus-Geschichte – und diese Heilige, die so intim mit der Jesus-Geschichte verbunden war – meinem Leben eine entscheidende Wendung.

Damals begann ich, exzessiv christliche Mystik zu lesen – an die zweihundert Bücher christlicher Mystiker. Seitdem erzähle ich den Menschen, dass ich Zen durch christliche Mystik verstanden habe, und in gewisser Weise stimmt das. Erst durch die christliche Mystik begann ich, ein tieferes Verständnis dafür zu gewinnen, worum es im Zen geht. Umgekehrt halfen mir meine zen-buddhistische Praxis und die ganze in Meditation verbrachte Zeit zu verstehen, was die christlichen Mystiker sagen, und so passte beides damals wirklich zusammen.

Durch meine Lektüre bekam ich auch ein tieferes Gespür für die Jesus-Geschichte, sowohl für die Person von Jesus als auch dafür, was die Geschichte verschiedenen Menschen bedeutete. Beim Lesen der Mystiker begriff ich, dass die Wahrheit und Liebe von Christus von jedem Menschen anders verstanden wurde. Die Mystiker hatten ganz unterschiedliche Auffassungen von der Beziehung zwischen Jesus und Gott, auch von ihrer eigenen Beziehung zu Gott und der zu Jesus. Es war, als würde ich in eine geheimnisvolle Welt eintreten. Als Kind hatte ich immer ein sehr intensives Verhältnis zur Jesus-Geschichte; meine Fantasie wurde von ihr gefesselt. Aber als ich die Welt dieser frühen christlichen Mystiker betrat, begann ich die Jesus-Geschichte in ganz anderem Licht zu sehen. Die Mystiker zeigten mir, dass uns die Geschichte von Jesus tatsächlich etwas sehr Wichtiges über uns selbst erzählen kann, nämlich wie wir uns mit der Welt verbinden und wie mit dem grundlegenden Mysterium des Seins.

Für jeden von uns ist die eigene Existenz höchst geheimnisvoll. Allein dass wir da sind, dass wir existieren, ist ein großes Mysterium. Äußerlich gesehen hat jeder von uns eine Persönlichkeit, eine Persona, eine Ego-Struktur – die Art, in der wir uns der Welt zeigen. Aber in uns gibt es etwas ganz anderes. In meinen Zwanzigern ging ich auf die Universität und studierte Psychologie und Soziologie, deshalb dachte ich über das, was innen ist, anfangs in psychologischen Begriffen. Durch mein Zen-Studium aber erkannte ich, dass es eine Dimension des Seins gibt, die alles übersteigt, was wir als unsere persönliche Psychologie ansehen können. Als ich schließlich den christlichen Mystikern begegnete, war es, als würden sie mich an einen weit kreativeren Ort ziehen, an einen Ort der Begegnung zwischen der Jesus-Geschichte und der schöpferischen Kraft des Unbewussten. Es entsteht eine ziemlich machtvolle Dynamik, wenn das Mysterium unseres eigenen Seins einer wirklich außerordentlichen Geschichte begegnet. Diese Begegnung kann sehr transformierend wirken.

Die christliche Präsenz

Da war ich also mit diesem großen offenen Herzen und studierte die christlichen Mystiker. Ich war nicht nur von ihren Worten fasziniert, sondern auch von dem, was meine Lektüre in mir erweckte. Es war eine Präsenz oder Lebendigkeit, die in mir erweckt wurde – eine ganz eigene und tiefgründige Präsenz, die zur gesamten christlichen Tradition gehört. In Europa braucht man nur durch die Tore dieser alten Kirchen zu treten und fühlt sofort ein unverkennbares Berührtwerden, ganz anders als die Übertragung im Buddhismus, Hinduismus, Islam oder jeder anderen Religion. Natürlich hat jede Religion ihre eigene Übertragung, ihre eigene Präsenz.

Sie entsteht durch den Gründer der Religion, durch ihre Essenz und, was das Christentum betrifft, durch die unterschiedlichen Menschen, die sich jahrtausendelang mit der Kerngeschichte verbunden haben. Wenn wir uns dieser christlichen Präsenz öffnen, kann das ein Gefühl von lebendiger Kraft und grenzenloser Liebe erwecken.

Als ich mich in diese christlichen Mystiker vertiefte, begann ich mich zu fragen, ob ich nicht den Zen-Buddhismus verlassen und mich dem Christentum zuwenden sollte. Es waren Jahre vergangen seit meiner ersten katholischen Messe, und ich beschloss, noch einmal eine Messe zu besuchen. Inzwischen wusste ich, dass ich nicht an der Kommunion teilnehmen sollte, und als alle anderen aufstanden, blieb ich einfach sitzen und beobachtete. Selbst als Beobachter bemerkte ich, dass sich in diesem Ritual ein bestimmtes grundlegendes Mysterium zeigt, das schwer in Worte zu fassen ist. Jedes machtvolle religiöse Ritual hat diese Qualität, etwas sehr Tiefes und Archaisches in uns zu berühren. Ein gutes Ritual dient dazu, das Mysterium des Seins in uns zu erwecken, das Mysterium unserer eigenen Existenz, das Mysterium des Lebens, das Mysterium Gottes. Es soll das Gefühl der Ewigkeit erwecken, die durch das Lattenwerk von Zeit und Raum hindurchscheint. Genau dafür ist das Ritual da – uns in Berührung zu bringen mit der Erfahrung der Ewigkeit, der Erfahrung des Heiligen.

Also saß ich in einer Bank hinten in der Kirche und beobachtete, wie die Menschen die Kommunion nahmen. Beim Lesen der Mystiker, die so eloquent über ihre eigenen tief gehenden Erfahrungen schrieben, hatte ich das innige Gefühl der Verbundenheit gehabt, als ob ich mich durch die Jahrhunderte hindurch mit der lebendigen Gegenwart eines anderen Menschen verband. Deshalb hatte ich die unbewusste Erwartung, ich würde beim Betreten der Kirche und der Teilnahme an der Messe dasselbe empfinden. Aber als der Priester mit seiner Predigt begann, war ich zutiefst enttäuscht. Er sprach über Abtreibung und darüber, wie Familien sein sollten, über intime Fragen der Sexualität und wie man sein Leben führen sollte, und während er sprach, hatte ich das Gefühl, dass er die Präsenz, die durch das Ritual der Kommunion entstanden war, auf den Boden geworfen hatte und auf ihr herumtrampelte. Mein Eindruck war, dass er die christliche Botschaft völlig überging. Er interessierte sich mehr dafür, das persönliche Verhalten der Menschen zu steuern und gewisse politische Überzeugungen zu äußern, als für seine Aufgabe als Priester, nämlich uns für das Mysterium zu öffnen und die transzendente Präsenz zu enthüllen, die in der Jesus-Geschichte enthalten ist.

Während ich dem Priester zuhörte, verschwanden die Präsenz und das Mysterium aus dem Raum, und alles kehrte zurück in die relative Welt. In dem Moment erkannte ich: »Also gut, ich schätze, der Weg des Christentums wird nicht mein Weg sein.« Ich suchte etwas wirklich Tiefes und konnte es bei den frühen Mystikern finden, aber ich fand es nicht in einer modernen Kirche. Aber auch wenn ich wusste, dass das Christentum nicht mein gewählter Weg sein würde, war mir klar, dass die Geschichte von Jesus und die Überlieferung des Christentums weiterhin ein wichtiger Teil meiner spirituellen Entwicklung sein würden. Meine Zen-Meditation hatte mich an einen bestimmten Punkt geführt, aber ich brauchte die Entfaltung des spirituellen Herzens, um weitergehen zu können und nicht stecken zu bleiben. Die christliche Überlieferung hat meinen gesamten spirituellen Weg beseelt, und in gewisser Weise beseelt sie mein ganzes Leben.